Erwerbung der Sprache und der Ideen stellt Bonald dies sein Axiom von
der Nothwendigkeit der primitiven Offenbarung der Sprache und der Ideen
auf. Auf dieser Grundlage beruht bei ihm nichts Geringeres, als das
Dogma von der Existenz Gottes, woraus alle übrigen folgen. Wohin man
sich auch wende, man endet immer fort. Da keiner der Restauratoren
einen Begriff von der Wissenschaft hat, da sie alle gute Köpfe mit
derjenigen Bildung sind, welche man in einem Jesuitenkollegium erlangt,
läßt sich kein wissenschaftliches Tollhausgeschwätz denken, das sie
nicht im Munde führten. Die Philologie wird nicht minder, als die
Politik und Gesellschaftslehre, auf dem Altare der Theokratie geopfert.
Ein merkwürdiger Beweis des Zusammenhanges der Restauratoren ist
der Umstand, daß Bonald im Jahre 1814 De Maistre's Werk »+Sur le
principe générateur des constitutions politiques+« in neuer Auflage
herausgab, also sich eines Werkes annahm, das wider geschriebene
Verfassungen eiferte, während er doch in Folge seiner Theorie von der
direkten Offenbarung des Wortes zu der Ueberzeugung gekommen war, daß
jedes Gebot von den zehn Geboten an und bis auf uns herab schwarz
auf weiß aufgezeichnet sein müsse. Aber die Hauptsache war für ihn,
wie für De Maistre, daß die Verfassung dem modernen Geiste keine
Koncessionen mache, und daß die Autorität von keinem Freiheitshauch
angefochten werde; so nahm man es nicht so genau damit, sich mit
einem principiellen Gegner zu verbünden. Wie hätte man auch im
Jesuitenkollegium nicht ein bischen Jesuitismus gelernt!
Nicht genug, daß man selbst dort in die Schule gegangen war, man wollte
auch das ganze Geschlecht dorthin senden. Der dritte Theil von Bonald's
»+Législation primitive+« behandelt speciell die Erziehung und
ist speciell gegen Rousseau's »Emil« gerichtet. Er kann es diesem
Buche nicht verzeihen, gelehrt zu haben, daß man der Jugend keine
religiöse Erziehung geben solle. Er citirt mit heiligem Ernste als
Beispiel der unheilvollen Wirkungen von Rousseau's Erziehungstheorien,
daß »75 Kinder im Laufe der letzten fünf Monate wegen verschiedener
Verbrechen polizeilich verurtheilt worden sind«, und giebt nun seine
eigenen Erziehungsgrundsätze zum Besten. Sie laufen, wie zu erwarten
stand, darauf hinaus, alle Individualität zu ersticken. »Wir bedürfen
eines stetigen, allgemeinen, gleichförmigen Unterrichts und folglich
eines stetigen, allgemeinen, gleichförmigen Lehrers (+perpétuel+,
+universel+, +uniforme+); man bedarf also eines Corps,
denn ohne Corps giebt es weder Stetigkeit, noch Allgemeinheit, noch
Gleichförmigkeit.« Er zeigt auch, wie man von verheiratheten Lehrern
nicht annehmen könne, daß sie sich ganz ihrer Aufgabe widmen werden,
wie es aber eben so wenig nütze, unverheirathete zu wählen, wenn
sie nicht unter einer religiösen Disciplin stünden; »denn wenn die
öffentlichen Lehrer zwar unverheirathet, aber zugleich weltlich sind,
können sie kein wirkliches Corps ausmachen, da sie nach Lust und Laune
in dasselbe ein- und aus demselben austreten, und da kein Familienvater
außerdem seine Kinder einem unverheiratheten Manne anzuvertrauen wagen
könnte, für dessen Sitten nicht eine religiöse Disciplin bürgte«. Durch
dies herrliche Raisonnement ist es denn klar und deutlich gemacht, daß
der ganze Unterricht in die Hände der Geistlichkeit gelegt werden,
vorzugsweise religiös sein und die Kinder frühzeitig an Respekt vor der
Autorität, der sie ihr Leben hindurch gehorchen sollen, gewöhnen müsse.
Das hartnäckige Hervorkehren des Autoritätsprincips ist also der
entscheidende, der herrschende Zug in dieser ganzen Literaturgruppe.
Die französischen Restauratoren betonten es so viel leidenschaftlicher,
als die deutschen, zum Theil aus Raceneigenthümlichkeit, zum Theil
in Folge des konfessionellen Unterschiedes. Dir reaktionäre deutsche
Literaturbewegung beruht, wie ich es im vorigen Bande (S. 16 ff.)
gezeigt habe, auf dem Subjektivismus; ihr Princip ist der Eigenwille.
So mit Haut und Haar katholisch, so autoritätsdienerisch wie die
französische Reaktion, ward die deutsche Romantik, trotz all ihrer
katholischen Thorheit und Affenschande, doch niemals. Der germanische
und protestantische Individualismus setzte sich beständig dagegen zur
Wehr. Die französische Sociabilität gab ohne Widerstand nach. Dagegen
ist die radikale Vollblut-Reaktion reichlich so interessant, wie die
unsichere und halbe.
Noch in dem Augenblick, wo der Umschlag nahe und die Auflösung der
ganzen Schule nicht mehr fern ist, sehen wir Lamennais in seinem
Buche über den religiösen Indifferentismus behaupten, daß nicht das
Gefühl, und ebensowenig die Forschung, sondern die ~Autorität~
das Kennzeichen der wahren Religion sei, »so daß die wahre Religion
unbestreitbar diejenige ist, welche auf der größtmöglichen
~sichtbaren Autorität~ beruht«. Und gleich vom Anfange der
Bewegung an werden alle Definitionen in demselben Geiste gegeben. Für
Bonald ist die Religion die pure Ordnungspolizei. Ich führe als Beweis
einige Sätze an, die ich aus seinen Schriften zusammen gelesen:
»Die Religion, welche das allgemeine ~Band~ in jeder Gesellschaft
ist, zieht vorherrschend den Knoten der politischen Gesellschaft
straffer an; selbst das Wort Religion (+religare+) deutet
hinlänglich an, daß sie das natürliche und nothwendige ~Band~
der menschlichen Gesellschaft, der Familien und Staaten ist. -- Die
Religion bringt die ~Ordnung~ in die Gesellschaft, weil sie
die Gesellschaft lehrt, woher die Macht und die Pflichten stammen.
-- Die Religion enthält im Wesentlichen die Grundsätze ~für alle
Ordnung~. -- Die Religion wird triumphiren, weil die ~Ordnung~,
wie Malebranche sagt, das unverbrüchliche Gesetz der Geister ist.« --
Ja, in seiner Freude über die steigende Reaktion ruft er aus: »Schon
sehen wir rings in Europa alle mit Recht berühmten Schriftsteller die
Nothwendigkeit der christlichen Religion einräumen oder vertheidigen
und ihre Werke mit dem Siegel ihrer Unsterblichkeit stempeln; denn,
mögen die Schriftsteller es merken: alle Werke, in welchen die
Grundsätze der ~Ordnung~ geleugnet oder bekämpft werden, werden
spurlos verschwinden, und nur die, in denen sie vertheidigt oder
respektirt werden, werden mit Ehren auf die Nachwelt gelangen«. Man
sieht, daß von Glaubensinbrunst, von Religiosität, von Gefühl hier
nicht die Rede ist, die Religion ist das Band, die Ordnung, das
Autoritätsprincip. Welcher Kontrast gegen Deutschland, wo selbst die
Mondscheinschwärmerei Religion wurde! Seltsam genug, erhält Bonald
sogar durch das starke Hervorheben der Religion als Ordnung eine ihm
sicherlich sehr unerwünschte Aehnlichkeit mit dem Manne, den er von
Allen so ziemlich am meisten verabscheute, nämlich mit Robespierre,
der ja ebenfalls die Ordnung leidenschaftlich liebte und ihretwegen
einen öffentlichen Kultus verlangte. Aber welcher Unterschied bei der
Aehnlichkeit, da Robespierre keine andere Ordnung wünschte, als die,
welche die Eroberungen der Revolution bewahre und ein Ausdruck des
Gedankens in seiner Freiheit sei, während Bonald unter der Ordnung den
Inbegriff aller alten Traditionen versteht.
De Maistre trifft mit ihm in diesem Punkte zusammen. Er sagt: »Ohne
Papst keine Souverainetät, ohne Souverainetät keine Einheit, ohne
Einheit keine ~Autorität~, ohne Autorität kein Glaube«. Er stellt
die Monarchie über alle Kritik und Forschung, indem er lehrt, daß sie
ein ~Mirakel~ sei. Er verherrlicht, wie wir es im vorhergehenden
Bande (S. 10 und 250) sahen, die brutale Gewalt als solche, indem er
theoretisch die militairische Gesellschaft unter den Korporalstock, die
bürgerliche unter das Beil des Scharfrichters stellt. Letzteres that
Robespierre praktisch, aber nur weil er kein Heil für die Revolution
außer in einer Diktatur sah. So begegnet sich denn auch De Maistre mit
Robespierre. Er setzt dem Werk die Krone auf, indem er die Inquisition
verherrlicht. Was es diesen Schriftstellern zu fördern gilt, ist also
Autorität und Macht. Die Macht wird im Staate durch »volksthümliche
Institutionen« zertrümmert, welche einen gezwungenen Ministerwechsel
herbeiführen können, sie wird in der Religion bedroht, wenn der
Priesterstand eine freie Stellung erhält, oder, wie Bonald es nennt,
»durch den Presbyterianismus«, sie wird in der Familie umgestürzt,
sobald Ehescheidung unter irgend einer Bedingung gestattet wird. Nein!
König, Minister und Unterthan, Papst, Priester und Gemeinde, Mann,
Frau und Kind sind das unzertrennliche Kleeblatt, nach dem Bilde der
Dreieinigkeit. Als unzertrennlich sichern sie die großen Grundgedanken
der Autorität und Ordnung.
So haben wir denn, indem wir an so vielen verschiedenen Punkten unsere
Sonde hinabstießen und überall denselben Grundgedanken trafen, die
herrschende Idee der neuen Periode gefunden. Wir können sie mit vielen
Namen benennen: Es ist das große Princip der ~Selbstentäußerung~
im Gegensatze zu dem Princip des individuellen Gefühls und der
persönlichen Forschung. Es ist das große Princip der ~Theokratie~,
der Souverainetät Gottes im Gegensatze zu derjenigen des Volkes, das
Princip der ~Autorität~ und ~Macht~ im Gegensatze zu den
Principien der Freiheit, der Menschenrechte und der solidarischen
Pflichten. Und wenn wir jetzt einen Blick auf die verschiedenen Gebiete
des Menschenlebens werfen, so treffen wir auch dort überall dieselbe
Losung und dieselbe weiße Fahne. Die Idee prägt sich nach allen
Richtungen aus.
Im Staate, bewirkt sie, daß das Rechtsprincip dem Machtprincipe
weicht, welches nun als göttliche Macht bestimmt und zum Königthume
von Gottes Gnaden wird. In der Gesellschaft verdrängt sie die Idee der
Brüderlichkeit und ersetzt sie durch ein halb patriarchalisches, halb
tyrannisches Vaterverhältnis, wie die Idee der Gleichheit der Idee der
Abhängigkeit Platz macht. In der Moral löscht sie das innere Gesetz aus
und weist auf Koncilien und Bullen. Sie definirt die Religion nicht als
den Glauben, sondern als das Band, als jene »politische Fessel«, als
welche die Revolutionsmänner sie eben gescholten hatten. Sie betont die
Unauflöslichkeit in der Ehe sowohl wie im Staate. Sie lehrt, daß der
Mensch die Sprache direkt von Gott erhalten habe, und erstickt dadurch
in der Geburt die Philologie, um eine theologische Pyramide über ihrer
Leiche zu errichten. Sie macht die Erkenntnislehre unmöglich, indem sie
der Forschung die größtmögliche sichtbare Autorität zur Richtschnur
giebt. Sie vergiftet das heranwachsende Geschlecht, indem sie die
Erziehung desselben einem, den Befehlen eines Jesuitengenerals blind
gehorchenden Halbmanns-Corps anvertraut.
Und als diese Richtung nicht lange nach ihrem kräftigen Hervortreten
ihre Poesie erhält, stempelt sie bald ebenfalls die Epopöe, den Roman,
das Lied, die Ode, ja das Theater mit ihrem Charakterzeichen. Auch in
der Poesie herrschen die Lilien. Die neue Dichterschule erhält den
Namen der seraphischen. Ihre Helden, ihre typischen Persönlichkeiten
werden der Märtyrer, wie bei Chateaubriand, oder der Prophet,
wie bei De Vigny (Moses). Die Dichter suchen ihre Inspirationen
in der Bibel und bei Milton. Dichterinnen, wie Frau von Krüdener,
treten als Prophetinnen auf, und greifen als solche wirksam in den
Entwicklungsgang der Zeit ein. Oden und Meditationen drehen sich,
wie bei Victor Hugo und Lamartine, um die Salbung von Königen und
die Geburt von Kronprinzen. Die Geburt des Grafen von Chambord ist
kaum weniger als ein Mirakel, und wird in ganz Frankreich besungen.
Mit dem Kreuz in der Hand verjagen Lamartine und Hugo die heidnische
Mythologie aus der Lyrik. Auf dem Theater treten die Tempelherren
und die Makkabäer auf, welche wir aus Zacharias Werner's »Söhnen des
Thals« und der »Mutter der Makkabäer« kennen. Das erste Sujet wird von
Raynouard, das zweite von Guiraud behandelt. -- Es giebt kein Gefühl
im Menschenherzen, kein Gebiet im menschlichen Geiste, keine Abart der
Literatur, welchen diese, so rasch wieder mißlingende Restauration
nicht vor ihrem Verschwinden ihr Geistesgepräge aufdrückte.
[+Bonald: Théorie du pouvoir, Tome I-III. La Législation primitive.
Essai analytique sur les lois naturelles. Du divorce. -- Barante:
Tableau de la littérature française au 18me siècle. -- Lamennais: Essai
sur l'indifférence en matière de réligion. -- Laurent: Histoire du
droit des gens, Tome XVI.+]
4.
Chateaubriand's »Genius des Christenthums« bezeichnet den Uebergang
vom ersten Stadium der Reaktion zu seinem zweiten, indem dies Werk,
wie schon bemerkt worden ist, die Autorität durch einen Appell an das
Gefühl zu fördern und wieder einzusetzen suchte.
Die Vertheidigung des Christenthums, welche hier geliefert wurde, war
von einer bisher unbekannten Art, weil sie sich an das Gefühl und die
Einbildungskraft, nicht an die Intelligenz und den Glauben wandte. Das
Buch spricht gleichsam die Ueberzeugung aus, daß die Intelligenz jetzt
antichristlich und der Glaube verschwunden sei.
Der Verfasser selbst war wenige Jahre zuvor Freidenker, ja Materialist
gewesen. In einem ihm zu gehörenden Buche fand Sainte-Beuve nach
seinem Tode eigenhändige Randbemerkungen, welche den Beweis dafür
liefern. Bei den Worten: »Gott, die Materie und das Schicksal sind
Eins«, hat er hinzugefügt: »Dies ist mein System, Dies ist Das, woran
ich glaube«. An der Stelle, wo im Texte folgendes Raisonnement steht:
»Du sagst, Gott habe dich frei erschaffen. Das ist nicht die Frage.
Hat er vorausgesehen, daß ich fallen, daß ich ewig unglücklich werden
würde? Ja, unzweifelhaft. In solchem Falle ist Euer Gott nur ein
furchtbarer und absurder Tyrann«, bei diesen Worten hat er am Rande
bemerkt: »Dieser Einwand ist unwiderleglich und stürzt das ganze
christliche System vollständig über den Haufen. Uebrigens glaubt Keiner
mehr daran«.
Dies ist Chateaubriand's Jugendstandpunkt; aber seine Mutter stirbt,
und hinterläßt ihm die Bitte, an ihrem Glauben festzuhalten. »Ich
weinte und glaubte,« sagt er.
Selbst bekehrt oder halbwegs bekehrt auf dem Wege des Gefühls, versucht
er jetzt, in derselben Weise auf Andere zu wirken. Konnte man nicht
mehr erwarten, intellektuelle Empfänglichkeit für die Dogmen des
Christenthums zu finden, so konnte man doch immer Sympathien für
dessen rührende und erhabene Poesie erwarten. Es war eine originelle
und zeitgemäße Idee, die Apologie in Poetik zu verwandeln. Er weiht
dem melancholischen Klange der Kirchenglocken ein ganzes Kapitel. Er
schildert die idyllische Ruhe der schlichten Dorfkirche. Er giebt
Bilder und Gleichnisse, wo man Beweise erwartet. Bonald gebraucht
den Ausdruck: in Büchern, die ein Werk des Raisonnements, wie seine
eigenen seien, zeige die Wahrheit sich wie ein König an der Spitze
seines Heeres an einem Schlachttage, aber in Büchern wie denjenigen
Chateaubriand's gleiche sie vielmehr einer Königin auf ihrem
Krönungszuge, umgeben von allem Prachtvollen und Reizenden, was man
irgend habe auftreiben können. Der Sinn ist, daß Chateaubriand viel
mehr rühren, als überzeugen will. Im Privatgespräch drückte Bonald sich
Uebrigens unumwundener aus. Er sagte: »Ich gab meine Pillen, wie sie
waren, er gab die seinigen überzuckert«.
Kein Buch giebt sicherlich einen bessern Maßstab dafür ab, wie wenig
tief die religiöse Renaissance war, als dieses. Sein Gesichtspunkt ist
derjenige, welchen man nach allgemeinem Uebereinkommen den romantischen
zu nennen pflegt. Es wendet sich der Vergangenheit zu, und da der
Romantiker ein Phantasiemensch ist, so erblickt er die Vergangenheit
in einem phantastischen Lichte. Die Religion des Romantikers ist eine
Paradereligion, ein Werkzeug für den Politiker, ein Saitenspiel für
den Dichter, ein Symbol für den Philosophen und eine Modesache für den
Weltmann.
Wie die deutschen, dänischen und französischen Romantiker, schwärmt
Chateaubriand für das Mysteriöse und beginnt seine Vertheidigung des
Autoritätsglaubens damit, sich ganz allgemein auf das Mysteriöse im
Leben zu berufen. »Es giebt nichts Schönes, Süßes und Großes im Leben,
als das Geheimnisvolle. Die wunderbarsten Gefühle sind diejenigen,
welche uns zugleich bewegen und verwirren. Schamhaftigkeit, keusche
Liebe, reine Freundschaft sind voller Geheimnisse ... Ist die Unschuld,
welche ihrem Wesen nach nur eine heilige Unwissenheit ist, nicht das
unaussprechlichste Mysterium? -- Die Frauen, die schönere Hälfte des
Menschengeschlechts, können nicht ohne Mysterien leben«. Der Sprung von
hier bis zu den Dogmen einer positiven Religion erscheint groß.
Ganz auf dieselbe Art bedient sich De Maistre des Mysteriums. Es
gilt für ihn nur zu beweisen, daß die eine oder andere Institution
unerklärlich sei, so glaubt er bewiesen zu haben, daß sie göttlich
sei. So läßt sich für die erbliche Monarchie und den Erbadel kein
rationeller Grund anführen -- Beweis genug, daß sie von Gottes Gnaden
sind. Was läßt sich zur Vertheidigung des Krieges vorbringen? Nicht
Viel, folglich ist der Krieg ein Mysterium. Sieht man genauer zu, so
begreift man, daß diese Wendung nothwendig ist. Die Autorität fordert
als ihr nothwendiges Gegenstück das Mysterium. So sagt Michaud in der
Dedikation des Gedichtes; »+Le printemps d'un proscrit+« 1803:
»Die Gesellschaft muß ihre mysteriöse Seite haben, eben so wohl wie
die Religion, und ich habe stets gedacht, man müsse bisweilen an die
Gesetze des Vaterlandes glauben, wie man an Gottes Gebote glaubt.
Sowohl im täglichen Leben wie in der Politik giebt es Dinge, die man
besser ausführt, wenn man ~nicht~ an die Ursache ~denkt~,
welche Einen veranlaßt, zu handeln«.
Chateaubriand's Werk war glänzend und blendend durch seine Form. Ohne
diese Eigenschaften hätte es nicht das Aufsehen gemacht, welches es
erregte. Es enthält Naturschilderungen, Stimmungsergüsse und ganz
vereinzelte gute Bemerkungen. Aber sein literarischer und poetischer
Werth ist doch in seinen Episoden »Atala« und »René« zusammengedrängt,
die als Versuchsballons lange vorher dem Werke vorausgesandt wurden,
und mit denen wir es hier nicht zu thun haben: diese haben wir ihrer
Zeit (Band I, Seite 43-49) in ihrer historischen Bedeutung betrachtet.
Hier wollen wir nur in dem Charakter der Vertheidigungsmethode den
Beweis für die Unwahrheit der ganzen Richtung, welche dies Buch
einleitet, suchen und liefern. Dem ästhetischen Theile des Werkes ist
ein dogmatischer vorangestellt, welcher, übereinstimmend mit der ganzen
Manier des Buches, darauf ausgeht, die Schönheit der christlichen
Dogmen aufzuweisen. Hier einige Beispiele der ungereimten Konsequenzen,
zu welchen dieser »Wie schön!«-Stil führte.
Vom Abendmahle sagte er: »Wir wissen nicht, was man gegen ein Sakrament
einwenden könnte, das Einen veranlaßt, einen solchen Kreis poetischer,
moralischer, historischer und metaphysischer Ideen zu durchlaufen,
gegen ein Sakrament, das mit Blumen, Jugend und Lieblichkeit beginnt,
und das damit endet, Gott zur Erde herabsteigen zu lassen, um sich den
Menschen als geistige Nahrung hinzugeben«. Was man dagegen einwenden
könnte? Nicht das Mindeste, wenn es wahr ist.
Trotz der Schönseligkeit, geht Chateaubriand mit der größten Pedanterie
zu Werke. Das Cölibat wird zuerst vom moralischen Gesichtspunkte
betrachtet und, solchergestalt untersucht, sogar die moralischste
Institution von allen genannt; dann wird demselben wiederum ein neues
Kapitel gewidmet mit dem halbkomischen Titel: »Untersuchung der
Jungfräulichkeit, vom poetischen Gesichtspunkte betrachtet«. Dies
schließt mit folgender unglaublichen Tirade: »So sieht man, daß die
Jungfräulichkeit, welche sich vom untersten Glied in der Kette der
Wesen emporhebt (ihre Bedeutung wird nämlich auch bei den Thieren
untersucht), sich zum Menschen, vom Menschen zu den Engeln und von den
Engeln zu Gott hinauf erstreckt, bei welchem sie sich verliert«. Und in
der Originalausgabe war, als sei Dies nicht genug, noch hinzugefügt:
»Gott ist selber der große Einsame des Universums, der ewige Junggesell
(+célibataire+) der Welten«.
Man wundert sich vielleicht, daß das Vaterverhältnis zur zweiten Person
der Dreieinigkeit gar nicht in Betracht kommt. Mit um so größerem
Nachdruck kann der Verfasser die Jungfräulichkeit des Heilandes
betonen. Er sagt:
»Der Gesetzgeber der Christen wurde von einer Jungfrau geboren und
starb als Jungfrau (+vierge+)«. Und dann fügt er folgende Worte
hinzu: »Hat er uns hiedurch nicht lehren wollen, daß die Erde in
politischer und natürlicher Hinsicht die Vollzahl ihrer menschlichen
Bewohner erreicht habe, und daß wir nun, weit entfernt davon, das
Geschlecht vermehren zu sollen, vielmehr von jetzt an darauf achten
müssen, die Einwohnerzahl zu beschränken?«
Man erstaunt, die Theorie des Malthus als Facit dieser christlichen
Romantik zu erblicken. Wer hätte gedacht, daß so viel Nationalökonomie
in den Evangelien stecke!
Bei Gelegenheit der Dreieinigkeit steht dort zu lesen: »Die Zahl 3
scheint in der Natur die Zahl vor allen zu sein; sie ist nicht erzeugt,
weshalb Pythagoras sie die Zahl ohne Mutter nannte. Selbst in den
Lehren der Vielgötterei kann man die eine und andere dunkle Tradition
von der Dreieinigkeit erkennen. Die Grazien haben sie zur Grenze ihrer
Zahl genommen«.
So wird bei Chateaubriand die Dreieinigkeit von den Grazien als
Karyatiden getragen.
Dieser Vertheidigung der christlichen Dogmen entspricht eine
Vertheidigung des christlichen Ritus, wie folgende: »Im Allgemeinen
kann man erwidern, daß der ganze christliche Ritus von der höchsten
Moralität ist, wäre es auch nur aus dem Grunde, weil er von unsern
Vätern ausgeübt worden ist, weil unsere Mütter als christliche Frauen
an unserer Wiege gestanden haben, und weil die Religion ihre Psalmen
über den Särgen unserer Väter gesungen und ihnen Frieden in ihren
Gräbern gewünscht hat«. Wäre es nicht schon an und für sich klar, daß
diese Vertheidigung sich auf jede beliebige Religion anwenden läßt, so
käme bei dieser Gelegenheit noch hinzu, daß sie gerade in einem Falle
wie diesem am allerwenigsten paßt, wo es galt, das Geschlecht der Söhne
dahin zu bringen, sich von der antichristlichen Lebensanschauung ihrer
Väter loszusagen.
Nicht minder burlesk sind die Beweise zu Gunsten einer Theodicee,
welche bei Chateaubriand von der Naturbetrachtung hergeleitet wird. Er
sagt: »Sind ein Krokodil, eine Schlange, ein Tiger weniger zärtlich,
gegen ihre Jungen, als eine Nachtigall, ein Huhn, ja ein Weib? ... Ist
es nicht eben so wunderbar wie rührend, ein Krokodil sein Nest bauen
und Eier legen, wie ein Huhn, und ein kleines Ungeheuer, ganz wie ein
Küchlein, aus der Schale hervorkommen zu sehen? Wie viele rührende
Wahrheiten enthält dieser Kontrast! Wie veranlaßt er uns, Gottes
Allgüte zu lieben!«
Wo die Männer der Restauration auf irgend Etwas eingehen, was die
Natur oder Naturwissenschaft betrifft, da werden sie allemal höchst
komisch. Wer Lust hat, mag in Chateaubriand's Besprechung von Bonald's
»+Législation primitive+« seinen Ausruf des Erschreckens darüber
nachlesen, daß er einen kleinen Jungen auf die Frage des Lehrers:
»Was ist der Mensch?« hat antworten hören: »Ein Säugethier«. Und im
selben Geiste äußert De Maistre oftmals, die ganze Chemie bedürfe
einer Reorganisation von Seiten der Theologie, und es werde wohl dem
einen oder andern ehrlichen Gelehrten der Nachweis gelingen, daß
nicht der Mond, sondern Gott an der Ebbe und Fluth Schuld sei, sowie
daß das Wasser, welches ein Element sei, sich nicht in Sauerstoff
und Wasserstoff zerlegen lasse. Ja, er meint, die Vögel seien ein
lebendiger Beweis gegen das Gesetz der Schwere. Eine der Personen
in seinen »+Soirées de Saint-Petersbourg+« bemerkt in dieser
Hinsicht, daß die Vögel überhaupt übernatürlicher als andere Thiere
seien, was sich schon darin zeige, daß die Taube die ausgewählte Ehre
habe, den heiligen Geist vorzustellen. Daß das Krokodil Eier legt, daß
die Vögel fliegen, sind Mirakel für diese Männer.