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Anmerkungen zur Transkription
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Sprachbilder
nach
bestimmten Sprachregeln.
Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch
für den
deutschen Sprachunterricht in der Volksschule.
Für Lehrer und Schüler
gearbeitet von
Franz Wiedemann,
Oberlehrer an der vierten Bürgerschule in Dresden.
Erster Theil.
Zweite Auflage.
Leipzig,
Alfred Oehmigke’s Verlag
(Moritz Geißler).
Vorwort zur zweiten Auflage.
Wenn ich auch meinen Sprachbildern, als sie ihre Reise in die
pädagogische Welt antraten, mit einem gewissen Vertrauen zu ihrer
praktischen und darum lebensfähigen Natur nachsah, durfte ich mich
doch =der= Hoffnung nicht hingeben, daß ich schon nach ca. einem Jahre
in der Lage sein würde, von dem =ersten= Theile eine =zweite Auflage=
folgen lassen zu müssen. Daß dies nun aber geschehen, sowie der
Umstand, daß diese meine Sprachbilder (I. und II. Theil) von dem
=Hohen Königlichen sächsischen Ministerio des Cultus und öffentlichen
Unterrichts als zweckmäßig und praktisch anerkannt und den
Schulinspectoren im Königreich Sachsen zur Einführung in die Schulen
officiell empfohlen worden sind=,
erfüllt mich mit ganz besonderer Freude!
Es sei mir gestattet, hier noch einmal kurz die charakteristischen
Eigenschaften meines Werkchens niederzulegen:
1) Es basirt auf der neuesten und jedenfalls für die Volksschule
zweckmäßigsten Methode, nach welcher der Sprachunterricht an Lesestücke
anzulehnen ist.
2) Es belastet die Schüler nicht mit todtem Regelwerke.
3) Es enthält auf allen Klassenstufen ein bestimmtes =Lehrziel=.
4) Es zeichnet einen klaren, einfachen =Lehrgang= vor, der stricte auf
dem Grundsatze ruht: „Vom Einfachen zum Zusammengesetzten“.
5) Es bietet eine reiche Auswahl von =Lehrstoff= (278 Artikel), sodaß
dem Lehrer viel Spielraum gelassen ist.
6) Welche Lehrmethode ein Lehrer auch treibe oder triebe, unter allen
Umständen werden ihm diese Sprachbilder „=dienend=“ zur Seite stehen.
7) Der bei weitem größte Theil der betreffenden Artikel dürfte sich
ganz gut als Material zu stilischen Aufgaben eignen.
Mögen diese „Eigenheiten“ meines Werkchens in immer weiteren Kreisen
gefunden und anerkannt werden. Wird mir dieser Wunsch erfüllt, dann
wird es sich sicher so lange immer weitere Bahnen brechen, bis Einer
kommt, der die Aufgabe, welche sich dieses Büchlein stellt, besser
löst, als ich es vermocht habe.
+Dresden+, Ostern 1874.
=Franz Wiedemann.=
Ein Wort zu den Sprachbildern an die Lehrer.
Zu den vielen bereits vorhandenen Sprachbüchern und Sprachbüchelchen
für die Hand des Lehrers und des Schülers der Volksschule --
wohlgemerkt, der =Volksschule= -- bringe auch ich noch eins herbei,
aber ein anderes als die gewöhnlichen; wie ich vermeine, ein
originelles und -- täusche ich mich nicht -- ein =recht praktisches=.
Gewiß zu Nutz und Frommen der Volksschule, und darum mit vollem Rechte,
hat sich die größere Zahl der Volksschullehrer der Ansicht zugewendet,
daß man den Sprachunterricht nicht nach todtem Regelwerke, nicht
nach einer fast unabsehbaren Litanei von einander coordinirten oder
subordinirten Sprachgesetzen, sondern auf Grund eines +Lehrstückes+,
als eines fertigen Sprachgebildes, treibe. Dasselbe wird bekanntermaßen
gelesen, dann zergliedert und bei dieser Operation werden die Regeln
des Satzbaues, sowie die Bedeutung und die Stellung der Begriffs- und
Formwörter entwickelt und gefunden.
Ganz +ohne Regeln+ kommen wir natürlich bei dem Sprachunterrichte nicht
weg, denn auf das blose +Sprachgefühl+ können wir unsere Volksschüler
ebenso wenig verweisen, als uns auf dasselbe verlassen.
Wo aber sind nun jene Lesestücke, an denen die wichtigsten Sprachregeln
entwickelt werden sollen, herzunehmen? -- Natürlich nirgends andersher,
als aus den Lesebüchern, welche die Schüler in den Händen haben.
Die allermeisten dieser Lesestücke, wie wir sie in den bekannten
zahlreichen Lesebüchern für Volksschulen finden, sind recht gut, viele
musterhaft und wahre Meisterstücke des Sprachbaues; keins von allen
aber wurde wol in =der Absicht= und =zu dem Zwecke= geschrieben,
bestimmte Sprachregeln und Sprachgesetze darin zu veranschaulichen.
Sie alle wurden des =Stoffes= und höchstens der =Darstellungsformen=
(Schilderung, Beschreibung, Erzählung etc.) =halber= geschaffen.
Dieser Umstand aber wird für den Sprachlehrer zu einer +Calamität+
und diese habe ich selbst eine Reihe von Jahren hindurch oft recht
bitter empfunden. Wie so? -- Nun ja, der Sprachlehrer will z. B.
die verschiedenen Arten der Haupt-, Für- oder Zahlwörter, oder
die Steigerung der Eigenschaftswörter, oder deren Stellung zum
Hauptworte, oder die Bedeutung und Stellung der Umstandswörter, oder
die verschiedenen Arten und Naturen der Verhältniß- und Zahlwörter,
oder die mannichfachen Ergänzungen etc. etc. zur Anschauung und zur
Besprechung bringen; wo aber findet er nun ein Lesestück, das für
den vorliegenden Fall so recht geeignet ist, das die betreffende
Wortgattung, die betreffende Regel möglichst allseitig repräsentirt?
Als ganz nebensächlich sei hier noch bemerkt, in welche Verlegenheit
man in dieser Hinsicht gerathen kann, wenn es, beispielsweise bei einer
öffentlichen Schulprüfung, einmal heißt: „Behandeln Sie die Umstände
des Orts (oder die Verhältnißwörter, welche den dritten Fall bedingen,
oder die Zahlwörter) auf Grund eines Lesestückes.“ Obgleich sich nun
jeder nur einigermaßen gewandte Sprachlehrer auch in diesem Falle +zu
helfen wissen+ und einem Fiasco entgehen wird, ist doch immerhin dabei
Holland mehr oder weniger in Nöthen, da sich eben ein für diesen Fall
geeignetes Lesestück schwer oder gar nicht auffinden läßt. Doch das
eben nur nebenbei.
Diesem Mangel an geeigneten Lesestücken speciell für den Unterricht in
der deutschen Sprache wollte ich nun mit dem gegenwärtigen Büchlein
abhelfen. =Alle Stoffe und Materialien darin sind in allererster Linie
eigens für den Sprachunterricht bearbeitet.= Jeder einzelne Artikel
darin ist für einen bestimmten Sprachunterrichtszweck, für eine ganz
bestimmte Sprachregel geschrieben, wie die verschiedenen Ueberschriften
des Näheren lehren. Das Ganze ist also durchaus kein Sammelwerk,
sondern besteht aus lauter Originalartikeln. Ein Blick hinein wird Dir
sagen, daß sowohl für die Wörterklassen als auch für den einfachen
Satz des Stoffes hinreichend vorhanden ist. Und wieder ein Blick
in die einzelnen Artikel wird Dich überzeugen, wie dieselben die
betreffende Regel möglichst allseitig und erschöpfend veranschaulichen.
