oft. Das Großartige und Erhebende des Sternenhimmels erfüllte sie
mit frommem Staunen. Nicht minder freute sie sich über das Niedliche
und Zierliche der kleinen Blumen. Deshalb liebte sie auch das Freie,
namentlich in seiner Morgenfrische. Das liebliche Grün und die traute
Stille des Waldes machten ihr denselben zu einem Lieblingsaufenthalte.
So blieb ihr ganzes Denken und Fühlen auf das Edle gerichtet und
deshalb schlug das Fromme und Gottesfürchtige immer tiefere Wurzel in
ihrem Gemüthe.
Dieses fromme Empfinden erkannte man auch aus allen ihren stilistischen
Arbeiten, in denen sie ebenfalls Vorzügliches leistete. Darin standen
kein Und und kein Aber am falschen Platze und kein Satz enthielt irgend
etwas Unrichtiges oder Ueberflüssiges.
Kurz, Mathilde war und blieb die Beste und Ausgezeichnetste ihrer
Schule und dieses Brave und Gediegene bewahrte sie sich zu ihrem Glücke
ihr Lebelang.
13. Belohnter Gehorsam.
(Wiederholung der Hauptwörter.)
Im lieben Sachsenlande liegt dicht an der Grenze von Böhmen ein
Dörfchen mit Namen Wernsgrün. Am Ende desselben stand ein Hüttlein mit
Strohdach und winzig kleinen Fenstern. Durch die schmalen, bleichen
Scheiben konnte kaum ein Sonnenstrahl hindurchdringen.
In dieser Hütte wohnte der alte Kilian mit seinen beiden Kindern. Die
Kinder hießen August und Ernst. August zählte sieben Lebensjahre, Ernst
dagegen hatte zehn Sommer hinter sich. Ihre Kleidung bestand in Kitteln
aus grober Leinwand.
Eines Tages saßen beide Brüder vor der Thür und spielten mit Sand,
einigen Stäbchen Holz und drei Soldaten aus Zinn. Bald aber hatte Ernst
das Spielen satt und sagte zu seinem Bruder: „Komm, laß uns ins Grüne
gehen. Dort werden wir mehr Vergnügen finden.“
Der Jüngere gab seine Zustimmung. Kaum aber hatten sie am grünen Ufer
des Wiesenbaches ihren Zeitvertreib begonnen, rief sie der Vater in das
Haus zurück. Sie sollten jetzt wieder an ihre Arbeit gehen und Stroh
flechten.
Die Knaben machten wahre Essiggesichter, denn das Haschen und
Verstecken war ihnen natürlich lieber als das Stillsitzen und Arbeiten.
Aber sie zeigten ohne Murren Gehorsam. Und ihre Folgsamkeit sollte noch
dieselbe Stunde Belohnung finden.
Nach etwa zehn Minuten fiel draußen, in ziemlicher Nähe, ein Schuß. Vor
Schreck fuhren die Kinder zusammen. Sie und ihr Vater und ihre Mutter
eilten zur Hausthür. Und was erblickten ihre Augen? An der Stelle, wo
die Knaben vor kurzer Zeit noch -- kaum vor Ablauf von zehn Minuten --
ohne alle Besorgniß allerlei Spiele gespielt hatten, hatte soeben ein
Jäger, dicht an einem Erlenbaume, einen tollen Hund erschossen.
Wie freute sich nun das Geschwisterpaar ob seiner Folgsamkeit!
Eigenschaftswörter.
14. Formen der Pflanzenwelt.
Welch verschiedene Formen und Farben gibt es doch in der Pflanzenwelt!
Da steht die Pappel, hoch und +schlank+; nicht weit davon ein
+tausendjähriger+ Eichbaum, +niedrig+ zwar, aber +stark+ und +knorrig+.
Seine Aeste sind vielfach gekrümmt und gebogen, seine Wurzeln dick und
runzlig. Seine Rinde ist fest, aber zerklüftet und zerrissen. Hier
steigt eine Tanne schlank in die Luft empor. Ihr Stamm ist schnurgerade
und ebenmäßig, unten stark, nach oben zu dünn und zuletzt ganz spitz.
An ihrem Fuße wuchert eine Birke empor. Sie ist jung und kräftig, ihre
Krone dicht belaubt, ihre Schale blendend weiß, wie Silber.
