einen schweren Pflug. Dort schleifte ein dicker Gaul eine Egge über ein
knolliges Beet. Hier streute ein Landmann Korn auf einen wohlgedüngten
Acker. Dort trieb ein Hirte eine wollige Heerde auf ein grasreiches
Stoppelfeld.
So entwickelte sich von einer Viertelstunde zur andern ein immer
regeres Leben, bis endlich der helle Tag die Menschen und die Thiere in
voller Thätigkeit sah.
26. Ehre dem Tapferen.
(Declination der Artikel.)
+Der+ Kasernenhof +des+ vierten Reiterregiments war +der+ Schauplatz
+einer+ großen Festlichkeit. +Der+ Commandant +des+ Reiterregiments
übergab nämlich +dem+ Wachtmeister +der+ dritten Schwadron das
eiserne Kreuz erster Klasse. Dieser brave Mann hatte dem Feinde vor
dem Festungswalle eine Fahne entrissen. Die vielen Wundennarben des
Tapferen zeigten noch von dem harten Kampfe um den Siegespreis. Die
Stirn des Wachtmeisters war von einer feindlichen Kugel gestreift; an
der Hand sah man einen Bajonettstich; in dem rechten Arme saß zur Zeit
noch eine Kugel, die noch einen bedeutenden Schmerz verursachte.
Der Kasernenhof des Regiments war zu dieser Festlichkeit mit dem
Laubwerke der Eiche geschmückt. An den Fenstern hingen Kränze. Ueber
dem Haupteingange prangten des Königs Namenszug und das Wappen des
Landes. Den Namenszug umflatterten eine Menge Fahnen. Vor dem Thorwege
stand eine Art Ehrenpforte, deren Säulen bunte Blumenranken umspannen.
Auf einem hohen Plumpenhäuschen, dem man ebenfalls ein festliches
Gewand angelegt hatte, prangte die Fahne des Korps und wehte dem Helden
ihre Grüße zu.
Das Musikchor spielte vor der Uebergabe der Auszeichnung den neuesten
Sturmmarsch der Infanterie und nach der Feier einen Choral. Die Rede
des Commandanten rühmte an dem Wachtmeister den großen Muth, die
ausgezeichnete Tapferkeit und das treue Soldatenherz.
Der weite Kreis der Kameraden gönnte dem Braven den wohlverdienten
Lohn. Eine solche Auszeichnung eines solchen Braven gab sogar einem
Offiziere Veranlassung, bei Tische einen Toast auf ein so echtes
Soldatenherz, wie der Wachtmeister besäße, auszubringen.
27. Die Rettung.
(Desgleichen.)
An dem Ufer eines Flusses spielten die Kinder eines armen Webers aus
dem nahen Städtchen D. Sie ließen zuerst den Drachen steigen, den der
ältere Knabe aus den Blättern des alten Hauskalenders gefertigt hatte.
An dem Kopfe des Drachen sah man ein Gesicht mit einem schwarzen Barte.
An dem Schwanzende flatterte ein Büschel bunter Federn. Da der Wind
dem Spiele nicht günstig war und den Drachen nicht tragen wollte,
schritten die Kinder zu einer anderen Unterhaltung. Sie suchten an
dem Ufer des Flusses Muschelschalen und bunte Steine. Mit den Steinen
wollten sie dann nach einem Stabe werfen, auf den sie einen alten Topf
gestürzt hatten. Allein bei dem Suchen der Steine und der Muscheln
glitt der kleine Paul von dem Ufer aus und fiel in den Fluß.
Sicher hätte das Kind des armen Webers den Tod in den Wellen gefunden,
wäre nicht in dem nächsten Augenblicke ein Retter erschienen. Den Fluß
daher kam nämlich der Diener eines Barons mit dem Pudel des Herrn.
„Karo, ~apporte~!“ rief der Diener dem Pudel zu und zeigte auf die
Wellen und den mit dem Tode ringenden Knaben.
Das Thier stürzte sich sogleich in das Wasser, schwamm dem Kinde nach,
packte es an den Kleidern und zog es glücklich dem Ufer und den übrigen
Kindern zu. Welch eine Freude unter den Geschwistern! Sie küßten dem
Diener aus Dankbarkeit die Hand und hätten am liebsten auch den Pudel
geküßt.
