112. Durch ein Verhältnißwort. Der Knochen

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1874 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht

mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original

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(Ae, Oe, Ue) wiedergegeben.

Der Übersichtlichkeit halber wurden die Inhaltsverzeichnisse der

Teilbände an den Anfang des jeweiligen Texts verschoben.

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folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

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Sprachbilder

nach

bestimmten Sprachregeln.

Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch

für den

deutschen Sprachunterricht in der Volksschule.

Für Lehrer und Schüler

gearbeitet von

Franz Wiedemann,

Oberlehrer an der vierten Bürgerschule in Dresden.

Erster Theil.

Zweite Auflage.

Leipzig,

Alfred Oehmigke’s Verlag

(Moritz Geißler).

Vorwort zur zweiten Auflage.

Wenn ich auch meinen Sprachbildern, als sie ihre Reise in die

pädagogische Welt antraten, mit einem gewissen Vertrauen zu ihrer

praktischen und darum lebensfähigen Natur nachsah, durfte ich mich

doch =der= Hoffnung nicht hingeben, daß ich schon nach ca. einem Jahre

in der Lage sein würde, von dem =ersten= Theile eine =zweite Auflage=

folgen lassen zu müssen. Daß dies nun aber geschehen, sowie der

Umstand, daß diese meine Sprachbilder (I. und II. Theil) von dem

=Hohen Königlichen sächsischen Ministerio des Cultus und öffentlichen

Unterrichts als zweckmäßig und praktisch anerkannt und den

Schulinspectoren im Königreich Sachsen zur Einführung in die Schulen

officiell empfohlen worden sind=,

erfüllt mich mit ganz besonderer Freude!

Es sei mir gestattet, hier noch einmal kurz die charakteristischen

Eigenschaften meines Werkchens niederzulegen:

1) Es basirt auf der neuesten und jedenfalls für die Volksschule

zweckmäßigsten Methode, nach welcher der Sprachunterricht an Lesestücke

anzulehnen ist.

2) Es belastet die Schüler nicht mit todtem Regelwerke.

3) Es enthält auf allen Klassenstufen ein bestimmtes =Lehrziel=.

4) Es zeichnet einen klaren, einfachen =Lehrgang= vor, der stricte auf

dem Grundsatze ruht: „Vom Einfachen zum Zusammengesetzten“.

5) Es bietet eine reiche Auswahl von =Lehrstoff= (278 Artikel), sodaß

dem Lehrer viel Spielraum gelassen ist.

6) Welche Lehrmethode ein Lehrer auch treibe oder triebe, unter allen

Umständen werden ihm diese Sprachbilder „=dienend=“ zur Seite stehen.

7) Der bei weitem größte Theil der betreffenden Artikel dürfte sich

ganz gut als Material zu stilischen Aufgaben eignen.

Mögen diese „Eigenheiten“ meines Werkchens in immer weiteren Kreisen

gefunden und anerkannt werden. Wird mir dieser Wunsch erfüllt, dann

wird es sich sicher so lange immer weitere Bahnen brechen, bis Einer

kommt, der die Aufgabe, welche sich dieses Büchlein stellt, besser

löst, als ich es vermocht habe.

+Dresden+, Ostern 1874.

=Franz Wiedemann.=

Ein Wort zu den Sprachbildern an die Lehrer.

Zu den vielen bereits vorhandenen Sprachbüchern und Sprachbüchelchen

für die Hand des Lehrers und des Schülers der Volksschule --

wohlgemerkt, der =Volksschule= -- bringe auch ich noch eins herbei,

aber ein anderes als die gewöhnlichen; wie ich vermeine, ein

originelles und -- täusche ich mich nicht -- ein =recht praktisches=.

Gewiß zu Nutz und Frommen der Volksschule, und darum mit vollem Rechte,

hat sich die größere Zahl der Volksschullehrer der Ansicht zugewendet,

daß man den Sprachunterricht nicht nach todtem Regelwerke, nicht

nach einer fast unabsehbaren Litanei von einander coordinirten oder

subordinirten Sprachgesetzen, sondern auf Grund eines +Lehrstückes+,

als eines fertigen Sprachgebildes, treibe. Dasselbe wird bekanntermaßen

gelesen, dann zergliedert und bei dieser Operation werden die Regeln

des Satzbaues, sowie die Bedeutung und die Stellung der Begriffs- und

Formwörter entwickelt und gefunden.

Ganz +ohne Regeln+ kommen wir natürlich bei dem Sprachunterrichte nicht

weg, denn auf das blose +Sprachgefühl+ können wir unsere Volksschüler

ebenso wenig verweisen, als uns auf dasselbe verlassen.

Wo aber sind nun jene Lesestücke, an denen die wichtigsten Sprachregeln

entwickelt werden sollen, herzunehmen? -- Natürlich nirgends andersher,

als aus den Lesebüchern, welche die Schüler in den Händen haben.

Die allermeisten dieser Lesestücke, wie wir sie in den bekannten

zahlreichen Lesebüchern für Volksschulen finden, sind recht gut, viele

musterhaft und wahre Meisterstücke des Sprachbaues; keins von allen

aber wurde wol in =der Absicht= und =zu dem Zwecke= geschrieben,

bestimmte Sprachregeln und Sprachgesetze darin zu veranschaulichen.

Sie alle wurden des =Stoffes= und höchstens der =Darstellungsformen=

(Schilderung, Beschreibung, Erzählung etc.) =halber= geschaffen.

Dieser Umstand aber wird für den Sprachlehrer zu einer +Calamität+

und diese habe ich selbst eine Reihe von Jahren hindurch oft recht

bitter empfunden. Wie so? -- Nun ja, der Sprachlehrer will z. B.

die verschiedenen Arten der Haupt-, Für- oder Zahlwörter, oder

die Steigerung der Eigenschaftswörter, oder deren Stellung zum

Hauptworte, oder die Bedeutung und Stellung der Umstandswörter, oder

die verschiedenen Arten und Naturen der Verhältniß- und Zahlwörter,

oder die mannichfachen Ergänzungen etc. etc. zur Anschauung und zur

Besprechung bringen; wo aber findet er nun ein Lesestück, das für

den vorliegenden Fall so recht geeignet ist, das die betreffende

Wortgattung, die betreffende Regel möglichst allseitig repräsentirt?

Als ganz nebensächlich sei hier noch bemerkt, in welche Verlegenheit

man in dieser Hinsicht gerathen kann, wenn es, beispielsweise bei einer

öffentlichen Schulprüfung, einmal heißt: „Behandeln Sie die Umstände

des Orts (oder die Verhältnißwörter, welche den dritten Fall bedingen,

oder die Zahlwörter) auf Grund eines Lesestückes.“ Obgleich sich nun

jeder nur einigermaßen gewandte Sprachlehrer auch in diesem Falle +zu

helfen wissen+ und einem Fiasco entgehen wird, ist doch immerhin dabei

Holland mehr oder weniger in Nöthen, da sich eben ein für diesen Fall

geeignetes Lesestück schwer oder gar nicht auffinden läßt. Doch das

eben nur nebenbei.

