Vertheidiger und Fürsprecher des Konkordats, sich bedient. Um zu
beweisen, daß es nicht möglich sei, eine neue Religion einzuführen,
sondern daß man die alte wieder aufnehmen müsse, sagt er: »In
ganz alten Tagen, in Zeiten der Unwissenheit und Barbarei, haben
außerordentliche Menschen sich inspirirt nennen und nach Prometheus'
Beispiel das Feuer vom Himmel herabholen können, um mit demselben
eine Neue Welt zu beseelen. Aber was bei einem entstehenden Volke
möglich ist, ist es nicht bei alten vielgeprüften Nationen, deren
Gewohnheiten und Ideen schwer zu verändern sind«. Er beginnt, wie man
sieht, damit, an die Autorität der Gewohnheiten zu appelliren. Und er
fährt fort: »Man glaubt nur an eine Religion, weil man sie für ein
Werk Gottes hält. Alles ist verloren, sobald man die Menschenhand
durchblicken läßt«. Daß diese Sprache nicht die des Glaubens ist,
bedarf keiner Beweisführung. Worauf Portalis sich beruft, Das sind die
mißlungenen Versuche, die positive Religion durch eine revolutionäre,
eine »Vernunftreligion« wie diejenige Rousseau's und Robespierre's, zu
ersetzen. Diese Versuche waren mißlungen, obschon die neue Lehre nicht
erst erfunden zu werden brauchte, sondern in Wirklichkeit im Gemüth der
gebildeten Klassen lebte; sie waren mißlungen, weil es unmittelbar,
nachdem man alle äußere Autorität gestürzt hatte, unmöglich war, der
Ueberzeugung, welche von der Mehrzahl der Gebildeten getheilt wurde,
eine rein äußerliche Autorität, wie die zertrümmerte, zu geben. Sie
trugen jene Frucht, weil ihre Urheber die Wahrheit verkannten, daß
der Menschengeist unaufhörlich seine religiösen und sittlichen Ideen
umwandelt, und nicht begriffen, daß der befreite Geist nothwendig
jetzt noch schneller, als vorher, sich in der Fortschrittsströmung
zu einer vollkommneren Klarheit befand, welche ihn nöthigen mußte,
gleich von Neuem jede dogmatisch fixirte und begrenzte Form zu
zerbrechen. Aber nun, weil die von innen gewählte Form sich als
unhaltbar gezeigt, wieder die noch viel unhaltbareren alten erstarrten
Traditionsformen aufnehmen zu wollen. Das war sicherlich eine sehr
seltsame Argumentation. Es blieb also Nichts anders übrig, als sich
auf den unmittelbaren Nutzen zu berufen, welcher sich daraus ziehen
ließe. Aber- und abermals kommt daher Portalis darauf zurück, nicht daß
die Religion wahr, sondern daß sie nothwendig sei, daß man ohne sie
nicht regieren könne, daß die Moral ohne religiöse Dogmen »wie eine
Justiz ohne Gerichte« sein würde. Es ist wahr, daß das Dogma vom ewigen
Höllenfeuer, so lange dasselbe Glauben findet, ein kräftiges Werkzeug
in der Hand des Herrschenden ist. Ja, Portalis ist offen genug, mit
dürren Worten zu sagen: »Die Frage nach der Wahrheit oder Falschheit
dieser oder jener positiven Religion ist nur ein rein theologisches
Problem, das uns fremd ist. Die Religionen haben, selbst wenn sie
falsch sind, wenigstens den Vortheil, der Einführung willkürlicher
Lehren eine Schranke zu setzen. Die Individuen haben in ihr ein
Glaubenscentrum, die Regierungen sind beruhigt hinsichtlich der einmal
bekannten Dogmen, die sich nicht verändern. Der Aberglaube ist, so zu
sagen, regularisirt, eingezäunt und in Schranken gebannt, die er weder
zu überschreiten vermag, noch wagt«.
