den Kern desselben bildet. Hier bestrebt sich Chateaubriand,
nachzuweisen, daß »von allen Religionen, die jemals existirt haben,
die christliche Religion die poetischste, die menschlichste, die für
Freiheit, Kunst und Literatur günstigste sei, daß die moderne Welt ihr
Alles verdanke, vom Ackerbau bis zu den abstrakten Wissenschaften,
von den Asylen für Unglückliche bis zu den Tempeln, welche von
Michel Angelo erbaut und von Rafael verziert wurden, daß es nichts
Göttlicheres gebe, als seine Moral, nichts Liebenswürdigeres und
Prächtigeres als seine Dogmen, seine Lehre und seinen Kultus, daß
es das Genie begünstige, den Geschmack läutere, die tugendhaften
Leidenschaften entwickle, dem Gedanken Kraft gebe, dem Schriftsteller
und Künstler die edelsten Formen verleihe« u. s. w.
Zweihundert Jahre lang hatte der große Streit, ob der literarische
Vorzug den Alten oder den Modernen gebühre, sich durch die ganze
neuere Literatur erstreckt, eine Streitfrage, welche schon Corneille
und Racine beschäftigte, welche Anlaß zu den Ersten Uebersetzungen
der klassischen Vorzeitsdichtungen gab, und deren Erörterung
allmählich dahin geführt hatte, daß der moderne Geist nach dem
ersten überwältigenden Eindruck von der Herrlichkeit der Antike sich
selbstvertrauend zusammenfaßte. Es war diese zweihundertjährige
Debatte, welche Chateaubriand jetzt in einer bisher nicht angewandten
Form als Diskussion über den Werth des Christenthums für die Poesie
und Kunst, im Vergleich mit dem Werthe der alten Mythologien, wiederum
aufnahm. Auf die seltsamste Weise verwahrt er sich dagegen, daß es doch
nicht darauf ankomme, ob und in welchem Grade eine Religion poetisch
sei, sondern, ob sie die Wahrheit für sich habe, oder nicht. Und zu
welchen Mitteln muß Chateaubriand seine Zuflucht nehmen, um seine
Behauptungen zu beweisen! Er vergleicht z. B. den heidnischen Tartarus
ästhetisch mit der christlichen Hölle. Wie Viel hat nicht diese voraus!
»Die Poesie der Qualen und die Hymnen des Fleisches und Blutes«.
So klirrt er poetisch mit den Marterwerkzeugen der Hölle, benutzt
sie als ästhetische Klappern für die alten und stumpfen Kinder
des neuen Jahrhunderts, und bringt ein Salonchristenthum in Mode,
zum Gebrauch der höheren und abgespannten Gesellschaftsklassen in
Frankreich. Im siebzehnten Jahrhundert hatte man an das Christenthum
geglaubt, im achtzehnten hatte man es verleugnet und ausgerottet, im
neunzehnten begann jetzt diejenige Art von Religiosität, welche darin
bestand, wehmüthig um das Christenthum herumzugehen, wie man um einen
Museumsgegenstand herumgeht, und auszurufen: »Wie poetisch! wie rührend
und wie schön!« Man brachte eine Klosterruine in seinem Garten an und
setzte einen Automaten in Eremitentracht hinein. Das goldne Kreuz ward
wieder ein Toilettengegenstand für Damen der guten Gesellschaft, und
man wurde durch Kirchenkoncerte zu Thränen gerührt. Man fühlte sich
ergriffen von dem Gedanken, welch ein Trost die Religion für den Armen
und Nothleidenden sei. Man hatte den einfältigen Glauben der alten Zeit
verloren und hielt sich an das Aeußere, an den poetischen, socialen
und politischen Einfluß der katholischen Kirche. Man putzte das
Autoritätsprincip, so veraltet und abgenutzt es war, mit sentimentaler
und poetischer Schminke auf, damit es jung und einladend aussähe, aber
man erreichte Nichts weiter, als das einst so furchtbare Princip zum
Gespötte zu machen.
Und wie Constant jetzt sein Buch über die Religionen im Hause seiner
Freundin Madame de Charrière schrieb, so schrieb Chateaubriand dies
Werk bei seiner aufopfernden und vertrauten Freundin Madame de
Beaumont. Sie half ihm beim Zusammensuchen der Citate, deren er für
dasselbe benöthigt war. Für etwas Weltlichkeit scheint das Buch also
doch Raum in seiner Seele gelassen zu haben.
Wie deklamirte Chateaubriand später unter Ludwig XVIII. wider die
verheiratheten Priester, mit welcher Entrüstung hetzte er die ganze
royalistische und katholische Partei gegen sie auf, wie eifrig sorgte
er dafür, ihnen jeden Heller ihrer Besoldung zur Strafe dafür zu
entziehen, daß sie sich die Gesetze der Republik zu Nutze gemacht und
sich wie jeder andere Bürger verheirathet hatten! Und war denn nicht
er selbst, »der demüthige Levit«, wie er sich als Verfasser des
»Genius des Christenthums« nennt, eine Art Priester, ja mehr als ein
gewöhnlicher Priester, und war er nicht verheirathet, und mehr als
verheirathet? Ich erwähne diesen Zug, weil er eins der tausend Symptome
von Etwas ist, das sich überall in der kirchlichen Restauration zeigt,
und für das mir das Wort Heuchelei als kein zu gehässiges und derbes
Wort erscheint.
Von solcher Art ist dies Buch, und so ist es entstanden. Sein
kolossaler Succeß und sein ungeheurer Einfluß geben ihm eine Bedeutung,
die es durch sich selbst nicht haben würde. Es war das Buch des
Augenblicks, das in einer Umhüllung von Empfindsamkeit eingeschmuggelte
Autoritätsprincip, welches bald den Thron besteigen sollte. --
Betrachten wir denn dies Princip, all' seiner Hüllen entkleidet,
in einem anderen Hauptwerke der Zeit, in Bonald's berühmtem Buche
»+Le divorce+«, -- meiner Ansicht nach das originellste und
interessanteste seiner Werke.
Dasselbe wird durch eine lange Jeremiade darüber eingeleitet, wie
es in der Welt aussehe, seit die Autorität über den Haufen gestürzt
worden sei. Die moderne Philosophie, sagt er, welche in Griechenland
geboren ward, unter jenem Volke, das ewig ein Kind blieb, und das immer
die Weisheit außerhalb der Wege der Vernunft [+sic!+] suchte,
begann damit, atheistisch oder deistisch [!] Gott zu leugnen. Hume's
und Condillac's sensualistische Lehre hat jetzt den Menschen, der
»eine von Organen bediente Intelligenz« ist, zu einem Thiere, zu einem
bloßen Naturwesen gemacht. Die allgemeine gesellschaftsauflösende
Geistesrichtung ist in das häusliche Leben eingedrungen, und statt
des Verhältnisses, das in früherer Zeit zwischen Eltern und Kindern
bestand: Autorität und Unterwerfung, haben Insubordination in
die jungen Herzen und Gleichheitsideen in die jungen Hirne sich
eingeschlichen, so daß die Kinder sich für ihrer Eltern Gleichen
halten, ja sogar sich gestatten, dieselben zu duzen. Die Eltern,
welche ihrerseits das Bewußtsein ihrer Schwäche haben, wagen nicht
mehr Herren zu sein, sondern streben darnach, die »Freunde« oder
»Vertrauten« ihrer Kinder, allzu oft ihre Mitschuldigen zu sein. Die
weichherzige Betrachtung des Lebens spiegelt sich in einer ebenso
weichherzigen Betrachtung des Todes ab. Man hat vorgeschlagen, Vasen
von Glas oder Porzellan zur Aufbewahrung der Asche seiner Väter
zu verfertigen, und -- o Grausen! -- eine Polizeiverordnung hat
einer Mutter gestattet, nach Heidenart die Leiche ihrer Tochter zu
verbrennen. Ueberall hat man die Abschaffung der Todesstrafe, dieses
Kleinods, dieses hauptsächlichsten Mittels zur Aufrechterhaltung der
Gesellschaft (+ce premier moyen de conservation de la société+),
vorgeschlagen und in einigen Staaten durchgeführt. Man hat Regierungen
von »der plötzlichen Manie, welche man Philanthropie nennt«, ergriffen
werden sehn. Die sogenannten Naturwissenschaften -- [man beachte das
»sogenannt!«] --, welche vielmehr die materiellen Wissenschaften
heißen müßten, da sie nur von der Körperwelt handeln, verdrängen die
höheren, die geistigen Wissenschaften, zumal die »hohe Metaphysik«
der alten Zeit. In der Poesie hat das scherzende und lustige Genre
die heroische Tragödie abgelöst. In den Romanen, welche so deutlich
den Charakter eines Zeitalters spiegeln, wurde früher regelmäßig die
Liebe der Pflicht geopfert. Jetzt ist es umgekehrt, und Rousseau hat
den Roman geschrieben, welcher von allen am meisten die Phantasie der
Frauen auf Irrwege geführt und ihre Herzen verderbt hat, nämlich »Die
neue Heloise«. Sogar in der Gartenkunst hat das Autoritätsprincip sich
verloren: »Die ländliche und rohe Natur der englischen Gärten hat die
prachtvolle Symmetrie in Le Nôtre's Anlagen verdrängt.«
Wider all' diese empörenden Schrecklichkeiten richtet nun Bonald seine
schwere Artillerie. All' diesen Versuchen, die Gesellschaft aufzulösen,
stellt er seinen Versuch, die Gesellschaft zu retten, gegenüber. Und
hier ist es ein Hauptpunkt, den es zu erobern gilt. Die Gesellschaft
beruht auf der Ehe, sie steht und fällt mit ihr. Die Revolution hat die
Ehescheidung zugelassen. Aber wo Scheidung möglich ist, da existirt die
Ehe nicht mehr. Es gilt daher, mit ~einer~ großen Kraftanstrengung
die Aufhebung des Scheidungsrechtes zu erzielen. Diese Anstrengung
gelang ihm nur allzu gut.
Hören wir daher Bonald's eigene Theorie. Es verlohnt sich, sie kennen
zu lernen. Ist eine Philosophie recht mager, so ist sie desto kurioser.
Eine entwickelte Vernunft, sagt Bonald, begreift alle Wesen und ihre
Verhältnisse unter diesen drei allgemeinen Ideen: Ursache, Mittel
und Wirkung, den abstraktesten, welche die Vernunft fassen kann.
Sie liegen jedem Urtheil zu Grunde und bilden die Grundlage aller
socialen Ordnung. Jede Gesellschaft besteht solchermaßen aus drei von
einander unterschiedenen Personen, welche man als die socialen Personen
bezeichnen kann. Die Vernunft erblickt in Gott, welcher will, die
erste ~Ursache~, im Menschen, welcher diesen Willen ausführt, das
~Mittel~, den Minister, den Vermittler, und in derjenigen Ordnung
der Dinge, welche Gesellschaft heißt, die ~Wirkung~, welche aus
dem Willen Gottes und der Thätigkeit des Menschen resultirt. Diese
Vernunft herrscht nach Bonald's Ansicht nur im Katholicismus: Er sagt:
»Die Religion, welche Gott an die Spitze der Gesellschaft stellt,
verleiht dem Menschen eine hohe Idee von der menschlichen Würde und
ein tiefes Gefühl von der Unabhängigkeit des Menschen, während die
Philosophie, welche überall den Menschen am höchsten stellt, beständig
zu Füßen des einen oder andern Götzenbildes kriecht, in Asien zu Füßen
Muhamed's, in Europa zu Füßen Luther's, Rousseau's oder Voltaire's«
(+Le divorce, pag. 42+).
Man sieht, daß Luther von Bonald ohne Weiteres mit Antichristen wie
Muhamed oder Voltaire zusammengestellt wird. Dies ist ein stehender
Zug in der ganzen Periode, gerade wie derjenige, daß Protestantismus
und Unsittlichkeit für Eins erklärt werden. Wenn De Maistre von der
Reformation spricht, so erzählt er mit der ernsthaftesten Miene, daß
das halbe Europa seine Religion gewechselt habe, damit ein zügelloser
Mönch sich mit einer Nonne verheirathen konnte. In seiner »+Théorie
du pouvoir+« (+Tome II., pag. 305+) sagt Bonald: »Ein hitziger
und sinnlicher Mönch hatte die Religion in Deutschland reformirt,
ein wollüstiger und grausamer Fürst reformirte sie in England ...
Charakteristisch ist es, daß die Kirchenreform in Deutschland vom
Landgrafen von Hessen, der sich noch bei Lebzeiten seiner Gemahlin
mit Margaretha von Saale verheirathen wollte, in England von Heinrich
VIII., der sich von Katharina von Arragonien scheiden lassen wollte,
um sich mit Anna von Boleyn zu vermählen, und in Frankreich von
Margaretha von Navarra, einer Fürstin von mehr als zweifelhaften
Sitten, beschützt wurde. So ging der Occident durch die Ehescheidung
zu Grunde, wie der Orient durch die Polygamie.« In seiner englischen
Literaturgeschichte (+Oeuvres, Tome VI., pag. 75+) sagt
Chateaubriand über Luther's Ehe: »Er verheirathete sich sowohl um ein
gutes Beispiel zu geben, als auch, um sich von seinen Anfechtungen zu
befreien. Wer die Regeln übertreten hat, sucht stets den Schwachen
nach sich zu ziehen und sich mit der Menge zu decken; denn durch die
Uebereinstimmung der großen Anzahl schmeichelt man sich Andere zu dem
Glauben an die Rechtlichkeit und Richtigkeit einer Handlung zu bewegen,
die oft nur das Resultat eines Zufalls oder einer Leidenschaft war.
Heilige Gelübde wurden auf zwiefache Weise verletzt: Luther ehelichte
eine Nonne.«
Was diese heftigen Ausfälle wider Luther und den Lutheranismus
verständlich macht, ist, daß man, wie die deutschen Romantiker, mit
großer Klarheit erkennt, wie der Protestantismus mit nothwendiger
Konsequenz zu der modernen Geistesrichtung hinführt, vor welcher
man zurück schaudert. So heißt es in Lamennais' »+Essai sur
l'indifférence+«: »Man hat jetzt erkannt, daß die Kirche und
ihre Dogmen auf der Autorität wie auf einem unerschütterlichen
Felsen beruhen. Deshalb vereinigt sich die ganze Mannigfaltigkeit
von Sektirern, welche in Betreff aller übrigen Punkte uneinig sind,
um diesen Grundpfeiler aller Wahrheiten zu zersägen. Lutheraner,
Socinianer, Deisten, Atheisten sind die verschiedenen Namen, welche
die successiven Entwicklungsstufen derselben Lehre bezeichnen; sie
verfolgen alle mit unermüdlicher Ausdauer ihren Angriffsplan wider die
Autorität.«
Die einzige echte, katholische Vernunft bei Bonald erblickt daher
überall die drei socialen Personen: Die Macht, den Minister und den
Unterthan. Sie erhalten in den verschiedenen Gesellschaftssphären
verschiedene Namen. In der religiösen Gesellschaft heißen sie Gott,
Priester und Gläubige, in der politischen Gesellschaft König, Adel
~oder~ Beamtenstand, Volk ~oder~ gemeiner Mann; in der
häuslichen Gesellschaft endlich heißen sie Vater, Mutter und Kind.
Wer noch nicht mit Bonald's Denkweise vertraut ist, wird wahrscheinlich
bei dieser letzten Zusammenstellung stutzen; allein es ist Bonald ein
so vollkommener Ernst damit, den Vater mit der Macht, die Mutter mit
dem Ministerium und das Kind mit dem Unterthan zu parallelisiren, daß
er sogar die letzte Reihe der Bezeichnungen durchgehends statt der
ersten gebraucht; denn, sagt er, Vater, Mutter, Kind passen für die
Thiere so gut wie für die Menschen, die Bezeichnung Macht, Minister,
Unterthan dagegen ausschließlich für intelligente Wesen; außerdem,
sagt er an einer andern Stelle, muß man so viel wie möglich bemüht
sein, den Menschen und seine Verhältnisse zu spiritualisiren, gegenüber
den Bestrebungen, welche von anderer Seite gemacht werden, das
Menschenleben zu materialisiren.
Er begründet seine Lehre mit seinen gewöhnlichen Formeln. Der Mann
und das Weib, sagt er, existiren beide; aber sie existiren nicht
auf dieselbe Weise. Sie sind einander ~ähnlich~, aber sie sind
einander nicht ~gleich~. Die Vereinigung der Geschlechter ist der
Grund ihres Unterschieds. Die Hervorbringung eines Menschen ist das
Ziel ihrer Vereinigung. Der Vater ist stark, das Kind ist schwach, der
Vater aktiv, das Kind passiv. Die Mutter bildet das Zwischenglied.
Weshalb? Ja, sagt Bonald, der Vater ist ein bewußtes Wesen und kann
nicht Vater werden, außer mit seinem Willen; die Mutter kann dagegen,
selbst mit vollem Bewußtsein, Mutter werden ~wider ihren Willen~
[also passiv]. Das Kind hat weder den Willen, geboren zu werden, noch
Bewußtsein davon, daß es geboren wird.
Auf dies widerwärtige und tragische Naturverhältnis, daß das Weib
unfreiwillig Mutter werden kann, basirt also Bonald seine empörende
Rangordnung der Geschlechter. Ja, er sagt wörtlich (Fünfte Ausgabe,
Seite 71): »In dieser Abstufung ihres Verhältnisses liegt allein
die Lösung der Ehescheidungsfrage«, nämlich daß keine Scheidung zu
gestatten ist.
Und wäre nun Dies eine wahnwitzige Theorie geblieben, wie so viele
andere unsinnige Theorien, die kein Mensch zu verwirklichen gedenkt,
wer würde sich dann darüber erbosen! Aber man denke sich, daß auf
Grundlage dieses Buches die Ehe- und Scheidungsgesetze in Frankreich
zwölf Jahre nach dem Erscheinen des Buches erlassen wurden.[5] Damals,
gleich nach der Rückkehr der Bourbonen, war Bonald's Einfluß so
unwiderstehlich, daß die stupide und klerikale Nationalversammlung mit
225 Stimmen gegen 11 die Ehescheidung aufhob.
Man kann also sagen, fährt Bonald rücksichtlich der Erziehung fort,
daß der Vater die Macht hat oder ist, durch die Mutter als Minister
oder Mittel die reproduktive und aufrechterhaltende Handlung auszuüben,
deren Zweck oder Unterthan das Kind ist.
Das Verhältnis zwischen Mann und Weib in der Ehe wird daher einfach
folgendermaßen bestimmt: Der Mann ist le pouvoir, die Macht, das Weib
ist +le devoir+, die Pflicht. Selbst die heilige Schrift nennt ja
den Mann das Haupt oder die Vernunft des Weibes, das Weib die Hülfe
oder den Handlanger des Mannes, und bezeichnet das Kind als Unterthan,
indem sie ihm stets einprägt, gehorsam zu sein.
Das Weib ist also dem Manne ähnlich, wie der Mann Gott ähnlich ist.
Der Mann ist nach Gottes Bilde erschaffen, aber er ist deshalb nicht
seines Gleichen. Das Weib ist aus dem Fleische und Blute des Mannes
erschaffen, aber es ist ihm untergeordnet. Man sieht, daß Bonald's
Theorie mit derjenigen Milton's in seinem »Paradiese« übereinstimmt.[6]
»Die häusliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, wo der Mann die
beschützende Gabe der Stärke, das Weib die Bedürfnisse der Schwäche
mitbringt, ~er die Macht, sie die Pflicht~«. So entstellt Bonald
die Lehre des Paulus, welche zu ihrer Zeit der gewaltigste und
bewunderungswürdigste Fortschritt auf dem Wege der Befreiung des Weibes
war.
Was ist hienach für Bonald die Ehe? Die Ehe ist die Verpflichtung,
welche zwei Personen verschiedenen Geschlechts übernehmen, eine
Gesellschaft zu begründen, eine Gesellschaft, welche Familie heißt.
Dies unterscheidet die Ehe von jedem andern Zusammenleben zwischen
Mann und Weib. Mit tiefer Entrüstung bespricht Bonald das Witzwort
Condorcet's: »Wenn die Menschen eine Verpflichtung gegen die noch
nicht existirenden Wesen hätten, so könnte es nicht die sein, ihnen
die Existenz zu schenken.« Im Gegentheil! die Ehe besteht eben,
damit das Geschlecht erhalten werde. Hieraus darf man nach Bonald's
Anschauung jedoch keineswegs schließen, daß eine kinderlose Ehe, eine
solche, die also ihre Bestimmung verfehlt zu haben scheint, aufgelöst
werden dürfe; denn, sagt er, indem man die erste Ehe aufhebt, um eine
andere zu schließen, wird die Erzeugung von Kindern in der ersten Ehe
unmöglich, ohne deshalb in der zweiten sicher zu sein. So lange Mann
und Frau keine Kinder haben, ist doch eine Möglichkeit für das Kommen
derselben vorhanden, und da die Ehe nur der Kinder halber, welche
kommen können, gestiftet ist, so ist kein Grund, sie aufzuheben. Die
Ehe ist für Bonald die eventuelle Gesellschaft, welcher die Familie
als die aktuelle Gesellschaft entspricht: »~Der Zweck der Ehe~«,
lehrt er, »~ist nicht das Glück der Ehegatten~.« Was ist denn
dieser Zweck? Die Ehe, antwortet er, ist der Gesellschaft wegen da. Die
Religion und der Staat haben bei der Ehe nur die Pflichten im Auge,
welche sie auferlegt. Aber wenn die Ehe nur der Gesellschaft halber da
ist, was ist denn der Zweck der Gesellschaft? Jeder wird einräumen,
daß man höchst gespannt auf die Beantwortung dieser Frage sein muß.
Und was antwortet uns Bonald? Er antwortet mit der ganzen gelassenen
Impertinenz eines konservativen Klerikalen: Der Zweck der Gesellschaft
ist ihre Selbsterhaltung. (+La société a pour parvenir à sa fin,
~qui est sa conservation~, des lois. Pag. 107.+)
Welch eine Lehre für alle Anhänger der Nützlichkeitsphilosophie, die
sich naiv einbilden, daß der Zweck der Gesellschaft das Glück ihrer
Mitglieder sei, und die ebenso kindlich in der Illusion gelebt haben,
daß Institutionen überhaupt der Individuen halber da seien, daß z. B.
die Gatten nicht der Ehe halber, sondern die Ehe umgekehrt der Gatten
halber da sei, und die ~alle~ Konsequenzen dieses Gedankens
ziehen!
Indem die Rücksicht auf die Kinder als die absolute aufgestellt wird,
erscheinen Polygamie, Verstoßung der Gattin und Ehescheidung als
gleich verwerflich für Bonald. Er bemerkt auch, daß die Einführung
der Polygamie und die Einführung der Ehescheidung Hand in Hand mit
einander zu gehen schienen, da Luther -- diese Anekdote spukt in
jedem Buche aus der Restaurationszeit, -- welcher die Scheidung
zuließ, auch, wiewohl in tiefster Heimlichkeit, dem Landgrafen von
Hessen Polygamie gestattete (S. 195). Ihn bedünke es, sagt er,
nicht moralischer, mehrere Frauen nach einander, als mehrere Frauen
gleichzeitig zu heirathen; dabei vergißt er jedoch, daß sich dieser
Einwand eben so gut gegen die Schließung einer neuen Ehe nach dem
Tode des einen Gatten, wie gegen die Wiederverheirathung nach einer
Scheidung erheben läßt. Ueberall, meint er, wo die Scheidung erlaubt
sei und wo die Frau also in jeder Mannsperson ihren möglichen Gatten
sehen könne, seien die Weiber ohne Keuschheit, oder mindestens ohne
Schamhaftigkeit. Er führt als Beispiel England an, -- England! Den
Zustand in England, wo die Scheidung in gewissen Fällen gestattet ist,
vergleicht er mit den Zuständen bei gewissen wilden Völkerstämmen, wo
der Ehemann sich von dem Mitschuldigen seiner Frau, wenn er denselben
ertappt, ein gebratenes Schwein als Buße geben läßt, daß sie dann
alle Drei mit einander verzehren. Ueberhaupt ist England mit seinen
verhältnismäßig liberalen Institutionen für ihn, wie für Lamennais, die
wahre +bête noire+. Lamennais sagt z. B. von England (+Progrès
de la révolution et de la guerre contre l'église, pag. 35+), daß man
nirgendwo anders eine Bevölkerung finde, die so stumpfsinnig, so ohne
allen moralischen Sinn, so fremd den intellektuellen Ideen und Allem
sei, was das Gemüth erhebt und das Dasein des Menschen adelt.
Alles Dies sind Uebertreibungen ohne Wahrheit und ohne Logik.
Worin aber sowohl Logik als Wahrheit liegt, und weshalb ich diese
Einzelnheiten hervorhebe. Das ist Bonald's Auffassung des innerlichen
Zusammenhanges der Ehefrage mit der ganzen politischen Frage. Er sieht
ein, daß die Republik oder die Demokratie (denn er ist so erbittert
auf die Republik, daß er sich ausdrücklich weigert, dies Wort zu
gebrauchen) nothwendig zur Auflösbarkeit der Ehe führen mußte.
Er sagt: »Die Ehescheidung wurde 1792 dekretirt und verwunderte
Niemand, weil sie eine unvermeidliche und lange vorhergesehene
Konsequenz des Niederreißungssystemes war, das man zu jener Zeit so
leidenschaftlich befolgte; allein heutigen Tags, wo man wieder aufbauen
will, tritt die Ehescheidung als Princip in das Gesellschaftsgebäude
ein und erschüttert dies Gebäude bis auf den Grund. Die Scheidung stand
in Einklang mit der Demokratie, welche unter verschiedenen Namen und
Formen allzu lange in Frankreich geherrscht hat. Sowohl die häusliche
wie die öffentliche Macht war den Leidenschaften der ~Unterthanen~
überlassen, es herrschte Unordnung in der Familie und Unordnung im
Staate; zwischen beiden Unordnungen fand Aehnlichkeit und Analogie
statt. Aber Das sieht Jeder, daß die Scheidung in direktem Widerspruche
mit dem Geiste der erblichen und unauflöslichen Monarchie steht.
Behalten wir die Scheidung bei, so haben wir Ordnung im Staate, und
Unordnung in der Familie, Unauflöslichkeit dort, Auflöslichkeit hier,
also keine Harmonie. Von der Seite, zu welcher der Mensch sich neigt,
muß das Gesetz ihn emporheben, und es muß heutigen Tags aufgelösten
Naturen die Auflösung verbieten, wie früher halbwilden Barbaren die
Blutrache.«