Worauf es für uns Menschen ankommt, ist, ein unfehlbares

Kennzeichen des Wahren und Falschen zu finden. Was wir suchen, ist

~Gewißheit~. Aber wo sollen wir diese finden? Aus unseren

Sinneswahrnehmungen können wir sie nicht herleiten; denn unsere

Sinne betrügen uns, sagt Lamennais. Daß sie selbst wechselseitig die

Illusionen berichtigen, welche sie jeder für sich hervorrufen, ist

ein Faktum, dessen er nicht erwähnt. Wir sind nach seiner Anschauung

um so weniger Dessen gewiß, daß ein nothwendiges Verhältnis zwischen

unseren sinnlichen Wahrnehmungen und der Realität der Dinge existirt,

als wir nicht einmal unserer eigenen Existenz sicher sind. Wie wir,

wenn wir derselben nicht sicher sind, überhaupt irgend eines Anderen

sicher werden können, ist eine Frage, die er nicht beantwortet.

Das Gefühl, die innere Ueberzeugung von der Evidenz einer Sache,

soll eben so täuschend wie die sinnliche Wahrnehmung sein. Die

unüberwindliche Stärke, mit welcher ein Princip sich unserm Geiste

aufdrängt, liefert ja keinen Beweis dafür, daß dies Princip wahr ist,

ein Irrthum ist immer möglich. Daß man recht wohl im Allgemeinen seine

Fehlbarkeit einräumen und sich nichtsdestoweniger in einer Menge

einzelner bestimmter Fälle der Wahrheit gewiß erachten kann, wird

selbstverständlich nicht berührt. -- Jetzt kommt die Reihe an die

Forschung. Es wird behauptet, daß sie zum Zweifel an Allem führe, daß

die höchsten Axiome unbeweisbar seien, und es wird betont, wie wir

überhaupt keine Sicherheit dafür hätten, daß die Erinnerung uns nicht

täusche. Dieser Angriff auf die menschliche Forschung läßt sich in so

fern freilich nicht abwehren, als es natürlich ja unmöglich ist, die

Zuverlässigkeit der Erinnerung anders als dadurch zu beweisen, daß man

sie voraussetzt. Aber von dem indirekten Beweise, den alle menschliche

Erfahrung, Bestätigung und Voraussicht für diese Hypothese liefern,

sagt Lamennais nicht ein Wort. So gelangt er vorläufig zu einem

vollkommenen Skepticismus. Aber ein vollständiger Skepticismus würde

ja zu vollkommenem Wahnwitz führen. Schon der Selbsterhaltungstrieb

nöthigt uns, zu glauben, und in Uebereinstimmung mit unserem Glauben zu

handeln. Dieser Mangel an Fähigkeit, zu zweifeln, oder die Gewißheit,

daß man, wenn man zweifelt, von allen anderen Menschen für unwissend,

wahnwitzig oder toll erklärt werden wird, bildet nun nach Lamennais'

Anschauung die Grundveste aller menschlichen Gewißheit. Die allgemeine

Uebereinstimmung +(sensus communis)+ wird also für uns das Siegel

der Wahrheit, und es giebt kein anderes. Mangel an Einigkeit erzeugt

sofort Unsicherheit und Ungewißheit. Ein Princip oder ein Faktum ist

mehr oder minder zweifelhaft, je nachdem es mehr oder minder allgemein

angenommen und bezeugt ist. Was ist somit für Lamennais die Definition

einer Wissenschaft? Eine Wissenschaft ist ein Konglomerat von Ideen

und Thatsachen, über die man einig ist. Wie die Erfahrungsphilosophen

unserer Zeit, aber von einem anderen Ausgangspunkte her, gesteht er

selbst der Geometrie kein anderes Fundament als die Einigkeit zu.

Wenn mancher Irrthum in der Wissenschaft als wahr angenommen worden

ist, so liegt Das nach seiner Ansicht darin, weil die Wissenschaft

sich nur auf eine im Vergleich mit der Menschheit geringe Zahl von

Personen erstreckt. Was sind, ruft er aus, einige hundert Gelehrte

gegen das Menschengeschlecht! und er vergißt seltsam genug, daß das

Menschengeschlecht nie über eine einzige wissenschaftliche Wahrheit

übereingestimmt hat, ehe die Männer der Wissenschaft sie entdeckten,

und überhaupt nie ursprünglich über irgend einen Glauben einig gewesen

ist.

