und welchen Uebertreibungen die Nachahmung des homerischen Stils den
Verfasser verlockt hat. Zuerst stellt er seine Griechen als allzu
gläubig dar, sie drücken sich mit eben so viel kindlichem Glauben
an die Götter aus, wie die homerischen Helden, von denen sie durch
mindestens elfhundert Jahre geschieden sind. Wer weiß nicht, daß die
Griechen jener Zeit ihren Göttern gegenüber vollkommene Skeptiker und
mehr als halbwegs Rationalisten waren, selbst wenn sie an dieselben
glaubten. Das junge griechische Mädchen findet den Helden Eudorus unter
einem Baume ruhen. Er ist jung und schön. Er erhebt sich rasch, als
er sie bemerkt. »Wie?« sagte sie verwirrt zu ihm, »bist Du nicht der
Jäger Endymion?« -- »Und Du,« versetzte der junge Mann, nicht weniger
verwundert, »bist Du nicht ein Engel?« Das sind keine Komplimente,
sondern die Fragen sind völlig ernst gemeint. So leicht haben jedoch
kaum jemals junge Liebende einander buchstäblich für Sagengestalten
angesehen. -- Der Vater Cymodoce's spricht in demselben Stile zu dem
jungen Manne: »Mein Gast, vergieb mir meinen Freimuth, ich habe immer
der Wahrheit gehorcht, der Tochter Saturn's und der Mutter der Tugend.«
Schon zur Zeit Platon's vermochte ein Grieche sehr wohl der Wahrheit zu
erwähnen, ohne von ihren Eltern oder den Großeltern der Tugend zu reden.
Noch ein paar Wendungen, die sich wie Uebersetzungen aus dem Homer
ausnehmen: Als das junge Mädchen verwundert ist, Eudorus, den sie nicht
kennt, zu erblicken, und als sie wissen will, wer er ist, frägt sie:
»In welchen Hafen ist Dein Schiff eingelaufen? Kommst Du von Tyrus,
das wegen des Reichthums seiner Kaufleute so berühmt ist? Oder von dem
lieblichen Korinth, nachdem Du reiche Gaben von Deinen Gastfreunden
empfangen hast?« &c.
Alles Dies möchte im Dialog allenfalls noch passiren, aber was
soll man sagen, wenn der Erzähler selbst, bald die fünfzehnhundert
Jahre vergessend, welche ihn von seinen Personen scheiden, dieselbe
Redeweise wie sie anstimmt, bald wieder Wendungen gebraucht, welche den
Ritterromanzen des Mittelalters entnommen sind? In rein homerischem
Stil sagt er z. B.: »Nichts würde die Freude des Demodocus gestört
haben, wenn er einen Gatten für seine Tochter hätte finden können,
der sie mit aller schuldigen Rücksicht behandelt hätte, ~nachdem er
sie in ein von Reichthümern erfülltes Haus geführt~.« Und im Ton
der mittelalterlichen Romanzen heißt es von Velleda, der gallischen
Druidin: »+fille de roi à moins de beauté, de noblesse et de
grandeur+«.
Und spricht nun der Dichter zuweilen in einem Stile, als wäre er
selbst der letzte Homeride, so sprechen dagegen seine Personen
oftmals, als ahnten sie die ganze moderne Bildung voraus. So sagt der
christliche Bischof Cyrillus von den heidnischen Mythen: »Eine Zeit
wird vielleicht kommen, wo diese Unwahrheiten der kindlichen Vorzeit
nur noch sinnreiche Fabeln, Gegenstände für die Gesänge der Dichter
sein werden. Aber in unsern Tagen verwirren sie die Geister.« Welch ein
aufgeklärter Mann!
Das ganze Gedicht durchzugehen, liegt nicht in meinem Plane. Es
liegt sogar außerhalb meines Planes, das bedeutende Talent, welches
der Verfasser hier entfaltet, in sein volles Licht zu stellen.
