Obschon Valérie eine Nachahmung Werther's ist, ist sie zugleich ein

Gegenstück zu Werther. Es ist die Erzählung von einem jungen Schweden,

Namens Gustav Linar, der von seiner Mutter früh gelernt hat, »die

Tugend zu lieben«, und der fortfährt, sie bis an seinen Tod zu lieben.

Außer der Tugend liebt er zugleich Valérie, aber Valérie ist mit dem

Grafen, seinem Herrn und Ideal, verheirathet, und er selbst ist ein

solcher Inbegriff aller Vollkommenheiten, daß er seine Augen nicht

anders zu ihr erheben kann, als mit einem Respekte, der jedes Verlangen

unmöglich macht. Alexander Stakiew hatte Herrn von Krüdener seine

Gefühle gestanden, Gustav schweigt gänzlich dem Manne gegenüber,[14]

und theilt eben so wenig seiner Geliebten jemals mit, was er leidet.

Er wird von einer unverstandenen und unausgesprochenen Liebe verzehrt,

und da er allzu wohlerzogen ist, um sich todtzuschießen, so stirbt er

an der Schwindsucht. Sein Stil ist folgender: »O mein Freund, welch'

ein Frevel von mir, mich einer Leidenschaft ergeben zu haben, die mich

vernichten muß! Aber ich will wenigstens sterben, indem ich die Tugend

und die heilige Wahrheit liebe, ich will nicht den Himmel wegen meines

Unglücks anklagen, wie es so viele meines Gleichen thun [Welch artiges

Kind!]; ich will, ohne mich zu beklagen, den Schmerz erleiden, an dem

ich selber Schuld bin und den ich liebe, obschon er mich tödtet. Ich

will herantreten, wenn der Ewige mich ruft, mit vielen Fehlern, aber

nicht mit Selbstmord belastet.« (Valérie, Bd. II, S. 63.) Dieser Gustav

ist kein Mann; weibliche Schriftsteller excelliren bekanntlich nicht

darin, Männer zu schildern. Sie lassen Dieselben fast immer in der

Rücksicht auf das Weib aufgehen. Gustav ist, wie gesagt, Skandinav,

aber wir haben keine Ursache, stolz auf diesen Landsmann zu sein,

der sich am wenigsten von Allem durch nordische Kraft auszeichnet.

Die Nationalfarbe in dem Buche beschränkt sich denn auch zumeist auf

die allgemein germanische Sentimentalität, in welche die Schilderung

getaucht ist, und auf eine Anzahl schwedischer Namen, die natürlich

auf das possirlichste falsch buchstabirt sind. So veranstaltet Gustav

für Valérie in Venedig ein Fest, dessen Dekoration sie an ihre

Jugendheimstatt unter Birken und Tannen erinnern soll. Ueberrascht ruft

Valérie bei dem Anblick aus: »+Ah! c'est Dronigor+«. Mit einiger

Mühe ermittelte ich, das es »Dronninggaard« bedeuten soll. -- Besonders

schwedisch kann Gustav nicht genannt werden. Schön in der Schilderung

seines Charakters ist der Schimmer der humanitären Schwärmerei des

ersten Jünglingsalters, welcher über seinen Bekenntnissen liegt. Ist

es nicht schön und tief empfunden, wenn er, welcher beobachtet zu

haben glaubt, daß bei den meisten Menschen auf die Periode der Liebe

die des Ehrgeizes folge, bemerkt, daß der Ruhm, den die Andern sich

wünschen, nicht der sei, welcher ihm als begehrenswerth vorgeschwebt

habe. »Der Ruhm, von dem ich geträumt, beschäftigte sich mit dem Glück

Aller, wie die Liebe sich mit dem Glück eines einzelnen Gegenstandes

beschäftigt. Er war eine Tugend bei Dem, welcher ihn in seinem Herzen

trug, bis die Menschen rings um ihn her ihn Ruhm nannten.« Und er

fügt hinzu: »Was hat der Ruhm gemein mit der kleinlichen Eitelkeit

des großen Haufens, mit der elenden Prätension, Etwas zu sein, weil

man ihm nachjagt?« Ist es nicht seltsam zu denken, daß Dies in dem

Buche steht, dessen Ruf durch solche Mittel bewerkstelligt ward,

welche angewandt wurden, um »Valérie« in Schwung zu bringen? -- Gustav

gegenüber ist Valérie mit all dem Reiz ausgestattet, den eine Dame,

welche so leidenschaftlich in sich selbst verliebt war, wie Frau von

Krüdener, ihrem eigenen Konterfei mitzutheilen vermochte. Sie ist ganz

und gar Weib, während der unmännliche Gustav, der selbst die Unvernunft

und Hoffnungslosigkeit seiner Leidenschaft einsieht, vollkommen außer

Stande ist, sich seinen Fesseln zu entreißen, dieselben zu zerbrechen

und das Leben eines Mannes zu beginnen.

So muß er sich denn mit so demüthigenden Aeußerungen seiner Anbetung

begnügen, wie z. B. ein Kind, dem sie erst einen Kuß gegeben hat, an

der Stelle, die von ihren Lippen berührt ward, zu küssen, oder, als sie

auf dem Balle drinnen im Saale ihren bloßen Arm an die Fensterscheibe

lehnt, draußen vor dem Hause stehend das Fensterglas von der anderen

Seite zu küssen, oder endlich ihre Hand zu drücken und den Ring zu

fühlen, den sie von ihrem Manne erhalten hat, oder in ihrer Nähe

ohnmächtig zu werden, so daß sie seine Stirn mit Eau de Cologne

benetzen muß.

* * * * *

Es liegt überhaupt ein leichter Parfum von Eau de Cologne über der

ganzen Erzählung. Wie charakteristisch ist es z. B., daß der erste

Dienst, um welchen Valérie Gustav im Vertrauen bittet, der ist, ihr

heimlich etwas ~Schminke~ zu besorgen, da ihr Mann nicht gern

sieht, daß sie sich derselben bedient. Mit dem Eau de Cologne-Duft

vermischt sich ein Duft von Anstand und Respekt, der so stark ist,

daß er Einem fast zuwider wird, und ein überirdischer Charakter des

Gefühls, der albern und unschön ist. Man denke sich z. B., daß Valérie

guter Hoffnung ist, als Gustav's Leidenschaft beginnt, ohne daß dieser

Umstand irgend eine heilende Wirkung auf dieselbe übt, obschon er in

ihrer Nähe lebt, bis ihr Sohn geboren wird. Man schwärmt mit einander

für Ossian und Clarissa Harlowe. Niemals empfindet Gustav die geringste

Spur von Eifersucht auf den Grafen, so wenig wie Dieser eine Spur

von Eifersucht auf ihn. Ja, Gustav stirbt mit der Hand des Grafen

in der seinen. Kurz, die Liebe ist hier so geläutert, so naturlos

und seraphisch, daß sie mit ihrer Gewaltsamkeit auch ihre Poesie

verloren hat. Dies ist, wie mir scheint, von doppeltem psychologischen

Interesse, wenn man weiß, durch eine wie wenig seraphische Existenz

diese Dichterin der Liebe sich dafür vorbereitet hatte, ihren Roman zu

schreiben, und wie gut sie selbst es verstanden hatte, die heilige mit

der profanen Seite der Liebe zu versöhnen.

* * * * *

Lamartine und Elvire veranlaßten uns zu dieser Abschweifung. Betrachten

wir nun doch dies Paar und dies Verhältnis.

Die Gedichte handelten von Liebe, aber von einer so reinen Liebe,

daß sie als +une prière à deux+, ein Zwiegebet, definirt wurde.

Sie war mit all' der idealen Verklärung ausgemalt, welche der Tod

dem Gegenstande der Liebe verleiht: der Dichter preßt seine Lippen

auf das Crucifix, das seine sterbende Geliebte in ihrem letzten

Augenblicke geküßt hat. Werfen wir nun von den »Meditationen« einen

Blick auf »Rafael«, dasjenige Werk Lamartine's, in welchem er die wahre

Geschichte seiner Liebe geschildert hat, so fällt ein neues Licht auf

diese vielgefeierten Gedichte.

Elvire oder, wie sie wirklich hieß, Julie ist eine junge, elternlose

Dame, Kreolin, achtundzwanzig Jahre alt, die »einen in der Geschichte

der Wissenschaft berühmten Greis« geheirathet hat, um einen

Beschützer im Leben zu haben, aber ohne in einem andern Verhältnis

zu ihrem Manne zu stehen, als dem, worin eine Tochter zu ihrem Vater

steht. Er ist brustschwach, und leidet an der Schwindsucht. Die

Schwindsuchts-Poesie beginnt in die Mode zu kommen. In Savoyen, in

der Nähe des Bourget-Sees, den Lamartine so schön besungen hat, wo

sie ihrer Gesundheit halber einige Herbstmonate verweilt, trifft sie

den jungen Helden des Buches, Rafael, welcher sich übrigens nur durch

den Namen von seinem Verfasser unterscheidet, der hier all' seine

wirklichen Verhältnisse, ja seine Freunde und Bekannten unter Nennung

ihres vollen Namens geschildert hat. Man kann übrigens nicht sagen, daß

er sich selbst allzu arg in der Schilderung mitgenommen hätte. Es heißt

von Rafael, sein Gefühlsleben sei so zart gewesen, daß seine Kameraden

scherzend von ihm sagten, er leide an Heimweh nach dem Himmel. »Hätte

er den Pinsel geführt, so hätte er die Madonna di Foligno gemalt, und

hätte er den Meißel geführt, so würde er Canova's Psyche modellirt

haben. Als Dichter hätte er Hiob's Klagerufe gegen Jehova, Herminia's

Stanzen in Tasso, Romeo's und Julia's Zwiegespräch im Mondenscheine von

Shakspeare und Lord Byrons' Schilderung von Haydee geschrieben.« Das

war nun glücklicherweise nicht nöthig, da es von Andren geschehen war.

Es läßt sich indessen kaum leugnen, daß er, als er sich später auf dem

einen dieser Felder, nämlich als Dichter, versuchte, doch im Vergleich

mit seinen Vorbildern, deren Leben allerdings nicht wie das seine vor

dem Spiegel verbracht wurde, Manches zu wünschen übrig ließ. Aber sehen

wir ihn lieben, sehen wir, wen und wie er liebt!

Zuerst einige Präliminarien. Es versteht sich, daß ein Zeitalter,

wie dies, das Erotische nicht ganz ohne Einmischung der Theologie

behandeln kann. Während ein moderner Dichter, wie Turgéniew z. B.,

niemals ein Wort an theologische Materien verschwendet, höchstens,

wie in »Eine seltsame Geschichte«, den religiösen Fanatismus als

eine Art des Wahnsinns schildert, läßt ein Dichter wie Lamartine

seine Liebenden einen ganzen theologisch-philosophischen Kursus mit

einander durchmachen. Sie sind verschiedener Ansicht, und sie ist ihm

geistig überlegen; sie scheint auch zwei oder drei Jahre älter gewesen

zu sein, was in diesem Falle sehr Viel bedeutet, besonders da sie

mit einem so viel älteren Manne verheirathet ist; denn es besagt in

Wirklichkeit, daß sie zwei verschiedenen Generationen angehören, sie

dem Revolutions-, er dem Restaurations-Zeitalter. Während in der alten

großen Zeit Faust, wenn er von seinem Gretchen katechisirt wurde, einen

Bekehrungsversuch abwehren und sich bemühen mußte, der Geliebten seinen

Unglauben durch mildernde Umschreibungen zu erklären, ist hier das

Umgekehrte der Fall. Hier ist es Faust, der fruchtlose Versuche machen

muß, sein Gretchen zur Orthodoxie zu bekehren. Elvire sagt (Rafael, S.

55): »Ich, die ich von einem Philosophen erzogen worden bin, und im

Hause meines Mannes inmitten einer Gesellschaft von freien Geistern

lebte, welche sich von den Dogmen und Ceremonien einer Religion, die

sie gestürzt, loßgerissen haben, -- ich hege keinen Aberglauben, keine

Geistesschwäche, keinen der Skrupel, welche die Stirn anderer Weiber

unter ein anderes Joch als dasjenige beugen, welches das Gewissen uns

auferlegt.« Ist er es nicht, welcher die Mädchenrolle spielt, wenn er

an einen Geist wie diesen eine Mahnung nach der andern richtet, in den

Mutterschoß des Katholicismus zurück zu kehren? »Ich beschwor sie, in

einer zärtlichen und liebevollen Religion, in Dunkel der Kirchen, im

geheimnisvollen Glauben an jenen Christus, welcher der Gott der Thränen

ist, in Knieen und Gebet die Linderung und die Trostgründe zu suchen,

welche ich selbst in meiner Kindheit darin gefunden hatte.« Es gelingt

Rafael nur halb, die Bekehrung zu vollbringen; indeß ist er mit dem

Resultate zufrieden. Ein strengerer Orthodoxer, als er, würde dasselbe

kaum beruhigend finden. Das Buch stellt die Bewegung in Juliens Innern

so dar, daß es die Liebe ist, welche sie den Glauben an Gott lehrt.

»Es ist ein Gott, sagt sie, es giebt eine ewige Liebe, von welcher

die unsrige nur ein Tropfen ist. Dieser Tropfen strömt zurück in den

göttlichen Ocean, aus dem wir ihn geschöpft haben. Aber dieser Ocean

ist Gott. Ich hab' ihn gesehen, ich hab' ihn gefühlt, ich hab' ihn

verstanden in diesem Augenblicke durch mein Glück ... Ja, fügte sie mit

noch mehr Leidenschaft im Blick und Tone hinzu, mögen die vergänglichen

Namen sterben, mit denen wir früher die Anziehung benannt, die wir zu

einander empfinden. Nur ~ein~ Name ist der Ausdruck dafür, nämlich

Gott, er ist's, der sich mir jetzt in Deinen Augen offenbart hat.

Gott! Gott! Gott! rief sie aus, als habe sie sich eine neue Sprache

lehren wollen. Gott, Das bist Du. Gott, Das ist's, was ich für Dich

bin. Gott, Das sind wir.« Wenn Elvirens Mann, der alte Philosoph, bei

diesen Herzensergießungen zugegen wäre, würde er die Liebenden haben

unterrichten können, daß diese Schwärmerei so weit davon entfernt sei,

christlich zu sein, daß sie vielmehr als reiner Pantheismus bezeichnet

werden müsse. Ich bezweifle nicht, daß er Gemüthsruhe genug dazu gehabt

hätte; denn auch er hegt nicht den geringsten Grad von Eifersucht.

Er weiß, daß Julie und Rafael täglich Briefe wechseln, und kennt die

überirdische Natur ihrer Liebe. Als Rafael nach Paris kommt, sagt er

ihm nur: »Sehen Sie's an, als hätten Sie zwei Freunde in diesem Hause,

statt eines. Julie hätte keine bessere Wahl eines Bruders, noch ich

eines Sohnes treffen können.«

In gewisser Weise hat er auch keinen rechten Grund zur Eifersucht,

aber Das ist ein Kapitel für sich. Gleich nachdem Rafael zum ersten

Mal seine Liebe gestanden hat, ertheilt Julie ihm eine Antwort, die

für immer die Grenzen ihres Verhältnisses angiebt. Sie sagt: »Ich

glaube nur an einen unsichtbaren Gott, welcher sein Symbol in der

Natur, sein Gesetz in unseren Instinkten, seine Moral in unserer

Vernunft geschrieben hat. Vernunft, Gefühl und Gewissen sind für mich

die einzigen Offenbarungen. Keines dieser drei Orakel meines Lebens

würde mir verbieten, Ihnen anzugehören [Man erinnere sich, daß sie nur

+pro forma+ die Frau eines Andern ist], meine ganze Seele würde

sich Ihnen zu Füßen werfen, wenn Sie nur um diesen Preis glücklich sein

könnten. Aber sollten wir nicht mehr an die Geistigkeit und Ewigkeit

unserer Liebe glauben, wenn sie in der Höhe des reinen Gedankens, in

Regionen verbleibt, welche der Veränderung und dem Tode unzugänglich

sind, als wenn sie sich selbst herabwürdigt und profanirt, indem sie

zur verächtlichen Region der vulgären Sinne hinabsteigt?« Es ist,

wie man sieht, die Theorie der sogenannten platonischen Liebe, von

welcher Plato nie etwas gewußt hat, und welche unsere Zeit nicht

sonderlich zu bewundern pflegt. Als die religiöse Reaktion in Dänemark

beginnt, docirt Ingemann sie in seinen Jugendwerken. Ob Julie sie

ausgesprochen hat, oder sie nicht viel mehr Lamartine zu verdanken

ist, der sie in all' seinen früheren Liebesverhältnissen praktisirt

hat, mag dahin gestellt sein. Wir kennen dieselben alle, denn er,

der nach seiner eigenen Behauptung immer in so hohem Grade Herr über

sein Herz und seine Sinne gewesen ist, ist es sehr wenig über seine

Feder gewesen. Wir wissen daher aus seinen »Konfessionen«, wie er

bei Frostwetter seine Rendezvous mit der schönen sechzehnjährigen

Lucie hatte und kalt wie die Winternacht war; wir erinnern uns des

Satzes aus »Graziella«: »Wir schliefen zwei Schritte von einander,

ich war durch meine kalte Gleichgültigkeit beschützt«. Allein, ist

es ungewiß, ob Julie die Theorie ausgesprochen hat, so tragen ihre

folgenden Worte ganz das Gepräge der Echtheit. Sie fügt hocherröthend

hinzu, daß das Opfer, welches sie von ihm fordere, nothwendig sei, aus

Gesundheitsrücksichten, wegen einer ärztlichen Vorschrift, sie würde

als ein Schatten, als eine Leiche aus seinen Armen hervorgehn: »Dies

Opfer würde nicht allein das Opfer meiner Würde, sondern auch das Opfer

meiner Existenz sein«.

Es läßt sich nicht leugnen, daß dieser letzte Passus in

seltsamem Widerspruche zu dem Vorhergehenden steht, und daß das

spiritualistische Verhältnis durch diese überaus materialistische

Motivirung ein gut Theil seines überirdischen Charakters verliert. Es

ist einem zu Muthe, als sei man aus dem siebenten Himmel herabgestiegen

und fühle wieder festen Grund unter den Füßen. Dann folgen Scenen, wie

in »Valérie«, Selbstmordspläne, die nicht ausgeführt werden, Nächte,

in zärtlichen Gesprächen verbracht, während Jedes sich auf der andern

Seite einer verschlossenen Eichenthür befindet. Das Peinliche, das

Anstößige und Unnatürliche liegt nur in der besonderen Aufmerksamkeit,

welche in dieser Liebesgeschichte wieder unablässig darauf gerichtet

ist, daß die Liebenden ihren Gelübden treu bleiben, und daß kein

reelles Liebesverhältnis zwischen ihnen zuwege kommt. Ein einziges Mal,

als wirklich Gefahr droht, erscheint -- wer? kein Anderer, als der

ehrwürdige Greis, Herr Bonald, dessen Theorien vom Weibe und von der

Ehe wir kennen, gerade im entscheidenden Augenblick zum Besuche bei

Julien um zwölf Uhr Nachts, und erlebt solchermaßen nicht die Trauer,

seine Schüler als Rebellen wider die Ordnung zu erblicken. So oft Julie

Rafael beklagt, antwortet er resignirt mit Aeußerungen, in welchen er

sie und sich mit Abélard und Héloise vergleicht: »Habe ich je etwas

Anderes zu begehren geschienen, als dies Leiden mit Dir theilen zu

dürfen? Macht es uns Beide nicht zu freiwilligen und reinen Opfern? Ist

dies nicht das ewige Brandopfer der Liebe, das von Héloisens Zeit bis

auf die unsrige vielleicht niemals den Engeln zur Schau geboten ward?«

Wenn man, nachdem man »Rafael« studirt hat, wieder Lamartine's

Meditationen an Elvire liest, so hat man einen neuen Schlüssel zum

Verständnis des Abstrakten und Vaguen dieser poetischen Liebe, die

platonisch auf Vorschrift des Arztes ist, während sie sich gebahrt, als

existire die Körperwelt nicht für sie. Nur muß man von den Meditationen

an Elvire diejenigen abziehen, welche postdatirt, und welche in einem

ganz anderen Tone, der an das achtzehnte Jahrhundert gemahnt, in

früheren Stadien von Lamartine's Leben geschrieben sind, wie z. B. die

Meditation »An Elvire«, die in Wirklichkeit an Graziella gerichtet ist,

ferner »Sappho« und mehrere andere.

Hiemit sei es genug der Beispiele; ziehen wir jetzt das Resultat, und

sehen, was wir gefunden haben. Wir nahmen ein ganz einzelnes Gefühl,

aber eins von denen, welche jede Literaturgruppe darzustellen sucht,

und welche jede in eigenthümlicher Form darstellt, und prüften an

einer Anzahl verschiedener Punkte kritisch die Schilderung desselben,

um zu sehen, wie es wiedergegeben sei. Was fanden wir? Wir fanden

hier, wie auf allen anderen Gebieten, die wir untersucht haben, die

Naturseite des Lebens geleugnet oder versteckt oder angeschwärzt oder

als Etwas, dessen man sich schämen müsse, dargestellt. Chateaubriand

und Frau von Krüdener suchen Fälle auf, in welchen die Liebe als

verbrecherisch und sündig erscheint, und schildern dann bald das

Geheul der Geister darüber, daß der Held erliegt, bald den Jubel

der Throne und Fürstenthümer darüber, daß das Entsetzliche nicht

geschieht. De Vigny läßt Satan wie Eros, d. h. Eros wie Satan reden.

Lamartine setzt die Liebe als seraphisch, als befreit vom Verlangen

der Zeitlichkeit, in seinen Dichtungen auf den Thron, schildert sie

aber später in »Rafael«, wie sie in Wirklichkeit war, als platonisch

wider Willen, was jedoch das Verdienst der Liebenden erhöht und den

Engeln ein Brandopfer gewährt, wie sie es seit den Tagen des armen

Abélard so süß nicht gerochen. Unter alle Diesem dann ein Unterstrom

von Heuchelei. Eudorus, der sich so untröstlich über Velleda's

Leidenschaft gebärdet, fühlt sich heimlich dadurch geschmeichelt, daß

sie sich ihren weißen Hals um seinetwillen durchschnitten hat. Er

beweint seinen Sündenfall in Ausdrücken, als fühlte er sich versucht,

denselben nochmals zu wiederholen. Die Verfasserin der »Valérie«

bringt die sittliche Reinheit ihrer Heldin zu Markte und deklamirt von

Keuschheit und Entsagung in allen Journalen, während sie zu der Zeit,

wo das Buch erscheint, ganz besonders ungeeignet ist, eine Lehrerin der

Moral abzugeben. Lamartine hat privatim eine andere Erklärung seines

Verhältnisses zu Elvire, als die, welche das Publikum sich nach der

ätherischen Schwärmerei der »Meditationen« nothwendig bilden mußte.

Man ging hier, wie überall, darauf aus, übernatürlich zu sein,

und erreichte bei diesem Bestreben nur, daß man die Natur bald

verstümmelte, bald wegleugnete.

[+Lamartine+: +Méditations poétiques.+ +Nouvelles

méditations poétiques.+ +Graziella.+ +Raphael.+ +Les

confidences.+ +Confessions.+ -- +Mme. de Krüdener+:

+Valérie.+ -- +Chateaubriand+: +Les martyrs+, besonders

Buch IX und X. -- +Nettement+: +Histoire de la littérature

française sous la Restauration+.]

8.

Unter den ungünstigsten Auspicien dieser Ideen errang auch der

Dichter, welcher der größte Frankreichs in diesem Jahrhundert werden

sollte, sich zuerst einen Namen. Die Macht des Zeitgeistes reißt ihn

fort von der gewaltsamen, fast an die vorshakspearischen Dichter

erinnernden Manier seiner frühesten Romane (Bug Jargal, Han d'Islande),

und er beginnt seine poetische Laufbahn als klerikaler Royalist in

demselben christlich-monarchischen Geiste, wie Lamartine. Es macht

einen sonderbaren Eindruck auf das jüngere Geschlecht, das in der

Begeisterung für Victor Hugo als das literarisch-revolutionäre Haupt

des Romantismus und als den großen verbannten Republikaner aufgewachsen

ist, und Strophen aus den »Orientalen« und aus den in rein ästhetischer

Hinsicht lange nicht nach Gebühr bewunderten »+Châtiments+« auf

den Lippen und im Herzen trägt, auch ihn in diesem Lager zu treffen und

die Losung und das Stichwort desselben in seinen ersten Jugendpoesien

wiederzufinden. Nicht daß das Wechseln des Standpunktes ihm irgendwie

zur Schande gereichte, nicht daß es, wie Unverstand und niedrige

Gesinnung so oft haben insinuiren wollen, unreine oder nur zufällige

Motive gehabt hätte. Hugo's Leben bezeichnet die historische Bewegung,

welche die französische Literatur überhaupt in der ersten Hälfte des

Jahrhunderts unternommen hat.

Er hat sich selbst auf befriedigendste Weise in der letzten Vorrede

zu seinen »Oden und Balladen« darüber ausgesprochen. Er sagt: »Die

Geschichte verfällt gern in Ekstase über Michel Ney, der, ein

geborener Böttcher, Marschall von Frankreich, und über Murat, der, ein

geborener Stalljunge, König ward. Daß ihr Ausgangspunkt so dunkel war,

wird als ein Anspruch mehr auf Achtung angesehen und erhöht den Glanz

des Punktes, welchen sie erreicht haben. Von allen Treppen, die vom

Dunkel zum Licht führen, ist die schwierigste und verdienstvollste zu

erklimmen, sicherlich die, geborener Aristokrat und Royalist zu sein

und Demokrat zu werden. Aus einer ärmlichen Hütte zu einem Palaste

empor zu steigen, ist selten und schön, wenn man will; vom Irrthume

zur Wahrheit empor zu steigen, ist seltener und schöner. Bei dem

ersterwähnten Emporsteigen hat man bei jedem Schritte, den man gethan,

Etwas gewonnen und sein Wohlbefinden, seine Macht, seinen Reichthum

vermehrt; bei dem anderen Emporsteigen ist das Entgegengesetzte der

Fall, ... da muß man beständig mit materiellen Opfern sein geistiges

Wachsthum bezahlen, ... und wenn es wahr ist, daß Murat mit einigem

Stolz seine Postillonspeitsche neben sein königliches Scepter legen

und sagen konnte: »Damit hab' ich begonnen«, so darf man gewiß mit

einem billigeren Stolze und mit größerer innerer Befriedigung auf die

royalistischen Oden deuten, die man als Knabe und Jüngling geschrieben

hat, und sie neben die demokratischen Gedichte und Werke legen, die man

als erwachsener Mann verfaßt hat. Dieser Stolz ist vielleicht besonders

berechtigt, wenn man, nachdem das Emporsteigen zu Ende war, auf der

höchsten Stufe der Treppe des Lichts die Verbannung aus dem Vaterlande

gefunden hat, und wenn man diese Vorrede aus dem Exil datiren kann«.

Die Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, 3. Die Reaktion in Frankreich · 第 16 / 21 段