Dann frägt er: Wenn zwei Personen mit einander uneins sind, was thun

sie, nachdem sie vergebens einander zu überzeugen gesucht haben? und

er antwortet: sie suchen ein ~Schiedsgericht~. Aber was ist ein

Schiedsgericht? Es ist eine ~Autorität~, und diese stellt, wenn

nicht die Gewißheit, so doch die Wahrscheinlichkeit zu Gunsten der

einen der bestrittenen Anschauungen fest. Da die Vernunfterwägung als

solche nur Zweifel erschafft, da der stärkste Beweis wider die Annahme

irgend eines Satzes immer der ist: »Du bist der Einzige, der so denkt«,

so kommen wir zu dem Autoritätsprincip als dem einzig wahren und

entscheidenden.

Folgerichtig würde diese Anschauung dahin führen, in einer

Majoritätsabstimmung das letzte Zeugnis für die Wahrheit zu sehen.

Aber wir sollen ja, wie man begreift, im Hafen der katholischen Kirche

landen. Es ist ganz lehrreich, den Volten zu folgen, mittels welcher

das Autoritätsprincip, so wie hier aufgefaßt, uns direkt in die Arme

derselben führt.

* * * * *

Lamennais beginnt damit, alles Lernen und Erkennen als das Gehorchen

einer Autorität zu definiren. Wir stoßen hier wieder auf die Theorien

Bonald's, daß wir die Sprache auf die Autorität Derer, die sie uns

lehren, und daß wir mit ihr die Wahrheiten annehmen, welche zur

Selbsterhaltung nöthig sind, -- Wahrheiten, die Gott in seinem

mächtigen Worte jedem Volke offenbart hat. Das intellectuelle Leben,

~dessen Gesetz Gehorsam ist~, ist also nur ein Theilnehmen an

der höchsten Vernunft, ein vollkommenes Uebereinstimmen mit dem

Zeugnisse, daß das unendliche Wesen von sich selbst gegeben hat. Die

göttliche Vernunft, welche sich mittels des Wortes mittheilt, ist der

~Existenzgrund~ der erschaffenen Intelligenzen, wie der Glaube

ihre wesentliche ~Existenzform~ ist. Das Gewißheitsprincip und das

Lebensprincip sind folglich eins.

Da die Menschheit nun zur Wahrheit erschaffen ist, kann die allgemeine

Vernunft nicht irren. Anders die individuelle Vernunft; die kann vom

Zweifel überschwemmt werden. Trennt sie sich von der Gesellschaft, so

stirbt sie. +Vae soli!+ ruft Lamennais aus, wehe dem Einzelnen!

Der Hochmüthige, sagt er, bildet sich ein, daß man verlange, er

solle seine Vernunft aufgeben, wenn man fordert, er solle sich vor

der Autorität beugen. Weit gefehlt! Die ~Autorität~ ist nur die

allgemeine, durch Zeugnisse offenbarte Vernunft; »sie beseelt und

erhält das Universum, das sie erschaffen hat. Ohne sie keine Existenz,

keine Wahrheit, keine Ordnung.«

* * * * *

Es ist also nur die Autorität, welche uns Gewißheit in Betreff der

Religion giebt. »Die Religion ist nicht nur ein System von Kenntnissen,

-- sie ist außerdem, sie ist vorzugsweise ein Gesetz.« Aber kein Gesetz

ohne Autorität, diese zwei Ideen entsprechen einander. So beruht die

Religion nothwendigerweise auf der Autorität, und die wahre Religion

auf der größten Autorität. Sie wird als »das System der Gesetze, welche

aus der Natur der Vernunftwesen folgen«, definirt, und diese kennen zu

lernen soll die Autorität also das einzige Mittel sein.

* * * * *

Folgen wir einmal der Verknotung dieses Netzes von Sophismen, um es

dann auseinander zu zupfen.