Haben Lehrer und Schüler dieses Buch in der Hand, denke ich mir den
Sprachunterricht für beide Theile als =eine Lust=!
Aber mit diesem Buche wollte ich auch noch einen andern Zweck
erreichen. Für das Bedürfniß der Volksschule erscheint es mir geboten,
den Schülern =recht, recht anschaulich= zu machen, wie sich ein
Satz aufbauen und erweitern läßt und wie jedes neu hinzutretende
Satzglied dem „Gedanken“ einen weiteren oder, nach Umständen, einen
engeren Spielraum anweist. Ich bin daher in der Classification
meiner Sprachstoffe für die Behandlung des einfachen Satzes vom
allereinfachsten Satze ausgegangen, habe =Schritt für Schritt= eine
neue, nähere Bestimmung hinzutreten lassen und so das Satzgebäude nach
und nach bis an die möglichsten Grenzen erweitert. Diese ganze Art und
Weise ist der Arbeit eines Maurers zu vergleichen, der eben auch einen
Stein und ein Steinchen nach dem andern an- und beisetzt, bis endlich
der Bau vollendet dasteht.
Wenn irgend in einem Unterrichtsfache der Volksschule, müssen wir
vor allen Dingen im Sprachunterrichte dem alten Urgesetze alles
Unterrichts „=vom Einfachen zum Zusammengesetzten=“ treu bleiben,
unbekümmert um all die gelehrten und gekünstelten Unterrichtssysteme,
welche „studirte“ Sprachforscher oder pädagogische Methodenjäger
aufgestellt haben. Wir haben einmal gar =keine Zeit= und dann auch
gar =kein Publikum= dazu, um uns auf die =feineren= Beziehungen und
Deutungen in Bezug auf das reiche Material unseres Sprachschatzes
einlassen zu können. Unsern guten Volksschulkindern haben wir vor allen
Dingen einfache, aber feste und bestimmte Sprachgesetze zu geben. Das
„+Höhere+“ und das „+Tiefere+“ ist Sache derjenigen Lehranstalten,
welche über das Elementarschulwesen hinausliegen. O und wir haben
vollauf, =übervollauf= zu thun, um unsere Volksschulkinder -- und zu
ihnen rechne ich getrost auch die Schüler der sogenannten höheren
Bürger- und Privatschulen -- in diese blosen Grundelemente der Sprache
einzuführen. Wer diese Wahrheit vergißt oder bestreitet und meint,
man könne die Kinder auch als Kinder schon in die „Kunst“ der Sprache
einweihen, der kommt mir vor wie ein Maler, der einem schlichten
Landmanne das Verständniß der Schönheit der Sixtinischen Madonna
beibringen wollte.
Das Hinausgehen über die Marksteine, die uns die Kindesnatur setzt,
wird in dem Sprachunterrichte zu einem Würgen und Quälen für Schüler
und Lehrer, was sich recht deutlich in den Stilübungen zeigt. Bei
diesen Arbeiten, will mich bedünken, wird überhaupt am allermeisten
gesündigt. Was wird da nicht selten schon von einem zehn-, zwölf-,
dreizehn-, vierzehnjährigen Knaben oder Mädchen verlangt! Aufsätze von
sechs, acht Seiten und noch länger. Und was für Themen oft! Themen,
deren Bearbeitung vielleicht dem Herrn Lehrer selbst, der doch erstens
die deutsche Sprache bereits zwanzig oder dreißig und mehr Jahre
gesprochen und geübt hat, während beispielsweise das dreizehnjährige
Kind dieselbe kaum erst +sieben+ Jahre mit Bewußtsein spricht; der
zweitens ein oder so und so viel Jahrzehnte älter und darum viel,
viel verstandesreifer ist als das Kind; der drittens an Anschauungen
und Erfahrungen dem Kinde weit, weit überlegen sein muß; der viertens
vier bis sechs Jahre eine höhere oder wol gar hohe Schule besucht;
der fünftens im Laufe der Jahre so und so viel Zeitungen, Broschüren,
Bücher und Werke gelesen und aus ihnen Stoff gesammelt hat -- =einiges
Kopfzerbrechen= gemacht hat. Die Hand aufs Herz, liebe Freunde!
Oder sollte Euch noch kein Lehrplan, namentlich der sogenannten
höheren Bürger- oder Privatschulen, vorgekommen sein, der das
Sprachziel (Grammatik und Stil) dermaßen hinaufschraubt, als ob auf den
Schulbänken Seminaristen oder gar Studenten säßen?
Wie viel würde für die praktische sprachliche Ausbildung unserer
Volksschüler gewonnen werden, wenn man dieselbe Kraft und Mühe, die
man an die Erreichung jener überschwänglichen Ziele setzt, auf das
=wirklich Erreichbare= verwendete!
Das Streben, auch in sprachlicher Hinsicht für die Volksschule
Fortschritte zu erzielen, ist höchst ehrenvoll und lobenswerth, aber
nur +nicht zu viel verlangen+ und zu viel erwarten! Die Kindesnatur
hat eben ihre Grenzen und ganz dieselben Grenzsteine werden auch nach
tausend Jahren noch stehen.
Doch zurück zu meinem Büchlein!
Am Schlusse desselben habe ich ganz kurz angedeutet, wie man etwa zu
verfahren hat, um die vorkommenden Sätze, namentlich die scheinbar sehr
verschlungenen, sprachlich aufzulösen. Mit Absicht aber habe ich alle
weitere Unterweisung über die Behandlung der einzelnen Sprachbilder
unterlassen. Und warum?
1) Jedes einzelne Sprachbild sagt ja ganz klar und deutlich, welches
Sprachobject darin vertreten, zu entwickeln und zu veranschaulichen
ist.
2) Wer sich daher in einem solchen Artikel nicht =selbst= zurecht
fände und nicht selbst wüßte, auf welche Weise er das darin
vertretene Sprachobject zur Anschauung und zur sprachlichen
Verwerthung zu bringen habe, der möge sich getrost aus der Liste der
Sprachlehrer streichen lassen.
3) Um eine solche Anweisung erschöpfend zu behandeln, hätte ich, da
doch jedes einzelne Sprachbild etwas Neues bietet, zu jedem derselben
einen Commentar schreiben müssen. Das aber hätte ein dickes Buch
gegeben und wäre dann kein Buch für die Hand des Schülers mehr
gewesen.
4) Dergleichen Unterweisungen, wie ein Lehrstück sprachlich zu
behandeln ist, existiren schon; ich erinnere nur an die „Praktische
Anweisung zum deutschen Sprachunterricht“ von A. Berthelt. -- Wozu
sollte ich Bekanntes und Bewährtes wiederholen?
Mit Absicht habe ich auch keine +Aufgaben+ für Schüler beigegeben,
weil ich vermeine, daß der ebenfalls kein Lehrer der deutschen Sprache
sein kann, der nicht verstünde, auf Grund der gepflogenen Besprechung
eines solchen Lesestückes seinen Schülern irgend eine darauf bezügliche
Aufgabe für ihren Privatfleiß zu ertheilen.
