der einzige Dichter der Zeit. Die Reihe seiner Kriege und Siege war
~eine~ große Iliade, der Feldzug nach Rußland eine gigantische
Tragödie, mit der keine, die man am Pult ausgearbeitet, sich messen
konnte. Schon unter der Revolution war aus verwandten Ursachen die
Poesie verschwunden. Einzelne Dichter schrieben zwar noch Tragödien
im alten Stil, nur daß sie Voltaire's philosophische Tragödie in
eine politische verwandelt hatten und die Republiken von Rom und
Griechenland für die neue französische Republik zurecht stutzten,
welche die Vorbilder ihrer Helden in Rom's und Athen's sogenannten
Sanskulotten fand; aber das Interesse, welches sich an diese
Schauspiele knüpfte, war gering im Vergleich zu demjenigen, welches die
großen Dramen der Nationalversammlung und des Konvents darboten. Wie in
der alten Zeit die Gladiatorenkämpfe das Interesse für die Schauspiele
vernichteten, in denen Keiner wirklich getödtet ward, so machten die
Schlußscenen der Debatten des Konvents, in welchen die Besiegten
zum Schafotte abgeführt wurden, dem fünften Akt der Tragödien eine
furchtbare Konkurrenz. Der Dolch Melpomenens konnte auf die Dauer an
Interesse nicht mit der Guillotine wetteifern. Wer vermochte poetisch
eine Gemüthserregung hervorzurufen, welche derjenigen entsprach, die
die Zuschauer bei der Anklage, Verurtheilung und dem Tode des Königs
und der Königin empfanden! Wer konnte auf der Bühne eine Intrigue
anspinnen, die so gut geschürzt war, wie diejenige Robespierre's und
Danton's gegen Vergniaud und die Gironde, oder wie diejenige der
Kontrerevolution gegen Robespierre! Man hat Zeugnisse dafür, daß
die Zeitgenossen diese Empfindung besaßen. Der bekannte Uebersetzer
Shakspeare's, Ducis, schreibt an einen Freund, der ihn aufforderte,
für das Theater zu arbeiten: »Was sprichst Du mir von Tragödien! Die
Tragödie ist rings umher auf der Gasse. Sobald ich den Fuß vor die Thür
setze, schreite ich in Blut bis zu den Knöcheln.« Daß in diesen Worten
keine Uebertreibung lag, beweist ein Brief, den Chaumette 1793 an den
Magistrat von Paris sendet, worin besonders darüber geklagt wird, daß
Kurzsichtige beständig der Fatalität ausgesetzt seien, in Menschenblut
zu treten.
Unter Napoleon kam noch der Umstand hinzu, daß man einen Herrn hatte.
Versuchte ein einzelner Schriftsteller, wie Raynouard, sich ein
wenig von der gewöhnlichen Bahn zu entfernen, so wurde er in seinen
Bestrebungen gehemmt. Sein Stück »Die Stände von Blois«, das in
Saint-Cloud gespielt worden war, wurde auf ausdrücklichen Befehl des
Kaisers selbst in Paris verboten. Die Kanonen allein hatten das Wort.
Die Kanone, welche, vor dem Invaliden-Hotel aufgepflanzt, beständig
Siege auf Siege verkündete, übertäubte alle anderen Stimmen. Und
alle jugendlich begeisterten Herzen, alle Feuerseelen, die sich zu
anderen Zeiten in der Poesie Luft gemacht hatten, alle Die, welche am
wärmsten für die Freiheit und die Ideen der Revolution entflammt waren,
eilten jetzt zu den Fahnen und suchten, indem sie sich in Kriegsruhm
berauschten, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Poesie zu vergessen. Wie
ein seelenvolles Lied in einem Zimmer abgebrochen wird und endet, wenn
ein ununterbrochenes Gerassel schwerer Wagen die Straße erschüttert,
so wurde das geistige Leben ausgelöscht. Ein paar Anekdoten aus der
Zeit des Kaiserthums schildern den Lärm und den Druck. Man frug den
Metaphysiker Sièyes: »Was denken Sie in dieser Zeit?« Er erwiderte:
»Ich denke gar nicht«. Man frug den General Lafayette: »Was haben Sie
während des Kaiserreichs für Ihre Ueberzeugung gethan?« Er antwortete:
»Ich erhielt mich aufrecht«.
Nur einzelne Kunstarten ließen sich von der Epoche inspiriren: die
Malerei und die Schauspielkunst. Gérard malte die Schlacht bei
Austerlitz, Gros die Pestkranken in Jaffa, die Schlachten bei Abukir
und bei den Pyramiden. Talma, der nach seiner eigenen Erzählung eines
Abends, als er mit den Führern der Girondistenpartei zusammen war,
zum ersten Male verstanden und gelernt hatte, die Republikaner Rom's
zu spielen, nicht wie Knaben in der lateinischen Schule sie sich
vorstellen, sondern als Männer, -- Talma lernte von Napoleon, Cäsaren
und Könige spielen. Nach der bekannten Tradition ließ Bonaparte sich
von Talma darin unterrichten, kaiserliche Stellungen anzunehmen. Das
Umgekehrte ist die Wahrheit. Talma lernte von Napoleon das Imponirende
seines Auftretens, den kurzen befehlenden Ton, die gebieterischen
Handbewegungen, welche er später auf die Bühne brachte. Während seiner
letzten Krankheit lag er noch vom Fieber gequält und halb wahnsinnig da
und erforschte im Spiegel die Spuren von Wahnsinn und Grausen in seinem
Antlitz. »Da hab' ich sie!« rief er und schlug sich vor die Stirn;
falls ich wieder die Bühne betrete, werde ich es genau so machen, wenn
ich Karl +VI.+ als toll darstelle«. So leidenschaftlich liebte
er seine Kunst. Er erhob sich jedoch nicht wieder, und mit ihm starb
die einzige unter den Künsten des Wortes, die während des Kaiserreichs
geblüht hatte.
Nur eine Abart der Literatur gewinnt einen Einfluß, wie sie ihn niemals
zuvor gehabt hatte, die jüngste von all' ihren Arten, welche, bis
jetzt unbedeutend, bald eine Macht wird, nämlich die Journalistik.
Das bekannte Tagesblatt »+Journal des Débats+« wird gegründet,
um den Kampf gegen Voltaire einzuleiten und den herrschenden Ideen
der Zeit ein Organ zu schaffen. Man bediente sich aller Mittel. Ganz
wie heutigen Tags die klerikale Presse in Frankreich Voltaire als
»den elenden Preußen« bezeichnet, so suchte man damals in Voltaire's
Briefen die Stellen auf, welche ihn zum Vaterlandsverräther stempeln
konnten. Man fand in seinen Briefen an den König von Preußen das
platte Kompliment: »Jedesmal, wenn ich an Ew. Majestät schreibe,
zittere ich wie unsere Regimenter bei Roßbach«, und man hoffte mit
Hilfe solcher Citate den Sieger von Jena gegen die Philosophen dieser
Schule aufzuhetzen. Man machte auch besonders geltend, daß nach dem
Zeugnis von Zeitgenossen die Hauptursache der Muthlosigkeit des
französischen Heeres im Kampfe gegen Friedrich die gewesen sei, daß
die Officiere eine Art phantastischer Bewunderung für den König von
Preußen hegten, welche so weit ging, daß sie sich nicht einmal die
Möglichkeit denken konnten, einen Feldherrn zu schlagen, der all' die
Ideen repräsentirte, welche sie selbst beseelten. Anstatt nun hieraus
einen Schluß zu Gunsten jener Ideen zu ziehen, zog man im Gegentheil
einen ungünstigen Schluß Betreffs der Personen, welche, wie Voltaire,
dieselben in Frankreich ausgebreitet hatten, und stempelte sie zu
Vaterlandsverräthern. Um einen Begriff von dem Tone des Blattes zu
geben, citire ich folgende Worte des Hauptredakteurs. »Wenn ich sage
die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts, so meine ich Alles, was
falsch ist in Gesetzgebung, Moral und Politik«. -- Noch ein zweites
Organ war in Händen der neukatholischen Schule, der »+Mercure+«,
dessen Hauptredakteure Chateaubriand und Bonald waren. Gegen diese
mächtigen Organe versuchten die Schriftsteller, welche die Trümmer der
Armee des achtzehnten Jahrhunderts bildeten, einen Kampf, aber die Zeit
brachte ihnen keinen günstigen Fahrwind.
Wie früher der ganze Eifer der kämpfenden Mächte darauf gerichtet
gewesen war, das Publikum oder das Volk für sich und ihre Ideen zu
gewinnen, so gingen jetzt unter der Despotie alle Anstrengungen
dahin, die Poesie des Gewalthabers zu gewinnen. Das »+Journal des
Débats+« suchte den Kaiser gegen die Philosophie einzunehmen.
Die Philosophen suchten ihn gegen das »+Journal des Débats+«
aufzubringen. Die Klerikalen wiesen auf die Philosophen und sagten:
»Nimm Dich in Acht vor den Männern, welche so schreiben! Sie sind
Niederreißer von Fach, sie hassen Dich, wenn auch nur weil Du
ein Baumeister bist, und wollen das Gebäude niederreißen, das Du
aufführst«. Die Philosophen zischeln ihm von der anderen Seite ins Ohr:
»Weißt Du, was die Menschen dort in dem anderen Lager wollen? Sie
wollen Dich bethören, ein Haus zu errichten, dessen Schlüssel sie sich
dann für einen Andern ausbitten werden. Wenn Du ihrem Rathe folgst, so
arbeitest Du dafür, Dich selbst überflüssig zu machen. Hörst Du nicht,
wie sie beständig nach Ordnung schreien? Bald wirst Du die einzige
Unordnung sein, die es noch in Frankreich giebt. Man wird Dich dann
zwingen, auszuziehen, wie der Baumeister sich entfernt, wenn der Herr
des Hauses sein Eigenthum in Besitz nimmt«.
Es waren unzweifelhaft, wie ja auch die Zukunft bewies, die
Philosophen, welche hier Recht hatten. Die Anhänger der neukatholischen
Schule waren und blieben innerlich an die alte Dynastie geknüpft. Ihre
Methode war die, Delille, weil er in Ungnade war, und Chateaubriand,
welcher besonders seit der Erschießung des Herzogs von Enghien
eine feindliche Haltung gegen Napoleon annahm, zu rühmen, kurz die
politische Frage in die literarische Debatte zu mischen. Man pries
Racine, aber auf solche Weise, daß leicht zu sehen war, Ludwig
+XIV.+ sei gemeint; man schmähte Voltaire, aber so, daß man die
revolutionäre Partei hinter seinem Rücken traf; man hob die Lichtseiten
der früheren Regierung hervor, unter dem Vorwande, die Geschichte der
Vergangenheit zu schreiben, und bewies, so gut man vermochte, daß sie
auf den Grundsätzen des Rechts und der Gerechtigkeit geruht habe, unter
dem Vorwande, einen Kursus in der Philosophie zu geben.
Napoleon, der aufs sorgsamste der Zeitungsliteratur folgte, verlor
zuletzt die Geduld. Ein Billet ist uns aufbewahrt geblieben, das einem
Beamten Napoleon's zugestellt ward, um den Privatkorrespondenten
des Kaisers, dem Herausgeber des »+Mercure+« Fiévée, übergeben
zu werden, worin jedes Wort charakteristisch ist. Vor Allem ist
hier jedoch der Uebergang von der unpersönlichen zur persönlichen
Ausdrucksweise interessant. Wer der Verfasser des Billets sei, wird
gar nicht in demselben gesagt; Anfangs spricht das unbestimmte anonyme
Wesen, welches man die Regierung nennt; plötzlich fühlt man, wer die
Feder lenkt, der Löwe weist seine Krallen. Das Billet lautet: »Mr. de
Lavalette soll sich zu Mr. Fiévée begeben und ihm sagen, ~man~
lese das »+Journal des Débats+« mit mehr Aufmerksamkeit, als
die anderen Blätter, weil es zehnmal so viel Abonnenten habe, und
~man~ bemerke darin Artikel, die in einem den Bourbonen günstigen
Geiste, also mit großer Gleichgültigkeit für das Wohl des Staates
geschrieben seien; ~man~ habe beschlossen, Alles zu unterdrücken,
was in diesem Blatte von allzu schlechter Gesinnung sei; das System
sei, mit großer Langmuth zu warten; es sei jedoch jetzt nicht genug,
nicht direkt feindlich zu sein; ~man~ habe das Recht, zu
verlangen, daß sie der herrschenden Dynastie ganz ergeben seien, und
daß sie Alles, was den Bourbonen Glanz verleihe oder ihnen günstige
Erinnerungen heraufbeschwören könne, nicht dulden, sondern bekämpfen;
~man~ habe indessen noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt; aber
~man~ sei geneigt, das »+Journal des Débats+« forterscheinen
zu lassen, wenn man mir Männer vorschlägt, zu denen ~ich~ Zutrauen
haben und welche ~ich~ an die Spitze dieses Blattes stellen kann«.
Man sieht, wie die Verhältnisse sich entwickelten. Im Verlauf der
Regierung des Kaisers wurde der Neukatholicismus mehr und mehr aus der
Gunst und Gewogenheit verdrängt, deren er sich von Anfang an erfreuen
durfte, und erst unter den Bourbonen triumphirte er wieder gänzlich.
Gleich nach Napoleon's Thronbesteigung schreiben Chateaubriand,
Bonald und De Maistre frei, das »+Journal des Débats+« wird
aufgefordert, seinen Kreuzzug wider die Philosophie des achtzehnten
Jahrhunderts zu unternehmen, der Papst besucht Napoleon in Paris,
die Geistlichkeit wird geehrt, Frayssinous predigt ungehindert.
Gegen das Ende des Kaiserreichs müssen die Führer der katholischen
Partei verstummen, das »+Journal des Débats+« ist konfiscirt,
der Papst ein Gefangener, die Klerisei dem Kaiser verhaßt, und die
Kanzel Frayssinous verschlossen. Erst 1814 wird gleichzeitig mit der
politischen Restauration eine Erneuerung der religiösen unternommen,
welche vollständig befestigt, was durch das Konkordat begonnen war.
Ist es nun auch nicht zu Viel gesagt, daß es unter Napoleon keine
eigentliche Poesie gab, so ist doch nicht minder gewiß, daß unter
seiner Herrschaft ein nicht bedeutungsloser Versuch gemacht wurde, dem
Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts zu geben, was Voltaire dem
vorhergehenden in seiner Henriade zu geben versucht hatte: nicht mehr
noch minder als eine große nationale Epopöe.
Die Aufgabe war bedenklich, Das läßt sich nicht leugnen. Zu einer
Zeit, wo Frankreich Europa mit Helden wie Ney und Murat und all'
den Marschällen des neuen Kaiserreichs erfüllte, wo Napoleon alle
offenen Wunden Frankreichs mit eroberten feindlichen Fahnen verband,
wo die Thaten der Gegenwart alle Thaten der Vergangenheit in Schatten
stellten, -- wo sollte man da einen geeigneten Helden für ein Epos und
wo sollte man Thaten finden, welche die Lesewelt fesseln konnten?
Der Mann, welcher sich an ein solches Beginnen wagte, war kein Anderer,
als Der, welcher von Anfang an auf eine Aufsehen erregende Art die
literarische Bewegun] der Periode eingeleitet hatte, Derjenige, welcher
von Allen am meisten »+en vue+« war, nämlich Chateaubriand.
Er empfand nicht allein Lust, sondern eine Art Verpflichtung, eine
Epopöe zu schreiben. Er hatte ja in seinen ersten Werken behauptet,
daß die Legenden der christlichen Religion die heidnischen Mythen an
Schönheit weit überträfen, daß dieselben dem Dichter mehr böten, daß
alle Charaktere: Vater, Gatte, Liebhaber und Braut, als christliche
Menschen schöner und poetischer, denn als natürliche, seien. Es galt
für ihn, das Beispiel der Regel, den Beweis dem Lehrsatze hinzuzufügen,
und um die Wahrheit seiner Behauptung und die Stärke seines Talentes
darzuthun, beschloß er, ein christliches Epos zu verfassen. Er suchte
daher seine Helden nicht auf einem der großen Schlachtfelder Europa's;
Namen wie Marengo und Austerlitz machten keinen Eindruck auf ihn. In
Uebereinstimmung mit der ganzen Geistesrichtung, die er eingeschlagen
hatte, wählte er sich nicht aktive, sondern passive Helden,
überhaupt nicht Helden, sondern Märtyrer, zum Gegenstande seines
Darstellungstalents und betitelte solchermaßen sein Epos, das für uns
übrigens mehr einem gewöhnlichen zweibändigen Romane gleicht, da es in
Prosa geschrieben ist: »Die Märtyrer, oder der Triumph der Religion«.
Um diese Wahl des Stoffes recht zu verstehen, muß man bedenken,
daß der Ideenkreis, in welchem die Männer dieser Schule lebten, in
Wirklichkeit nicht derjenige des Kaiserthums, sondern der nach
rückwärts gerichteten Emigranten war. Man hatte sich noch nicht von
seinem Grausen über die Thaten der Revolution erholt. Man sah in den
Führern der Revolution lauter Blutmenschen, in der niedergeschlagenen
Partei lauter Opfer. Der eigentliche Held war für diese Männer nicht
Napoleon, der unternehmungslustige Krieger, sondern Ludwig +XVI.+,
der unschuldige Märtyrer. Was waren sie anders, als Märtyrer, alle
die christlichen Priester, die um ihres Glaubens willen in den
Septembertagen niedergemetzelt worden waren, alle die der Königsmacht
von Gottes Gnaden treu ergebenen Männer und Frauen, welche den Tod in
der Vendée erlitten hatten! So schuldlose Opfer, wie die Prinzessin
Lamballe oder die jungen Mädchen in Verdun während der Revolution und
wie der Herzog von Enghien in der jüngsten Zeit, waren Heldinnen, und
Helden, die einer Verherrlichung werth erschienen, tausendmal mehr als
Die, welche sich auf allen Schlachtfeldern Europas mit Blut befleckten.
Schon im Jahre 1802 hatte Chateaubriand die Idee zu seinem Epos
gefaßt, 1806 waren die ersten Gesänge fertig. Aber die Handlung sollte
sich über die ganze in der alten Zeit bekannte Welt erstrecken.
Chateaubriand war keine bequeme Natur, er fühlte sich nicht geneigt,
das Werk so rasch wie möglich zu vollenden, um so leicht wie
möglich auf seinen Lorbeern zu ruhen. Er unterbrach daher seine
Arbeit und reiste im Juli 1806 ab, um Griechenland, den Orient,
Jerusalem, Aegypten, Karthago zu besuchen und über Spanien nach Paris
heimzukehren. Der nächste Zweck dieser Reise war, wie er in der Vorrede
zu seinem später veröffentlichten »+Itinéraire+« offen bekennt,
das begonnene Gedicht zu vervollkommnen. Er sagt: »Ich habe diese Reise
nicht unternommen, um sie zu beschreiben. Ich hatte einen bestimmten
Zweck bei derselben; diesen Zweck habe ich in den Märtyrern erfüllt,
ich suchte Bilder, das war Alles«.
Das war jedoch nicht Alles, weder Alles, was Chateaubriand mit seiner
Reise bezweckte, noch Alles, was man nach seinem Wunsche in derselben
erblicken sollte. Chateaubriand ist +Childe Harold+ vor dem
wirklichen; Chateaubriand ist der Byron der Restauration. Gerade wie
sein René ein Vorläufer der Byron'schen Helden ist, so ist er selbst
auf seinen Pilgerfahrten ein Vorgänger jenes halb erdichteten, halb
wirklichen Harold, den die Lust nach Abenteuern und die Sehnsucht
nach Eindrücken von Land zu Lande jagt. Aber als ein Byron der
Restaurationszeit kann er nicht, wie der englische Lord, der noch
Vikingerblut in seinen Adern empfand, sich damit begnügen, ein so
vereinzeltes Motiv seiner Fahrten ehrlich zu bekennen. Es wäre wenig im
Geiste der Restaurationszeit gewesen, es hätte wenig zu Chateaubriand's
Rolle in jener Zeit gestimmt, nach Jerusalem zu ziehen, um Landschaften
zu studiren, seine Palette mit Farben und sein Skizzenbuch mit
Entwürfen zu füllen. Wenn Childe Harold von seiner Pilgerfahrt spricht,
nimmt er das Wort in figürlicher Bedeutung, Chateaubriand gebraucht
es ganz buchstäblich. Er theilt Allen mit, daß er nach dem heiligen
Lande reise, um sich durch den Anblick der heiligen Stätten zu erbauen.
Er bringt Wasser aus dem Jordanflusse mit heim, und als später der
Graf von Chambord geboren wird, hat er es bei der Hand, um das
königliche Kind damit taufen zu lassen. Er sagt selbst: »Es mag seltsam
erscheinen, heutigen Tages von heiligen Gelübden und Pilgerfahrten zu
reden; aber in diesem Punkte bin ich, wie bekannt, ohne Scham und habe
mich schon längst selber in die Reihe der Abergläubischen und Schwachen
gestellt. Ich werde vielleicht der letzte Franzose sein, der mit den
Ideen, Zwecken und Gefühlen eines mittelalterlichen Pilgrims aus seiner
Heimat zum heiligen Lande gezogen ist. Aber besitze ich auch nicht die
Tugenden, welche vordem bei den Herren von Coucy, Nesles, Chastillon
und Montfort glänzten, so habe ich doch wenigstens noch den Glauben,
und an diesem Zeichen würden sogar die alten Kreuzfahrer mich als einen
ihres Gleichen erkennen.«
Ist es nun schon ein starkes Stück von einem rein modernen Geiste, wie
Chateaubriand, sich Pilgrimsgefühle und Pilgrimszwecke beizulegen, da
die alten Pilgrime, so viel bekannt, nicht nach Bildern und Eindrücken
für literarische Produktionen umherreisten, was soll man gar sagen,
wenn man in Chateaubriand's hinterlassenen Memoiren ein Geständnis
über den ferneren Zweck dieses Aufsuchens von Bildern findet, welche
das grellste Licht auf jene zuletzt angeführten Worte wirft? Durch
seine Anstrengungen, Ruhm zu erreichen, durch seine Studien und Reisen
hoffte er die Gunst einer Dame zu gewinnen, in die er verliebt war.
An und für sich ist ja Nichts natürlicher. Er war noch jung. Er besaß
einen glühenden Ehrgeiz und liebte mit Leidenschaft. Was Wunder,
daß er sich selbst zurief: »Ruhm, größeren Ruhm, mit vollerem Recht
erworbenen Ruhm, um sie besser zu verdienen, um ihr meinen ernsten
Vorsatz zu beweisen, mich ihrer Gunst würdig zu machen!« Sie scheint
außerdem ehrgeizig für ihn gewesen zu sein, ihm ihren Besitz in weiter
Ferne als Lohn neuer Anstrengungen in Aussicht gestellt zu haben.
Mag sogar etwas Mittelalterliches, an die Ritterzeit Erinnerndes in
diesem Verhältnisse gewesen sein! aber was für eine Prälatenseele muß
man besitzen, um hier von Kreuzzug und Pilgerfahrt reden zu wollen!
Chateaubriand sagt in seinen +Mémoires d'outre-tombe+: »Aber
habe ich auch in der Reisebeschreibung Alles von dieser Reise gesagt,
welche in der Hafenstadt Desdemona's und Othello's begann? Wallfahrtete
ich mit reuigem Gemüth zu Christi Grabe? ~Ein einziger Gedanke~
verzehrte mich; ich zählte mit Ungeduld die Augenblicke. Vom Verdeck
meines Schiffes, die Augen auf den Abendstern geheftet, bat ich ihn um
günstigen Wind, der mich rasch von dannen führe, um Ruhm, damit ich
geliebt würde. Ich hoffte mir Ruhm in Sparta, in Zion, in Memphis, in
Karthago zu erwerben und ihn nach der Alhambra mitzubringen. Würde man
die Erinnerung an mich mit so ausdauernder Treue bewahrt haben, wie ich
meine Proben ablegte?... Wenn ich heimlich einen Augenblick des Glücks
genieße, so ist dasselbe verwirrt durch die Erinnerung an jene Tage der
Verführung, der Bezauberung und des holden Wahnsinns.«
So spricht Tannhäuser, als er dem Venusberge entronnen ist, aber
Peter der Einsiedler führte nicht diese Sprache, als er vom heiligen
Grabe zurückkehrte. Die Dame, welche Chateaubriand ein Rendezvous in
der Alhambra bestimmt hatte, war die junge Madame De Mouchy, welche
von Zeitgenossen als ein Wunder von Schönheit, Anmuth und Feinheit
geschildert wird. Sie starb im Wahnsinn. -- Chateaubriand war seit
1792 vermählt. Seine Ehe war vielleicht eine Unbesonnenheit, aber
hätte er als ein so eifriger Fürsprecher der christlichen Moral sie
nicht respektiren müssen, auf welche Art sie auch geschlossen sein
mochte? Er schildert ihr Zustandekommen folgendermaßen in seinen
Memoiren: »Die Sache ward ohne mein Wissen betrieben ... Ich fühlte
mich in keiner Beziehung zum Ehemanne geeignet. Alle meine Illusionen
lebten noch, Nichts in mir war erschöpft; die Energie meines Lebens
war sogar verdoppelt durch meine Reisen. Ich wurde beständig von der
Muse geplagt. Meine Schwester hielt viel von Mademoiselle De Lavigne
und sah in dieser Ehe für mich eine unabhängige Stellung. Bringe sie
denn zu Stande, sagte ich. Bei mir ist die öffentliche Persönlichkeit
unerschütterlich, aber die Privatperson ist die Beute eines Jeden,
der sich ihrer bemächtigen will, und um den Verdrießlichkeiten einer
Stunde zu entgehen, könnte ich mich für ein Jahrhundert zum Sklaven
machen.« Glücklicherweise fühlte er sich nicht allzu sehr gebunden. Als
heimgekehrter Pilgrim schrieb er nun seine Epopöe.
Eine Epopöe im neunzehnten Jahrhundert! Es giebt in unseren Tagen
Niemand mehr, der an die Möglichkeit einer solchen glaubt. Eine klarere
Einsicht in die historischen Bedingungen des Entstehens der großen
Vorzeits-Epopöen, als irgend eine frühere Zeit sie besaß, hat uns
von der Nutzlosigkeit überzeugt, heutigen Tages mit Werken von der
Frische und Naivetät der Ilias und der Odyssee wetteifern zu wollen.
Eben so wenig, wie ein wirklicher Dichter in jetziger Zeit darauf
verfallen könnte, die Veda-Hymnen, die Psalmen David's oder Völuspà
nachahmen zu wollen, eben so wenig versucht Jemand in heutiger Zeit
mit den unvergänglichen Werken zu rivalisiren, in welchen am Morgen
der Zeiten ein Volk kindlich seine ganze Götter- und Sagenwelt dem
Zuhörer vorübergleiten ließ, wie die Griechen es in ihren nationalen
Heldengedichten, die Deutschen im Nibelungenliede und die Finnen im
Kalewala gethan haben. Die Epopöen, welche, wie diejenigen Virgil's und
Tasso's, Camoens', Klopstock's und Voltaire's, jene alten Volksgedichte
mit Bewußtsein und Studium nachahmen, und welche das Mirakulöse in
ihnen in eine todte epische Maschinerie verwandelten, haben niemals
den Rang ihrer Vorbilder erreichen können, und besitzen nur Werth in
dem Grade, in welchem sie ihnen der Zeit und dem Geiste nach innerlich
nahe stehen. Je weniger Naivetät sie besitzen, desto kälter stehen
wir ihnen gegenüber. Die nicht mißlungenen epischen Gedichte welche
in neuerer Zeit geschrieben sind -- ich nenne als Beispiel Goethe's
Hermann und Dorothea oder aus jüngsten Tagen Hamerling's König von Zion
-- haben den epischen Apparat ganz aufgegeben. Aber Das war keineswegs
Chateaubriand's Absicht. Im Gegentheil! Es galt ja eben denselben zu
verdoppeln, den christlichen Apparat in seiner Ueberlegenheit über den
antiken strahlen zu lassen.
Da er kein Versdichter ist, beschließt er sein Werk in Prosa zu
schreiben; aber ein wie großer Meister er auch in dieser Kunstart ist,
so ahnt man doch schon, wie er nach einem Stile umhertasten wird.
Alle möglichen Einwirkungen durchkreuzen sich bei ihm: Homer und die
Offenbarung Johannis, Dante und Milton, die Kirchenväter und Sueton.
Die Handlung ereignet sich zur Zeit Diokletian's, die Hälfte der
auftretenden Personen sind Heiden, die Hälfte Christen. Der Held
Eudorus gewinnt das Herz eines jungen heidnischen Mädchens, bekehrt sie
und stirbt mit ihr als Märtyrer im Kollosseum zu Rom. Ihr Vater ist
Grieche und begeisterter Apostel Homer's. Die Episoden spielen in dem
alten Gallien.