Es gab in Frankreich unter dem Kaiserthum keine Poesie. Napoleon war

der einzige Dichter der Zeit. Die Reihe seiner Kriege und Siege war

~eine~ große Iliade, der Feldzug nach Rußland eine gigantische

Tragödie, mit der keine, die man am Pult ausgearbeitet, sich messen

konnte. Schon unter der Revolution war aus verwandten Ursachen die

Poesie verschwunden. Einzelne Dichter schrieben zwar noch Tragödien

im alten Stil, nur daß sie Voltaire's philosophische Tragödie in

eine politische verwandelt hatten und die Republiken von Rom und

Griechenland für die neue französische Republik zurecht stutzten,

welche die Vorbilder ihrer Helden in Rom's und Athen's sogenannten

Sanskulotten fand; aber das Interesse, welches sich an diese

Schauspiele knüpfte, war gering im Vergleich zu demjenigen, welches die

großen Dramen der Nationalversammlung und des Konvents darboten. Wie in

der alten Zeit die Gladiatorenkämpfe das Interesse für die Schauspiele

vernichteten, in denen Keiner wirklich getödtet ward, so machten die

Schlußscenen der Debatten des Konvents, in welchen die Besiegten

zum Schafotte abgeführt wurden, dem fünften Akt der Tragödien eine

furchtbare Konkurrenz. Der Dolch Melpomenens konnte auf die Dauer an

Interesse nicht mit der Guillotine wetteifern. Wer vermochte poetisch

eine Gemüthserregung hervorzurufen, welche derjenigen entsprach, die

die Zuschauer bei der Anklage, Verurtheilung und dem Tode des Königs

und der Königin empfanden! Wer konnte auf der Bühne eine Intrigue

anspinnen, die so gut geschürzt war, wie diejenige Robespierre's und

Danton's gegen Vergniaud und die Gironde, oder wie diejenige der

Kontrerevolution gegen Robespierre! Man hat Zeugnisse dafür, daß

die Zeitgenossen diese Empfindung besaßen. Der bekannte Uebersetzer

Shakspeare's, Ducis, schreibt an einen Freund, der ihn aufforderte,

für das Theater zu arbeiten: »Was sprichst Du mir von Tragödien! Die

Tragödie ist rings umher auf der Gasse. Sobald ich den Fuß vor die Thür

setze, schreite ich in Blut bis zu den Knöcheln.« Daß in diesen Worten

keine Uebertreibung lag, beweist ein Brief, den Chaumette 1793 an den

Magistrat von Paris sendet, worin besonders darüber geklagt wird, daß

Kurzsichtige beständig der Fatalität ausgesetzt seien, in Menschenblut

zu treten.

Unter Napoleon kam noch der Umstand hinzu, daß man einen Herrn hatte.

Versuchte ein einzelner Schriftsteller, wie Raynouard, sich ein

wenig von der gewöhnlichen Bahn zu entfernen, so wurde er in seinen

Bestrebungen gehemmt. Sein Stück »Die Stände von Blois«, das in

Saint-Cloud gespielt worden war, wurde auf ausdrücklichen Befehl des

Kaisers selbst in Paris verboten. Die Kanonen allein hatten das Wort.

Die Kanone, welche, vor dem Invaliden-Hotel aufgepflanzt, beständig

Siege auf Siege verkündete, übertäubte alle anderen Stimmen. Und

alle jugendlich begeisterten Herzen, alle Feuerseelen, die sich zu

anderen Zeiten in der Poesie Luft gemacht hatten, alle Die, welche am

wärmsten für die Freiheit und die Ideen der Revolution entflammt waren,

eilten jetzt zu den Fahnen und suchten, indem sie sich in Kriegsruhm

berauschten, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Poesie zu vergessen. Wie

ein seelenvolles Lied in einem Zimmer abgebrochen wird und endet, wenn

ein ununterbrochenes Gerassel schwerer Wagen die Straße erschüttert,

so wurde das geistige Leben ausgelöscht. Ein paar Anekdoten aus der

Zeit des Kaiserthums schildern den Lärm und den Druck. Man frug den

Metaphysiker Sièyes: »Was denken Sie in dieser Zeit?« Er erwiderte:

»Ich denke gar nicht«. Man frug den General Lafayette: »Was haben Sie

während des Kaiserreichs für Ihre Ueberzeugung gethan?« Er antwortete:

»Ich erhielt mich aufrecht«.

Nur einzelne Kunstarten ließen sich von der Epoche inspiriren: die

Malerei und die Schauspielkunst. Gérard malte die Schlacht bei

Austerlitz, Gros die Pestkranken in Jaffa, die Schlachten bei Abukir

und bei den Pyramiden. Talma, der nach seiner eigenen Erzählung eines

Abends, als er mit den Führern der Girondistenpartei zusammen war,

zum ersten Male verstanden und gelernt hatte, die Republikaner Rom's

zu spielen, nicht wie Knaben in der lateinischen Schule sie sich

vorstellen, sondern als Männer, -- Talma lernte von Napoleon, Cäsaren

und Könige spielen. Nach der bekannten Tradition ließ Bonaparte sich

von Talma darin unterrichten, kaiserliche Stellungen anzunehmen. Das

Umgekehrte ist die Wahrheit. Talma lernte von Napoleon das Imponirende

seines Auftretens, den kurzen befehlenden Ton, die gebieterischen

Handbewegungen, welche er später auf die Bühne brachte. Während seiner

letzten Krankheit lag er noch vom Fieber gequält und halb wahnsinnig da

und erforschte im Spiegel die Spuren von Wahnsinn und Grausen in seinem

Antlitz. »Da hab' ich sie!« rief er und schlug sich vor die Stirn;

falls ich wieder die Bühne betrete, werde ich es genau so machen, wenn

ich Karl +VI.+ als toll darstelle«. So leidenschaftlich liebte

er seine Kunst. Er erhob sich jedoch nicht wieder, und mit ihm starb

die einzige unter den Künsten des Wortes, die während des Kaiserreichs

geblüht hatte.

Nur eine Abart der Literatur gewinnt einen Einfluß, wie sie ihn niemals

zuvor gehabt hatte, die jüngste von all' ihren Arten, welche, bis

jetzt unbedeutend, bald eine Macht wird, nämlich die Journalistik.

Das bekannte Tagesblatt »+Journal des Débats+« wird gegründet,

um den Kampf gegen Voltaire einzuleiten und den herrschenden Ideen

der Zeit ein Organ zu schaffen. Man bediente sich aller Mittel. Ganz

wie heutigen Tags die klerikale Presse in Frankreich Voltaire als

»den elenden Preußen« bezeichnet, so suchte man damals in Voltaire's

Briefen die Stellen auf, welche ihn zum Vaterlandsverräther stempeln

konnten. Man fand in seinen Briefen an den König von Preußen das

platte Kompliment: »Jedesmal, wenn ich an Ew. Majestät schreibe,

zittere ich wie unsere Regimenter bei Roßbach«, und man hoffte mit

Hilfe solcher Citate den Sieger von Jena gegen die Philosophen dieser

Schule aufzuhetzen. Man machte auch besonders geltend, daß nach dem

Zeugnis von Zeitgenossen die Hauptursache der Muthlosigkeit des

französischen Heeres im Kampfe gegen Friedrich die gewesen sei, daß

die Officiere eine Art phantastischer Bewunderung für den König von

Preußen hegten, welche so weit ging, daß sie sich nicht einmal die

Möglichkeit denken konnten, einen Feldherrn zu schlagen, der all' die

Ideen repräsentirte, welche sie selbst beseelten. Anstatt nun hieraus

einen Schluß zu Gunsten jener Ideen zu ziehen, zog man im Gegentheil

einen ungünstigen Schluß Betreffs der Personen, welche, wie Voltaire,

dieselben in Frankreich ausgebreitet hatten, und stempelte sie zu

Vaterlandsverräthern. Um einen Begriff von dem Tone des Blattes zu

geben, citire ich folgende Worte des Hauptredakteurs. »Wenn ich sage

die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts, so meine ich Alles, was

falsch ist in Gesetzgebung, Moral und Politik«. -- Noch ein zweites

Organ war in Händen der neukatholischen Schule, der »+Mercure+«,

dessen Hauptredakteure Chateaubriand und Bonald waren. Gegen diese

mächtigen Organe versuchten die Schriftsteller, welche die Trümmer der

Armee des achtzehnten Jahrhunderts bildeten, einen Kampf, aber die Zeit

brachte ihnen keinen günstigen Fahrwind.

Wie früher der ganze Eifer der kämpfenden Mächte darauf gerichtet

gewesen war, das Publikum oder das Volk für sich und ihre Ideen zu

gewinnen, so gingen jetzt unter der Despotie alle Anstrengungen

dahin, die Poesie des Gewalthabers zu gewinnen. Das »+Journal des

Débats+« suchte den Kaiser gegen die Philosophie einzunehmen.

Die Philosophen suchten ihn gegen das »+Journal des Débats+«

aufzubringen. Die Klerikalen wiesen auf die Philosophen und sagten:

»Nimm Dich in Acht vor den Männern, welche so schreiben! Sie sind

Niederreißer von Fach, sie hassen Dich, wenn auch nur weil Du

ein Baumeister bist, und wollen das Gebäude niederreißen, das Du

aufführst«. Die Philosophen zischeln ihm von der anderen Seite ins Ohr:

»Weißt Du, was die Menschen dort in dem anderen Lager wollen? Sie

wollen Dich bethören, ein Haus zu errichten, dessen Schlüssel sie sich

dann für einen Andern ausbitten werden. Wenn Du ihrem Rathe folgst, so

arbeitest Du dafür, Dich selbst überflüssig zu machen. Hörst Du nicht,

wie sie beständig nach Ordnung schreien? Bald wirst Du die einzige

Unordnung sein, die es noch in Frankreich giebt. Man wird Dich dann

zwingen, auszuziehen, wie der Baumeister sich entfernt, wenn der Herr

des Hauses sein Eigenthum in Besitz nimmt«.

Es waren unzweifelhaft, wie ja auch die Zukunft bewies, die

Philosophen, welche hier Recht hatten. Die Anhänger der neukatholischen

Schule waren und blieben innerlich an die alte Dynastie geknüpft. Ihre

Methode war die, Delille, weil er in Ungnade war, und Chateaubriand,

welcher besonders seit der Erschießung des Herzogs von Enghien

eine feindliche Haltung gegen Napoleon annahm, zu rühmen, kurz die

politische Frage in die literarische Debatte zu mischen. Man pries

Racine, aber auf solche Weise, daß leicht zu sehen war, Ludwig

+XIV.+ sei gemeint; man schmähte Voltaire, aber so, daß man die

revolutionäre Partei hinter seinem Rücken traf; man hob die Lichtseiten

der früheren Regierung hervor, unter dem Vorwande, die Geschichte der

Vergangenheit zu schreiben, und bewies, so gut man vermochte, daß sie

auf den Grundsätzen des Rechts und der Gerechtigkeit geruht habe, unter

dem Vorwande, einen Kursus in der Philosophie zu geben.

Napoleon, der aufs sorgsamste der Zeitungsliteratur folgte, verlor

zuletzt die Geduld. Ein Billet ist uns aufbewahrt geblieben, das einem

Beamten Napoleon's zugestellt ward, um den Privatkorrespondenten

des Kaisers, dem Herausgeber des »+Mercure+« Fiévée, übergeben

zu werden, worin jedes Wort charakteristisch ist. Vor Allem ist

hier jedoch der Uebergang von der unpersönlichen zur persönlichen

Ausdrucksweise interessant. Wer der Verfasser des Billets sei, wird

gar nicht in demselben gesagt; Anfangs spricht das unbestimmte anonyme

Wesen, welches man die Regierung nennt; plötzlich fühlt man, wer die

Feder lenkt, der Löwe weist seine Krallen. Das Billet lautet: »Mr. de

Lavalette soll sich zu Mr. Fiévée begeben und ihm sagen, ~man~

lese das »+Journal des Débats+« mit mehr Aufmerksamkeit, als

die anderen Blätter, weil es zehnmal so viel Abonnenten habe, und

~man~ bemerke darin Artikel, die in einem den Bourbonen günstigen

Geiste, also mit großer Gleichgültigkeit für das Wohl des Staates

geschrieben seien; ~man~ habe beschlossen, Alles zu unterdrücken,

was in diesem Blatte von allzu schlechter Gesinnung sei; das System

sei, mit großer Langmuth zu warten; es sei jedoch jetzt nicht genug,

nicht direkt feindlich zu sein; ~man~ habe das Recht, zu

verlangen, daß sie der herrschenden Dynastie ganz ergeben seien, und

daß sie Alles, was den Bourbonen Glanz verleihe oder ihnen günstige

Erinnerungen heraufbeschwören könne, nicht dulden, sondern bekämpfen;

~man~ habe indessen noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt; aber

~man~ sei geneigt, das »+Journal des Débats+« forterscheinen

zu lassen, wenn man mir Männer vorschlägt, zu denen ~ich~ Zutrauen

haben und welche ~ich~ an die Spitze dieses Blattes stellen kann«.

Man sieht, wie die Verhältnisse sich entwickelten. Im Verlauf der

Regierung des Kaisers wurde der Neukatholicismus mehr und mehr aus der

Gunst und Gewogenheit verdrängt, deren er sich von Anfang an erfreuen

durfte, und erst unter den Bourbonen triumphirte er wieder gänzlich.

Gleich nach Napoleon's Thronbesteigung schreiben Chateaubriand,

Bonald und De Maistre frei, das »+Journal des Débats+« wird

aufgefordert, seinen Kreuzzug wider die Philosophie des achtzehnten

Jahrhunderts zu unternehmen, der Papst besucht Napoleon in Paris,

die Geistlichkeit wird geehrt, Frayssinous predigt ungehindert.

Gegen das Ende des Kaiserreichs müssen die Führer der katholischen

Partei verstummen, das »+Journal des Débats+« ist konfiscirt,

der Papst ein Gefangener, die Klerisei dem Kaiser verhaßt, und die

Kanzel Frayssinous verschlossen. Erst 1814 wird gleichzeitig mit der

politischen Restauration eine Erneuerung der religiösen unternommen,

welche vollständig befestigt, was durch das Konkordat begonnen war.

Ist es nun auch nicht zu Viel gesagt, daß es unter Napoleon keine

eigentliche Poesie gab, so ist doch nicht minder gewiß, daß unter

seiner Herrschaft ein nicht bedeutungsloser Versuch gemacht wurde, dem

Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts zu geben, was Voltaire dem

vorhergehenden in seiner Henriade zu geben versucht hatte: nicht mehr

noch minder als eine große nationale Epopöe.

Die Aufgabe war bedenklich, Das läßt sich nicht leugnen. Zu einer

Zeit, wo Frankreich Europa mit Helden wie Ney und Murat und all'

den Marschällen des neuen Kaiserreichs erfüllte, wo Napoleon alle

offenen Wunden Frankreichs mit eroberten feindlichen Fahnen verband,

wo die Thaten der Gegenwart alle Thaten der Vergangenheit in Schatten

stellten, -- wo sollte man da einen geeigneten Helden für ein Epos und

wo sollte man Thaten finden, welche die Lesewelt fesseln konnten?

Der Mann, welcher sich an ein solches Beginnen wagte, war kein Anderer,

als Der, welcher von Anfang an auf eine Aufsehen erregende Art die

literarische Bewegun] der Periode eingeleitet hatte, Derjenige, welcher

von Allen am meisten »+en vue+« war, nämlich Chateaubriand.

Er empfand nicht allein Lust, sondern eine Art Verpflichtung, eine

Epopöe zu schreiben. Er hatte ja in seinen ersten Werken behauptet,

daß die Legenden der christlichen Religion die heidnischen Mythen an

Schönheit weit überträfen, daß dieselben dem Dichter mehr böten, daß

alle Charaktere: Vater, Gatte, Liebhaber und Braut, als christliche

Menschen schöner und poetischer, denn als natürliche, seien. Es galt

für ihn, das Beispiel der Regel, den Beweis dem Lehrsatze hinzuzufügen,

und um die Wahrheit seiner Behauptung und die Stärke seines Talentes

darzuthun, beschloß er, ein christliches Epos zu verfassen. Er suchte

daher seine Helden nicht auf einem der großen Schlachtfelder Europa's;

Namen wie Marengo und Austerlitz machten keinen Eindruck auf ihn. In

Uebereinstimmung mit der ganzen Geistesrichtung, die er eingeschlagen

hatte, wählte er sich nicht aktive, sondern passive Helden,

überhaupt nicht Helden, sondern Märtyrer, zum Gegenstande seines

Darstellungstalents und betitelte solchermaßen sein Epos, das für uns

übrigens mehr einem gewöhnlichen zweibändigen Romane gleicht, da es in

Prosa geschrieben ist: »Die Märtyrer, oder der Triumph der Religion«.

Um diese Wahl des Stoffes recht zu verstehen, muß man bedenken,

daß der Ideenkreis, in welchem die Männer dieser Schule lebten, in

Wirklichkeit nicht derjenige des Kaiserthums, sondern der nach

rückwärts gerichteten Emigranten war. Man hatte sich noch nicht von

seinem Grausen über die Thaten der Revolution erholt. Man sah in den

Führern der Revolution lauter Blutmenschen, in der niedergeschlagenen

Partei lauter Opfer. Der eigentliche Held war für diese Männer nicht

Napoleon, der unternehmungslustige Krieger, sondern Ludwig +XVI.+,

der unschuldige Märtyrer. Was waren sie anders, als Märtyrer, alle

die christlichen Priester, die um ihres Glaubens willen in den

Septembertagen niedergemetzelt worden waren, alle die der Königsmacht

von Gottes Gnaden treu ergebenen Männer und Frauen, welche den Tod in

der Vendée erlitten hatten! So schuldlose Opfer, wie die Prinzessin

Lamballe oder die jungen Mädchen in Verdun während der Revolution und

wie der Herzog von Enghien in der jüngsten Zeit, waren Heldinnen, und

Helden, die einer Verherrlichung werth erschienen, tausendmal mehr als

Die, welche sich auf allen Schlachtfeldern Europas mit Blut befleckten.

Schon im Jahre 1802 hatte Chateaubriand die Idee zu seinem Epos

gefaßt, 1806 waren die ersten Gesänge fertig. Aber die Handlung sollte

sich über die ganze in der alten Zeit bekannte Welt erstrecken.

Chateaubriand war keine bequeme Natur, er fühlte sich nicht geneigt,

das Werk so rasch wie möglich zu vollenden, um so leicht wie

möglich auf seinen Lorbeern zu ruhen. Er unterbrach daher seine

Arbeit und reiste im Juli 1806 ab, um Griechenland, den Orient,

Jerusalem, Aegypten, Karthago zu besuchen und über Spanien nach Paris

heimzukehren. Der nächste Zweck dieser Reise war, wie er in der Vorrede

zu seinem später veröffentlichten »+Itinéraire+« offen bekennt,

das begonnene Gedicht zu vervollkommnen. Er sagt: »Ich habe diese Reise

nicht unternommen, um sie zu beschreiben. Ich hatte einen bestimmten

Zweck bei derselben; diesen Zweck habe ich in den Märtyrern erfüllt,

ich suchte Bilder, das war Alles«.

Das war jedoch nicht Alles, weder Alles, was Chateaubriand mit seiner

Reise bezweckte, noch Alles, was man nach seinem Wunsche in derselben

erblicken sollte. Chateaubriand ist +Childe Harold+ vor dem

wirklichen; Chateaubriand ist der Byron der Restauration. Gerade wie

sein René ein Vorläufer der Byron'schen Helden ist, so ist er selbst

auf seinen Pilgerfahrten ein Vorgänger jenes halb erdichteten, halb

wirklichen Harold, den die Lust nach Abenteuern und die Sehnsucht

nach Eindrücken von Land zu Lande jagt. Aber als ein Byron der

Restaurationszeit kann er nicht, wie der englische Lord, der noch

Vikingerblut in seinen Adern empfand, sich damit begnügen, ein so

vereinzeltes Motiv seiner Fahrten ehrlich zu bekennen. Es wäre wenig im

Geiste der Restaurationszeit gewesen, es hätte wenig zu Chateaubriand's

Rolle in jener Zeit gestimmt, nach Jerusalem zu ziehen, um Landschaften

zu studiren, seine Palette mit Farben und sein Skizzenbuch mit

Entwürfen zu füllen. Wenn Childe Harold von seiner Pilgerfahrt spricht,

nimmt er das Wort in figürlicher Bedeutung, Chateaubriand gebraucht

es ganz buchstäblich. Er theilt Allen mit, daß er nach dem heiligen

Lande reise, um sich durch den Anblick der heiligen Stätten zu erbauen.

Er bringt Wasser aus dem Jordanflusse mit heim, und als später der

Graf von Chambord geboren wird, hat er es bei der Hand, um das

königliche Kind damit taufen zu lassen. Er sagt selbst: »Es mag seltsam

erscheinen, heutigen Tages von heiligen Gelübden und Pilgerfahrten zu

reden; aber in diesem Punkte bin ich, wie bekannt, ohne Scham und habe

mich schon längst selber in die Reihe der Abergläubischen und Schwachen

gestellt. Ich werde vielleicht der letzte Franzose sein, der mit den

Ideen, Zwecken und Gefühlen eines mittelalterlichen Pilgrims aus seiner

Heimat zum heiligen Lande gezogen ist. Aber besitze ich auch nicht die

Tugenden, welche vordem bei den Herren von Coucy, Nesles, Chastillon

und Montfort glänzten, so habe ich doch wenigstens noch den Glauben,

und an diesem Zeichen würden sogar die alten Kreuzfahrer mich als einen

ihres Gleichen erkennen.«

Ist es nun schon ein starkes Stück von einem rein modernen Geiste, wie

Chateaubriand, sich Pilgrimsgefühle und Pilgrimszwecke beizulegen, da

die alten Pilgrime, so viel bekannt, nicht nach Bildern und Eindrücken

für literarische Produktionen umherreisten, was soll man gar sagen,

wenn man in Chateaubriand's hinterlassenen Memoiren ein Geständnis

über den ferneren Zweck dieses Aufsuchens von Bildern findet, welche

das grellste Licht auf jene zuletzt angeführten Worte wirft? Durch

seine Anstrengungen, Ruhm zu erreichen, durch seine Studien und Reisen

hoffte er die Gunst einer Dame zu gewinnen, in die er verliebt war.

An und für sich ist ja Nichts natürlicher. Er war noch jung. Er besaß

einen glühenden Ehrgeiz und liebte mit Leidenschaft. Was Wunder,

daß er sich selbst zurief: »Ruhm, größeren Ruhm, mit vollerem Recht

erworbenen Ruhm, um sie besser zu verdienen, um ihr meinen ernsten

Vorsatz zu beweisen, mich ihrer Gunst würdig zu machen!« Sie scheint

außerdem ehrgeizig für ihn gewesen zu sein, ihm ihren Besitz in weiter

Ferne als Lohn neuer Anstrengungen in Aussicht gestellt zu haben.

Mag sogar etwas Mittelalterliches, an die Ritterzeit Erinnerndes in

diesem Verhältnisse gewesen sein! aber was für eine Prälatenseele muß

man besitzen, um hier von Kreuzzug und Pilgerfahrt reden zu wollen!

Chateaubriand sagt in seinen +Mémoires d'outre-tombe+: »Aber

habe ich auch in der Reisebeschreibung Alles von dieser Reise gesagt,

welche in der Hafenstadt Desdemona's und Othello's begann? Wallfahrtete

ich mit reuigem Gemüth zu Christi Grabe? ~Ein einziger Gedanke~

verzehrte mich; ich zählte mit Ungeduld die Augenblicke. Vom Verdeck

meines Schiffes, die Augen auf den Abendstern geheftet, bat ich ihn um

günstigen Wind, der mich rasch von dannen führe, um Ruhm, damit ich

geliebt würde. Ich hoffte mir Ruhm in Sparta, in Zion, in Memphis, in

Karthago zu erwerben und ihn nach der Alhambra mitzubringen. Würde man

die Erinnerung an mich mit so ausdauernder Treue bewahrt haben, wie ich

meine Proben ablegte?... Wenn ich heimlich einen Augenblick des Glücks

genieße, so ist dasselbe verwirrt durch die Erinnerung an jene Tage der

Verführung, der Bezauberung und des holden Wahnsinns.«

So spricht Tannhäuser, als er dem Venusberge entronnen ist, aber

Peter der Einsiedler führte nicht diese Sprache, als er vom heiligen

Grabe zurückkehrte. Die Dame, welche Chateaubriand ein Rendezvous in

der Alhambra bestimmt hatte, war die junge Madame De Mouchy, welche

von Zeitgenossen als ein Wunder von Schönheit, Anmuth und Feinheit

geschildert wird. Sie starb im Wahnsinn. -- Chateaubriand war seit

1792 vermählt. Seine Ehe war vielleicht eine Unbesonnenheit, aber

hätte er als ein so eifriger Fürsprecher der christlichen Moral sie

nicht respektiren müssen, auf welche Art sie auch geschlossen sein

mochte? Er schildert ihr Zustandekommen folgendermaßen in seinen

Memoiren: »Die Sache ward ohne mein Wissen betrieben ... Ich fühlte

mich in keiner Beziehung zum Ehemanne geeignet. Alle meine Illusionen

lebten noch, Nichts in mir war erschöpft; die Energie meines Lebens

war sogar verdoppelt durch meine Reisen. Ich wurde beständig von der

Muse geplagt. Meine Schwester hielt viel von Mademoiselle De Lavigne

und sah in dieser Ehe für mich eine unabhängige Stellung. Bringe sie

denn zu Stande, sagte ich. Bei mir ist die öffentliche Persönlichkeit

unerschütterlich, aber die Privatperson ist die Beute eines Jeden,

der sich ihrer bemächtigen will, und um den Verdrießlichkeiten einer

Stunde zu entgehen, könnte ich mich für ein Jahrhundert zum Sklaven

machen.« Glücklicherweise fühlte er sich nicht allzu sehr gebunden. Als

heimgekehrter Pilgrim schrieb er nun seine Epopöe.

Eine Epopöe im neunzehnten Jahrhundert! Es giebt in unseren Tagen

Niemand mehr, der an die Möglichkeit einer solchen glaubt. Eine klarere

Einsicht in die historischen Bedingungen des Entstehens der großen

Vorzeits-Epopöen, als irgend eine frühere Zeit sie besaß, hat uns

von der Nutzlosigkeit überzeugt, heutigen Tages mit Werken von der

Frische und Naivetät der Ilias und der Odyssee wetteifern zu wollen.

Eben so wenig, wie ein wirklicher Dichter in jetziger Zeit darauf

verfallen könnte, die Veda-Hymnen, die Psalmen David's oder Völuspà

nachahmen zu wollen, eben so wenig versucht Jemand in heutiger Zeit

mit den unvergänglichen Werken zu rivalisiren, in welchen am Morgen

der Zeiten ein Volk kindlich seine ganze Götter- und Sagenwelt dem

Zuhörer vorübergleiten ließ, wie die Griechen es in ihren nationalen

Heldengedichten, die Deutschen im Nibelungenliede und die Finnen im

Kalewala gethan haben. Die Epopöen, welche, wie diejenigen Virgil's und

Tasso's, Camoens', Klopstock's und Voltaire's, jene alten Volksgedichte

mit Bewußtsein und Studium nachahmen, und welche das Mirakulöse in

ihnen in eine todte epische Maschinerie verwandelten, haben niemals

den Rang ihrer Vorbilder erreichen können, und besitzen nur Werth in

dem Grade, in welchem sie ihnen der Zeit und dem Geiste nach innerlich

nahe stehen. Je weniger Naivetät sie besitzen, desto kälter stehen

wir ihnen gegenüber. Die nicht mißlungenen epischen Gedichte welche

in neuerer Zeit geschrieben sind -- ich nenne als Beispiel Goethe's

Hermann und Dorothea oder aus jüngsten Tagen Hamerling's König von Zion

-- haben den epischen Apparat ganz aufgegeben. Aber Das war keineswegs

Chateaubriand's Absicht. Im Gegentheil! Es galt ja eben denselben zu

verdoppeln, den christlichen Apparat in seiner Ueberlegenheit über den

antiken strahlen zu lassen.

Da er kein Versdichter ist, beschließt er sein Werk in Prosa zu

schreiben; aber ein wie großer Meister er auch in dieser Kunstart ist,

so ahnt man doch schon, wie er nach einem Stile umhertasten wird.

Alle möglichen Einwirkungen durchkreuzen sich bei ihm: Homer und die

Offenbarung Johannis, Dante und Milton, die Kirchenväter und Sueton.

Die Handlung ereignet sich zur Zeit Diokletian's, die Hälfte der

auftretenden Personen sind Heiden, die Hälfte Christen. Der Held

Eudorus gewinnt das Herz eines jungen heidnischen Mädchens, bekehrt sie

und stirbt mit ihr als Märtyrer im Kollosseum zu Rom. Ihr Vater ist

Grieche und begeisterter Apostel Homer's. Die Episoden spielen in dem

alten Gallien.

Die Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, 3. Die Reaktion in Frankreich · 第 10 / 21 段