Mit seiner Zweizüngigkeit suchte Bonaparte die Restauration den
verschiedenen Parteien in verschiedenem Lichte darzustellen. Den
Katholiken wurde sie als eine That geschildert, mit welcher sich
nur Konstantin's und Karl's des Großen Verdienste um die Kirche
vergleichen ließen; den Philosophen als ein Akt, durch welchen die
Kirche vollständig dem Staate, den weltlichen Behörden unterworfen
würde. »Es ist eine Schutzpocke gegen die Religion«, sagte Napoleon
zu dem Philosophen Cabanis; »in fünfzig Jahren wird es in Frankreich
keine Religion mehr geben«. So Viel ist ausgemacht, daß er nicht
daran gezweifelt hat, durch die Versöhnung zwischen Kirche und Staat
sich einen gehorsamen und untergebenen Bundesgenossen zu sichern. In
welchem Grade er sich hierin täuschte, ist bekannt. Allein Das hat
nur wenig zu sagen. In welchem Grade er jedoch durch diesen seinen
Trotz gegen den Zeitgeist, durch diese herausfordernde That gegen
die Revolution, welcher er Alles verdankte, durch diesen Hohn gegen
alles Größte und Beste, was sie gebracht oder errungen hatte, das
Geistesleben seines Vaterlandes vergiftete und dadurch die, durch so
heldenmüthige Anstrengungen errungene Kultur desselben lähmte, Das hat
erst die spätere Zeit verspürt, und Das spüren wir mit jedem Tage mehr,
heute vielleicht tiefer, als jemals. Bitterlich mußte er bald selbst
bereuen, daß er, von einer kurzsichtigen Politik geleitet, sich mit den
niedrigsten und unwissendsten Elementen im Volke wider die edelsten
und besten verbündet hatte. De Pradt erzählt, er habe Napoleon ein Mal
über das andere wiederholen hören, daß »das Konkordat der größte Fehler
seiner Regierung sei«. Von dem Justizmorde des Herzogs von Enghien hat
man den bekannten Ausdruck gebraucht: »Er war mehr als ein Verbrechen,
er war ein Fehler«. In Betreff des Konkordates kann man das Wort
umkehren. Dasselbe war mehr als Napoleon's größter Regierungsfehler,
es war das größte Verbrechen, welches dies gewaltige Genie in seinem
rücksichtslosen Despotismus verübt hat.
[+Thiers: Histoire du Consulat. -- Lanfrey: Histoire de Napoléon I.
-- Mignet: Histoire de la Révolution, Tome II. -- De Pradt: Histoire
des quatre concordats. -- Portalis: Discours et rapports sur le
concordat.+]
3.
Kann man begreifen, daß alles Geschehene für ungeschehen gelten, daß
all' die ungeheuren Anstrengungen verschwendet sein sollten? Wenn man
bedenkt, was zu vollbringen gelungen war, so muß man erstaunen. Eine
Emancipationsbewegung, die während der Renaissancezeit mit der warmen
Begeisterung für das klassische Alterthum begonnen, die in England
durch Newton's Genie eine neue Anschauung von der äußeren Welt zur
Grundlage erhalten und allmählich die Naturwissenschaften erobert,
die eine neue Philosophie als ihr Produkt und die Freimauererei als
ihr Zeugnis hinterlassen hatte, war wie ein sprühender Funke durch
Voltaire's Geist nach Frankreich herübergeführt worden. Hier war dann
das Wunder geschehen, daß, wenige Jahrzehnte nachdem Corneille seinen
»+Polyeucte+« und Racine seine »+Athalie+« gedichtet, wenige
Jahre nachdem Bossuet den absoluten Gehorsam gepredigt und Pascal
mit Feuerbuchstaben das Bekenntnis seines Glaubens an die absolute
Absurdität aufgezeichnet hatte, unter dem unbestrittensten Absolutismus
eine Handvoll Männer, meist landflüchtig oder verfolgt, es vermocht
hatte, erst die höheren Stände, die Elite der Nation, dann Prinzen
und Prinzessinnen, die bald Könige und Kaiserinnen wurden, endlich
den ganzen Mittelstand zu gewinnen, so daß die neue Wahrheit, welche
in Niedrigkeit geboren, aber welcher schon in der Wiege von mächtigen
Königen, von Preußens Friedrich, Oesterreichs Joseph und Rußlands
Katharina, gehuldigt wurde, bald das ganze inzwischen herangewachsene
Geschlecht beherrschte, ja sich Anhänger unter Aebten und Priestern
gewann.
