noch dasselbe Licht, welches die Höhen des Himmels krönte -- als
Gott ihn aus seinen schaffenden Händen fallen ließ, um sein Werk zu
verschönen. -- Nichts hatte die Formen der Natur entstellt, -- und
die ungeheure Architektur der ~regelmäßigen~ Berge -- erhob sich
in ~gleichen~ Stufen gen Himmel, -- ohne das Etwas einen Ring in
ihrer Kette zerbrochen hätte ... Der Lauf der Flüsse zum Meere war
~geregelt~ -- in einer vollkommenen ~Ordnung~, welche nicht
gestört war. -- Nie würde ein Reisender unter dem Laub des Baumes --
fern vom Flusse die blanke Muschelschale gefunden haben -- und die
Perle bewohnte ihren Krystallpalast; -- jeder Schatz ruhte in dem
Elemente, wo er entstand, -- ohne jemals das himmlische Verbot zu
überschreiten.«
In Uebereinstimmung mit dieser Tendenz zum Idealen und Abstrakten in
der Landschaft wird die Scenerie mehr und mehr in den Himmelsraum
verlegt. Chateaubriand ist noch Meister darin, die irdische Scenerie
eben so gut wie die himmlische zu schildern; De Vigny pflegt in seinen
ältesten Gedichten echt seraphisch die Handlung zwischen Himmel und
Erde zu verlegen; Viktor Hugo's Ode »Ludwig +XVII.+« ereignet
sich am Himmelsthore, seine »Vision« im Himmelsraume, im himmlischen
Jerusalem, und »der Wagen der treuen Seraphim, mit funkensprühenden
Augen besäet, mit den lärmenden Flammenrädern und den vier sich
drehenden Flügeln«, spielt auch hier eine Rolle, »wo die Heiligen
und die glorreichen Märtyrer, welche die unbekannte Wesenheit
(+Essence+) anbeten, unter einem brennenden Himmel das mysteriöse
Dreieck anschauen« &c. Lord Byron, welcher auch den Aether, wiewohl
einen minder theologischen Aether, als Scenerie liebt, und welcher,
wie De Vigny, eine Sündfluthstudie geschrieben hat, zieht doch sonst
unruhige Landschaften vor, und hat erst als Maler der See seinen
rechten Horizont. Er führt die Poesie aus den luftigen Regionen in dies
frische und salzige Element hinab.
Es ist daher Chateaubriand kaum geglückt, zu beweisen, was er beweisen
wollte, die dichterische Ueberlegenheit der christlichen Inspiration
über die bloß poetische. Ueberall, wo er den Versuch dazu macht, giebt
er sich eine Blöße oder richtet sich selbst. Ich will noch ein, aber
ein entscheidendes Beispiel erwähnen.
Als sein Held Eudorus durch den Golf von Megara fährt, während Aegina
vor ihm, der Piräus zur Rechten, Korinth zur Linken liegen, und alle
diese einst so blühenden Städte jetzt in Ruinen erblickt, vergießt ein
Grieche, der an Bord des Schiffes ist, Thränen bei der Erinnerung an
die ehemalige Größe seines Vaterlandes, und es wird schön geschildert,
wie der Einzelne beim Anblick des großen überwältigenden Unglücks, das
ganze Völker zermalmt, gleichsam seine Privattrauer verschwinden fühlt.
Eudorus sagt darauf: »Diese Lehre schien über meine junge Vernunft
hinaus zu liegen, und doch verstand ich sie, während die anderen jungen
Männer, welche mit an Bord waren, für dieselbe unempfänglich blieben.
Woher kam dieser Unterschied? Aus unseren Religionen. Sie waren Heiden,
ich war ein Christ«. So versucht Chateaubriand, dem christlichen Gefühl
diesen auserlesenen Sinn für die Naturumgebungen und für die Lehre,
welche sich aus ihnen entnehmen läßt, zu vindiciren -- ein Sinn,
welcher dem Heiden als Heiden abgehen soll.
Aber nun trifft sich's so unglücklich für die Theorie, daß diese
ganze Stelle Nichts anderes als die Uebersetzung eines berühmten, uns
aufbewahrten Briefes aus dem Alterthume von Sulpicius an Cicero (+Ad
familiares, lib. IV., epist. 5+), also von einem Heiden verfaßt
ist. Sie ist daher nicht geeignet, einen Beweis dafür zu liefern, daß
solcherlei poetische Gefühle dem Heiden abgehen. Aber dieser Zug ist
symbolisch. So wird beständig behauptet, daß die positiven Religionen
im Besitz gewisser übernatürlicher Schönheiten und Eigenschaften seien,
welche der Natur als Natur fehlen sollen, und doch ist Alles in ihnen,
was poetischen oder sittlichen Werth besitzt, nur abgeschrieben, nur
übersetzt aus der unveränderlichen und unverbesserlichen Heidin, der
Natur selbst. Wie Feuerbach sagte: Das wahre Wesen der Theologie ist
Anthropologie.
Werfen wir nun einen Rückblick auf diese verwegene Dichtung, diesen
tollkühnen Versuch, den literarischen Geschmack des neunzehnten
Jahrhunderts auf den Standpunkt der Offenbarung Johannis und Dante's
zurückzuschrauben, so läßt sich nicht leugnen, daß dieser Versuch, den
»Triumph der Religion« zu feiern, gescheitert ist. Was davon Werth
hat, sind eben die rein menschlichen Partien, von welchen wir später
eine näher betrachten wollen. Die eigene religiöse Begeisterung des
Dichters war allzu schwankend, als daß der Zweifel und die Kälte des
Jahrhunderts der Mirakelwelt gegenüber nicht seinem Erzeugnisse ihre
Spur hätten aufprägen sollen.
Er heuchelte keineswegs direkt; aber er betrog sich selbst. Ein Beweis
davon, wie gerührt er selbst durch die Lektüre seiner »Märtyrer« werden
konnte, ist neulich in der feinen und liebenswürdigen (pseudonymen,
posthumen?) Schrift: »+Les enchantements de Prudence+« von
Madame De Saman ans Licht gekommen, -- der letzten jungen Frau,
welche von Chateaubriand geliebt wurde und ihn wieder liebte.
Sie erzählt hier zuerst, wie sie im Sommer 1828 einander auf dem
+Pont d'Austerlitz+ zu treffen und mit einander im +Jardin
des plantes+ in einem einsamen Zimmer zu diniren pflegten. »Er
verlangte Champagner, um, wie er sagte, meine Kälte zu beleben,
und ich sang ihm dann einige Lieder von Béranger: +Mon âme, la
bonne vieille, le Dieu des bons gens etc.+ vor. Er hörte sie mit
Entzücken«. Sie schildert mit warmen Farben diese Rendezvous[10], und
erzählt dann, wie es zu Chateaubriand's größten Freuden gehörte, sich
von ihr, welche in dem ganzen Büchlein den feinsten poetischen Sinn
beweist, seine poetischen Arbeiten laut vorlesen zu lassen. Besonders
freute es ihn, seine Landschaftsschilderungen von ihren Lippen zu
vernehmen. »Aber zuweilen«, sagt sie, »nahm ich, um ihn inniger zu
rühren, die »Märtyrer« zur Hand und las die Reden und Lobgesänge der
weisen Bekenner, die poetischen Scenen des Kerkers und der Qualen.
Er vermochte nicht seine Thränen zurückzuhalten; eines Tages weinte
er; ich fuhr fort zu lesen; sein Weinen stieg zu Schluchzen; ich fuhr
fort, und sein Schluchzen brach gewaltsam hervor, als ich zu der Stelle
kam, wo Eudorus sich heimlich erboten hat, zur Rettung seiner Mutter,
die mit allzu großer Schwäche ihre Kinder geliebt hatte, sich opfern
zu lassen. Bei diesen Worten konnte er sich nicht mehr beherrschen.
Es waren Gemüthsbewegungen, welche zu ihrer Quelle zurückkehrten. Er
war aufgelöst in Thränen, hingerissen, von allen Seiten getroffen in
seiner exaltirten Seele. Er zeigte sich gerührt und dankbar. Er sagte
mir, daß er noch nie einen solchen Genuß empfunden habe. Er gab mir
all' die süßen Namen, welche man den Musen giebt. Er fand mich schön.
Er pries besonders meine Augen, meinen Blick. Er bildete sich in
seiner Leidenschaft ein, nie etwas Aehnliches gesehen zu haben«. Sie
war damals 20, er gerade 60 Jahre alt. Man sieht aus den angeführten
Worten, daß selbst so kalte Stellen aus den »Märtyrern« wie die Reden
der weißgekleideten Greise vom Dichter selbst empfunden worden sind;
man wird durch die schwärmerische Bewunderung dieser jungen und
edlen Frau für den Greis gerührt; er gewinnt dadurch, daß er selbst
in diesem Alter die Liebe einer solchen Frau zu gewinnen vermochte,
gleichsam an Werth für den Leser; aber in welcher seltsam gemischten
Gesellschaft tritt doch in diesem Falle die Herzergriffenheit hervor,
welche so selten bei Chateaubriand ist, daß sie hier fast als ein
Unicum bezeichnet werden kann; Champagner, Béranger's Lieder,
Liebeserklärungen und Liebkosungen, Schluchzen über die »Märtyrer«,
Aufgelöstheit in Thränen, und neue Liebeserklärungen! Welche Umgebungen
für eine orthodoxe Epopöe! Welche nur allzu menschliche Schwächen bei
einem seraphischen Dichter, Exminister und ehemaligen Pilger nach
Jerusalem!
[+Chateaubriand: Les martyrs, besonders Livre III und VIII. Mémoires
d'outre-tombe. -- Sainte-Beuve: Chateaubriand et son groupe littéraire
sous l'empire. -- Nettement: Histoire de la littérature française sous
la Restauration, Tome I-II.+]
6.
Unter den Persönlichkeiten der Restaurationszeit giebt es eine
eigene Klasse, welche besonders scharf die Periode charakterisirt,
nämlich die Bekehrten. Diese Race mußte natürlicher Weise ziemlich
zahlreich vorkommen, da eine so angestrengt gläubige Zeit einer so
wenig gläubigen folgte. Laharpe's Bekehrung hatte schon während
der Revolution viel Aufsehen erregt. Chateaubriand selbst war ein
Bekehrter. Bei den Bekehrten sieht man vielleicht am schärfsten, von
welcher Art der neue Geist war, da er bei ihnen mit dem alten kämpft
und ihn überwindet. Endlich ist der Bekehrte stets leidenschaftlich,
ganz erfüllt von seiner Lehre, und hat daher die ausgeprägteste
Physiognomie. Gilt es als Regel, daß der Geist eines Zeitalters sich
in seinen hervortretendsten Charakteren typisch abspiegelt, so gilt
Dies doppelt von Demjenigen, dessen Charakter darin besteht, ein
Bekehrter zu sein, zumal wenn diese Persönlichkeit ein Weib ist. Ist
es wegen der receptiven Natur des Weibes seltner der Fall, daß sie ihr
Zeitalter weiter führt, so sieht man dagegen jeden Augenblick, daß sie
das ausgeprägteste und ausdruckvollste Bild seines Geistes liefert. Wie
die Emigranten sich um Frau von Staël, wie die Führer der romantischen
Schule sich um Caroline Schlegel gruppiren, so findet der Geist der
Restaurationszeit seinen poetisch-religiösen Ausdruck in Frau von
Krüdener.
In Frau von Staël's Roman »Delphine« kommt eine Scene vor, wo die
Heldin eine ganze Gesellschaft durch ihre graciöse und beredte
Ausführung eines fremdartigen Tanzes, des Shawltanzes, bezaubert.
Dieser Zug beruhte auf einem Erlebnisse. Es war die junge und reizende
Baronesse von Krüdener, welche sich unter Anderem durch ihren Tanz
auszeichnete. Es heißt in »Delphine«: »Nie hat Liebreiz und Schönheit
eine außerordentlichere Wirkung auf eine zahlreiche Gesellschaft
hervorgebracht. Dieser fremde Tanz hat einen Reiz, von welchem Nichts,
was wir gesehen haben, eine Vorstellung zu geben vermag. Es ist eine
rein asiatische Mischung von Indolenz und Munterkeit, von Melancholie
und Lebenslust. Zuweilen, wenn die Melodie sanfter ward, ging Delphine
mit vornüber gebeugtem Haupte, mit verschränkten Armen einige Schritte
vor, als ob gewisse Erinnerungen oder Verluste sich plötzlich in die
ganze Pracht eines Festes gemischt hätten, aber bald begann sie wieder
ihren munteren und leichten Tanz, in einen indischen Shawl gehüllt,
der ihre Figur hervorhob, mit ihrem langen Haare zurückfiel, und ihre
ganze Gestalt zu einem entzückenden Bilde schuf«. Ich glaube, daß das
Wort ~asiatisch~ hier das bezeichnende Wort ist. Joubert schreibt
1803 über Frau von Krüdener: »Sie besitzt Anmuth und etwas Asiatisches,
Natur in der Uebertreibung. Die nach außen gewandte Sensibilität
existirt nicht leicht ohne Exaltation«.
Juliane von Vietinghoff war 1764 zu Riga in Livland geboren und
gleichzeitig deutsch und französisch erzogen. Achtzehn Jahre alt,
wurde sie mit dem zwanzig Jahre älteren Freiherrn von Krüdener, einem
russischen Diplomaten, vermählt, der zweimal verheirathet gewesen
war und sich beide Male von seiner Frau hatte scheiden lassen. Ihr
Herz hatte keinen Antheil an dieser Verbindung, aber die Partie galt
für glänzend, und ihre Eitelkeit fühlte sich befriedigt, während
zugleich ihr Gatte ihr nicht zuwider war. Er scheint verständig, brav,
gebildet und kalt gewesen zu sein, schon durch seine Stellung an alle
Konvenienzen der Gesellschaft gebunden. Rasch wird sie an seiner
Seite in die glänzendste Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts
eingeführt. Nach einem Besuch am Hofe Joseph's +II.+ in Wien
begiebt das Paar sich nach Venedig und durchreist dann ganz Italien,
bis Herr von Krüdener als russischer Gesandter nach Kopenhagen berufen
wird. Gleich nach der Hochzeit hatte ein junger und talentvoller
Mann, Alexander Stakiew, der Privatsekretair ihres Gemahls, sich
leidenschaftlich in sie verliebt: aber so groß war seine Bewunderung
für Herrn von Krüdener und für den Gegenstand seiner Liebe, daß
keine Silbe über seine Lippen kam. Als er endlich seine Leidenschaft
beichtete, that er es gegen den Mann. Dieser war so unvorsichtig, den
Brief seiner Frau zu zeigen, welche hiedurch zum ersten Male Gewißheit
über die Gefühle Stakiew's gegen sie erlangte, -- Gefühle, die sie
zwar nicht erwiedert, aber doch vielleicht mit angeborener Koketterie
genährt hatte. Die Gewißheit, eine solche Leidenschaft hervorrufen
zu können, stieg ihr zu Kopfe. Stakiew hatte sich entfernt, aber all'
die Unruhe, welche in ihrem jungen weiblichen Herzen gährte, kam jetzt
zum Ausbruch. Von einem glühenden Drange, zu lieben und geliebt zu
werden, erfüllt, hatte sie zuerst das Ideal, von welchem sie träumte,
in ihrem Manne zu finden gesucht. Da er, mehr väterlich als verliebt,
nur ihre Exaltation im Zaume zu halten bemüht war, wurde ihr Wesen
in sich selber zurückgescheucht, und sie trauerte darüber, daß sie,
wie man es später genannt hat, unverstanden, oder, wie sie es nannte,
»ungefühlt« sei. Stakiew's Leidenschaft war wie ein Gluthhauch an ihr
vorübergefahren und hatte gleichsam die äußere Kälte aufgethaut, welche
ihre Empfindsamkeit band. Diese mußte einen Abfluß haben, und kaum in
Kopenhagen angelangt, das ihr als der schrecklichste Aufenthaltsort von
allen erschien -- man bedenke, daß es vor 100 Jahren war! -- stürzte
sie sich in einen Strudel gesellschaftlicher, zeitvergeudender und
geisttödtender Vergnügungen, womit die leichtsinnigste Koketterie
nach rechts und links Hand in Hand ging. Die Folge all' dieser
Ballabende und Liebhabertheater-Aufführungen waren angegriffene Nerven
und angegriffene Brust, so daß die Aerzte einen Winteraufenthalt in
Südfrankreich verordneten. Aber schon in Paris lebt Frau von Krüdener
wieder auf; in dieser Stadt der Intelligenz empfindet sie plötzlich den
Mangel ihres Wissens, bekommt literarische Interessen und sucht die
großen Schriftsteller ihrer Zeit auf: Barthélemy, den Verfasser des
»jungen Anacharsis«, und Bernardin de Saint-Pierre, für dessen »Paul
und Virginie« sie beständig geschwärmt hatte. Sie verehrt Saint-Pierre
und die Natur, aber sie hat gleichzeitig bei ihrer Modehändlerin eine
Rechnung von 20,000 Franks. In Südfrankreich verliebt sich ein junger
Officier in sie, und nach einigem Kampfe erwiedert sie, jetzt minder
unerfahren als in Kopenhagen, seine Liebe. Während der Verfolgungen
der ersten Revolutionszeit führt Herr de Frègeville (so hieß der
Officier), als ihr Kutscher verkleidet, sie aus Frankreich hinaus. Ehe
sie ihren Gemahl wiedersieht, theilt sie ihm mit, daß das eheliche
Band zwischen ihnen gebrochen sei. Er ist bereit, zu vergeben. In den
folgenden Jahren hält sie sich bald hier, bald dort in Europa auf,
von ihrem Manne und nicht minder von Herrn de Frègeville getrennt,
aber ein Leben führend, wie es die galantesten Damen gegen Ende des
achtzehnten Jahrhunderts sich erlaubten; es genügt zu sagen, daß ihr
Mann in seinen vertrautesten Briefen von 1793 bis 1794 niemals seiner
Frau erwähnt. Es dauerte jedoch nicht lange, so waren die Gatten wieder
vereint. Herr von Krüdener, der bald russischer Gesandter in Berlin
ward, erwies seiner Frau die größte Freundschaft und die gewählteste
Aufmerksamkeit. Von jetzt an findet man bei Frau von Krüdener die
ersten Spuren jener eigenthümlichen Art von Frömmigkeit, die sich
bald so kräftig bei ihr entwickeln sollte. Sie war nie eine Schönheit
gewesen, aber doch stets eine Persönlichkeit von seltenem Ausdruck und
seltener Anmuth. Die Einfachheit im Geschmack und Auftreten, welche
sie zehn Jahre früher so verführerisch gemacht hatte, war jetzt einer
Lust gewichen, sich mehr eigenthümlich und bizarr als schön und einfach
zu kleiden; sie bedeckte ihr immer noch schönes aschblondes Haar
nach der Mode der Zeit mit einer Perrücke. Ihre Züge und ihr Teint
hatten nicht mehr die Frische der Jugend. Zu diesem Zeitpunkte öffnet
sich, wie gesagt, ihr unruhiges, noch immer starker Gemüthserregungen
bedürftiges Herz den ersten Strahlen religiöser Schwärmerei. Man findet
in einem ihrer Briefe an ihre intimste Freundin folgende Worte: »Soll
ich's Dir bekennen, ich rede in der Demuth meines Herzens, Du weißt,
daß ich nicht hoffährtig bin, wie könnte der Christ Das sein? Ich
glaube, daß Gott meinen Mann von dem Augenblick an hat segnen wollen,
da ich wieder zu ihm zurückgekehrt bin. Es giebt keine Art von Gütern
oder Gunstbezeugungen, die ihm nicht zufielen. Weshalb sollte ich
nicht glauben, daß ein frommes Herz, das schlicht und vertrauensvoll
zum Himmel betet, ihm behülflich zu sein, zum Glück eines Andern
beizutragen, seine Bitte erhört sehen kann?« -- Ja, weshalb sollte
man Das nicht glauben? Ich für mein Theil würde gerne glauben, daß
es die Gegenwart der Frau von Krüdener sei, welche die Vorsehung
bewegt, den Baron mit Orden zu überhäufen, wenn man nicht mit großer
Sicherheit wüßte, daß eine andere, minder romantische Ursache den
Kaiser Paul I. dazu veranlaßt hatte. Die Sache war die, daß inmitten
eines Festes, welches der Baron in Berlin dem preußischen Königshause
und der Großfürstin Helene gab, eine Depesche des Selbstherrschers
aller Reußen ankam, welche Krüdener befahl, augenblicklich Preußen den
Krieg zu erklären. Die Majestäten befanden sich noch in seinem Hause.
Statt jedoch das Fest dadurch zu stören, daß er den Tanzenden dies
Medusenhaupt zeigte, ließ der Gesandte seine Gäste ruhig tanzen, und da
er als Politiker einsah, wie unheilvoll und unklug ein solcher Krieg
für Rußland sein würde, schrieb er, statt dem Befehl zu gehorchen,
einen abmahnenden Brief an seinen Kaiser, wohl wissend, daß ihm nach
aller menschlichen Berechnung von jetzt ab Sibirien bis an seinen Tod
gewiß sei. Selbstverständlich sagte er hievon kein Wort an seine Frau.
Das Unwahrscheinliche geschah, Paul wurde umgestimmt, und in seiner
Bewunderung des Muthes und der Klugheit seines Gesandten überhäufte
er Denselben mit Beweisen seiner Gunst. Man sieht also, daß es eine
andere Erklärung, als die der Frau von Krüdener, giebt. -- Von jetzt ab
nehmen ihre Briefe einen immer religiöseren und erbaulicheren Charakter
an. Sie bezeichnet jetzt die Religion als ihre Zufluchtsstatt gegen
Melancholie, sie spricht von den tausend Quellen zur Freude, welche
derselben entsprängen. Mitten in Allediesem ein neues Liebesverhältnis
und ein neuer Bruch. Sie hat wieder ihren Mann verlassen, diesmal gegen
seinen Wunsch, und wohnt nun in Paris. Chateaubriand verehrt ihr das
erste Exemplar seines »Genius des Christenthums«, das Frau von Staël
auf ihrem Tische findet. -- In Paris wird sie durch die Nachricht von
Krüdener's plötzlichem Tod überrascht. Sie schließt sich ein, sie
trauert und bereut. Es war »ihr Lieblingstraum gewesen, einmal wieder
zu ihm zurückzukehren, ihm die Last der Jahre zu erleichtern, und
seine unendliche Güte zu vergelten.« Es dauerte jedoch nicht lange, so
gab Frau von Krüdener ihr eingezogenes Leben wieder auf. Nachdem sie
zuerst in einer kleinen Erzählung Saint-Pierre's Manier nachgeahmt,
hatte sie jetzt nichts Geringeres unternommen, als einen Roman zu
schreiben. Der Name desselben war »Valerie«. Ihr Jugendverhältnis zu
Alexander Stakiew bildete den Inhalt; ich komme später auf denselben
zurück. Er ist durch »Werther« inspirirt, seelenvoll, fein und
trefflich geschrieben. Es war jedoch Frau von Krüdener nicht genug,
einen Roman zu schreiben, es galt denselben gelesen und allgemein
bemerkt zu sehen. Die Art und Weise, wie sie Dies angriff, zeigt, daß
sie zu diesem Zeitpunkt, trotz ihrer religiösen Anläufe, der Welt noch
nicht ganz entsagt hatte. Sie begnügte sich nicht mit den gewöhnlichen
Kunstgriffen, als z. E. das Buch im Manuskripte der Beurtheilung des
einen Kritikers nach dem andern zu unterwerfen, es in Gesellschaften
ganz oder theilweise vorzulesen, nein, es lag ihr daran, ihren Succeß
gründlich vorzubereiten. Sie schrieb also erst an einen Freund in
Paris, +Dr.+ Gai, einen unbekannten und eitlen Arzt, dessen
Karrière sie mit der Zeit zu fördern gedachte:
... »Ich habe noch eine andere Bitte an Sie zu richten: Lassen Sie
einen guten Versdichter einige Verse an unsere Freundin Sidonie
schreiben (Sidonie ist die Heldin in Frau von Krüdener's erster
Erzählung). Ueber diesen Versen, die ich Ihnen nicht erst zu empfehlen
brauche, und die so geschmackvoll wie möglich sein müssen, soll nur die
Ueberschrift »An Sidonie« stehen. Man soll ihr sagen: Weshalb wohnst
Du in der Provinz, weshalb beraubt Dein zurückgezogenes Leben uns
Deiner Anmuth und Deines Witzes? Ruft das Glück, welches Du machst,
Dich nicht nach Paris? Deine Reize, Deine Talente werden nur dort
bewundert werden, wie sie bewundert werden müssen. Man hat Deinen
bezaubernden Tanz geschildert, aber wer kann Alles schildern, was
Dich auszeichnet! -- Mein Freund, ich vertraue Dies der Freundschaft
an, ich schäme mich wahrhaft Sidoniens halber, denn ich kenne ihre
Bescheidenheit. Sie wissen, daß sie nicht eitel ist, ich habe daher
wesentlichere Gründe als eine elende Eitelkeit, sowohl dazu, Sie zu
bitten, diese Verse anfertigen zu lassen, als auch noch zu etwas
Anderem: Sagen Sie besonders, daß sie so zurückgezogen lebe, und daß
man nur in Paris anerkannt werde. Sorgen Sie dafür, daß man nicht auf
Sie rathe. Lassen Sie diese Verse in der Abendzeitung abdrucken. Es ist
wahr, daß Sidonie in Delphine als Tanzende geschildert worden ist.
Lesen Sie's, es wird Sie amüsiren. Aber es darf nicht gesagt werden,
daß man sie in Delphine geschildert habe. Nur aus der Ueberschrift »An
Sidonie« darf man ersehen können, an wen die Verse gerichtet sind.
Haben Sie die Güte, den Abdruck in der Zeitung zu bezahlen. Ich hoffe,
Ihnen meine Beweggründe erklären zu können. Senden Sie mir rasch die
Zeitung, in welcher der Abdruck erfolgt. Wenn die Zeitung sich nicht
darauf einlassen will oder wenn es zu lange dauert, so schicken Sie
mir das Manuskript, man wird es dann in eine hiesige Zeitung einrücken
lassen. Sie verpflichten dadurch in hohem Grade Ihre Freundin. Sie
wird Ihnen mündlich sagen, weshalb sie Sie darum gebeten hat. Sie
kennen ihre Schüchternheit, ihren Hang zur Einsamkeit und ihre geringe
Neigung, gelobt zu werden, aber es gilt ihr einen wesentlichen Dienst
zu erweisen.«
Vierzehn Tage später ein neuer Brief über denselben Gegenstand, neue
Anfragen, ob der Doktor »Delphine« gelesen habe. Immer noch dasselbe
Thema: »Frau von Staël hat Sidonien gesagt, daß sie ihren Tanz habe
schildern wollen, und Sie finden die Stelle im ersten Bande. Sie
hat nach der Meinung Mehrerer dort Sidoniens Antlitz, ihre Weise zu
reden und ihre Phantasie gemalt, und dann ihre eigenen religiösen und
politischen Ansichten hineingemischt, denn Sidonie hat eine tiefe
~Religiosität~ und mengt sich äußerst wenig in die Politik.« Nun
folgen neue Andeutungen in Betreff des Gedichtes: »Es darf wohl gesagt
werden, daß man ihr Talent zu tanzen geschildert habe, aber es darf
nicht heißen: ~man~, sondern einfach: ein gewandter Pinsel malte
Deinen Tanz; das Glück, das Du überall machst, ist bekannt; Deine Reize
sind eben sowohl wie Dein Witz besungen worden, und doch verbirgst Du
sie unaufhörlich vor der Welt. Eingezogenheit, einsames Leben ziehst Du
vor. Dort suchst Du das Glück in Deiner Frömmigkeit, in der Natur und
in Studien &c. Sehen Sie, lieber Freund, Das ist's, was ich von Ihnen
begehre, ich werde Ihnen später erklären, weshalb.«