ihn zum Bruche mit dem literarischen Autoritätsprincip führt. Noch ein
Jahr, und er schüttelt das Joch ab, weiht die romantische Schule in
Frankreich ein, und erklärt in ihrem ersten Manifest, der Vorrede zu
»Cromwell«, daß es ein +ancien régime+ in der Literatur so gut wie
in der Politik gebe, und daß das alte Regiment dem jungen Geschlechte
wie ein Alp auf der Brust liege. »Die Schleppe des achtzehnten
Jahrhunderts erstreckt sich noch in dies Jahrhundert hinein; aber
sollten wir junge Männer, die wir Bonaparte gesehen haben, uns nicht
für zu gut halten, diese Schleppe zu tragen?« und er spricht von jener
geschminkten, gepuderten, mit Schönheitspflästerchen bedeckten Poesie,
von jener Literatur mit Fischbeinkorsetts und Falbeln. Jetzt richtet
er seine ersten Keulenschläge wider Boileau. In den Oden hatte er noch
die alte sprachliche Etikette beobachtet (er bezeichnet z. B. den
Konvent mit dem Worte »Senat«) und nur einzelne schüchterne Versuche
einer metrischen Erneuerung der alten Formen gewagt, deren Absicht
es war, den Odenstil minder steif und schwerfällig zu machen. Jetzt
geht er rücksichtsloser zu Werke, als nöthig war. Wer weiß nicht,
was jene Etikette zu bedeuten hatte! Man besaß eine kleine Sammlung
edler Ausdrücke, auserlesener Worte, eine Art von Elite der Sprache,
welche allein Zutritt zur Poesie hatte. Man sagte nicht Degen, sondern
Schwert, nicht Soldat, sondern Krieger, und man sprach nicht von
Flinten und Messern, ungefähr wie man in unserer dänischen Poesie
kaum mehr als Rosen und Lilien, Veilchen und Waldmeister und, wenn es
hoch kommt, noch ein Dutzend Blumen als Repräsentanten der unzähligen
Pflanzenarten anerkennt. Die Folge davon war, daß der Wortvorrath
äußerst beschränkt blieb, daß es nur einige Hundert edler Reimpaare
gab, und daß dieselben Wendungen, welche stets wiederholt werden
mußten, dieselben Ideen und Gefühle mit sich brachten. Die poetische
Rhetorik war etwa das Seitenstück zu Dem, was die geistliche Rhetorik
in unserer Zeit ist. Erhaben nannte man die feierliche Tirade, welche,
so weit möglich, von den Dingen sprach, ohne sie jemals bei ihrem
rechten Namen zu nennen, und wieder nur von den Dingen, die so wenig,
wie möglich, den Menschen an seine irdische Natur, an die leibliche
und körperliche Seite seines Wesens erinnerten. Komisch war in Folge
dessen jede direkte und unzweideutige Bezeichnung der Dinge, wenn sie
in einer Kunstform vorkam, die das Privilegium des hohen Stils zu haben
glaubte. Deshalb erregte der gleichzeitig mit dem ersten Auftreten der
Romantik unternommene Versuch, Shakspeare in Frankreich einzuführen,
so großes Entsetzen. Es ist bekannt, daß »Othello«, als das Stück
in Alfred de Vigny's Uebersetzung im Odeontheater, also vor einem
Studentenpublikum, dem liberalsten und am wenigsten prüden in Paris,
aufgeführt wurde, durchfiel, weil das Wort »Schnupftuch« genannt wurde.