Mit athletischer Kraft hatte der menschliche Gedanke sich in seiner
Freiheit erhoben. Alles, was bestand, mußte sein Existenzrecht
beweisen. Man forschte nach Ursachen, wo man früher um ein Mirakel
gebetet. Man fand ein Gesetz, wo man früher an ein Wunder geglaubt
hatte. Niemals zuvor war solchermaßen in der Welt gezweifelt,
gearbeitet, untersucht und aufgeklärt worden. Man besaß nicht die
Waffe der Macht, sondern die Waffe des Spottes, und mit Hohn und
Spott griff man daher zuerst an. Auf Voltaire's raffinirten Hohn
folgte dann Rousseau's plebejischer Zorn. Niemals zuvor war noch in
der Welt solchermaßen gespottet, unterwühlt und deklamirt worden. Der
menschliche Gedanke, welcher Jahrhunderte hindurch auf allen Gebieten
wie ein Leibeigener hatte frohnen müssen, welchen man mit Legenden
berauscht und mit geistlichen Liedern und Redensarten in Schlaf
gelullt hatte, vernahm gleichsam den Ruf des Hahnes und sprang völlig
erwacht empor. Und jetzt sollte Alles, was die Heroen des Geistes
gedacht und wofür seine Märtyrer gelitten hatten, wie unnützes und
unbrauchbares Gerümpel bei Seite gekehrt werden können! Wofür so viele
der edelsten Herzen geschlagen, was ihnen Muth auf dem Schlachtfelde
und auf dem Schafotte eingehaucht hatte, all' diese Begeisterung
sollte jetzt wieder, wie der Geist in dem Märchen, in einen eisernen
Schrein zusammengepreßt, und dieser Schrein sollte für immer mit dem
gemeinsamen Siegel eines Kaisers und eines Papstes verschlossen werden
können!
Die bestimmten Ursachen, welche Dies möglich machten, lassen sich
nachweisen. Ringsum in den vornehmen Familien auf dem Lande waren
während der Revolution die Mütter mit ihren Töchtern katholisch
geblieben, da der Vater, wie er sonst auch gesinnt sein mochte, mit der
bekannten moralischen Feigheit der Franzosen immer die Religion für
eine heilsame Fessel des Weibes hielt. Die Damen hatten eine Altardecke
gestickt, den Priester protegirt, ihm Geld für seine Armen und Kranken
gegeben und nie eine Messe versäumt. Jetzt war die Messe verboten.
Der arbeitsame und stille französische Bauer und seine Hausgenossen
waren, bis die Revolution erschien, gewohnt gewesen, zum Priester, zu
+Monsieur le Curé+, wie zu einer Art irdischer Vorsehung empor
zu blicken, ihn tief zu grüßen, wenn er vorüberging und ihn bei Allem
um Rath zu fragen; er hatte die Kinder getauft, er hatte ihnen das
erste Abendmahl ertheilt, er hatte Jacques mit Fanchette getraut, er
hatte der alten Mutter die letzte Oelung gebracht. Man las nicht im
Bauernhause, man pflegte dort weder Literatur, noch Philosophie, noch
Musik. Jedes Gefühl in der Seele, das sich über die Pflugschaar und
die aufgewühlten Schollen erhob, schlug den Weg zur Kirche ein. Wie
klein sie sein mochte, so war sie doch ein Festsaal im Vergleich mit
der Dorfhütte; sie war heilig, man kniete in ihr. Jetzt war die Kirche
geschlossen. Wer den gemeinen Mann in Frankreich oder Italien beten
gesehen, wer die rührende Andacht in Augen erblickt hat, die so ernst
und hell wie die eines Hundes sind, Der begreift, was es für den Bauern
hieß, daß es weder Messe noch Priester mehr geben sollte. Endlich der
Sonntag. Der Bauer ist gegen jede Veränderung, deren Nutzen ihm nicht
augenblicklich einleuchtet. Und jetzt sollte der Sonntag abgeschafft
werden. Hatte man je so Etwas gehört? Wer war je auf Dergleichen
verfallen? Wer konnte darauf verfallen, außer jenen Herren in Paris!
Länger als tausend Jahre, vielleicht seit Erschaffung der Welt,
hatte man den Sonntag gefeiert, unser Herrgott selbst hatte ihn ja
gefeiert, und nun sollte die Woche zehn Tage haben und Dekade heißen,
wovon Niemand wußte, was Das sei. Man wollte also gar den lieben Gott
abschaffen!
Hiezu füge man die Wirkung auf die jüngeren, noch unverdorbenen
Priester. Frayssinous, der als katholischer Apologet während der
Restauration so berühmt wurde, erzählt, wie er selbst und einer seiner
Freunde, der ebenfalls Priester war, inmitten der Schreckensperiode,
trotz aller Proskriptionsdrohungen, fortfuhren, ihre priesterlichen
Funktionen zu verrichten, und, um sich zu prüfen und zu stärken, um
sich mit dem Tode vertraut zu machen, der im Entdeckungsfall ihrer
harrte, abwechselnd den Hinrichtungen auf dem permanenten Schafotte zu
Rhodez beiwohnten.
Man denke sich junge, begeisterte Priester, wie diese, oder wie sie
in Lamartine's »Jocelyn« geschildert werden, in aller Stille mit
ihrer Gemeinde Sonntagmorgens sich in Höhlen unter der Erde, in
kalten und feuchten Kellern versammeln, die fast an die Katakomben
der ersten Christen erinnern konnten. Man sprach mit einander von
den schweren Zeiten für die Kirche, man tröstete einander, man hörte
eine Predigt, man empfing die geweihte Hostie, und ging mit feuchten
Augen und erbautem Gemüth wieder von dannen. Die vornehme Dame und
die schlichteste Bauerfrau hatten sich hier als Mitglieder derselben
Gemeinde in ganz anderer Weise gefühlt, als da sie durch die ganze
Entfernung geschieden waren, welche den vordersten Kirchenstuhl von dem
hintersten trennt.
Selbst die Einziehung der Kirchengüter kam vorherrschend der Kirche
zu Statten. Mancher Priester, den das Wohlleben verderbt hatte,
sah sich plötzlich auf die evangelische Armuth beschränkt. Wenn
der Verlust Viele reizte und verbitterte, so läuterte er Andere.
Die Sache, für welche ein Mensch leidet, wird ihm theuer. Der
schwankende, halb philosophische Priester, welcher früher (wie
Barante von der Geistlichkeit des achtzehnten Jahrhunderts erzählt)
im Grunde erröthete, die christlichen Dogmen zu bekennen, fühlte
seine Selbstachtung in dem Grade steigen, in welchem die Sache, der
er diente, verfolgt wurde. Bischof Lecoz schreibt im Jahr 1801: »Die
Religion, welche der Heiland ohne Hilfe des Reichthums stiftete,
wird er auch ohne diese Hilfe, die seiner unwürdig ist, erhalten. Als
er seine zwölf Apostel berief, wozu berief er sie! Zum Genusse von
Besitzthum oder Ehre? Nein, sondern zu Arbeit, Mühe und Leiden. Wenn
also wir Diener Jesu Christi jetzt nahe daran sind, uns in diesem
apostolischen Zustande zu befinden, dürfen wir wohl darüber murren?
Nein, lasset uns vielmehr froh sein über diese köstliche Beraubung
äußerer Güter, und lasset uns dem Herrn danken, der wieder jenen alten
Zustand der Dinge erweckt hat, den die frömmsten seiner Kinder allezeit
zurück ersehnt haben!«
Dann vergesse man nicht die ungeheure Allianz, welche die Kirche
dadurch erhielt, daß sie jetzt plötzlich das eigene Princip der
Revolution sich aneignen und in ihrem Namen sich Sympathien erobern
konnte. Die ganze Situation war von dem Augenblicke an verändert,
wo die so lange wie möglich freiheitsfeindliche Kirche, durch die
Nothwendigkeit gezwungen, das Wort Freiheit auf ihre Fahne schrieb.
Jetzt, da sie selbst der Freiheit wider die Unterdrückung benöthigt
war, jetzt sprach sie im Namen der Freiheit, und so beweglich, daß
Alle, welche das Krokodil greinen hörten, es für ein kleines, wehrloses
Kind hielten. Der liberale Katholicismus entstand, so seltsam auch
diese Worte wider einander kreischen und zischen. Die Kirche entwand
der Revolution ihre beste Waffe und gab dieselbe ihren Anhängern in
die Hand -- vorläufig, wohlgemerkt, bis sie ihre alte Macht wieder
zurück erobert hätte; denn dann wehe der Freiheit! Aber jetzt war der
Papst plötzlich liberal geworden: Religionsfreiheit hieß die Parole.
Selbst als der Jesuitenorden wieder hergestellt ward, wollten die
Jesuiten, wie alle sogenannten Liberalen unserer Zeit, »die rechte und
wahre Freiheit«, d. h. natürlich Freiheit für sich selbst. Wie ehrlich
man es mit dieser Berufung auf die Freiheit meinte, Das zeigte sich,
sobald man zur Macht gelangt war. Als Napoleon 1808 die Forderung
erhob, daß der Papst Religionsfreiheit gewähren solle, antwortete er:
»Da dieser Artikel mit dem Kanon und den Koncilien der Kirche und mit
der katholischen Religion, und wegen der entsetzlichen Folgen, welche
daraus entspringen würden, mit der Ruhe und dem Glück des Staates in
Widerspruch steht, so haben wir ihn verworfen«. Die naiven Katholiken,
welche dies Gerede von Freiheit buchstäblich nahmen, wie Lamennais zum
Exempel, sollten bald die Liebe erproben. Aber selbst als Lamennais
1832 von einer päpstlichen Bulle betroffen ward, gab man seinem
Schüler Montalembert, welcher sich von ihm trennte und der kräftigste
Vertheidiger des Katholicismus in der Mitte dieses Jahrhunderts ward,
Erlaubnis, fortdauernd den liberalen Katholicismus vorzutragen, welchen
man erst voriges Jahr, als man ihn zu gar Nichts mehr brauchen konnte,
in einer der zornwüthigsten Bullen, die jemals erlassen worden sind,
mit dem Bannfluche belegte. Wenige von Allen, welche sie damals in
der Zeitung lasen, haben vielleicht verstanden, wie Viel diese Bulle
eigentlich sagte.
Man erwarb sich also durch den Aufruf im Namen der Freiheit Beistand
und Hilfe. Allein zu den vielen Besseren, die im Augenblick des
Umschlags unter dem Konsulate hievon beeinflußt wurden, und denen die
brutale Behandlung, welche der Papst später unter dem Kaiserthume
erlitt, vermehrte Sympathien für die Kirche einflößte, gesellten
sich unter der nachfolgenden Entwicklung der Ereignisse, als die
bourbonische Restauration stattfand, alle die Vielen, welche zu
allen Zeiten der Religion der Gewalthaber huldigen, alle Anhänger
der Moral des Fuchses bei Holberg: »Grübele nicht über die Religion,
sondern halte dich blind an den herrschenden Glauben!« Von Seiten der
Herrschenden wird in religiösen Angelegenheiten ja niemals der Kampf
mit Gründen wider Gründe geführt. Man beantwortete die Argumente der
Gegner nicht mit Argumenten, sondern mit der Entziehung des täglichen
Brotes. Die Mehrzahl der Männer, welche ohne Vermögen sich auf die
Beamtenlaufbahn vorbereitet hatten, und welche eine unwiderstehliche
Lust, jeden Tag gut zu frühstücken und zu Mittag zu speisen, nicht
zu überwinden vermochten, waren geborene oder gewonnene, jedenfalls
aber durchaus zuverlässige Stützen für die Restauration der Kirche.
Niemand, der über 25 Jahre alt ist, wird sich darüber wundern, wie
viele Anhänger die Orthodoxie von dem Augenblicke an erhielt, wo sie
aus einer Lächerlichkeit zu einer Versorgung ward.
Füge man hierzu die große Partei der Furcht, alle Diejenigen hinzu,
welche in Angst vor der rothen Republik lebten, und welche in der
Wiederaufrichtung der Religion zuerst und vor Allem ein Bollwerk
gegen dies Schreckbild sahen. Aus ihnen rekrutirte das Heer des
Autoritätsprincips sich am allerstärksten. Die Katholiken wurden
plötzlich aus einer kirchlichen Gemeinschaft zu einer politischen
Partei.
Ein Umschlag der Zustände wird immer vorbereitet durch einen Umschlag
der Stimmung und ruft noch gewisser Stimmungen hervor, welche dem neuen
Zustand entsprechen. Die Stimmungen und Ideen, welche das Konkordat
vorbereiteten, erhielten durch den Abschluß desselben volle Freiheit,
zu Worte zu gelangen; andere gleichartige waren eine Folge davon, und
indem diese Stimmungen und Ideen sich jetzt in der Literatur äußerten,
entstand eine literarische Bewegung, welche dem Konkordat entspricht
und dasselbe, so zu sagen, in die Sprache der Literatur übersetzt.
Dieser literarischen Bewegung wollen wir jetzt folgen. Was ich in
dieser Reihenfolge von Studien geben möchte, ist eine einigermaßen
vollständige Psychologie der ersten Hälfte unsres Jahrhunderts.
Diese Psychologie würde eine empfindliche Lücke haben, wenn wir die
literarische Bewegung der Restauration übersprängen. Mag der Stoff
nicht sehr lohnend, nicht sehr einladend oder reichhaltig sein, er hat
von unserem Gesichtspunkte aus trotzdem seinen großen Werth und seine
hohe Bedeutung.
Von welchem Kreise ging die literarische Bewegung aus? Wenn sie hätte
von der Landbevölkerung ausgehen können, würde sie vielleicht etwas
Naives und Rührendes gehabt haben; und wäre sie von der in Leiden
geprüften Geistlichkeit ausgegangen, so hätte sie vielleicht durch
Innigkeit und Gefühl Aufmerksamkeit erweckt; hätte sie endlich von
denen ausgehen können, welche nach dem Beispiel des Alleinherrschers
aus weltlichen Rücksichten sich der Kirche anschlossen, so hätte sie
das Gepräge der Ideenlosigkeit getragen. Aber Nichts von Allediesem ist
der Fall. Alle jene Gruppen bildeten das Publikum der neuen Literatur,
gaben ihren Resonanzboden und ihr Echo ab, aber keine von ihnen war
produktiv. Die neue katholische Richtung in der Literatur war eine
Richtung ohne Naivetät und ohne Gefühlsinnigkeit. Aber sie war nicht
ideenlos. Mit großer Sicherheit und Entschlossenheit bringt sie die
Idee, welche die Revolution absolut gestürzt hatte, die Autoritätsidee,
wieder zur Geltung. Die Führer sind viel mehr politische als religiöse
Geister, sie wollen nicht so sehr die Seelen wie die Tradition retten.
Man verlangt in ihrem Kreise die Religion als Mittel wider die
Anarchie. Man beruft sich so hartnäckig auf die Autorität, weil man an
allem Andern, als an äußerer Autorität, bankerott ist.
Die literarische Bewegung geht von verschiedenen Punkten aus, und
von den Männern, welche sie einleiten, kennt anfänglich Keiner den
Andern. Während der Revolution schweift z. B. Chateaubriand in Amerika,
de Maistre in der Schweiz umher, und Bonald entwirft seine erste
Schrift in Heidelberg. Sobald die geistige Reaktion beginnt, kehren
die Emigranten heim, und die Autoritätsidee wird in der Literatur
von Männern zur Geltung gebracht, welche Napoleon's Uebernahme der
Herrschaft nach Frankreich zurückberuft und welche, wie Chateaubriand
und Bonald, vorläufig an ihn als den Restaurator der Kirche sich
anschließen, aber nur um kurz darauf, entweder schon unter seiner
Regierung oder nach seinem Falle, sich mit weit größerer Wärme und
weit mehr Ueberzeugung an die Bourbonen anzuschließen, zu welchen ihr
eigenes Princip sie mit aller Macht der Konsequenz hinzieht. Napoleon's
Plan, durch das Konkordat die Kirche für sich zu gewinnen und den
Bourbonen die Sympathie der Geistlichkeit zu entziehen, schlug ihm
vollständig fehl und mußte fehlschlagen. Bald kam es zum offenen Kriege
zwischen dem Papste und ihm, und bald zeigt die literarische Bewegung,
deren Entstehen mit dem Konkordate zusammenfällt, sich als offenbar
bourbonisch und legitimistisch.
Ihre ersten Urheber fühlen sich naturgemäß zu einander hingezogen,
machen Bekanntschaft mit einander, und stiften bald eine förmliche
Schule. Sie haben verschiedene wichtige gemeinsame Charakterzüge,
welche man auch selbst bei den spätesten Anhängern der Schule, wie
Lamennais, de Vigny, Lamartine und Hugo findet. Sie sind alle ohne
Ausnahme Adlige und durch persönliche Bande an die legitime Dynastie
geknüpft. De Maistre war Gesandter (Vergl. Bd. +II.+, S. 250
ff.). Bonald hatte als Jüngling zu den Musketieren Ludwig's +XV.+
gehört und war in den letzten Tagen des Königs Derjenige gewesen,
welcher täglich an das Bett des Königs kam, um das Feldgeschrei zu
erfahren. Er hatte nämlich selbst die Blattern gehabt und stand
daher nicht so sehr in Gefahr, angesteckt zu werden. Das erste Mal,
als er nach dem Tode Ludwig's +XV.+ erschien, um sich das
Feldgeschrei vom neuen König auszubitten, warf Marie Antoinette ihm
einen wohlwollenden Blick zu und richtete einige Worte an ihn. Jener
letzte Blick eines sterbenden Königs, der eine fast vernichtete
Monarchie hinterließ, und dieser erste Blick einer jungen, schönen und
hoffnungsvollen Königin, die so großen Leiden entgegenging, entschwand
niemals aus Bonald's Erinnerung. Diese Blicke wurden Leitsterne für
sein Leben. -- Was Chateaubriand anbelangt, so reichte er Napoleon
in dem Augenblick seine Entlassung ein, als er die Verurtheilung des
Herzogs von Enghien erfuhr, und übernahm von da an die Rolle, welche
er bis zum Jahre 1824 durchführte, der treue Diener der Bourbonen zu
sein; es war eine Rolle, die er so ernsthaft spielte und die ihm von
den Umständen solchermaßen aufgedrängt worden war, daß er sie bis
zur Vollkommenheit agirte. Was die folgende Generation betrifft, so
hat Lamartine in der Vorrede zu seinen »Meditationen« erzählt, wie
er als junger Garde-Officier neben dem Wagen Ludwig's +XVIII.+
galoppirte, wenn Dieser von Paris nach Versailles oder St. Germain
fuhr; De Vigny war gleichfalls königlicher Officier und eifriger
Royalist und wurde nach 1830, als ein von der Juli-Revolution
überraschter royalistischer Dichter, der enttäuschte Konservative, als
welchen seine späteren Schriften ihn zeigen.[2] Victor Hugo endlich
hat oft genug geschildert, einen wie großen Einfluß royalistische
Kindheitseindrücke und besonders die Einwirkung seiner Mutter als einer
leidenschaftlichen »Vendéerin« auf sein erstes Auftreten übten.
Talente ersten Ranges sind die theoretischen Leiter dieser Schule
nicht. Sie sind kräftig despotische Naturen, welche, weil sie
Gehorsam fordern, die Gewalt, und weil sie Unterwerfung verlangen,
die Autorität lieben, oder eitle Geistesaristokraten, welche lieber
einem Paradox huldigen, als mit der ganzen Schaar von Schriftstellern,
welche der Vernunft gehuldigt haben, in Reih und Glied gehen wollen,
oder endlich ausnahmsweis Romantiker, welche durch den Gedanken
an den Glauben, den sie nicht mehr besitzen, aber den sie mit
verzweifelter Anstrengung sich anzueignen suchen, bis zu Thränen
bewegt werden. Sie sind Kampfhähne, wie De Maistre und Lamennais,
Inquisitoren- und Prälatennaturen, die Hartnäckigkeit selbst, wie
Bonald und Chateaubriand, und reden so, wie sie reden, mehr aus
Hartnäckigkeit, als aus Ueberzeugung. »+Moi catholique entêté+«,
sagte Chateaubriand von sich selbst. Das ist das Wort: verstockt, nicht
herzergriffen.
Ihre Stärke ihren Zeitgenossen gegenüber liegt in ihrem Talente; denn
leider ist das Talent ein solcher Zauberer, daß es geraume Zeit jede
beliebige Sache zu stützen vermag. Chateaubriand ist der Kolorist der
Schule, De Maistre ihr Paradoxienschmied, Bonald ihr dogmatischer und
schematischer Doktrinär. Bald zieht sie das Beste, was Frankreich an
jungen aufstrebenden poetischen Talenten besaß, an sich. Sie hält sie
freilich nur kurze Zeit in ihrem Banne fest, aber sie beginnen ihre
Laufbahn unter ihren Auspicien. Die Schule erhält also ihre Dichter und
mit ihnen ihre Popularität, welche neben der Autorität, die ihre Denker
besaßen, wohl für eine kurze Weile den Schein erregen konnte, als sei
ihre Sache die siegreiche geworden, um so mehr, als die bourbonische
Restauration ihre politischen Ideale verwirklichte. Nach Verlauf
weniger Jahre geschah es dann, daß all' ihre besten Männer mit Fahnen
und klingendem Spiel in das Lager der Gegner hinüber gingen. Die Schule
löste sich vermöge ihrer inneren Unnatur auf. Das Princip, welches sie
zusammenhielt, das Princip der Tradition und Autorität, das als eine
unüberwindliche Festung erschienen war, erwies sich als unterminirt,
hohl, einen ungeahnten Sprengstoff in seinem Schooße bergend; man
entdeckte, daß man auf einem Pulverthurme stand. Man beeilte sich, ihn
zu verlassen, ehe er in die Luft flog.