wohlgemeinte Sprache des kaiserlichen Schwachkopfes war, Das wurde
mit heuchlerischer Klugheit von seinen gekrönten Brüdern angenommen.
+Cetera quis nescit!+ Wer weiß nicht, welche Bedeutung die
heilige Allianz erlangte, wie sie die allgemeine europäische Reaktion
mit der Brutalität als Inhalt und der Lüge als Form herauf beschwor.
In ihrem Namen wurde im traurigsten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts
jedes, selbst das schwächste Streben nach geistiger und politischer
Freiheit verfolgt oder erstickt. Freiwillig schloß sich an die
Allianz die Macht an, welche das größte Interesse daran hatte, nämlich
der Papst. Ohne kleinliche Rücksichtsnahme auf seine Stellung als
das Haupt der römisch-katholischen Kirche, erhob der Papst seine
Kollegen in den Himmel: Alexander, den griechischen Papst, den König
von Preußen, den lutherischen Papst, und den König von England, den
anglikanischen Papst. Auf dem Wiener Kongresse legte dann Pius ein
Restaurationsprojekt vor, in Vergleich mit welchem alle Träume der
Restauratoren der Vergangenheit erblichen und alle früheren Versuche,
die vorrevolutionären Zustände wieder heraufzuführen, auf Nichts
reducirt wurden. Mit einem Federstriche war die Existenz der Revolution
und des Kaiserreiches ausgelöscht. Das heilige römische Reich sollte
wieder hergestellt werden, außerdem die ganze Gesellschaftsordnung
des Mittelalters: Zehnten, Kirchengüter, Steuerfreiheit für die
Geistlichkeit, und Inquisition.
Der Rest des Lebens der Frau von Krüdener bietet kein
weltgeschichtliches Interesse. Sie ward immer aufrichtiger und immer
fanatischer in ihrem Glauben; ihr Trieb, denselben durch Handlungen
an den Tag zu legen, ward immer glühender. Den Armen und Kranken
zu helfen, ward ihr eine Herzens- und Lebenssache. Allein von dem
Augenblick an, wo sie versucht, das Christenthum praktisch zu nehmen,
verändert sich der Charakter ihrer ganzen Stellung. Die Gewalthaber,
die Behörden, alle die Großen, welche ihr, so lange sie sich an die
Höfe hielt, ihre Aufwartung gemacht hatten, erblickten, so bald sie
sich an die Volksmassen wandte, mit sicherem Instinkte in ihr einen
Feind. Bald durchzog sie die Schweiz in einem heilig-wahnwitzigen
Fest- und Triumphzuge, bald wurde sie als Verfolgte von Stadt zu
Stadt gehetzt. In Basel wütheten die Priester gegen sie und bewirkten
ihre Ausweisung; in Baden, wo sie während einer Hungersnoth einen
großartigen Wohlthätigkeitssinn bewies, wurde ihr Haus von Gensdarmen
umringt, und Die, welche bei ihr Zuflucht gesucht hatten, wurden
verjagt; aus Luzern wurde sie von der Polizei vertrieben; als sie
versuchte, durch das Elsaß nach Frankreich zu gelangen, wurde ihr
der Eintritt verboten und die Rückreise nach Baden ihr gleichfalls
untersagt. Unter polizeilicher Eskorte wurde sie endlich nach Rußland
zurückgeschafft, und zwar so, daß sie von der württembergischen
Polizei an die bairische, von dieser an die sächsische, von dieser
an die preußische, und von letzterer endlich an die Polizei ihres
eigenen Landes abgeliefert wurde. Alexander's Gnade hatte sie für
immer verscherzt. Die Schilderungen, welche sie in ihren religiösen
Zeitschriften und Broschüren von dem Unrechte der Gesellschaft, von
der grenzenlosen Noth der Armen und den ungerechten Unterdrückungen
der Gewalthaber gemacht hatte, waren überall als Socialismus und
Kommunismus bezeichnet worden; das Christenthum, wie sie es verstand,
konnte den Autoritäten nicht genehm sein. Zugleich war sie naiv
genug, unvorsichtigerweise ihre Begeisterung für den Freiheitskampf
der Griechen auszusprechen, und auf eine für den Kaiser förmlich
kompromittirende Art zu äußern, daß er als Stifter der heiligen Allianz
sich an die Spitze eines Kreuzzuges gegen die Türkei stellen sollte
und müßte. Von Alexander verstoßen, verließ sie St. Petersburg und
lebte von jetzt an als Selbstquälerin und Missionairin. Sie litt Noth,
bisweilen sogar Hunger, quälte sich selbst, linderte die Noth Anderer,
wo sie's vermochte, und starb 1824 während einer Missionsreise in der
Krim.
