Sylvain Maréchal schreibt in einem Buche, das im Jahre 1800 erschien

(»+Pour et contre la Bible+«): »Eine ausgeprägt religiöse

Reaktion charakterisirt das erste Jahr des neunzehnten Jahrhunderts«.

Sie charakterisirt mehr als zwanzig der folgenden, und in langsam

entwickelten, etwas stagnirenden Ländern volle siebzig Jahre.

Die schriftstellerische Reaktion wider den Geist des achtzehnten

Jahrhunderts beginnt nicht als specifisch-religiös. Ich habe im ersten

Bande dieses Werkes in einer Reihe von Abschnitten nachzuweisen

gesucht, was sie in ihrem Keime war. Ich sagte dort (S. 153), daß

die Reaktion in derjenigen Gruppe schriftstellerischer Erzeugnisse,

welche ich als Emigrantenliteratur bezeichnete, »noch nicht eine

blinde Unterwerfung unter Autoritäten, sondern das natürliche und

berechtigte Sichgeltendmachen von Gefühl, Seele, Leidenschaft und

Poesie im Gegensatze zu Verstandeskälte, exakter Berechnung und einer

von todten Ueberlieferungen umschnürten Literatur war«. Dies ist das

erste Stadium der Literaturreaction, welches ich ebendaselbst mit den

Worten charakterisirte: »Der erste Zug ist nur der, daß man Rousseau's

Waffen ergreift, und sie wider seinen Gegner Voltaire richtet«. Man

begnügt sich hier nicht mit Voltaire's kaltem Deismus, man stellt

wider denselben Rousseau's warme und unbestimmte Sentimentalität auf.

Man wandelt auf seiner Spur, man baut weiter auf dem Fundament seiner

Gefühlswärme und Einbildungskraft. Ein Blick auf den Entwickelungsgang

der Revolution hat uns gezeigt, daß diese Literaturbewegung schon

während der Revolution geschichtlich gleichsam im Voraus angedeutet ist

durch Robespierre's Versuch, Rousseau als Damm wider die Vernichtung

jenes Gefühlslebens aufzustellen, welches so stark an die Tradition

und Autorität der Kirche geknüpft gewesen war, daß es mit der Kirche

zu Grunde zu gehen drohte. Ich möchte besonders die Aufmerksamkeit auf

die Einfachheit der Elemente lenken, auf welche ich bei Besprechung der

Emigrantenliteratur diese Bewegung zurückführte: auf die Reaktion des

Gefühls wider den Verstand. In ihrem Ursprunge war die große religiöse

Umkehr eben nur diese. Nicht die Göttlichkeit des Christenthums

erzeugte die Reaktion, sondern der rein abstrakte Drang, zu glauben,

und dieser Drang war in seinem Keime der noch abstraktere Drang, zu

fühlen und das Gefühl zu Worte kommen zu lassen. Die Geschichte dieser

Bewegung ist die Geschichte der entsetzlichen Verirrungen, welche

dieser Drang allmählich erfuhr.

Wie es nun das erste Stadium der Reaktion war, ~Rousseau reagiren

zu lassen~, so ward es das zweite Stadium der Bewegung, ~wider

Rousseau zu reagiren~. Fast jedes Buch von Bonald, De Maistre oder

Lamennais, das man in die Hand nimmt, geht von dem leidenschaftlichen

Bestreben aus, Rousseau zu widerlegen, oder vielmehr ihn zu verhöhnen

und zu vernichten. Im ersten Stadium stellte man ~das Princip des

Gefühls~ wider die Verstandesherrschaft auf; in dieser zweiten

Phase stellt man ~das Autoritätsprincip~ als das absolute wider

alle früheren Principien, das Gefühlsprincip eingeschlossen, auf. Der

Uebergang von der einen dieser Phasen zur anderen geschieht in solcher

Weise, daß man die Autorität durch einen Appell an das Gefühl geltend

zu machen und wieder einzusetzen sucht. Dies geschieht in Ballanche's

»+Du sentiment considéré dans ses rapports avec la littérature et

les arts+« 1801, und namentlich in Chateaubriand's »Genius des

Christenthums« 1802.