Der kleine, ganz durchnäßte Knabe wurde nun sogleich der heimathlichen
Hütte zugeführt, dort entkleidet, in ein wollenes Tuch eingeschlagen
und in das Bette gebracht, in dem er sich noch im Laufe des Tages von
seinem Schrecken wieder ganz erholte.
28. Mißgunst.
(Wiederholung.)
Ein Spitz und eine Katze zankten sich um ein Stück Fleisch. Der Spitz
hielt es mit den Pfoten und die Katze mit dem Gebiß. Das Fleisch war
gebraten und roch der Katze vortrefflich. Eben so sehr stach es dem
Hunde in die Augen. Des Hundes Kraft war indeß stärker als das Gebiß
der Katze und darüber ärgerte sich die letztere. Sie wehrte sich mit
einer wahren Verzweiflung, denn sie wollte den Hund nicht Sieger sein
lassen.
Eine Viertelstunde wol mochte der Kampf gewährt haben. Ein Pudel hatte
schon eine geraume Zeit von einer kleinen Entfernung aus dem Kampfe
zugesehen. Ein Entschluß war längst bei ihm gefaßt. Die Beute sollte
ein Frühstück für ihn werden. Das Kampfspiel aber schien ihm eine
gewisse Unterhaltung zu gewähren.
Jetzt indeß, nach Ablauf von etwa einer halben Viertelstunde, harrte er
nur noch eines günstigen Augenblickes.
Die Augen der Katze leuchteten immer feuriger. Der Kamm des Spitzes
schwoll immer höher. Da plötzlich sprang der schlaue Pudel dazwischen.
Ein Ruck, ein Schluck und das Fleisch war verschwunden.
Einen Moment standen der Spitz und die Katze wie verblüfft. Bald aber
zogen beide mit einem grimmigen Blicke auf den Räuber ab. Beide sahen
jetzt ein, daß, da sie nur ein Stück Fleisch gehabt hatten, sie besser
gethan hätten, eine friedliche Theilung vorzunehmen.
Das Zahlwort.
29. Der Würfel.
(Bestimmte Zahlwörter.)
Der Würfel ist ein ganz regelmäßiger Körper. Er hat +sechs+ gleichgroße
Flächen und +zwölf+ gleichlange Kanten. Die Flächen enthalten
+vierundzwanzig+ rechte Winkel und bilden acht gleiche Ecken. Und
hätten wir hundert oder auch tausend, ja eine Million verschiedene
Würfel vor uns, wir würden an jedem ganz dieselben Verhältnisse
entdecken.
Die Würfel, welche zum Spielen bestimmt sind, hat man auf jeder Seite
mit Punkten versehen. Wir erblicken da einen Punkt, zwei, drei, vier,
fünf und sechs Punkte. Man spielt mit zwei, drei, sechs, acht, auch
zehn Würfeln und zählt dann diejenigen Punkte zusammen, welche die
obenauf liegenden Seiten zeigen. So kann man bei zwei Würfeln zwölf,
bei drei achtzehn, bei fünf dreißig, bei zehn sogar sechzig Punkte
oder Augen gewürfelt haben. Die niedrigste Zahl würden bei zehn Würfeln
zehn Punkte sein.
Das Spiel mit Würfeln ist nicht nur unterhaltend, sondern auch
nützlich, indem man dabei eine Uebung im schnellen Zusammenzählen hat.
30. Ordnung.
(Ordnungszahlen.)
Der Lehrer Weizner hatte in seiner Klasse eine musterhafte Ordnung.
Vom +ersten+ bis zum +letzten+ Schüler wußte jeder stets, was er zu
thun hatte. Jeder Bankoberste hatte sein besonderes Aemtchen. So
mußte z. B. der zweite Bankoberste die Schreibebücher, der dritte die
Federn, der vierte die Rechenhefte, der fünfte die Bibeln austheilen.
Der achte mußte für Reinlichkeit, der elfte für Lüftung des Zimmers
sorgen. Dem zwölften lag das Abwischen der schwarzen Tafel ob. Kam
der fünfundzwanzigste Tag des Monats, mußte der zehnte Bankoberste
alle Censurbücher gesammelt haben. Diese aber durfte er nicht anders
als wohlgeordnet übergeben. Es durfte z. B. das Censurbuch des
fünfunddreißigsten Schülers nicht vor dem des vierunddreißigsten liegen.
