Studiren wir denn in diesen ersten Oden Victor Hugo's weniger den

Dichter, als das Zeitalter, in welchem sie entstanden. Sie erstrecken

sich über die ganze Geschichte Frankreichs von 1789 bis gegen 1825

und enthalten das ganze System von Gesichtspunkten, welches unter der

Restauration das officielle war. In denjenigen von ihnen, welche die

Restauration behandeln, kommen, wie in den entsprechenden Gedichten

Lamartine's, zwei Worte häufiger als alle andern vor, die Worte:

~Henker~ und ~Opfer~. Man sieht in der Geschichte der Revolution

nichts Anderes. Für die leitenden Geister der Revolution giebt es

nur ~eine~ Bezeichnung: ~Henker~, der Konvent wird eine Schöpfung

des Teufels genannt (Buch I, Ode 4), und wie wenig Hugo sonst auch

die heidnische Mythologie liebt, kann er doch nicht die »Hydra« der

Anarchie entbehren, wenn es gilt, die Schwärze der Revolutionszustände

zu schildern. Für die Feinde der Revolution dagegen ist die Bezeichnung

~Opfer~ die stehende, der Aufstand in der Vendée wird in jedem zweiten

dieser Gedichte verherrlicht, und seinen Helden und Heldinnen sind

ganze Oden gewidmet (z. B. +La Vendée+, +Quiberon+, +Mlle. Sombreuil+).

Das Schafott schwebt beständig der Phantasie des Dichters vor und ist

der stete Gegenstand seiner Verwünschungen, wenn er nicht selbst, wie

in der Ode »+Le Dévouement+« (Buch IV, Ode 4), sich hinreißen läßt, in

eigner Person das Martyrium zu wünschen, »da der Engel des Märtyrers

der schönste der Engel ist, welche die Seelen zum Himmel geleiten.« In

Chateaubriand's Spuren geht Hugo dann zu den christlichen Märtyrern des

römischen Alterthums zurück und schildert in nicht weniger als vier

Oden (+Le repas libre+, +l'homme heureux+, +Le chant du Cirque+, +Un

chant de fête de Néron+) die qualvollen Triumphe der Märtyrer über die

rohe und wollüstige Grausamkeit, welcher sie äußerlich unterliegen,

und die Symbolik ist hier dieselbe, wie bei Chateaubriand. Es ist der

rechtgläubige Adlige und Priester, dessen Tod auf dem Schlachtfelde

oder der Guillotine bildlich dargestellt wird unter der Form der

Metzeleien im antiken Cirkus. Zu den schönsten dieser Gedichte gehört

dasjenige, welches eine kleine Schaar schuldloser junger Mädchen

besingt, die nach jahrelanger Einkerkerung ohne Gesetz und Urtheil

während des Schreckensregiments hingerichtet wurden auf Grund des

höchst oberflächlichen Verdachtes, beim Einrücken der Preußen in ihre

Stadt Freude bezeigt zu haben (+Les vierges de Verdun+). Hugo sucht

das Tribunal des Konvents schwärzer als nöthig zu malen, indem er

dem Ankläger Fouquier Tinville eine unreine Neigung für seine Opfer

andichtet und ihn denselben verletzende Anträge machen läßt; aber

auch ohne unhistorische Zusätze war der Tod dieser jungen Mädchen so

empörend, ihr Schicksal so tragisch und ihr Benehmen so anmuthig und

würdevoll, daß sie wohl ein poetisches Denkmal, ja ein noch besseres

als das verdient hätten, welches Hugo ihnen errichtete[15]. Aber ist

das Pathos des Dichters nun auch vollständig berechtigt in einem

Falle wie diesem, wo die Revolution der Jugend und Unschuld gegenüber

von ihrer finstern und ungerechten Seite erschien, so wird dasselbe

widerwärtig und falsch, sobald seine Doktrinen mit ins Spiel kommen.