Man findet jetzt in Rousseau den gefährlichsten Typus für den Geist des

achtzehnten Jahrhunderts. Eine kurze Charakteristik der Angriffe gegen

ihn, welche sich nach allen Richtungen erstreckten, wird zeigen, was

wahr und was falsch in ihnen war.

Zuerst der politische Angriff. Es ist in unserm Jahrhundert oft

wiederholt worden und darf nicht vergessen werden, daß es dem vorigen

Jahrhundert an allem historischen Sinne gebrach. Einer seiner

berühmtesten Repräsentanten, d'Alembert, wünschte sogar das Gedächtnis

aller früheren Zeiten ausgerottet zu sehen. Wider Rousseau's und des

achtzehnten Jahrhunderts naiven Glauben, daß der abstrakte Gedanke ohne

Rücksicht auf Geschichte und Wirklichkeit das Dasein reformiren könne,

wandte man sich jetzt polemisch auf allen Gebieten. Die vorige Periode

hatte geglaubt, daß Alles gut sei, wenn man nur eine geschriebene

Verfassung bekäme, die alles aufhebe, was man für Mißbrauch hielt,

und feststelle, was man für Recht hielt. Sie hatte dies Blatt Papier,

oder, wie man es damals nannte, diese Gesetztafeln, als die wirkliche

Verfassung des Landes betrachtet. Hiegegen richtet De Maistre seinen

Satz: »Der Mensch kann keine Verfassung fabriciren, und eine legitime

Verfassung kann nicht geschrieben sein«. Er hat hierin zur Hälfte das

sonnenklarste Recht und zur Hälfte das lächerlichste Unrecht.

Er ahnt die große Wahrheit, welche als eine Errungenschaft der modernen

Politik gelten kann, daß die wahre Verfassung eines Landes aus den

wirklichen Machtverhältnissen des Landes, wie sie vorliegen, besteht,

Machtverhältnisse, die nicht dadurch geändert werden, daß politische

Dilettanten sie auf einem Blatte Papier ummodeln, -- eine Wahrheit,

die mit genialer Anschaulichkeit in Lassalle's Broschüren »Ueber

Verfassungswesen« und »Was nun?« entwickelt wird. Für De Maistre hat

die Autorität selbstverständlich immer eine unbedingte Souverainetät.

Jeder Aufstand erscheint ihm als ein Verbrechen, aber bei seinem

scharfen Blick für Realitäten glaubt er nicht an die geschriebene

Verfassung als Schranke. Von der Schranke gegen die Zügellosigkeit sagt

er: »Sie ist die Gewohnheit, oder das Gewissen, oder eine Papstkrone,

oder ein Dolch, aber sie ist immer ein Etwas;« die geschriebene

Verfassung allein ist ihm nichts Reelles.

Sein lächerlicher Irrthum liegt in der Art und Weise, wie er seinen

Haß gegen die Verfassung motivirt. Er meint, was geschrieben sei, was

durch menschliche Klugheit vorausgesehen und festgestellt worden, sei

als ein Eingriff in das Gebiet der Vorsehung zu betrachten. »Es ist

Naseweisheit wider Gott, kein Zutrauen zu dem Unvorhergesehenen zu

haben, und jede Regierung, welche durch positive Gesetze konstituirt

ist, ist eine Usurpation der Autorität des göttlichen Gesetzgebers.«

Die faktisch existirende Verfassung ist ihm dagegen von göttlicher

Natur, da er von seinem orthodoxen Standpunkte aus geltend macht,

daß es Gott sei, welcher den Völkern ihre Art und Weise der Existenz

verleihe. Gegen die Souverainetät des Volkes stellt er daher, gerade

wie Bonald und Lamennais, die Souverainetät Gottes auf und steuert

solchergestalt in den Hafen der Theokratie.