Ich kann höchstens den Leser auf die Schönheit einzelner Scenen
aufmerksam machen, z. B. auf diejenige, wo die griechische Familie der
christlichen, welche gerade auf dem Felde Garben bindet, einen Besuch
macht, oder auf Episoden wie Velleda's Tod. Ueber der ersten Stelle
schwebt ein eigenthümlicher religiös-idyllischer Reiz; sie erinnert
an das Buch Ruth und hat einen rein evangelischen Duft. Velleda
hat Chateaubriand als Dichter mit dem ganzen Feuer, mit dem ganzen
göttlichen Wahnsinn seines Genies gezeichnet. Ich kann nur einige
Tropfen von dem Safte des Werkes geben; man möge von ihnen auf die
ganze Frucht schließen.
Ich wende mich direkt zu Chateaubriand's These, der Verwendbarkeit
der christlichen Wunderwelt für die Poesie. Man bedürfte keines
besseren Beweises, als seines Gedichtes, dafür, daß die ganze
christliche Poesie in unseren Tagen ~ein~ großer Anachronismus
ist. Ich betrachte zuerst seine Hölle, weil diese im Allgemeinen den
Dichtern besser gelungen ist, als die Schilderung des Zustandes der
Seligen. Jeder kennt Dante's Hölle, Jeder weiß, wie bei ihm eine
ganze Heerschaar verwegener Häupter aus den Gewässern und Flammen
des Grausens emportaucht, so kräftig gezeichnet, daß sie das ganze
Gedicht beherrschen. Diejenigen unter seinen Verdammten, welche man
in der Erinnerung behält, sind die fast übermenschlich trotzigen und
stolzen italiänischen Adligen aus seiner eigenen Zeit, Farinata z. B.
Was Milton betrifft, so ist, wie bekannt, keine Gestalt ihm besser
gelungen, als sein Satan, und nicht ohne Grund hat man das Vorbild
desselben in den energischen puritanischen Rebellen seines Zeitalters
gefunden, die selbst besiegt nicht aufhörten, der Königsmacht
Trotz zu bieten. Jede Zeit dichtet ihren Lucifer nach ihrem Bilde.
Chateaubriand's Empörer ist daher auch nicht der Teufel der Tradition;
nein, es ist ein Teufel, der die französische Revolution gemacht hat.
Sobald er und sein Hofstaat den Mund öffnen, fahren alle Stichwörter
von den Zeiten der Republik aus demselben heraus. Hält Satan eine Rede
an seine Heerschaaren, so erstaunt der Leser, Töne von 1790 darin
wiederklingen zu hören. Nach ein paar einleitenden biblischen Phrasen
verfällt er in den Stil der Freiheitshymnen der Revolution, welche
Chateaubriand zur Freude des mißrathenen Geschlechts der Nachkommen zu
verhöhnen sich nicht entblödet hat.
Satan sagt: »Ihr Götter der Nationen, ihr Throne, ihr Eifrigen, ihr
unüberwindlichen Kriegerschaaren, ihr hochherzigen Söhne dieses starken
Vaterlandes, der Tag des Ruhms ist erschienen!« (+Magnanimes enfants
de cette forte patrie, le jour de gloire est arrivé!+) So tief also
war die französische Literatur gesunken, daß die Marseillaise von dem
größten Dichter des Landes dem Teufel in den Mund gelegt wurde.
Und was ist er denn, dieser Teufel? Einen Funken von Leben erhält
er nur dadurch, daß er Rouget de Lisle parodirt. Sonst ist er die
fleisch- und blutloseste Allegorie, die man sich denken kann. Man sehe
ihn in sein Reich hinabfahren: »Schneller als der Gedanke durchfährt
er den ganzen Raum, welcher dereinst verschwinden wird (Welches
Gedankenexperiment!); jenseits der brüllenden Trümmer des Chaos
erreicht er die Grenzen jener Regionen, die unvergänglich wie die Rache
sind, welche sie schuf, verdammte Regionen, das Grab und die Wiege
des Todes, wo die Zeit nicht die Ordnung ausmacht, und welche noch
existiren werden, wenn das Universum wie ein Zelt fortgeräumt worden
ist, daß für einen Tag errichtet ward ... er folgt keinem Weg durch
das Dunkel, sondern von dem Gewicht seiner Verbrechen herabgezogen [!]
sinkt er ~naturgemäß~ zur Hölle hinab.« Es heißt »naturgemäß«;
mir scheint er am naturgemäßesten an Holberg's Niels Klim zu erinnern.