Die Schreibefedern wurden auf ein Bret gesteckt. Jede trug eine Nummer
am Halter. Auch auf diesem Federbehälter mußte Ordnung herrschen. Neben
der vierzehnten Feder mußte die fünfzehnte, neben der vierzigsten die
einundvierzigste stecken, sodaß beim Austheilen kein Irrthum entstehen
konnte und z. B. der neunzehnte Schüler auch die neunzehnte Feder bekam.
Dieselbe eiserne Ordnung herrschte auch in Bezug auf die häuslichen
Arbeiten. Jeden 15. oder 16. des Monats mußten die Aufsätze, jeden 10.,
20. und 28. die Rechenbücher, jeden 12. und 24. die Geographiehefte
eingegeben werden. In der 2. Stunde jedes 3. Wochentages wurden die
gelernten Sprüche und Verse überhört.
So wohlgeordnet ging es fort Jahr aus, Jahr ein, vom 1. bis zum 365.
Tage. „Und hätte ich es Euch schon zum tausendsten Male gesagt“,
begann eines Tages der Lehrer, „muß ich es Euch doch immer wieder in
Erinnerung bringen, daß es Euch äußerst heilsam ist, wenn Ihr Euch
schon in Eurem ersten Schuljahre an strenge Ordnung gewöhnt. Ihr
könnt es darin bis zu Eurem achten, also bis zu Eurem vierzehnten
Lebensjahre, weit bringen. Und ich bin gewiß, Ihr werdet es in Eurem
60., 70. oder 80. meiner Strenge in diesem Punkte noch Dank wissen.“
31. Christbescheerung.
(Das unbestimmte Zahlwort.)
Es war kurz vor Weihnachten, als sich die Schüler einer Klasse
vereinigten, einer armen Familie eine kleine Festfreude zu bereiten.
+Alle+ versprachen, irgend eine Gabe dazu mitzubringen. +Mehrere+
Knaben, und darunter der Klassenoberste, wurden beauftragt, die
Gaben in Empfang zu nehmen. Schon nach wenig Tagen ging das Sammeln
sehr lebhaft. Einige Schüler brachten Kartoffeln, viele ganze Brode
herbei. Etliche lieferten Stollen, manche Pfefferkuchen und Nüsse.
Mehrere brachten abgesetzte Kleidungsstücke, die aber größtentheils
noch sehr brauchbar waren. Einzelne schenkten Bücher und Bilder. Eine
Anzahl hatte es auf Bleistifte, Federn und Schiefer abgesehen. Fast
jeder spendete zudem einige Aepfel und Nüsse. Gab jeder auch nur
wenige, wurde doch schließlich eine Unzahl daraus. Keiner auch hatte
verabsäumt, in seine Sparbüchse zu greifen, um auch etwas klingende
Münze beizulegen. Die meisten dieser Geldstücke bestanden in Groschen
und Fünfgroschenstücken.
Daß die Geschenke so massenhaft eingehen würden, hatte sich keiner
gedacht. Sämmtliche Schüler waren daher höchst erfreut, als sie am
heiligen Abende in ihrer Schulstube die fast unzähligen Geschenke
ausbreiten und ordnen konnten.
Unbeschreiblich glücklich aber war die arme Familie mit ihren
zahlreichen Kindern, die alle diese Geschenke bescheert erhielt. Sie
hatte jetzt nur allein an Lebensmitteln mehr, als sie in geraumen
Wochen verzehren konnte. Wiederholt dankten die Armen warm und herzlich
und mehrmals traten ihnen die Thränen in die Augen. Die Schaar der
kleinen Wohlthäter aber feierte nun das Weihnachtsfest noch einmal so
vergnügt.
32. Die Feuersbrunst.
(Zahlwörter zu Hauptwörtern erhoben.)
Es war der +Letzte+ im Monat December, als in einem Dorfe, in welchem
schon den +Vierundzwanzigsten+ vorher ein Bauergut abbrannte, abermals
Feuer ausbrach. Der Nachtwächter war der Erste, der es bemerkte und
Lärm machte. Ein großes Haus, das dritte westlich von der Kirche,
stand in hellen Flammen. Fürchterlich klang das Geschrei der armen
Thiere, die noch in dem Stalle staken und nicht herauskonnten. Von den
Hunderten, die zur Hilfe herbeigeeilt waren, wagte Keiner die rettende
That und wenn man ihnen Tausende geboten hätte.
Da kamen zwei Wanderburschen des Weges daher. Diese Zwei, als sie das
Gestöhne der Thiere vernahmen, entschlossen sich sofort, das Möglichste
zur Rettung zu versuchen. Schleunigst warf jeder sein Bündel ab und
gleich darauf sah man die kühnen Zwei auf allen Vieren zur Thür des
brennenden Hauses hineinkriechen. Schon nach fünf Minuten waren die
Thiere gerettet. „Wer sind diese Beiden?“ fragte man links und rechts.
Es erfuhr indeß Niemand, wie sie hießen und wo sie her waren. Von Allen
bewundert zogen die beiden Wanderburschen bald darauf ihres Weges
weiter.
33. In der Strafanstalt.
(Biegung des Zahlwortes.)
Der Hauptmann von Lothardt war Direktor einer Strafanstalt. Er aber
war durchaus kein Tyrann. +Keinem+ seiner Sträflinge machte er das
Leben absichtlich schwer. +Jedes einzelnen+ Wohl lag ihm am Herzen.
Was +Andere+ in gleicher Stellung mit unzähligen Flüchen zu erreichen
suchten, erreichte er mit +wenigen+, aber ernst mahnenden Worten.
Jeden Sonntag nach der Frühkirche mußten sich sämmtliche Sträflinge,
die unter seiner Aufsicht standen, aufstellen und dann hatte er allen
und jedem etwas zu sagen. Den ersten, dritten und vierten erinnerte er
vielleicht, mehr auf Reinlichkeit zu halten. Zweien, dreien oder vieren
hielt er vielleicht ihr trotziges Wesen vor und dergleichen. Bei dieser
Gelegenheit theilte er sämmtlichen Züchtlingen Einiges mit, was sich im
Verlaufe einiger Tage oder der letzten Wochen in der Welt zugetragen
habe. Manchem erzählte er, was er über dessen Familie daheim erfahren,
wobei nicht selten in vieler Augen Thränen sichtbar wurden. Auch nahm
er zu gleicher Zeit Wünsche und Bitten in Empfang, worunter etliche
allerdings oft sehr sonderbarer Natur waren.
Die jedesmaligen Bitten etlicher, heute einen Brief nach Hause
schreiben zu dürfen, gewährte er gewöhnlich, obgleich ihm das
Durchlesen sämmtlicher Briefe nicht leicht wurde.
Auf diese Weise erwarb sich der Direktor Aller Herzen und den meisten
Sträflingen gingen beim endlichen Abschiede von demselben die Augen
über. Vieler Gemüther erfüllte aufrichtige Dankbarkeit gegen den
väterlichen Freund. Und mißbrauchten auch einige diese Güte, blieb er
sich um zweier oder dreier willen in seinem Verhalten gleich. Er sagte
oft: „Um Weniger halber sollen nicht Alle leiden.“
34. Im Kriege.
(Wiederholung des Zahlwortes.)
Es war den 5. September 1813, des Morgens gegen sechs Uhr. Fünfhundert
Mann preußische Infanterie nebst drei Kanonen und etlichen Reitern
nahmen Stellung gegen ein Dorf. Das Dorf bestand aus mehreren großen
Gütern, einigen kleineren Gehöften und vielen zerstreut liegenden
Hütten. Der Feind darin zählte gegen achthundert Mann nebst sieben
Geschützen, die aber nur wenig Leute zur Bedienung hatten.
Der Angriff erfolgte nicht blos von einer, sondern von mehreren Seiten.
Kaum aber waren zwanzig Kanonenschüsse gefallen, begann auch schon der
Sturm von Seiten der Preußen. Hierbei zeichneten sich einzelne Soldaten
ganz besonders aus. Das war ein Laufen! Jeder wollte der Erste im Dorfe
sein und Keiner für einen Feigling gelten.
Bald standen sämmtliche Gebäude in Flammen. Nach fünfzehn Minuten war
der Kampf entschieden. Die meisten Feinde flohen, viele wurden gefangen
und gegen einhundertundfünfzig Mann bedeckten die Kampfplätze.
Von den Preußen waren nur wenige gefallen, wohl aber hatte
durchschnittlich der zehnte Mann eine Verwundung erhalten.
Das Fürwort.
35. Ein Brief.
(Persönliche Fürwörter.)
Lieber Robert!
+Du+ wünschtest, so viel +ich+ gehört habe, ein Kaninchen von meinem
Bruder zu besitzen. +Ich+ kann +Dir+ nun mittheilen, daß +er+ gern
bereit ist, +Dir+ ein solches Thierchen zu schenken. Du sollst nur
kommen und Dir eins aussuchen, dann wird er Dir es schicken.
Wir würden uns freuen, wenn Du heute schon kämst und auch den Emil
Kappler mitbrächtest. Wir würden dann mit Euch einen Spaziergang
unternehmen und Euch in den nahen Wald führen, woselbst sehr viel
Heidelbeeren stehen, die Ihr gewiß alle gern eßt. Sie schmecken dies
Jahr ganz besonders süß. Wolltet Ihr das nicht, könnten wir auch mit
Euch zu Pastors Kindern gehen. Sie haben sehr viel Bilderbücher und
Spielzeug. Sie besitzen auch eine kleine Kegelbahn, auf der wir sehr
viel Vergnügen finden würden.
In der Hoffnung, daß Du vielleicht heute noch mit Deinem Bruder und dem
Emil kommen wirst, und mit dem Versprechen, daß wir Euch so gut als
möglich unterhalten werden, grüßt Dich
Dein
Gustav Pernitz.
36. Schönheit bringt Gefahr.
(Besitz anzeigende Fürwörter.)
In einem Walde standen ein junger Tannenbaum und eine junge Fichte
dicht neben einander. Beide stritten sich um +ihre+ gegenseitigen
Vorzüge. Das Tannenbäumchen sagte: „+Mein+ Wuchs ist viel schlanker als
+deiner+. +Meine+ Aeste stehen weit regelmäßiger als die +deinigen+.
Die Farbe meiner Nadeln ist schön dunkelgrün und glänzend; die
Rückseite derselben ist sogar in Silber getaucht. Dein Kleid dagegen
macht gar kein Aufsehen, denn seine Farbe ist einfach und matt.
Ueberhaupt hat unser Geschlecht etwas Nobles, während eure ganze
Sippschaft ein gewöhnliches Aussehen bietet.“
Die junge Fichte vertheidigte sich zwar, aber ihre Worte waren nicht
so bitter. „Meine Gestalt und mein Gewand“, sagte sie, „sind nicht
minder schön als dein Wuchs und dein Kleid. Unsere Aeste stehen
dichter als eure und deshalb sind wir bei den kleinen Singvögeln
beliebter. Ihre Lieder ertönen hell aus unsern Gipfeln und manches
Vögelpärchen vertraut die Wiege seiner Kinder lieber unsern Zweigen
an als den eurigen. Und wäre es wirklich wahr, daß dein Aeußeres das
meinige an Reizen überträfe, so sei auf deiner Hut, daß dieser Vorzug
nicht dein Unglück werde. Die Menschen sind schlimm und ihre scharfen
Augen trachten oft nach dem Besten. Euer Geschlecht hat das schon oft
empfinden müssen.“
Das Fichtenbäumchen hatte wahr gesprochen. Als Weihnachten kam, trat
ein Bauer mit seinem Knechte herbei und sprach zu letzterem: „Nimm
Dein Beil und haue mir dieses Tannenbäumchen ab. Seine Gestalt gefällt
mir. Es soll meinen Kindern zum Christbaume werden und auf ihrem
Weihnachtstische stehen.“
So wurde das Tannenbäumchen um seines schönen Aussehens willen
frühzeitig gefällt, während die junge Fichte in ihrer einfachen
Erscheinung unangetastet blieb und großwachsen konnte.
37. Die Natur.
(Bezügliche Fürwörter.)
Der Mensch, +welcher+ die Natur aufmerksam betrachtet und die Wunder,
+die+ in +ihr+ vorgehen, beobachtet, wird viel Gewinn für sein Herz,
+das+ ja für alles Schöne gern empfänglich ist, davon haben. Nicht
blos der Sturm, der Bäume entwurzelt, sondern auch das Säuseln, das
lind durch die Blätter zieht; nicht blos die Gletscher, die mit ihren
Silberhäuptern über die Wolken emporragen, sondern auch das Sandkorn,
welches von der leichten Welle des Waldbaches dahingespült wird;
nicht blos die riesige Eiche, welche mit ihren markigen Armen einen
weiten Luftkreis umspannt, sondern auch das Gänseblümchen, welches in
schmucker Einfachheit zu unsern Füßen blüht, predigt uns die Allmacht
Gottes.
Der zarte Staubfaden, der im Innern der kleinsten Blume sitzt; das
haarfeine Fühlhorn, das wir auf dem Kopfe der Mücke entdecken; die
strahlende Thauperle, die des Morgens am Grashalme zittert: sie alle
zeugen von der Weisheit des Schöpfers.
Sieh den Sperling, welcher selbst im strengsten Winter auf der Straße
sein Futter findet; die Raupe, welche an der saftigen Wolfsmilch
nagt; das Käferlein, welches aus einem Blumenkelche trinkt: und
Dein Vertrauen zu dem gütigen Schöpfer, der für alle Wesen, die er
geschaffen, väterlich sorgt, wird sich wunderbar stärken.
So gleicht die ganze Natur einem großen Buche, das auf jedem Blatte
Nahrung für Dein Herz bietet.
38. Aberglaube.
(Hinweisende Fürwörter.)
Die Bäuerin Zuckerriedel zeigte sich ungemein abergläubisch. Sie war
+dieselbe+, welche eines Tages ein armes Bettelweib mit dem Stallbesen
forttrieb, weil sie glaubte, +dasselbe+ sei eine Zauberin. Sie war
auch +diejenige+, welche sich allemal bekreuzte, so oft sie über einen
Kreuzweg ging. Alles dasjenige, was in ihrem Kuhstalle vor sich ging,
brachte sie mit dem Einflusse guter oder böser Geister in Verbindung.
Denjenigen Fremden, der über ihre Schwelle trat, beobachtete sie mit
mißtrauischen Augen und bald stand Dieser und Jener, der etwa einen
Blick nach der Stallthüre geworfen hatte, bei ihr in üblem Verdachte.
Ganz anders war ihr Nachbar, der Bauer Menzel. Derselbe, welcher
allerdings die nöthige Schulbildung genossen hatte, erklärte frei und
öffentlich: „Alles Dasjenige, was nach Aberglauben riecht, ist eine
Lächerlichkeit.“
Ganz Dasselbe sagte er auch zu seiner Nachbarin. Diese aber entgegnete
ihm: „Derjenige, der mir so etwas sagen kann, sollte nur meine selige
Großmutter gehört haben. Diese, welche sonst nicht eben leichtgläubig
war, hat mir wiederholt erzählt, wie derselbe dreibeinige Hase, welcher
noch heute zuweilen unser Gut umkreist, früher nachts in der zwölften
Stunde vor der Stallthür gewesen ist und dieselbe angeniest hat.“
„Nun so hört, was ich jetzt sage“, erwiderte Menzel. „Ich verspreche
Demjenigen, der mir meine Ochsen, und Derjenigen, die mir meine Kühe
behext, je zehn Thaler. Und dasjenige meiner Kinder, das von irgend
Jemand beschrieen wird, soll diesem, bis dasselbe zwanzig Jahre alt
ist, jedes Jahr einen Scheffel Weizen überbringen helfen. Das sage ich
Euch und ganz Dasselbe will ich auch im ganzen Dorfe bekannt machen.“
Die Bauerfrau erschrack beinahe über diese Tollkühnheit. Aber obgleich
sich Niemand fand, der sich jenen Preis verdiente, wurde sie von ihrem
Aberglauben doch nicht geheilt.
39. Räthselfragen.
(Fragende Fürwörter.)
„Heute will ich einmal eine kleine schriftliche Wiederholung mit Euch
vornehmen“, sagte ein Lehrer eines Tages zu seinen Schülern. „Ich werde
indeß meine Fragen so stellen, daß sie wie eine Art Räthsel klingen.