Wie unterschiedlich sind selbst die Stengel der kleinsten Pflanzen! Der
eine ist rund, der andere drei- oder vierkantig; der eine glatt, der
andere behaart oder klebrig; der eine markig, ein anderer fleischig
oder holzig. Einige sind hohl, andere voll; einige gegliedert, andere
gedreht oder geschlängelt. Der eine Stengel ist steif, unbiegsam und
spröde, ein anderer beweglich, weich und elastisch.
Betrachten wir nun erst die verschiedenen Blattformen. Da gibt es
ovale, runde, herzförmige, schmale, breite, glattrandige, gezahnte,
gezackte, getheilte, gefiederte u. s. w. Noch weit mehr verschiedene
Formen aber zeigen uns die Blätter der Blumenkronen. Unter ihnen finden
sich röhren-, trichter-, lippen-, rachen-, keilförmige u. dergl. Und
wie überaus zart und reizend sind diese buntfarbigen Blumentheile! Wer
auf alle diese Abwechselungen in der Pflanzenwelt genau achtet, muß
eitel Lust haben an den Werken des Herrn.
15. Der Frühling.
(Abstrakte Eigenschaftswörter.)
+Fröhlich+ ist das Herz, wenn der +liebliche+ Frühling naht! Der Winter
war +kalt+ und +rauh+, jetzt wird die Luft +lau+ und +angenehm+,
zuweilen gar schon warm. Im Winter war es still und öde auf den Fluren;
die Wälder erschienen todt, die Bächlein erstarrt. Jetzt werden die
Haine lebendig, die Bächlein wieder wach und munter. Die Felder lagen
kahl, jetzt sehen wir sie grün. Die Wiesen stehen geschmückt, wie mit
einem bunten Blumenteppiche. Die eine Blume sieht roth, die andere
weiß, die dritte gelb oder blau aus. Die Vögel zeigen sich eifrig im
Gesange und emsig im Bau ihrer Nester. Wie ist der Schlag des Finken
so lustig, das Lied der Nachtigall so süß, der Morgenpsalm des Staares
so erhebend! Ein Herz, das fromm und rein, stimmt mit ein in die
Lobgesänge und preist den allmächtigen Schöpfer, der im Frühlinge recht
deutlich zeigt, wie weise und gütig er ist.
16. Der Geizhals.
(Zusammengesetzte Eigenschaftswörter.)
Andreas war ein +steinreicher+ Bauer, aber dabei +erzgeizig+. Für ihn
gab es in der +wunderreichen+ Gotteswelt kein +zaubervolleres+ Bild,
als ein +blitzblanker+ Thaler. Hielt er ein solches Geldstück in der
sonnverbrannten, hufbesetzten Hand, erschien sein Auge überglücklich,
ja glückselig. An ein Wiederausgeben eines solch werthvollen
Kopfstückes war bei ihm nicht zu denken. Es wanderte in einen alten,
aschgrauen, baumwollenen Strumpf, der im fast heckerklaren Strohe
seines baufälligen Bettes stak. War ein solcher Strumpf gefüllt,
versenkte er ihn in einen eisenbeschlagenen, diebesfest sein sollenden
Koffer, vor dem ein riesenhaftes Schloß lag. Dieser centnerschwere
Koffer stand unter seiner armseligen Lagerstatt. Ein doppelläufiges,
scharfgeladenes Gewehr bildete seine Sicherheitswache, sowohl am
sonnenhellen Tage, wie in tiefdunkler, grabesstiller Nacht.
Kein hilfsbedürftiger Freund erhielt von dem Geizhalse auch nur die
allerkleinste Unterstützung. Keinem Wanderburschen, und war er noch so
blutarm, reichte er einen Zehrpfennig. Das bleichwangige Bettelkind,
das kleinlaut an seine dickeichene Thür klopfte, rührte nicht im
mindesten sein liebeleeres Herz.
Er selbst führte ein wahrhaft jammervolles Leben. Sein Mittagsessen
bestand meist in graubraunem, fast steinharten Brode und dickschaligen
Kartoffeln, die er in wasserdünnen Schmalz tauchte. Ein Stück
wohlschmeckendes Fleisch war ihm zu theuer. Nie kam ein Glas wenn auch
nur dünngebrautes Bier oder gar ein Glas magenstärkender Wein auf
seinen Tisch. Thür und Thor seines alterthümlichen Gehöftes schloß er
regelmäßig mit Sonnenuntergang zu und ließ dann den alten, graubärtigen
Kettenhund los.
Von jetzt an durfte kein Mensch mehr eingelassen werden. Aus
übergroßer Besorgniß fürchtete er, es könne sich ein langfingeriger
Fremdling einschleichen und seinem herzinniglieben Hausgotte mit den
erzgespickten Strümpfen einen unliebsamen Besuch abstatten.
Trotz aller wohlberechneten Vorsicht aber hatte sich in einer
rabenschwarzen Nacht doch Einer eingefunden, der kaltblütig und
erbarmungslos den bedauernswerthen Geizhals von all seinen mühselig
errungenen Schätzen trennte. Dieser Unbarmherzige war der --
unerbittliche Tod.
17. Der wohlthätige Bettler.
(Das Eigenschaftswort vor dem Hauptworte.)
An einer +belebten Straßenecke+ saß ein +alter, blinder Bettelmann+.
Er hielt seinen +durchlöcherten Hut+ in der +welken, zitternden Hand+
und bat um eine +kleine Gabe+. Viele reiche Leute gingen an einem
einzigen lieben langen Tage vorüber und gewiß trugen die meisten
wohlgefüllte Börsen bei sich. Zeugte doch oft ihr kostbarer Anzug
von großer Wohlhabenheit. Man sah da Damen mit langen Schleppen,
seidenen Schärpen, sammtenen Mänteln, theuren Spitzen, beblumten
Hüten und feinen Handschuhen. Herren stolzirten dahin mit goldenen
Uhrketten, blitzenden Tuchnadeln, funkelnden Ringen und elfenbeinernen
Spazierstöckchen.
Nicht alle freilich trugen zu diesem äußern auch einen innern
Schmuck, ein theilnehmendes, mitleidiges Herz. Das bewiesen sie
dem hülfsbedürftigten Alten gegenüber. Mit kalten Blicken und
gleichgültigen Mienen gingen sie an ihm vorüber. Nur einzelne zeigten
aufrichtige Theilnahme, sprachen einzelne freundliche Worte mit dem
bedauernswerthen Bettler und legten dabei eine klingende Gabe in seinen
abgeschabten Hut.
Eines heitern Sommertages hörte der gutmüthige Alte eine weinerliche
Stimme in seiner nächsten Nähe. Die klagenden Töne kamen von einem
sechsjährigen, blassen Mädchen. „Was fehlt Dir, liebes Kind?“ fragte
der lauschende Bettler mit besorgter Stimme.
„Ach, mich hungert so sehr“, erwiderte das dürftig gekleidete Mädchen
mit wehmüthigem Ausdrucke. „Meine gute Mutter ist krank und hat kein
Brod mehr für mich.“
Diese Worte rührten den weichherzigen Greis. Schnell griff er in seinen
schwarzgrauen Hut, befühlte mit der dürren Hand die verschiedenen
Geldstücke und gab der hülfsbedürftigen Kleinen einen kupfernen
Fünfpfenniger. „Hier, armes Kind“, sagte er mit bewegten Lippen, „hast
Du eine kleine Gabe. Geh und kaufe Dir bei dem neuen Bäcker hier links
in der engen Gasse etwas für Deinen hungrigen Magen.“
Das überglückliche Mädchen dankte mit aufrichtigem Herzen, eilte die
schmale Gasse dahin und kaufte sich ein neugebackenes Dreierbrod. Die
übrigen zwei Pfennige aber nahm es seiner kranken Mutter mit nach Hause.
18. Ein Gewitter.
(Steigerung des Eigenschaftswortes.)
Es war ein heißer Julitag. Schon der Vormittag war +schwül+. Gegen den
Mittag hin wurde es immer +schwüler+. Am +schwülsten+ aber erschien die
Luft etwa um drei Uhr. Schon den Spaziergängern wurde es heiß; noch
heißer mußte es den Arbeitern auf den Bauen, am heißesten aber den
Landleuten auf dem Erntefelde werden. Das Thermometer, das schon immer
hohe Hitzegrade gezeigt hatte, stieg höher, bis es endlich nach Tische
den höchsten Grad erreicht hatte.
Da zeigte sich am Himmel eine schwarze Wolke, die sich aber mit jeder
Minute schwärzer färbte. Am schwärzesten erblickte man sie nach Osten
hin. Zu gleicher Zeit erhob sich auch ein ziemlich starker Wind.
Auch er wurde von Sekunde zu Sekunde stärker, bis er endlich, als er
am stärksten wüthete, die gewaltige Wolkenmasse in Bewegung setzte.
Schnell erhob sie sich. Zusehends schneller und schneller stieg sie
empor und überzog in ihrem schnellsten Fluge ein breites Thal, das nach
Süden hin immer breiter wurde und mit seinem letzten, breitesten Theile
an ein waldiges Gebirge stieß.
Düster lagen Berg und Thal. Noch düsterer erschien der riesige
Nadelwald. Am düstersten aber sah es in den menschlichen Wohnungen
aus. Feurige Blitze zuckten durch das Dunkel hindurch. Noch feuriger
erschienen dieselben, wenn sie die dunkelsten Wolkenschichten zum
Hintergrunde hatten. Am feurigsten jedoch kam ein solcher Blitz den
Landleuten vor, wenn er in einen nahen Teich oder einen noch nähern
Baum oder wohl gar in die nächste Hütte fuhr.
Heftig strömte jetzt auch der Regen herab. Immer heftiger schlugen die
gewaltigen Tropfen an die Fenster. Am heftigsten brauste gegen vier Uhr
die Wassermasse hernieder. Bald schossen kleine Bäche wild durch die
Felder dahin. Wilder noch stürzten die Waldgewässer die Abhänge herab;
am wildesten aber donnerte der angeschwollene Fluß das Thal entlang,
die stärksten Bäume entwurzelnd und die festesten Mauern durchbrechend,
ja sogar die kleineren Hütten mit fortreißend.
Da endlich hatte das Unwetter ausgetobt. Blitz und Donner wurden
schwach, der Regen noch schwächer. Endlich glichen die schwächsten
Blitze nur noch einem fernen Wetterleuchten. Entsetzlich sahen die
zerrissenen Felder aus. Noch entsetzlicher aber waren die Verheerungen
in den Dörfern jenes fruchtbarsten aller Thäler des Landes. Den
entsetzlichsten Eindruck indeß machte das Jammern und Wehklagen der
ärmeren Bewohner, von denen viele den größten Theil ihrer Habe verloren
hatten.
Gut waren die Leute weggekommen, deren Häuser weit vom Flusse lagen,
noch besser die, deren Hütten an den Berglehnen standen, und am besten
diejenigen, die auf dem Kamme des Höhenzuges wohnten. Sie hatten zwar
auch viel Schaden gehabt, die an den Berglehnen aber weit mehr und die
Thalbewohner den meisten.
19. Ein Begräbniß.
(Eigenschaftswörter ohne Steigerung.)
Die +ehernen+ Zungen der Kirchenglocken schwiegen. Der Leichenzug war
auf dem +umfriedigten+ Gottesacker, wo alle die +ewige+ Ruhe finden,
angekommen.
Der hölzerne Sarg wurde von der umkränzten Bahre abgesetzt. Acht Träger
trugen ihn stumm einem offenen Grabe zu. Auf dem schwarzsammtenen
Leichentuche standen mit goldenen Buchstaben die Worte in einem
silbernen Kranze: „Er ist erlöst und geht in seine wahre Heimat zurück.“
Der Sargdeckel mit kupfernen Handhaben und zinnernen Verzierungen
wurde jetzt noch einmal abgehoben. Da lag nun der Todte, bleich und
regungslos, in der starren Hand einen frischgrünen Palmenzweig. Ein
seidenes Gewand umhüllte den todten Leib. Ein damastenes Käppchen
begrenzte die gefurchte Stirn.
Die Angehörigen standen um den Sarg her, aber nicht in der üblichen
Trauerkleidung. Der Entschlafene hatte schriftlich die Bitte
hinterlassen, daß man um seinetwillen nicht die tiefschwarzen Gewänder
anlegen solle.
Jetzt trat der greise Geistliche herzu, die Weinenden zu trösten.
„Unzählbar“, sagte er unter Anderem, „wie die Sterne des nächtlichen
Himmels, sind die seligen Wohnungen, die der allmächtige Himmelsvater
den erblichenen Erdenpilgern dort oben bereitet hat. Mag auch der
irdische Leib zerfallen, mag der unüberwindliche Tod den Lebensfaden
zerreißen, wir weinen nicht trostlos. Wir sind nicht blind für den
auferstandenen Heiland, nicht taub für seine ewig wahren Verheißungen,
sondern blicken glaubensvoll hinauf in das unvergängliche Reich, da es
ein Wiedersehen gibt. Auch dieser Entschlummerte wird einst wieder wach
und verklärt eingehen zur endlosen Himmelswonne.“
Die Sonne stand mit ihrer purpurnen Scheibe schon halb hinter den
fernen, blauen Bergen, als der Sarg in die stockfinstere Gruft
hinabgesenkt wurde. Noch ein lautloses Gebet, eine Hand voll Erde auf
den Sarg und die Begräbnißfeierlichkeit war beendet.
20. Die beste Apotheke.
(Declination des Eigenschaftswortes ohne Artikel.)
Julius, der Sohn +armer+ Eltern, war lange krank. +Feuchtes+ Stroh
diente ihm als Lager. +Alte+ Röcke und +zerfetzte+ Tücher waren seine
Decke. Keine +heilende+ Arznei und kein +stärkender+ Thee konnte
ihm gereicht werden, lebten doch seine Eltern in großer Armuth, in
schrecklichem Elende. Mit bangen Sorgen erwachten sie des Morgens,
unter schwerem Kummer gingen sie des Abends zur Ruhe. Mit beklommenem
Herzen vernahm die Mutter oft in dunkler Nacht das leise Wimmern des
ruhelosen Kranken. Er litt besonders an heftigen Kopfschmerzen, an
krampfhaftem Zucken in den Gliedern und an fieberhaftem Frösteln.
Vier lange Wochen waren bereits dem Kranken unter unsäglichen Schmerzen
vergangen. Mit abgezehrten, todtenblassen Wangen, trüben, hohlen Augen
und mageren Gliedern lag er da als ein Bild gräßlichen Elends.
„Barmherziger Gott!“ flehte die Mutter oft in stillem, inbrünstigen
Gebete, „schicke doch meinem Kinde einen gnädigen Retter oder, wenn es
Dein unerforschlicher Rath ist, einen endlichen Erlöser!“
Eines Tages klopfte ein Wanderbursch an die Thür und bat um ein Stück
Brod. Trüben Auges reichte ihm die Mutter eine kleine Gabe.
„Was fehlt Euch?“ fragte theilnehmenden Herzens der Wanderbursch. Mit
stummer Handbewegung deutete die Mutter auf das Krankenlager. „O weh!“
versetzte der Wanderbursch, als er den Knaben mit schon halbgebrochenem
Auge und erdfahlem Antlitze erblickte. „Wie und womit behandelt ihn
der Arzt?“ -- „Der Arzt?“ erwiderte die Mutter mit bewegter Stimme.
„Womit sollten wir armen Leute einen Arzt bezahlen können?“ -- „O“,
versetzte der Wanderbursch mit tröstlichem Tone, „Ihr habt einen sehr
billigen Arzt und eine noch billigere Apotheke in nächster Nähe. Es
ist der Brunnen dort im Hofe. Keine bessere Arznei für Euer Kind als
frisches Wasser. In ihm liegt wunderbare Heilkraft. Mein seliger Onkel
war Arzt, daher weiß ich es. Nehmt also frisches Wasser, reicht es dem
Kranken als kühlen Trank, veranstaltet kalte Abreibungen, dann schlagt
ihn in kaltfeuchte Tücher ein und wickelt ihn darauf in warme Decken.
Es wird hierauf sehr bald heftiges Schwitzen erfolgen. Nach Verlauf von
zwei solch heißen Stunden wascht Ihr den Körper mit lauem Wasser ab und
wiederholt diese Behandlung täglich vor- und nachmittags. Gewiß wird
sich der Kranke bald ruhiger Nächte, gesegneten Schlafes und überhaupt
sichtlicher Besserung erfreuen.“
Aufmerksamen Ohres hatte die Mutter zugehört. „O, wärest Du uns als
rettender Engel gesandt“, sagte sie zu dem Wanderburschen, „dankbaren
Herzens würden wir ewig Dein gedenken! Was Du gerathen hast, werde ich
befolgen, noch heutigen Tages. Schütze Dich Gottes gnädige Hand auf
fernerer Wanderung!“
Einige Monate später war Julius genesen. Mit dicken Backen und
kräftigem Fuße schritt er wieder einher. Des Wassers wunderbarer Kraft
dankte er das Glück neuer, dauernder Gesundheit.
21. Ehrlichkeit.
(Wiederholung der Eigenschaftswörter.)
Ein armer Köhlerknabe saß unter einer hohen Tanne, deren schwarzgrüne
Aeste weit umher das frische Moos beschatteten. Aus den dunklen Augen
des blassen Knaben rannen helle Thränen.
Da kam ein alter Herr den holprigen Waldweg daher. Er trug eine grüne
Uniform und einen kurzen Hirschfänger an der Seite. Sein faltiges,
aber noch frisches Gesicht umgrenzte ein schneeweißer Backenbart. Der
jugendliche Alte war der bejahrte Oberförster.
„Warum weinest Du?“ fragte der freundliche Alte mit liebevoller Stimme
den fremden Knaben.
„Ach“, erwiderte dieser mit kläglichem Tone, „meine gute Mutter liegt
krank darnieder. Ihre Augen sind fast blind. Deshalb soll ich in die
nahe Stadt gehen und eine heilsame Salbe für die schwachen Augen holen.
Ich aber habe das Geld dazu sammt einem ledernen Beutel verloren.“
„Ist es etwa dieser?“ sagte der graubärtige Herr, indem er ein kleines
Beutelchen aus der gestickten Jagdtasche zog.
„O nein“, sagte der ehrliche Knabe, „mein Beutel war schlecht und dünn
und lange nicht so voll wie dieser.“
„Dann ist es vielleicht dieser?“ erwiderte der erfreute Oberförster,
indem er ein anderes graues Beutelchen aus der tiefen Seitentasche
seines grünen Rockes zog.
„Ja, ja, dieser ist es“, rief der überglückliche Knabe.
Der biedere Alte war von dieser seltenen Ehrlichkeit gerührt, gab dem
armen Knaben den löcherichen Beutel zurück und sprach: „Weil Du so brav
und ehrlich bist, schenke ich Dir noch diesen blanken Thaler. Geh und
kaufe Deiner leidenden Mutter manchmal eine stärkende Erquickung dafür.“
Der Artikel.
22. Der Abend.
(Der bestimmte.)
+Der+ Tag ging zu Ende. +Die+ Sonne sank. +Das+ Abendglöcklein läutete
zum Feierabende. Der Landmann kehrte vom Felde heim. Die Heerde zog in
ihren Stall zurück. Das Lerchenlied verstummte. Bald glänzten die Berge
und die Hütten im Abendgolde und die Gräser funkelten im herrlichsten
Thauschmucke. Die Blume schloß ihr Auge. Immer stiller und stiller ward
der weite Schöpfungsraum. Die Natur sehnte sich nach Ruhe. Nur das
Bächlein rauschte noch weiter und die Fledermaus kreiste noch pfeifend
umher.
Auch die Hütten wurden still und stumm. Der Tag war heiß und die
Arbeit um das liebe Brod sauer gewesen. Der Fuß und die Hand hatten
das Tagewerk treu vollbracht. Das Nachtlager sollte nun die so nöthige
Erholung bieten. Als daher die Sterne am Himmel glänzten und der Mond
langsam emporstieg, lag das Dörflein bereits im tiefsten Schlafe. Die
Engel Gottes aber schwebten über Reich und Arm und hielten treue Wacht.
23. Der Dachs.
(Der unbestimmte Artikel.)
+Ein+ Jäger zog durch +einen+ Wald. +Eine+ schöne Doppelflinte hing auf
seinem Rücken und +ein+ Hirschfänger an seiner Seite. +Ein+ Dachshund
und ein Windspiel begleiteten ihn.
Ein herrlicher Herbsttag lag auf den Gipfeln der Tannen und Fichten.
Ein sonniger Hauch wehte auf den bebuschten Hügeln. Da sprang eine
Rehkuh auf. Ein solches Thier ist für jeden Menschen eine angenehme
Erscheinung. Ein Jägerauge aber zuckt freudig auf, wenn es ein
solches Wild erblickt. Auch diesen Waidmann durchzuckte eine freudige
Aufregung. Kaum war eine Minute vergangen, knallte ein Schuß und eine
Ladung Schrot saß dem Thiere in einem Hinterlaufe.
Jetzt aber gab es eine ergötzliche Scene. Ein Wink und beide Hunde
begannen einen wahren Wettlauf nach dem Rehe. Dabei aber war ein tiefer
Graben zu überspringen. Für den Windhund war dies ein Spaß, eine ganz
leichte Mühe. Nicht so für einen kurzbeinigen Dachshund. Dieser nahm
zwar einen gewaltigen Anlauf, aber für ihn war ein solcher Graben eine
zu weite Kluft. Er schoß einen Purzelbaum und rollte wie eine Kugel ein
großes Stück den einen Rand hinab in eine Pfütze. Ein helles Gelächter
begleitete seinen Fall. Eine Anzahl Waldarbeiter hatten ihn nämlich aus
einer kleinen Entfernung beobachtet. Unter ihnen fand sich auch bald
eine hülfreiche Hand, die mit einer Stange zur Rettung herbeieilte.
„Siehst Du“, sagte der Jäger zum ganz durchnäßten Dachse, „so geht es
einem Voreiligen. Nimm Dir aus diesem Falle eine Lehre: Wer ein Dachs
ist, muß es einem Windspiele nicht gleichthun wollen.“
24. Der Liederliche.
(Bestimmter und unbestimmter Artikel.)
Bernhard war +ein+ höchst unordentlicher Knabe. Dies zeigte +ein+
einziger Blick in +die+ Kinderstube, in der er sich aufhielt. +Der+
Bücherranzen, +der+ Stiefelknecht, +der+ Ball und +der+ Atlas lagen
gewöhnlich beisammen unter der Ofenbank. Die Botanisirtrommel, die
Mütze, die Federbüchse, die Schreibmappe und die Haarbürste erblickte
man nicht selten in einem Winkel der Stube. Das Bibelbuch, das
Tintenfaß, das Handtuch, das Wichszeug und das Vorhemdchen erhielten
oft ihren Platz in einem Schubfache einer alten Kommode.
Der Vater und die Mutter, sowie auch das Stubenmädchen hielten dem
Knaben deshalb oft eine Strafpredigt, aber all die Mahnungen und
Warnungen fanden bei ihm ein taubes Ohr.
Auch der Lehrer hatte die größte Noth mit ihm. Namentlich bekundeten
die Schreibebücher Bernhard’s die größte Liederlichkeit und einen hohen
Grad von Leichtsinn. Die Umschläge waren zerrissen. Durchschnittlich
das dritte Blatt enthielt einen Klecks. Die Schrift konnte man kaum
lesen. Das Löschblatt glich einem Lappen.
Auch der Tadel und die Strafe des Lehrers besserten den Knaben nicht.
Er blieb ein liederlicher Mensch sein Lebelang.
25. Ein Frühlingsmorgen.
(Desgleichen.)
Der Tag brach an. Die Sonne stieg im Osten empor. Das ferne Gebirge
strahlte im Purpurgolde. Ein leichter Nebel stieg aus dem Thale auf.
Eine Lerche flatterte aus dem Saatfelde empor und stimmte ein jubelndes
Lied an. Die Gräser, Halme und Blumen blitzten im Perlenschmucke
des Morgenthaues. Der Wald erwachte. Die Wiese belebte sich mit
Schmetterlingen und Bienen. Das Wild lugte munter aus dem Gebüsche
hervor. Bald zeigte sich auch das neuerwachte Leben in einem nahen
Dörfchen, das eine lange Obstallee umgrenzte.
Der Hahn krähte. Die Tauben flatterten auf die Dächer. Das
Ziegenböcklein meckerte im Stalle. Eine Menge Rauchsäulen stiegen aus
den Schornsteinen empor. Der Knecht schirrte die Pferde ein, das Feld
zu bestellen. Die Magd besorgte Futter für das Vieh. Es schien bereits
darauf zu warten, denn die Kuh brummte, der Ochse brüllte, das Schwein
grunzte, die Gans schnatterte und die Henne gackerte.