folgendem Briefe: »Es ist nicht mehr als billig, lieber Doktor, daß
Sie selbst eine Abschrift der reizenden Elegie erhalten, welche Sie für
mich gedichtet haben, ich sende Ihnen eine solche hieneben, ich wünsche
selbst die Ihrige zu behalten.« Die Elegie lautet:
»Was suchst Du in Deinem einsamen Leben? Paris, das bethört ist von der
Bezauberung, die Du ausübst, von Deinem Liebreiz, von den glänzenden
Gaben, die der Himmel Dir schenkte, bietet Dir ja doch Herzen genug,
welche Dein feinfühlender Geist in Fesseln gelegt hat. Wir sahen Dich,
wir schaarten uns um Dich, an jenem Tage, als Du die verführerische
Macht der Eleganz, die bezwingende Macht der Schönheit ausübtest, an
jenem Tage, als Du, der Palme des Genies sicher, nicht die Lobsprüche
verschmähtest, welche dem Talente gebühren. Schon damals entlockte ein
geistreicher Sänger Dir ein Lächeln, als er wagte, seine zarte Stimme
zu dem Chor der Weisen zu gesellen, und ein Bild Deines magischen
Tanzes entwarf; aber entschwindet nicht die Erinnerung an jene Festtage
vor dem Donnerschlag, mit welchem der Himmel Dich jetzt getroffen
hat? Vereinigen unsere Herzen sich nicht mit Deinen melancholischen
Gedanken, haben sie nicht in stummer Andacht bei Deinem Schmerze
geseufzt? Wir wollen Dich nicht durch ohnmächtigen Trost, diesen
prunkenden Tribut, den man einer prunkenden Trauer zollt, verletzen:
wir hörten Dich seufzen und wir seufzten mit. -- Wir seufzten mit, und
Du fliehst? Weshalb fliehst Du! Der Trauerflor umhüllt uns, die Künste
verstummen rings um Dich her, die Liebe verbirgt sich, und mit ihr
das ganze lebensvolle Gefolge, das vordem Deine Lust und Deinen Ruhm
ausmachte.«
Dies ist erst die Hälfte der Elegie, aber ich breche ab. Der Brief
schließt folgendermaßen: »Ich sende Ihnen diese Elegie, deren antike
Farbe [!] und Schönheit ich bewundere. Ohne mir etwas anderes davon als
den Schmerz zueignen zu wollen, den Sie richtig bei mir wahrgenommen
und den Sie zu mildern gewünscht haben, hab' ich Ihnen so viel Anderes,
lieber Doktor, für Sie weit Schmeichelhafteres zu sagen, aber hier ist
kein Platz mehr dafür, und mein erkenntliches Herz kann Ihrer erhabenen
und der Menschheit so nützlichen Kunst [!] nur meinen Dank sagen.«
+Dr.+ Gay ließ es nicht hiebei bewenden, sondern er begann
seine Prosa zu reimen. Seine Freundin schreibt ihm: »Sidonie hat mir
aufgetragen, dem liebenswürdigsten aller Freunde ihren zärtlichsten
Dank zu bezeugen. Die Verse waren reizend, sie sind schon gedruckt.
Welch glückliche Gabe besitzt Der, welcher sie geschrieben! Wie sieht
man, daß er Sidoniens Freund ist! wie malt er, was er sagen will! Die
Seele selbst hat bei jedem Striche den Pinsel geführt, und welch' hohe
Seele!... Sidonie hat auch eine Elegie in Prosa erhalten, die Sie
kennen müssen, und die sie äußerst schön findet. Welches schöne Talent
liegt in dieser erhabenen und einfachen Manier, und wie muß man den
Geist lieben, der eine solche Sprache zu reden versteht! Man hat einige
Verse verändert, sehr wenig, sie sind vorzüglich gelungen, und haben
ihren Zweck erfüllt.«
Man sieht, daß Sidonie sich nicht damit begnügte, die Kladden zu den
Lobliedern auf sich selbst zu schreiben, sondern auch die Reinschrift
durchsah. Uebrigens denke ich, daß es hier keines Kommentares bedarf.
Der unermüdliche Doktor verfaßt noch mehrere Gedichte, und neue
Zumuthungen, alle möglichen Kritiker zu plagen, sind die Folge davon.
