Sein Auftreten als Demokrat liegt für diesmal außerhalb des Rahmens

unserer Schilderung.[19] Wir wollen hier nur auf die Keime seiner

neuen Richtung achten, welche sich in seiner alten Autoritätstheorie

vorfanden. Denn es ist das höchst Interessante an dieser Theorie,

daß sie keineswegs von der guten, alten, brutalen Art ist, wie die

Theorien, die bei Bonald und De Maistre gleich nach der Revolution

entstanden. Die Reaktion ist hier weit rationeller, also weit

minder principienfest. Jeder ernste Versuch, das Autoritätsprincip

zu begründen, versetzt ihm +eo ipso+ den Todesstoß; denn die

Autorität beruht nicht auf Gründen. Lamennais' Theorie, die auf den

ersten Blick so absolutistisch erscheinen konnte, war bei näherer

Betrachtung in hohem Grade populär. Das ganze Gebäude beruhte auf

der Lehre von der Autorität des Menschengeschlechts. Allein unter

jenem Princip von der Autorität des Menschengeschlechts regte sich

ein anderes, und zwar kein anderes, als jenes alte Rousseau'sche,

von den Männern der Reaktion so energisch bekämpfte Princip der

~Volkssouverainetät~. Die Leser merkten das nicht sogleich; Der

Verfasser fühlte es auch nicht; aber es lag dort, es schlummerte, und

eines schönen Tages erwachte es und wurde von Allen wiedererkannt. --

Lamennais wollte die Monarchie durch die Theokratie ersetzen. Aber die

Theokratie war nicht populär, jedenfalls nur populär, wenn man das

Wort nach dem alten Spruche: +Vox populi, vox dei+ umschrieb,

wenn Gottes Stimme die Stimme des Volkes hieß. Das praktische Resultat

seiner Lehre war also nur die Schwächung der weltlichen Obrigkeit,

welche dem Urtheil der allgemeinen Vernunft unterworfen werden sollte;

denn ~die allgemeine Vernunft~, welche zuerst in der souverainen

Kirche personificirt worden war, ~wurde sehr bald in dem souverainen

Volke personificirt~. Als Lamennais damit endigte, in seinen

»+Paroles d'un croyant+« die Geister zur Empörung aufzurufen,

zeigte es sich, daß er nur die Frontveränderung gemacht hatte, jetzt

die Theokratie zu Gunsten der Völker, statt früher zu Gunsten des

Fürsten, zu erstreben.

Die Julirevolution sichert ihm Preßfreiheit, und der erste Gebrauch,

den er davon macht, ist, die Unterrichtsfreiheit und die Trennung der

Kirche vom Staate zu verlangen. Er hofft, so den ganzen Unterricht

in die Hände der Kirche bringen zu können und ihn seines weltlichen

Gepräges beraubt zu sehen. Als er gegen Ende des Jahres 1830 das

Journal »+Avenir+« gründet, ist das Programm desselben die

Trennung der Kirche vom Staate. Alle Angriffe erwidert er mit dem

Appell an Rom, dessen Programm nothwendig mit dem seines Blattes

zusammenfallen soll und muß; aber der Vatikan schweigt hartnäckig.

Die Sache war die, daß die päpstliche Gewalt nicht im Allergeringsten

mit Lamennais' Liberalismus einverstanden war, und sich durchaus

nicht geneigt fühlte, auf den Zuschuß des Staates an die Kirche zu

verzichten. Als nun die Gegner fortfuhren, zu behaupten, daß die

Ansichten Lamennais' und seiner Mitarbeiter nicht mit der katholischen

Rechtgläubigkeit übereinstimmten, reiste Lamennais im Februar 1831

nach Rom, um den Papst zu fragen, ob es, wie er sich ausdrückte, ein

Verbrechen sei, für Gott, Gerechtigkeit und Wahrheit zu kämpfen, und

ob er überhaupt seine Bestrebungen fortsetzen solle. Man hielt ihn in

Rom mit allerlei Ausflüchten bis zum August 1832 hin. Dann erschien

die Bulle, in welcher er, der Verfolger des Indifferentismus, des

religiösen Indifferentismus beschuldigt ward. Es heißt dort: »Aus

diesem unreinsten Quell des ~Indifferentismus~ entspringt auch

der absurde und irrthümliche Satz, oder vielmehr der Wahnsinn, man

müsse die ~Gewissensfreiheit~ für einen Jeden geltend machen,

und in Anspruch nehmen ... ~Aber welchen schlimmeren Tod der Seele

giebt es, als die Freiheit des Irrthumes~? frug schon Augustinus.