Alle Umgebungen seines Reiches sind entweder Allegorien, welche um
so komischer wirken, je mehr der Dichter durch sie hat schrecken
wollen, oder Karikaturen von Voltaire und den Voltairianern, die sich
inmitten der Epopöe als Bruchstücke verbissener Zeitungsartikel
ausnehmen, welche durch ein Versehen hierher gelangt sind. Der Tod wird
folgendermaßen geschildert: »Ein Gespenst springt an der Schwelle des
unerbittlichen Thores hervor. Es erscheint wie ein dunkler Fleck auf
den Flammen des Kerkers hinter ihm. Man erblickt die gelben Strahlen
des Höllenlichtes zwischen den Rippen des Skeletts. Es ist der Tod.
Von Grausen erfaßt, wendet Satan das Antlitz ab, um dem Kusse des
Geripps zu entfliehen.« Hier noch zwei andere Dämonen: »Mit hundert
Diamant-Knoten [!] gebunden, sitzt der Dämon der Verzweiflung auf einem
bronzenen Throne und beherrscht das Reich der Sorgen; am Eingang des
ersten Vorsaales liegt die Ewigkeit der Schmerzen auf einem eisernen
Bette; sie ist reglos, selbst ihr Herz klopft nicht. Sie hält ein nie
sich leerendes Stundenglas in ihrer Hand, sie kennt und spricht nur das
Wort ›Niemals‹«. -- Ungefähr eben so sitzt ein Automat auf einer Uhr
und spricht nur das Wort »Kuckuck«.
Hat Dies nun mit Nichts auf der Welt rechte Aehnlichkeit, so haben
die Dämonen der falschen Weisheit eine allzu lächerliche Aehnlichkeit
damit. Wir sahen, daß alle religiösen Ideen der Zeit sich in dem
Worte ~Ordnung~ begreifen lassen. Deshalb wird auch die Ordnung
hier in der Hölle sowohl wie im Himmelreiche hervorgehoben. Bei
Gelegenheit eines inneren Streites in der Hölle heißt es: »Man hätte
einen fürchterlichen Kampf erblickt, wenn nicht Gott, welcher allein
der Urheber aller ~Ordnung~, selbst in der Hölle, ist, den
Aufruhr zum Schweigen gebracht hätte.« Und von dem Dämon der falschen
Weisheit heißt es dort: »Er tadelte die Werke des Allmächtigen, er
wollte in seinem Hochmuth eine andere ~Ordnung~ unter den Engeln
und im Reiche der höchsten Weisheit stiften; er wurde der Vater des
Atheismus, des schauerlichen Gespenstes, das Satan selber nicht erzeugt
hatte, und das sich in den Tod verliebte.« Es erscheint mir als höchst
eigenthümlich, daß es gerade eine Veränderung der Ordnung, ja der
Rangordnung am göttlichen Hofe ist, welche dieser allerbrandgelbste
Teufel hat ins Werk setzen wollen.
Er spricht. »Die falsche Energie seiner Stimme, seine anscheinende
Ruhe bethören die verblendete Masse: Monarchen der Hölle! Ihr wißt
es, ich bin immer wider Gewaltthätigkeiten gewesen, wir vermögen
nur durch Gedankenentwicklung, Sanftmuth und Ueberredung zu siegen.
Laßt mich unter meinen Verehrern, ja unter den Christen jene
gesellschaftsauflösenden Principien ausbreiten, welche die Grundveste
der Reiche unterwühlen.« Man vergleiche nun diese Ausdrücke nur mit
denjenigen, mit welchen in der Epopöe die Philosophen der damaligen
Zeit geschildert werden: »Diese Jünger einer leeren Wissenschaft
greifen die Christen an, preisen ein stilles Leben, leben zu Füßen
der Großen und betteln um Gold. Einige von ihnen beschäftigen sich
ernstlich damit, eine Art von platonischem Staat zu bilden, wo lauter
verständige Menschen ihre Tage als Freunde und Brüder verleben
sollen. Sie grübeln tief nach über die Geheimnisse der Natur. Einige
von ihnen sehen Alles in dem Gedanken, Andere Alles in der Materie,
Andere predigen die Republik, obschon sie in einer Monarchie leben.