Nur bezüglich der Bildung der erweiterten einfachen Sätze folgt zum
Schlusse ein kleiner Wink.
Daß der bei weitem größte Theil der vorliegenden Sprachbilder auch
Stilstoffe sein und werden können, dürfte sich leicht erkennen lassen.
Wie Du nun, lieber College, mein Werkchen finden wirst, weiß ich nicht.
Nur um Eins bitte ich Dich: Fälle Dein Urtheil nicht auf Grund eines
blos =flüchtigen= Einblicks. Nein, willst Du über das Büchlein zu
Gericht sitzen, so kürze die Voruntersuchung nicht zu sehr ab. Sieh Dir
es +genau an+, damit Dir ganz klar wird, =was= und =wie= ich es will.
Thust Du das, so hege ich die Hoffnung, daß Du meine Arbeit =praktisch=
erfinden und in dem Büchlein ein Unterrichtsmittel entdecken wirst, das
dem Lehrer und dem Schüler die Arbeit =bequem= und =leicht= macht. Das
aber -- und daraus ist ja kein Hehl zu machen -- ist bei allen meinen
kleinen pädagogischen Schriften meine Hauptabsicht. Wäre sie auch bei
dem gegenwärtigen Büchlein erreicht, würde ich mich freuen und Du
würdest darob nicht böse sein.
Zu dem Ende aber will ich nun noch als =Kritiker meiner selbst=
auftreten, um Dir die Mühe zu ersparen.
Nr. 1. „Der Stil ist in einzelnen wenigen Fällen nicht ganz fließend.“
=Weiß wohl=, und ich hätte diesen Umstand leicht umgehen können, wenn
mir nicht in Bezug auf die Wahl der Worte und Redetheile die Hände
gebunden gewesen wären und gebunden sein =sollten=. Bei so aus Gründen
gefesselter Hand würde es vielleicht selbst einem „Meister von der
Feder“ nicht möglich gewesen sein, einen ganz vollendeten Stil zu
schaffen. Mit drei Farben läßt sich natürlich kein +solches+ Gemälde
erzeugen, wie es mit zehn Farben möglich wird.
Nr. 2. „Es ist in einigen allerdings nur seltenen Fällen die eiserne
Consequenz zu vermissen.“
=Weiß wohl=, was damit gesagt sein soll. Es kommt nämlich in einzelnen
Fällen vor, daß ich irgend ein Formwörtchen mit in Anwendung gebracht
habe, was, streng genommen, noch nicht auftreten durfte. Ich mußte
indeß zu diesem Mittel greifen, wenn der Stil nicht hart und eckig
werden sollte. Dergleichen Nothfälle aber, die nur ganz vereinzelt zu
finden sind, können ja im Unterrichte mit leichter Mühe ignorirt werden.
Nr. 3. „Die letzten Wiederholungsnummern der Sprachbilder erscheinen
fast schwülstig.“
=Weiß wohl!= Sie sollen auch keineswegs Stilmuster sein, sondern nur
zeigen, wie sehr der einfache Satz ausgedehnt und erweitert werden
kann. Es sind +diese+ Sprachbilder gewissermaßen Knochen, an denen
sich die Geisteszähne der Schüler schärfen sollen. So verschlungen
auch ein solcher Satz für den ersten Augenblick erscheint, ist er
doch immerhin nur ein einfacher, und es ist nicht allzuschwer für den
Schüler, nachdem er alles Vorhergegangene begriffen, das „=Gerippe=“
herauszuschälen und dasselbe nun selbst wieder mit dem +gegebenen+
Fleische und Blute nach und nach zu bekleiden.
Der =zweite Theil= dieses Werkchens, welcher, so Gott will,
nächste Ostern nachfolgen soll, wird den =zusammengezogenen=, den
=zusammengesetzten= und den =gefügten Satz= in ähnlicher Weise
behandeln, wie im ersten Theile der erweiterte einfache Satz behandelt
wurde.
Hast Du dann, lieber College, wenn Deine Schüler vierzehn Jahre zählen,
auch diesen zweiten Theil mit ihnen durchgearbeitet, kannst Du sie
getrost aus der Volksschule entlassen. Sie haben dann jedenfalls einen
guten Grund gelegt, selbst auch für den Fall, daß der eine oder der
andere sich einen Beruf erwählte, welcher noch ein eigentliches Studium
der deutschen Sprache erheischte.
Zum Schlusse nur noch ein Wort über die =Einführung= dieser
Sprachbilder. Es liegt im Wesen dieses Sprachbüchelchens, daß es jeder
Schüler selbst zur Hand und vor Augen habe, also selbst besitze.
Obgleich nun der Preis desselben auf das niedrigste gestellt ist,
dürfte doch der oder jener College das Bedenken erheben, daß +seine+
Schüler nicht im Stande sein würden, es sich anzuschaffen. Dieses
Bedenken mag in vielen Fällen wohlbegründet sein. Ich meine indeß, da,
wo die Eltern gehalten sind, ihren Kindern ein Spruchbuch oder einen
Katechismus, ein Gesangbuch, eine Bibel und wol gar ein Lehrbuch der
französischen und der englischen Sprache zu beschaffen, müßte doch wol
auch die Einführung eines deutschen Sprachbuches zu erzielen sein.
Oder sollte die schöne, theure =Muttersprache= vom Elternhause dieses
kleinen Opfers nicht für werth erachtet werden? Wäre das, dann wäre es
an uns, den betreffenden Vätern und Müttern klar zu legen, welch hohen
Werth eine gute sprachliche Bildung für ihr Kind habe.
Nun, so nimm es denn hin, lieber College, dieses kleine Werkchen, mit
dem ich -- ich wiederhole es -- Dir und Deinen Schülern wieder eine
Arbeit =leicht= und =bequem= machen wollte. Möge diese meine Arbeit,
die keine leichte war und ist, von Segen für die liebe lernende
Kinderwelt begleitet sein!
=Franz Wiedemann.=
Inhalts-Verzeichniß.
~A~. Die Wortarten.
Hauptwörter.
Sprachobjecte. Sprachbilder.
Nr. Seite
1. Menschen. Auf der Dresdner Brücke 1
2. Thiere. Beim Onkel auf dem Lande 2
3. Thiere des Waldes. Im Walde 3
4. Sachen. Der Jahrmarkt 4
5. Stoffnamen. Der Wißbegierige 5
6. Mengenamen. Eine Festung im Kriege 7
7. Eigennamen. Schulexamen 8
8. Gedankendinge. Zweierlei Schüler 9
9. Ein- und Mehrzahl. Freund Apfelbaum 10
10. Ohne Mehrzahl. Getäuschte Hoffnungen 11
11. Doppelhauptwörter. Gastfreundschaft 12
12. Nichthauptw. zu Hauptw. erhoben. Eine musterhafte Schülerin 13
13. Wiederholung der Hauptwörter. Belohnter Gehorsam 14
Eigenschaftswörter.
14. Formen und Gestalten. Formen der Pflanzenwelt 16
15. Abstracte Eigenschaftswörter. Der Frühling 17
16. Zusammengesetzte Eigenschaftsw. Der Geizhals 17
17. Das Eigenschaftsw. vor d. Hauptw. Der wohlthätige Bettler 18
18. Steigerung des
Eigenschaftswortwortes. Ein Gewitter 20
19. Eigenschaftswört. ohne
Steigerung. Ein Begräbniß 21
20. Declination d. Eigensch.
ohne Art. Die beste Apotheke 22
21. Wiederholung der Eigenschaftsw. Ehrlichkeit 24
Der Artikel.
22. Der bestimmte. Der Abend 25
23. Der unbestimmte. Der Dachs 26
24. Bestimmter u. unbestimmter. Der Liederliche 27
25. Desgleichen. Ein Frühlingsmorgen 27
26. Declination der Artikel. Ehre dem Tapfern 28
27. Desgleichen. Die Rettung 29
28. Wiederholung. Mißgunst 30
Das Zahlwort.
29. Bestimmte Zahlwörter. Der Würfel 31
30. Ordnungszahlen. Ordnung 32
31. Das unbestimmte Zahlwort. Christbescheerung 33
32. Zahlwörter zu Hauptw. erhoben. Die Feuersbrunst 34
33. Biegung des Zahlwortes. In der Strafanstalt 35
34. Wiederholung des Zahlwortes. Im Kriege 36
Das Fürwort.
35. Persönliche Fürwörter. Ein Brief 36
36. Besitz anzeigende Fürwörter. Schönheit bringt Gefahr 37
37. Bezügliche Fürwörter. Die Natur 38
38. Hinweisende Fürwörter. Aberglaube 39
39. Fragende Fürwörter. Räthselfragen 40
40. Unbestimmte Fürwörter. Eine schreckliche Zeit 41
41. Wiederholung der Fürwörter. Ein Brief 41
Das Zeitwort.
42. Bezügliche Zeitwörter. Auf dem Lande 42
43. Unbezügliche Zeitwörter. Nach der Schlacht 44
44. Bezüg. u. unbezüg. gebr. Zeitw. Arbeitsstunde 44
45. Unpersönliche Zeitwörter. Eine Angstnacht 46
46. Abwandlung d. Zeitw. n. d. Pers. Auf dem Spielplatze 47
47. Abwandlung d. Zeitw. n. d. Zeit. Ein Feriengespräch 49
48. Die Aussageweise. Aus einem Tagebuche 50
49. Das Mittelwort der Gegenwart. Ein Sommertag 52
50. „ „ „ Vergangenheit. Unter dem Kreuze 52
51. „ „ „ Zukunft. Ein Stück Kriegsarbeit 53
52. Leideform. Das Brod 54
53. Wiederholung d. Formen d. Zeitw. Die Berufswahl 55
54. Das Hilfszeitwort. Ein Zwist 57
Die Umstandswörter.
55. Umstandswörter des Ortes. Die Verirrten 58
56. „ der Zeit. Ein Brief 59
57. Desgleichen. Der tolle Reiter 60
58. Umstandswörter der Weise. Am Bache 61
59. „ „ Stärke. Der Geizhals 62
60. „ „ Aussagew. Die Landbewohner 63
61. „ „ Frage. Die Staare 64
62. Wiederholung d. Umstandswörter. Eine Wanderschaft 66
Das Verhältnißwort.
63. Verhältnißwörter des Ortes. Das Vaterhaus 67
64. „ der Zeit. Vor Paris 69
65. „ „ Weise. Die Rückkehr der Helden 69
66. „ des Grundes. Joachim 70
67. Wiederholung der Verhältnißw. Die Mühle 71
Das Bindewort.
68. Zusammenstellende Bindewörter. Ungleiche Brüder 72
69. Entgegenstellende „ Die goldene Freiheit 74
70. Begründende „ Amerika 75
71. Wiederholung der „ Treue Freundschaft 77
Das Empfindungswort.
72. Empfindungswörter. Ein Spaziergang 78
~B.~ Satzlehre.
~A.~ Der reine einfache Satz.
73. Alle Satzarten. Das Gewitter 80
74. Desgleichen. Ursache und Folge 80
75. Was das Subject sein kann. Das Pferd 81
76. Was das Prädicat sein kann. Gott 82
77. Desgleichen. Die Rose 82
~B.~ Der erweiterte einfache Satz.
~a~) Erweiterung des Subjects.
78. Beifügung vor dem Subject. Das kranke Kind 82
79. „ nach „ „ Berlin 84
80. Die Beifügung ein Zeitwort in Peter 84
reiner Form.
81. Beifüg. vor und nach dem Subj. Weihnacht 85
82. Zwei Beifüg. vor dem Subj. Zigeunerkinder 86
83. Eine Doppelbeifüg. nach d. Subj. Das Grab der Mutter 87
84. Zwei Doppelbeif. nach d. Subj. Dämmerung 88
85. Alle Arten einfacher Beifügungen. Der Schneemann 89
86. Alle möglichen Beifüg. vor und Der junge Storch 89
nach dem Subject.
~b~) Erweiterung des Prädicats.
87. Das Präd. ein Hauptw. m. Beif. Wilhelm 91
88. „ „ „ „ mit mehreren Der Affe 91
Beifügungen.
89. Alle mögl. Erw. d. Subj. u. Präd. Hochmuth 92
Ergänzungen.
1) Des Zeitwortes.
~a~) Einfache Ergänzungen.
90. Im ersten Falle. Der Schmetterling 93
91. Im zweiten Falle. Ohne Glauben 93
92. „ dritten „ Der echte Christ 93
93. „ vierten „ Jakob 94
94. Rückbezügliche Zeitwörter. Vierter Der Lügner 95
Fall.
95. Alle vier Fälle. Der Verschwender 95
96. Ergänzung durch Hauptwörter König und Volk 96
mit Verhältnißwörtern.
97. Die Ergänzung ein Zeitwort in Im Sturme 97
reiner Form.
98. Einfache Ergänzung. Alle vier Die Wahrheit 97
Fälle.
99. Wiederholung aller Ergänzungen Die Eisenbahn 97
mit Verhältnißwörtern.
100. Hauptwiederholung. Der Geburtstag 98
~b~) Doppelte Ergänzung.
101. Vierter und zweiter Fall. Der Thierquäler 99
102. Vierter und dritter Fall. Oskar 99
103. Vierter und zweiter Fall. Eine Verirrung 100
104. Vierter und vierter Fall. Bestrafte Eitelkeit 100
105. Dritter und vierter Fall. Großmuth 101
106. Wiederholung der Doppelergänz. Der Geiz 102
107. Fortsetzung. Michel 102
108. Alle Beifügungen und Ergänzungen. Eine Jubelfeier 103
Hauptwiederholung.
2) Des Eigenschaftswortes.
109. Im zweiten Fall. Judas 104
110. Im dritten Fall. Strenge Zucht 105
111. Im vierten Fall. Die alte Linde 106
112. Durch ein Verhältnißwort. Der Knochen 106
113. Wiederholung. Der Löwenbändiger 107
114. Hauptwiederh. Beif. Ergänzung. Der Dieb 108
Der Umstand des Ortes.
115. Wo? Umstands- u. Verhältnißw. Eine Stätte der Armuth 109
116. Wohin? „ „ „ Sturax 110
117. Woher? „ „ „ Treibjagd 111
118. Wiederholung. Wo? Wohin? Die Elbe 111
Woher?
119. Fortsetzung. Die Luft 112
120. Hauptwiederh. Subj. Prädic. Die neue Gutsherrschaft 113
Ergänz. Ortsbest.
Der Umstand der Zeit.
121. Wann? (Umstands- und
Verhältnißwörter.) Ein Brief 114
122. Wie lange? Seit wann? (Umstands- Der Gemsjäger 115
u. Verhältnißw.)
123. Wie oft? (Umstands- und
Verhältnißw.) Ein alter Krieger 116
124. Wiederholung. Moses 117
125. Hauptwiederholung. Ergänzung. Jäger und Müller 118
Ort. Zeit.
Der Umstand der Weise.
126. Alle Fälle. Mißgeschick 120
127. Desgleichen. Ein Stier 121
128. Hauptw. Beif. Zeit. Ort. Weise. Schulprüfung 122
Erg.
Der Umstand des Grundes.
129. Ursache oder Sachgrund. Unverstand 124
130. Beweggrund. Lohn der Wißbegierde 124
131. Erkenntnißgrund. Der tolle Hund 125
132. Zweck und Stoff. Jahrmarktsgeschenke 125
133. Wiederholung. Heuchler 126
134. Wiederholung. Der Wagehals 126
135. Hauptw. Beifüg. Zeit. Ort. Ein Bombardement 127
Weise. Grund. Ergänz.
136. Hauptw. Beif. Ergänz. Zeit. Zu Weihnacht 129
Ort. Weise. Grund. Stoff.
137. Hauptw. Beif. Erg. Zeit. Ort. Ein trauriges Ende 131
Weise. Grund. Zahl. Stoff.
138. Hauptw. Beif. Ergänz. Zeit. Luxus 131
Ort. Weise. Grund. Zahl.
Stoff.
Die Aussageweise.
139. Wirklich. Möglich. Nothwendig. Der Mensch 133
Wortfolge.
140. Gerade, umgekehrte. Die Rose 134
141. Desgleichen. Wiegenbau 134
Vom einfachsten bis zum erweitertsten einfachen Satze.
142. Hauptwiederholung. Verschiedene Sätze 135
Fragen nach den einzelnen Satztheilen.
143. Uebersicht. Fragen nach den Satztheilen 142
144. Praktische Anwendung dies. Frag. Für die Friedenszeit 143
Anhang.
145. Bilde Sätze auf folgende Fragen. Eine Art von Aufgaben 149
~A.~ Die Wortarten.
Hauptwörter.
1. Auf der Dresdner Brücke.
(Menschen.)
+Otto+ war zum ersten Male in der Residenzstadt Dresden gewesen.
Als er wieder nach Hause kam, saßen +Vater+ und +Mutter+ und seine
+Geschwister+, +Emil+, +Bertha+ und +Louise+, eben beim Abendbrode. Da
mußte denn nun der kleine +Reisende+ sogleich erzählen, was er alles
gesehen habe.
„Ganz besondere Freude“, erzählte Otto unter Anderem, „hat +mir+ ein
Gang über die große, alte Elbbrücke gemacht. Nein, was man da doch
binnen weniger Minuten für eine Menge Menschen sieht! Hier rasselt
ein schöner, herrschaftlicher Wagen dahin, einen Kutscher und einen
Bedienten auf dem Bocke. Darin sitzt ein feiner Herr oder auch eine
vornehme Dame, zuweilen auch nur eine Kinderfrau oder eine Amme
mit den Kindern eines Grafen oder eines Barons. Dort zieht eine
Bauerfrau mit ihrer Tochter oder Magd einen Milchwagen. Hier knallt
ein Droschkenkutscher auf seinen müden Gaul; dort bläst ein Postillon
in sein Horn. Botenfrauen, Köchinnen, Dienstmänner und Dienstmädchen
schleppen schwere Körbe und Paquete auf ihren Schultern dahin.
Briefboten und Polizeidiener eilen hinüber und herüber. Greise und
Kinder, Männer und Frauen, Fremde und Einheimische, reiche Leute und
Bettler ziehen in buntem Gemisch dahin. Besonders viel Soldaten sind
mir begegnet. Ich sah Generäle, Hauptleute, Feldwebel, Tamboure,
Signalisten und Fahnenträger. Auch Schützen, Jäger, Grenadiere,
Gardisten, Ulanen und Dragoner gingen an mir vorüber. Sogar der König
mit der ältesten Prinzessin kam gefahren. Ein Vorreiter bahnte ihm den
Weg und zwei Lakaien standen hinten auf seinem Wagen. Natürlich zogen
alle Leute, vom reichsten Kaufmanne bis zum ärmsten Schusterjungen
herab, die Hüte und Mützen, als der Landesvater vorüberfuhr.
Gewiß waren es an fünfhundert Personen, die ich auf diesem einzigen
Gange über die Brücke gesehen habe.“
2. Beim Onkel auf dem Lande.
(Thiere.)
Robert war einen Tag auf dem Lande gewesen. Er hatte seinen Onkel
besucht, der eine große Oekonomie besaß.
Als Robert am Abende nach Hause kam, sagte er zu seinen Geschwistern:
„Heute habe ich aber so viel verschiedene +Thiere+ gesehen, wie noch
nie.“
„Nun, so erzähle uns doch“, baten die Geschwister, „was Du für Thiere
gesehen hast.“
„Als ich an des Onkels Haus kam“, begann hierauf Robert, „bellten mich
ein schwarzer +Pudel+ und ein +Affenpinscher+ an. In dem Hausflur
kauerte eine graue Katze und verzehrte eben eine Maus, die fast so
groß war, wie eine Ratte. Ich trat in die Stube ein. Hier saß ein
Rothkehlchen auf dem Spiegelrahmen und verspeiste eine Fliege. Am
Fenster hing ein großer Käfig, in welchem ein Zeisig, ein Stieglitz
und ein Canarienvogel auf- und abhüpften. Unter dem Ofen spielte ein
Meerschweinchen mit einem jungen Hunde.
Aber nun erst auf dem Hofe! Hier führte ein Hahn seine Hühner
spazieren. Dort lockte eine alte Henne ihre Küchlein herbei, weil sie
ein Würmchen gefunden hatte. Vor der Scheune stolzirte ein Pfau auf
und ab. Ein schwarzer Truthahn zankte sich mit einem alten Gänseriche
um ein Stückchen Brodrinde. Ein ganzes Heer Enten und Gänse watschelte
zum Thore hinaus, dem nahen Teiche zu, wahrscheinlich, um dort Frösche,
Eidechsen und kleine Fische zu fangen. Auf den Dächern zwitscherten
Schwalben und Sperlinge um das Nest eines Storches. Nicht weit davon
saßen eine Menge Tauben und spähten ängstlich in die Luft hinaus, ob
sich etwa ein Falke oder Stößer oder ein andrer Raubvogel sehen lasse.
Vor der Elster, die im Hofe umherhüpfte, schienen sie sich nicht zu
fürchten.
Sogar im Wassertroge gab es Thiere. Hier schwammen Karpfen, Hechte,
Aale und Schleien und auf dem Grunde krochen Krebse.
Im Pferdestalle standen zwei Schimmel, ein Fuchs und ein Rappe. Unter
ihnen herum hüpften weiße und schwarze Kaninchen. Der Esel war nicht zu
Hause, sondern in der Mühle.
Besondere Freude machte mir der Kuhstall. Hier brummte mich ein großer
Ochse ganz mürrisch an. Gegen zwanzig Kühe fraßen eben ihr Heu.
Zwischen ihnen lagen einige Kälber. Neben der Thür meckerten zwei
Ziegenböcke und aus einem Winkel hervor grunzte ein altes Schwein mit
sieben Ferkeln.
Alle diese Thiere sah ich an einem Tage und sie haben mir sehr viel
Vergnügen bereitet.“
3. Im Walde.
(Thiere des Waldes.)