* * * * *

Der Faden ist der: Die Intelligenz entwickelt sich nur mit Hilfe

des Wortes oder des Zeugnisses. Das Zeugnis existirt nur in der

Gemeinschaft. Also kann der Mensch nur in der Gemeinschaft leben. Also

fand nothwendig eine Gemeinschaft zwischen Gott und dem ersten Menschen

statt. [Man beachte das Postulat eines Adam, Bonald's Theorie, daß Gott

Adam die Sprache gegeben habe, -- überhaupt der positiven Religion

als Autorität entnommene Elemente, als Beweis dafür gebraucht, daß

die positive Religion auf Autorität beruhe.] Die Nothwendigkeit des

Zeugnisses enthält die Nothwendigkeit des Glaubens, ohne welchen das

Zeugnis wirkungslos sein würde. Also liegt der Glaube in der Natur

des Menschen und ist die erste Lebensbedingung. Die Gewißheit des

Glaubens hängt von seiner Uebereinstimmung mit der Vernunft, d. h.

von der Größe der Autorität ab, welche das Zeugnis ertheilt. Also ist

das Zeugnis Gottes unendlich gewiß, da es Nichts anders ist, als die

Offenbarung der unendlichen Vernunft oder der größten Autorität. Es

ist kein Zeugnis möglich, außer in der Gemeinschaft. Also ist keine

Autorität und Gewißheit möglich, außer in der Gemeinschaft. Keine

menschliche Gemeinschaft kann existiren, außer kraft der Gemeinschaft,

die ursprünglich zwischen Gott und dem Menschen kraft der Wahrheiten

oder Gesetze errichtet ward, welche sein Wort ursprünglich offenbart

hat. Also können diese Wahrheiten in keiner Gemeinschaft verloren

gehen, ohne daß diese Gemeinschaft zu Grunde geht. Sie müssen sich

folglich in allen Gemeinschaften wiederfinden lassen. Diese für eine

Gemeinschaft nothwendigen Wahrheiten werden nur durch das Zeugnis

bewahrt, das keine Kraft oder Wirkung hat außer durch die Autorität.

Also: wie keine Autorität außer in der Gemeinschaft existirt, so

existirt die Gemeinschaft nicht außer durch die Autorität, und wo keine

Autorität ist, da ist auch nirgends eine Gemeinschaft. Aber nun giebt

es zwei Arten von Gemeinschaft, denn der Mensch steht einerseits in

zeitlichem Verhältnisse zu seines Gleichen, andererseits in ewigem

Verhältnisse zu Gott und seinen Mitmenschen. Diese zwei Gemeinschaften

sind die politische oder bürgerliche (zeitliche) und die geistige

(ewige) Gemeinschaft. Folglich giebt es zwei Autoritäten, und diese

zwei Autoritäten sind jede in ihrer Ordnung ~unfehlbar~.

* * * * *

Das sieht ja über die Maßen logisch aus; wenn +Ergo+ genug für

einen Beweis wäre, fehlte es nicht an Beweisen. Aber prüfen wir die

Argumentation an einigen Punkten.

* * * * *

Das Ich, sagt Lamennais, kann sich nicht allein zum Selbstbewußtsein

entwickeln. Das ist wahr, und wir schließen daraus, was man daraus

schließen kann, wenn wir sagen, daß das Ich sich folglich durch ein

Du entwickelt habe. Das ist ein Gedanke, den vor Allen Feuerbach

eindringlich ausgesprochen und variirt hat. Aber Lamennais, welcher die

alttestamentarische Annahme von einem einzigen Einzelmenschen, der vor

dem ganzen Geschlechte existirt habe, zum Ausgangspunkte nimmt, erbaut

die Lehre von der Unterhaltung dieses Menschen mit Gott und Alles, was

daraus erfolgt, auf diesem Grunde, der mit dem Gebäude fällt.

* * * * *

Lamennais will ferner das unfehlbare Kennzeichen der Wahrheit

nachweisen. Dies Kennzeichen soll die allgemeine Uebereinstimmung sein.

~Aber worauf beruht die Autorität dieser Uebereinstimmung?~ Hat

sie einen Grund, oder ist sie ein Faktum?

* * * * *

Wenn sie einen Grund hat, wenn die allgemeine Vernunft die Regel für

die individuelle Vernunft abgeben ~muß~, so ist ja diese von

Lamennais so verschmähte und verachtete individuelle Vernunft in

letzter Instanz der höchste Richter über die Wahrheit. Denn einerseits

ist sie es, welche der allgemeinen Uebereinstimmung diesen so hohen

Werth beilegt, andererseits ist sie es, welche entscheidet, wie weit in

jedem einzelnen Falle allgemeine Uebereinstimmung vorhanden sei, oder

nicht.