Denn wenn man den Menschen jeden Zügel nimmt, der sie auf den Pfaden

der Wahrheit erhalten kann, so stürzt ihre zum Bösen geneigte Natur in

den Abgrund hinab ... Hieher gehört auch jene verruchte, niemals genug

zu verwünschende und verabscheuende Freiheit des Buchhandels, jede

beliebige Schrift zu veröffentlichen, eine Freiheit, welche Einige mit

so viel Eifer zu verfechten und zu fördern wagen.«[20] Das war eine

offene Sprache; Lamennais unterwarf sich, und sein Blatt ging ein. Es

ist leicht zu begreifen, daß er den Kelch, der ihm gereicht wurde, als

einen Wermuthskelch empfand, und daß es jetzt nur noch eines Tropfens

bedurfte, um denselben überfließen zu machen. Er stand von jetzt an

auf dem Sprunge, sich der Revolution in die Arme zu werfen, und er that

bald darauf diesen Sprung.

Was aber für uns, die wir uns jetzt nur mit dem ersten

Entwicklungsstadium Lamennais' beschäftigen, psychologisch interessant

ist, Das ist die Wahrnehmung, wie sein naiver Autoritätsglaube

untergraben wird, sobald er in Rom Gelegenheit erhält, die Heiligkeit

in der Nähe zu betrachten. Er schreibt in einem Privatbriefe aus Rom:

»Der Papst ist fromm und möchte gern das Gute; allein fremd der Welt,

ist er völlig unwissend in Betreff des Zustandes der Kirche sowohl wie

der Gesellschaft; unbeweglich in der Finsternis, die sich mehr und

mehr um ihn verdichtet, sitzt er und weint und betet; seine Rolle,

seine Mission ist, das letzte Niederreißungswerk vorzubereiten und zu

beschleunigen, welches der socialen Wiedergeburt vorhergehen muß, und

ohne welches diese entweder unmöglich oder doch unvollständig sein

würde; deshalb hat Gott ihn in die Hände von Menschen gegeben, welche

so niedrig stehen, wie man überhaupt stehen kann; ehrsüchtig, geizig,

verderbt, wie sie sind, möchten sie in ihrer viehischen Raserei die

Hilfe der Tartaren anrufen, um in Europa Das, was sie ~Ordnung~

nennen, zu errichten«.

Ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, daß auch Lamennais damit

enden muß, wider dies Wort anzustoßen, das die ganze Generation so

vollständig erbaut hatte? Wie Victor Hugo bei seinen Versuchen, die

Geschmacksautorität geltend zu machen, sich zuletzt gezwungen sieht,

den Begriff Ordnung zu kritisiren und zu erweitern, so wird Lamennais

während seines Kampfes für den Katholicismus zu eben dem Selben

genöthigt. Mit welcher Wehmuth und welcher Leidenschaft schildert er

in seinen Briefen die Korruption, die er unter jenen Pfeilern der

»Ordnung« in Rom gefunden hat:

»Der Katholicismus war mein Leben, weil er das Leben der Menschheit

ist; ich wollte ihn vertheidigen, ich wollte ihn aus dem Abgrunde

hervorziehen, in den er mit jedem Tage tiefer hinabsinkt. Nichts war

leichter. Die Bischöfe haben gefunden, daß ihnen Das nicht gelegen

war. So blieb denn Rom zurück. Ich reiste dorthin, und ich sah die

verruchteste Kloake, die jemals menschliche Blicke befleckt hat.

Die riesige Abflußrinne der Tarquinier würde zu eng sein für so viel

Unrath. Dort herrscht kein anderer Gott, als der Eigennutz; man würde

dort gern die Völker, das Menschengeschlecht, die drei Personen der

heiligen Dreieinigkeit, jede für sich oder alle in Einem, für ein Stück

Erde und für einige Piaster verschachern«.

So zeigte sich in der Nähe betrachtet, Lamennais die Macht, zu deren

unerschrockenstem Ritter er sich gemacht hatte. Was Wunder, daß er die

Front veränderte; was Wunder, daß er, wie die heidnischen Priester der

alten Sachsen, mit denen Renan ihn verglichen hat, selbst mit einem

sicher treffenden Axthiebe die Gottheit fällte, zu deren Altar er die

widerstrebende Welt gerufen hatte!

Interessanter jedoch, als dieser klare Blick in einem einzelnen Punkte,

ist der Schimmer einer höheren Erkenntnis im Allgemeinen, den man jetzt

in Lamennais' Briefen verspürt. Bis jetzt hat er die absolute Wahrheit

gesucht, und es war die Autorität, welche ihm dieselbe garantiren

sollte. Jetzt gelangt er auf einmal zur Relativetätsidee, der Idee,

welche am gründlichsten und vollständigsten dem Autoritätsprincip den

Garaus macht. »Je älter ich werde, desto mehr wundere ich mich darüber,

zu sehen, daß die Ansichten, welche am tiefsten in uns wurzeln, von der

Zeit, in der wir lebten, von der Gesellschaft, in der wir geboren sind,

und von tausend ebenso vorübergehenden Umständen abhängen. Denke nur,

was für Ansichten wir haben würden, wenn wir zehn Jahrhunderte früher,

oder in demselben Jahrhundert zu Teheran, zu Benares, auf Otaheiti zur

Welt gekommen wären!«[21] Es liegt mehr wahre Philosophie in diesen

paar Worten, als in dem ganzen berühmten Hauptwerke von Lamennais.

Wir sind ein paar Jahre zu weit in der Zeit vorangeeilt, indem wir

Lamennais bis zu dem Punkte folgten, wo er den Uebergang zur Demokratie

vollzog. Als im Jahre 1823 der »+Essai sur l'indifférence+«

vollständig vorliegt, will er noch, wie alle anderen Theokraten der

Restaurationszeit, durch die Autorität der Kirche die des Fürsten

stärken.

* * * * *

Mittlerweile stirbt dieser Fürst, und Karl X. besteigt den Thron. Er

besteigt ihn mit allem möglichen Aufwand von Pomp und Pracht. Man

führt ihn nach Reims, um ihn dort zu salben. Am 20. Mai 1825 fand

die Ceremonie statt, und es schien, als ob aller alte monarchische

und klerikale Aberglaube bei dieser Gelegenheit aus dem Grabe

hervorgestiegen sei. So war es ein alter Glaube, daß gekrönte

Häupter im Stande seien, die Skropheln zu heilen. Diese Meinung war

so unbezweifelt, daß unter Ludwig XV., der auch von diesem alten

Privilegium Gebrauch machte, eine Dame aus Valenciennes, die sich von

den Händen des Königs hatte berühren lassen, und die in der Absicht,

ihr Glück zu machen, ein ärztliches Attest eingesandt hatte, daß

sie jetzt ganz von Skropheln befreit sei, die Antwort empfing: »Die

Prärogative, deren sich die Könige von Frankreich in Betreff der

Heilung von Skropheln erfreuen, sind durch so authentische Beweise

dargethan worden, daß sie nicht durch neue Zeugnisse bestätigt zu

werden brauchen«.

* * * * *

Das war unter Ludwig XV. Unter Karl X. zeigte man sich nicht minder

rechtgläubig. Ich habe erzählt, wie es während der Revolution dem

Fläschchen mit dem heiligen Salböl erging. Es wurde zertrümmert.

Nichtsdestoweniger fand sich jetzt ein Gläubiger, der behauptete, daß

er damals, als der lästerliche Frevel verübt wurde, einige Scherben mit

Tropfen des heiligen Oeles aufgelesen und sie bis jetzt bewahrt habe.

Priester und Kirchenvorsteher anerkannten diese Scherben als echt. Karl

X. beglückte daher eines schönen Tages sein Land mit der Botschaft, daß

er sich mit Chlodwig's heiligem Oele salben lassen wolle. Die Scherben

wurden in ein neues, mit Gold und Edelsteinen besetztes Fläschchen

eingefügt, und die kostbaren Tropfen mit anderen verdünnt. Ich habe

bei Gelegenheit von Napoleon's Krönung erwähnt, wie die Salbung vor

sich ging. Um zehn Uhr des folgenden Morgens bestieg der König einen

prächtigen Schimmel und ritt mit einem glänzenden Gefolge, von einem

Trupp Gardehusaren eskortirt, zum St. Marculphs-Hospitale. Dort

erwarteten ihn der erste Leibarzt und der erste Leibchirurg an der

Spitze von 121 Skrophelkranken. Der König verrichtete ein kurzes Gebet

in der Hospitalskapelle, und machte sich dann tapfer an die Arbeit des

Kurirens. Der berühmte Chirurg Dupuytren schämte sich nicht, dabei

behilflich zu sein, indem er bei der Komödie den Kranken die Köpfe

emporhielt.

* * * * *

Die Festlichkeit wurde von Lamartine in einem ganzen Cyklus von

Gedichten (+Chant du sacre+) und von Victor Hugo in einer

begeisterten Ode besungen. Aber bei Gelegenheit dieses denkwürdigen

Ereignisses wurde zugleich ein kleines Lied geschrieben, welches dem

Dichter bald einen Proceß und eine Verurtheilung zuziehen sollte. Das

Gedicht hieß »Die Salbung Karl's des Einfältigen« und war von Béranger

verfaßt.

In Victor Hugo's Ode »+Le sacre de Charles X.+« war der Ton, wie

aus folgender Strophe erhellt, gläubig, biblisch und monarchisch:

+Mais trompant des vautours la fureur criminelle

Dieu garda sa colombe au lis abandonné.

Elle va sur un Roi poser encor son aile:

Ce bonheur à Charles est donné!

Charles sera sacré suivant l'ancien usage.

Comme Salomon, le roi sage,

Qui goûta les célestes mets,

Quand Sadoch et Nathan d'un baume l'arrosèrent

Et, s'approchant de lui, sur le front le baisèrent,

En disant: »Qu'il vive à jamais!«+

Bei Béranger dagegen war der Ton respektwidrig bis zum Aeußersten. Ich

citire ein Paar Strophen als Probe:

+Le sacre de Charles le Simple.+

+Français, que Reims a réunis,

Criez: Montjoie et Saint-Denis!

On a refait la sainte-ampoule.

Et comme au temps de nos aïeux

Des passereaux lâchés en foule

Dans l'église volent joyeux.

D'un joug brisé ces vains présages

Font sourire sa majesté.

Le peuple s'écrie: Oiseaux, plus que nous soyez sages;

Gardez bien, gardez bien votre liberté.+

+Aux pieds des prélats cousus d'or,

Charles dit son ~Confiteor~.

On l'habille, on le baise, on l'huile,

Puis, au bruit des hymnes sacrés,

Il met la main sur l'Evangile.

Son confesseur lui dit: »Jurez.

»Rome, que l'article concerne,

»Relève d'un serment prêté,«

Le peuple s'écrie: Oiseaux, voilà comme on gouverne;

Gardez bien, gardez bien votre liberté.+

+De Charlemagne en vrai luron,

Dès qu'il a mis le ceinturon,

Charles s'étend sur la poussière.

Roi, crie un soldat, levez-vous!

»Non, dit l'évêque; et, par saint Pierre

»Je te couronne: enrichis-nous.

»Ce qui vient de Dieu vient des prêtres.

»Vive la légitimité!«

Le peuple s'écrie: Oiseaux, notre maître a des maîtres;

Gardez bien, gardez bien votre liberté.+

+Oiseaux, ce roi miraculeux

Va guérir tous les scrofuleux.

Fuyez, vous qui de son cortége

Dissipez seuls l'ennui mortel.

Vous pourriez faire un sacrilége

En voltigeant sur cet autel.

Des bourreaux sont les sentinelles

Que pose ici la piété.

