So gelingt es Bonald, von seinem legitimistischen Staatsprincip

aus seine Ehe-Theorie durchzuführen. Er schließt damit, daß die

Scheidung absolut untersagt werden müsse, und daß die bloße Trennung

ohne Erlaubnis zur Eingehung einer neuen Ehe hinlänglich allen

Unzuträglichkeiten abhelfe, die aus disharmonischen Verbindungen

hervorgehen könnten. Da diese Ideen Bonald's Gesetzeskraft erlangten,

bildete sich in Frankreich der Zustand aus, welcher dort bis jetzt

herrschte, und welcher die französische Ehe zum Spott für die ganze

Erde gemacht hat, ein Zustand, der es z. B. dem jungen Mädchen

unmöglich macht, falls ihr Gatte sich am Hochzeitstage mit ihrer ganzen

Mitgift absentirt, sich je wieder zu verheirathen oder legitime Kinder

zu bekommen. Während das Gesetz mildernde Umstände bei Mordbrennern

und Mördern zugelassen hat, und man ihnen, wenn sie sich eine gewisse

Anzahl von Jahren gut aufgeführt haben, die vollständige Freiheit

schenken kann, hat das betrogene junge Mädchen nach Bonald's Theorie

und Frankreichs Gesetzen keine Hoffnung auf Freiheit, wie Derjenige,

welcher eine Familie durch Brandstiftung ums Leben gebracht oder seinen

Vater erschlagen hat.

In dem Entwurf des Konventes zu einem Civilrechte hieß es:

»Die Ehe ist eine Sache der Freiheit, d. h. des Gewissens.

»Sie errichtet ein Bündnis, bei welchem Mann und Frau auf gleichem Fuße

stehen.

»Die Ehegatten ordnen frei die Bedingungen ihrer Verbindung.

»Die Ehegatten besitzen oder üben gleiches Recht aus in Betreff der

Verwaltung ihres Eigenthums.

»Scheidung findet statt auf Wunsch beider Ehegatten oder eines der

Ehegatten.

»Das Gesetz untersagt es, irgend eine Einschränkung des

Scheidungsrechtes zu stipuliren«.

Es scheint, daß die große Scheidungsfreiheit, welche so plötzlich

erstattet ward, wie jede andere plötzlich erworbene Freiheit,

Anfangs mißbraucht wurde, und daß man z. B. mit großem Leichtsinn

und ohne besondere Rücksicht auf die Kinder flüchtigen Neigungen

folgte, die weder das Recht noch die Würde wirklicher Liebe haben.

Analogen Erscheinungen begegnet man überall in der Geschichte, wo

Fesseln zerbrochen werden. Aber Das war genug für Diejenigen, welche,

wie Bonald, keinen Glauben an die Freiheit besaßen, und an keine

andere moralisirende Macht glaubten, als an den Zwang, Alles zu dem

traditionellen Zustande zurückzuführen. Was kann gewisser sein, als daß

das Ideal, welches nie vergessen und zuweilen erreicht werden wird,

darin besteht, daß zwei Menschen, die sich mit einander verbunden

haben, einander bis zum Tode lieben, ja mit einer Liebe, die den

Tod überdauert; allein dies Ideal ist die Folge einer richtigen und

glücklichen Wahl, nicht irgend welcher Zwangsmaßregeln. Der Vorwand zu

diesen war natürlich die Rücksicht auf die Kinder, und Betreffs dieses

Punktes hat Bonald seine Theorie in den prägnanten und wohl stilisirten

Satz zusammen gefaßt: »Da die eheliche Verbindung drei Personen, Vater,

Mutter und Kind, betrifft, kann sie nicht aufgehoben werden, weil

zwei darüber einig sind. Da das Kind unmündig ist, so vertritt die

Gesellschaft den Ehegatten gegenüber das Kind, und erhebt als Vertreter

des Kindes ihren Einspruch wider die Auflöslichkeit der Ehe.« Man

sieht leicht, daß diese Argumentation es zum ersten als feststehend

betrachtet, daß die Aufrechthaltung der Ehe um jeden Preis unbedingt

dem Kinde am besten diene, was selbstverständlich durchaus nicht

feststeht, -- zum zweiten die Rücksicht auf das Kind zur absoluten

und einzig entscheidenden macht, was selbstverständlich ein nur auf

dem die Vernunft proskribirenden Standpunkte des Autoritätsprincips

mögliches Postulat ist, -- zum dritten nur auf das innerhalb der Ehe

geborene Kind Rücksicht nimmt, und die übrigen als nicht existirend

betrachtet, während eine der traurigsten Folgen der traditionellen

Ordnung gerade diejenige ist, daß nicht alle Kinder mit gleichen

Rechten ihren Eltern und dadurch der Gesellschaft gegenüber stehen.

Bonald's Gesellschaftsordnung, welche die Rücksicht auf das Kind als

die absolute betrachtet, hat in unseren Tagen dahin geführt, daß mehr

als 2,800,000 Franzosen als unechte Kinder in einer unverschuldeten

Rechtsungleichheit den Eltern gegenüber geboren werden, welche in

Frankreich noch größer als anderswo ist.

Wie inkonsequent jedoch in Einzelheiten Bonald's Theorie sein möge,

sie ist werthvoll, ja kostbar als eine in allen Grundzügen konsequente

Durchführung des Autoritätsprincips auf dem Gebiet der Familie. Er hat,

was die Halbliberalen niemals haben, einen klaren und durchdringenden

Blick für den Zusammenhang zwischen den politischen und den socialen

Principien der Revolution. Er könnte niemals, wie Diejenigen, deren

Princip das Geschwätz ist, erstere von letzteren trennen und übersehen,

daß die traditionelle Auffassung von der Ehe, welche man zum Theil

heute noch festhält, auf das Innigste mit der traditionellen Auffassung

vom Staate zusammenhängt, welche man heutigen Tags aufgegeben hat. Der

Zusammenhang tritt überall hervor, wo die Frage diskutirt wird. Als

die Abolitionisten in Amerika ihre Theorien vorbrachten, vertheidigten

die Sklavenbesitzer sich damit, daß Alles, was im Sklavereiverhältnis

stattfinde, in keiner Hinsicht von Demjenigen verschieden sei, was in

der Familie und in der Ehe stattfinde. Man sieht auch, daß dort eben so

viel leere Deklamation wider das Recht der Scheidung überhaupt gehört

worden ist, wie man heutigen Tags gegen erweiterte Scheidungsfreiheit

oder überhaupt gegen eine veränderte Auffassung Dessen, was die Ehe

heilig und werthvoll macht, zu hören bekäme.

Dem Autoritätsprincip steht auf diesem wie auf allen andern Gebieten

das Freiheitsprincip in seinen verschiedenen Formen als Liberalismus

und Socialismus gegenüber. Wenn wir die socialistischen Theorien,

die uns später bei den Saint-Simonisten begegnen werden, ganz außer

Betracht lassen, so steht dem Autoritätsprincip hier die liberale

Theorie mit ihrem Princip, dem Individualismus, gegenüber, wie dasselbe

von englischen und französischen, besonders aber von amerikanischen

Denkern entwickelt worden ist. Es ist dies Princip, welches dem

vorhin angeführten Entwurfe des Konventes zu Grunde liegt. Der

Grundgedanke ist der, daß nicht die Familie, wie gewöhnlich gesagt

wird, sondern das Individuum der Grundpfeiler der Gesellschaft, und

daß das Individuum souverain sei. An die Stelle der legitimistischen

Theorie von der Souverainetät Gottes und der zweideutigen Lehre von

der Volkssouverainetät tritt die Lehre von der Souverainetät des

Individuums. (Dieser Ausdruck ist zuerst von dem Amerikaner Samuel

Warren gebraucht worden, von welchem ihn selbst John Stuart Mill,

wie er in seiner Autobiographie, S. 256, berichtet, entlehnte.)

Die Souverainetät des Individuums sichert, wie das Wort besagt,

die absolute Freiheit jedes Menschen, sie untersagt Jedem, irgend

eine Herrschaft oder irgend eine Kontrolle über einen Andern an

sich zu reißen. Die Anhänger dieser Lehre sagen: ~entweder~

Bevormundung des Individuums, d. h. Censuraufsicht über die Presse,

Polizeiorganisation von Hausspionen, Paßsystem, Schutztarife, Verbot

der Scheidung, Gesetze, welche das Gefühlsleben der Männer und

Frauen reguliren, und das ganze System eines willkürlichen Zwanges,

welcher auf die Freiheit des Individuums geübt wird, ~oder~

Souverainetät des Individuums, d. h. Preßfreiheit, Redefreiheit,

Freizügigkeit, Freihandel, Freiheit der Forschung und der Gefühle.

Von diesem Gesichtspunkte aus ist die einzig mögliche Vertheidigung

eines die Freiheit beschränkenden Gesetzes die, daß eine vorläufig

aufgezwungene Ordnung nur der nächste Weg zu einer vollkommneren

Ordnung mit vollständiger Freiheit sei, denn Freiheit ist das Ideal des

Individualismus. Die Männer dieser Schule halten die Einmischung des

Staates in die Gefühlsverhältnisse der Individuen für unberechtigt; sie

betonen, daß das gesetzliche Band, welches zwei Wesen von verschiedenem

Geschlecht zusammenzwinge, entweder ~überflüssig~ -- falls das

Zusammenbleiben ihr eigner Wunsch ist, -- oder ~empörend~ sei

-- falls es umgekehrt ihrem Wunsche widerstreitet. Sie finden, daß

die Gesellschaft ein entsetzliches Unrecht wider Individuen begeht,

von welchen eins das andere verabscheut, wenn sie dieselben nöthigt,

beisammen zu bleiben und Kinder aus der Neigung des Einen und dem

Widerwillen des Andern zu zeugen. Sie finden es empörend, daß die

Gesellschaft eine Frau wider ihren Wunsch zwinge, einem Trunkenbolde

ein Kind zu gebären, ein Kind, das von dem Augenblick an, wo es zum

Leben erwacht, die verderbten Triebe und Lüste seines Vaters besitzt.

Sie nehmen also eben so viel Rücksicht auf die noch ungeborenen Kinder,

wie Bonald auf die geborenen; sie sehen nicht, wie er, einen Beweis

der Unvollkommenheit des Weibes, sondern einen Beweis der Rohheit der

Gesellschaftsordnung darin, daß das Weib wider seinen Willen Mutter

werden kann. Sie behaupten, vermöge des Abhängigkeitsverhältnisses,

worin alle Lebenssphären von einander stehen, die Unwahrscheinlichkeit,

daß ein einziges Gebiet des Menschenlebens durchaus richtig auf dem

traditionellen Fundamente geordnet sein könne, während die Ordnung

aller übrigen Gebiete als durchaus verkehrt erfunden und deshalb in

den letzten hundert Jahren von oben bis unten verändert worden ist.

Dies ist die Argumentation, welche am häufigsten von den Männern

dieser Schule angewandt wird. (Siehe z. B. +Stephen Pearl Andrews:

Love, marriage and divorce. New-York.+ Vergl. auch +Emile de

Girardin: L'homme et la femme.+) Es ist in diesen wie in vielen

andern Fällen zweifelhaft, wie weit der reine Liberalismus den rechten

Weg zum Ziele angiebt. Ich charakterisire hier nur das Princip als

Gegensatz zu demjenigen der Autorität. Nichts liegt mir ferner, als

in einer historischen Schilderung zu versuchen, selbst eine Theorie

aufzustellen. Was ich für meine Person geltend machen will, ist auf

diesem wie auf allen andern Punkten nur die unbedingte Freiheit der

Forschung.

Wenn ein Denker in einem katholischen Lande sich frei über die Messe

oder andere Kirchenceremonien äußert, wird er in der Regel als ein

Religionsspötter oder gar als ein Atheist bezeichnet. Der Rechtgläubige

meint nämlich, daß die Religion in gewissen bestimmten Ceremonien

bestehe oder nur im Zusammenhang mit ihnen bestehen könne, da sie in

seinem Bewußtsein immer mit demselben associirt gewesen ist. Er ahnt

nicht, daß der Angreifer eine viel höhere und reinere Auffassung von

der Idee der Religion, als er selbst, besitzt. Weshalb nicht? Weil

er bemerkt hat, daß Die, welche er bisher dem äußeren Kultus, an den

er selbst geknüpft ist, die geringste Achtung hat erweisen sehn,

unordentliche und unsittliche Menschen, ja fast jedes Verbrechens

fähig waren. Er zieht nun hieraus vorschnell einen allgemeinen Schluß

auf alle Diejenigen, welche nicht den Kultus und die Priester der

Kirche anerkennen, und da er also nicht entwickelt genug ist, um die

verschiedenen Klassen der Angreifer von einander zu unterscheiden,

schlägt er den religiösen Philosophen und Enthusiasten über einen

Leisten mit der gewöhnlichen Sippschaft gottvergessener Schelme. Er

vermengt Den, welcher über ihm steht, mit Denen, welche unter ihm

stehen. Ganz eben so geht es, wenn von der herkömmlichen Auffassung

des Verhältnisses zwischen Mann und Weib die Rede ist. Die Ordnung

dieses Verhältnisses in einem bestimmten Lande zu einer bestimmten

Zeit ist nicht mehr die Ehe, als der Katholicismus in Spanien im

siebzehnten Jahrhundert die Religion ist. Einige stehen ~unter~

der Ehe-Institution, wie sie ~ist~, Andere stehen ~über~

ihr, während die Mehrzahl in den civilisirten Ländern sich ganz auf

dem Niveau dieser Institution, wie sie ist, befindet, die öffentliche

Meinung in Uebereinstimmung mit ihrer Anschauungsweise bearbeitet, und

beide Gruppen Andersdenkender zu einer zusammenschweißt, welche dann

der allgemeinen Verachtung preisgegeben wird.

Das Selbe, was zur Aufstellung des Autoritätsprincips auf den Gebieten

der Religion und des Staates führt, veranlaßt auch die Aufstellung

desselben in Betreff der Ordnung des Verhältnisses zwischen den

Geschlechtern.

Der Fehlschluß in religiöser Beziehung besteht in der Annahme, daß die

Kirche, weil sie Jahrhunderte hindurch einen civilisatorischen Beruf

gehabt hat, von wesentlicher Bedeutung für die Existenz erhabener

Gefühle und Gedanken, und daß die Liebe zu geistigen Wahrheiten

nicht den Menschen natürlich sei und mit der ganzen Entwicklung der

Menschheit zunehme, sondern daß sie ihnen durch eine beständige

Thätigkeit von Bischöfen und Priestern, Kirchen, Kirchenversammlungen

&c. beigebracht und erhalten werden müsse.

In Betreff des Verhältnisses zwischen Mann und Weib ist die

entsprechende Thorheit die, zu wähnen, daß die Menschen nicht von

Natur Ordnung und Harmonie in diesem Verhältnisse lieben, und in um

so höherem Grade, je entwickelter und feinfühlender sie sind, daß die

Männer nicht von Natur ihre Kinder und die Mutter ihrer Kinder lieben,

nicht von Natur Achtung für das andere Geschlecht und für sittliche

Reinheit hegen, sondern daß all diese Tugenden und Eigenschaften

erst mittels der Gesetzgebung in der menschlichen Seele fabricirt

und erhalten werden müssen, obendrein während die Gesetze, seltsam

genug, nur durch die vereinigte Thätigkeit all' dieser Individuen

hervorgebracht werden, welche, jedes für sich betrachtet, all' dieser

Eigenschaften und Tugenden baar sein sollen. Nein, so sehr ist vielmehr

das Entgegengesetzte wahr, daß nur die Liebe zu all' diesen Tugenden

und Gütern die Menschen bewegt, oftmals schmerzlich genug, all' die

künstlichen Ordnungen und Systeme, unter denen sie seufzen, mit Geduld

zu ertragen und sich ihnen zu unterwerfen, weil sie von Kindesbeinen an

gelernt haben, daß eine Ordnung wie die gebotene die einzige Sicherheit

für die Aufrechterhaltung der Tugenden und Güter sei, die sie vor Augen

haben.

Da in Folge Dessen jedes Studium der Natur und der menschlichen Seele

zurückgedrängt oder unmöglich gemacht wird, werden die Gemüther dazu

erzogen, ohne Prüfung oder Untersuchung Dasjenige für wahr anzunehmen,

was sich auf Tradition oder Autorität stützt, während die Gegner des

Autoritätsprincips beschuldigt werden, die Unsittlichkeit zu bezwecken

und zu begünstigen.

Wäre man darauf ausgegangen, das erniedrigendste und verdummendste

Princip aller Principien auf Erden zu finden, so hätte man zu keinem

anderen als dem Autoritätsprincip gelangen können.

Das Autoritätsprincip führt konsequent zu Sätzen wie diesen: Die Ehe

ist um der Gesellschaft willen da, und der Zweck der Gesellschaft ist,

sich selbst zu erhalten, -- oder, mit einer kleinen Nuance: Die Ehe in

ihrer traditionellen Form ist heilig, weil sie zur Bewahrung sittlicher

Reinheit unentbehrlich ist. Und worin besteht sittliche Reinheit? In

der Beobachtung der Ehe in ihrer traditionellen Form.

Auf diesem Wege kommt man nicht weiter. Man dreht sich im Kreise und

bleibt beständig auf demselben Fleck.

Wenn die Gegner des Autoritätsprincips dagegen sagen: Der Zweck der

Gesellschaft ist das höchste Glück ihrer Mitglieder, der Zweck der

Ehe ist das Wohl der Familie, so ist die Untersuchung freigegeben

rücksichtlich Dessen, was dies Wohl und jenes höchste Glück ist. Und

wenn sie weiter sagen: »Sittliche Reinheit besteht in derjenigen

Art von Verhältnis zwischen Wesen verschiedenen Geschlechts, welche

im höchsten Grade zum gegenseitigen Wohl und Glück Beider beiträgt,

die entferntesten Resultate dieser Verbindung eben so wohl wie

die unmittelbaren in Betracht gezogen«, und wenn diese Definition

angenommen oder geprüft wird, so sehen wir den Horizont vor uns

offen und das Feld frei für eine neue radikale und wissenschaftliche

Forschung, sowohl physiologisch wie psychologisch und ökonomisch, in

einem Umfange, wie die Welt sie niemals zuvor gekannt hat.

Ordnung und Harmonie! Das sind die Stichwörter bei den Verfechtern

des Autoritätsprinzips. Ja gewiß, Ordnung und Harmonie! Aber was

die Welt jetzt lernen muß und wird, selbst wenn es Jahrhunderte

beanspruchen sollte, ist, daß Ordnung und Harmonie das Werk der

Wissenschaft sind und niemals das Werk willkürlicher Gesetzgebung

oder eines Kriminalkodex und einer öffentlichen Meinung sein können,

die sich auf Tradition und Autorität stützen. Es giebt keine andere

vernünftige Einrichtung und Ordnung der Gesellschaft, als die, welche

auf dem wissenschaftlichen Einblick in die Organisation des Menschen

beruht. Alle Gesellschaften, die der Familie sowohl wie des Staates,

existiren nicht um ihrer selbst, sondern um der Individuen willen,

damit die Individuen gewisse große Zwecke und Güter erreichen können.

Solche Zwecke sind sittliche Reinheit, Erziehung der Kinder, Schutz

des Weibes. Falls nun diese Zwecke sich nur auf dem Wege, den das

Autoritätsprincip anweist, erreichen lassen, dann muß man Freiheit

auf diesen Gebieten selbstverständlich -- im Gegensatze zu Dem,

wofür man sie auf so vielen anderen Gebieten hält -- für einen Fluch

halten, sie verfolgen und ausrotten. Falls diese Zwecke hingegen sich

~möglicherweise~ auf anderen Wegen, möglicherweise ~besser~

auf anderen Weg erreichen lassen -- und eine solche Möglichkeit zu

leugnen ist schwer, -- falls sie endlich auf dem traditionellen Wege

so gut wie ~gar nicht~ erreicht worden sind, so muß eine durch

keine Rücksicht beschränkte freie Untersuchung ohne die geringste

Menschenfurcht vor irgend einer Autorität stattfinden. Was ich für

mein Theil konstatiren will, ist nur Das, daß das Autoritätsprincip

als ein solches, welches jeder Diskussion den Weg versperrt, das

schlechteste, dümmste, erniedrigendste von allen ist, und sich selbst

verurtheilt hat. Wer dadurch, daß er die freie Untersuchung auf irgend

einem socialen Gebiete verhöhnt oder verwehrt, Ursache davon ist --

wie er es unzweifelhaft werden muß, -- daß die eine oder andere seinen

Mitmenschen nützliche Hypothese -- und wäre es nur eine einzige -- sich

nicht ans Tageslicht getraut oder der Wirklichkeit gegenüber nicht

geprüft wird, ist ein Verbrecher, für den man die härteste Strafe,

wenn es Recht und Gerechtigkeit in der Welt gäbe, nicht zu hart finden

würde. Leider besteht die Mehrzahl aller civilisirten Menschen aus

Verbrechern dieser Art, so daß die Aussicht, sie bestraft zu sehen,

freilich gering ist.

Bonald war ein solcher Verbrecher. Seine äußeren Lebensverhältnisse

waren indeß nicht der Art, daß man in seiner Lebensbahn eine Spur

von der Rache der Eumeniden erblicken kann. Er wurde im Jahre 1754

geboren und starb erst 1840, satt an Ehren, und müd seines Lebens.

Er war erst Militair, verheirathete sich früh, wurde dann zum

Verwaltungspräsidenten im Departement Aveyron erwählt; er reichte seine

Entlassung ein, als Ludwig XVI. sich genöthigt sah, die bürgerliche

Verfassung der Geistlichkeit zu bestätigen, und emigrirte dann 1791.

Als er in Heidelberg seine »Theorie der Macht« geschrieben hatte, wurde

fast die ganze Auflage durch die Polizei des Direktoriums vernichtet.

Ein vereinzeltes Exemplar, das er an Bonaparte gesandt hatte,

erreichte zum Glück für den Verfasser doch seine Bestimmung und wurde

Veranlassung, daß ihn Dieser von der Emigrantenliste strich.

Er hatte nicht umsonst die Welt gelehrt, daß jede Revolution durch

den Unterthan begonnen, aber durch die Macht beendigt wird, daß sie

aus der Ursache entsteht, weil die Autorität schwach gewesen ist und

nachgegeben hat, und damit endet, daß die Autorität wieder zu Kräften

gelangt. Er hatte gezeigt, daß alle Unruhen nur die Macht stärken,

und geweissagt, daß die Revolution, welche mit der Erklärung der

Menschenrechte begann, mit der Erklärung der Rechte Gottes enden werde.

Da Bonaparte nun eben diese durch das Konkordat erklärte, so erlangte

Bonald bald eine angesehene Stelle. Er fuhr zwar fort, nur für die

Bourbonen zu schwärmen und von ihnen zu träumen, aber er traf vorläufig

die Wahl, diesen Träumen in einer Anstellung nachzuhängen, welche der

Kaiser ihm gab. Er wurde +conseiller tutélaire+ an der Universität

mit einem Jahrgehalte von 12000 Franks, wofür er nichts zu thun hatte.

Chateaubriand bespricht seine Bücher mit tiefer Bewunderung, De

Maistre schreibt ihm nach der Veröffentlichung seiner »+Recherches

philosophiques+«: Ist es zu glauben, daß die Natur sich damit

amüsirt hat, zwei Saiten auszuspannen, die so völlig übereinstimmen,

wie Ihr Geist und der meine! Wenn man jemals gewisse Sachen druckt,

werden Sie fast die gleichen Ausdrücke finden, die Sie selbst gebraucht

haben, und doch habe ich wahrlich nichts geändert.« Sie waren

geschaffen, einander zu verstehen. Welches Ansehen Bonald genoß, sieht

man z. B. aus dem rührenden Briefe, den Napoleon's Bruder, Ludwig von

Holland, ihm schrieb, um ihn zu bitten, daß er die Erziehung seines

ältesten Sohnes übernehme. Er schildert darin zuerst, wie krank er

beständig sei, wie innig er seinen Sohn liebe, wie sehr es Diesem noth

thue, von einem Manne in der vollen Bedeutung dieses Wortes gebildet

zu werden, damit er selbst ein Mann werde. Dann sagt er: »Nachdem ich

überall gesucht, habe ich, obschon ich Sie nicht persönlich kenne,

gedacht, daß Sie einer der Männer seien, die ich am höchsten achte. Sie

werden mir daher verzeihen, daß ich jetzt, wo ich Einen wählen soll,

dem ich mehr als mein Leben anzuvertrauen gedenke, mich an Sie wende.

Wenn das Glück, dessen Sie sich unzweifelhaft in einer friedliebenden

Häuslichkeit erfreuen, Sie nicht unempfindlich für das Gute gemacht

hat, das Sie, ich sage nicht für mich, ein Individuum, sondern für

ein ganzes Volk zu vollbringen vermögen, welches noch achtungswerther

als unglücklich ist, und Das will Viel sagen, -- so übernehmen Sie

die Aufgabe, der Erzieher meines Sohnes zu sein«. Und er schließt in

demselben Tone, indem er sich gegen die Verleumdungen seiner Person

vertheidigt, die nach seiner Meinung Bonald zu Ohren gekommen sein

könnten. Mit solcher Demuth näherte ein König sich diesem Manne -- und

vergebens, er lehnte die Aufforderung ab.

Ein anderer, noch auffallenderer Zug beweist, welchen Einfluß und

welches Gewicht man damals so despotisch gesinnten Autoritätsmännern,

wie ihm, beimaß. Eines Tages empfing Bonald ein Billet mit dem

Ersuchen, sich bei dem Kardinal Maury einzufinden. Dieser war jetzt

unter dem Kaiserthume ein anders mächtiger Mann geworden, als da er in

der Nationalversammlung Reden wider die Bürgerrechte der Juden hielt.

Als Bonald allein mit dem Kardinal war, richtete Dieser die Frage

an ihn, was er sagen würde, wenn der Kaiser ihn ersuchen ließe, die

Erziehung des Königs von Rom zu übernehmen? Einen Augenblick stand

Bonald verwirrt über so viel Ehre; dann gab er, wie man berichtet,

die ablehnende Antwort: »Ich bekenne, wenn ich ihn jemals lehrte, zu

herrschen, so sollte es eher an jedem anderen Orte als in Rom sein.«

Unter der Restauration wurde er dann einer der Haupturheber davon, daß

Rom und dessen Geist: das Autoritätsprincip, zur Herrschaft gelangten,

statt beherrscht zu werden. Er hatte sein ganzes Leben hindurch die

Preßfreiheit bekämpft. Er endete damit, daß die ganze Censur ihm

unterstellt war.

5.

Die Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, 3. Die Reaktion in Frankreich · 第 9 / 21 段