Was den religiös gestimmten Historiker Michaud betrifft, welcher
dreißig Jahre seines Lebens darauf verwandte, die Geschichte der
Kreuzzüge zu schreiben, so machte sein sehr intimes Verhältnis zur
Dichterin jede Aufforderung überflüssig. Er schrieb eine warme Kritik.
Endlich ist Frau von Krüdener so weit, daß sie ihrer Freundin schreiben
kann: »Mit meiner Gesundheit geht es viel besser, ich war acht Nächte
hindurch auf Bällen, ohne mich dadurch angegriffen zu fühlen. Welches
Glück, meine Freundin! Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich gefeiert
werde, und es regnet Verse auf mich herab; die Ehrenbezeugungen
überwältigen mich, man kämpft um ein Wort von mir wie um eine Gunst.
Es ist tausendmal mehr, als ich verdiene, aber die ~Vorsehung
liebt es, ihre Kinder mit Wohlthaten zu überhäufen~, selbst wenn
sie es nicht verdienen ... Ich würde es als eine Feigheit ansehen,
nicht mit einem Werke hervorzutreten, daß ich für nützlich halte, ich
betrachte daher meine Reise nach Paris als eine Pflicht, während
mein Herz, meine Phantasie, Alles mich nach dem Genfersee zieht.« So
reist sie denn nach Paris, und im December 1803 erscheint »Valérie«.
Alle Batterien der Frau von Krüdener waren bereit, dem Buche ihre
Salutschüsse zu geben. Kein einziger Effekt ging verloren, alle Glocken
der Kritik läuteten. Wie ein tüchtiger General fehlte sie selbst nicht
auf dem Schlachtfelde; sie fuhr aus einem Modemagazin in das andere,
um inkognito bald Schärpen, bald Hüte, bald Federn, bald Guirlanden,
bald Bänder +à la Valérie+ zu verlangen. Da nun die Putzhändler
diese fremde, noch hübsche und sehr elegante Dame in ihrer Equipage
heranrollen sahen, um mit solcher Sicherheit die von ihr erfundenen
Phantasiegegenstände zu fordern, thaten sie ihr Aeußerstes, um darüber
ins Klare zu gelangen, was sie wünsche, um sie zu befriedigen. Wenn die
jungen Mädchen in den Magazinen über dies Begehren unerhörter Dinge
ganz erstaunt waren und die Existenz derselben in Abrede stellten,
lächelte Frau von Krüdener mit so viel Gutmüthigkeit und bedauerte sie
so aufrichtig, daß sie den Roman »Valérie« noch nicht kannten, daß sie
sie bald zu eifrigen Proselyten ihres Buches gemacht hatte. Mit ihren
Einkäufen fuhr sie dann nach einem anderen Laden und bewirkte dadurch
in wenigen Tagen unter den Geschäftsleuten eine so tolle Konkurrenz
Betreffs der Putzsachen +à la Valérie+, daß ihre Freundinnen,
wenn sie sich nach ihrer Anweisung in die Läden begaben, und sich
nach diesen Gegenständen erkundigten, unschuldige Mitschuldige ihres
Kunstgriffs wurden und nicht umhin konnten, ein weiteres Zeugnis für
ihren Triumph abzugeben.
Frau von Krüdener schreibt jetzt an ihre Freundin: »Der Erfolg von
Valérie ist vollständig und unerhört. Man sagte mir noch neulich: Es
ist etwas ~Uebernatürliches~ in diesem Glück. Ja, meine Freundin,
der Himmel hat gewollt, daß diese Ideen, diese reinere Moral sich in
Frankreich, wo sie noch weniger bekannt sind, ausbreiten sollten.«
Kaum ist dieser fieberhafte Drang, sich geltend zu machen, befriedigt
worden, kaum hat diese raffinirte Heuchelei Zeit gefunden, sich in
ihrer vollen Blüthe zu entfalten, als Frau von Krüdener's wirkliche
Bekehrung eintritt. Hiemit ging es folgendermaßen zu. Im Jahre 1805
ereignete es sich, daß, als sie in Riga an ihrem Fenster saß und einen
aus dem Schwarm ihrer zahlreichen Anbeter, den sie ausgezeichnet hatte,
grüßte, dieser Mann von einem plötzlichen Schlaganfalle getroffen ward
und todt niederstürzte. Dies Ereignis versetzte sie in die tiefste
Schwermuth. Während dieses ihres melancholischen Zustandes geschah es,
daß sie, welche ja doch nicht aus Melancholie sich der unabweislichen
Bedürfnisse des Erdenlebens entschlagen konnte, eines Tages zu einem
Schuhmacher sandte, damit ihr derselbe Maß für ein Paar Schuhe nehme.
Der Mann kam, sie sah ihn gar nicht an, während er ihr Maß nahm.
Plötzlich wird sie über den fröhlichen Ausdruck seiner Züge betroffen.
»Sind Sie glücklich?« fragt sie ihn. »Ich bin der glücklichste Mensch
von der Welt,« war die Antwort. Dieser Schuhmacher war ein »Erweckter«,
er gehörte zu der Gemeinde der mährischen Brüder. Der Anblick seines
Glückes wirkte so stark auf ihr leicht erregbares Herz, daß sie
ihn immer wieder besuchte, bei ihm mehr und mehr mährische Brüder
kennen lernte, und bald eben so von der Wahrheit des Christenthums
erfüllt war, wie er. Mit derselben Leidenschaft, mit welcher sie alle
Gegenstände der Liebe ihrer Jugend erfaßt hatte, erfaßte sie jetzt den
Gegenstand der Gefühle ihres reiferen Alters. Von jetzt an zeigt die
religiöse Schwärmerei sich gleichmäßig in ihren Worten und Handlungen.
Ihr ganzes früheres Leben erscheint ihr als Irrthum und Thorheit.
Sie geht gänzlich auf in der Liebe zu ihrem Erlöser. »Es ist kein
Gedanke in mir, der nicht Ihm gefallen, Ihm dienen, Ihm Alles opfern
möchte, Ihm, der es mir vergönnt, nur Liebe für all' meine Mitmenschen
ausathmen zu wollen, und der in der Zukunft mir nur den Schimmer der
Seligkeit weist. O, wenn die Menschen nur wüßten, welches Glücks man in
der Religion genießt, wie würden sie sich dann vor aller anderen Sorge
hüten, als der für ihre Seele!«
In diesem Gemüthszustande macht sie kurz nach der Schlacht bei Jena
die nähere Bekanntschaft der Königin Louise von Preußen. Gebeugt von
den Unglücksfällen, die über sie hereingebrochen waren, zeigte sie
sich empfänglich für die glühende religiöse Beredtsamkeit der Frau
von Krüdener. Diese erlangte den größten Einfluß auf sie, und durch
sie auf den König. Als Beweis führe ich folgende Worte aus einem viel
späteren Briefe der Königin an sie an: »Ich bin Ihrem trefflichen
Herzen ein Geständnis schuldig, das, wie ich sicher weiß, Ihnen
Freudenthränen entlocken wird, nämlich, daß Sie mich besser gemacht
haben, als ich war. Ihre aufrichtige Sprache, die Unterredungen,
welche wir über Religion und Christenthum führten, haben den tiefsten
Eindruck auf mich gemacht.« Mit der Königin besuchte sie die Kranken
und Verwundeten in den Spitälern. Kurz darauf begegnete sie der Königin
Hortense, die sich ebenfalls stark zu ihr hingezogen fühlte, so stark,
daß sie sie sogar jeden Morgen als ihren täglichen Gast empfing. Gleich
nachher macht sie die Bekanntschaft Jung-Stilling's. Seine religiöse
Begeisterung stimmt mit der ihrigen überein. Sie beginnt jetzt, ein
Beispiel von jeglicher Art christlicher Demuth zu geben. In Karlsruhe
steigt sie in die schmutzigsten Dachkammern hinauf, um Liebeswerke zu
verrichten. Als sie eines Tags ein junges Dienstmädchen darüber weinen
sieht, daß sie die Straße fegen soll, nimmt sie ihr den Besen aus
der Hand, und fegt für sie. Sie schließt sich jetzt einem Priester,
Namens Frédéric Fontaine an, welcher in der Gegend als Wunderthäter
bekannt ist, und tritt durch ihn gleichfalls in Verbindung mit einem
ekstatischen Bauermädchen, Maria Kummrin, die in beständigem Verkehre
mit Seraphim und Cherubim stand, und die in ihrem clairvoyanten
Zustande Orakelsprüche ertheilte und Prophezeiungen aussprach. Dies
Mädchen weissagte der Frau von Krüdener eine hohe Sendung im Reiche
Gottes und bezeichnete Fontaine, der sich übrigens bald als einen
ungewöhnlichen Heuchler und Gauner erwies, als ihren Apostel. Frau von
Krüdener schreibt daher jetzt mit voller Ueberzeugung an ihre Freundin:
»Denke Dir, daß ich im buchstäblichen Sinne des Wortes ~Mirakel
erlebt~ habe. Du hast keine Ahnung von dem Glück, daß Diejenigen
empfinden, welche sich ganz Jesu Christo ergeben. Ich habe von seiner
Güte und Barmherzigkeit das bestimmte Versprechen erhalten, daß er die
Gebete, welche ich für meine Verwandten und Freunde an ihn richte,
erfüllen will.«
Es läßt sich nicht leugnen, daß die Ausdrücke, mit denen sie die neue
Flamme in ihrem Inneren schildert, eine bedenkliche Aehnlichkeit mit
den Ausdrücken einer durchaus nicht himmlischen Liebe haben. Von Gott
heißt es: »Wie könnte ich wohl sagen, welche Zärtlichkeit in meinem
Herzen brennt, wie meine Thränen fließen, was für Worte mein ganzes
Sein durchbeben, wenn ich mich so geliebt fühle, ich armer Erdenwurm!
Neulich sprach ich zu Gott: Was kann ich Dir sagen, o Du mein
Geliebtester! (+o mon bien aimé!+) O könnte ich es über die ganze
Welt rufen, durch alle Himmel, wie heiß ich Dich liebe! O könnte ich
nicht nur alle Menschen, sondern alle aufrührerischen Geister zu Dir
zurückführen!«
Es giebt im Vatikan ein Bild von einem modernen Italiäner, auf welchem
eine Nonne vor Christo kniet, der ihr schmachtendes Aeugeln mit den
zärtlichsten Blicken erwiedert. Dies Bild fiel mir unwillkürlich ein,
als ich die Ergüsse der Frau von Krüdener während ihres religiösen
Rausches las. An einer anderen Stelle heißt es: »Es kommt darauf an,
zu lieben, und Andere den liebenswürdigsten (+le plus aimable+),
besten, zärtlichsten aller Väter lieben zu lehren«. Bei ihren
religiösen Rundreisen, auf denen sie überall predigt und bekehrt, hat
ein junger Missionair sich ihr angeschlossen, einer von den Vielen, von
denen sie getäuscht wurde; aber gleich nach seiner Ankunft schildert
sie ihren gemeinschaftlichen Gottesdienst in Worten wie diesen: »Welch
ein Geist! Können Sie sich die Glückseligkeit unserer Kommunionen
vorstellen? Nichts schildert sie; wir vermochten nicht einmal zu hören,
was gesagt wurde«. Es ist unmöglich, Dies zu lesen, ohne sich der
Worte eines ihrer Jugendanbeter zu erinnern. »Lezay behauptet«, sagt
Chênedollé, »daß Frau von Krüdener in den entscheidendsten Augenblicken
bei ihrem Liebhaber ein Gebet an Gott richte und sage: »Mein Gott,
wie glücklich bin ich! Ich bitte Dich um Vergebung für dies Uebermaß
von Glück!« Und er fügt hinzu: »+Elle reçoit ce sacrifice comme une
personne qui va recevoir sa communion+«. (Manuskript Chênedollé's,
dessen Sainte-Beuve in seinen »+Derniers Portraits+«, S. 290,
erwähnt). Analoge religiöse Stimmungen findet man übrigens bei den
Mystikern aller Zeiten.
Daß sie persönlich von der Reinheit ihres Willens überzeugt und
durchaus aufrichtig in ihrer ganzen Art und Weise des Lebens war, ist
jedoch über allen Zweifel erhaben. Nicht nur, daß sie selbst bekehrt
ist, nein, die Bekehrungs-Leidenschaft kocht in ihrem Innern. Aber-
und abermals kommt ihr der Gedanke wieder, sogar den Teufel und die
Bewohner der Hölle zu bekehren (+Je ne puis m'empêcher de désirer
que l'enfer vienne à ce Dieu qui est si bon, etc.+) Es versteht
sich, daß sie bitter und hart von Denen verkannt wurde, welche an die
Umwandlung, die mit ihr vorgegangen, nicht zu glauben vermochten. Sogar
ihre eigene Mutter verachtete sie, und hörte auf, ihr zu schreiben.
Aber keine Verkennung erschütterte ihre religiöse Begeisterung. In der
Regel von den Weissagungen, Gesichten und Erscheinungen Maria Kummrin's
geleitet, zieht sie von Stadt zu Stadt. In Basel theilt sie religiöse
Traktätlein an die Soldaten aus und bekehrt nach ihrer eigenen Meinung
die halbe Garnison.
Bald bekommt sie auch die Weissagungsgabe. Die Weissagungsgabe ist in
jener Zeit häufig. Sowohl De Maistre wie Bonald weissagten viele Jahre
vorher die Restauration und standen deshalb in hohem Ansehn. Wo ihre
Prophezeiungen jedoch ein bestimmteres Gepräge annehmen, da ergeht
es ihnen wie denen des Alten Testamentes: sie treffen nicht ein. Um
nur einige Beispiele zu nennen, so sagt De Maistre bei Gelegenheit
der Pläne zur Errichtung eines Regierungssitzes in Nordamerika: »Man
kann Zehn gegen Eins darauf wetten, daß die Stadt nicht erbaut werden,
oder daß sie nicht Washington heißen, oder daß der Kongreß nicht dort
residiren wird«, und all' diese drei Dinge geschahen. So weissagte
er auch, daß die Restauration der Bourbonen in tiefstem Frieden
ohne Hilfe der Fremden erfolgen, daß die Souverainetätsidee und die
Adelsmacht gestärkt aus der Revolution hervorgehen würden. Wenn mehrere
von Bonald's Prophezeiungen (in der »+Théorie du pouvoir+«)
etwas besser eintrafen, so kommt das einfach daher, weil Derjenige,
welcher das Ende des Vergänglichen weissagt, nothwendigerweise einmal
recht bekommt, und weil es Dinge in Betreff der Zukunft giebt, wegen
derer, wie Hamlet sagt, kein Geist sich aus dem Grabe herauf zu
bemühen braucht, um sie uns zu verkünden. Die Weissagungen der Frau
von Krüdener erlangten indeß eine höhere Bedeutung, als die irgend
eines anderen Propheten aus der Restaurationszeit. In einem Briefe
aus Straßburg an eine russische Hofdame hatte sie im Oktober 1814
geschrieben: »Wir werden bald das schuldige Frankreich gezüchtigt
sehen, das nach der Bestimmung des Ewigen hätte verschont werden
sollen, wenn es fortgefahren hätte, sich dem Kreuze zu unterwerfen«.
Wie konnte man Dies später, nach Napoleon's Rückkehr von Elba anders
auslegen, denn als ein mystisches Vorherwissen der Ereignisse! Sie
hatte ferner geschrieben: »Das Gewitter nähert sich, die Lilien, welche
der Ewige bewahrt hatte, jenes Symbol, das in einer reinen, zarten
Blume besteht, die ein Eisenscepter geknickt hat, weil der Ewige es
also wollte, diese Lilien, welche an Gottes Reinheit und Liebe hätten
appelliren müssen, haben sich nur gezeigt, um zu verschwinden«. Was
konnte Dies anders sein, als eine Weissagung der Flucht Ludwig's XVIII.
vor Napoleon! Die Kunde von diesen Prophezeiungen durchflog ganz
Europa, zuerst aber erreichten sie den Kaiser Alexander, auf welchen
sie den tiefsten Eindruck machten. Sehr von Gewissensbissen gequält,
sehr geschwächt von mancherlei Ausschweifungen, war er für eine
Einwirkung religiöser Mystik in hohem Grade prädisponirt. Auf der Reise
von Wien machte er in Heidelberg die persönliche Bekanntschaft der Frau
von Krüdener. Bald war ihr Einfluß auf ihn allmächtig. Sie schlossen
sich halbe Tage lang mit einander ein, beteten gemeinschaftlich, lasen
mit einander in der Bibel, und diskutirten theologische Probleme. Die
Zeit vor der Schlacht bei Waterloo verbringen sie in Heidelberg mit
der Lektüre von Psalmen. Die Nachricht von den verlorenen Gefechten
bei Ligny und Quatre-Bras am 16. und 17. Juni trifft Alexander mitten
in David's Psalmen, die ihn über die Niederlage trösten und ihn der
Gerechtigkeit seiner Sache vergewissern. Er betet und fastet. Am 18.
Juni wird die Schlacht bei Waterloo geliefert: auf die Kunde davon
reist Alexander nach Paris, verlangt aber, daß Frau von Krüdener
ihm gleich dahin folge. Seine höchste Sorge in diesem Augenblick
ist die, daß sein Bruder Konstantin nicht ebenfalls bekehrt ist.
Unsere Prophetin besucht, ehe sie von Heidelberg abreist, die zum
Tode Verurtheilten im dortigen Gefängnisse, predigt ihnen mit großer
Wirkung, und folgt dann dem Kaiser, über dessen christliche Absichten
sie in der höchsten Ekstase ist. In Paris erreicht ihr Einfluß seinen
Höhepunkt. Der Kaiser besucht sie noch am Abend ihrer Ankunft; ihre
Wohnung wird so eingerichtet, daß der Kaiser zu jeder Tagesstunde
mittels einer heimlichen Thür aus seinem Palaste in ihr Haus gelangen
kann. Im Uebrigen führte ihn keine Zerstreuung, kein Vergnügen in
Versuchung, obschon die Franzosen ihn wenige Jahre zuvor als sehr
weltlich gekannt hatten. »Ich bin Christi Jünger«, sagte er, »ich trage
das Evangelium in der Hand und kenne nur dieses«. Und seine Freundin
schreibt über ihn: »Alexander ist Gottes Auserwählter. Er wandelt die
Wege der Entsagung«. Man müßte schon seine Zuflucht zu Ausdrücken aus
der Offenbarung Johannis nehmen, um zu bezeichnen, was sie eigentlich
in ihm sah: Etwas wie einen Errichter des tausendjährigen Reiches,
einen Engel des Friedens mit dem flammenden Schwerte der Macht, den
blonden Fürsten des Lichts oder Dergleichen, während Napoleon für sie,
wie für Adam Müller und Konsorten, der leibhaftige Teufel war (Vgl.
Band II., S. 248). Alexander sollte das Christenthum wieder auf Erden
errichten, sollte die Revolution und ihre Thaten bis auf die letzte
Spur verlöschen. Zum Ersatz dafür kannten Alexander's Ehrfurcht und
Dankbarkeit keine Grenzen. Anfangs September fand eine großartige
Revue über 150000 Mann russischer Truppen vor Alexander's Augen zu
Camps des Vertus in der Champagne statt. Frau von Krüdener konnte dort
nicht fehlen. Schon Morgens früh holte die Equipage des Kaisers sie
ab, und er empfing sie nicht wie einen Günstling, sondern wie einen
Sendboten des Himmels, der seine Truppen zum Sieg führen sollte. »Meist
entblößten Hauptes oder mit einem kleinen Strohhut auf dem Kopfe, den
sie jedoch gern über den Arm hängte, mit ihrem immer noch blonden Haar,
das in Flechten über ihre Schultern herabhing, während ein Löckchen
noch hie und da über die Stirn fiel, in einem dunklen und einfachen
Gewande, das durch die Weise, wie sie es trug, elegant erschien und
durch einen schlichten Gürtel zusammengehalten ward, -- so erschien
sie bei Tagesanbruch, so stand sie im Augenblick des Gebetes vor der
Front der verwunderten Truppen«. (Sainte-Beuve nach dem Bericht eines
Augenzeugen.)
* * * * *
Während dieses Zusammenlebens mit Alexander faßt nun Frau von Krüdener
eine Idee, die man empörend nennen könnte, wenn sie nicht aus dem
durch alte Galanterie und neue Religiosität verschrobenen Hirn einer
armen närrischen Frau käme, -- die Idee zur »heiligen Allianz«. Es ist
jetzt unwiderleglich bewiesen, daß Europa und die Civilisation ihr die
Idee zu derselben verdankten. Ein Mann, der geneigt ist, ihren Einfluß
weit zu unterschätzen, und der Unrecht hat, wo er ihn leugnet, der
hochgeliebte Bruder der Königin Louise von Preußen, der Großherzog von
Mecklenburg-Strelitz, schreibt: »Frau von Krüdener hat niemals den
geringsten Einfluß auf meine engelgleiche Schwester von Preußen geübt,
eben so wenig auf den König, ihren Gemahl, welcher diese zu trauriger
Berühmtheit gelangte Frau vollkommen richtig beurtheilte. Was dagegen
den Kaiser Alexander betrifft, so hatte sie sich seiner so vollständig
bemächtigt, daß die heilige Allianz, welche der Kaiser vorschlug und
durchsetzte, einzig als das Werk dieser Frau betrachtet werden muß;
sei überzeugt, daß ich Dies nicht sagen würde, wenn ich es nicht ganz
bestimmt wüßte«.
* * * * *
Einige Tage nach der Ankunft in Paris sagte Alexander zu seiner
Freundin: »Ich verlasse Frankreich, aber vor meiner Abreise will ich
in einem öffentlichen Aktenstücke Gott dem Vater, Gott dem Sohne, und
Gott dem heiligen Geiste die Ehre geben, welche wir ihm für den Schutz
schuldig sind, den er uns erwiesen hat, und alle Welt einladen, sich
in Demuth unter dem Evangelium zu vereinen«. Damit überreichte er
ihr ein Papier -- es war der Entwurf des Traktates zwischen den drei
Monarchen. Capefigue, welcher das Dokument gesehen hat, schreibt:
»Ich habe das Original jenes Traktats vor mir liegen, ganz von Kaiser
Alexander's Hand geschrieben, mit Berichtigungen der Frau von Krüdener.
Das Wort »die heilige Allianz« ist von dieser außerordentlichen Frau
eingeschaltet«. -- Also selbst der Name ist ihre Erfindung. Sie wählte
ihn mit einer Anspielung auf die Weissagungen über die letzten Tage
beim Propheten Daniel.
Wenn man nun der Vergangenheit dieser Frau gefolgt ist, wenn man
gesehen hat, wer und was sie war, und wenn man auf der andern Seite
einen Begriff hat von der Revolution und was diese war, so dünkt es
Einen nicht wahrscheinlich, daß all' jene apokalyptischen Reminiscenzen
und heiligen Principien, von derselben Frauenhand formulirt, die
elf Jahre zuvor Schärpen und Hüte +à la Valérie+ kaufte, und
von derselben Feder, welche die Elegie an Sidonie verfaßte, auf die
Dauer Kraft haben sollten, den erneuten Brandungen der Revolution zu
widerstehen. Denn man wähne nicht, daß die Revolution vorüber ist. Wir
sind und leben noch mitten in ihr. Wo Drei in ihrem Namen versammelt
sind, da ist sie mitten unter ihnen.
Im Traktat erklären »im Namen der hochheiligen und untheilbaren
Dreieinigkeit« die drei Monarchen »feierlich, daß gegenwärtiges
Aktenstück den Zweck hat, vor dem Angesichte des Universums ihren
unerschütterlichen Entschluß zu offenbaren, zur Richtschnur ihres
Handelns, sei es in der Leitung ihrer respektiven Staaten oder in
ihren politischen Verhältnissen zu jeder anderen Regierung, nur die
Vorschriften der heiligen Religion über Gerechtigkeit, Liebe und
Frieden zu nehmen, die, weit davon entfernt, nur im Privatleben
anwendbar zu sein, im Gegentheil direkten Einfluß auf die Entschlüsse
der Fürsten üben müssen, als das einzige Mittel, die menschlichen
Institutionen fest zu begründen und ihren Unvollkommenheiten
abzuhelfen.«