und Apostel des Humanismus war, gekannt haben, ist es interessant,
die geistigen Ausgangspunkte des Dichters wahrzunehmen. Im Vaterhause
ist die Bibel seine stete Kindheitslektüre. Er wird im Glauben an
das Königthum von Gottes Gnaden erzogen. Als Jüngling lebt er unter
dem Einflusse der Frau von Staël und Chateaubriand's, besonders des
Letzteren. Er liest mit Bewunderung Tasso's »Befreites Jerusalem«;
Ossian giebt ihm die Ueberzeugung, daß wahre Poesie unbestimmt und
neblig sein könne; Bernardin de Saint-Pierre ist für ihn, wie für Frau
von Krüdener, durch die friedliche Milde und Harmonie seiner Natur
das besondere Vorbild. Oeffentlich tritt er dann zuerst als Schüler
Chateaubriand's und Bonald's auf. In seinem »Rafael« erzählt er selbst,
wie er dazu kam, Bonald's Bekanntschaft zu machen. Zu jener Zeit, als
er in Chambéry am Fuße der Alpen die junge, schöne Creolin anbetete,
welche er in seinen Gedichten unter den Namen Elvire verherrlicht
hat, wurde er von seiner Freundin aufgefordert, eine Ode an Bonald
zu schreiben, der ein naher Bekannter ihres Hauses war. Lamartine
behauptet, daß er nur den Namen Desselben und den Nimbus gekannt habe,
von welchem dieser Name, als der eines christlichen Gesetzgebers,
umstrahlt war. »Ich stellte mir vor, daß ich zu einem modernen Moses
reden solle, der aus den Strahlen eines neuen Sinai das göttliche Licht
schöpfte, mit welchem er die menschlichen Gesetze erhellte.« Vielleicht
hat Bonald auch De Vigny vorgeschwebt, als Dieser kurz darauf sein
Gedicht »Moses« verfaßte. Lamartine schrieb damals an Bonald die Ode,
welche in seiner Sammlung den Titel »Das Genie« trägt, und worin auf
Treu und Glauben erzählt wird, daß Bonald die falsche Klarheit der
berühmten Sophisten verscheuche &c. und die moralische Welt von der
Unordnung zur Ordnung selber führe. Dieser magere Begriff des Guten:
»die Ordnung«, kehrt überall wieder. Bonald antwortete damit, daß er
dem jungen Dichter ein Exemplar seiner sämmtlichen Werke übersandte.
Lamartine las sie mit Begeisterung, und wenn er später in der
Anmerkung zu dieser Ode es leugnen zu wollen scheint, daß er so tief
von denselben ergriffen wurde, wie es der Fall war, so muß man Das
auf Rechnung der späteren Erkenntnis setzen. Er sagt dort: »Ich las
diese Schriften mit der poetischen Schwärmerei für die Vergangenheit
und mit dem innigen Mitleid für das Gefallene, welche so leicht in
der Phantasie eines Knaben sich in Dogma und System verwandeln. Ich
bemühte mich einige Monate lang, auf Chateaubriand's und Bonald's Wort
an geoffenbarte Regierungen zu glauben. Später entrissen die Zeit
und die menschliche Vernunft mich, wie alle Anderen, diesen schönen
Illusionen, und ich begriff, daß Gott dem Menschen Nichts anders
als seine socialen Neigungen offenbart, und daß die verschiedenen
Regierungssysteme Offenbarungen des Zeitalters, der Situation, des
Jahrhunderts und der Laster und Tugenden des Menschengeschlechtes
sind.« Lamartine antedatirt sehr beträchtlich diese seine Einsicht.