Sie behaupten, man müsse die ganze Gesellschaft umstürzen, um sie
nach einem neuen Plane zu errichten. Wieder Andere wollen, gleich den
Gläubigen, das Volk Moral lehren ... Zwiespältig in Betreff des Guten,
einig über das Böse, lächerlich eingebildet, sich selbst für erhabene
Genies haltend, erfinden diese Sophisten alle möglichen bizarren Ideen
und Systeme. Hierokles marschirt an ihrer Spitze, und er ist fürwahr
würdig, ein solches Bataillon anzuführen ... Es liegt etwas Cynisches
und Verruchtes in all' seinen Zügen; man sieht, daß seine unedlen Hände
nur schlecht dazu taugen werden, den Degen des Krieges zu führen, daß
sie aber leicht die Feder des Atheisten oder das Schwert des Henkers
handhaben könnten.« Die Rede ist von Rom und von Hierokles. Aber daß
Paris und Voltaire gemeint sind, bedarf keiner näheren Andeutung.
So weit war es mit der französischen Literatur gekommen, daß man
Voltaire, der nicht ~ein~, sondern zehn Mal den katholischen
Henkern das Schwert aus der Hand geschlagen und sie in effigie auf den
Scheiterhaufen geschleudert hatte, wo sie arme Unschuldige verbrennen
wollten, beschuldigte, sich besonders zum Henkergeschäfte zu eignen. So
dumm war man geworden, daß man, um den Teufel recht schwarz zu malen,
ihn als Atheisten abbildete. Aber was in aller Welt auch Satan und
seine Gesellen sein mögen, Atheisten sind sie weder, noch können sie es
sein. Sie haben doch wahrlich den Zorn des Herrn bitter genug kosten
müssen. Paul Heyse hat das treffende Epigramm geschrieben:
»Bist Du schon gut, weil Du gläubig bist?
Der Teufel ist sicher kein Atheist«.
und hiegegen läßt sich füglich Nichts sagen.
Wenden wir jetzt den Blick von Chateaubriand's Hölle zu seinem
Paradiese. Es ist immer ein schwierig Ding, das Paradies schildern
zu sollen; was die Hölle ist, wissen wir Alle; was aber das Paradies
betrifft, so fehlt es uns darüber an Aufklärung; +on manque des
renseignements+, wie eine französische Dame sagte. Es war doppelt
schwierig in einer Zeit wie jener, wo Parny, so zu sagen, im Voraus
eine Parodie auf jeden Versuch nach dieser Richtung in seinem
»Götterkrieg« geschrieben hatte, und wo alle gebildeten Menschen
noch den Kopf voller Stellen aus diesem gottlosen Gedicht hatten,
das man kaum in dänischen Landen zu nennen wagen dürfte, wenn nicht
N. M. Petersen, durch die hübsche Rolle, welche Parny den nordischen
Göttern zugetheilt hat, verlockt, und im blinden Vertrauen darauf,
daß Niemand den wahren Inhalt des Gedichts ahne, dasselbe gerühmt und
einige Stellen daraus am Schlusse seiner nordischen Mythologie citirt
hätte. Die Glanzscenen darin, wie die Ankunft der Dreieinigkeit auf dem
Olymp oder der Wiederbesuch der griechischen Götter im christlichen
Himmel, gehören zu dem Trefflichsten, was irgend ein komisches Gedicht
aufzuweisen vermag, obschon die Behandlung nicht dem grandiosen
Titel entspricht, sondern zierlich und sammetartig in der Manier der
Dichtung des achtzehnten Jahrhunderts, oder genauer in der Manier
Sammet-Breughel's ist. Und doch bezweifle ich, daß es selbst Parny's
Muthwillen gelungen ist, den orthodoxen Himmel so lächerlich zu
machen, wie Chateaubriand's Begeisterung ihn macht. Hier einige Proben:
»Im Mittelpunkt der erschaffenen Welten, inmitten der unzähligen
Sterne, welche den Dienst von Wällen, Alleen und Wegen versehen,
schwimmt die Stadt des unermeßlichen Gottes, deren Wunder keine