Der Ton, in welchem er vom Königthum und der Königsherrlichkeit redet,

ist wahrhaft unleidlich. In der Ode »Ludwig XVII.« fordert Gott die

Seraphim, Propheten und Erzengel auf, sich vor dem neugeborenen

Thronfolger zu verneigen: »+Courbez-vous, c'est un Roi!+« -- ja, nicht

genug damit, redet Gott selbst ihn bei seinem Titel, nicht bei seinem

Namen an: »+O Roi!+« und erinnert ihn daran, daß Gottes eingeborener

Sohn ein König mit einer Dornenkrone, wie er, gewesen sei. In dem

Gedichte bei Anlaß der Taufe des Grafen von Chambord heißt es noch

stärker: »Gott hat uns einen seiner Engel gegeben, ~wie er in alten

Tagen uns seinen Sohn gab~,« und es wird daran erinnert, daß das

Wasser aus dem Jordanflusse, welches Chateaubriand mit heimgebracht

hat, und mit welchem das Kind getauft wird, dasselbe sei, mit dem

Christus getauft wurde; der Himmel hat, heißt es, gewollt, »daß die

beruhigte Welt schon an dem Taufwasser einen ~Heiland~ erkennen solle.«

In dem Gedichte »Die Vision« wird endlich das achtzehnte Jahrhundert

vor Gottes Richterstuhl geladen, wird angeklagt, weil es, »stolz auf

seine Wissenschaften, die Dogmen verlacht hat, welche die Gesetze

und die guten Sitten bewahren,« und als es eine schüchterne Hoffnung

ausspricht, daß die Zukunft es in ein milderes Licht stellen werde,

wird das Verdammungsurtheil über dasselbe gesprochen, und das schuldige

Jahrhundert wird in den Abgrund geschleudert, noch bei seinem Sturze

von der unerbittlichen Stimme des Richters verfolgt.

Die Urtheile über Napoleon, welcher Buonaparte genannt wird,

entsprechen dem Standpunkte, unter welchem die Revolution erblickt

wird; er ist der Despot, der blutige Soldat, welcher Enghien ermordet

hat, und aber- und abermals wird mit Anspielung auf das Wappen der

Bourbons wiederholt, daß »Lilien besser als Lorbeern sind«. Als Freund

Enghien's und vertriebener Königssohn wird der Sohn Gustav's IV. Adolf

verherrlicht, der als vertriebener Repräsentant der gefallenen Throne

während der Restauration in Frankreich lebte (Buch III, Ode 5). Endlich

werden natürlich die Bourbonen selbst bis zu den Wolken erhoben. Alle

ihre Familienereignisse (Geburt, Taufe, Tod, Thronbesteigung, Salbung

eines Bourbons) werden als welterschütternde Begebenheiten behandelt.

Bei Gelegenheit des verwerflichen Krieges, den Frankreich im Dienste

der europäischen Reaktion und unter Chateaubriand's Einflusse in

Spanien führte, wird die Königsmacht nicht allein an und für sich

als ein Wunder verherrlicht, sondern der König wird ausdrücklich als

Kriegsherr geschildert, der sich auf die Macht des Schwertes stütze,

und es heißt, daß die Königsmacht unvermeidlich den Krieg zum Begleiter

habe:

+Il faut comme un soldat, qu'un prince ait une épée,

Il faut des factions quand l'astre impur a lui,

Que nuit et jour, bravant leur attente trompée,

Un glaive veille auprès de lui;

Ou que de son armée il se fasse un cortége,

Que son fier palais se protége

D'un camp au front étincelant;

~Car de la Royauté la Guerre est la compagne~,

On ne peut te briser, sceptre de Charlemagne,

Sans briser le fer de Roland!+

Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß all' diese Oden Mottos aus der

Bibel, aus religiösen Gedichten, vor Allem aber aus Chateaubriand's

»Märtyrern« haben, welch' letztere Komposition ihre Zeit so stark

beherrscht, daß die jüngeren Dichter sogar eine Ehre darin setzen,

ganze Seiten daraus in Verse zu bringen (vgl. z. B. +Emile

Deschamps+: +Poésies+, Ausgabe von 1841, Seite 124, »+Une

page des martyrs+«, »+Autre+« +etc.+). Und wie Lamartine

seine Ode »Das Genie« an Bonald richtete, so widmet Hugo Chateaubriand

eine Ode gleichen Titels, worin es von ihm heißt, daß er »das doppelte

Martyrium des Genies und der Tugend« erleide. An Lamartine sind

mehrere Gedichte gerichtet -- Hugo schreibt, er wolle auf demselben

Streitwagen wie Dieser stehen, Lamartine solle die Lanze führen,

er wolle die Rosse lenken, -- und diese Gedichte gehören zu den

interessantesten, theils weil sie außerordentlich schön sind und von

Hugo's zugleich ehrerbietigem und brüderlichem Verhältnisse zu dem

älteren Dichter zeugen, theils weil in ihnen neben den religiösen und

socialen Erscheinungen ~ästhetische~ Gesichtspunkte hervortreten.

In all' diesen Gedichten zeigt sich, wie ernsthaft der junge Dichter

seinen Beruf aufgefaßt hat. Dieser Beruf wird überall als der des

Propheten bezeichnet. Ein Seher, ein Völkerhirt ist der Dichter, ja,

von Lamartine heißt es, man sollte glauben, Gott habe sich ihm von

Angesicht zu Angesicht offenbart. Aber in den Gedichten an Letzteren

sieht man am schärfsten, wie Hugo die Stellung und das Verhältnis

der neuen Poesie zu derjenigen des achtzehnten Jahrhunderts auffaßt.

Diese seine Auffassung hat eine überraschende Analogie mit der Art und

Weise, in welcher zu Anfang dieses Jahrhunderts Oehlenschläger und

seine Freunde ihre Stellung Baggesen gegenüber auffaßten. Man lese z.

B. das Gedicht »Die Lyra und die Harfe« (Buch IV, Ode 2). Die Lyra

bezeichnet die leichtsinnige und leichtfertige Poesie der vergangenen

Epoche, welche zum Lebensgenuß auffordert, Jupiter, Mars, Apollo und

Eros besingt und einen geistigen Epikuräismus lehrt; in den Tönen der

Harfe dagegen klingt die Ermahnung, zu wachen und zu beten, an den

Ernst des Lebens und an den Tod zu denken, seinen wankenden Bruder

zu unterstützen und ihm zu helfen. Das Gedicht ist »+M. Alph. de

L.+« gewidmet; schon das Wort Harfe mußte den Gedanken auf Lamartine

hinlenken. Man sieht hier in künstlerischen Formen und mit größerer

Bildung dieselbe geistige Bewegung, welche sich bei uns in Grundtvig's

frühesten Gedichten offenbart.

* * * * *

Aber diese Opposition wider die Vergangenheit führt uns zu einem

Punkte, bei dem wir etwas verweilen müssen, nämlich zu der Stellung

der neuen Schule zum Autoritätsprincip in der ~Literatur~, die ja

gerade Respekt für die Vergangenheit, für ihre Männer und ihre Formen

forderte.

Ich habe an früherer Stelle (Band I, S. 19.) bemerkt, daß die große

politische und sociale Revolution der Franzosen sich nicht auf die

schriftstellerische ~Form~ erstreckt habe. Was die Formen der

Literatur betrifft, so war dort keine Nothwendigkeit vorhanden, das

Autoritätsprincip wieder aufzurichten; denn es war dort niemals

gestürzt worden. In keiner Beziehung sind die Franzosen weniger

revolutionär, als auf dem literarischen Gebiete. Die französische

Akademie ist die einzige Institution im Lande, welche sich von

Richelieu's bis auf unsere Tage erhalten hat, und sie hat sich mit

demselben Namen und demselben Zweck, ja mit derselben Mitgliederzahl

erhalten. In der Literatur hieß das Autoritätsprincip die Klassicität,

und weit entfernt davon, durch die Revolution geschwächt zu werden,

hatte die Klassicität vielmehr neue Stärke während derselben gewonnen.

Die Revolution ist eine klassisch-französische Tragödie. Wie alle

andern französischen Trauerspiele, drapirt sie ihre Helden nach

griechischer und römischer Art; Dieselben ahmen in Stil und Sprache die

Republikaner der römischen Vorzeit nach, und es sind, charakteristisch

genug, die literarisch entwickeltsten und gebildetsten Helden der

Revolution, die Girondisten, welche das antike »Du« und die antike

Benennung »Bürger« wieder aufnehmen. Der Jakobiner stammt in direkter

Linie von Corneille und Racine ab: derselbe Toga-Stil, derselbe

oratorische Schwung, dieselbe Vorliebe für das Lakonische und Erhabene.

Der Jakobiner ist, wie er irgendwo, ich glaube, in einem französischen

Zeitungsartikel, scherzweise genannt worden ist, »ein klassisches

Thier«. Mit derselben Leidenschaft, mit welcher Cromwell's Soldaten

sich in alte Hebräer verwandelten, ihre Namen annahmen und ihre Psalmen

sangen, schufen die Franzosen der Revolutionszeit sich in antike Römer

um, und wenn der Jakobiner David, Robespierre's intimer Freund, seinen

Platz in der gesetzgebenden Versammlung verließ, um auf der Leinwand

die Horatier oder Brutus darzustellen, welche 1791 ausgestellt wurden,

so konnte er ohne Weiteres seine Umgebungen als Modell benutzen; er

brauchte als Maler keinen Schritt aus seiner Zeit herauszugehen.

Ganz wie die klassische französische Tragödie, als sie entstand, es

verschmähte, auf dem eigenen historischen Grunde des Landes zu bauen,

und durch einen Bruch mit der ganzen historischen Tradition Frankreichs

ihre Scene nach dem fernen Rom in dem fernen, abstrakt aufgefaßten

Alterthume verlegte, so hatte die Revolution ohne Rücksicht auf die

gegebenen historischen Voraussetzungen, auf Frankreich, wie es war

und vorlag, das ferne, abstrakt aufgefaßte Alterthum und dessen unter

so ganz andern Verhältnissen entstandene Republiken zum unmittelbaren

Muster genommen. Die neuen Gracchen und Horatier kopirten die alten.

Madame Roland's Briefe an Buzot haben, wie oft bemerkt worden ist, eine

römische Hoheit in ihrem Stile. Die Damen des Direktoriums nahmen,

selbst in ihrer Tracht, bald Cornelia, bald Aspasia zum Muster. In

Napoleon's ersten Briefen an Josephine fühlt man die sprachliche

Einwirkung römischer Vorbilder, und selbst als er keines Vorbildes mehr

bedarf, ist seine Ausdrucksweise klassisch, wie sein Profil. Auch sein

Geschmack war klassisch: man kennt seine Vorliebe für »die Regeln«

und für Corneille. Selbst die Schriftsteller, welche unter seiner

Regierung, wie Raynouard, einen Anlauf zu einer Art von Opposition

nehmen, halten sich streng an die klassische Spur. Wer Werner's »Söhne

des Thales« mit seinen »+Les templiers+« vergleicht, wird erstaunen,

wie verschiedenartig ein und derselbe Stoff aufgefaßt werden kann. Eben

so mystisch und unverständlich, ebenso überspannt und phantastisch,

wie der deutsche Dichter in der Behandlung seines Gegenstandes ist,

ebenso ordentlich und regelrecht ist der französische mit seinen

reglementirten Alexandrinern, seinem König und seiner Königin, seinen

fünf Akten und seinen drei Einheiten. Das Stück ist eine Art von

Proceß zwischen Staat und Kirche; der König plaidirt ganz regelrecht

seine Sache, die Tempelherren dann ganz regelrecht die ihrige, worauf

sie ganz regelrecht verbrannt werden -- regelrecht, denn wir sehen

selbstverständlich so Wenig, wie möglich, davon und von Dem, was

ihm vorausgeht, und hören es nur in einem der langen Schlußberichte

mittheilen, welche schon bei Euripides die Katastrophe enthalten. Und

die Versform ist hier noch dieselbe, welche von jenem Unheilstifter

Boileau dekretirt wurde. Der Sinn des Satzes, welcher durch die Cäsur

in zwei Hälften getheilt wird, endigt mit dem Verse, und die Verse

gleichen einander, wie eine Dreierbretzel einer andern Dreierbretzel

gleicht. Sie haben weder Harmonie, noch Fluß, noch Rhythmus, noch Reim;

denn »+l'armes+« und »+armes+«, »+époux+« und »+coups+«, »+souffrir+«

und »+mourir+« sind keine Reime. Die Verse sind wirbellose Weichthiere,

und haben auch das mit den Weichthieren gemein, daß sie, wenn man sie

mittendurch schneidet, dadurch kaum minder lebendig erscheinen.

Einige der hervorragendsten Prosa-Schriftsteller haben denn auch in

ihrer Form eine vollständige Aehnlichkeit mit ihren verhaßtesten

Gegnern. Bonald's kalte, demonstrirende Sprachform, seine Sucht,

Alles auf Formeln zurückführen zu wollen, seine Prätensionen einer

mathematisch sichern Beweisführung kennzeichnen ihn deutlich genug als

ein Kind desselben achtzehnten Jahrhunderts, das Condillac erzogen

hat, und als Produkt desselben Zeitgeistes, den er bekämpfen wollte.

Der Unterschied ist nur, daß Condillac eben so klar und logisch,

wie Bonald willkürlich und inkonsequent ist. Aber sowohl diese

Prosa, wie jene Poesie hat einen gemeinsamen Charakterzug, welcher

die ganze Form beherrscht, nämlich das ~Raisonnement~. Gegen

diesen Herrscher macht die Literatur zum ersten Male Revolution durch

Frau von Staël's Stimmungsstil und Chateaubriand's farbige Prosa.

Stimmung und Farbe, Das waren die zwei großen Verbannten, welche

lange fern gewesen waren und erst jetzt zurückkehrten. Und seltsam

genug gelangt Chateaubriand nicht nur durch sein Talent, sondern

selbst durch sein System dazu, sich wider das Autoritätsprincip in

der Literatur zu empören, das Princip, welches er eben durch die

Literatur zur Geltung bringen wollte. Denn seit der Zeit Ludwig's XIV.

hatte die Poesie ihre Inspirationen im heidnischen Alterthum und der

heidnischen Mythologie gesucht, und dies Heidenthum war hier klassisch

geworden. Jetzt dagegen forderte er die Dichter auf, ihre eigenen und

die Augen und Ohren ihrer Landsleute für die ganz entgegengesetzte

Poesie des Christenthumes zu öffnen, und kam solchermaßen ~von

wegen der religiösen Ueberlieferung in Streit mit der literarischen

Tradition~. Er ist zu gleicher Zeit neu durch seine literarischen

Principien und veraltet durch seine socialen und politischen Ideen,

eine Gestalt mit einem Doppelantlitz, bei der alle modernen Stimmungen

in poetischem Ausdruck hervorbrechen unter einer unbeweglichen Maske

des Respekts vor allen officiellen Autoritäten der Vergangenheit.

Besonders durch seine Form ist er ein Romantiker vor der Romantik. Als

daher zuerst Lamartine, dann Hugo nach seinem Beispiele die heidnische

Mythologie verlassen und ihren Stoff aus der christlichen entnehmen,

steht die Mitwelt ihnen eine Zeitlang zweifelnd gegenüber, ungewiß,

ob sie in diesen Bestrebungen, die Heiligkeit der Religion auf neuen

Wegen geltend zu machen, einen konservativen oder einen jeder Regel

trotzenden Geist erblicken soll, bis endlich nach und nach der Keim zu

einer Umstürzung des Autoritätsprincips, welcher in dem literarischen

Ausgangspunkte lag, sich so kräftig entfaltet, daß die neue Schule ganz

ihre Physiognomie verändert.

* * * * *

Es ist interessant, die Entwicklungsstadien in Victor Hugo's

verschiedenen Vorreden zu seinen Oden zu verfolgen. In der ersten (von

1822) erklärt der junge Dichter in wenigen Zeilen, daß wahre Poesie nur

von den monarchischen Ideen und dem religiösen Glauben aus beurtheilt

werden kann. Erst das neue Jahrhundert, meint er, hat der Welt die

Wahrheit offenbart, daß die Poesie ~nicht auf der Form der Ideen,

sondern auf den Ideen selber~ beruhe. In der zweiten Ausgabe (vom

selben Jahre) entwickelt er dann weiter, daß es gelte, die verblichenen

und falschen Farben der heidnischen Mythologie durch die neuen und

wahren Farben der christlichen Theogonie zu ersetzen. Es gilt, die Ode

die strenge, tröstende und religiöse Sprache reden zu lassen, deren

eine alte Gesellschaft, welche taumelnd »die Orgien des Atheismus und

der Anarchie« verläßt, so dringend bedarf.

* * * * *

Was er aber besonders wünscht, ist, daß man ihm nicht die Prätension

zutraue, »~eine Bahn brechen oder eine Kunstform schaffen zu

wollen~.« In der Vorrede von 1824 wird dieselbe Versicherung in

höchst bezeichnenden Ausdrücken wiederholt, aber man fühlt, daß der

junge Dichter einer Kritik gegenübersteht, welche mißtrauisch seinen

Weg verfolgt, und daß das Stichwort »romantisch« als gleichbedeutend

mit Uebertreter der Regeln der Klassicität schon ihm zum Vorwurfe

gemacht worden ist. Er bemüht sich eifrig, seine literarische

Orthodoxie darzuthun: Was man bedürfe, sei nicht Neuheit, sondern

Wahrheit. Dies Bedürfnis will er befriedigen. Der Geschmack, »welcher

Nichts anders ist, als die ~Autorität~ in der Literatur«, zeigt

ihm jedoch gerade, daß Werke, welche wahr in Betreff des Inhalts sind,

auch wahr sein müssen in Betreff der Form. Hiebei gelangt er zu dem

Begehren von »Lokalfarben«, welchem die klassischen Schriftsteller nur

unzureichend genügt haben.[16] Uebrigens müsse man selbstverständlich

die Regeln, welche Boileau der Sprache auferlegt habe,

»~religiös~« befolgen. -- Vom Dichter lehrt er, daß er den Völkern

wie eine Lichtsäule voranschreiten und sie zu den großen Principien der

~Ordnung~, Moral und Ehre ~zurück~ führen müsse. Der Mangel

im Jahrhundert Ludwig's des »Großen« sei der, daß die Schriftsteller

damals nicht das Christenthum statt der heidnischen Götter anriefen.

Hätten sie es gethan, so würde, meint er naiv, »der Triumph der

sophistischen Schriften« im achtzehnten Jahrhundert weit schwieriger

gewesen sein. Was würde aus der Philosophie geworden sein, wenn Gottes

Sache vom Genie, statt, wie jetzt, nur von der Tugend vertheidigt

worden wäre! Er verwahrt sich aus allen Kräften gegen die Bezeichnung

»romantisch«. Er bekennt, daß er für sein Theil »völlig unwissend

darüber sei, was man unter klassischer und romantischer Kunstform

verstehe,« und im Gegensatz zu all' dem Geschwätze, das zu jener Zeit

darüber vorgebracht wurde, erklärt er die ganze Eintheilung für leer

und bedeutungslos mit den gesunden Worten: »Es ist anerkannt, daß jede

Literatur ein stärkeres oder schwächeres Gepräge von dem Klima, den

Sitten und der Geschichte des Volkes empfängt, dessen Ausdruck sie

ist. David, Homer, Virgil, Tasso, Milton und Corneille, diese Männer,

von welchem jeder eine Poesie und ein Volk repräsentirt, haben Nichts

anders mit einander gemein, als das Genie«, lassen sich folglich nicht

in klassische und romantische Geister eintheilen. Er widerspricht der

Aeußerung, daß die literarische Revolution (augenscheinlich diejenige

Chateaubriand's) ein Resultat der politischen Revolution sei. »Die

gegenwärtige Literatur kann zum Theil das Resultat der Revolution sein,

ohne deshalb ihr Ausdruck zu sein. Die Gesellschaft der Revolutionszeit

hat ihre Literatur gehabt, ~so unschön und thöricht sie ist~.

Jene Literatur und jene Gesellschaft sind mit einander gestorben und

werden nicht wieder aufleben. Die ~Ordnung~ wird von allen Seiten

her in den Institutionen wiedergeboren, sie wird gleichfalls in der

Literatur wiedergeboren ... Wie die Revolution von schriftstellerischen

Erzeugnissen ausging, so ist die gegenwärtige Literatur ~der

antecipirte Ausdruck für die religiöse und monarchische

Gesellschaft~, die ohne Zweifel aus jenen Ruinen erstehen wird.«

Hugo täuschte sich: jene Literatur war eben der genaueste Ausdruck des

Geisteslebens ihrer Zeit, und die literarischen Reformversuche, welche

so große Bekümmernis erweckten, waren in Wirklichkeit die Vorläufer

einer literarischen Umwälzung. Denn sie vernichteten den Glauben an die

Autorität als Autorität, d. h. an Boileau. Von dem Augenblick an, wo

man einmal entdeckt hatte, daß es selbst in dieser Sonne Flecken gebe,

konnte der Zweifel nicht mehr auf die wenigen Punkte eingeschränkt

werden, auf denen er sich zuerst bescheiden und vorsichtig hervorgewagt

hatte. Die literarische Tradition war ein Princip; man mußte dasselbe

annehmen oder verwerfen. In der vorletzten Vorrede Hugo's zu den Oden

(aus dem Jahre 1826) fühlt man, wie seine Reflexion, die sich beständig

um den Lieblingsbegriff jener Zeit, »die Ordnung«, dreht, auf dem

Sprunge steht, ihn von den literarischen Ufern hinweg und aufs offene

Meer hinaus zu treiben. Er hat jetzt entdeckt, daß die Ordnung doch

etwas Anderes ist, als diejenige Regelmäßigkeit, welche durch Zucht und

Zwang erzielt wird. In einem Vergleich, der für einen Jüngling nahe

liegt, welcher, wie er, in der Nähe von Versailles erzogen worden ist,

und dessen Kindheitslektüre die Schilderungen Chateaubriand's von

den reichen Landschaften Nordamerikas gewesen sind, denkt er sich den

Garten von Versailles mit seinen zu regelmäßigen Figuren geschorenen

Bäumen neben einem Urwalde in der neuen Welt und ruft aus: »Wir wollen

nicht fragen: wo ist hier die Pracht, wo die Größe oder die Schönheit?

sondern einfach: wo ist die ~Ordnung~ und wo die Unordnung?« Er

sieht jetzt ein, daß die Regelmäßigkeit nur die äußere Form betrifft,

daß aber die Ordnung aus dem Grunde der Dinge selbst hervorgeht und

eine Folge der intelligenten Vertheilung ihrer Elemente ist. »Man ist,«

sagt er, »nicht klassisch, weil man sklavisch den Spuren folgt, welche

Andere dem Wege aufgedrückt haben.«

* * * * *

Die Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, 3. Die Reaktion in Frankreich · 第 17 / 21 段