Schreibt also folgende Fragen auf und die Antworten dahinter:
+Wer+ hat das höchste Lebensalter erreicht? -- +Welche+ Spinne
halten viele Leute fälschlich für giftig? -- +Welcher+ Kaiser starb
auf der Insel St.-Helena? -- Welches Thier frißt zuweilen seine
Jungen? -- Welchen Menschen nennt man einen Narren? -- Welchem Volke
gehörte zuerst Paulus an? -- Was ließ Pilatus über das Kreuz Jesu
schreiben? -- Was für eine Art Bienen hat keinen Stachel? -- Was für
ein Insekt vermehrt sich am zahlreichsten? -- Wessen Beruf ist mit
viel Lebensgefahr verknüpft? -- Welcher Blume zollt man das Lob der
Bescheidenheit? -- Wem verdanken wir die Entdeckung Amerikas? -- Wen
schlug das deutsche Heer bei Sedan? -- Welche Rose trägt keine Dornen?“
Die Schüler beantworteten diese Fragen und fast alle hatten die
richtige Lösung gefunden.
40. Eine schreckliche Zeit.
(Unbestimmte Fürwörter.)
Noch im vorigen Jahrhunderte glaubte +man+, daß +Jeder+, der
rothe, entzündete Augen habe, mit bösen Geistern in Verbindung
stehe. Jedermann erkannte es darum auch für Recht, daß solche
Menschen beseitigt würden. Man verbrannte sie daher öffentlich auf
Scheiterhaufen. Niemand hatte Mitleid mit einem solchen unglücklichen
Opfer. Ja, ließ irgend Jemand merken, daß er Bedauern fühle, kam er in
Gefahr, für einen gehalten zu werden, der mit dem Bösen auch etwas zu
thun habe. Wurde eine oder einer von diesen armen krankäugigen Menschen
verbrannt, so veranlaßte dies sogar eine Art Volksfest. Man hörte wol
gar, wie der und jener jubelte, wenn die Flammen über dem Unschuldigen
zusammenschlugen. Schließlich wurde die Asche des Verbrannten in alle
Winde zerstreut, damit nichts mehr an ihn erinnere.
Gewiß dankt ein Jeder und eine Jede unter uns Gott, daß die Zeiten, da
so etwas geschehen konnte, vorüber sind.
41. Ein Brief.
(Wiederholung der Fürwörter.)
Lieber Freund!
Deinen letzten Brief habe ich drei Tage später erhalten, als Du ihn
geschrieben hast. Er ist bei meiner Tante liegen geblieben. Sie hatte
denselben aus Versehen mit in ihre Papiere verpackt.
Dein Portrait, welches Du mir in dem Briefe beigelegt hast, gefällt
mir und meinen Geschwistern sehr. Es ist ganz Dein Ebenbild. Dieser
und jener, dem wir es zeigten, meinte freilich, es läge etwas in den
Zügen, was man bei Dir nicht fände. Unser Papa aber sagte, das sei der
Ernst, welcher sich fast auf allen Photographien ausgeprägt finde, und
es werde Niemand ein besseres Bild von Dir und insbesondere von Deinen
Gesichtszügen herstellen können.
Wer hat Dich denn eigentlich photographirt und was kostet das Dutzend
solche Bilder? Du würdest mich sehr verbinden, wenn Du mir das in
Deinem nächsten Briefe mittheiltest. So viel ich weiß, hat, außer uns,
dies und jenes in unserer Familie die Absicht, sich auch portraitiren
zu lassen. Es wird überhaupt dem und jenem unserer Bekannten lieb sein,
zu erfahren, wer sich bei Euch in der Stadt als der beste Photograph
bewährt.
Nimm für jenes Geschenk meinen besten Dank! Ich werde dasselbe stets
hoch in Ehren halten, es einrahmen lassen und über meinen Arbeitstisch
hängen.
Wie schon gesagt, werden wir uns auch photographiren lassen. Sobald
diese Bilder fertig sind, sollen sie in Euer Album wandern. Es wird sie
Dir Jemand überbringen, der sich nennt
Deinen treuen Freund
Rudolph Melzer.
Das Zeitwort.
42. Auf dem Lande.
(Bezügliche Zeitwörter.)
Theodor +bewohnte+ mit seinen Eltern eine Villa in der Stadt. Er
+zählte+ etwa zwölf Jahre. Ihm +gefiel+ das Leben in der Stadt
außerordentlich. Das Leben auf dem Lande +kannte+ er gar nicht, denn er
hatte noch nie ein Dorf +besucht+.