Wenn die Autorität der allgemeinen Uebereinstimmung dagegen ein Faktum

ist, d. h. eine Sache, die schlechthin aus unserer Natur folgt, so

ist die Gewißheit, welche sie uns einflößt, in keiner Hinsicht von

aller anderen Gewißheit verschieden. Aber nun hat Lamennais ja eben

selbst dagegen protestirt, die Gewißheit von einem inneren Gefühl

herzuleiten, ja sogar unsere Gewißheit von unserer Existenz bekämpft,

da die Gewißheit, deren wir bedürfen, die ~unfehlbare~ ist --

was in aller Welt soll denn nun den unreflektirten Autoritätsglauben

unfehlbarer machen, als jede andere Gewißheit?

Lamennais' Argumentation mündete schließlich in zwei unfehlbaren

Autoritäten. Man hört schon an dem Worte »unfehlbar«, daß die

katholische Kirche nicht fern ist. Es brennt schon. Die Unfehlbarkeit

wird als eine direkte Konsequenz der Autorität insinuirt. Es giebt

einen Punkt, wo alle Theoretiker der kirchlichen Restauration einander

begegnen, einen Punkt, worüber De Maistre, der ihn einleitet,

vollkommen einig mit Lamennais ist, der ihn abschließt, wie bedingt

sonst auch (was seine Korrespondenz beweist) die Zustimmung war,

welche er den übrigen Paradoxien seines jüngsten Schülers gewährte.

Man muß sich erinnern, daß im vorigen Jahrhundert die päpstliche Macht

todt zu sein schien. Ein Papst hatte mit Voltaire korrespondirt und

die Dedikation seines »Mahomet« angenommen. Der Papst hatte selber

seine getreuen Janitscharen, die Jesuiten, abgeschafft. Die religiöse

Reaktion wird also dadurch herauf beschworen, daß man wieder die

Bedeutung des Papstes geltend macht, ja sie, sogar von katholischem

Standpunkte betrachtet, übertreibt. De Maistre hatte gesagt: Ohne Papst

keine Autorität; ohne Autorität kein Glaube, d. h. ohne Papst kein

Glaube. So wird die Oberhoheit des Papstes zum eigentlichen Kern und

Princip des Christenthumes, bis der Papst in unseren Tagen (bei Bischof

Ségur) zu einem Sakramente, zu »Jesu wirklicher Anwesenheit auf Erden«,

verwandelt wird.

Der Gedankengang bei De Maistre war dieser: Es giebt keine Religion

ohne eine sichtbare Kirche, es giebt keine Kirche ohne Regierung,

keine Regierung ohne Souverainetät, und keine Souverainetät ohne

Unfehlbarkeit. Er appellirt an das Princip von der Unverantwortlichkeit

des Königs. Diese ist für ihn ganz Dasselbe, wie die Unfehlbarkeit in

Betreff der Päpste. Jede Regierung, sagt er, ist ihrem Wesen zufolge

absolut, duldet keine Widersetzlichkeit; von dem Augenblick an, wo man

sich unter dem Vorwande, daß sie ungerecht oder im Irrthum sei, wider

sie auflehnen darf, existirt Nichts mehr, was Regierung genannt werden

kann. Ja, er sucht durch Analogien zu zeigen, wie vertraut man in

allen andern Lebenssphären mit dem Unfehlbarkeitsgedanken sei, während

es zum guten Ton gehöre, an demselben Anstoß zu nehmen, wenn es sich

um den Papst handle. Ist der Seekapitain nicht Souverain auf seinem

Schiffe, und in Folge Dessen als unfehlbar zu betrachten? Giebt es eine

Appellation von ihm, oder giebt es eine Appellation von irgend einem

anderen höchsten Gerichte?