Bei der Aufführung von Lebrun's »Cid« rief das Wort »+chambre+«
(Schlafzimmer) ein Mißfallsgemurmel hervor, und Mlle. Mars weigerte
sich noch viel später, die Rolle der Donna Sol in »Hernani« zu
übernehmen, wenn nicht einzelne derartige Wörter gestrichen würden. Es
war also nicht zu verwundern, daß Hugo in einer Zeit, wo die Autorität
von allen Seiten gestützt und aufrecht erhalten wurde, damit begann,
sich nach all' diesen Regeln zu richten, ja an dieselben als wirkliche
Gesetze für die Poesie und die Sprache zu glauben. Dann begann er
ein wenig an ihnen zu rütteln, sie ein wenig zu umgehen, sie ein
klein wenig, jedoch mit tiefstem Respekte, zu bezweifeln oder anders
auszulegen, bis es ihm nicht mehr möglich war, sie zu beobachten, und
er sie über Bord warf. Mit treffenden Worten hat er in einem seiner
Gedichte[17], das sich hier leider nur höchst unvollkommen in Prosa
wiedergeben läßt, die Revolution charakterisirt, welche er schließlich
unternahm:
»Ja ich bin der fürchterliche Demagog, der barbarische Verwüster des
alten ABC, von welchem Du so viel Schlimmes gehört hast. Als ich
blasses, von Lektüre überreiztes Kind aus der Schule kam und zum ersten
Mal meine Augen öffnete, um die Natur und die Kunst zu betrachten, war
die Sprache ein Bild der Monarchie. Die Sprache war der Staat vor 1789.
Da gab es Adel und gemeines Volk. Ein Wort war Herzog und Pair von
Frankreich, ein anderes war ein armer Schlucker. Sie schieden sich von
einander, wie die Fußgänger und die Reiter, welche in zwei getrennten
Reihen den Pont-Neuf passiren. Die Worte waren in Kasten eingetheilt.
Einige, die feinen, verkehrten mit Phädra, Jokaste, Merope,
beobachteten das Dekorum und hatten Erlaubnis, in den Karossen des
Königs nach Versailles zu fahren; andre, der Bettlerschwarm, der Pöbel,
das gemeine Volk, waren heimisch in den Dialekten, ja lebten auf den
Galeeren in der Diebssprache, und trugen weder Perücke noch Strümpfe.
-- Da erschien ich Räuber und rief: Weshalb sollen die da immer voran
und diese anderen immer hinterdrein gehen? Und mit der vollen Kraft
meiner Lungen blies ich auf die alte ehrwürdige Akademie, welche all'
die ängstlichen Gleichnisse unter ihren Talaren verbarg und blies
auf die Alexandriner-Bataillone, die in Karrés aufgestellt standen,
daß Wort und Vers durcheinander wirbelten. Ich stülpte dem alten
Lexikon eine rothe Mütze auf und rief: Kein Wort ist mehr Senator,
kein Wort ist mehr bürgerlich. Ich rief einen Sturm auf dem Grunde des
Dintenfasses hervor und vermischte die schwarzen Schaaren der Worte mit
den weißen Schwärmen der Ideen, und sprach: Es giebt kein Wort, auf
welchem die Idee in ihrem reinen Fluge, noch frisch und feucht vom Azur
des Himmels, nicht verweilen und rasten kann«.
Aber noch ist Hugo, selbst wenn er zweifelt, nicht so weit. Er nennt
noch selbst seine Poesie »Kavalier-Poesie« und stempelt mit diesem,
an die englische Restauration erinnernden Worte sich selbst zum
privilegirten Dichter der Restauration. Aber er scheitert an der
Unmöglichkeit, die religiöse und die literarische Tradition dahin
zu bringen, daß sie einander decken. In den Balladen fühlt man dies
besonders. Hugo zieht die alten Erinnerungen aus dem Mittelalter und
der Lehnszeit hervor. Was kann loyaler sein! Aber die Literatur aus
der Zeit Ludwig's XIV. hatte vollständig mit dem Mittelalter und ihren
Erinnerungen gebrochen. Was kann also weniger klassisch sein! Eine der
Balladen schildert einen Hexentanz (+La ronde du sabbat+), eine
andere spricht von Sylphen und Feen, der ganze farbenreiche Aberglaube
der alten Legenden lebt wieder auf, man ist nicht weit von der Romantik
entfernt. Endlich ist der Ton in diesen Gedichten nicht klassisch, es
ist hier, wie in Deutschland und Dänemark, der Ton der Volkslieder,
welcher den vornehmen und gelehrten Buchstil ablöst. Diese Poesie
hat außerdem ein neues ~nationales Element~ (+Le géant+,
+Le pas d'armes du roi Jean+), sie wendet sich von der Antike
zu dem alten ~Frankreich~. Auch in Betreff des Nationalen war
Chateaubriand vorangegangen, seine Schilderungen der alten Gallier in
den »Märtyrern« waren die ersten Versuche dieser Art und beeinflußten,
nach Augustin Thierry's eigenem Geständnisse, sogar noch den späteren
Verfasser des »Zeitalters der Merowinger«; aber selbst dies Element des
Heimatlichen war neu und fremd in der französischen Dichtung und mußte
sich aufrührerisch gegen die Tradition verhalten. Bald wurden mit dem
altfranzösischen Inhalte alle altfranzösischen Versformen erneuert.
Hier hatte abermals Chateaubriand den Anfang gemacht mit dem entzückend
lieblichen Liede:
+Combien j'ai douce souvenance
Du joli lieu de ma naissance!+
welches auch an dem Grabe, das er sich in dem Granitfelsen bei St. Malo
mit dem Blick aufs Meer hatte aushöhlen lassen, gesungen ward, als man
seine Hülle dort bestattete. Und plötzlich klingen die Töne aus der
Zeit Ronsard's und der Plejade wieder bei De Vigny, bei den Brüdern
Deschamps, bei Sainte-Beuve und bei Hugo. Im Mai 1828 hat De Vigny
in seinem Gedichte »+Madame de Soubise+« Strophen wie folgende
geschrieben:
+La voyez-vous croìtre,
La tour du vieux cloìtre?
Et le grand mur noir
Du royal manoir?
Entrons dans le Louvre,
Vous tremblez, je crois,
Au son du beffroi?
La fenêtre s'ouvre,
Saluez le roi!+
Im Juni desselben Jahres überbietet ihn Hugo mit den meisterhaften
Versen im »Turnier des Königs Johann«:
+Cette ville
Aux longs cris,
Qui profile
Son front gris,
Des toits frêles,
Cent tourelles,
Clochers grêles,
C'est Paris!+
Welche Kunstform! welche malerische Klarheit! welche Kürze und Kraft!
Die Alexandriner verschwinden fern am Horizonte; noch ein Schritt, und
die Farbenpracht der »Orientalen« entfaltet sich vor unserm Auge.
Von dem Augenblick an, wo die religiöse und monarchische Tradition
wieder der Literatur eingepfropft wurde, schien das Autoritätsprincip
eine große und wesentliche Unterstützung erlangt zu haben. Aber bald
zeigte es sich, daß die christliche Tradition nicht in Gemeinschaft
mit der literarischen gedeihen konnte. Sie entwickelte sich innerhalb
derselben und unter ihren Flügeln, gleichsam in ihrem Schooße; aber
bald enthüllt sie sich als ein oppositionelles Princip, und das
Autoritätsprincip in der literarischen Form wird durch die Macht der
Konsequenz von dem neuen Geiste, welcher nur das reelle, d. h. das
religiös-politische Autoritätsprincip geltend machen zu wollen schien,
bei Seite gedrängt, ja in die Luft gesprengt.
Es bleibt uns nun noch übrig, zu sehen, wie die Autorität als
reelles Princip das Schicksal des formellen und literarischen
Autoritätsprincips theilen mußte.
[+Victor Hugo: Odes et Ballades. Cromwell. -- Alfred de Vigny:
Poésies complètes. -- Emile Deschamps: Poésies. -- Antoni Deschamps:
Poésies. -- Raynouard: Les templiers.+]
9.
An einem finstern und nebligen Tage vor ungefähr zwanzig Jahren folgte
in Paris eine kleine Schaar von Freunden einem der berühmtesten Männer
Frankreichs zum Grabe. Zwischen zwei Reihen Soldaten, die zugegen
waren, nicht um dem Todten das Ehrengeleite zu geben, sondern um
Ordnung zu halten, bewegte sich der Zug nach dem Armenkirchhofe, zu der
gemeinschaftlichen Gruft. Der Verstorbene hatte es so gewollt. Als man
die Erde auf den Sarg geworfen hatte, frug der Todtengräber: »Ist kein
Kreuz da?« -- »Nein«, lautete die Antwort.
* * * * *
Kein Erinnerungszeichen verkündet also, wo der Todte gebettet liegt,
obschon sein Name über ganz Europa bekannt war, und kein Kreuz
bezeichnet die Gruft, obschon der Todte Abbé und Priester, ja lange
Zeit hindurch der erste Vorkämpfer der Kirche gewesen war. Es war
Lamennais, der nach seinem eigenen Wunsche so zur Erde bestattet war.
* * * * *
Félicité de la Mennais (erst später demokratisirte er seinen Namen)
war, wie Chateaubriand, Bretagner und besaß von Geburt an die
Hartnäckigkeit seiner Race in Wesen und Charakter. Die Männer aus
dieser Provinz bilden gleichsam die Vendée der Literatur, indem sie
mit dem Worte den Kampf fortsetzen, den ihre Väter mit Waffengewalt
geführt hatten. Er war als Jüngling schmächtig, hager und fieberhaft
lebendig; er verlor früh seine Mutter, und wurde dadurch noch härter
und entschiedener. Sein religiöser Beruf war lange zweifelhaft;
als Jüngling ergötzte er sich zumeist an Musik und Mathematik, an
Flötenspiel und Waffenübungen, ja, er hatte ein ernstliches Duell,
das sich später als ein Hindernis auf der von ihm beschrittenen Bahn
erwies. Er hatte Liebesabenteuer und schrieb Verse[18]. Er war so wenig
geneigt, sich der religiösen Dogmenlehre zu unterwerfen, daß er erst
in seinem zweiundzwanzigsten Jahre, als seine religiöse Ueberzeugung
gereift war, zum ersten Male zur Kommunion ging. Er beginnt jetzt sich
mit theologischen Studien zu beschäftigen, und 1808, sechsundzwanzig
Jahre alt, empfängt er die Tonsur. Aber als er zum Priester geweiht
werden soll, erfaßt ihn ein solches Grausen vor dem Gelübde, das
er abzulegen im Begriffe steht, daß er den entscheidenden Schritt
aufschiebt, und in seiner Melancholie und seinen Zweifeln ihn immer
und immer wieder so lange aufschiebt, daß er erst mit fünfunddreißig
Jahren die Ordination empfängt. Seine Briefe schildern den zerrissenen
Zustand seiner Seele in der ganzen Zwischenzeit; dies stolze Herz wand
und krümmte sich bei dem Gedanken, die Herrschaft über sich fremden
Händen zu überliefern. Und wurde es besser, als Alles entschieden und
das Gelübde endlich unwiderruflich abgelegt war? Nein, weit gefehlt!
Der erste Brief, den er seinem Bruder sendet, gleich nachdem es fremder
Ueberredung gelungen war, ihm die Einwilligung zu jener Priesterweihe,
vor der er sich so sehr scheute, abzulocken, schildert mit schwarzen
Farben seinen Gemüthszustand:
»Ich glaube, obschon man mir Schweigen auferlegt hat, Dir ein für alle
Mal eine Erklärung geben zu dürfen und zu sollen. Ich bin äußerst
unglücklich und kann von jetzt an nur noch äußerst unglücklich
sein. Man mag darüber raisonniren, so viel man will, man mag sich
winden und drehen, so viel man Lust hat, um mir zu beweisen,
daß das Entgegengesetzte der Fall sei, so ist es doch ziemlich
unwahrscheinlich, daß es gelingen wird, mich zu überzeugen, daß
eine Thatsache, die ich empfinde, nicht vorhanden sei. Aller Trost,
den ich empfangen kann, besteht daher in dem wohlfeilen Rathe, aus
der Noth eine Tugend zu machen ... Ich begehre nur Vergessenheit in
jeder Bedeutung dieses Wortes, und gebe Gott, ich könnte mich selbst
vergessen!«
Unter so schmerzlichen Geburtswehen wurde bei Lamennais der Glaube
an seinen religiösen Beruf geboren. Er besiegte seine Verzweiflung;
er, der immer etwas ~Ganzes~ sein mußte, wenn Dies auch noch so
verschieden von seinem früheren Standpunkte war, wurde ganz und mit
ganzer Seele Priester. Er fühlte sich so sehr als Solcher, daß sein
erster Zornausruf, als Rom ihn 1832 im Stiche ließ, dieser war: »Ich
werde sie lehren, was es heißt, einen Priester herauszufordern!«
Er hatte eine starke Seele und einen beschränkten Geist, er war
ein geborener Parteimann, dazu geschaffen, heftig und blind Partei
zu ergreifen, mit leidenschaftlicher Liebe und beredtem Hasse zu
verfechten, was er im Augenblick für die absolute Wahrheit hielt.
Als er daher der herrschenden Idee des Zeitalters begegnet, wird
er ein Streiter für dieselbe wie kein Anderer, der eifrigste, der
konsequenteste, der aufrichtigste und unerschrockenste Vorkämpfer
des absoluten Autoritätsprincips und der absoluten Unterwerfung,
welche dasselbe verlangt. Er, der selbst unter einer so schmerzlichen
Gemüthsaufregung seine Vernunft und Selbstbestimmung in die Hände
der Kirche gelegt hatte, er, der einzige wirkliche Geistliche der
neukatholischen Schule, scheint gleichsam den anderen Menschen keine
besseren Lebensverhältnisse gönnen zu wollen, als er selber gekannt
hat. Wenn er in einer Sprache, die den Sturm in sich birgt, das
Evangelium der Autorität und des Gehorsams verkündet, fühlt man bei ihm
noch mehr, als bei irgend einem Andern, die persönliche Leidenschaft
sich in der allgemeinen Forderung sättigen, und man merkt, wie das Ich
gleichsam sich selbst dadurch zur Geltung bringt, daß es, da es sich
selbst ein für alle Mal hat unter die Autorität beugen müssen, jetzt
die Willen und Gedanken aller anderen Individuen zerbricht und sie
unter die Regel beugt, welche es zu der seinigen macht, indem es als
ihr Organ auftritt.
Gewaltsam und trotzig-selbständig, wie er war, anerkannte er im eigenen
Lager fürwahr keine Autorität. Seine Aeußerungen über die anderen
Mitglieder der Schule würden eine artige Anthologie von Schmähwörtern
abgeben. Ueber Bonald z. B. ein Ausspruch wie dieser: »Arme Menschheit!
-- ich weiß nicht, wie bei dem Worte »Mensch« Herr Bonald mir einfällt.
Der Uebergang ist jäh. Man sagt, der arme Mensch sei in der letzten
Zeit äußerst schwach an Geist geworden.« Ueber Chateaubriand: »Der
König und er, er und der König. Das ist Frankreichs ganze Geschichte
... Man begreift nicht, und er weniger als irgend Jemand, daß Europa
seine Talente entrathen kann. Er weissagt, daß es Europa schlecht
bekommen werde.« Ueber Frayssinous, der als Haupt des Gallikanismus
sein Widersacher war: »Sie halten ihn für gemäßigt: weshalb? Weil man
Sie auf eine gewisse Kälte bei ihm aufmerksam gemacht hat, die Sie für
Mäßigung hielten, und doch war es nur geronnener Haß.« Das ist der Ton
in seinen Briefen. Aber gleichwohl lag in seiner kräftigen und blind
nicht drauf los platzenden, sondern einher brausenden Seele der Stoff,
aus welchem sich ein Kämpfer ohne Gleichen für die absolute Autorität
der Kirche bilden ließ, freilich, wie es sich am Ende erwies, ein
Kämpfer, der es besser verstand, Andern die Disciplin aufzuzwingen,
als sich selbst zu Dem discipliniren zu lassen, was seine redlichste
Ueberzeugung verwerfen mußte.