Einen interessanten Gegensatz zu der französisch-russischen Frau von
Krüdener bildet die deutsch-russische Schwärmerin, Fürstin Gallitzin,
deren Auftreten an den Schluß des achtzehnten Jahrhunderts fällt, wie
das Auftreten der Frau von Krüdener in den Anfang des neunzehnten.
Man erkennt die Eigenthümlichkeit der Letzteren schärfer, wenn man
einen Blick auf das Leben der Fürstin wirft. Sie ist als Geist ein
rein deutsches Phänomen, ebenso einfach, wie ihre jüngere Zeitgenossin
raffinirt und komplicirt ist, zugleich naiv und sentimental, eine
schöne Seele und ein schwacher Kopf. Ihr Gemahl ist, wie Herr von
Krüdener, sehr weltlich, ein Freund und Bewunderer Diderot's, der
zuerst die Fürstin zu ihren Studien ermuntert und ihr Muth zu
denselben einflößt, aber später eine eifrige Gegnerin in ihr findet.
Eben so gleichgültig gegen die Vorzüge ihres Geschlechtes, wie Frau
von Krüdener kokett war, läßt die Fürstin sich das Haar scheeren,
um sich die Theilnahme am Gesellschaftsleben unmöglich zu machen,
und zieht sich schon mit vierundzwanzig Jahren von der Welt zurück.
Um sich ganz von aller Selbstsucht loszureißen, »brachte sie Gott
aus Liebe das Opfer ihres Verstandes.« Ihre Unbekanntschaft mit der
Welt zeigt sich in solch einem kleinen Zuge wie dem, daß sie, als
ihr Sohn in fremde Kriegsdienste zu treten wünscht, sich erst an den
preußischen, dann an den österreichischen Obergeneral wendet, um die
Erlaubnis zu erlangen, ihm einen Begleiter mitgeben zu dürfen, der
ihn gegen die unregelmäßigen Sitten des Militairlebens schütze, und
zu ihrer Verwunderung beide Male die Antwort erhält, daß ein Officier
nicht solch eine männliche Gouvernante zur Armee mitbringen könne.
Ihre religiöse Schwärmerei wird am besten durch ein Erzeugnis wie das
nachstehende charakterisirt:
~Gebet der Liebe~.
Liebe! lehre uns beten, daß uns erhöre die Liebe.
O der Liebe vereintes Gebet ist Quelle der Liebe,
Quelle des ewigen Lebens und unaussprechlicher Wonne!
Schwester, rufe mir zu: »O Bruder! Bitten der Liebe
Sende dem Vater für mich -- ich sende Bitten der Liebe
Täglich dem Vater für Dich.« O Schwester! der Bitten nicht eine
Kann an die Liebe, von Liebe für Liebe gesendet, umsonst sein.
Der Ton ist bei ihr, trotz all' ihrer Innigkeit, doch eben so
pietistisch-abstrakt, wie bei Frau von Krüdener mystisch-sensuell[11].