* * * * *

Diese scharfsinnige Vertheidigung hat gewiß alle Vorzüge, welche die

Vertheidigung einer im Voraus verlorenen Sache besitzen kann. Aber daß

man den Souverain als unfehlbar betrachten muß, obschon er es nicht

ist, beweist Das, daß der Papst als Souverain der Kirche wirklich

unfehlbar ist? Daß es immer eine höchste Macht geben muß, welche die

äußerliche Unterwerfung verlangen kann, beweist Das, daß diese Macht

auch mit Recht die Zustimmung der Gemüther fordern kann? Oder ist

vielleicht die äußerliche Unterwerfung genug? De Maistre räumt Das im

Grunde ein. Er sagt: »Was das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes

selber betrifft, so haben wir kein ~Interesse~, es in Zweifel

zu stellen. Wenn sich eine jener theologischen Fragen darbietet, die

absolut einem höchsten Richterspruche unterworfen werden muß, so ist

es für uns nicht von Interesse, daß sie auf diese oder jene Weise

entschieden wird, wohl aber, daß sie unverzüglich und ohne Appellation

entschieden wird.«

* * * * *

Lamennais, der, wie De Maistre, zu zwei unfehlbaren Autoritäten,

der des Staates und der der Kirche, gelangt, geht als der um eine

Generation jüngere Schüler seines Lehrers noch einen großen Schritt

weiter auf der begonnenen Bahn. Wie es sich auf die Dauer als

unmöglich zeigt, die zwei Unfehlbarkeiten jede in ihrer Sphäre

festzuhalten, besinnt er sich nicht, zu entscheiden, welche von ihnen

im Kollisionsfalle weichen muß. Er zieht selbst die letzte Konsequenz,

indem er sagt: »Die geistige Autorität repräsentirt das unveränderliche

Gesetz der Gerechtigkeit und Wahrheit, die weltliche Macht dagegen

die Stärke, welche die aufrührerischen Willen zwingt, sich diesem

Gesetz zu unterwerfen. ~Die Stärke ist nothwendigerweise dem Gesetz,

der Staat der Kirche untergeordnet.~ Im entgegengesetzten Falle

müßte man zwei unabhängige Mächte annehmen, die Eine der Erhalter der

Gerechtigkeit und Wahrheit, die andere blind, und deshalb ihrer Natur

nach verderblich für Gerechtigkeit und Wahrheit.« (+Du progrès de la

révolution et de la guerre contre l'église.+) Eine stolze und des

neunzehnten Jahrhunderts würdige Konsequenz!

Man lernt hieraus, welche Macht Lamennais der katholischen Kirche

beigelegt haben wollte. Es erübrigt noch, den Schlußsprung zu sehen,

durch welchen bewiesen wird, daß die katholische Kirche selber die

Autorität ~ist~, von der so viel und so weitschweifig gesprochen

ward. Lamennais sagt: »Bei der Wahl einer Religion reducirt sich also

Alles darauf, zu wissen, ob irgendwo eine solche Autorität, wie wir sie

definirt haben, existirt, oder mit anderen Worten, ob eine geistige und

sichtbare Gemeinschaft existirt, welche erklärt [!!], daß sie diese

Autorität besitze. Wir sagen: eine sichtbare Gemeinschaft, weil jedes

Zeugnis äußerlich ist [Man erinnere sich, daß das Urtheil der inneren

Stimme verworfen ward]; wir sagen ferner, daß dies Zeugnis den gewissen

Beweis für die Autorität, von der hier gesprochen wird, liefern würde,

weil es ein Ausdruck der allgemeinsten Vernunft wäre.«

»Wenn es keine solche Gemeinschaft gäbe, so würde die einzige wahre

Religion die überlieferte Religion des Menschengeschlechtes, d. h. der

Inbegriff von Dogmen und Vorschriften sein, welche durch die Tradition

aller Völker geheiligt und ursprünglich von Gott offenbart sind.«

»Wenn es dagegen eine solche Gemeinschaft giebt, so bilden ihre Dogmen

und Vorschriften die wahre Religion.« -- Von dem jetzt erreichten

Höhepunkte ergiebt sich der Rest der Beweisführung von selbst.«

»Seit der Zeit Jesu Christi hat die religiöse Gemeinschaft

unbestreitbar immer die größte Autorität besessen. Unter den

verschiedenen Glaubensgemeinschaften kommt das Gepräge größter

Autorität sichtbarlich der katholischen Kirche zu. So erhellt, daß sich

in ihr allein alle Wahrheiten finden, welche dem Menschen nöthig sind,

in ihr allein die vollständige Kenntnis der Pflichten oder Gesetze der

Vernunft, in ihr allein Gewißheit, Heil und Leben.«

So sind wir glücklich in den Hafen eingelaufen. Aber nicht genug, daß

wir als Wrack angelangt sind, -- noch im letzten Augenblick erleiden

wir Schiffbruch im Hafen. Denn Lamennais gesteht am Schlusse des

Werkes ganz offen, daß alle Religionen auf Autorität beruhen, und daß

nichtsdestoweniger die ursprünglichen Traditionen in ihnen allen, mit

Ausnahme einer einzigen, mehr oder minder durch Hinzufügungen, welche

man als Irrthümer bezeichnen muß, entstellt worden sind; »aber,« sagt

er, »selbst diese Irrthümer sind wieder nur kraft der Autorität als

gültig angenommen worden, und existiren nur durch diese.« Welches

Zugeständnis! Es stürzt die ganze Argumentation über den Haufen.

Lamennais merkt jedoch Nichts davon. Beifällig citirt er die Worte

eines andern katholischen Schriftstellers: »Die katholische Religion

ist eine Religion der Autorität, und deshalb ist sie allein eine

Religion der Gewißheit und Ruhe«. Triumphirend beruft er sich auch auf

den Ausspruch Rousseau's: »Wenn ihm Jemand am Sonntag beweisen könne,

daß er verpflichtet sei, in Glaubenssachen sich der Entscheidung eines

Andern zu unterwerfen, so würde er sich am Montag zum Katholiken machen

lassen, und jeder konsequente und wahrheitsliebende Mensch würde es

machen, wie er«. Lamennais applaudirt, da er überzeugt ist, diesen

Beweis geliefert zu haben, daß das Individuum in Glaubenssachen sich

der Autorität unterwerfen müsse. Lieber Himmel, welcher Beweis! Ein

einziger Hauch, und er fällt zusammen.

Eins von Beiden: Entweder beruht die katholische Kirche auf der

allgemeinen Anerkennung ihrer Wahrheit, oder sie thut es nicht. Beruht

sie darauf, so ~ist~ sie ja allgemein anerkannt und bedarf keiner

Vertheidigung, da Niemand sie leugnet. Beruht sie hingegen nicht

darauf, so ist sie der Theorie zufolge falsch, und keine Vertheidigung

kann ihr frommen.

Allein damit nicht genug: selbst diese Lehre, daß die allgemeine

Uebereinstimmung das Kennzeichen des Wahren abgebe, selbst sie muß

ja ebenfalls ihre Wahrheit dadurch beweisen, daß sie allgemeine

Anerkennung findet. Läßt sich nun eine bitterere Ironie des Schicksals

denken, als die, daß sie nicht nur allgemein bestritten ward, sondern

daß die Kirche selbst 1832 diese Lehre verwarf? So stand also Lamennais

plötzlich ~allein~ mit der Lehre, daß es die Summe aller Anderen

sei, welche Recht habe. Läßt sich ein lächerlicherer Widerspruch

denken? Ja, es läßt sich einer denken, nämlich der, welcher gleich

nachher eintrat: daß Lamennais als gehorsamer Sohn der Kirche, sich

unter die Autorität derselben beugend, selbst diese seine Lehre von

der Autorität der Kirche als unfehlbarem Kennzeichen der Wahrheit

verleugnete und widerrief.

Aber wir brauchen nicht so weit wie bis 1832 zurück zu blicken, um

zu sehen, wie die Männer des Autoritätsprincips in Streit mit ihrem

eigenen Princip kamen. Was man auch verfechte, man muß zuerst und vor

Allem Freiheit haben, zu reden. Das ist das Göttliche der Freiheit,

daß selbst Die, welche sie hassen, ihrer bedürfen und genöthigt sind,

sie zu verlangen. Das Journal +»Le conservateur«+ begann damit,

aufs eifrigste die Preßfreiheit zu befürworten, und fühlte sich später

sehr durch dieselbe genirt. Man konnte nicht gut Andern eine Freiheit

verweigern, die man für sich selbst gefordert hatte; man konnte Das

nicht gut -- aber man that es. Ganz ebenso erging es in Betreff der

Frage einer parlamentarischen Regierung oder, wie man es damals nannte,

der parlamentarischen Prärogative. Bei Beginn der Restauration ist es

die katholische und monarchische Schule in Frankreich, welche durch

ihre Journalartikel und ihre Redner das erste Ministerium stürzt, das

aus der freien Wahl der Königsmacht hervorgegangen war. Man wollte

selbst ans Ruder. So war es also die Schule des Autoritätsprincips, die

in Frankreich zuerst die ganz entgegengesetzten Principien aufstellte:

die Preßfreiheit in der ausgedehntesten Bedeutung des Wortes und den

entscheidenden Einfluß der parlamentarischen Majorität. Man untergrub

selber den Grund, auf welchem die Autorität beruhte.

Bei dem stolzen und leidenschaftlichen Priester Lamennais ist die

Entwicklung in dieser Richtung Punkt für Punkt zu kontrolliren.

Die Charte, welche aufs innigste mit der Königsmacht zusammenhing,

sicherte wenigstens auf dem Papier die Religionsfreiheit. Aber diese

Religionsfreiheit erzürnt Lamennais, der ja weiß, daß nur ~eine~

Religion die wahre ist. Zu jener Zeit kommt das klägliche Wortspiel

in Mode, daß das Recht der Gewissensfreiheit das Recht sei, frei vom

Gewissen zu sein. Er und seine Anhänger betonen daher, daß man seinem

Gewissen folgen müsse. Das thun nach ihrer Meinung die Gegner nicht.

Aber sie vergessen, daß der Pflicht, seinem Gewissen zu folgen, eine

andere Pflicht vorausgehen muß: die, sein Gewissen aufzuklären. Wenn

es unmoralisch ist, wider sein Gewissen zu handeln, so ist es nicht

minder unmoralisch, sich ein Gewissen nach falschen und willkürlichen

Principien zu bilden. Im Namen des Gewissens und der Autorität

protestirt also Lamennais gegen die Konfessionslosigkeit des Staates,

die er als »den politischen Atheismus« bezeichnet. Er schleudert das

Stichwort in die Welt: »In Frankreich ist das Gesetz Atheist«. Ja,

er geht weiter. Er zeigt in einem berüchtigten Briefe, den er in das

Journal »Die weiße Fahne« einrücken ließ, und den er an den Bischof

Frayssinous richtete, daß, da das Volk, das es jetzt zu erziehen

gelte, in Blut geboren sei am Schafott Ludwig's XVI. und am Altare der

Vernunftgöttin, nur Christus es retten und das Christenthum es erziehen

könne. Aber alle Erziehung in Frankreich war nach seiner Behauptung

atheistisch. »Uebertreibe ich, Monseigneur, wenn ich sage, daß es in

Frankreich Erziehungsanstalten giebt, die in mehr oder minder direkter

Verbindung mit der Universität stehen, wo die Kinder in praktischem

Atheismus und Haß gegen das Christenthum erzogen werden? In einer

dieser schauerlichen Höhlen des Lasters und der Irreligiosität hat man

dreißig Zöglinge zum Tische des Herrn gehen, die geweihte Hostie im

Munde behalten und eine Entweihung des Heiligsten verüben sehen, die

das Gesetz früher bestraft haben würde, indem sie mit denselben die

Briefe verschlossen, die sie an ihre Eltern geschrieben hatten ...

Eine gottlose, verderbte, revolutionaire Race bildet sich unter dem

Einflusse der Universität.«

Man war sehr mißgestimmt über diese indiskreten Enthüllungen und fühlte

sich in hohem Grade genirt durch diese Angriffe auf das Grundgesetz des

Staates aus einem Lager, auf dessen warme Unterstützung man glaubte

rechnen zu dürfen. Als Lamennais in Folge Dessen auf eine große Kälte

stieß und Verweise statt Dank erntete, ging er noch einen Schritt

weiter.

Ich habe schon gezeigt, wie seine Lehre dahin führte, im

Kollisionsfalle die weltliche Unfehlbarkeit der geistlichen

Oberunfehlbarkeit aufzuopfern. Aber Das hieß in Wirklichkeit Dasselbe,

wie der revolutionären und philosophischen Schule einräumen, daß sie

Recht habe, den unverletzlichen und unwiderruflichen Charakter zu

verwerfen, welchen die monarchische Schule dem legitimen Königthume

beilegen wollte. Es hieß außerdem, die ganze weltliche Macht abhängig

vom Papste machen. Alle Bischöfe Frankreichs antworteten mit einer

Erklärung, in welcher sie die Unabhängigkeit der weltlichen Macht vom

päpstlichen Stuhle betonten.

So hatte jetzt Lamennais, der Mann der Autorität, sich sowohl mit den

geistlichen wie mit den weltlichen Autoritäten überworfen.

Die Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, 3. Die Reaktion in Frankreich · 第 19 / 21 段