In der Zeit von 1817 bis 1823 erschien dann in Frankreich ein Werk, das
während all' dieser Jahre die Gemüther in Bewegung zu setzen vermochte,
und über das sich eine heftige Polemik erhob, ja dessen Verfasser
zwischen dem Erscheinen des zweiten und dritten Bandes das Wort zu
seiner Vertheidigung ergreifen mußte; es war das Buch »+Essai sur
l'indifférence en matière de réligion+« vom Abbé de la Mennais. In
diesem Werke sammelt die Restaurationsperiode gleichsam zum letzten
Mal ihre Kräfte zu einem Hauptschlage. Hier finden wir alle leitenden
Principien der Zeit mit einer Bestimmtheit und mit einer letzten
Konsequenz ausgesprochen, welche darauf hindeutet, daß der Umschlag
nahe ist.
Durch seine Geistesrichtung, ja selbst durch seinen Titel, bildet
dies Werk eine interessante Parallele zu dem Buche, durch welches
in Deutschland die religiöse Renaissance im neunzehnten Jahrhundert
eingeleitet wurde: zu Schleiermacher's (im Jahre 1799 erschienenen)
berühmten »Reden über die Religion, an die Gebildeten unter ihren
Verächtern.« Beide Schriften sind wider dieselbe Erscheinung
gerichtet, wider die bei den Gebildeten herrschende Geringschätzung
und Gleichgültigkeit gegen die Religion. Beide versuchen jetzt, da der
Glaube erschlafft ist, die Religiosität auf einem neuen Fundamente
wieder zu errichten. Aber hier tritt der Nationalitätsunterschied
der Verfasser scharf hervor. Der sentimentale und gemüthsinnige
Schleiermacher sieht kein anderes Heil für die Religion, als das, sie
mit Aufgebung all' ihres äußeren Beiwerks auf ihren innersten Kern, auf
das rein persönliche ~Gefühl~ des Individuums, zurück zu führen.
Er versucht, auf den Grund des Menschenlebens, auf die Tiefe, aus der
sowohl das Erkennen wie das Handeln entspringt, auf die innersten
Quellen des persönlichen Lebens zurück zu gehen. Er fordert seinen
Leser auf, sich über den primitiven Zustand der Seele Rechenschaft zu
geben, in welchem das Ich und der Gegenstand in einander verschmelzen,
und wo folglich noch weder von einem Anschauen des Gegenstandes, noch
von dem Empfinden eines von dem Gegenstande verschiedenen Ich die Rede
ist. Er bezeichnet denselben als einen Zustand, den man jedes Mal
erlebt, und doch nicht erlebt, da das ganze Leben in dem beständigen
Aufhören und Zurückkehren desselben besteht. Derselbe ist, sagt er,
flüchtig und unsichtbar wie der Duft thaubenetzter Blumen und Früchte,
keusch und zart wie ein jungfräulicher Kuß, und heilig und fruchtbar
wie die Umarmung eines Bräutigams, ja er ist nicht nur ~wie~
alles Dies, sondern alles Dies selber; denn in diesem Zustande des
Menschen wird die Vermählung des Universums mit der inkarnirten
Vernunft gefeiert; in diesem Zustande ist das Individuum einen
Augenblick die Seele der Welt und empfindet deren unendliches Leben
als ihr eigenes. »So,« sagt Schleiermacher, »ist die erste Empfängnis
jedes lebendigen und ursprünglichen Momentes in Eurem Leben beschaffen,
welchem Gebiet es auch angehöre, und aus einem solchen erwächst auch
jede religiöse Gemüthsbewegung.« (Reden über die Religion, fünfte
Auflage, S. 50, 54 und 56.)