Le peuple s'écrie: Oiseaux, nous envions vos ailes;

Gardez bien, gardez bien votre liberté.+

Mit Ausnahme von Delavigne, welcher direkt von dem achtzehnten

Jahrhundert abstammt, und welcher in seinen »+Messéniennes+« die

Principien der Revolution niemals vom Nationalgefühl trennte, war

Béranger der einzige Dichter, welcher sich außerhalb der herrschenden

Gruppe von Geistern und Talenten gehalten hatte. Er war 1780 geboren,

erlebte als neunjähriger Knabe die Erstürmung der Bastille, und verwand

nie diesen Eindruck, so wenig wie die Eindrücke seiner Jugendlektüre,

der Schriften Voltaire's. Eine Anekdote aus seiner Kindheit zeigt, wie

früh er sich seine Lebensanschauungen gebildet hatte. Eines Tages,

als Béranger dreizehn Jahre alt war, und eben sehr spöttisch über

seine Tante lachte, die während eines heftigen Gewitters die Stube

mit Weihwasser besprengte, ereignete es sich, daß der Blitz plötzlich

dicht neben ihm in die Stube einschlug, so daß er eine Zeit lang völlig

gelähmt lag. Man hielt ihn für todt. Als er die Augen aufschlägt, ist

das erste Wort an seine gute und fromme Tante der triumphirende Ausruf:

»Nun, was nützt also Dein Weihwasser!« Die Anekdote ist wahr und mit

großer Indignation von klerikalen Schriftstellern erzählt worden. In

demselben Geiste griff er jetzt die Bourbonen an, und ihr Weihwasser

nützte ihnen auch Nichts.

Aber zur selben Zeit, wie sie sich lächerlich machten, zeigte sich das

seltsame Phänomen, daß Napoleon aus einer verhaßten eine poetische,

aus einer historischen eine mythische Gestalt geworden war. Noch

bei Lebzeiten war er zu einem Sagenhelden geworden. Die plötzliche

Reglosigkeit, die bei ihm nothgedrungen einer Thätigkeit gefolgt

war, welche ganz Europa in Athem erhalten hatte, wirkte mächtig auf

die Gemüther. Die ferne, einsame Felseninsel draußen im großen Ocean

schien gleichsam nur das Postament des Helden zu sein. Der wirkliche

Bonaparte wurde in einen idealen Bonaparte verwandelt. Die Geschichte

trat ihn der Ode, der Meditation, der Dithyrambe, der kriegerischen

Chanson und dem Heldengedichte, kurz, der Legende ab. Selbst seine

ehemaligen Feinde konnten nicht einen Ausruf der Bewunderung des Mannes

zurückhalten, auf den Alle beständig die Augen gerichtet hielten.

Chateaubriand sprach damals die bekannten Worte, daß »Napoleon's Hut

und grauer Rock auf der Spitze eines Stockes an der Küste bei Brest

genügen würden, um ganz Europa zu den Waffen greifen zu lassen.« Und

die Jugend, welche unlängst froh gewesen war, die Reihen durchbrechen

und die tyrannische Disciplin abschütteln zu dürfen, sehnte sich jetzt

wieder nach der Sonne von Austerlitz. Sie hatte, sagt Musset, von

Moskau's Eis und der Sonne der Pyramiden geträumt. Jetzt erschien die

Erde ihr leer. »Der König von Frankreich saß auf dem Throne, und Einige

hielten ihm ihren Hut hin, und er warf ein Almosen hinein, und Andere

hielten ihm ein Crucifix hin, und er küßte es. Und wenn die Jungen von

Ruhm sprachen, antwortete man ihnen: Werdet Priester! und wenn sie von

Ehre sprachen, antwortete man ihnen: Werdet Priester! und wenn sie von

Hoffnung, von Liebe, von Kraft und Leben sprachen, immer nur: Werdet

Priester!« (+Alfred de Musset+: +Confessions d'un enfant du

siècle+.)[22]

* * * * *

So wurden sie denn Priester. Weshalb und wie sie es wurden, kann man

in den Romanen sehen, welche die Zeit schildern, z. B. in Beyle's

»+Rouge et noir+«. Aber es war die goldene Zeit der Priester.

Schon am 7. Juni 1814, drei Tage nach der Charte, war die berüchtigte

Ordonnanz erschienen, welche die erzwungene Sonn- und Festtagsfeier

anordnete. Man sollte jetzt bei Strafe einer Geldbuße katholisch sein.

Selbst Nichtkatholiken wurden genöthigt, ihre Häuser zu schmücken,

wenn das Allerheiligste vorüber getragen ward. Am 7. August 1814 wurde

der Jesuitenorden feierlich wieder hergestellt. Aller Unterricht

wurde in die Hände der Geistlichkeit gelegt. Man ging darauf aus,

die Universität zu zermalmen, schon aus dem Grunde, weil ein großer

Theil der studirenden Jugend an der Vertheidigung von Paris gegen die

Fremden, also an einem Unabhängigkeitskampfe theilgenommen hatte.

Von jetzt an beginnt in der katholischen Kirche eine kurzdauernde

Gährung, zu welcher Lamennais' Kampf gegen den Gallikanismus gehört,

der nach Verlauf von zwanzig Jahren zu einer bis dahin unbekannten

Erscheinung führt, zu der Erscheinung, daß die Katholiken einig,

Katholicismus und Ultramontanismus Eins geworden sind. Und noch

eine Erscheinung von verwandter Art, die keine frühere Zeit gesehen

hatte, erlebt unser Jahrhundert. Die kirchliche Einigkeit erstreckt

sich noch weiter, als auf die eigentlichen Glaubensgenossen. Die

protestantische Kirche bietet der katholischen, welche sie einst als

die babylonische Hure bekämpft hatte, die Hand. Werfen wir einen

Blick auf die spätere Entwicklung der Kirche, so finden wir, daß in

unseren Tagen der Unterschied zwischen dem orthodoxen Protestantismus

und Katholicismus nur ein Schein, nur der Unterschied zwischen der

Unfehlbarkeit der Bibel oder des Papstes ist. Die Protestanten

verwerfen den Rationalismus des achtzehnten und die Kritik des

neunzehnten Jahrhunderts, gehen auf die Bekenntnisse des sechzehnten

und siebzehnten Jahrhunderts zurück und finden sie nicht orthodox

genug; Luther ist ihnen zu weit gegangen. Schleiermacher gilt für

ungläubig in dem orthodoxen Deutschland, Bossuet wird nie mehr von

den Katholiken Frankreichs erwähnt. Er gilt für einen Ketzer, weil

er nicht ultramontan ist. Selbst Montalembert nennt ihn in seinem

Buche »+Des intérêts catholiques au 19me siècle+« mit einer

gewissen Mißbilligung. Damit noch nicht genug: die katholischen

Polemiker ergeben sich Betrachtungen über die Weltgeschichte, die

zu einer Art Kreuzzug wider die großen heidnischen Geister führen,

welche die Civilisation Europa's begründet haben, wie z. B. Pindar,

Plato, Virgil[23], eine Polemik, zu welcher Grundtvig's früheste

welthistorische Verdammungsurtheile in unserer dänischen Literatur

ein Seitenstück liefern. Mit Jubel ruft daher Montalembert in der

erwähnten Schrift aus: »Die Lügengeschichte, die Parodiegeschichte, die

Deklamationsgeschichte, wie sie von Voltaire, Dulaure und Schiller, die

unsere Väter erzogen, verfaßt wurden, würden heut zu Tage kaum in einem

Feuilleton geduldet werden«. Man braucht nur Lamennais' Korrespondenz

zu durchblättern, um den Eindruck zu erhalten, daß die Julirevolution

großentheils durch das Gebahren der Priesterpartei verursacht ward.

Namentlich zeigten die Jesuiten sich als Grenadiere der Tollheit.

Missionaire wurden durch ganz Frankreich ausgesandt. Ihr brünstiger

Glaube war ihrer groben Unwissenheit zu verdanken. Sie bekehrten

zuweilen ganze Regimenter auf einmal, welche dann von ihren Officieren

an die Altäre geführt wurden.

Der Marienkultus nahm einen Aufschwung, wie niemals zuvor. Dieselbe

Bewegung vollzieht sich (nur schneller) in unseren Tagen mit dem

Glauben an Maria, wie im Mittelalter mit dem Glauben an Christus. Sie

verwandelt sich allmählich aus einem menschlichen in ein göttliches

Wesen.

Folgen wir einen Augenblick der Bewegung der religiösen Reaktion

über die hier behandelte Periode hinaus, so sehen wir, wie man mit

Riesenschritten auf dem betretenen Wege weiter geht. Das Dogma von der

unbefleckten Empfängnis Mariä, vor welchem das Mittelalter im zwölften

Jahrhundert zurückgescheut war, wird in unseren Tagen festgestellt.

Maria verdrängt unmerklich Christum und wird Frankreichs Göttin, wie

sie früher die Göttin Italiens und Spaniens war. Mit Stolz verkünden

die Katholiken, daß das Jahrhundert Maria's auf das Jahrhundert

Voltaire's gefolgt sei. In einem Lehrbuche, nach welchem die

katholischen Priester unterrichtet werden (+Manuel de piété à l'usage

des séminaires, 7me édition.+ +Paris 1835+), heißt es: »Man

muß die heilige Jungfrau als die Gattin des ewigen Vaters verehren,

da er mit ihr und in ihr unsern Herrn Jesum Christum gezeugt hat; man

muß in ihr all' die göttlichen und anbetungswürdigen Vollkommenheiten

verehren, die Gott auf ihre Person hat übergehen lassen, indem er

mit außerordentlichem Ueberflusse ihr seine Fruchtbarkeit, seine

Weisheit, seine Heiligkeit und seine göttliche Lebensfülle mitgetheilt

hat«. In einem vom Erzbischofe Malou herausgegebenen Buche über die

unbefleckte Empfängnis wird Maria als die gleichzeitige Tochter, Gattin

und Mutter Gottes geschildert. Die Verwandtschaftsverhältnisse der

Dreieinigkeit werden hier so verwickelt, daß Maria u. A. die Tochter

ihres eigenen Sohnes wird. In einem Buche des Abtes Guillon »+Le Mois

de Marie+« wird sie sogar als eine Art Obergöttin dargestellt, an

welche man daher am liebsten sein Gebet richten solle: »Gottes Mutter

sein, Das heißt eine Art Allmacht über Gott selber haben, und, wenn

man so sagen darf, eine Art ~Autorität~ über ihn bewahren«. So

legt sich die Autorität zuletzt bei der Madonna vor Anker. Nach Art

der alten Scholastiker beginnt man bei den Kirchenvätern Beweisstellen

für die unbefleckte Empfängnis aufzusuchen. Ein einziger Geistlicher,

Namens Passaglia, hat allein 8000 gesammelt. Ja, Erzbischof Malou

erklärt, nicht weniger als 800000 Beweise dafür liefern zu können.

Man schwindelt. Fügen wir den Reliquienkultus hinzu, welcher gegen

die Mitte unsres Jahrhunderts sich einstellt; denn die Reliquien, die

während der Revolution aufgehört hatten Wunder zu thun, thun wieder

Wunder für die Generation, welche von den Jesuiten erzogen ist. Man

findet Jesu heiligen Rock. Aber zwei Städte machen Anspruch darauf, ihn

zu besitzen, und der Rock beider ist von einem Papste als der einzige

echte anerkannt worden. Man wallfahrtet also zu beiden. Görres jubelt

in seinen »Historisch-politischen Blättern« über die Pilgerfahrt zu dem

heiligen Rocke von Trier. Als die heilige Jungfrau sich zu La Salette

offenbart, wandern nicht weniger als 300000 Pilger zu der Stätte.

* * * * *

Endlich mündet die religiöse Reaktion in Pius IX. Syllabus, jener

berühmten Bulle, welche den freien Gedanken zu einem Wahnsinn der

Freiheit stempelt, die bürgerliche Ehe, die Trennung der Kirche vom

Staate, die Religionsfreiheit, Preßfreiheit und Redefreiheit, so wie

den Irrthum verdammt, daß die Kirche sich mit »dem Fortschritt, dem

Liberalismus und der modernen Civilisation« versöhnen müsse. Aber fast

noch kurioser, als der Syllabus, sind die Vertheidigungsschriften

dafür: die des deutschen Bischofs Ketteler, betitelt »Die falsche und

die wahre Freiheit«, und die des französischen Bischofs Dupanloup

»+La convention du 15. décember et l'Encyclique du 8. septembre+«,

welche den Kampf des Papstes wider »die freche Behauptung all' der

großen Wahrheiten, welche die Grundveste der menschlichen Gesellschaft

bilden«, erläutert und rechtfertigt. Nur glaube man nicht, daß diese

Broschüren sehr auffällig in ihrer Form oder voll in die Augen

springender Albernheiten wären. Sie ähneln an Ton und Inhalt zumeist

einem gemäßigten Artikel in einer liberalen dänischen Zeitung.

* * * * *

Die Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, 3. Die Reaktion in Frankreich · 第 20 / 21 段