Rousseau's politische Ideen waren gewiß höchst unvollkommen, und es

war leicht zu erkennen, welche Gefahren in ihnen verborgen lagen.

Sein Grundsatz, daß Niemand verpflichtet sei, Gesetzen zu gehorchen,

zu denen er nicht seine Einwilligung gegeben habe, vernichtet nicht

nur die Autorität als Autorität, sondern auch diejenige Autorität,

welche nur die Form der Vernunft ist, und macht alles Regieren

unmöglich. Sein zweiter Grundsatz, daß die Souverainetät beim Volke

liege, kann, wenn man das Volk auf einseitige Weise definirt, zur

Majoritätstyrannei führen und alle Freiheit unmöglich machen. Sein

dritter großer Grundsatz, daß »alle Menschen gleich sind«, kann,

mißverstanden, zur Nivellirung statt zur Gerechtigkeit führen. Es

waren daher Angriffspunkte genug für eine Diskussion vorhanden, die

von den Principien der modernen Zeit ausgeführt wurde. Hegel ließ sich

seiner Zeit auf eine solche ein, indem er eine neue Definition der

Volkssouverainetät gab, welche nach Innen als die Souverainetät des

Staates bestimmt wurde (Hegel's Werke, Band +VIII.+, Philosophie

des Rechts, S. 367), und Heiberg, welcher gern die Hegel'schen Gedanken

auf die Spitze treibt, hat in seiner Abhandlung »Ueber Autorität«

(Prosaische Schriften, Bd. +X.+, S. 335) der Idee Hegel's die

paradoxe und reactionäre Form gegeben, daß »es äußerst gleichgültig

ist, ob die Bürger durch die Entwicklung des Staates in den Besitz von

mehr Gütern gelangen oder nicht, denn der Staat ist nicht um der Bürger

willen, sondern die Bürger sind um des Staates willen da«. Selbst wenn

man einen ausgeprägten Abscheu gegen Sätze dieser Art empfindet, hat

man doch diejenige Sympathie mit solchen Einreden, welche ein moderner

Gedankengang erwarten darf. Die Opposition jener Zeit wider Rousseau

ist dagegen nicht auf Denken oder Vernunft gegründet, sondern auf den

reinen Autoritätsglauben, und dieselbe ist obendrein von so unredlicher

Art, daß sie stets einen oder den andern losgerissenen Satz Rousseau's

aufsucht, der, mit gutem Willen gelesen, sich verstehen, der aber

seiner kühnen Form halber ziemlich leicht sich zu Wahnwitz verdrehen

läßt.

Bonald verhöhnt z. B. Rousseau, weil er gesagt hat: »Ein Volk hat

immer Recht, seine Gesetze, selbst die besten, zu ändern; denn wenn es

sich selbst schaden will, wer hat ein Recht, es daran zu hindern?« Der

Satz ist unvorsichtig, aber er scheint mir richtig zu sein; er heißt

in Wirklichkeit nicht den Rückschritt gut, er weist nur die fremde

Einmischung ab, welche denselben als Vorwand ergreifen möchte, und

man fühlt sich peinlich überrascht, wenn man sieht, daß die Ursache,

weshalb Bonald so erbittert auf diese Worte ist, keine andere als die

ist, daß die Macht der Gesetzgebung nicht dem Volke, sondern Gott

gehöre.

Ferner greift man mit viel Eifer und Hitze Rousseau's

Gesellschaftsbegriff an. Es läßt sich verstehen, daß Rousseau, wenn er

seinen Blick auf diejenige Gesellschaft, welche er vor Augen hatte,

richtete, zu dem Wahne gelangen konnte, daß man einer Gesellschaft

überhaupt entbehren könne; allein dieser Irrthum, im Verein mit seiner

Phantasterei von einem verloren gegangenen glücklichen Naturzustande,

hatte ihn zu Sätzen wie diesen geführt: »Der Mensch ist als gut

geboren, und die Gesellschaft verdirbt ihn«, und zu dem komischen

Paradoxon, das in allen Büchern der Restaurationszeit paradirt, von

so vielen Argumenten durchbohrt, wie sich Nadeln in ein Nadelkissen

stecken lassen: »Der Mensch, welcher denkt, ist ein verderbtes Thier«.

Auf solchen Punkten hat der Angreifer freilich in der Regel ein

leichtes Spiel.

In seinem Eifern wider die Gesellschaft ließ sich Rousseau zu der

Behauptung verleiten: »Die Gesellschaft geht nicht aus der Natur

des Menschen hervor. -- Alles, was nicht in der Natur liegt, führt

Unzuträglichkeiten mit sich, und die bürgerliche Gesellschaft mehr

als alles Uebrige«. -- »Die Gesellschaft«, ruft Bonald nicht ohne

Beredsamkeit aus; »als bestünde die Gesellschaft in den Mauern

unserer Häuser oder den Wällen unserer Städte, und als wären nicht

überall, wo ein Mensch geboren wird, ein Vater, eine Mutter, ein Kind,

eine Sprache, der Himmel, die Erde, Gott und die Gesellschaft!« Er

belehrt seine Zeitgenossen, daß die erste Gesellschaft eine Familie

war, und daß in der Familie die Macht nicht durch Wahl erkoren ist,

sondern aus der Natur der Dinge hervorgeht. Wider die Lehre, daß

die Gesellschaft durch freiwillige Uebereinkunft entstehe und das

Produkt eines Vertrages sei, stellt er die seinige auf, daß die

Gesellschaft uns auferlegt (+obligée+) und das Resultat einer

Macht sei, möge es nun die Macht der Ueberredung oder der Waffen sein.

Der Behauptung, daß die Macht von Ursprung an das Gesetz vom Volke

empfangen habe, stellt er die gegenüber, daß nicht einmal ein Volk

existire, ehe eine Macht da sei. Dem revolutionären Grundsatz, daß die

Gesellschaft eine Brüderlichkeit und Gleichheit sei, stellt er seine

patriarchalisch-despotische Lehre gegenüber, daß die Gesellschaft ein

Väterlichkeits- und Abhängigkeits-Verhältniß sei; die Macht sei bei

Gott und werde von ihm ertheilt. -- Hier ist abermals die energische

Berufung auf die geschichtliche Wirklichkeit und ihre Machtverhältnisse

treffend wahr, während gleichzeitig durch einen Sophismus ohne Gleichen

das legitime Königthum von Gottes Gnaden aus dem Respekt vor der

Geschichte und der Wirklichkeit abgeleitet wird.

Man richtet endlich aus allen Kräften einen Hieb gegen Rousseau's

Auffassung des Staates als eines Vertrages. Man stellte diese

Auffassung als eine Thorheit, ja als eine verbrecherische Erfindung

dar. Und doch geht sie so naturnothwendig, wie irgend Etwas, aus

des achtzehnten Jahrhunderts ganzer Ueberschätzung des Bewußten im

Menschenleben und seinem Mangel an Blick für das Unbewußte hervor. Um

wie viel gerechter hat später Hegel Rousseau beurtheilt! Er hebt das

Verdienst Rousseau's hervor, ein Princip aufgestellt zu haben, »dessen

Inhalt der Gedanke selber«, nämlich der Wille, als Princip des Staates

war, und bemerkt, daß sein Fehler lediglich darin bestand, unter dem

Willen nur den einzelnen, den bewußten und willkürlichen Willen zu

verstehen, was dann »zu den weiteren, blos verständigen, das an und

für sich seiende Göttliche und dessen absolute Autorität und Majestät

zerstörenden Konsequenzen führt« (Hegel's Werke, Band +VIII+, S.

314). -- Im »+Contrat social+« hatte Jean-Jacques die Principien

der Regierung und der Gesetze in der Natur des Menschen und der

Gesellschaft, diese in rein abstrakter Allgemeinheit genommen, zu

finden gesucht. Aber schon Montesquieu sagte: »Ich habe niemals von

öffentlichem Recht reden hören, ohne daß man sich sorgfältig bemüht

hat, zu ergründen, was der Ursprung der Gesellschaften sei, Etwas, das

mir als durchaus lächerlich erscheint. Wenn die Menschen nicht eine

Gesellschaft bildeten, wenn sie einander mieden oder flöhen, müßte

man nach dem Grunde fragen und erforschen, weshalb sie sich getrennt

hielten; aber jetzt werden sie alle als an einander geknüpft geboren.

Ein Sohn wird bei seinem Vater geboren und hält sich an ihn; Das ist

die Gesellschaft und die Ursache der Gesellschaft.«

Wenn man nur, statt des Verhältnisses zum Vater, das noch nähere

Verhältnis des Kindes zur Mutter setzt, so scheint die ganze

Argumentation mir vollkommen richtig zu sein. Rousseau wollte jedoch,

ohne Rücksichtnahme hierauf, zeigen, kraft welcher Principien die

Menschen sich mit einander vereinigt, welches Ziel sie sich bei

dieser Vereinigung gesetzt hätten, und welches die besten Mittel zur

Errichtung dieses Ziels wären. Nun ist es sicherlich unbestreitbar, daß

die Gesellschaft nur durch Uebereinkunft ihrer Mitglieder existirt.

Diese Uebereinkunft oder dieser Vertrag ist also ganz gewiß das

~rationelle~ Princip ihrer Existenz, allein dieser Vertrag wird

stillschweigends geschlossen, hat sich immer von selbst verstanden,

hat immer existirt, ist also nicht ~reell~. Ganz auf dieselbe

Art heißt es in der Geometrie, eine Kugel entstehe dadurch, daß man

einen Halbkreis um seine Achse bewege. Diese Definition ist vollkommen

richtig, hat aber Nichts mit den materiellen Bedingungen der Existenz

einer bestimmten Kugel zu schaffen. Niemals in der Welt ist eine Kugel

dadurch verfertigt worden, das man einen Halbkreis um seinen Radius

drehe.

Will man dies Bild festhalten, so hat man in einem bestimmten

Beispiel die Eigenthümlichkeit des Gedankenganges des achtzehnten

Jahrhunderts auf socialem Gebiete, ja seines ganzen Geisteslebens. Dies

Geistesleben ist analytisch und abstrakt, es hat eine Tendenz nach der

Seite der Geometrie und der Algebra und sucht die schwierigsten und

komplicirtesten Verhältnisse der Wirklichkeit mit Hilfe der Abstraktion

zu begreifen. Dieser Schwäche gegenüber erringt Bonald einen leichten

Sieg, indem er sich auf das Machtprincip beruft. Er stellt Rousseau's

auflösenden Theorien seine absolutistischen Postulate gegenüber: »Gott

ist die souveraine ~Macht~ über alle Wesen, der Gottmensch ist die

~Macht~ über die ganze Menschheit, das Staatsoberhaupt ist die

~Macht~ über all' seine Unterthanen, das Familienoberhaupt ist

die ~Macht~ in seinem Hause. Da alle Macht nach dem Bilde Gottes

geschaffen ist und von Gott stammt, ist alle Macht absolut«.[3]

Sodann bekämpft man Rousseau auf dem moralischen Gebiete. Rousseau

hatte sich bestrebt, in der Moral »das innere, ungeschriebene Gesetz«,

von welchem Antigone spricht, zur Quelle der Gesetzgebung zu machen.

Er hatte gesagt: »Was der Mensch nach dem Willen Gottes thun soll, Das

giebt er dem Menschen nicht durch einen anderen Menschen kund; Das

sagt er ihm selbst und schreibt es ihm tief ins Herz«. Wäre dem so,

was bedeuteten dann Tradition und Autorität und durch dritte Personen

mitgetheilte Offenbarungen! »Wenn der Mensch«, entgegnet daher Bonald,

»diesem inneren Gesetz durchaus folgen müßte, so wäre er willenlos wie

ein Stein, den das Gesetz der Schwere lenkt; braucht er ihm dagegen

nicht nothwendig zu folgen, so bedarf es hier einer ~Autorität~,

welche ihn auf jene Gesetze aufmerksam machen kann und ihn lehrt,

denselben gehorsam zu sein«. So wird auch in der Moral das Princip also

von dem inneren Gefühle in die äußere Autorität verlegt.

Die Polemik wider Rousseau geht so weit, daß Bonald z. B. über die

Ermahnung des Philosophen an die Mütter, selbst ihre Kinder zu stillen,

ganze Seiten lang declamirt. Man sollte glauben, hier wenigstens hätte

Rousseau es den strengen Moralisten recht gemacht. Weit gefehlt!

Jene Ermahnung beweist, daß Jean-Jacques die Menschen nur als Thiere

betrachtet habe. »J. J. Rousseau machte es im ~Namen der Natur~

den Frauen zur Pflicht, selbst ihren Kindern die Brust zu reichen,

gerade wie es die Weibchen bei den Thieren, und aus dem nämlichen

Grunde, thun..... Die Väter und Mütter, welche von der Philosophie nur

als Männchen und Weibchen betracht wurden, betrachteten also die Kinder

nur als ihre Jungen« (+Bonald: du divorce considéré au 19me siècle

relativement à l'état domestique et à l'état public de société+,

Ausgabe von 1817, S. 29 und 31). Und weshalb ist Bonald so erbittert?

Augenscheinlich weil er fürchtet, Rousseau möge der Religion Etwas von

ihrer Autorität rauben, indem er ein Vernunftgebot erläßt, welches

sie nicht direkt gegeben hat. »Rousseau«, sagt er, »hat vermuthlich

gedacht, die Religion dabei zu ertappen, daß sie eine Pflicht übersehen

hätte; aber vielleicht hat eben die Religion, welche weiter als er sah,

Alles gescheut, was jungen Eheleuten als Grund oder Vorwand dienen

könnte, wenn auch nur für den Augenblick, getrennt von einander zu

leben«. Die mütterliche Sorge der katholischen Kirche für das Glück der

Eheleute und die Vermehrung des Menschengeschlechts soll also durch die

Polemik wider Rousseau sich in ihrem glänzendsten Lichte zeigen.

Wir sahen, zu welchen Mißverständnissen der Gesellschaftsidee der

abstrakte und mathematische Gedankengang des achtzehnten Jahrhunderts

führte. Eines ganz ähnlichen Mißverständnisses hatte man sich durch

denselben Gedankengang der Poesie gegenüber schuldig gemacht. In seiner

Bewunderung des mathematischen Raisonnements und der Sicherheit,

mit welcher man auf dem Wege der mathematischen Schlußfolgerung zur

Entdeckung abstrakter Wahrheiten gelangte, wünschte man, der Sprache,

so weit möglich, den Charakter des mathematisch-exakten Ausdrucks

mitzutheilen. Ich brauche nur an Condillac's bekannte Definition

einer Wissenschaft als einer »+langue bien faite+«, d. h. einer

vollständig klaren und vollständig genauen Sprache, zu erinnern.

Man beachtete viel zu wenig, daß, sobald es Eindrücke wiederzugeben

gilt, welche nicht dieselben bei Allen sind, und welche bei derselben

Person von einem Augenblicke zum andern wechseln können, eine

schmiegsame, leicht umzuprägende Sprache erforderlich ist, welche

ihren Geist und Charakter von Dem, welcher sie spricht, empfängt.

Die Männer der Wissenschaft begannen damals Das, was man die Poesie

und den Stil nannte, zu verhöhnen, und versicherten, daß die Gedanken

Alles und die Form so gut wie Nichts sei. Barante, welcher beim

Beginn des neuen Jahrhunderts zum ersten Mal seinem Zeitalter in

einer literaturgeschichtlichen Schrift die Spitze bietet, bemerkt

hiergegen schlagend: »Wenn Ximene zu Rodrigo sagt: ›Geh, ich hasse

Dich nicht‹, so ist es klar, daß, wenn man diese Worte einer kalten

Analyse unterwirft, es das Gleiche ist, als wenn sie sagte: ›Geh,

ich liebe Dich‹, und doch würde sie, wenn sie diese letzteren Worte

sagte, ein ganz anderer Charakter sein, würde die Rücksicht auf ihren

Vater vergessen und sowohl ihre Schamhaftigkeit wie ihren Liebreiz

verlieren«. Die Dichter, welche im Grunde von derselben Auffassung

wie die Männer der Wissenschaft ausgingen und eben so weit, wie jene,

davon entfernt waren, den Stil als das unmittelbare Produkt des

Gedankens zu begreifen, machten sich daran, »Stil« an und für sich zu

fabriciren, und sprachen von dem Stil, wie man von der Musik zu einem

Texte spricht. Sie betrachteten die Kunst, zu schreiben, als eine rein

mechanische Kunst, und man sah die deskriptive Schule, mit Delille

an der Spitze, den Versuch machen, die allerpoesielosesten Sujets,

wie die Botanik, die Astronomie, die Physik und die Seefahrt, in Stil

zu setzen. Ich deute hiemit auf wirklich existirende Dichtungen von

Boisjolin, Gudin, Aimé Martin und Esménard hin. Ja, Cournand schrieb

sogar ein Gedicht in vier Gesängen vom »Stil« und den Stilarten. Man

betrachtete die Poesie als eine künstliche Form, welche dem abstrakt

fertigen Gedanken mitgetheilt wurde. Hiergegen hatte schon Buffon

seinen treffenden Satz »+Le style c'est l'homme+«, -- »der Stil

ist der Mann« -- gerichtet, ein Satz, welcher seitdem, so oft das Wort

Stil genannt wird, als stehende Trivialität zum Vorschein kommt, und

niemals öfter als Denen citirt wird, welche weder Männer sind noch

einen Stil haben.[4] Die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts gingen

in ihrer Auffassung von der Natur des poetischen Stils von ihrem

eigenen Verfahren aus. Da ihre eigene Poesie kein Naturprodukt, sondern

ihre Sprache das Produkt einer Arbeit nach gewissen Regeln von der

Noblesse des Ausdrucks, von der Wahl der Metaphern und der Anwendung

der Mythologie war, so glaubten sie, daß die Sprache und der Gedanke

von Ursprung an unabhängig von einander entstünden.

Wenn daher Bonald seine Lehre wider sie richtet, daß Sprache und

Gedanke sich nicht trennen lassen -- der Grundsatz, auf welchem er in

seinem Hauptwerke »+La législation primitive+« sein ganzes System

erbaut, -- so hat er selbstverständlich Recht. Aber es geht mit diesem

Satze wie mit allen andern der Restauratoren: die orthodoxe Manie, an

welcher der Verfasser leidet, veranlaßt ihn, jeden wahren Gedanken so

zu recken und zu strecken, daß ein förmliches Monstrum daraus wird.

»Die Lösung des Problemes der Intelligenz«, sagt Bonald, »läßt sich

in dieser Formel geben: Es ist nothwendig, daß der Mensch sein Wort

denke, bevor er seinen Gedanken ausspricht. Das will sagen, es ist

nothwendig, daß der Mensch das Wort wisse, bevor er es spricht, welcher

einleuchtende Satz jede Möglichkeit ausschließt, daß der Mensch selbst

das Wort erfunden haben könnte«. Da hat man's! Auf solche Art gelangt

Bonald zu jenem Lieblingssatze der Reaktionäre in diesem Jahrhundert,

daß die Sprache ursprünglich von Gott den Menschen gegeben sei. Man

findet ihn bei uns in der Aeußerung Sören Kierkegaard's (»Ueber den

Begriff Angst«), daß keinesfalls der Mensch die Sprache selbst erfunden

haben könne. Weshalb nicht? Weil Gott sie fix und fertig offenbart hat.

Die Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, 3. Die Reaktion in Frankreich · 第 6 / 21 段