In Folge Dessen bezeichnet er nun das Gefühl, in so weit es das
gemeinsame Leben des Individuums und des Alls auf die geschilderte
Weise ausdrückt, als Frömmigkeit. Die Gefühle bilden »ausschließlich
die Elemente der Religion«. Es giebt daher für ihn kein Gefühl, das
nicht fromm ist, es sei denn, daß dasselbe aus einem krankhaften und
verderbten Zustand entspränge. Ja, er fügt in einer Anmerkung hinzu,
daß Dies sogar von allen Gefühlen des sinnlichen Lebensgenusses gelte,
in so weit sie nicht naturwidrig oder verirrt seien. So sucht also
Schleiermacher die Religion aus ihrem Streit mit der Bildung dadurch
zu retten, daß er sie zum Inbegriff aller höheren, ja aller gesunden
Gefühle macht. Als echter Deutscher betont er pantheistisch den breiten
Lebensstrom durch alle Wesen als die heilige Fluth, welche die Quelle
aller Religiosität und aller Religionen sei. So hebt er jedes bestimmte
Glaubenssystem auf; selbst der Glaube an Gott und Unsterblichkeit
scheint ihm nicht wesentlich für die Religion, und mit Begeisterung
ruft er aus: »Opfert mit mir ehrerbietig eine Locke für die Manen des
heiligen verstoßenen Spinoza! Er durchdrang den hohen Weltgeist, das
Unendliche war ihm Eins und Alles, das Universum seine einzige und
ewige Liebe; in heiliger Unschuld und tiefer Demuth spiegelte er sich
in der ewigen Welt, deren liebenswürdigster Spiegel er wiederum war;
voller Religion war er und voll des heiligen Geistes.«
Man sieht, daß selbst die Aufklärungsperiode der positiven Religion
keinen härteren Stoß versetzt hatte, als diese Gefühlsschwärmerei. --
Und indem Schleiermacher nun solchermaßen die Religion in das Gefühl
auflöst, zersplittert er zugleich ihre Autorität, indem er sie der
unendlichen Mannigfaltigkeit der Individualitäten preisgiebt. Alle
Dogmen, Regeln, Vorschriften und Grundsätze verschwinden, indem er
fordert, daß die einzelne Persönlichkeit sich Alles auf eigenthümliche
Art aneigne. Er hebt nämlich hervor: »wenn Einer noch so vollkommen
jene Grundsätze verstehe und sie mit noch so großer Klarheit inne
zu haben glaube, aber nicht wisse und nicht beweisen könne, daß sie
in ihm selbst als Aeußerungen seines eigenen Gemüths entstanden
und ursprünglich seine eigenen seien, so müsse man sich nicht etwa
überreden lassen, zu wähnen, daß ein solcher Mensch fromm sei, oder ihn
als religiös schildern; denn er sei es nicht, seine Seele habe niemals
religiös empfangen, und seine Begriffe seien nur untergeschobene, von
anderen Seelen erzeugte Kinder, die er im heimlichen Gefühl eigener
Schwäche adoptirt habe.«
So tief protestantisch im guten (nicht konfessionellen) Sinne dieses
Wortes ist die religiöse Wiedergeburt Deutschlands in ihrem Ursprunge.
Sie proklamirt die persönliche Ursprünglichkeit als das einzige
religiöse Werthzeichen, und sie bestimmt das ganze weite Gebiet der
Gefühlsinnigkeit als das Reich der Religiosität. Das Gefühl, als
natürlich und gesund, ist immer heilig, nie vorzugsweise heilig.
Im schroffsten und lehrreichsten Gegensatze hiezu stehen die Grundsätze
in dem erwähnten Hauptwerke von Lamennais, welches das romanische und
katholische Seitenstück zu Schleiermacher's Reden bildet, als das reine
Programm der Selbstentäußerung. Sie lauten:
Daß das ~Gefühl~ oder die unmittelbare Offenbarung nicht das
Mittel ist, welches dem Menschen geschenkt ist, um die wahre Religion
ausfindig zu machen.
Daß der Weg der ~Forschung~ oder Diskussion nicht das Mittel ist,
das dem Menschen geschenkt ist, um die wahre Religion ausfindig zu
machen.
Daß die ~Autorität~ das Mittel ist, das dem Menschen geschenkt
ist, um die wahre Religion ausfindig zu machen, so daß die wahre
Religion unbestreitbar diejenige ist, welche auf der größtmöglichen
sichtbaren [!] Autorität beruht.
Um diese drei seltsamen und kuriosen Postulate zu beweisen, hat
Lamennais seine vier dicken Bände geschrieben, deren entsetzlich hohler
Gedankengang folgender ist: