Konkordatsprojekt war auf einstimmigen Widerstand gestoßen. Der
Minister des Aeußern, Talleyrand, widerrieth Bonaparte hartnäckig
diesen Schritt. Als ehemaliger Prälat wurde er persönlich von dem
Konkordate betroffen, und bei seinem politischen Scharfblick sah er
die unheilvollen, entsetzlichen Folgen für den Staat voraus. Ein
kaltes Schweigen beantwortete im Staatsrathe die Mittheilung, welche
der erste Konsul von dem Traktate machte, den er unterzeichnet hatte,
und doch hatte Bonaparte in dieser Versammlung seine entschiedensten
Anhänger. Selbst Thiers, den ich anführe, weil er in seiner Bewunderung
für Bonaparte nur äußerst mangelhaften Bericht über die Geschichte des
Konkordats erstattet und gern Alles verschweigt, was diese Begebenheit
in ihr wahres und scharfes Licht stellen kann, muß sich Worte wie
dieser bedienen: »Die Mitglieder saßen stumm und finster da, als hätten
sie eines der heilbringendsten Werke der Revolution vor ihren Augen
zu Grunde gehen sehn. Nichts unterbrach das kalte Schweigen dieser
Scene. Man schwieg, man trennte sich, ohne ein Wort zu reden, ohne eine
Meinung auszusprechen«. Noch schlimmer erging es im gesetzgebenden
Körper; derselbe legte seinen Protest wider die Restauration ein,
indem er zum Präsidenten der Versammlung Dupuis, den Verfasser des
bekannten Werkes »Ueber den Ursprung der Kulte« wählte, welches darauf
ausgeht, das Christenthum als eine auf der Astronomie begründete Fabel
(dieselbe, welche in dem bekannten kleinen Scherze von Vinet über
Napoleon als Allegorie auf die Sonne parodirt worden ist) darzustellen.
Napoleon, welcher sich doch schon in seiner fast unumschränkten Macht
fühlte, wagte nicht, das Konkordat allein dem gesetzgebenden Körper zu
überreichen; er begleitete dasselbe mit den sogenannten organischen
Gesetzen, deren ausgeprägt gallikanischer Geist demselben die Stimmen
Derjenigen verschaffen sollte, welche den ultramontanen Einfluß von Rom
fürchteten. Nichtsdestoweniger nahm der gesetzgebende Körper es erst
an, als alle seine entschiedensten Mitglieder ausgestoßen worden waren.
Was das Tribunat betrifft, so fand dort ein wahrer Aufruhr statt, und
es war nichts Geringeres, als ein neuer Staatsstreich, eine Reduktion
der Anzahl seiner Mitglieder auf 80, erforderlich, um seinen Widerstand
zu brechen. Die einzigen Zufriedenen waren im ersten Augenblicke
die jubelnde Klerisei, jedoch mit Ausnahme aller in Folge des neuen
Zustandes der Dinge verabschiedeten Bischöfe und Priester, die den
Eid auf die republikanische Verfassung abgelegt hatten, und die große
unwissende Bauernbevölkerung, welche weder lesen noch schreiben konnte
und sich nach ihrem Sonntag und ihrem Kirchenstuhl sehnte.
Selbst in denjenigen Kreisen, welche dem ersten Konsul am allernächsten
standen, wurde ein Versuch nach dem andern gemacht, um seinen Beschluß
zu erschüttern, als derselbe ruchbar ward. Der Geist des achtzehnten
Jahrhunderts regte sich am mächtigsten in den Männern, welche durch
Genie und Talent die Ersten im Lande waren, und sie gerade waren es,
welche den täglichen und beständigen Umgang Bonaparte's ausmachten.
Sie gehörten Alle zu den gemäßigten Revolutionären und waren Alle
Schüler Voltaire's. Gelehrte, wie der berühmte Astronom Laplace,
wie die Mathematiker Lagrange und Monge, sagten täglich Bonaparte,
daß er im Begriff stehe, seine Regierung und sein Jahrhundert
herabzuwürdigen. Seine alten Waffenbrüder, gesteht Thiers, fürchteten,
obschon so geehrt von Allen, die Lächerlichkeit, welche sie am Fuße
des Altars zu erwarten schien. Selbst seine Brüder, die mit den besten
Schriftstellern der Zeit verkehrten, bestürmten ihn mit Bitten,
nicht durch einen Schritt, welcher in solchem Grade dem Zeitgeiste
widerstreite, seine ungeheure Macht aufs Spiel zu setzen.
So starke Ausdrücke zeigen, wie gewiß man war, daß das Christenthum als
todt gelten dürfe, was auch die früher citirten Worte der Madame Roland
beweisen.
War es religiöse Ueberzeugung, die einen Geist wie den Bonaparte's
bewog, trotz aller berechtigten Rücksichten und Vorstellungen, in
diesem Hauptpunkte dem ganzen intelligenten Frankreich zuwider zu
handeln? Sicherlich nicht. Zahlreiche Aeußerungen von ihm beweisen, daß
er sich selbst gerade auf der Seite Derjenigen befand, die er bekämpfen
wollte, indem er dem sogenannten aufgeklärten Deismus Voltaire's und
des ganzen achtzehnten Jahrhunderts huldigte. Man hat, um Bonaparte
als gläubig zu schildern, seine Aeußerungen gegen Monge angeführt.
»Meine Religion ist sehr einfach«, sagte er zu ihm, »ich betrachte
dies so große, so zusammengesetzte, so herrliche Universum, und sage
mir selbst, daß es nicht ein Produkt des Zufalls sein kann, sondern
das Werk eines unbekannten, allmächtigen Wesens sein muß, welches so
hoch über dem Menschen steht, wie das Universum über unseren schönsten
Maschinen«. Aber Voltaire selbst würde sich ganz eben so ausgedrückt
haben. Bonaparte fuhr fort: »Allein diese Wahrheit ist für den Menschen
allzu karg ausgedrückt; er will von sich selbst und von seiner Zukunft
eine Menge Geheimnisse wissen, welche das Universum ihm nicht sagt.
Die Religion erzählt daher jedem Einzelnen, was zu wissen er Drang
verspürt. Unzweifelhaft leugnet die eine Religion, was die andere
feststellt. Aber ich schließe hieraus nicht, wie Volney, daß keine
aller Religionen etwas taugt, sondern vielmehr, daß sie alle gut sind«.
Lessing's Nathan führt ganz dieselbe Sprache. Es stimmt hiemit überein,
wenn Bonaparte zu Monge sagte: »In Aegypten war ich Muselmann, in
Frankreich muß ich Katholik sein. Ich glaube nicht an die Religionen,
sondern an die Idee von einem Gotte«.
Er hatte früher in einer Rede, die er im December 1797 in Gegenwart des
Direktoriums und der öffentlichen Behörden hielt, »die Religion« nebst
der Königsmacht und der Lehnsmacht zu den »Vorurtheilen« gerechnet,
welche »das französische Volk zu überwinden habe«. Er war ohne Skrupel
in Aegypten als Muselmann aufgetreten; in seiner Proklamation an die
ägyptische Bevölkerung heißt es: »Auch wir sind echte Muselmänner.
Sind wir es nicht, die den Papst vernichtet haben, welcher sagte,
man solle Krieg gegen die Muselmänner führen?« Nun bediente er sich
zwar wohl über denselben Papst solcher Ausdrücke, wie »der heilige
Vater« (officiell) oder »das gute Lamm« (privatim), aber wenn die
Unterhandlungen durch die römischen Chikanen scheiterten, so nannte
er den Papst in seinen Briefen »den alten Fuchs« und titulirte die
Priester -- oder, wie er damals sagte, »+la prêtraille+« --
»schwachköpfige Faselhänse«.
Sein Auftreten während der Verhandlungen mit Rom zeugt in eben so hohem
Grade für seine politische Schlauheit, wie gegen seine Orthodoxie. Als
Consalvi im Juni 1801 nach Paris reisen sollte, war er unvorsichtig
genug, in einem Privatbriefe auszusprechen, wie ängstlich ihm zu Muthe
sei, daß er sich so in den Rachen des Löwen, den jüngst wider die
Religion und den Priesterstand so feindseligen Herd der Revolution,
hineinwagen solle. Es gab jedoch eine Art von Odins-Raben, welcher
Bonaparten alle derartigen Privatbeichten wiederholte. Dieser Rabe
befand sich im Postamte, wo der Brief geöffnet wurde. Bonaparte
richtete den Empfang des Kardinals in genauer Uebereinstimmung mit dem
Eindrucke ein, den er hierdurch von seiner Persönlichkeit empfing. Es
war Abend, als Consalvi in Paris anlangte; aber schon auf den nächsten
Morgen ward seine Audienz angesetzt, so daß er weder Zeit finden
konnte, sich von den Anstrengungen der Reise zu erholen, noch sich mit
den Sendlingen des Papstes zu beraten. Er ward frühmorgens nach den
Tuilerien geholt und in ein großes leeres Zimmer geführt, das wie das
Vorgemach zum Audienzzimmer des ersten Konsuls aussah. Nach ziemlich
langem Warten wird ihm eine kleine Thür geöffnet, und durch diese
tritt er zu seinem Erstaunen in eine lange Reihe prachtvoller Säle, wo
alle höheren Staatsbeamten, der Senat, die gesetzgebende Versammlung,
die Generale und der Generalstab versammelt sind. Im Hofe sieht er
eine ganze Reihe von Regimentern zur Revue aufgestellt. Es war, nach
seinem eigenen Ausdruck, der plötzliche Uebergang von einer Hütte in
einen Palast. All' die blendende Pracht und all' die furchteinjagende
Gewalt, welche die Konsularmacht in das imponirendste Licht stellen
konnte, war hier mit Ostentation entfaltet, und als der Kardinal
endlich im letzten Saale die drei Konsuln erreichte, welche von einem
glänzenden Gefolge umgeben waren, schritt Bonaparte ihm entgegen und
sagte in einem gebietenden Tone: »Ich weiß, weshalb Sie gekommen sind.
Sie haben fünf Tage zu Unterhandlungen. Wenn der Traktat bis dahin
nicht unterzeichnet ist, so ist Alles aus«. Im ersten Augenblick wurde
Consalvi gewiß verwirrt, aber bald gelang es ihm, Zeit zu gewinnen und
mit der ganzen Feinheit und List der römischen Staatskunst Bonaparte
so viele Schwierigkeiten in den Weg zu legen, daß Dieser während einer
der stürmischen Audienzen, welche der ersten folgten, mit eben so viel
Heftigkeit wie Hochmuth ausrief: »Wenn Heinrich +VIII.+, welcher
nicht den zwanzigsten Theil meiner Macht besaß, die Religion in seinem
Lande hat verändern können, um wie viel mehr kann ich es dann thun! Ich
will sie verändern, nicht allein in Frankreich, sondern in ganz Europa.
Rom wird blutige Thränen weinen, wenn es zu spät ist!«
Mit solcher Geringschätzung sprach selbst der Wiederaufrichter der
Religion sich über die Macht aus, welche er wieder aufrichten wollte.
Kann man sich also darüber wundern, daß das Gelächter und abermals
das Gelächter, gerade wie damals, als Julianus Apostata 1500 Jahre
vorher einen ähnlichen Versuch gemacht hatte, überall der gefürchtete
oder wirkliche, in der Regel aber unzertrennliche Begleiter jeder
Handlung war, welche zu der Restauration des alten Kultus in Beziehung
stand? Als Bonaparte im Staatsrathe das erste Breve Pius +VII.+
verlas, in welchem der »Papst seinen lieben Sohn Talleyrand« wieder
zu Gnaden aufnahm, erscholl ein halb ersticktes Lachen von allen
Anwesenden. Ja, Bonaparte vermochte bisweilen nicht einmal selbst
seinen Ernst zu bewahren. An dem Tage, als Kardinal Consalvi, mit
dem römischen Purpur bekleidet, ihm eine Abschrift des Konkordates
während einer öffentlichen Audienz übergab, bekam der erste Konsul
plötzlich einen so konvulsivischen Lachanfall, daß die ganze
Versammlung wie blitzgetroffen dastand. Ja, noch mehrere Jahre später
war er so wenig von kirchlichen Handlungen erbaut und so wenig im
Stande, ihnen gegenüber sein Antlitz zu beherrschen -- er, welcher
sonst in so ungewöhnlichem Grade seine Mienen im Zaume zu halten
verstand -- daß er, als der Papst ihn 1804 zum Kaiser salbte, während
der ganzen Ceremonie zur Verwunderung der Umstehenden unaufhörlich
gähnte. Da verstand Karl +X.+ als echter Bourbon es besser, den
Ernst zu bewahren, als er 1825 gesalbt wurde. Ohne eine Miene oder
nur den Mund zu einem Lächeln zu verziehen, ließ er sich den ganzen
Oberkörper entblößen und erst den Scheitel, dann die Brust, dann die
Stelle zwischen den beiden Schulterblättern, dann diese selbst und
beide Armgelenke salben. Man spürt den Fortschritt seit den Tagen des
Kaiserthums.
Alles, was mit der Wiederaufrichtung der geistlichen Gewalt und
der Wiedereinsetzung des katholischen Kultus in Verbindung stand,
widerstritt so schroff den Sitten und Ideen, welche durch die
Revolution die herrschenden in Frankreich geworden waren, daß man bei
solchen Ceremonien kaum seinen eigenen Augen zu glauben wagte; die
Unwahrscheinlichkeit ihres Stattfindens schien so groß, daß man sich
nicht entschließen konnte, sie für Ernst zu halten. Ich führe als
Beweis dafür die Worte eines Augenzeugen an, und zwar eines solchen,
den man gewiß nicht voreingenommen gegen die Religion nennen kann,
nämlich de Pradt's, des Erzbischofs von Malines. Er sagt: »Wenn das
Lachen eines einzigen Menschen das Signal gegeben hätte, wären wir
in Gefahr gewesen, das unauslöschliche Gelächter der homerischen
Götter anzustimmen. Hier lag die Klippe, an der man scheitern konnte.
Glücklicherweise hatte der Polizeiminister Fouché für Alles gesorgt,
und Paris behielt, Dank ihm, seine ernsthafte Miene«. (+De Pradt:
Histoire des quatre concordats. Tome II., pag. 212.+)
Konnte in Wirklichkeit etwas burlesker sein, als die Situation, deren
Gipfelpunkt in den Worten liegt: der Besuch des Papstes in Paris.
Ein Papst in Paris! Das war, sagt der Erzbischof, ein kitzliches Ding
nach Allem, was in den letzten fünfzehn Jahren vorgefallen war, und
inmitten »einer lustigen, von der Philosophie noch stark beeinflußten
Bevölkerung«. Um den Papst von der Reise abzuhalten, hatte man ihm noch
im letzten Augenblick die vorerwähnte Proklamation aus Aegypten auf
den Tisch gelegt. Aber es war zu spät, seinen Beschluß zu erschüttern.
Man stelle sich nur die Zusammenkunft zwischen den beiden Gewalthabern
lebendig vor Augen. Napoleon begab sich nach Fontainebleau, um
den Papst zu empfangen. Nachdem die ersten Höflichkeits- und
Herzlichkeitsäußerungen ausgetauscht waren, fuhren sie Beide in
demselben Wagen zum Schlosse. Die Freude strahlte aus Napoleon's Zügen,
und als er mit dem Papste an der Hand die Treppenstufen hinaufstieg,
schien jeder seiner ungewöhnlich lebhaften Blicke zu sagen: »Seht ihr
meine Beute? ich hab' ihn!« Durch eine possierliche Unaufmerksamkeit
wurde der Festzug von einer Abtheilung berittener Mamelucken eröffnet.
Der Anblick der dunkelbraunen Gesichter dieser muhamedanischen Reiter
versetzte Einen in der Phantasie nach Mekka. Man hätte eher glauben
sollen, daß ein muhamedanischer als ein christlicher Oberpriester
seinen Einzug hielt. Selbst das Antlitz des Papstes verrieth die
Verlegenheit, welche er darüber empfand, mit einem Male in einen
Weltwinkel versetzt worden zu sein, wo Alles ihm neu war. Man sah
wohl, daß sein Fuß, obwohl er von vielen Menschen geküßt wurde, nicht
recht sicher auf die Erde trat. Der vollkommen geistliche Hof, den
er mitbrachte, strahlend in allerlei bischöflichen Gewändern, und
der vollständig militärische, welcher ihm entgegenkam, blitzend in
Harnischen und Panzern, bildeten einen eigenthümlichen Kontrast. Man
hätte glauben können, sagt der Erzbischof de Pradt, daß man plötzlich
nach Japan versetzt worden sei, in dem Augenblick, wo der geistliche
Kaiser dem weltlichen Kaiser einen Besuch abstattet.
Was war die Ursache, daß der erste Konsul einen Plan festhielt und
durchführte, der auf den ersten Blick so unpopulär und so unpolitisch
erscheinen konnte? Die Antwort ist einfach. Die Pläne, mit welchen
Bonaparte sich trug, ließen sich nicht mit der Aufrechterhaltung der
republikanischen Ordnung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche
vereinigen. Er, welcher eben jetzt darauf ausging, der Republik
den Todesstoß zu versetzen, mußte dieselbe ins Herz treffen, sie
in ihren Grundprincipien verwunden. Er sah ein, daß es ihm niemals
völlig gelingen würde, die bürgerliche Freiheit zu zerbrechen, wenn
man nicht zugleich die geistige und Gedankenfreiheit zerbräche, und
er kümmerte sich wenig darum, ob er die Entwicklung Frankreichs um
ein Jahrhundert in der Zeit zurücksetzte oder nicht, wenn er dadurch
seine Alleinherrschaft möglich machte oder seine egoistischen Zwecke
förderte. Mit der kirchlichen Autorität war die monarchische Autorität
unter der Revolution gestürzt worden. Es galt das Autoritätsprincip
wieder aufzurichten. Die Etikette der alten Monarchie kehrte in dem
Augenblicke von selbst zurück, wo die Religion wieder eine Macht im
Staate ward. Man hat es als Napoleon's größte und schwierigste That
bezeichnet, daß er in Frankreich die Machtidee, welche die Revolution
verkannt und verhöhnt hatte, wieder herstellte (vgl. Guizot in der
»+Revue des deux mondes+« vom 15. Februar 1863). Man hat gesagt,
daß Keiner so natürlich und kühn, wie er, den Instinkt und die Gabe,
zu herrschen, entwickelt habe. Man hat ihn die personificirte Macht
genannt. Aber man müßte hinzufügen, daß er von dem Augenblicke an, wo
er sich nicht damit begnügen wollte, die Macht kraft seines Genies
und des neuen Gesellschaftszustandes zu sein, welcher dem Genie den
Vorrang vor dem Privilegium gab, sondern die absolute Monarchie
wieder aufrichten wollte, sich nicht mehr auf die Machtidee stützte,
welche mit der Rechtsidee verschmilzt und ein Ausdruck der Vernunft
ist, sondern auf die Autoritätsidee, welche dadurch wirkt, daß sie
blendet und blind angenommen wird, und daß er von diesem Augenblick
an die Kirche mit sich haben mußte. Als Wieland im Jahre 1808 den
Kaiser frug, weshalb er den von ihm restaurirten Kultus nicht dem
Zeitgeiste mehr angepaßt habe, lachte der Kaiser und antwortete:
»Ja, mein lieber Wieland, für Philosophen ist er freilich nicht
gemacht. Die Philosophen glauben ~weder an mich, noch an meinen
Kultus~, und für die Leute, welche daran glauben, kann man nicht
Mirakel genug thun, so wenig wie man ihnen zu viele lassen kann«. Es
ist kaum möglich, die Autorität deutlicher als »+prestige+« zu
charakterisiren. Bei anderen Gelegenheiten gebrauchte er das Wort,
welches in der nachfolgenden Literaturperiode das Stichwort ward, indem
er die Religion als die ~Ordnung~ bezeichnete. Johannes Müller
schreibt 1806 an seinen Bruder: »Der Kaiser sprach von dem Grund aller
Religionen und von ihrer Nothwendigkeit und sagte, der Mensch empfinde
das Bedürfnis, in Ordnung gehalten zu werden«.
Hinsichtlich dieser Auffassung der Religion als Ordnung scheint einige
Aehnlichkeit zwischen Napoleon und den Jakobinern stattzufinden, wie
überhaupt Napoleon's Restaurationsversuch eine bestimmte Analogie mit
Robespierre's Bestrebungen zur Wiederbelebung des religiösen Gefühls
darbietet. Als Politiker glaubt Robespierre an die ordnende und
regulirende Macht der Religion, und als Politiker in einem Zeitalter,
wo die ungeheure Mehrzahl der Gebildeten auf dem Grunde des Deismus
steht, fürchtet er den Atheismus als ein den Ideen der Zeit fremdes
Princip. Aber die Ordnung, welche er wünscht, ist nur diejenige der
uneingeschränkten Toleranz, und die Ordnung, für welche er kämpft, ist
diejenige, an welche er glaubt. Er war ehrlich. Wer möchte Aehnliches
von Bonaparte behaupten wollen?
Bonaparte begriff, was für ein unschätzbares Werkzeug in der Hand des
Regierenden die überlieferte Religion und der Kultus sei, und beschloß
daher eine Allianz mit dem Priesterstande, dem er für alle Fälle schon
als Sieger in Italien geschmeichelt und den Hof gemacht hatte. Er
wußte recht wohl, daß die große unwissende Mehrzahl in Frankreich, wie
in allen anderen Ländern, noch immer an der ererbten Religion hangen
mußte, und daß die Lehren, welche die Philosophen des achtzehnten
Jahrhunderts verbreitet hatten, unmöglich schon in die untersten und
breitesten Schichten der Bevölkerung eingedrungen sein konnten. Er
hat in früherer Zeit selbst offen seine Ziele bekannt. Im Jahre 1800
brach er inmitten seines Staatsraths in die Worte aus: »Mit meinen
Präfekten, meinen Gendarmen und meinen Priestern bin ich im Stande,
Alles zu thun, was ich will.« Der Priester ist ihm ein Polizeibeamter
wie die übrigen, nur in anderer Uniform. In den Notizen, welche er
Montholon diktirte, leitet er ohne Weiteres das Konkordat aus dem
Wunsche ab, den er hegte, die Geistlichkeit an die neue Ordnung der
Dinge zu knüpfen und das letzte Band zu zerreißen, welches sie und
damit das Land an die alte bourbonische Dynastie knüpfte. Er hatte
die Wahl gründlich überlegt, welche ihm zwischen dem Katholicismus
und dem Protestantismus offen stand. Er räumte seinen Rathgebern ein,
daß die Tendenzen des Augenblicks vollständig in der Richtung des
Protestantismus lägen. »Aber«, sagte er, »ist der Protestantismus
Frankreichs alte Religion? Wie kann man in einem Volke Gewohnheiten,
Geschmacksrichtungen, Erinnerungen erschaffen, die es nicht hat? Der
Hauptreiz einer Religion liegt in der Erinnerung. Ich höre niemals in
Malmaison die Kirchenglocken des nächsten Dorfes, ohne davon bewegt zu
werden. Und wer könnte in Frankreich sich in einer protestantischen
Kirche ergriffen fühlen, die Niemand als Kind besucht hat, und deren
kaltes und strenges Aeußere so wenig zu den Sitten des Volkes paßt?«
-- »Außerdem«, sagte er zu Las Cases, »erreichte ich durch den
Katholicismus weit sicherer alle meine großen Resultate. Nach außen hin
erhielt der Katholicismus mir den Papst, und mit meinem Einflusse in
Italien und meinen Streitkräften dort, zweifelte ich gar nicht, früher
oder später durch das eine oder andere Mittel die Herrschaft über
diesen Papst zu erlangen, -- und welchen ungeheuren Einfluß von diesem
Augenblicke an, welchen Hebel für die öffentliche Meinung rings in der
Welt!... Wenn ich als Sieger von Moskau zurückgekehrt wäre, würde ich
den Papst leicht den Verlust seiner weltlichen Macht vergessen, ich
würde ihn zu einem Götzenbilde gemacht haben; er hätte immer bei mir
bleiben sollen. Paris wäre dann zur Hauptstadt der christlichen Welt
geworden -- und ich hätte die religiöse Welt eben so vollständig wie
die politische Welt gelenkt ... ~Meine~ Koncilien hätten dann
die Christenheit repräsentirt, die Päpste wären nur ihre Präsidenten
gewesen.«