Welch ein fröhliches Leben ist doch im Frühlinge unter den +Thieren+
des Waldes! Tausende von +Würmern+ und +Käfern+ kriechen unter dem
Moose hervor. Große und kleine +Ameisen+ laufen an den Baumstämmen
hinauf. Bunte Schmetterlinge flattern von einem Haideblümchen zum
andern. Die Eidechsen, Blindschleichen und Ottern erwachen und
schlüpfen auf dem Boden dahin. In dem Gebüsche ertönen die Lieder der
Nachtigall, Grasmücke, Meise und des Rothkehlchens. Auf den Gipfeln der
Fichten und Tannen schlägt der Finke, pfeifen Amsel und Drossel, girrt
die wilde Taube. Mitten hindurch ruft der Kukuk seinen Namen in die
Welt hinein.
Hier hüpft ein Häslein schnell vorüber, weil es einen Fuchs wittert.
Dort nagt ein Reh an einer jungen Birke. Zuweilen tritt auch wol ein
Hirsch aus dem Dickicht hervor.
Ueber dem Waldbächlein spielen die Mücken und schweben die glänzenden
Libellen. Blickt man in die klaren Wellen hinein, sieht man Schmerlen
und Forellen in lustigem Tanze. An dem feuchten Ufer kriecht hier und
da eine Schnecke und an dem Erlengebüsche blitzen goldene Laubkäfer im
Sonnenscheine.
Was für ein Leben mag nun erst in den Wäldern der heißen Länder sein,
wo die Löwen, Tiger, Panther und Leoparden brüllen, die Elephanten auf
den Lichtungen grasen, Paviane, Schimpansen, Brüllaffen, Uistitis und
Meerkatzen auf den schlanken Palmen sich wiegen, Papageien und Kakadus
kreischen und riesige Schlangen auf Beute lauern.
4. Der Jahrmarkt.
(Sachen.)
Welch ein buntes Leben ist doch auf einem Jahrmarkte! Man hat nicht
+Augen+ genug, um all die Dinge, die hier zum Verkaufe ausgestellt
sind, zu sehen. Links und rechts auf den +Straßen+ und +Plätzen+
stehen lange +Reihen+ von Buden und Tischen. In der einen dieser
kleinen Kaufhallen erblickt man z. B. Blechwaaren. Da gibt es Löffel,
Reibeisen, Gießkannen, Lampen, Kohlenkästen und Leuchter. In einer
andern sind Glasgegenstände ausgestellt. Da sieht man Gläser,
Flaschen, Teller, Tintenfäßchen, Leuchter, Vasen und Perlen.
Hier steht eine Bude mit Drechslerarbeiten, als: Spazierstöcke,
Tabakspfeifen, Zwirnweifen, Ellen, Zollstäbe, Dosen, Knöpfe u. dergl.
An einem langen Tische verkauft ein Mann Streichhölzchen, Schwamm,
Räucherkerzchen, Fleckseife, Putzpulver und Wetzsteine. In einem
Hausflur hängen fertige Röcke mit Sammetkragen und blanken Knöpfen,
Westen mit Schnüren, Hosen mit Borte, Ueberzieher, Hüte und Mützen.
Dort an der Straßenecke ruft ein Mann: „Kauft Tücher, Bänder, Spitzen,
Cravatten und Handschuhe!“ Dicht neben dem Brunnen auf dem Markte
befindet sich eine große Bude mit Galanteriewaaren. Da gibt es
Geldbörsen, Broschen, Uhrketten, Tuchnadeln, Puppen, Porzellanköpfe,
Taschenspiegel, Fingerhüte, Nadelbüchsen, Bleistifte, Schiefertafeln,
Gummibälle u. s. w.
Und welche Menge von Gegenständen hat nun erst die Spielwaarenhandlung
dort drüben an ihr Fenster gestellt: Zappelmänner, Baukästen,
Armbrüste, Reifen, Drachen, Springseile, Trommeln, Flinten, Kanonen,
Säbel, sogar eine Festung und ein Theater sind daselbst zu sehen.
Wie gern möchte man sich dies und jenes Spielzeug kaufen, wenn man nur
Geld dazu hätte!
5. Der Wißbegierige.
(Stoffnamen.)
Arthur war zwar noch ein kleiner, aber schon sehr lernbegieriger Knabe.
So oft er mit seinem Vater spazieren ging, mußte ihm dieser fortwährend
Fragen beantworten. Da wollte Arthur wissen, wie die Dinge, die er sah,
hießen; woraus und von wem sie gefertigt und wozu sie da wären.
Eines Tages gingen Vater und Sohn auch spazieren. Unterwegs fragte
Arthur: „Vater, woraus sind denn die Häuser gebaut?“
„Die Mauern“, erwiderte der Vater, „sind aus +Stein+, +Sand+,
+Lehm+, +Kalk+ und +Mörtel+ erbaut; das Dach, die Thüren, die Dielen
und Fensterrahmen sind aus +Holz+, die Schlösser aus +Eisen+, die
Dachrinnen aus +Blech+ und die Fensterscheiben aus +Glas+ gefertigt.“
Bald darauf kamen sie an dem Fenster eines Geldwechslers vorüber. Hier
standen eine Menge Münzen zu Schau ausgestellt. „Woraus wird denn das
Geld gemacht?“ fragte Arthur schnell.
„Die Pfennige, Dreier und Fünfpfenniger“, sagte der Vater, „werden aus
Kupfer, die Groschen und Thaler aus Silber, die Dukaten aus Gold und
die Kassenbillets aus Papier gefertigt.“
Später wollte Arthur wissen, woraus denn eigentlich die verschiedenen
Kleidungsstücke gearbeitet würden. „O“, belehrte der Vater, „da gibt es
der Stoffe eine große Zahl. Deine Mütze z. B. ist aus Tuch gefertigt,
das Tuch aber wird aus Schafwolle gearbeitet. Dein Halstuch ist aus
Seide gewebt. Deine Jacke besteht aus Leinwand, diese aber wird aus
Flachs gewonnen. Die Knöpfe auf Deiner Jacke sind aus Horn, die an der
Weste aus Perlmutter und die an den Hosen aus Zinn hergestellt. Die
Schnalle an Deinem Gürtel ist aus Stahl geformt. Deine Stiefel hat
der Schuhmacher aus Leder gefertigt; natürlich brauchte er noch Pech,
Schwärze, Wachs, Wichse und Hanf zum Schuhdraht dazu. Deine Strümpfe
wurden aus Garn gestrickt; das Garn aber besteht aus Baumwolle.“
Zuletzt fragte Arthur auch noch, woraus denn der Mensch bestehe und
woraus er geworden sei. „Der menschliche Körper“, erwiderte der Vater,
„besteht aus Fleisch und Blut, aus Fett und Schleim, aus Knochen,
Knorpel und Mark; geschaffen aber hat ihn der liebe Gott aus Erde, wie
Du in der Bibel lesen kannst.“
6. Eine Festung im Kriege.
(Mengenamen.)
Mitten in einem großen +Flußgebiete+ lag eine ziemlich starke Festung.
An ihrer nördlichen Seite zog sich ein bedeutendes +Gebirge+ hin, sodaß
die +Besatzung+ von hier aus keinen Angriff zu befürchten hatte. Die
Festung war in Vertheidigungsstand gesetzt worden. Der Wald ringsum
lag gefällt, selbst das kleinste Gestrüpp hatte weichen müssen.
Das Gemäuer, auf dem früher Gras wuchs, erblickte man ausgebessert
und verstärkt. Das Gebälk der Festungsbrücke hatte man in die Luft
gesprengt.
Da sich in der Stadt selbst viel Reichthum vorfand, konnte sich die
Einwohnerschaft reichlich mit Vorräthen versehen. Es fehlte nirgends
an Brod, Mehl, Salz und Gemüse. Sogar Wild, Geflügel und gesalzenes
Fleisch war im Ueberflusse vorhanden. Auch an gutem Wasser konnte
nicht leicht Mangel eintreten. Ebenso gut hatte sich das Heer, welches
die Besatzung der Festung bildete, versehen. Für die Mannschaft
lagen Lebensmittel und für das Vieh Heu, Hafer und Stroh in Menge
aufgespeichert.
So glaubte man nun ruhig dem Feinde ins Auge sehen zu können. Ja, die
Soldaten konnten den feindlichen Angriff kaum erwarten, denn sie waren
von heißem Geblüt.
Endlich rückte die Schaar der Gegner an und die Beschießung begann. Die
Nationen von fast ganz Europa richteten ihre Blicke auf diesen Kampf,
während dessen die Bevölkerung der Festungsstadt sehr viele Verluste zu
erleiden hatte.
Nach mehrwöchentlicher Belagerung entschied sich das Schicksal der
Festung. Die feindlichen Geschosse legten ihre Wälle, Mauern und andere
Befestigungen in Trümmer. Darauf folgte ein Sturmangriff und die
Festung war verloren. Das Blut floß in Strömen. Durch das furchtbare
Getöse des Kampfes drang das Gewimmer und das Gestöhne der Verwundeten.
Einen schrecklichen Anblick boten die Verwüstungen in der Stadt.
Die schöne, große Bibliothek und die herrliche Bildergallerie waren
verbrannt und die Heiligthümer der Kirchen durch die Geschosse
zerstört. Mit Thränen in den Augen stand das Volk an den Trümmern
seiner Habe, die zu einem großen Theile in Asche lag.
7. Schulexamen.
(Eigennamen.)
„Ei, +Emilie+“, rief +Bernhard+ seiner Schwester zu, als er aus
der Schule kam, „heute hieß es aber aufpassen. Unser Lehrer, Herr
+Schmelzer+, wollte nämlich einmal sehen, ob wir von dem, was er uns
gelehrt und erzählt habe, noch recht viel wüßten. Und so richtete er
denn an einen jeden von uns eine Frage.“
Franz Dunker mußte die Geschichte von dem Moses, Hans Weinlich die vom
Goliath und Emil Heinz die vom Daniel erzählen. Julius Bär mußte sagen,
wann Luther, August der Starke und Napoleon I. geboren wären.
Heinrich Tümmler mußte angeben, wo Sachsen, Baiern, Würtemberg, Preußen
und China lägen.
Wilhelm Borisch mußte die Einwohnerzahl von Paris, Wien, London, Berlin
und Dresden nennen.
Alexander Miersch sollte sagen, wo man die Schlösser Wesenstein und
Scharfenstein und die Dörfer Machern, Kesselsdorf und Hochkirch zu
suchen habe. Er wußte es aber nicht.
Julius Neubert bekam die Frage, wie hoch der Brenner, der Simplon, der
Schafberg, die Lausche und der Borsberg seien.
Theodor Wenzel hatte anzugeben, wo der Rhein, die Donau, die Weser und
die Spree entspringen.
Der kleine Felix Brendel erhielt die leichteste Aufgabe. Er mußte
Eigennamen von Hunden, Katzen, Pferden und Kühen angeben. Da sagte er
denn, daß die Hunde Karo, Ammi, Schnacksel, Bello, Leo, Waldmann u.
dergl. hießen; daß manche Katzen den Namen Peter, Schnurr oder Michel
führten; daß man Pferde mit Rosa, Pollux, Hektor u. dergl. bename und
einzelne Kühe Musel, Schecke, Brummkatharine, Mummel, „Stallmeister
u. s. w. gerufen würden.“
8. Zweierlei Schüler.
(Gedankendinge.)
Emil war ein sehr braver Schüler. Er liebte die +Pünktlichkeit+
und +Reinlichkeit+. Während des +Unterrichts+ zeigte er die größte
+Aufmerksamkeit+, um alles Gehörte im +Gedächtnisse+ zu behalten. Wurde
er gefragt, so gab er seine Antworten mit Ueberlegung und Anstand.
Seine Schularbeiten fertigte er zu jeder Zeit mit Fleiß, Sorgfalt und
der möglichsten Sauberkeit. Ueber jeden seiner Fortschritte bezeigte er
Freude. Der leiseste Tadel bereitete ihm Schmerz.
Was aber trieb ihn zur Erfüllung seiner Pflichten? Die Liebe zu seinem
Lehrer, die Dankbarkeit gegen seine Eltern und der Gedanke, daß
Kindheit und Jugend schnell vergehen und daß man daher jede Gelegenheit
benutzen müsse, sich Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen.
Ganz anders dagegen zeigte sich Bernhard. Er ging mit Unwillen und
Verdruß in die Schule. Auf dem Schulwege trieb er allerhand Unarten und
Dummheiten, ja sogar Rohheiten. Obgleich er sich dadurch oft Verweise,
Züchtigungen, Schimpf und Schande zuzog, zeigte er doch keine Besserung.
Auch in der Schule selbst ließ er sich viele Fehler und Vergehungen
zu Schulden kommen. Plaudereien, Neckereien und Kaupeleien waren
seine Lieblingsbeschäftigung. In seinen Gesichtszügen lagen List,
Verschmitztheit und Tücke. Kam eine Bestrafung vor, so leuchteten aus
seinen Augen Schadenfreude, Hohn und Spott.
Das Lesen, Schreiben und Rechnen war ihm eine Last. Ueberhaupt betrieb
er alles Lernen mit Nachlässigkeit und Flüchtigkeit. So konnte es
denn auch nicht fehlen, daß er wegen Faulheit und Liederlichkeit
heruntergesetzt und endlich der Letzte in der Klasse wurde. Aber auch
das bereitete ihm weder Kummer, noch weckte es Reue in ihm. Er blieb
für den Lehrer eine Plage und seinen Eltern ein Kind der Sorge und des
Herzeleids.
9. Freund Apfelbaum.
(Ein- und Mehrzahl.)
Im +Garten+ stand ein +Apfelbaum+. Er war der stärkste und höchste
unter allen +Bäumen+ in den +Gärten+ ringsumher. Seine +Aeste+ und
+Zweige+ breiteten sich weit aus und an jedem +Aste+ hingen große,
süße +Aepfel+. Sie waren so groß, daß sich ein Kind an einem einzigen
solchen Apfel satt essen konnte. Deshalb waren denn auch die Kinder oft
um ihn herum. Zuweilen legten sie sogar Hand an seinen Stamm, um ihn zu
rütteln, damit eine Frucht herabfallen solle. Solche starke Stämme aber
lassen sich nicht von so schwachen Händen bewegen.
Eines Tages saß Hermine auch unter dem schattigen Dache des alten
Freundes und hatte einen großen Korb mit verschiedenem Spielzeuge vor
sich. In einem kleinen Kasten lagen bunte Papierstreifen. Aus diesen
flocht sie niedliche Körbchen. Da nun jeder Streif eine andere Farbe
hatte, gaben diese verschiedenen Farben dem Körbchen ein schönes
Aussehen. In andern Kästen befanden sich Perlen, Würfel, Buntstifte u.
dergl.
Jetzt nahm Hermine einen Faden und reihte Perle um Perle daran. Als
zwei Fäden gefüllt waren, band sie dieselben um ihren Hals. Darauf
ergriff sie einen Buntstift und zeichnete einen Würfel mit seinen
Kanten, Flächen und Punkten.
Nachdem sie eine Stunde gespielt hatte, zog sie Bücher aus dem Korbe
hervor und las. In dem einen Buche standen mehrere Geschichten mit
bunten Bildern, das andere enthielt blos eine Geschichte mit einem
Bilde. Indem aber Hermine las, fiel ein großer Apfel herab und gerade
auf das Buch, sodaß zwei Blätter beschädigt wurden. Das eine Blatt war
mittendurch gerissen. Hermine erschrak, lachte aber bald darauf und
sagte: „Ei, ei, alter Freund! Wie kannst du mich so erschrecken? Das
sind mir schöne Freunde, die Einen mit Aepfeln bewerfen.“
10. Getäuschte Hoffnungen.
(Ohne Mehrzahl.)
Mitten in einem Urwalde +Amerikas+ stand eine dürftige Hütte, aus
brauner +Erde+, +Lehm+ und +Kalk+ erbaut. Das +Gebälk+ war grob
gezimmert. Da durch die kleinen Fenster wenig Licht eindrang, lag in
dem niedern Wohnzimmer ein tiefes Dunkel, das bei trübem Wetter sogar
zur Finsterniß wurde. Auf den Dielen erblickte man etwas Heu und
Stroh, auf welchem die Bewohner, welche deutsche Einwanderer waren,
ihre Nachtruhe hielten. Die Beschaffenheit der Nahrung der armen
Leute grenzte an Dürftigkeit. Wasser war ihr einziger Trunk, wenn
sie der Durst quälte. Milch und Kaffee bekamen sie nie zu Gesicht.
Im Sommer litten sie viel durch die große Wärme, die sich bis zur
fürchterlichsten Hitze steigerte. Im Winter trat die Kälte mit großer
Strenge und Ausdauer auf, führte viel Schnee und Eis herbei und fügte
ihnen viel Leid zu.
Die guten Leute hatten Deutschland, ihre Heimat, verlassen, um in
Amerika ihr Glück zu machen. Sie hofften hier Gold und Silber zu
finden, fanden aber nicht einmal Zinn und Blei. Das Eigenthum, das sie
an baarem Gelde mitgebracht hatten, war bereits zu ihrem Unterhalte
verbraucht. So trat zuletzt Hunger und Kummer, Noth und Elend an sie
heran.
Mit Reue dachten sie an ihre Vergangenheit und an ihr einstiges
Vaterland zurück, wo sie ein Leben in Wohlsein und ohne alle Trübsal
geführt hatten. Die Sehnsucht nach dem alten Daheim ergriff sie, aber
es fehlte ihnen am Besten, die Rückreise anzutreten. So sanken die
armen Deutschen immer tiefer ins Unglück. Nirgends fanden sie Trost und
Beistand. Sie mußten in ihrem kümmerlichen Dasein ausharren, bis sie
der Tod von allem Jammer erlöste.
11. Gastfreundschaft.
(Doppelhauptwörter.)
An einem einsamen +Waldrande+ lag eine +Köhlerhütte+. Das niedere
+Strohdach+ war vom +Sturmwinde+ zerzaust und bedurfte der
Ausbesserung. Wo aber sollte der arme +Waldarbeiter+ +Dachstroh+
hernehmen? Sein +Tagelohn+ langte kaum zur Morgensuppe, zur
Mittagsmahlzeit und zum Abendbrode für sich und seine Kinderschaar.
Auch die dünnen Lehmwände der Köhlerwohnung zeigten Zerstörungsspuren.
Regengüsse und Hagelwetter hatten sie gepeitscht, den Kalkbewurf
abgespült und das Lehmwerk durchlöchert, sodaß zur Winterszeit die
rauhen Nordweststürme ungehindert hindurchpfeifen konnten. Ein
Hausthürverschluß war nicht mehr möglich, denn die Thürschloßfeder war
zersprungen. Die Fensterscheiben vertrat hier und da ein Streifen von
Kaffeedütenpapier oder ein Volkskalenderblatt.
An einem Herbstabende saß die Köhlerfamilie um den schmalen Holztisch
und verzehrte ihre Abendmahlzeit. Da trat plötzlich ein vornehmer
Jägersmann, einen schmucken Filzhut mit einer Birkhuhnfeder auf dem
Kopfe, einen Hirschfänger mit Perlmuttergriff, ein Pulverhorn mit
Silberquaste an der Seite und eine Schrotflinte auf dem Rücken, ein. Er
erklärte, daß er von seinem Jagdgefolge abgekommen, auf verschiedene
Kreuzwege gerathen sei und so sammt seinem Dachshunde und Windspiele
den Hauptwaldpfad verloren habe. Schließlich bat der Waidmann um
ein Nachtquartier und sei es auch nur ein Dachkammerraum mit einem
Strohlager.
Die braven Köhlereheleute erklärten sich zu diesem Liebesdienste gern
bereit und luden den vornehmen Stadtherrn ein, wenn er Hunger habe, mit
ihnen Kartoffelsuppe und Butterbrodschnitte nebst Quarkkäse zu essen.
Der Jägersmann dankte, da er kein Magenbedürfniß verspüre.
Während ihm nun das Nachtlager auf der breiten Ofenbank bereitet
wurde, unterhielt er sich in scherzhafter Weise mit dem
Kinderkreise. Er gab den Knaben Buchstabenräthsel und recht lange
Hauptwörter zum Nachsprechen auf, um ihre Zungenfertigkeit und
Sprachgewandtheit auf die Probe zu stellen. So mußten sie z. B.
die Riesenhauptwörter nachsprechen: Dudelsackpfeifenmachergeselle,
Schornsteinfegerknabenwassersuppentellerrand,
Pulvermühlennachtwächterseitengewehrscheidenspitzenknopf.
Den Kindern machte diese Zungenarbeit viel Spaß. Als das Ofenbanklager
fertig war, begaben sich der Fremde und auch die Köhlerfamilie zur
Ruhe. Wie sehr aber erschrak und erstaunte der alte Hausvater am andern
Morgen, als ihm der Nachtgast mit Sonnenaufgang fünf Kronenthaler in
die harte Arbeitshand drückte und ihm beim Abschiedsgruße sagte, daß er
dem +Kronprinzen+ Gastfreundschaft gewährt habe.
12. Eine musterhafte Schülerin.
(Nichthauptwörter zu Hauptwörtern erhoben.)
Die reiche Kaufmannstochter Mathilde war ein Muster einer Schülerin.
Das +Aufmerken+ und +Lernen+ gewährte ihr einen Genuß. Das +Lesen+
hatte sie in drei Monaten erlernt. Auch das +Schreiben+ hatte sie
leicht begriffen, nur das kleine Err und das Eszett machten ihr
Schwierigkeiten. Im Rechnen erwarb sie sich stets die erste Censur.
Ebenso geschickt stellte sich Mathilde zum Zeichnen, Singen,
Clavierspielen, Häkeln, Stricken, Sticken und Turnen an. Sie liebte
alles Gute, Schöne und Nützliche und ihr Streben und Ringen darnach
trug die schönsten Früchte.