Seine »Meditationen« verfolgen in der Regel alle dieselbe Richtung,
wie die Ode an Bonald. Diejenige, welche »Gott« betitelt ist, ist
Lamennais, die Dithyrambe über die heilige Poesie ist dem Uebersetzer
der Bibel, Genoude, gewidmet. Er selbst ist Mitglied der Redaktion
des »+Conservateur+«, von dessen Begründung Chateaubriand die
ausgeprägte Reaktion in Europa datirt. Als dies Blatt eingeht, wird er,
nebst Lamennais und Bonald, Begründer des neuen gleichartigen Organs
»+Le défenseur+«, welches darauf ausgeht, den Konstitutionalismus
zu bekämpfen. Es fällt ihm die Aufgabe zu, De Maistre zu Beiträgen
auffordern zu sollen. Höchst interessant ist es zu sehen, in welchem
Tone der jetzt schon dreißigjährige Lamartine den Verfasser des Buches
»Ueber den Papst« anredet: »Herr Graf! ich war sehr krank, als ich
Ihre freundliche und schmeichelhafte Zuschrift nebst ihrem Werke
empfing. Ich benutze die ersten rückkehrenden Kräfte dazu, Ihnen
gleichzeitig für den Brief und das Buch zu danken, besonders aber für
die schmeichelhafte Benennung +Neveu+, derer ich mich gegen all'
ihre Bekannten rühme; diese Benennung allein ist so gut wie ein Ruf, so
hoch steht Ihr Name bei Allen angeschrieben, die ein wahres und tiefes
Genie in diesem irregehenden und kleinlichen Jahrhundert verstehen
... Herr Bonald und Sie, Herr Graf, und noch einige Männer, die in
großer Entfernung Ihrer Spur folgen, haben eine unvergängliche Schule
hoher Philosophie und christlicher Politik begründet, die besonders in
der jungen Generation Wurzeln schlägt.« In diesem Briefe bezeichnet
Lamartine die Stellung De Maistre's in der Literatur dahin, daß er
das Haupt der ersten Schriftsteller sei, und leitet die Opposition
wider ihn aus den »lächerlichen gallikanischen Prätensionen« her, die
er so bewunderungswürdig vernichtet habe. Sein Standpunkt ist also
der reine unverfälschte Ultramontanismus, -- jedoch, wohlgemerkt, nur
sein theoretischer Standpunkt. In seiner Poesie ist er nicht ganz so
dogmatisch. Wenn er es z. B. für seine, des christlichen Dichters,
Aufgabe hält, die heidnische Mythologie vom Parnasse zu verjagen, so
leitet ihn in Wirklichkeit kein religiöser, sondern ein rein poetischer
Instinkt. Die alten Mythen waren in der Lyrik längst zu bloßen
Umschreibungen eingeschrumpft, und allzu lächerlich, um schädlich auf
die Religiosität irgend Jemandes wirken zu können. Es war doch fürwahr
nicht nöthig, einen religiösen Protest wider den Glauben an Apollo und
Amor zu erheben. Nein, Das, wodurch Lamartine wirkte, war, daß er bald
die melancholischen, bald die beruhigenden, bald die begeisternden
Worte aussprach, welche Alle zu hören begehrten. Man entdeckte nicht,
daß er eigentlich etwas Neues gefunden oder gesagt hätte, man erkannte
sich selbst wieder in dieser sympathetischen Stimme. Man fühlte wieder
gewisse Fibern sich regen und aufleben, die während der allgemeinen
Niedergeschlagenheit empfindungslos geschienen hatten. Er ließ die
Saiten, welche lange verstummt gewesen, wieder erklingen, und man war
entzückt über das Neue, welches darin lag, jene alten Erinnerungen
ins Leben zurück zu rufen. In der Begrüßungsrede, welche der große
Naturforscher Cuvier 1830 bei der Aufnahme Lamartine's in die Akademie
hielt, zeigt er, wie der Mensch in der tiefen Nacht, die seine Vernunft
umgebe, eines Führers bedürfe, welcher ihn dem schwarzen Labyrinthe
des Zweifels zu entreißen und ihn zu den Regionen des Lichts und der
Sicherheit hinzuführen vermöge. Er beschuldigt Byron, im Universum nur
einen Tempel für den Gott des Bösen erblickt zu haben, und begrüßt in
Lamartine den Sänger der Hoffnung. So vermengte Frankreich, wie ein
armer Rekonvalescent, die Hoffnung mit dem Glauben, den Trost mit den
Dogmen, den Lebensmuth mit dem Ultramontanismus zu ~einer~ großen
Unklarheit, bis die Macht der Verhältnisse die Nebel zerstreute und
sowohl die Schriftsteller wie das Publikum zwang, bestimmte Standpunkte
einzunehmen. Vorläufig war es für Lamartine eine Zeit des Triumphes und
des beginnenden Ruhmes; dieser Ruhm kam für ihn nicht zu früh, er war
dreißig Jahre alt, aber derselbe fiel gleich den ersten Strahlen der
aufgehenden Sonne in seine ehrsüchtige Existenz. Man stelle sich recht
lebhaft einen Salon aus jener Zeit vor, wie er uns von Zeitgenossen
geschildert worden ist,[12] eine Reihe von Gesellschaftssälen bei einem
der ersten Würdenträger des Königthums, General Foy z. B., wo gegen
hundert Personen versammelt sind, und wo Lamartine, damals Gesandter
in Florenz, bei einem seiner kurzen Besuche in Paris zugegen ist. Ein
Geflüster der Bewunderung geht durch den Saal, als er eintritt, jung,
schlank und schön, aristokratisch in Geberde und Haltung. Man schaart
sich um ihn, besonders die Damen; reizende Gesichter, prachtvolle
Toiletten, Lächeln und Schmeichelei begegnen ihm von allen Seiten. Man
vergißt einen Augenblick, den anwesenden Deputirten Komplimente für
ihre letzten Kammerreden zu sagen. Er, den man, ohne ihn früher gesehen
zu haben, sofort erkennen kann, überstrahlt Alle. General Foy tritt an
ihn heran, drückt ihm mit Begeisterung die Hand und versichert ihn, daß
er, wenn er will, eine Zierde der Kammer werden kann, die lange eines
so talentvollen Vertheidigers der echt monarchischen Principien bedurft
hat. Dann deklamirt er mit seiner melodischen Stimme, die noch nie ein
politisches Stichwort ausgesprochen hat, eine oder zwei seiner ersten
Meditationen, »Die Erinnerung«, »Die Begeisterung«, »Die Verzweiflung«,
»Das Gebet«, »Der Glaube« oder eine andere Abstraktion, und ruft ein
Entzücken ohne Gleichen und Ausbrüche der Begeisterung und des Dankes
in allen Nuancen hervor. Benjamin Constant nähert sich ihm mit seiner
undurchdringlichen, ernsthaft ironischen Miene, beglückwünscht ihn,
diese neue Quelle der Poesie entdeckt zu haben, und versichert ihn,
daß er nur in Schiller's reflektirenden Gedichten dieser Hoheit und
Reinheit des Gefühls und Ausdrucks begegnet sei. Die Damen finden
diesen Vergleich überaus schmeichelhaft für Schiller, einen obskuren
deutschen bürgerlichen Poeten, dessen Namen einmal gehört zu haben
sie sich flüchtig erinnern. Was ist er gegen Lamartine! Verschiedene
Umstände vermehren den Reiz, den seine Gedichte ausüben: zuerst des
Verfassers seltene und fast weibliche Schönheit, dann die Gerüchte von
Ihr, die sie vor Allem, und mit einer so seraphischen Schwärmerei,
mit einer so überirdischen Reinheit besingen. Er soll sie geliebt,
und seine Geliebte durch den Tod verloren haben. Man forscht nach
allen Seiten, um Etwas über den wirklichen Zusammenhang der Sache zu
erfahren. Wer war jene Elvire, wie war ihr wirklicher Name?
* * * * *
All' jene Fragen sind von geringem Interesse für uns die wir uns
jetzt in diese Erinnerungen vertiefen, um jene Zeit und ihren Geist
vollständig zu begreifen. Aber sie berühren einen Punkt, der auch
für uns das höchste Interesse besitzt, nämlich den: Von welcher
Beschaffenheit ist das erotische Gefühl in jenen Gedichten und bei
Lamartine überhaupt? von welcher Beschaffenheit ist es in der ganzen
Literaturgruppe, von welcher er beeinflußt wird, und in welcher er ein
Glied bildet?
* * * * *
Von allen Gefühlen, welche die Dichtkunst behandelt, spielt das
erotische die größte Rolle. Wie es aufgefaßt und dargestellt wird,
ist ein Moment von der höchsten Bedeutung zum Verständnisse des
Zeitgeistes. An der Auffassung des Erotischen kann man, wie an dem
feinsten Meßinstrumente, die Stärke, die Art und den Wärmegrad des
Gefühlslebens einer ganzen Zeit erkennen. Ich habe früher (Band
I, S. 24 ff.) den Uebergang der Galanterie zur Leidenschaft bei
Rousseau geschildert. Bei Deutschlands großen Dichtern wird diese
Leidenschaft geläutert und humanisirt. Bei den Romantikern wird sie
zum Mondscheinschmachten. In revolutionären Zeiten wird sie im Kampfe
mit bestehenden und geordneten Gesellschaftsverhältnissen dargestellt;
bei modernen skeptischen Dichtern, wie Heine, ist die Liebe durch den
Zweifel an ihrer Existenz unterhöhlt:
Doch wenn Du sagst: Ich liebe Dich,
Dann muß ich weinen bitterlich.
In einer verschrobenen, spiritualistischen, autoritätsgläubigen
und ordnungstollen Periode, wie dieser, wird die Liebe unmöglich
natürlich und gesund auftreten können. Sehen wir uns die namhaftesten
Liebesschilderungen, welche jene Zeit hinterlassen hat, näher an -- wir
halten damit gleichzeitig eine kurze Revue über die Haupttypen von Mann
und Weib.
Das erste Paar sind Eudorus und Velleda in den »Märtyrern«.
Der Held in den »Märtyrern« ist um so interessanter, als Chateaubriand
Demselben manchen Zug seiner eigenen ausdrucksvollen Physiognomie
verliehen hat. Dies geht so weit, daß Chateaubriand und Eudorus die
Erzählung ihres Lebens fast mit denselben Worten und mit derselben
Betrachtung beginnen. Eudorus sagt: »Als ich am Fuße des Berges
Taygetus geboren ward, war das traurige Gemurmel des Meeres der erste
Laut, der mein Ohr berührte. An wie vielen Ufern sah ich seitdem die
Wogen sich brechen, die ich hier erschaue! Wer hätte mir vor einigen
Jahren sagen können, daß ich die Wogen, die ich an Messeniens schönen
Sand rollen sah, an Italiens Küsten, an den Ufer der Bataver, der
Britten und der Gallier seufzen hören sollte.« Und ganz eben so sagt
Chateaubriand in seiner italiänischen Reise: »Als ich auf den Felsen
der Bretagne geboren ward, war der erste Laut, der mein Ohr berührte,
da ich zur Welt kam, der Laut des Meeres, und an wie vielen Ufern
hab' ich seitdem die Wogen sich brechen sehen, die ich hier finde!
Wer hätte vor einigen Jahren mir sagen können, daß ich an den Gräbern
Scipio's und Virgil's die Wogen seufzen hören sollte, die an Englands
Küsten und Marylands Stranden zu meinen Füßen heranrollten,« &c.
Beide sind weitgewanderte und vielgeprüfte Männer, wie Odysseus und
Aeneas; der gemeinsame Zug ist das Staunen über die Abenteuer des
eigenen Lebens, die Bewunderung des eigenen Ich, das höhere Mächte
durch so viele Schicksale geleitet haben. Allein noch ein Zug, und
ein bedeutungsvollerer, ist ihnen gemeinsam: wie Chateaubriand, so
ist Eudorus der Held, welcher den Triumph des Christenthumes auf
Erden herbeiführt. Chateaubriand wiederholt nur unter Napoleon, was
Eudorus unter Galerius that, und es ist nicht seine Schuld, daß er
kein Märtyrer ward. Der Gedanke an ein Martyrium beschäftigte ihn
schon in seiner Jugend; er sprach öfters gegen seine Freunde aus, daß
er vor einem solchen nicht zurückgeschreckt sein würde, wenn man es
von ihm gefordert hätte. Der Heros, welcher ihm als Ideal vorschwebt,
ist also nichts Geringeres, als das Opfer, das für die Irreligiosität
und den Abfall der Zeit sich zur Sühne bringt, und durch seine That
und seine Leiden den erzürnten Gott versöhnt. In der ersten Ausgabe
der »Märtyrer« wird Eudorus sogar geradezu als ein Christus zweiten
Ranges bezeichnet. Der Ausdruck wird von ihm gebraucht, daß der Ewige
»eine ganze Hostie« zu sehen begehrte. Aus theologischer Rücksicht
wurde dies Wort freilich in den späteren Ausgaben ausgemerzt. Aber am
Schlusse blieb die Vorstellung vermuthlich aus Unachtsamkeit stehen
und macht dort eine fast komische Wirkung. An der Stelle, wo Eudorus
gemartert wird, heißt es: »Der Feuersitz war bereit. Der Lehrer der
Christen predigt das Evangelium mit größter Beredtsamkeit, während er
auf einem glühenden Sessel sitzt. Die Seraphim verbreiten über Eudorus
einen himmlischen Thau, und sein Schutzengel entfaltet über ihm seine
Schwingen. Er erschien in der Flamme wie ein liebliches Brot des Herrn,
das für die himmlische Tafel bereitet ist.«
Hier haben wir also die Grundvorstellung des Typus. Das erste
Sühnopfer, der erste Erlöser, die erste Hostie ist nicht ausreichend.
Obschon Christ, findet Chateaubriand nicht, daß Christi Märtyrertod
hinlänglich gewirkt und gesühnt habe. Zum Triumphe der Religion sind
noch beständig Erlöser kleineren Formats, wie Chateaubriand selbst
oder sein Held Eudorus, erforderlich. Ganz wie bei den deutschen
Romantikern sogar ein Bösewicht wie Golo in Tieck's »Genoveva« eine
Aehnlichkeit mit Christus haben soll[13], so hier der Held. Dieser
Held kann in seiner Jugend Fehltritte begehen und kurze Zeit z. B. in
dem schönen Neapel auf den Wegen des Verderbens wandeln (Chateaubriand
wußte aus eigener Erfahrung, daß selbst feste Grundsätze hiegegen nicht
schützten), aber er bekehrt sich, er besteht alle Prüfungen und stirbt
als ein leuchtendes Exempel.
Sein Liebesverhältnis zu Velleda ist eine dieser Prüfungen.
Velleda ist sicherlich die originellste und bedeutendste weibliche
Gestalt, welche die Restaurationsperiode erschaffen hat. Velleda
ist ein junges gallisches Mädchen aus dem dritten Jahrhundert, und
Chateaubriand hat den französischen Typus in ihr schildern wollen: »Sie
war ein außerordentliches Weib. Sie hatte, wie alle gallischen Weiber,
etwas Launenhaftes und Anziehendes. Ihr Blick war schnell, der Ausdruck
um ihren Mund ein wenig spöttisch, und ihr Lächeln eigenthümlich sanft
und geistvoll. Ihr Wesen war bald stolz, bald wollüstig. Ihre ganze
Persönlichkeit war ein Gemisch von Hingebung und Würde, von Unschuld
und Kunst.« -- Aber Velleda ist nicht allein national-französisch,
sie trägt in hohem Grade das Gepräge der Zeit, wo sie gedichtet ward,
sie ist ein Ideal von 1809. Velleda ist Priesterin, sie gehört zu
der Familie des Erzdruiden. Für diese Zeit ist die Weiblichkeit erst
vollkommen, wenn sie den Stempel einer religiösen Begeisterung trägt.
Als echte Tochter des achtzehnten Jahrhunderts ist Velleda daher auch
kein reines Naturkind. Sie ist ein Naturkind, wie die anderen Töchter
der Revolution es waren. Es wird ausdrücklich -- nicht ohne einen
kleinen Anstrich von Pedanterie -- von ihr bemerkt, das sie in der
Familie des Erzdruiden »gründlich in der griechischen Literatur und
in der Geschichte ihres Landes unterrichtet« worden sei; Velleda ist
die letzte Priesterin der Druiden, wie Cymodoce die letzte Priesterin
Homer's. Wie Corinna kurz vorher das Ideal der jungen ehrgeizigen
Frauen war, so wird Velleda es jetzt, und da die Literatur nicht nur
ein Ausdruck für die Gesellschaft ist, sondern auch gewaltig dazu
beiträgt, die Gesellschaft umzubilden, so sehen wir Velleda aus der
Welt der Phantasie in die Welt der Wirklichkeit übergehen. Was ist
Frau von Krüdener vor der Front des russischen Heeres anders, als eine
christliche Velleda!
Wir lernen die junge Priesterin kennen, als sie in einem Nachen auf
dem Meere während eines Sturmes Beschwörungslieder an das Meer und
den Sturm singt, über welche sie, ungefähr wie Fouqués Undine, eine
Art Herrschaft übt oder zu üben glaubt. Dann hören wir sie in einer
feurigen Rede ihre Landsleute auffordern, ihre Freiheit zurück zu
erobern und die Waffen wider das Römerheer zu ergreifen. Wir sehen sie
als Priesterin des Teutates die Sichel zum Menschenopfer wetzen. Sie
wird als schön, hoch und schlank geschildert, kaum bedeckt von einer
schwarzen Tunika, die kurz und ohne Aermel ist, während die goldene
Sichel an ihrem Stahlgürtel hängt. Ihre Augen sind blau, ihre Lippen
purpurroth, um ihr freiwallendes blondes Haar trägt sie bald einen
Eichenzweig, bald einen Kranz von Eisenkraut.
Sie hat kaum Eudorus erblickt, als sie ihn liebt. Aber eine so
einfache und natürliche Leidenschaft reicht für diese Zeit nicht aus.
Velleda muß noch eine Art von Vestalin sein und das Gelübde ewiger
Jungfräulichkeit abgelegt haben. »Ich bin Jungfrau, Jungfrau der
Seine-Insel; mag ich mein Gelübde halten oder brechen, so sterbe ich
dadurch, und Du bist Schuld daran.« Sie gefällt zwar Eudorus, aber
er liebt sie nicht. Er steht ihr gegenüber, ungefähr wie der fromme
Aeneas der Dido gegenübersteht, an welchen der Dichter sogar Eudorus
seine Zuhörer erinnern läßt. Die Unglückliche versucht jegliche Art von
Zauberei. Sie will sich mit den Mondesstrahlen zu ihm hinschleichen.
Sie will in den Thurm fliegen, den er bewohnt, seine Liebe unter einer
fremden Gestalt gewinnen, und sträubt sich doch selbst aus Eifersucht
gegen den Gedanken. Eudorus theilt nicht diese Leidenschaft, aber
er fühlt sich in ihrer Nähe gleichsam von der Atmosphäre derselben
angesteckt. Als Christ schaudert er vor der Versuchung zurück. »Wohl
zwanzigmal war ich, während Velleda mir so traurige und so zärtliche
Gefühle aussprach, nahe daran, mich ihr zu Füßen zu werfen, ihr ihren
Sieg zu verkünden und sie durch das Geständnis meiner Niederlage
glücklich zu machen. In dem Augenblick, wo ich im Begriffe stand,
zu unterliegen, verdankte ich nur dem Mitleid, das die Unglückliche
mir einflößte, meine Rettung. Allein dies Mitleid, das mich Anfangs
rettete, wurde zuletzt die Ursache meines Untergangs; denn es raubte
mir den Rest meiner Kraft.« Es liegt, rein ästhetisch betrachtet, etwas
sehr Unschönes darin, einen Mann sich solchermaßen über die harten
Kämpfe äußern zu hören, die er zur Behauptung seiner Tugend bestanden
hat, und Eudorus' Ausbrüche von Scham und Reue kleiden ihn schlecht.
»O Cyrillus,« sagt er, »wie soll ich diese Erzählung fortsetzen? ich
erröthe vor Scham und Verwirrung.« Als endlich dieser Ritter von der
traurigen Gestalt so weit gekommen ist, daß er, nachdem Velleda einen
Selbstmord versucht hat, zu ihren Füßen liegt, kann er sich nicht
mit weniger begnügen, als die ganze Hölle um dieses Anlasses willen
in Bewegung zu setzen. »Ich stürze zu Velleda's Füßen ... Die Hölle
giebt das Signal zu dieser entsetzlichen Hochzeit; die Geister der
Finsternis heulten im Abgrunde, die keuschen Ehefrauen der Patriarchen
wandten ihre Häupter ab, und mein Schutzengel verhüllte das Antlitz
mit seinen Flügeln und stieg gen Himmel empor.« Nicht einmal einen
Augenblick vermag dieser triste Held sich hinzugeben. Er schämt sich
wie ein Junge, der einen gestohlenen Apfel mit einem Gemisch von Gier
und Angst vor Prügeln verzehrt. »Mein Glück glich der Verzweiflung, und
wer uns inmitten unserer Wonne gesehn hätte, Der hätte uns für zwei
Schuldige gehalten, denen man eben das Todesurtheil verkündete. Von
diesem Augenblick an fühlte ich mich mit dem Stempel des göttlichen
Zornes gezeichnet. Eine dichte Finsternis erhob sich gleich einer
Rauchwolke in meinem Geiste, von welchem eine Schaar aufrührerischer
Geister plötzlich Besitz ergriffen zu haben schien. Ideen, die mir
bisher unbekannt gewesen, stellten sich bei mir ein, die Sprache der
Hölle strömte von meiner Zunge, und ich sprach die Gotteslästerungen
aus, welche man an jenen Orten vernimmt, wo da ist Heulen und
Zähneklappern.«
So wird dies Liebesverhältniß des christlichen Häuptlings zu der
heidnischen Prophetin mit Scheiterhaufen und Flammen als Hintergrund
geschildert. In »Atala«, wo sich etwas Verwandtes in der Association
von Leiden und Lust findet, war doch dies so wenig beabsichtigte und
gefühlte Anathem noch nicht auf die irdische Liebe geschleudert.
Man findet diese Auffassung in De Vigny's bedeutender und schöner
Jugenddichtung »Eloa« wieder, welche schildert, wie der Fürst der
Finsternis einen jungen und schönen weiblichen Engel verführt. War
Satan in den »Märtyrern« ein Revolutionair, so ist er hier nicht sehr
verschieden von dem Eros der Alten. Ohne zu sagen, wer er ist, bethört
er durch seine Schönheit und Beredtsamkeit den Engel, und reißt ihn mit
sich in den Abgrund hinab. Er schildert selbst seine Macht in folgenden
Worten, die man in den Versen des Originals nachlesen muß:
Ich bin Der, den man liebt und den man nicht kennt,
Meine Flammenherrschaft über den Menschen hab' ich begründet
In der Sehnsucht des Herzens und den Träumen der Seele,
In dem Verlangen und den geheimnisvollen Sympathien des Leibes,
In den Schätzen des Bluts, in dem Blicke der Augen.
Ich bin's, der die Gattin veranlaßt, in Träumen zu reden,
Und das junge, glückliche Mädchen eine glückliche Illusion zu empfinden,
Ich schenk' ihnen Nächte, die sie trösten für ihre Tage,
Ich bin der heimliche König heimlicher Liebe.
So ungefähr lautet der Gesang des Chores an Eros in der »Antigone« des
Sophokles:
O Eros, Sieger im Kampf,
Die Beute gewaltig umschlingend
Der heimlich versteckt auf der Jungfrau
Holdblühenden Wange lauscht!
Du wandelst auf Wogen des Meeres,
Du schweifest in Fluren und Wald!
Dir entrinnet der Ewigen Keiner,
Und Keiner der Menschen, der Söhne des Tages,
Und wen du ergriffen, Der raset.
Du lockst verderbend in Schuld
Die Sinne des edelen Mannes.
Da die Zeit sich jetzt auf der schiefen Ebene befindet, welche dahin
führt, Eros als Satan selbst aufzufassen, so versteht es sich, daß
keine Zeit die »wahre« Liebe so eiskalt, so seraphisch, so platonisch
und so ohnmächtig geschildert hat, wie diese in der Darstellung
derselben excellirt. Sehen wir, wie die Velleda jener Zeit, Frau von
Krüdener selbst, sie in ihrer »Valérie« auffaßt.