Was wir in Frau von Krüdener vor uns haben, ist also ein Geist, der
von Anfang an so ausgerüstet ist, daß er dazu geschaffen scheint,
etwas Bedeutendes zu vollbringen. Denn er hat einen Fond lebhaften
Gefühls, eine Summe von Lebenskraft, die für ein Paar Menschenleben
ausreichen zu können scheint, nicht in gesundem Vegetiren, sondern
kraft der inneren Unruhe, die ihr Princip ist, und des inneren Feuers,
das nach allen Seiten unaufhörlich Funken versprühen zu können scheint.
Es liegt in ihr ein ursprünglicher Fond russischer Flüchtigkeit und
Schmiegsamkeit, deutscher Sentimentalität, französischen Formensinns,
und »asiatisch«-sinnlicher Anmuth. Sie tritt in das Leben hinaus, ohne
eine solide Erziehung hinter sich und einen ernsten Vorsatz vor sich
zu haben, mit einem starken Drange nach Glück, mit etwas poetischer
Anlage, also im Voraus für ein Leben in Illusionen bestimmt. Da
sie sich von Bewunderern umgeben sieht, genießt sie taumelnd diese
Befriedigung. Dann beginnt sie sich selbst als ein höheres Wesen zu
betrachten. So lange sie ihrem Manne äußerlich die Treue bewahrt,
lebt sie in der Illusion, daß sie eine Heldin der Pflicht sei. Als
sie dieselbe bricht, wechselt sie ihr Ideal, und verwandelt sich vor
sich selbst in das Ideal der schönen Sünderin. Sie äußert einmal von
den Genfer Damen, daß sie weder den Reiz der Unschuld noch die »Grazie
der Sünde« besäßen. Sie hat sich letztere angeeignet. Sie fuhr ja doch
fort, den Theil des Ideals zu besitzen, welcher darin besteht, die
Erste in ihrer Art, +unique+ zu sein. Hierin liegt es, daß sie
sich einbildete, ihrem Gemahl das Glück (Orden und Titel) zu bringen.
Alle Illusion besteht in einer unrichtigen Verknüpfung von Ursache
und Wirkung, die religiöse Illusion so gut wie die andern. Aber die
religiöse Illusion ist eine doppelte, sie führt die Wirkung nicht auf
ihre Ursache, sondern direkt auf einen unbestimmten Ursprung, den
Mittelpunkt des Seins, zurück -- erste Illusion, -- und im Mittelpunkt
des Seins wird sodann nicht, wie man sich vorzustellen pflegt, die
Gottheit, sondern das Individuum selber placirt -- zweite Illusion.
Unsere Heldin glaubt, ihr Gemahl erhielte die Orden direkt von Gott,
aber die Ursache, weshalb Gott ihm dieselben verleiht, ist sie selbst
und kein Anderer. Sie ist die wahre Ursache, und Gott nur das Mittel,
durch das sie wirkt. Sie fährt fort, ihr weltliches Leben zu führen,
so lange dasselbe ihr noch Illusionen zu schenken vermag. Allein eine
Dame von Geist und Nerven wird dieses Lebens, wird der zurückblickenden
Eifersucht des neuen Anbeters auf den früheren mit der Zeit müde, und
es ekelt sie zuletzt, zum zehnten Male sich selbst und einen Andern
mit den Worten zu täuschen: »Ich liebe Dich und habe nie einen Andern
geliebt!« Als alle Illusionen des Lebens entschwunden sind, eröffnet
sich der Lebensmüden die Möglichkeit einer neuen Illusion, welche
sogar über das Grab hinausweist. Den Schlaganfall, der ihren Anbeter
trifft, betrachtet sie mit denselben Augen, womit der heilige Augustin,
Pascal oder Luther ähnliche Ereignisse betrachtet haben. Er ist ein
Wink, eine Warnung für sie. Der fröhliche Schuster ist überzeugt,
zu den Auserwählten Gottes zu gehören. Als sie das Geheimnis seiner
Fröhlichkeit erfährt, will sie nicht hinter ihm zurückstehen, sondern
auch zu ihnen gehören. Der Glaube an Gott ist für sie die Befriedigung
des Wunsches, auserwählt und Anderen vorgezogen zu sein. Sie hält
sich für bekehrt, und ist im Grund ihrer Seele Dieselbe, die sie
war. Indem sie der Gottheit die Worte in den Mund legt, mit welchen
diese sie ihrer Zärtlichkeit versichert: was thut sie anders, als die
Episteln und Elegien an Sidonie in eine andere Form bringen! Das Echo
ihrer Selbstanbetung kommt zu ihr wie eine Stimme aus den Wolken, und
jetzt, wie früher, dankt sie Gott, solchermaßen -- durch sich selbst
ausgezeichnet worden zu sein. Was sie begehrt, ist, jetzt wie ehemals,
geliebt zu werden. Aber wie Chateaubriand auf einem Umweg über das
irdische Jerusalem nach seiner irdischen Alhambra reist, so bahnt sie
sich den Weg zu ihrer himmlischen Alhambra über das himmlische Zion.
Der Unterschied ist nur der, daß er die Andern betrügen will, sie aber
sich selbst betrügt. Sie ist eine Kokette, so gut wie er und Lamartine;
nur daß Diese stolze Koketten sind, während sie demüthig ist.
Doch der entscheidende Zug, welcher sie im Gegensatze zu ihnen
kennzeichnet, liegt nicht im Charakter, sondern in der Intelligenz und
in ihrer weiblichen Natur selber. Chateaubriand hat als Mann wenigstens
einen schwachen Begriff von Wissenschaftlichkeit, der es ihm unmöglich
macht, sich von Mirakelmännern und Dorfsibyllen bethören zu lassen. Sie
dagegen ist ein Weib, und in Reaktionsperioden lautet die Definition
eines Weibes so: Ein Weib ist eine Pfaffenbeute. Ohne wissenschaftliche
Voraussetzungen wird man, wenn nicht ganz vereinzelte, ungewöhnlich
günstige Zufälle eintreten, etwas früher oder etwas später, aber in
der Regel unvermeidlich, eine Beute seiner Begeisterung, die nicht
weiß, wohin sie will, seiner unbestimmten Sehnsucht, die nicht weiß,
was sie begehrt, seiner Feigheit, die von den Unglücksfällen des
Lebens geängstigt wird, endlich all' seiner Illusionen, und all' diese
Mächte: Begeisterung, Sehnsucht, Furcht und Träumerei, überliefern
ihr Opfer, an Händen und Füßen gebunden, als Beute der Kirche, deren
Autorität ja außerdem von frühester Kindheit an durch die Erziehung
der Seele eingeprägt worden ist. So erging es Frau von Krüdener. Von
dem geistigen Leben, das sie tangirt, gehen die bedeutungsvollen
Freiheitskämpfe, die unabhängige Forschung, der Aufklärungseifer,
die Denkerbegeisterung unverstanden an ihr vorüber; was sie vom
Zeitalter versteht und sich aneignet, ist nur die eine Seite desselben:
die Frivolität. Als die Reaktion wider das achtzehnte Jahrhundert
beginnt, und selbstredend damit beginnt, der abgelaufenen Periode ihre
Ungöttlichkeit und Frivolität vorzurücken, giebt Frau von Krüdener ihr
augenblicklich Recht, weil sie sich getroffen fühlt, weil sie selbst in
ihrem ganzen Zeitalter Nichts anders gesehen, für Nichts Auge gehabt
hat, als für die Leichtfertigkeit und die rücksichtslosen Sitten.
Die Reaktion nimmt zu, und sie erhält ihre Poesie, eine Poesie all'
des Uebernatürlichen, an das zu glauben der Dichter seinem Leser
vorspiegelt. Die Bücher werden mit Thronen und Fürstenthümern, Cherubim
und Seraphim angefüllt; es ist den Dichtern anscheinend heiliger
Ernst damit; nur fällt es ihnen freilich nicht ein, daß irgend ein
Mensch es wirklich für Ernst nehmen könne. Welch ein Epigramm auf den
ganzen Kampf für die Tradition, als endlich eine Frau erscheint, die
naiv genug ist, Alles buchstäblich zu nehmen, die dem jungen Mädchen
glaubt, welches ihr erzählt, daß sie mit Engeln Verkehr pflege, und
dem Manne, welcher die übernatürlichen Visionen erlebt haben will,
von denen zu singen die höchste Mode der Zeit war! Die Dichter
hatten das Mirakel und den Propheten zu verherrlichen begonnen. Da
kommt nun eine arme naive Magdalena, und nimmt sie beim Worte, und
glaubt an die Mirakel, die man ihr weist, und versucht sich selbst
in Prophezeiungen. Man steht eben im Begriffe, über sie den Kopf zu
schütteln und zu lächeln, als es sich zeigt, daß die Mächtigen ihrer
Zeit sie für voll nehmen. Sie wird eine Macht. Chateaubriand, der nicht
an sie oder mit ihr glaubt, aber der an ihren Einfluß glaubt, sucht
sie für seine politischen Pläne zu gewinnen, wird aber abgewiesen. Sie
will nur Eins, dem Christenthum seine durch die Revolution gestürzte
Autorität wiedergeben. Für sie hat die Revolution nur ~eine~ That
vollbracht, nämlich die, die heilige Tradition zu stürzen; sie will
ihrerseits nur ~eine~ That, die entgegengesetzte, vollbringen,
dem Christenthum seine weltüberschattende Herrschaft wiederzugeben.
Alexander faßt den Gedanken auf, die Mächte adoptiren ihn als ein
kluges politisches Mittel. So lange Sie nur die ~Autorität~
des Christenthumes zur Geltung bringen, so lange sie nur die Leute
von ~oben herab~, und im Bunde mit den Fürsten, reformiren und
bekehren will, steht sie auf dem Gipfel der Ehre und Vergötterung.
Aber der Umschlag erfolgt. Die religiöse Konsequenz zwingt sie, eine
Bekehrung der Leute ~von unten her~ zu versuchen, indem sie
sich mitten unter sie begiebt, indem sie das Christenthum praktisch,
statt theoretisch, und nach Art der alten Apostel betreibt. Welche
Naivetät! Sie ist so naiv, daß sie meint, die Gewalthaber müßten
diese Versuche mit eben so günstigen Augen wie ihre früheren
Bestrebungen ansehen. Sie begreift freilich nicht, daß die Autorität
jede ernstliche Beschäftigung mit ihrem eigenen Princip fürchtet,
wenn diese Beschäftigung nicht die ~officielle~ ist. Von dem
Augenblick an, wo sie wirklich als Christin auftritt, wird sie als
Revolutionairin behandelt. Die Kämpfer für das Autoritätsprinzip sehen
in dem Gefühl von der allgemeinen Brüderlichkeit der Menschen, das
sie leitet, und in der Ekstase, mit welcher sie der Sache der Armen
und Unterdrückten das Wort redet, einen Beweis dafür, daß sie --
Socialistin und Kommunistin sei. Und so wurde es ihr Loos, praktisch
zu zeigen, was die Wiedereinsetzung des Christenthums als Autorität
zu bedeuten hat. Man wollte dasselbe eben nur als ~Autorität~,
als ~Macht~, als ~Ordnung~ gebrauchen. Man benutzte es, wie
man die Polizei, die Armee, die Gefängnisse benutzte, um Alles in Ruhe
und das Autoritätsprincip aufrecht zu erhalten. Von dem Augenblick an,
wo es persönlich und individuell genommen und solchermaßen ins Werk
gesetzt wurde, daß man befürchten mußte, es werde sociale Bewegungen
verursachen, von dem Augenblick an war es die ~Unordnung~, und
die Autoritäten spedirten es in der Person der Frau von Krüdener so
schnell wie möglich von Grenze zu Grenze.
+[Charles Eynard: Vie de Madame de Krüdener, Tome I-II. --
Sainte-Beuve: Portraits de femmes. Derniers Portraits.+
Ich entwarf diesen Abschnitt vorigen Sommer im Auslande, und hatte
damals nur Eynard's Biographie zur Hand. Bei meiner Heimkehr sah ich,
daß ein paar Stellen in den Briefen der Frau von Krüdener, die mich am
meisten frappirt hatten, auch von Sainte-Beuve bemerkt worden waren,
ohne daß sonst eine Uebereinstimmung in der Behandlung stattfand.
Es giebt in jedem Buche drei oder vier Stellen, die jeder Kritiker,
der sein Fach versteht, immer beachten und citiren wird. So entsteht
zuweilen der Anschein, als habe der Eine den Andern benutzt, ohne daß
Solches der Fall ist. Stuart Mill schrieb einmal über diesen Punkt:
»Coleridge erinnerte einen seiner Recensenten daran, daß es Dinge in
der Welt giebt, die man Quellen nennt, und daß das Wasser, das Jemand
schöpft, nicht nothwendig aus dem Loche zu kommen braucht, das er in
die Cisterne eines Andern gemacht hat.«]
7.
Als die hundert Tage vorüber waren, und Ludwig XVIII. zum zweiten
Male zurückkehrte, verbreitete eine seltsam gemischte und wehmüthige
Stimmung sich über Frankreich. Die Restauration zeigte eine doppelte
Physiognomie: sie war die Wiederaufrichtung einer Dynastie, von
der man geglaubt, daß die Revolution sie für ewige Zeit vom Throne
Frankreichs ausgeschlossen hätte, sie führte Zustände zurück, von denen
man gemeint, daß sie ausschließlich der Vergangenheit angehörten,
und auf der anderen Seite war sie die Wiederaufrichtung gesetzlicher
Freiheit im Gegensatze zu der furchtbaren Militairdespotie, die so
viele Jahre hindurch Frankreich unter ihrer Gewaltherrschaft hatte
erseufzen lassen. Für die Literatur war sie anscheinend wenigstens ein
Freiheitsbote. Nach Verlauf von fünfzehn Jahren war eine freie Debatte
über Ideen wieder möglich. Die schwere Hand, welche zermalmend auf der
Presse geruht hatte, zog sich zurück. Das Siegel wurde von dem Schreine
gelöst, in welchem die kämpfenden Geister und Systeme gebunden
lagen, man hatte Erlaubnis, Alles zu diskutiren: die Revolution
und das Kaiserthum, das achtzehnte und das neunzehnte Jahrhundert,
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Man hatte Erlaubnis, aber hatte man Lust dazu? Nein, die Lust
war gering. Die Stimmung Frankreichs war die Stimmung nach einer
langwierigen Krankheit oder nach einer verlorenen Schlacht. Nicht daß
man sich nach Siegen gesehnt hätte. Am Ende der Regierung Napoleon's
hatte schon die Kanone vor dem Invalidenhotel keinen Widerhall in
den Herzen mehr erweckt. Man sagte zu einander: Ach, es ist nur ein
Sieg! Nein, man sehnte sich nach Frieden, wie der zur Ader Gelassene
und Erschöpfte sich nach Ruhe sehnt. Man freute sich, wie wenn eine
Choleraepidemie, die eine Stadt aufs äußerste verheert hat, endlich
vorüber ist. Man begann sich wieder an den Gedanken des Lebens zu
gewöhnen. Die Mütter hatten bisher mit einem gewissen Grauen ihre
Kinder sich dem Jünglingsalter, d. h. dem Alter, wo sie Soldaten,
und bald darauf Leichen wurden, nähern sehen. Sie begannen jetzt zu
hoffen, daß diese Kinder das Leben vor sich hätten. Die Kinder, welche
unter Trommelwirbeln und kriegerischen Fanfaren aufgewachsen waren,
und sich schon in der Schule an den Gedanken früh erworbenen Ruhmes
und eines frühen Todes gewöhnt hatten, mußten sich nun gleichfalls
an den Gedanken eines friedlichen Lebens gewöhnen. Der Tod im Bette,
der ihnen bevorstand, erschien ihnen widerwärtig im Vergleich mit dem
Tode, der sich ihnen jüngst so strahlend schön in seinem rauchenden
Purpur gezeigt hatte, sie fühlten sich gleichsam getäuscht, und
begannen zu grübeln. Die jungen Männer endlich, welche so lange
nothgedrungen alles persönliche Leben im Staatsleben, Kriegsleben und
den gemeinsamen Interessen des Vaterlandes hatten aufgehen lassen
müssen, vernahmen großentheils mit Entzücken die Botschaft, daß sie
jetzt die Reihen durchbrechen dürften, und nicht mehr in Schritt und
Tritt nach dem Kalbsfell zu marschiren brauchten; sie schüttelten den
Staub der Heerstraße von ihren Füßen, warfen die Uniform in den Winkel,
und suchten jede Erinnerung an die Disciplin auszulöschen. Da sie
geradeswegs von den Schlachtfeldern des Kaiserreichs, aus dem Getöse
und Blutbad der Schlachten kommen, nehmen sie ihre Zuflucht zum ruhigen
Naturleben, fern von der lärmenden Menschenwelt. So ist die Stimmung
der Periode: müde, aber komplicirt, voller Täuschungen, Hoffnungen und
Drang zu persönlichen Träumereien, keine Stimmung zur That, sondern zum
Meditiren und zur Kontemplation.
Diese Volksstimmung erklärt es, wie Lamartine's »Meditationen« die
Lieblingsdichtung der Zeit werden konnten. Nach Chateaubriand's »Genius
des Christenthums« hatte kein Buch solches Aufsehen in Frankreich
erweckt; in vier Jahren wurden 45000 Exemplare abgesetzt. In diesem
Buche fand die Periode, so seltsam es uns jetzt erscheinen mag, einen
Dolmetscher für ihre Gefühle und für Alles, was sich in ihrem tiefsten
Gemüth regte, ein Bild ihrer idealen Sehnsucht, das in den reinsten und
schönsten Farben des Traumes schillerte. Diese Gedichte klangen wie
Aeolsharfentöne, aber es war der Zeitgeist, welcher in die Saiten der
Harfe griff. Freilich waren es nicht sowohl Gesänge, wie Betrachtungen,
nicht sowohl Herzens- wie Geistes-Harmonien; aber man hatte so
lange Zeit hindurch im Leben genug der Bestimmtheit, der bestimmten
Formen, festen Gestalten, und herzergreifenden Gefühle gehabt. Es
wurde durchaus nicht als ein Mangel verspürt, daß man hier keine
zugespitzte Leidenschaft oder irgend eine Neigung fand, die finstere
und schreckliche Seite des Menschenlebens, überhaupt das Leben, wie
es ist, zu sehen. Davon hatte man in der Wirklichkeit genug gehabt.
Nach einer Zeit, in welcher so viele Instinkte hatten erstickt werden
müssen, freute man sich dieses rein poetischen Instinktes, dieses so
melodiösen Dichters, der, wie er sagte, einen Accord für jedes Gefühl
und jede Stimmung hatte. Man sehnte sich nach einer solchen Ruhe in der
Lyrik nach der Philosophie, der Revolution und endlosen Kriegen. Das
Gedicht »Der See« machte die Runde durch Europa, weil es so lange her
war, seit man überhaupt die Natur empfunden und sie anders als taktisch
mit Rücksicht auf ihre Terrainbildung betrachtet hatte. Lamartine trat
jedoch im Geiste der Zeit nicht bloß als Stimmungsdichter, sondern
als Gläubiger und Christ auf. Der Grundton in seinen Gedichten war
christlich-monarchisch und bourbonistisch.