sterbliche Zunge zu erzählen vermag. Der Ewige legte selbst ihre
zwölf Fundamente und umgürtete sie mit jener Jaspismauer, welche der
hochgeliebte Jünger den Engel mit der goldenen Elle ausmessen sah. Mit
der Ehre des Höchsten bekleidet, ist Jerusalem wie eine Braut für ihren
Bräutigam geschmückt ... Der Reichthum des Stoffes ringt hier um den
Preis mit der Vollkommenheit der Formen. Hier hängen unzählige Galerien
von Saphiren und Diamanten, welche das Genie des Menschen in Babylon's
Gärten schwach nachgeahmt hat, hier erheben sich Triumphbogen, von
den funkelndsten Sternen gebildet, hier verketten sich Bogengänge
von Sonnen miteinander, welche sich unaufhörlich durch den Raum des
Firmamentes fortsetzen ...«
Der Himmel verzeihe einem schwachen Menschenkind seine Sünde! aber
einen armen geborenen Kopenhagener erinnert Dies zumeist an die
Pracht und Herrlichkeit, in welcher sich ihm als Kind das Tivoli an
einem Abend zeigte, wenn daselbst Vauxhall war. -- Wir werfen einen
Blick in die heilige Stadt. Hier versammelt und drängt sich der Chor
der Cherubim und Seraphim, der Engel und Erzengel, der Throne und
Fürstenthümer; denn diese Wesen, welche doch dem Spotte verfallen zu
sein schienen, seit sie bei Parny so arg durchgebläut worden, halten
aufs Neue ihren feierlichen Einzug.[7] Ja, sie fühlen sich von jetzt
an so heimisch auf dem Parnasse, daß wir die ganze Heerschaar noch
in De Vigny's »+Eloa+« (1823) und in Victor Hugo's Oden (z. B.
Buch I, Ode 5, Ode 9, Ode 10) versammelt finden. Wir erfahren, was
sie zu thun haben: »Einige bewachen die 20000 Streitwagen Zebaoth's
und Elohim's, andere wachen über den Pfeilköcher des Herrn und über
seine unentrinnbaren Blitze, seine schrecklichen Rosse, welche Pest,
Krieg, Hungersnoth und Tod bringen. Eine Million dieser eifrigen Genien
regelt den Lauf der Gestirne, und sie lösen einander in diesen hehren
Beschäftigungen der Reihe nach wie Schildwachen ab, welche über eine
große Armee wachen.[8]
Alle Gegenstände, welche die Engel bewachen, liegen wie in einer
großen Rüstkammer, um bei sich darbietender Gelegenheit benutzt zu
werden. Wir sehen sie in einer späteren Schilderung zur Verwendung
kommen. Dies geschieht nämlich, als die Dreieinigkeit den Seligen das
Martyrium des Eudorus geweissagt hat: »Als diese Schicksale der Kirche
den Auserwählten durch ein einziges Wort des Allmächtigen mitgetheilt
wurden, ward der Gesang unterbrochen und die Thätigkeit der Engel hörte
auf. Es herrschte ~eine halbe Stunde lang Schweigen~ im Himmel.
Alle die Himmlischen wandten ihre Augen zur Erde hinab, Maria ließ von
der Höhe des Firmamentes einen Blick erster Liebe auf das zarte Opfer
hinab fallen, das ihrer Milde anvertraut war. Die Palmen der Bekenner
ergrünten wieder in ihren Händen. Die feurige Heerschaar öffnete ihre
glorreichen Reihen, um für die neuen Märtyrer Platz zu machen. Der
Besieger des alten Drachen, Michael, schwingt seine furchtbare Lanze,
rings um ihn rüsten seine unsterblichen Begleiter sich mit glänzenden
Harnischen, die Schilde von Diamant und Gold, der Pfeilköcher des
Herrn, die flammenden Schwerter werden aus den ewigen Bogengängen
herabgelangt, Immanuel's Wagen bebt auf seiner Achse von Feuer und
Blitzen, die Cherubim entfalten ihre vorwärts stürmenden Schwingen
und entzünden die Wuth ihrer Augen (+et allument la fureur de leurs
yeux+).« Es ist halb Maskerade, halb Ballet.