Diesem Mangel an geeigneten Lesestücken speciell für den Unterricht in

der deutschen Sprache wollte ich nun mit dem gegenwärtigen Büchlein

abhelfen. =Alle Stoffe und Materialien darin sind in allererster Linie

eigens für den Sprachunterricht bearbeitet.= Jeder einzelne Artikel

darin ist für einen bestimmten Sprachunterrichtszweck, für eine ganz

bestimmte Sprachregel geschrieben, wie die verschiedenen Ueberschriften

des Näheren lehren. Das Ganze ist also durchaus kein Sammelwerk,

sondern besteht aus lauter Originalartikeln. Ein Blick hinein wird Dir

sagen, daß sowohl für die Wörterklassen als auch für den einfachen

Satz des Stoffes hinreichend vorhanden ist. Und wieder ein Blick

in die einzelnen Artikel wird Dich überzeugen, wie dieselben die

betreffende Regel möglichst allseitig und erschöpfend veranschaulichen.

Haben Lehrer und Schüler dieses Buch in der Hand, denke ich mir den

Sprachunterricht für beide Theile als =eine Lust=!

Aber mit diesem Buche wollte ich auch noch einen andern Zweck

erreichen. Für das Bedürfniß der Volksschule erscheint es mir geboten,

den Schülern =recht, recht anschaulich= zu machen, wie sich ein

Satz aufbauen und erweitern läßt und wie jedes neu hinzutretende

Satzglied dem „Gedanken“ einen weiteren oder, nach Umständen, einen

engeren Spielraum anweist. Ich bin daher in der Classification

meiner Sprachstoffe für die Behandlung des einfachen Satzes vom

allereinfachsten Satze ausgegangen, habe =Schritt für Schritt= eine

neue, nähere Bestimmung hinzutreten lassen und so das Satzgebäude nach

und nach bis an die möglichsten Grenzen erweitert. Diese ganze Art und

Weise ist der Arbeit eines Maurers zu vergleichen, der eben auch einen

Stein und ein Steinchen nach dem andern an- und beisetzt, bis endlich

der Bau vollendet dasteht.

Wenn irgend in einem Unterrichtsfache der Volksschule, müssen wir

vor allen Dingen im Sprachunterrichte dem alten Urgesetze alles

Unterrichts „=vom Einfachen zum Zusammengesetzten=“ treu bleiben,

unbekümmert um all die gelehrten und gekünstelten Unterrichtssysteme,

welche „studirte“ Sprachforscher oder pädagogische Methodenjäger

aufgestellt haben. Wir haben einmal gar =keine Zeit= und dann auch

gar =kein Publikum= dazu, um uns auf die =feineren= Beziehungen und

Deutungen in Bezug auf das reiche Material unseres Sprachschatzes

einlassen zu können. Unsern guten Volksschulkindern haben wir vor allen

Dingen einfache, aber feste und bestimmte Sprachgesetze zu geben. Das

„+Höhere+“ und das „+Tiefere+“ ist Sache derjenigen Lehranstalten,

welche über das Elementarschulwesen hinausliegen. O und wir haben

vollauf, =übervollauf= zu thun, um unsere Volksschulkinder -- und zu

ihnen rechne ich getrost auch die Schüler der sogenannten höheren

Bürger- und Privatschulen -- in diese blosen Grundelemente der Sprache

einzuführen. Wer diese Wahrheit vergißt oder bestreitet und meint,

man könne die Kinder auch als Kinder schon in die „Kunst“ der Sprache

einweihen, der kommt mir vor wie ein Maler, der einem schlichten

Landmanne das Verständniß der Schönheit der Sixtinischen Madonna

beibringen wollte.

Das Hinausgehen über die Marksteine, die uns die Kindesnatur setzt,

wird in dem Sprachunterrichte zu einem Würgen und Quälen für Schüler

und Lehrer, was sich recht deutlich in den Stilübungen zeigt. Bei

diesen Arbeiten, will mich bedünken, wird überhaupt am allermeisten

gesündigt. Was wird da nicht selten schon von einem zehn-, zwölf-,

dreizehn-, vierzehnjährigen Knaben oder Mädchen verlangt! Aufsätze von

sechs, acht Seiten und noch länger. Und was für Themen oft! Themen,

deren Bearbeitung vielleicht dem Herrn Lehrer selbst, der doch erstens

die deutsche Sprache bereits zwanzig oder dreißig und mehr Jahre

gesprochen und geübt hat, während beispielsweise das dreizehnjährige

Kind dieselbe kaum erst +sieben+ Jahre mit Bewußtsein spricht; der

zweitens ein oder so und so viel Jahrzehnte älter und darum viel,

viel verstandesreifer ist als das Kind; der drittens an Anschauungen

und Erfahrungen dem Kinde weit, weit überlegen sein muß; der viertens

vier bis sechs Jahre eine höhere oder wol gar hohe Schule besucht;

der fünftens im Laufe der Jahre so und so viel Zeitungen, Broschüren,

Bücher und Werke gelesen und aus ihnen Stoff gesammelt hat -- =einiges

Kopfzerbrechen= gemacht hat. Die Hand aufs Herz, liebe Freunde!

Oder sollte Euch noch kein Lehrplan, namentlich der sogenannten

höheren Bürger- oder Privatschulen, vorgekommen sein, der das

Sprachziel (Grammatik und Stil) dermaßen hinaufschraubt, als ob auf den

Schulbänken Seminaristen oder gar Studenten säßen?

Wie viel würde für die praktische sprachliche Ausbildung unserer

Volksschüler gewonnen werden, wenn man dieselbe Kraft und Mühe, die

man an die Erreichung jener überschwänglichen Ziele setzt, auf das

=wirklich Erreichbare= verwendete!

Das Streben, auch in sprachlicher Hinsicht für die Volksschule

Fortschritte zu erzielen, ist höchst ehrenvoll und lobenswerth, aber

nur +nicht zu viel verlangen+ und zu viel erwarten! Die Kindesnatur

hat eben ihre Grenzen und ganz dieselben Grenzsteine werden auch nach

tausend Jahren noch stehen.

Doch zurück zu meinem Büchlein!

Am Schlusse desselben habe ich ganz kurz angedeutet, wie man etwa zu

verfahren hat, um die vorkommenden Sätze, namentlich die scheinbar sehr

verschlungenen, sprachlich aufzulösen. Mit Absicht aber habe ich alle

weitere Unterweisung über die Behandlung der einzelnen Sprachbilder

unterlassen. Und warum?

1) Jedes einzelne Sprachbild sagt ja ganz klar und deutlich, welches

Sprachobject darin vertreten, zu entwickeln und zu veranschaulichen

ist.

2) Wer sich daher in einem solchen Artikel nicht =selbst= zurecht

fände und nicht selbst wüßte, auf welche Weise er das darin

vertretene Sprachobject zur Anschauung und zur sprachlichen

Verwerthung zu bringen habe, der möge sich getrost aus der Liste der

Sprachlehrer streichen lassen.

3) Um eine solche Anweisung erschöpfend zu behandeln, hätte ich, da

doch jedes einzelne Sprachbild etwas Neues bietet, zu jedem derselben

einen Commentar schreiben müssen. Das aber hätte ein dickes Buch

gegeben und wäre dann kein Buch für die Hand des Schülers mehr

gewesen.

4) Dergleichen Unterweisungen, wie ein Lehrstück sprachlich zu

behandeln ist, existiren schon; ich erinnere nur an die „Praktische

Anweisung zum deutschen Sprachunterricht“ von A. Berthelt. -- Wozu

sollte ich Bekanntes und Bewährtes wiederholen?

Mit Absicht habe ich auch keine +Aufgaben+ für Schüler beigegeben,

weil ich vermeine, daß der ebenfalls kein Lehrer der deutschen Sprache

sein kann, der nicht verstünde, auf Grund der gepflogenen Besprechung

eines solchen Lesestückes seinen Schülern irgend eine darauf bezügliche

Aufgabe für ihren Privatfleiß zu ertheilen.

Nur bezüglich der Bildung der erweiterten einfachen Sätze folgt zum

Schlusse ein kleiner Wink.

Daß der bei weitem größte Theil der vorliegenden Sprachbilder auch

Stilstoffe sein und werden können, dürfte sich leicht erkennen lassen.

Wie Du nun, lieber College, mein Werkchen finden wirst, weiß ich nicht.

Nur um Eins bitte ich Dich: Fälle Dein Urtheil nicht auf Grund eines

blos =flüchtigen= Einblicks. Nein, willst Du über das Büchlein zu

Gericht sitzen, so kürze die Voruntersuchung nicht zu sehr ab. Sieh Dir

es +genau an+, damit Dir ganz klar wird, =was= und =wie= ich es will.

Thust Du das, so hege ich die Hoffnung, daß Du meine Arbeit =praktisch=

erfinden und in dem Büchlein ein Unterrichtsmittel entdecken wirst, das

dem Lehrer und dem Schüler die Arbeit =bequem= und =leicht= macht. Das

aber -- und daraus ist ja kein Hehl zu machen -- ist bei allen meinen

kleinen pädagogischen Schriften meine Hauptabsicht. Wäre sie auch bei

dem gegenwärtigen Büchlein erreicht, würde ich mich freuen und Du

würdest darob nicht böse sein.

Zu dem Ende aber will ich nun noch als =Kritiker meiner selbst=

auftreten, um Dir die Mühe zu ersparen.

Nr. 1. „Der Stil ist in einzelnen wenigen Fällen nicht ganz fließend.“

=Weiß wohl=, und ich hätte diesen Umstand leicht umgehen können, wenn

mir nicht in Bezug auf die Wahl der Worte und Redetheile die Hände

gebunden gewesen wären und gebunden sein =sollten=. Bei so aus Gründen

gefesselter Hand würde es vielleicht selbst einem „Meister von der

Feder“ nicht möglich gewesen sein, einen ganz vollendeten Stil zu

schaffen. Mit drei Farben läßt sich natürlich kein +solches+ Gemälde

erzeugen, wie es mit zehn Farben möglich wird.

Nr. 2. „Es ist in einigen allerdings nur seltenen Fällen die eiserne

Consequenz zu vermissen.“

=Weiß wohl=, was damit gesagt sein soll. Es kommt nämlich in einzelnen

Fällen vor, daß ich irgend ein Formwörtchen mit in Anwendung gebracht

habe, was, streng genommen, noch nicht auftreten durfte. Ich mußte

indeß zu diesem Mittel greifen, wenn der Stil nicht hart und eckig

werden sollte. Dergleichen Nothfälle aber, die nur ganz vereinzelt zu

finden sind, können ja im Unterrichte mit leichter Mühe ignorirt werden.

Nr. 3. „Die letzten Wiederholungsnummern der Sprachbilder erscheinen

fast schwülstig.“

=Weiß wohl!= Sie sollen auch keineswegs Stilmuster sein, sondern nur

zeigen, wie sehr der einfache Satz ausgedehnt und erweitert werden

kann. Es sind +diese+ Sprachbilder gewissermaßen Knochen, an denen

sich die Geisteszähne der Schüler schärfen sollen. So verschlungen

auch ein solcher Satz für den ersten Augenblick erscheint, ist er

doch immerhin nur ein einfacher, und es ist nicht allzuschwer für den

Schüler, nachdem er alles Vorhergegangene begriffen, das „=Gerippe=“

herauszuschälen und dasselbe nun selbst wieder mit dem +gegebenen+

Fleische und Blute nach und nach zu bekleiden.

Der =zweite Theil= dieses Werkchens, welcher, so Gott will,

nächste Ostern nachfolgen soll, wird den =zusammengezogenen=, den

=zusammengesetzten= und den =gefügten Satz= in ähnlicher Weise

behandeln, wie im ersten Theile der erweiterte einfache Satz behandelt

wurde.

Hast Du dann, lieber College, wenn Deine Schüler vierzehn Jahre zählen,

auch diesen zweiten Theil mit ihnen durchgearbeitet, kannst Du sie

getrost aus der Volksschule entlassen. Sie haben dann jedenfalls einen

guten Grund gelegt, selbst auch für den Fall, daß der eine oder der

andere sich einen Beruf erwählte, welcher noch ein eigentliches Studium

der deutschen Sprache erheischte.

Zum Schlusse nur noch ein Wort über die =Einführung= dieser

Sprachbilder. Es liegt im Wesen dieses Sprachbüchelchens, daß es jeder

Schüler selbst zur Hand und vor Augen habe, also selbst besitze.

Obgleich nun der Preis desselben auf das niedrigste gestellt ist,

dürfte doch der oder jener College das Bedenken erheben, daß +seine+

Schüler nicht im Stande sein würden, es sich anzuschaffen. Dieses

Bedenken mag in vielen Fällen wohlbegründet sein. Ich meine indeß, da,

wo die Eltern gehalten sind, ihren Kindern ein Spruchbuch oder einen

Katechismus, ein Gesangbuch, eine Bibel und wol gar ein Lehrbuch der

französischen und der englischen Sprache zu beschaffen, müßte doch wol

auch die Einführung eines deutschen Sprachbuches zu erzielen sein.

Oder sollte die schöne, theure =Muttersprache= vom Elternhause dieses

kleinen Opfers nicht für werth erachtet werden? Wäre das, dann wäre es

an uns, den betreffenden Vätern und Müttern klar zu legen, welch hohen

Werth eine gute sprachliche Bildung für ihr Kind habe.

Nun, so nimm es denn hin, lieber College, dieses kleine Werkchen, mit

dem ich -- ich wiederhole es -- Dir und Deinen Schülern wieder eine

Arbeit =leicht= und =bequem= machen wollte. Möge diese meine Arbeit,

die keine leichte war und ist, von Segen für die liebe lernende

Kinderwelt begleitet sein!

=Franz Wiedemann.=

Inhalts-Verzeichniß.

~A~. Die Wortarten.

Hauptwörter.

Sprachobjecte. Sprachbilder.

Nr. Seite

1. Menschen. Auf der Dresdner Brücke 1

2. Thiere. Beim Onkel auf dem Lande 2

3. Thiere des Waldes. Im Walde 3

4. Sachen. Der Jahrmarkt 4

5. Stoffnamen. Der Wißbegierige 5

6. Mengenamen. Eine Festung im Kriege 7

7. Eigennamen. Schulexamen 8

8. Gedankendinge. Zweierlei Schüler 9

9. Ein- und Mehrzahl. Freund Apfelbaum 10

10. Ohne Mehrzahl. Getäuschte Hoffnungen 11

11. Doppelhauptwörter. Gastfreundschaft 12

12. Nichthauptw. zu Hauptw. erhoben. Eine musterhafte Schülerin 13

13. Wiederholung der Hauptwörter. Belohnter Gehorsam 14

Eigenschaftswörter.

14. Formen und Gestalten. Formen der Pflanzenwelt 16

15. Abstracte Eigenschaftswörter. Der Frühling 17

16. Zusammengesetzte Eigenschaftsw. Der Geizhals 17

17. Das Eigenschaftsw. vor d. Hauptw. Der wohlthätige Bettler 18

18. Steigerung des

Eigenschaftswortwortes. Ein Gewitter 20

19. Eigenschaftswört. ohne

Steigerung. Ein Begräbniß 21

20. Declination d. Eigensch.

ohne Art. Die beste Apotheke 22

21. Wiederholung der Eigenschaftsw. Ehrlichkeit 24

Der Artikel.

22. Der bestimmte. Der Abend 25

23. Der unbestimmte. Der Dachs 26

24. Bestimmter u. unbestimmter. Der Liederliche 27

25. Desgleichen. Ein Frühlingsmorgen 27

26. Declination der Artikel. Ehre dem Tapfern 28

27. Desgleichen. Die Rettung 29

28. Wiederholung. Mißgunst 30

Das Zahlwort.

29. Bestimmte Zahlwörter. Der Würfel 31

30. Ordnungszahlen. Ordnung 32

31. Das unbestimmte Zahlwort. Christbescheerung 33

32. Zahlwörter zu Hauptw. erhoben. Die Feuersbrunst 34

33. Biegung des Zahlwortes. In der Strafanstalt 35

34. Wiederholung des Zahlwortes. Im Kriege 36

Das Fürwort.

35. Persönliche Fürwörter. Ein Brief 36

36. Besitz anzeigende Fürwörter. Schönheit bringt Gefahr 37

37. Bezügliche Fürwörter. Die Natur 38

38. Hinweisende Fürwörter. Aberglaube 39

39. Fragende Fürwörter. Räthselfragen 40

40. Unbestimmte Fürwörter. Eine schreckliche Zeit 41

41. Wiederholung der Fürwörter. Ein Brief 41

Das Zeitwort.

42. Bezügliche Zeitwörter. Auf dem Lande 42

43. Unbezügliche Zeitwörter. Nach der Schlacht 44

44. Bezüg. u. unbezüg. gebr. Zeitw. Arbeitsstunde 44

45. Unpersönliche Zeitwörter. Eine Angstnacht 46

46. Abwandlung d. Zeitw. n. d. Pers. Auf dem Spielplatze 47

47. Abwandlung d. Zeitw. n. d. Zeit. Ein Feriengespräch 49

48. Die Aussageweise. Aus einem Tagebuche 50

49. Das Mittelwort der Gegenwart. Ein Sommertag 52

50. „ „ „ Vergangenheit. Unter dem Kreuze 52

51. „ „ „ Zukunft. Ein Stück Kriegsarbeit 53

52. Leideform. Das Brod 54

53. Wiederholung d. Formen d. Zeitw. Die Berufswahl 55

54. Das Hilfszeitwort. Ein Zwist 57

Die Umstandswörter.

55. Umstandswörter des Ortes. Die Verirrten 58

56. „ der Zeit. Ein Brief 59

57. Desgleichen. Der tolle Reiter 60

58. Umstandswörter der Weise. Am Bache 61

59. „ „ Stärke. Der Geizhals 62

60. „ „ Aussagew. Die Landbewohner 63

61. „ „ Frage. Die Staare 64

62. Wiederholung d. Umstandswörter. Eine Wanderschaft 66

Das Verhältnißwort.

63. Verhältnißwörter des Ortes. Das Vaterhaus 67

64. „ der Zeit. Vor Paris 69

65. „ „ Weise. Die Rückkehr der Helden 69

66. „ des Grundes. Joachim 70

67. Wiederholung der Verhältnißw. Die Mühle 71

Das Bindewort.

68. Zusammenstellende Bindewörter. Ungleiche Brüder 72

69. Entgegenstellende „ Die goldene Freiheit 74

70. Begründende „ Amerika 75

71. Wiederholung der „ Treue Freundschaft 77

Das Empfindungswort.

72. Empfindungswörter. Ein Spaziergang 78

~B.~ Satzlehre.

~A.~ Der reine einfache Satz.

73. Alle Satzarten. Das Gewitter 80

74. Desgleichen. Ursache und Folge 80

75. Was das Subject sein kann. Das Pferd 81

76. Was das Prädicat sein kann. Gott 82

77. Desgleichen. Die Rose 82

~B.~ Der erweiterte einfache Satz.

~a~) Erweiterung des Subjects.

78. Beifügung vor dem Subject. Das kranke Kind 82

79. „ nach „ „ Berlin 84

80. Die Beifügung ein Zeitwort in Peter 84

reiner Form.

81. Beifüg. vor und nach dem Subj. Weihnacht 85

82. Zwei Beifüg. vor dem Subj. Zigeunerkinder 86

83. Eine Doppelbeifüg. nach d. Subj. Das Grab der Mutter 87

84. Zwei Doppelbeif. nach d. Subj. Dämmerung 88

85. Alle Arten einfacher Beifügungen. Der Schneemann 89

86. Alle möglichen Beifüg. vor und Der junge Storch 89

nach dem Subject.

~b~) Erweiterung des Prädicats.

87. Das Präd. ein Hauptw. m. Beif. Wilhelm 91

88. „ „ „ „ mit mehreren Der Affe 91

Beifügungen.

89. Alle mögl. Erw. d. Subj. u. Präd. Hochmuth 92

Ergänzungen.

1) Des Zeitwortes.

~a~) Einfache Ergänzungen.

90. Im ersten Falle. Der Schmetterling 93

91. Im zweiten Falle. Ohne Glauben 93

92. „ dritten „ Der echte Christ 93

93. „ vierten „ Jakob 94

94. Rückbezügliche Zeitwörter. Vierter Der Lügner 95

Fall.

95. Alle vier Fälle. Der Verschwender 95

96. Ergänzung durch Hauptwörter König und Volk 96

mit Verhältnißwörtern.

97. Die Ergänzung ein Zeitwort in Im Sturme 97

reiner Form.

98. Einfache Ergänzung. Alle vier Die Wahrheit 97

Fälle.

99. Wiederholung aller Ergänzungen Die Eisenbahn 97

mit Verhältnißwörtern.

100. Hauptwiederholung. Der Geburtstag 98

~b~) Doppelte Ergänzung.

101. Vierter und zweiter Fall. Der Thierquäler 99

102. Vierter und dritter Fall. Oskar 99

103. Vierter und zweiter Fall. Eine Verirrung 100

104. Vierter und vierter Fall. Bestrafte Eitelkeit 100

105. Dritter und vierter Fall. Großmuth 101

106. Wiederholung der Doppelergänz. Der Geiz 102

107. Fortsetzung. Michel 102

108. Alle Beifügungen und Ergänzungen. Eine Jubelfeier 103

Hauptwiederholung.

2) Des Eigenschaftswortes.

109. Im zweiten Fall. Judas 104

110. Im dritten Fall. Strenge Zucht 105

111. Im vierten Fall. Die alte Linde 106

112. Durch ein Verhältnißwort. Der Knochen 106

113. Wiederholung. Der Löwenbändiger 107

114. Hauptwiederh. Beif. Ergänzung. Der Dieb 108

Der Umstand des Ortes.

115. Wo? Umstands- u. Verhältnißw. Eine Stätte der Armuth 109

116. Wohin? „ „ „ Sturax 110

117. Woher? „ „ „ Treibjagd 111

118. Wiederholung. Wo? Wohin? Die Elbe 111

Woher?

119. Fortsetzung. Die Luft 112

120. Hauptwiederh. Subj. Prädic. Die neue Gutsherrschaft 113

Ergänz. Ortsbest.

Der Umstand der Zeit.

121. Wann? (Umstands- und

Verhältnißwörter.) Ein Brief 114

122. Wie lange? Seit wann? (Umstands- Der Gemsjäger 115

u. Verhältnißw.)

123. Wie oft? (Umstands- und

Verhältnißw.) Ein alter Krieger 116

124. Wiederholung. Moses 117

125. Hauptwiederholung. Ergänzung. Jäger und Müller 118

Ort. Zeit.

Der Umstand der Weise.

126. Alle Fälle. Mißgeschick 120

127. Desgleichen. Ein Stier 121

128. Hauptw. Beif. Zeit. Ort. Weise. Schulprüfung 122

Erg.

Der Umstand des Grundes.

129. Ursache oder Sachgrund. Unverstand 124

130. Beweggrund. Lohn der Wißbegierde 124

131. Erkenntnißgrund. Der tolle Hund 125

132. Zweck und Stoff. Jahrmarktsgeschenke 125

133. Wiederholung. Heuchler 126

134. Wiederholung. Der Wagehals 126

135. Hauptw. Beifüg. Zeit. Ort. Ein Bombardement 127

Weise. Grund. Ergänz.

136. Hauptw. Beif. Ergänz. Zeit. Zu Weihnacht 129

Ort. Weise. Grund. Stoff.

137. Hauptw. Beif. Erg. Zeit. Ort. Ein trauriges Ende 131

Weise. Grund. Zahl. Stoff.

138. Hauptw. Beif. Ergänz. Zeit. Luxus 131

Ort. Weise. Grund. Zahl.

Stoff.

Die Aussageweise.

139. Wirklich. Möglich. Nothwendig. Der Mensch 133

Wortfolge.

140. Gerade, umgekehrte. Die Rose 134

141. Desgleichen. Wiegenbau 134

Vom einfachsten bis zum erweitertsten einfachen Satze.

142. Hauptwiederholung. Verschiedene Sätze 135

Fragen nach den einzelnen Satztheilen.

143. Uebersicht. Fragen nach den Satztheilen 142

144. Praktische Anwendung dies. Frag. Für die Friedenszeit 143

Anhang.

145. Bilde Sätze auf folgende Fragen. Eine Art von Aufgaben 149

~A.~ Die Wortarten.

Hauptwörter.

1. Auf der Dresdner Brücke.

(Menschen.)

+Otto+ war zum ersten Male in der Residenzstadt Dresden gewesen.

Als er wieder nach Hause kam, saßen +Vater+ und +Mutter+ und seine

+Geschwister+, +Emil+, +Bertha+ und +Louise+, eben beim Abendbrode. Da

mußte denn nun der kleine +Reisende+ sogleich erzählen, was er alles

gesehen habe.

„Ganz besondere Freude“, erzählte Otto unter Anderem, „hat +mir+ ein

Gang über die große, alte Elbbrücke gemacht. Nein, was man da doch

binnen weniger Minuten für eine Menge Menschen sieht! Hier rasselt

ein schöner, herrschaftlicher Wagen dahin, einen Kutscher und einen

Bedienten auf dem Bocke. Darin sitzt ein feiner Herr oder auch eine

vornehme Dame, zuweilen auch nur eine Kinderfrau oder eine Amme

mit den Kindern eines Grafen oder eines Barons. Dort zieht eine

Bauerfrau mit ihrer Tochter oder Magd einen Milchwagen. Hier knallt

ein Droschkenkutscher auf seinen müden Gaul; dort bläst ein Postillon

in sein Horn. Botenfrauen, Köchinnen, Dienstmänner und Dienstmädchen

schleppen schwere Körbe und Paquete auf ihren Schultern dahin.

Briefboten und Polizeidiener eilen hinüber und herüber. Greise und

Kinder, Männer und Frauen, Fremde und Einheimische, reiche Leute und

Bettler ziehen in buntem Gemisch dahin. Besonders viel Soldaten sind

mir begegnet. Ich sah Generäle, Hauptleute, Feldwebel, Tamboure,

Signalisten und Fahnenträger. Auch Schützen, Jäger, Grenadiere,

Gardisten, Ulanen und Dragoner gingen an mir vorüber. Sogar der König

mit der ältesten Prinzessin kam gefahren. Ein Vorreiter bahnte ihm den

Weg und zwei Lakaien standen hinten auf seinem Wagen. Natürlich zogen

alle Leute, vom reichsten Kaufmanne bis zum ärmsten Schusterjungen

herab, die Hüte und Mützen, als der Landesvater vorüberfuhr.

Gewiß waren es an fünfhundert Personen, die ich auf diesem einzigen

Gange über die Brücke gesehen habe.“

2. Beim Onkel auf dem Lande.

(Thiere.)

Robert war einen Tag auf dem Lande gewesen. Er hatte seinen Onkel

besucht, der eine große Oekonomie besaß.

Als Robert am Abende nach Hause kam, sagte er zu seinen Geschwistern:

„Heute habe ich aber so viel verschiedene +Thiere+ gesehen, wie noch

nie.“

„Nun, so erzähle uns doch“, baten die Geschwister, „was Du für Thiere

gesehen hast.“

„Als ich an des Onkels Haus kam“, begann hierauf Robert, „bellten mich

ein schwarzer +Pudel+ und ein +Affenpinscher+ an. In dem Hausflur

kauerte eine graue Katze und verzehrte eben eine Maus, die fast so

groß war, wie eine Ratte. Ich trat in die Stube ein. Hier saß ein

Rothkehlchen auf dem Spiegelrahmen und verspeiste eine Fliege. Am

Fenster hing ein großer Käfig, in welchem ein Zeisig, ein Stieglitz

und ein Canarienvogel auf- und abhüpften. Unter dem Ofen spielte ein

Meerschweinchen mit einem jungen Hunde.

Aber nun erst auf dem Hofe! Hier führte ein Hahn seine Hühner

spazieren. Dort lockte eine alte Henne ihre Küchlein herbei, weil sie

ein Würmchen gefunden hatte. Vor der Scheune stolzirte ein Pfau auf

und ab. Ein schwarzer Truthahn zankte sich mit einem alten Gänseriche

um ein Stückchen Brodrinde. Ein ganzes Heer Enten und Gänse watschelte

zum Thore hinaus, dem nahen Teiche zu, wahrscheinlich, um dort Frösche,

Eidechsen und kleine Fische zu fangen. Auf den Dächern zwitscherten

Schwalben und Sperlinge um das Nest eines Storches. Nicht weit davon

saßen eine Menge Tauben und spähten ängstlich in die Luft hinaus, ob

sich etwa ein Falke oder Stößer oder ein andrer Raubvogel sehen lasse.

Vor der Elster, die im Hofe umherhüpfte, schienen sie sich nicht zu

fürchten.

Sogar im Wassertroge gab es Thiere. Hier schwammen Karpfen, Hechte,

Aale und Schleien und auf dem Grunde krochen Krebse.

Im Pferdestalle standen zwei Schimmel, ein Fuchs und ein Rappe. Unter

ihnen herum hüpften weiße und schwarze Kaninchen. Der Esel war nicht zu

Hause, sondern in der Mühle.

Besondere Freude machte mir der Kuhstall. Hier brummte mich ein großer

Ochse ganz mürrisch an. Gegen zwanzig Kühe fraßen eben ihr Heu.

Zwischen ihnen lagen einige Kälber. Neben der Thür meckerten zwei

Ziegenböcke und aus einem Winkel hervor grunzte ein altes Schwein mit

sieben Ferkeln.

Alle diese Thiere sah ich an einem Tage und sie haben mir sehr viel

Vergnügen bereitet.“

3. Im Walde.

(Thiere des Waldes.)

Welch ein fröhliches Leben ist doch im Frühlinge unter den +Thieren+

des Waldes! Tausende von +Würmern+ und +Käfern+ kriechen unter dem

Moose hervor. Große und kleine +Ameisen+ laufen an den Baumstämmen

hinauf. Bunte Schmetterlinge flattern von einem Haideblümchen zum

andern. Die Eidechsen, Blindschleichen und Ottern erwachen und

schlüpfen auf dem Boden dahin. In dem Gebüsche ertönen die Lieder der

Nachtigall, Grasmücke, Meise und des Rothkehlchens. Auf den Gipfeln der

Fichten und Tannen schlägt der Finke, pfeifen Amsel und Drossel, girrt

die wilde Taube. Mitten hindurch ruft der Kukuk seinen Namen in die

Welt hinein.

Hier hüpft ein Häslein schnell vorüber, weil es einen Fuchs wittert.

Dort nagt ein Reh an einer jungen Birke. Zuweilen tritt auch wol ein

Hirsch aus dem Dickicht hervor.

Ueber dem Waldbächlein spielen die Mücken und schweben die glänzenden

Libellen. Blickt man in die klaren Wellen hinein, sieht man Schmerlen

und Forellen in lustigem Tanze. An dem feuchten Ufer kriecht hier und

da eine Schnecke und an dem Erlengebüsche blitzen goldene Laubkäfer im

Sonnenscheine.

Was für ein Leben mag nun erst in den Wäldern der heißen Länder sein,

wo die Löwen, Tiger, Panther und Leoparden brüllen, die Elephanten auf

den Lichtungen grasen, Paviane, Schimpansen, Brüllaffen, Uistitis und

Meerkatzen auf den schlanken Palmen sich wiegen, Papageien und Kakadus

kreischen und riesige Schlangen auf Beute lauern.

4. Der Jahrmarkt.

(Sachen.)

Welch ein buntes Leben ist doch auf einem Jahrmarkte! Man hat nicht

+Augen+ genug, um all die Dinge, die hier zum Verkaufe ausgestellt

sind, zu sehen. Links und rechts auf den +Straßen+ und +Plätzen+

stehen lange +Reihen+ von Buden und Tischen. In der einen dieser

kleinen Kaufhallen erblickt man z. B. Blechwaaren. Da gibt es Löffel,

Reibeisen, Gießkannen, Lampen, Kohlenkästen und Leuchter. In einer

andern sind Glasgegenstände ausgestellt. Da sieht man Gläser,

Flaschen, Teller, Tintenfäßchen, Leuchter, Vasen und Perlen.

Hier steht eine Bude mit Drechslerarbeiten, als: Spazierstöcke,

Tabakspfeifen, Zwirnweifen, Ellen, Zollstäbe, Dosen, Knöpfe u. dergl.

An einem langen Tische verkauft ein Mann Streichhölzchen, Schwamm,

Räucherkerzchen, Fleckseife, Putzpulver und Wetzsteine. In einem

Hausflur hängen fertige Röcke mit Sammetkragen und blanken Knöpfen,

Westen mit Schnüren, Hosen mit Borte, Ueberzieher, Hüte und Mützen.

Dort an der Straßenecke ruft ein Mann: „Kauft Tücher, Bänder, Spitzen,

Cravatten und Handschuhe!“ Dicht neben dem Brunnen auf dem Markte

befindet sich eine große Bude mit Galanteriewaaren. Da gibt es

Geldbörsen, Broschen, Uhrketten, Tuchnadeln, Puppen, Porzellanköpfe,

Taschenspiegel, Fingerhüte, Nadelbüchsen, Bleistifte, Schiefertafeln,

Gummibälle u. s. w.

Und welche Menge von Gegenständen hat nun erst die Spielwaarenhandlung

dort drüben an ihr Fenster gestellt: Zappelmänner, Baukästen,

Armbrüste, Reifen, Drachen, Springseile, Trommeln, Flinten, Kanonen,

Säbel, sogar eine Festung und ein Theater sind daselbst zu sehen.

Wie gern möchte man sich dies und jenes Spielzeug kaufen, wenn man nur

Geld dazu hätte!

5. Der Wißbegierige.

(Stoffnamen.)

Arthur war zwar noch ein kleiner, aber schon sehr lernbegieriger Knabe.

So oft er mit seinem Vater spazieren ging, mußte ihm dieser fortwährend

Fragen beantworten. Da wollte Arthur wissen, wie die Dinge, die er sah,

hießen; woraus und von wem sie gefertigt und wozu sie da wären.

Eines Tages gingen Vater und Sohn auch spazieren. Unterwegs fragte

Arthur: „Vater, woraus sind denn die Häuser gebaut?“

„Die Mauern“, erwiderte der Vater, „sind aus +Stein+, +Sand+,

+Lehm+, +Kalk+ und +Mörtel+ erbaut; das Dach, die Thüren, die Dielen

und Fensterrahmen sind aus +Holz+, die Schlösser aus +Eisen+, die

Dachrinnen aus +Blech+ und die Fensterscheiben aus +Glas+ gefertigt.“

Bald darauf kamen sie an dem Fenster eines Geldwechslers vorüber. Hier

standen eine Menge Münzen zu Schau ausgestellt. „Woraus wird denn das

Geld gemacht?“ fragte Arthur schnell.

„Die Pfennige, Dreier und Fünfpfenniger“, sagte der Vater, „werden aus

Kupfer, die Groschen und Thaler aus Silber, die Dukaten aus Gold und

die Kassenbillets aus Papier gefertigt.“

Später wollte Arthur wissen, woraus denn eigentlich die verschiedenen

Kleidungsstücke gearbeitet würden. „O“, belehrte der Vater, „da gibt es

der Stoffe eine große Zahl. Deine Mütze z. B. ist aus Tuch gefertigt,

das Tuch aber wird aus Schafwolle gearbeitet. Dein Halstuch ist aus

Seide gewebt. Deine Jacke besteht aus Leinwand, diese aber wird aus

Flachs gewonnen. Die Knöpfe auf Deiner Jacke sind aus Horn, die an der

Weste aus Perlmutter und die an den Hosen aus Zinn hergestellt. Die

Schnalle an Deinem Gürtel ist aus Stahl geformt. Deine Stiefel hat

der Schuhmacher aus Leder gefertigt; natürlich brauchte er noch Pech,

Schwärze, Wachs, Wichse und Hanf zum Schuhdraht dazu. Deine Strümpfe

wurden aus Garn gestrickt; das Garn aber besteht aus Baumwolle.“

Zuletzt fragte Arthur auch noch, woraus denn der Mensch bestehe und

woraus er geworden sei. „Der menschliche Körper“, erwiderte der Vater,

„besteht aus Fleisch und Blut, aus Fett und Schleim, aus Knochen,

Knorpel und Mark; geschaffen aber hat ihn der liebe Gott aus Erde, wie

Du in der Bibel lesen kannst.“

6. Eine Festung im Kriege.

(Mengenamen.)

Mitten in einem großen +Flußgebiete+ lag eine ziemlich starke Festung.

An ihrer nördlichen Seite zog sich ein bedeutendes +Gebirge+ hin, sodaß

die +Besatzung+ von hier aus keinen Angriff zu befürchten hatte. Die

Festung war in Vertheidigungsstand gesetzt worden. Der Wald ringsum

lag gefällt, selbst das kleinste Gestrüpp hatte weichen müssen.

Das Gemäuer, auf dem früher Gras wuchs, erblickte man ausgebessert

und verstärkt. Das Gebälk der Festungsbrücke hatte man in die Luft

gesprengt.

Da sich in der Stadt selbst viel Reichthum vorfand, konnte sich die

Einwohnerschaft reichlich mit Vorräthen versehen. Es fehlte nirgends

an Brod, Mehl, Salz und Gemüse. Sogar Wild, Geflügel und gesalzenes

Fleisch war im Ueberflusse vorhanden. Auch an gutem Wasser konnte

nicht leicht Mangel eintreten. Ebenso gut hatte sich das Heer, welches

die Besatzung der Festung bildete, versehen. Für die Mannschaft

lagen Lebensmittel und für das Vieh Heu, Hafer und Stroh in Menge

aufgespeichert.

So glaubte man nun ruhig dem Feinde ins Auge sehen zu können. Ja, die

Soldaten konnten den feindlichen Angriff kaum erwarten, denn sie waren

von heißem Geblüt.

Endlich rückte die Schaar der Gegner an und die Beschießung begann. Die

Nationen von fast ganz Europa richteten ihre Blicke auf diesen Kampf,

während dessen die Bevölkerung der Festungsstadt sehr viele Verluste zu

erleiden hatte.

Nach mehrwöchentlicher Belagerung entschied sich das Schicksal der

Festung. Die feindlichen Geschosse legten ihre Wälle, Mauern und andere

Befestigungen in Trümmer. Darauf folgte ein Sturmangriff und die

Festung war verloren. Das Blut floß in Strömen. Durch das furchtbare

Getöse des Kampfes drang das Gewimmer und das Gestöhne der Verwundeten.

Einen schrecklichen Anblick boten die Verwüstungen in der Stadt.

Die schöne, große Bibliothek und die herrliche Bildergallerie waren

verbrannt und die Heiligthümer der Kirchen durch die Geschosse

zerstört. Mit Thränen in den Augen stand das Volk an den Trümmern

seiner Habe, die zu einem großen Theile in Asche lag.

7. Schulexamen.

(Eigennamen.)

„Ei, +Emilie+“, rief +Bernhard+ seiner Schwester zu, als er aus

der Schule kam, „heute hieß es aber aufpassen. Unser Lehrer, Herr

+Schmelzer+, wollte nämlich einmal sehen, ob wir von dem, was er uns

gelehrt und erzählt habe, noch recht viel wüßten. Und so richtete er

denn an einen jeden von uns eine Frage.“

Franz Dunker mußte die Geschichte von dem Moses, Hans Weinlich die vom

Goliath und Emil Heinz die vom Daniel erzählen. Julius Bär mußte sagen,

wann Luther, August der Starke und Napoleon I. geboren wären.

Heinrich Tümmler mußte angeben, wo Sachsen, Baiern, Würtemberg, Preußen

und China lägen.

Wilhelm Borisch mußte die Einwohnerzahl von Paris, Wien, London, Berlin

und Dresden nennen.

Alexander Miersch sollte sagen, wo man die Schlösser Wesenstein und

Scharfenstein und die Dörfer Machern, Kesselsdorf und Hochkirch zu

suchen habe. Er wußte es aber nicht.

Julius Neubert bekam die Frage, wie hoch der Brenner, der Simplon, der

Schafberg, die Lausche und der Borsberg seien.

Theodor Wenzel hatte anzugeben, wo der Rhein, die Donau, die Weser und

die Spree entspringen.

Der kleine Felix Brendel erhielt die leichteste Aufgabe. Er mußte

Eigennamen von Hunden, Katzen, Pferden und Kühen angeben. Da sagte er

denn, daß die Hunde Karo, Ammi, Schnacksel, Bello, Leo, Waldmann u.

dergl. hießen; daß manche Katzen den Namen Peter, Schnurr oder Michel

führten; daß man Pferde mit Rosa, Pollux, Hektor u. dergl. bename und

einzelne Kühe Musel, Schecke, Brummkatharine, Mummel, „Stallmeister

u. s. w. gerufen würden.“

8. Zweierlei Schüler.

(Gedankendinge.)

Emil war ein sehr braver Schüler. Er liebte die +Pünktlichkeit+

und +Reinlichkeit+. Während des +Unterrichts+ zeigte er die größte

+Aufmerksamkeit+, um alles Gehörte im +Gedächtnisse+ zu behalten. Wurde

er gefragt, so gab er seine Antworten mit Ueberlegung und Anstand.

Seine Schularbeiten fertigte er zu jeder Zeit mit Fleiß, Sorgfalt und

der möglichsten Sauberkeit. Ueber jeden seiner Fortschritte bezeigte er

Freude. Der leiseste Tadel bereitete ihm Schmerz.

Was aber trieb ihn zur Erfüllung seiner Pflichten? Die Liebe zu seinem

Lehrer, die Dankbarkeit gegen seine Eltern und der Gedanke, daß

Kindheit und Jugend schnell vergehen und daß man daher jede Gelegenheit

benutzen müsse, sich Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen.

Ganz anders dagegen zeigte sich Bernhard. Er ging mit Unwillen und

Verdruß in die Schule. Auf dem Schulwege trieb er allerhand Unarten und

Dummheiten, ja sogar Rohheiten. Obgleich er sich dadurch oft Verweise,

Züchtigungen, Schimpf und Schande zuzog, zeigte er doch keine Besserung.

Auch in der Schule selbst ließ er sich viele Fehler und Vergehungen

zu Schulden kommen. Plaudereien, Neckereien und Kaupeleien waren

seine Lieblingsbeschäftigung. In seinen Gesichtszügen lagen List,

Verschmitztheit und Tücke. Kam eine Bestrafung vor, so leuchteten aus

seinen Augen Schadenfreude, Hohn und Spott.

Das Lesen, Schreiben und Rechnen war ihm eine Last. Ueberhaupt betrieb

er alles Lernen mit Nachlässigkeit und Flüchtigkeit. So konnte es

denn auch nicht fehlen, daß er wegen Faulheit und Liederlichkeit

heruntergesetzt und endlich der Letzte in der Klasse wurde. Aber auch

das bereitete ihm weder Kummer, noch weckte es Reue in ihm. Er blieb

für den Lehrer eine Plage und seinen Eltern ein Kind der Sorge und des

Herzeleids.

9. Freund Apfelbaum.

(Ein- und Mehrzahl.)

Im +Garten+ stand ein +Apfelbaum+. Er war der stärkste und höchste

unter allen +Bäumen+ in den +Gärten+ ringsumher. Seine +Aeste+ und

+Zweige+ breiteten sich weit aus und an jedem +Aste+ hingen große,

süße +Aepfel+. Sie waren so groß, daß sich ein Kind an einem einzigen

solchen Apfel satt essen konnte. Deshalb waren denn auch die Kinder oft

um ihn herum. Zuweilen legten sie sogar Hand an seinen Stamm, um ihn zu

rütteln, damit eine Frucht herabfallen solle. Solche starke Stämme aber

lassen sich nicht von so schwachen Händen bewegen.

Eines Tages saß Hermine auch unter dem schattigen Dache des alten

Freundes und hatte einen großen Korb mit verschiedenem Spielzeuge vor

sich. In einem kleinen Kasten lagen bunte Papierstreifen. Aus diesen

flocht sie niedliche Körbchen. Da nun jeder Streif eine andere Farbe

hatte, gaben diese verschiedenen Farben dem Körbchen ein schönes

Aussehen. In andern Kästen befanden sich Perlen, Würfel, Buntstifte u.

dergl.

Jetzt nahm Hermine einen Faden und reihte Perle um Perle daran. Als

zwei Fäden gefüllt waren, band sie dieselben um ihren Hals. Darauf

ergriff sie einen Buntstift und zeichnete einen Würfel mit seinen

Kanten, Flächen und Punkten.

Nachdem sie eine Stunde gespielt hatte, zog sie Bücher aus dem Korbe

hervor und las. In dem einen Buche standen mehrere Geschichten mit

bunten Bildern, das andere enthielt blos eine Geschichte mit einem

Bilde. Indem aber Hermine las, fiel ein großer Apfel herab und gerade

auf das Buch, sodaß zwei Blätter beschädigt wurden. Das eine Blatt war

mittendurch gerissen. Hermine erschrak, lachte aber bald darauf und

sagte: „Ei, ei, alter Freund! Wie kannst du mich so erschrecken? Das

sind mir schöne Freunde, die Einen mit Aepfeln bewerfen.“

10. Getäuschte Hoffnungen.

(Ohne Mehrzahl.)

Mitten in einem Urwalde +Amerikas+ stand eine dürftige Hütte, aus

brauner +Erde+, +Lehm+ und +Kalk+ erbaut. Das +Gebälk+ war grob

gezimmert. Da durch die kleinen Fenster wenig Licht eindrang, lag in

dem niedern Wohnzimmer ein tiefes Dunkel, das bei trübem Wetter sogar

zur Finsterniß wurde. Auf den Dielen erblickte man etwas Heu und

Stroh, auf welchem die Bewohner, welche deutsche Einwanderer waren,

ihre Nachtruhe hielten. Die Beschaffenheit der Nahrung der armen

Leute grenzte an Dürftigkeit. Wasser war ihr einziger Trunk, wenn

sie der Durst quälte. Milch und Kaffee bekamen sie nie zu Gesicht.

Im Sommer litten sie viel durch die große Wärme, die sich bis zur

fürchterlichsten Hitze steigerte. Im Winter trat die Kälte mit großer

Strenge und Ausdauer auf, führte viel Schnee und Eis herbei und fügte

ihnen viel Leid zu.

Die guten Leute hatten Deutschland, ihre Heimat, verlassen, um in

Amerika ihr Glück zu machen. Sie hofften hier Gold und Silber zu

finden, fanden aber nicht einmal Zinn und Blei. Das Eigenthum, das sie

an baarem Gelde mitgebracht hatten, war bereits zu ihrem Unterhalte

verbraucht. So trat zuletzt Hunger und Kummer, Noth und Elend an sie

heran.

Mit Reue dachten sie an ihre Vergangenheit und an ihr einstiges

Vaterland zurück, wo sie ein Leben in Wohlsein und ohne alle Trübsal

geführt hatten. Die Sehnsucht nach dem alten Daheim ergriff sie, aber

es fehlte ihnen am Besten, die Rückreise anzutreten. So sanken die

armen Deutschen immer tiefer ins Unglück. Nirgends fanden sie Trost und

Beistand. Sie mußten in ihrem kümmerlichen Dasein ausharren, bis sie

der Tod von allem Jammer erlöste.

11. Gastfreundschaft.

(Doppelhauptwörter.)

An einem einsamen +Waldrande+ lag eine +Köhlerhütte+. Das niedere

+Strohdach+ war vom +Sturmwinde+ zerzaust und bedurfte der

Ausbesserung. Wo aber sollte der arme +Waldarbeiter+ +Dachstroh+

hernehmen? Sein +Tagelohn+ langte kaum zur Morgensuppe, zur

Mittagsmahlzeit und zum Abendbrode für sich und seine Kinderschaar.

Auch die dünnen Lehmwände der Köhlerwohnung zeigten Zerstörungsspuren.

Regengüsse und Hagelwetter hatten sie gepeitscht, den Kalkbewurf

abgespült und das Lehmwerk durchlöchert, sodaß zur Winterszeit die

rauhen Nordweststürme ungehindert hindurchpfeifen konnten. Ein

Hausthürverschluß war nicht mehr möglich, denn die Thürschloßfeder war

zersprungen. Die Fensterscheiben vertrat hier und da ein Streifen von

Kaffeedütenpapier oder ein Volkskalenderblatt.

An einem Herbstabende saß die Köhlerfamilie um den schmalen Holztisch

und verzehrte ihre Abendmahlzeit. Da trat plötzlich ein vornehmer

Jägersmann, einen schmucken Filzhut mit einer Birkhuhnfeder auf dem

Kopfe, einen Hirschfänger mit Perlmuttergriff, ein Pulverhorn mit

Silberquaste an der Seite und eine Schrotflinte auf dem Rücken, ein. Er

erklärte, daß er von seinem Jagdgefolge abgekommen, auf verschiedene

Kreuzwege gerathen sei und so sammt seinem Dachshunde und Windspiele

den Hauptwaldpfad verloren habe. Schließlich bat der Waidmann um

ein Nachtquartier und sei es auch nur ein Dachkammerraum mit einem

Strohlager.

Die braven Köhlereheleute erklärten sich zu diesem Liebesdienste gern

bereit und luden den vornehmen Stadtherrn ein, wenn er Hunger habe, mit

ihnen Kartoffelsuppe und Butterbrodschnitte nebst Quarkkäse zu essen.

Der Jägersmann dankte, da er kein Magenbedürfniß verspüre.

Während ihm nun das Nachtlager auf der breiten Ofenbank bereitet

wurde, unterhielt er sich in scherzhafter Weise mit dem

Kinderkreise. Er gab den Knaben Buchstabenräthsel und recht lange

Hauptwörter zum Nachsprechen auf, um ihre Zungenfertigkeit und

Sprachgewandtheit auf die Probe zu stellen. So mußten sie z. B.

die Riesenhauptwörter nachsprechen: Dudelsackpfeifenmachergeselle,

Schornsteinfegerknabenwassersuppentellerrand,

Pulvermühlennachtwächterseitengewehrscheidenspitzenknopf.

Den Kindern machte diese Zungenarbeit viel Spaß. Als das Ofenbanklager

fertig war, begaben sich der Fremde und auch die Köhlerfamilie zur

Ruhe. Wie sehr aber erschrak und erstaunte der alte Hausvater am andern

Morgen, als ihm der Nachtgast mit Sonnenaufgang fünf Kronenthaler in

die harte Arbeitshand drückte und ihm beim Abschiedsgruße sagte, daß er

dem +Kronprinzen+ Gastfreundschaft gewährt habe.

12. Eine musterhafte Schülerin.

(Nichthauptwörter zu Hauptwörtern erhoben.)

Die reiche Kaufmannstochter Mathilde war ein Muster einer Schülerin.

Das +Aufmerken+ und +Lernen+ gewährte ihr einen Genuß. Das +Lesen+

hatte sie in drei Monaten erlernt. Auch das +Schreiben+ hatte sie

leicht begriffen, nur das kleine Err und das Eszett machten ihr

Schwierigkeiten. Im Rechnen erwarb sie sich stets die erste Censur.

Ebenso geschickt stellte sich Mathilde zum Zeichnen, Singen,

Clavierspielen, Häkeln, Stricken, Sticken und Turnen an. Sie liebte

alles Gute, Schöne und Nützliche und ihr Streben und Ringen darnach

trug die schönsten Früchte.

Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch für den deutschen Sprachunterricht in der Volksschule · 第 1 / 18 段