Blicken wir von den Attributen auf die Seligkeit selbst, so wird diese
folgendermaßen beschrieben: »Das höchste Gut der Auserwählten ist, zu
wissen, daß dies unermeßliche Gut grenzenlos ist, sie befinden sich
unaufhörlich in dem lieblichen Zustande, worin sich ein Sterblicher
befindet, wenn er so eben eine tugendhafte oder heldenmüthige Handlung
vollbracht hat, worin ein erhabenes Genie sich befindet, daß einen
großen Gedanken faßt, oder ein Mensch, der entweder das Entzücken einer
legitimen [!] Liebe oder einer Freundschaft empfindet, welche lange im
Unglück geprüft worden ist. Die Schönheit und Allmacht des Höchsten ist
der Gegenstand ihrer beständigen Unterhaltung: »O Gott«, sagen sie,
»wie groß bist Du!«
Es ist Chateaubriand kaum gelungen, die Seligkeit besonders faßlich zu
machen. Man empfindet vielmehr Mitleid mit dem armen Gotte, welcher
die ganze Zeit hindurch seinen eigenen Lobgesang hören muß. Er wird
folgendermaßen geschildert: »Weit entfernt von den Augen der Engel
im Raume des Feuers und des Lichtes vollzieht sich das Mysterium der
Dreieinigkeit. Der Geist, welcher beständig vom Sohne zum Vater und
vom Vater zum Sohne auf und nieder steigt, vereinigt sich mit ihnen
in diesen undurchdringlichen Tiefen. Ein Dreieck von Feuer zeigt
sich am Eingang zum Allerheiligsten, die Weltkugeln stehen still
vor Ehrfurcht und Schreck, das Hosianna der Engel verstummt ... das
Feuerdreieck verschwindet, das Orakel öffnet sich und man erblickt die
drei Mächte. Von einem Wolkenthrone getragen, hält der Vater einen
Kompaß in der Hand, ein Zirkel liegt unter seinen Füßen, der Sohn
sitzt zu seiner Rechten, mit dem Blitze bewehrt, und der Geist erhebt
sich wie eine Lichtsäule zur Linken. Jehovah giebt ein Zeichen, und
die beruhigten Zeiten beginnen wieder ihren Lauf.« Es wird nicht
gesagt, wie oftmals täglich, wöchentlich oder monatlich diese pompöse
Ceremonie stattfindet. Vielleicht in den Zwischenräumen zwischen diesen
Vollziehungen des Mysteriums der Dreieinigkeit, geschieht es, daß die
Gottheit sich theilt. Denn bisweilen scheint sie getheilt zu sein:
»Vom Gott der Milde und des Friedens zum Besten der bedrohten Kirche
angerufen, ließ der starke und furchtbare Gott den Himmel seine Pläne
erfahren.«[9]
Für gewöhnlich sitzt der Sohn ununterbrochen an einem mystischen
Tische, und 24 Greise, in weiße Gewänder gekleidet und mit Goldkronen
auf den Häuptern, sitzen auf Thronen zu seiner Seite. In seiner Nähe
steht sein lebendiger Wagen, dessen Räder Feuer speien. »Wenn der
Erharrte der Völker gewürdigt wird, sich den Auserkorenen in einer
vollständig klaren Vision zu zeigen, so stürzen Diese wie todt vor
seinem Antlitz nieder, aber er streckt seine Rechte aus und spricht zu
ihnen: ›Erhebt euch, ihr Gesegneten meines Vaters! Schauet mich an, ich
bin der Erste und der Letzte.‹«
Man sollte fast meinen, wenn auch diese Gymnastik das erste Mal etwas
Anziehendes oder Ueberraschendes für die Auserkorenen haben mag, so
müßte das Vergnügen, wie todt hinzustürzen und dann wieder sich erheben
zu dürfen, um beständig ein und dasselbe Antlitz zu betrachten, in
hohem Grade durch die Gewohnheit abgestumpft werden. Aber vielleicht
ist zu bedenken, daß wir unsern endlichen Erfahrungsmaßstab nicht an
diese überirdischen Freuden legen dürfen.
Und damit überlassen wir Herrn Chateaubriand sein Himmelreich. Ich
glaube nicht, daß man es weniger sonderbar, als das Parny's, nennen
kann. Oder was ist sonderbarer, daß das Lamm, wie bei Parny, blökend
hereinkommt, oder daß, wie bei unserem Dichter, die Gewänder der
heiligen Greise durch das Blut des Lammes ~weiß~ werden? Es mag
jedoch der Beispiele von den Unnatürlichkeiten dieses Himmels genug
sein. Ich will lieber ein paar Züge hervorheben, durch welche derselbe
sich als ein modernes Fabrikat verräth. In psychologischer Hinsicht
ist es solchermaßen interessant, daß, wie toll und willkürlich Alles
in diesem Himmelreiche auch zugeht, als könnte es durch ein Niesen
auseinander gestiebt werden, der Dichter sich doch nicht der Einwirkung
der Zeit, in welcher er lebt, zu entziehen vermag. Selbst in diesem
Himmelreich giebt es Naturgesetze. So heißt es ausdrücklich von den
Seligen, daß sie Freude daran empfinden, die ~Gesetze~ kennen zu
lernen, nach welchen die schweren Körper mit so großer Leichtigkeit
durch den Aether kreisen. Dieser Zug antecipirt gleichsam den
Standpunkt in Byron's »Kain«. Sodann ist es in ästhetischer Hinsicht
interessant zu sehen, wie Chateaubriand an den Stellen, wo er keine
Anleihe bei der Apokalypse oder Milton macht, seine Bilder formt, die
Bilder, mittels derer er eine Vorstellung von der Pracht des Paradieses
geben will. Während Dante, um einen Begriff von dem Lichtmeere des
Himmelreichs zu geben, seine Zuflucht zu den ~Offenbarungen der
religiösen Vision~, zu der Pracht der mystischen Rose nimmt,
welche die Rose in der gothischen Kirche schwach nachzuahmen sucht,
muß der moderne, vielgereiste, in der Welt der positiven Erfahrungen
aufgewachsene Chateaubriand seine Zuflucht zu den Eindrücken von seinen
~Reisen ins Ausland~ nehmen. Die himmlischen Bogengänge werden
mit den Gärten in Babylon, mit den Säulen von Palmyra im Wüstensande
verglichen. Als die Seligen die erschaffene Welt durcheilen, wird von
dem Schauspiel, das sich ihnen darbietet, gesagt: »So zeigen sich den
Augen der Reisenden Indiens stolze Ebenen, Delhi's und Cochinchina's
reiche Thäler, jene Küsten, welche mit Perlen bedeckt sind und von
Ambra duften, wo die stillen Wogen zu Füßen blühender Zimmetbäume zur
Ruhe gehen.« Das Bild ist etwas zu natürlich und realistisch für ein so
spiritualistisches Sujet. Man stellt sich ungern all' diese Erzengel in
cochinchinesischer Umgebung vor. Durch solche Züge rächt die Natur sich
an Demjenigen, welcher wähnt, sich über sie hinwegsetzen oder etwas
Höheres als sie hervorbringen zu können. Als diese Richtung später in
der Literatur weiter fortgesetzt wird, sehen wir bei De Vigny, der
ebenso sehr unter Ossian's wie unter Milton's Einflusse steht, den
Aether des Himmelsraumes mit den Nebeln der schottischen Felsgebirge
verglichen; ja, als Lucifer's Gestalt fern draußen im Raume von Engel
Eloa erblickt wird, wird diese undeutliche Gestalt mit dem flatternden
Plaid einer umherstreifenden Schottländerin verglichen, wie man ihn
durch das schwebende Netz der Wolken gewahrt, die sich über die Spitzen
der Berge herabsenken. Es scheint doch ein weiter Abstand zwischen
einem Engel und einem Plaid zu sein.
Die Scenerie und die Landschaften, welche dieser Gruppe von Dichtern
als die idealen vorschweben, sind nicht, wie für die deutschen
Romantiker, die Potpourri- oder Frikassee-Landschaft (Band II., S.
118 u. ff.), sondern umgekehrt, in Uebereinstimmung mit dem ganzen
Geist der Periode, die paradiesische Landschaft, worin die strengste
Ordnung herrscht, symmetrisch, architektonisch, von einer Abstraktion
Claude Lorrain's abstrahirt. Man sehe z. B. den Anfang von De Vigny's
»Sündfluth«. Ich übersetze die Verse in Prosa: