was Robespierre's bedeutungsvolles Eingreifen in den Kampf zwischen der
Revolution und der positiven Religion veranlaßt. Als die Revolution
erst einmal mit der Axt in der Hand in die Kirchen gedrungen war,
schien die Bewegung unwiderstehlich werden zu sollen. Man bestieg
die gebrechlichsten Stellagen oben unter dem Kirchengewölbe, um
Papstgesichter auszukratzen, die unter hundertjährigem Spinngewebe
verborgen gewesen. Die Heiligen wurden aus ihren Nischen herabgestoßen,
die Lampe des Kommissairs flackerte in den Kellern umher und warf ihr
Licht auf die bleichen Gesichter der Todten, während die Altarsplitter
aufgehäuft wurden »wie unförmliche Steine in einem Steinbruch«. Die
Vorsitzenden der revolutionären Ausschüsse trugen Sammethosen, die
aus Bischofsmänteln geschnitten, und Hemden, die aus den Meßgewändern
der Chorknaben verfertigt waren. Merkwürdig genug, treten plötzlich
einige wenige atheistische Schwärmer auf (Anacharsis Clootz von
deutscher Herkunft, Chaumette, Hébert) und reißen die ganze Menge
zur Kirchenstürmerei mit fort. Merkwürdig genug, sage ich, weil man
im Ganzen während der Revolution eben so wenig Etwas von Atheismus
wie von Socialismus hört. Im Allgemeinen findet man bei den
revolutionären Abgeordneten in stereotyp sich wiederholenden Wendungen
Voltaire's und Rousseau's gemeinsame Religion: den Glauben an Gott
und Unsterblichkeit. So auch in allen Schriften der Zeitgenossen.
Thomas Payne's »Zeitalter der Vernunft« ist ein gutes Beispiel davon.
Selbst ein so rücksichtslos frivoles Gedicht wie Parny's »Götterkrieg«
predigt dieselbe Lehre. Camille Desmoulins schreibt in einem Briefe:
»Mein lieber Manuel! Die Könige sind reif (+mûrs+), aber der
gute Gott (+le bon Dieu+) ist es noch nicht. Beachte, daß ich
der gute Gott, nicht Gott sage, welcher ganz verschieden von Jenem
ist«. Dieser Standpunkt ist der Standpunkt der Zeit; ihre Aufgabe war
nicht, den Gottesbegriff einer Kritik zu unterwerfen, sondern ihn
von den Legenden der positiven Religionen zu befreien. Daher kommt
es, daß das Auftreten der Atheisten in der Nationalversammlung die
revolutionäre Bewegung über ihr eigentliches Ziel hinausführt und
Ausschreitungen veranlaßt, welche der Revolution schaden und sie in
den Augen der Zeitgenossen herabsetzen mußten. Um den Katholicismus
auf recht nachdrückliche Weise zu treffen, veranlaßte Clootz einen
Bischof, Namens Gobel, in einem Briefe an den Konvent eine Erklärung
abzugeben, welche mit den Worten begann: »Bürger Repräsentanten! ich
bin ein Priester, d. h. ein Charlatan. Bisher war ich ein ehrlicher
Charlatan, ich habe nur betrogen, weil ich selber betrogen war« u. s.
w. Dieselbe endete natürlich damit, daß er sich jetzt zur Philosophie
bekehrt habe. Chaumette, der schwärmerische Enthusiast, welcher die
Abschaffung der Peitschenstrafe in den Erziehungsanstalten und die
Aufhebung der Prostitution durchgesetzt hatte, war es, welcher die
Kommüne bewog, zu dekretiren, daß die Notre-dame-Kirche in Zukunft
dem »Kultus der Vernunft« geheiligt sei. In der Kirche wurde ein
Tempel errichtet mit der Inschrift: »+A la philosophie+«,
dessen Eingang mit Büsten von Philosophen geschmückt war. Als er
zum ersten Mal geöffnet wurde, trat eine, die Freiheit vorstellende
junge Schauspielerin, Mademoiselle Candeille, aus demselben hervor,
und eine Hymne an die Freiheit von Marie-Joseph Chénier, zu welcher
der Komponist der Republik, Gossec, die Musik geliefert hatte ward zu
ihrer Ehre gesungen. Ein andermal wurde Mademoiselle Maillard von der
Oper, ein schönes stattliches Weib, mit der rothen Jakobinermütze auf
dem aufgelösten Haare und mit einem himmelblauen Mantel um die weißen
Schultern, als Göttin der Vernunft auf einer mit Eichenguirlanden
umkränzten Bahre, begleitet von Hornmusik, Männern mit rothen Mützen
und zahlreichen Konventsmitgliedern, aus der ehemaligen Kathedralkirche
in die Konventsversammlung getragen, wo der Präsident ihr einen Kuß auf
die Stirn drückte. Allein diese, an und für sich harmlosen Ceremonien
wurden travestirt, indem der Pöbel sie auf pöbelhafte Weise nachäffte.
Kourtisanen ließen sich als Vernunftgöttinnen im Triumph einhertragen.
Die Kirchen wurden Stätten der Trunkenheit und wilder Orgien. Die
Kirche Saint-Eustache wurde geradezu in eine Schenke verwandelt.
Verkleidete Priester hetzten, wie Abbé de Montgaillard mittheilt,
zu Ausschreitungen auf. Die Reliquien der heiligen Genoveva wurden
verbrannt; Heilige von Holz, Breviere, Gebetbücher, alte und neue
Testamente wurden auf dem Grèveplatze in solchen Massen verbrannt, daß
der Scheiterhaufen bis zum zweiten Stockwerk der Häuser emporstieg.
Von dem Taumel ergriffen, ernannten sogar die Jakobiner Clootz zum
Präsidenten ihres Klubs. Da protestirt Robespierre und treibt durch
seine persönliche Ueberlegenheit die Revolution aus der Bahn, welche
sie eingeschlagen hatte, heraus. Eben weil er fast in keiner Beziehung
seiner Zeit voraus ist, versteht er sie wie kein Anderer, und weil er
sie versteht, ergreift er das politisch Richtige, das, was von der
Zeit ~verstanden~ werden kann. Er ist es, welcher, den Blick
auf Europa geheftet, den Konvent bewegt, das Dekret zu erlassen, daß
das französische Volk die Existenz des höchsten Wesens anerkenne, so
wie auch er es war, welcher die Jakobiner veranlaßte, eine Adresse
an den Konvent einzureichen, daß die Versammlung das Ihrige thun
solle, um den Glauben an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele
wieder herzustellen. Robespierre ist es, welcher die heftigen Kämpfe
für diese beiden Ideen führt, gleichzeitig sich polemisch gegen das
Christenthum und den Pantheismus wendend, den er stets fürchtete und
niemals verstand. Zuerst greift er die Kirchenstürmer an. »Derjenige«,
sagt er, »welcher verhindern will, daß Messe gelesen werde, ist ebenso
fanatisch, wie Der, welcher sie liest. Es giebt Menschen, welche
glauben, aus dem Atheismus eine Religion bilden zu können. Jeder
Philosoph, jedes Individuum kann in dieser Hinsicht jegliche Meinung
hegen, die ihm beliebt; wer ihm dieselbe zur Last legen wollte,
wäre verrückt; aber noch verrückter wäre der Gesetzgeber, welcher
ein solches System annehmen wollte. Der Nationalkonvent verabscheut
dasselbe. Der Konvent ist kein Buchfabrikant, kein Verfasser
metaphysischer Systeme. Er ist ein politischer und volksthümlicher
Körper.« Er richtet gegen die Schüler der Encyklopädisten seinen Satz,
daß die Ideen Vorsehung und Gerechtigkeit eine und dieselbe Idee
seien; er schleudert wider sie das zu jener Zeit furchtbare Wort, daß
der Atheismus aristokratisch sei! Und als er im Mai 1794 die Tribüne
besteigt, um den Konvent aufzufordern, das Fest für das höchste Wesen
zu feiern, wendet er sich nach einigen begeisterten Worten zu Ehren
Rousseau's eben so bestimmt gegen das Christenthum. »Fanatiker, hoffet
nichts von uns! Die Menschen zur reinen Verehrung des höchsten Wesens
zurück rufen, heißt dem Fanatismus den Todesstoß versetzen. Alle
Fiktionen verschwinden gegenüber der Wahrheit, und alle Tollheiten
sinken dahin vor der Vernunft ... Was haben die Priester mit Gott zu
thun? Die Priester verhalten sich zur Moral, wie die Charlatane sich
zur Medicin verhalten«. In Uebereinstimmung mit der Vorstellung des
ganzen Jahrhunderts, daß die Priester die Religionen erfunden hätten,
sagt er: »Die Priester haben Gott zu einem Feuerballe, einem Ochsen,
einem Stück Holz, einem Menschen, einem Könige gemacht. Der wahre
Priester des höchsten Wesens ist die Natur, sein Tempel das Universum,
sein Kultus die Tugend«. Er weist besonders nach, daß die Priester
überall den Despotismus gestützt haben. »Ihr seid es, die zu den
Königen gesagt haben: Ihr seid die Bilder Gottes auf Erden, ihr habt
von ihm eure Macht, und die Könige haben Euch geantwortet: Ja, ihr seid
in Wahrheit die Sendboten Gottes; lasset uns vereinigen, um die Beute
und den Weihrauch zu theilen«.
Die Folge dieser Doppelbestrebungen war das Manifest des Konvents
an alle Völker der Erde, daß derselbe eine freie Gottesverehrung
anerkenne, und daß er »die Extravaganzen der Philosophie eben so sehr
wie die Verbrechen des Fanatismus« verdamme. Es heißt darin: »Eure
Herren werden euch sagen, das französische Volk habe alle Religionen
geächtet und es habe die Verehrung einiger Menschen an die Stelle der
Verehrung der Gottheit gesetzt; sie schildern uns in euren Augen als
ein abgöttisches und wahnwitziges Volk. Sie lügen. Das französische
Volk und seine Vertreter achten die Freiheit zu jederlei Art von Kultus
und ächten keinerlei Art davon«. So wird nun eine bestimmte Anzahl
religiöser Feste dekretirt. Robespierre hält die Rede darüber. Er sagt:
»Du sollst deinen Namen einem der schönsten dieser Feste schenken,
du o Tochter der Natur, du Mutter des Glücks und der Ehre, du einzig
legitime Herrscherin der Welt, welche das Verbrechen vom Thron
gestoßen, du, welcher das französische Volk ihre Macht zurückgegeben
hat, und welche ihm dafür ein Vaterland und sittlichen Ernst verleiht,
ehrwürdige ~Freiheit!~ Und du sollst unser Opfer mit deiner
unsterblichen Schwester und Begleiterin theilen, du sanfte und heilige
~Gleichheit!~ Wir wollen auch die Menschheit feiern, welche von
den Feinden der französischen Republik herabgewürdigt und unter die
Füße getreten wird. Ein schöner Tag wird es sein, an welchem wir das
Fest für das Menschengeschlecht feiern können, wenn das französische
Volk aus dem Schooße des Sieges die ungeheure Menschenfamilie zu sich
einladen kann, deren Ehre und deren unveräußerliche Rechte es verficht.
Wir wollen auch alle die großen Männer verherrlichen, aus welcher
Zeit und welchem Lande immer sie stammen mögen, die ihr Vaterland vom
Joche der Tyrannen erlöst und die Freiheit durch verständige Gesetze
begründet haben«.
In Folge Dessen wurde das Fest für das höchste Wesen, welches
Robespierre den schönsten Tag seines Lebens nannte, gefeiert. Hier
auf der Zinne seiner Macht, aber von seinen Todfeinden umringt,
unmittelbar vor seinem Falle, trat er als Prophet auf. Die Naivetät
des ganzen Arrangements hat etwas rührend Burleskes. Mit einem Bouquet
von Blumen und Weizenähren in der Hand, schritt er, für diesen Tag zum
Präsidenten ernannt, an der Spitze des ganzen Konventes durch Paris zum
Festhügel auf dem Marsfelde. Der Konvent war auf seinem Marsche von
einem dreifarbigen Bande umgeben, das von Kindern, Jünglingen, Männern
und Greisen getragen ward, welche je nach ihrem Alter mit Veilchen,
Myrthen, Eichen- oder Weinlaub geschmückt waren. Jedes Konventsmitglied
trug eine dreifarbige Schärpe und ein Bouquet von Aehren, Blumen und
Früchten. Als der Konvent seinen Platz auf der Spitze des Hügels
eingenommen hatte, erfolgte eine nach der Aussage aller Augenzeugen
zwar theatralische, aber höchst imponirende Scene. Die Anrufung des
Ewigen ward von Tausenden von Stimmen laut in die Luft gesungen. Die
jungen Mädchen streuten Blumen, die jungen Männer schwangen ihre
Waffen und schworen, Frankreich und die Freiheit zu retten. Eine
Ceremonie im naiven Geschmacke der Zeit krönte das Fest. Der Maler
David hatte auf dem Festplatze eine Gruppe von Ungeheuern ausgeführt:
der Atheismus, der Egoismus, die Zwietracht und der Ehrgeiz, welche
garstigen Geschöpfe von nun an bis in Ewigkeit aus der Welt vertilgt
sein sollten. Robespierre ergriff eine Fackel und schwang sie wider die
terpentinbestrichenen Monstra, sie loderten in Flammen auf, und eine
unverbrennliche Statue der Weisheit zeigte sich an ihrer Stelle. Durch
eine absonderliche Ironie des Schicksals war diese Statue von Flammen
und Rauch vollständig geschwärzt worden.
Das Fest für das höchste Wesen ist ein naiver, aber ungeheuchelter
Ausdruck der Religiosität des achtzehnten Jahrhunderts. Robespierre
hatte vollkommen Recht, zu beklagen, daß Rousseau diesen Tag nicht
erlebt habe; es wäre ein Fest nach seinem Herzen gewesen. Und einen
so festen Grund hatten diese Ideen in der Versammlung gefaßt, daß sie
stehen blieben, als Robespierre fiel. Die bürgerliche Religion, welche
der Konvent dekretirte, war nicht ihm zu verdanken. Man ging, weit
entfernt, nach seinem Tode umzukehren, stets weiter auf dem begonnenen
Wege. Der republikanische Kalender ward eingeführt. Da, wie es in der
Motivirung hieß, die christliche Aera »die Zeit der Lüge, des Betruges
und der Charlatanerie« gewesen sei, wurde der christliche Kalender
abgeschafft, die Zeit von 1792 an gerechnet, die Woche in zehn Tage
eingetheilt, und der Vorschlag gemacht, die Heiligennamen der Tage
durch die Namen von Ackerbaugeräthschaften und nützlichen Hausthieren
zu ersetzen.
Bald erschienen direkte Katechismen der neuen Religion. Es heißt in
einem solchen (+Office des décades en discours, hymnes et prières
en usage dans les temples de la Raison+): »Freiheit, Du höchstes
Glück des Menschen auf Erden, geheiliget werde Deine Name bei allen
Völkern der Erde! Zu uns komme Dein glückbringendes Reich und stürze
die Herrschaft der Tyrannen! Dein heiliger Kultus ersetze die Verehrung
jener verächtlichen Götzen, deren Altar Du zertrümmert hast!... Ich
~glaube~ an ein höchstes Wesen, das die Menschen frei und gleich
erschaffen hat, das sie gebildet hat, einander zu lieben und nicht
einander zu hassen, das durch Tugenden und nicht durch Fanatismus
geehrt werden will, und in dessen Augen die schönste Gottesverehrung
die Verehrung der Wahrheit und Vernunft ist. -- Ich glaube an den
nahen Untergang aller Tyrannen, an die Wiedergeburt der Sitten, an die
zunehmende Verbreitung aller Tugenden und an den ewigen Triumph der
Freiheit«.
Ein Glaubensbekenntnis wie dies ist nicht ohne Größe. Aber leider
bekannte man gleichzeitig seinen neuen Glauben auf andere Weisen. Man
wollte die Kirchen für die neue Religion aufräumen, und die Abschaffung
des Sonntags ward aus praktischen Gründen bald die große Lebensfrage.
Man kam rasch dahin, daß Jeder, der den Sonntag feierte, als verdächtig
erschien, und es war damals gefährlich, in Verdacht zu gerathen.
Gewaltsame Versuche, die Sonntagsfeier zu verhindern, bildeten unter
dem Konvente eine neue Form der Tyrannei, die, obwohl harmloser als die
Tyrannei, welche sie ablöste, derselben an Roheit und Unverstand nichts
nachgab.
Noch unter dem Direktorium, das die ersten Spuren einer reaktionären
Bewegung in den unteren Schichten der Gesellschaft empfand, gab es,
wie man aus den Memoiren eines Zeitgenossen ersieht, Deputirte,
welche Nervenzufälle bekamen, wenn sie nur das Wort Priester hörten,
und das Werk des Niederreißens wurde mit Leidenschaft fortgesetzt.
»Jeder«, sagt Laurent, »der einen Tropfen revolutionären Blutes in den
Adern hatte, arbeitete mit fieberhaftem Eifer an der Zerstörung des
Christenthums«. Man nahm keinen Anstand, in officiellen Berichten die
Gläubigen als »Schwachköpfe« (+imbeciles+) zu bezeichnen. Das
Direktorium selbst sagt in einer Proklamation des Jahres ~VI~ über
die Wahlen, man müsse »die unglücklichen Fanatisirten entfernen, welche
die Leichtgläubigkeit verblendet, und welche auf den Einfall gerathen
könnten, sich aufs Neue den Priestern zu Füßen zu werfen«.
In Wirklichkeit hatte die Geistlichkeit nicht aufgehört, der
furchtbarste Feind der Revolution zu sein. Der blutige Krieg in der
Vendée war zum großen Theile ihr Werk. Die Gräuel dort überstiegen
jedes Maaß. An einem Orte ward der konstitutionelle Priester durch
Steinwürfe heulender Weiber getödtet, an einem andern Orte ward er
ebenfalls von Weibern zerrissen. Dem republikanischen Präsidenten
Joubert sägte man die Hände ab, ehe man ihn erschlug. In einer Stadt
begrub man seine Feinde lebendig, so daß die republikanischen Truppen,
als sie einzogen, Arme, welche sich um den Rasen krampften, aus der
Erde hervorragen sahen. Selbstverständlich herrschte Unrecht auf beiden
Seiten; nur darf man nicht vergessen, daß es der rasende Widerstand der
Anhänger der verurtheilten Vergangenheit war, welcher Frankreich in das
Schreckensregiment stürzte, und daß die Bischöfe, wenn sie das Volk
zu den Waffen riefen, viel ärger als die Revolutionsmänner handelten,
da sie alles Das wieder einführen wollten, was die Revolution nöthig
gemacht hatte. Wie dem Allen auch sei, so sahen die Revolutionsmänner
bald ein, daß ihr Verfahren das entgegengesetzte Resultat Dessen,
was man gewünscht und erwartet hatte, herbei führte. Bezeichnend
genug, sind es die Kommissaire, die nach der Vendée gesandt wurden,
welche zuerst für vollständige Trennung von Kirche und Staat das
Wort nahmen. In ihren Augen war diese das einzige Mittel, um die
Gemüther zu beruhigen und dem Lande den Frieden zu Schenken. Schon der
gesetzgebenden Versammlung hatte ein Priester den Antrag eingereicht,
daß der Staat keinerlei Kultus mehr besolden solle. Aber man war
damals zu leidenschaftlich, um nicht Partei ergreifen zu wollen. Man
hoffte, wie es oftmals ausgesprochen ward, mit Hilfe des allgemeinen
Unterrichts »alle Sekten zu vernichten«. Man bildete sich ein, daß
die Zeit der Dogmen vorüber, daß die Zeit erschienen sei, wo, wie der
Amerikaner Jefferson geschrieben hat, die wunderbare Empfängnis Christi
im Schooße einer Jungfrau in dieselbe Kategorie mit der wunderbaren
Empfängnis Minerva's im Haupte Jupiter's gesetzt werden würde. In
einem Bericht aus der Zeit des Konventes hieß es: »Bald wird man jene
absurden Dogmen, jene Ausgeburten der Furcht und des Irrthums, nur noch
kennen lehren, damit man sie geringschätze. Bald wird die Religion
des Sokrates, des Mark Aurel und Cicero die Weltreligion sein.« Und
als Madame Roland in ihren Memoiren einmal das Wort Katechismus
gebraucht, hält sie es für nöthig, dasselbe der Nachwelt zu erklären.
Sie schreibt: »Bei der Schnelligkeit, mit welcher jetzt Alles vorwärts
geht, werden Diejenigen, welche Dies lesen werden, vielleicht fragen,
was dies Wort bedeute; ich will es ihnen daher erklären«.
Man hatte nicht bedacht, daß die Masse des Volkes in ihrer Unwissenheit
für die Aufrufe der Revolutionsmänner nicht empfänglich und aus alter
Gewohnheit geneigt war, sobald sich wieder Gelegenheit dazu bot,
unter die Gewalt der Geistlichkeit zurück zu sinken. Das fühlte man
bald. General Clarke schreibt um das Jahr 1800 in einem Briefe an
Bonaparte: »Unsere Religionsrevolution ist uns mißlungen. Man ist in
Frankreich wieder römisch-katholisch geworden. Es sind dreißig Jahre
Preßfreiheit erforderlich, um die geistige Macht des römischen Bischofs
zu stürzen«. Diese Worte treffen den Nagel auf den Kopf; nur daß man
dreihundert statt dreißig setzen und der Preßfreiheit obligatorischen,
unentgeltlichen und absolut weltlichen Unterricht hinzufügen muß.
Daß hierin durchaus keine Entschuldigung für die religiöse Restauration
liegt, ist jedoch eben so gewiß. Welcherlei Ausschreitungen auch
noch hin und wieder in der Praxis stattfanden: gesetzmäßig herrschte
in Frankreich zu der Zeit, als das Konkordat abgeschlossen ward,
vollkommene Religionsfreiheit. Auf die Priesterverbannungen des
Konvents und die mangelhafte Toleranz des Direktoriums war rechtlich
eine vollkommene Sicherheit für alle Religionsbekenntnisse gefolgt,
indem der Priestereid weggefallen und durch ein einfaches Versprechen,
dem Gesetze gehorchen zu wollen, ersetzt worden war, und indem jeder
Priester durch freiwillige Beiträge seiner Gemeinde unterhalten ward,
ohne daß der Staat sich darein mischte. Selbstverständlich fielen
diese Beiträge nicht allzureichlich aus, und mancher Priester sehnte
sich nach den fetten Fleischtöpfen früherer Zeit und nach der Allianz
zwischen dem Scepter und dem Weihrauchfasse zurück, welche Robespierre
einmal geschildert. Bonaparte hatte die Wahl, den Keim zu religiöser
Freisinnigkeit und Freiheit, welcher so kräftig emporgeschossen war, zu
entwickeln, oder den religiösen Fanatismus und die geistliche Herrsch-
und Gewinnsucht als ein Werkzeug seiner Macht zu benutzen. Zwischen
einen sicheren Vortheil auf der einen, und ein großes und edles Princip
auf der andern Seite gestellt, besann er sich nicht lange. Seine
Herrschgier wählte für ihn.
[+Laurent: Histoire du droit de gens, Tome XIV. -- Carlyle: History
of the French revolution, Vol. I-III. -- Louis Blanc: Histoire de
la révolution française, Tome I-XII. -- Chateaubriand: Mémoires
d'outre-tombe, Tome I-II.+]
2.
In einer Oktobernacht des Jahres 1801 ward ein verschlossener, von
einer Wache eskortirter Wagen heimlich nach Paris hereingebracht. Was
mochte in diesem Wagen verborgen sein? War es ein Verbrecher? War es
Schmugglerwaare? In dem Wagen saß ein alter Mann, ein Priester, der
Legat des Papstes an den General Bonaparte (Caprara war sein Name), und
die Schmugglerwaare, welche aus diese Weise im Dunkel der Nacht nach
Paris gebracht wurde, war das Konkordat mit Rom, die Wiederaufrichtung
des christlichen Kultus in Frankreich. Man wagte nicht, einen Priester
in solcher Mission seinen Einzug bei helllichtem Tage halten zu
lassen. Durch die bedachtsame und vorsichtige Veranstaltung des ersten
Konsuls wurde die Sache bis zur Nachtzeit verschoben. Nicht daß man
Gewaltthätigkeiten befürchtet hätte, man fürchtete nur Gelächter. »Man
wagte nicht die lachlustige Bevölkerung von Paris auf eine solche Probe
zu stellen«. (+Thiers: Histoire du consulat et de l'empire, Tome III,
pag. 211+).
Als nach unzähligen Versuchen, eine Uebereinkunft zu erzielen, während
welcher es jeden Augenblick geschienen hatte, als sollte der Faden
der Unterhandlungen für immer abreißen, das Konkordat endlich seinem
Abschlusse so nahe war, daß Bonaparte im April 1802 den Kardinal
officiell empfangen konnte, stieß man auf eine ähnliche Schwierigkeit.
Es ist kirchlicher Gebrauch, daß einem Legaten in außerordentlicher
Mission ein goldenes Kreuz vorangetragen wird. Der Kardinal bat sich
daher aus, daß das Kreuz an dem Tage, wo er sich nach den Tuilerien
begebe, ihm von einem rothgekleideten Officier zu Pferde vorangetragen
werde. Aber man fürchtete, sagt Thiers, der Pariser Bevölkerung ein
solches Schauspiel zu geben (Thiers, ebendaselbst, Seite 342). Man kam
überein, es mit dem Kreuze zu machen, wie man es ein halbes Jahr zuvor
mit dem Kardinal gemacht hatte, nämlich es in einem verschlossenen
Wagen ihm voran zu fahren.
Endlich, acht Tage darauf, am Ostertage den 18. April 1802 (am 28.
Germinal des Jahres +X+) wurde, nachdem das Konkordat am Morgen
an allen Straßenecken von Paris angeschlagen worden war, und nachdem
der erste Konsul an demselben Morgen, um den Tag zu verherrlichen,
den Frieden von Amiens unterzeichnet hatte, das große Tedeum in
der Notre-dame-Kirche zur Verherrlichung der Wiedereinführung des
christlichen Kultus, oder, wie es in der officiellen Sprache hieß,
zur Versöhnung der Revolution mit dem Himmel, gesungen. Die Programme
für die Ceremonie waren zum Voraus vertheilt. Mit einem großen und
gewaltigen Gefolge verfügte der erste Konsul sich zur Kirche; er
hatte vorher persönlich die Frauen aller höheren Beamten auffordern
lassen, sich in großer Toilette einzufinden. Sie folgten der Madame
Bonaparte; er selbst war von seinem ganzen Stabe, von allen seinen
Generalen und von allen Männern begleitet, welche bedeutendere Aemter
inne hatten. Die Wagen, welche dem alten Hofe gehört hatten, wurden
bei dieser Gelegenheit wieder in Gebrauch genommen. Bonaparte fuhr in
den Equipagen der alten Monarchie und mit ihrer ganzen Etikette zur
Kirche. Artilleriesalven verkündeten der Welt dies Wiederauferstehen
der Privilegien von den Todten und diesen ersten Versuch zur
Wiederaufrichtung der königlichen Macht und Herrlichkeit. Truppen der
ersten Militairdivision bildeten Spalier von den Tuilerien bis zur
Notre-dame. Der Erzbischof von Paris empfing den ersten Konsul an
der Kirchenthür und reichte ihm das Weihwasser. Er wurde unter einen
Thronhimmel auf einen für ihn reservirten Platz geführt. Der Senat,
der gesetzgebende Körper und das Tribunat waren zu beiden Seiten des
Altares aufgestellt. Die Kirche war bald von Uniformen, Toiletten
und Livreen erfüllt. Die Livreen, welche während der Revolution
verschwunden gewesen, kehrten mit den Ornaten zurück. Hinter dem
ersten Konsul standen seine Generale in Gala-Uniform »mehr gehorchend,
als bekehrt«, wie Thiers sie schildert. Sie gaben sich Mühe, durch
ihr Aeußeres zu zeigen, was wirklich der Fall war, nämlich daß sie
sich wider ihren Willen dort befanden, und daß die ganze Ceremonie
ihnen lächerlich und unwürdig erschien. Ihre Haltung war, was man von
entgegengesetzter Seite als »wenig geziemend« bezeichnet hat. Gegen
sie stach die Haltung des ersten Konsuls ab. Er stand in seiner rothen
Konsulsuniform, unbeweglich, mit strenger und verschlossener Miene,
ernst und kalt, ohne weder die Zerstreutheit der Widerhaarigen, noch
die Andacht der Gläubigen zu theilen. An seinem Degengehenk blitzte der
berühmte Diamant, »der Regent«. Er hatte ihn zu dieser Feierlichkeit
dort fassen lassen, als Symbol, daß die Insignien der Macht jetzt von
der Krone auf das Schwert übergegangen seien. Man sah ihm an, daß diese
seine Handlung nicht ein Glaubens-, sondern ein Willensakt, und daß er
fest entschlossen sei, seinen Willen durchzusetzen.
Am selben Morgen, als das Tedeum abgehalten ward, brachte der Moniteur
auf ausdrücklichen Befehl Bonaparte's die Anzeige eines Werkes, das
in der zweiten Ausgabe ihm selbst als dem Wiederaufrichter der Kirche
gewidmet war. Es war Chateaubriand's »Genius des Christenthums«.
Der Artikel war von Fontanes und hatte schon drei Tage vorher im
»Mercure« gestanden, ward aber jetzt auf Veranstaltung der Regierung
in dem officiellen Blatte wieder abgedruckt. Man sieht, daß »Der
Genius des Christenthums« ein Glied in der Festdekoration bei jenem
Tedeum ausmachte, so gut wie die weit ausgeschnittenen Kleider und
die Livreen. Die religiöse Reaktion in der Gesellschaft und in der
Literatur läßt sich fast von derselben Stunde, von derselben Ceremonie
an datiren. In einem Briefe von Joubert an Chateaubriand's Freundin
Madame de Beaumont kommt der schlagende Ausdruck vor: »Unser Freund
ist ausdrücklich +pour les circonstances+ erschaffen und zur Welt
gebracht worden«. Man kann sich übrigens denken, daß die Inswerksetzung
dieser Ceremonie Bonaparte Mühe gekostet hatte. Was frommte es, daß an
den Straßenecken zu lesen stand: »es sei der päpstliche Souverain, zu
welchem das Beispiel der Jahrhunderte nicht minder als die Vernunft
uns die Zuflucht nehmen hieße, um die verschiedenen Meinungen zu
verschmelzen und die Sitten zu versöhnen«. Was frommte es, daß ein
Koncert in den Tuilerien und eine Illumination zur Ehre der Ceremonie
stattfand! Dieselbe ward mit eben so großem Unwillen aufgenommen, wie
das Fest für das höchste Wesen mit Enthusiasmus aufgenommen worden war.
Als Bonaparte, nachdem es vorüber war, sich in den Tuilerien zu einem
seiner Officiere, dem General Delmas, wandte und ihn frug, wie ihm
die Festlichkeit gefallen habe, erhielt er die Antwort: »Es war eine
hübsche Kapuzinade, es fehlte nur die Million Menschen, die sich hat
todtschlagen lassen, um Das niederzureißen, was Sie wiederaufrichten«.
Und Delmas sprach mit diesen Worten nur die allgemeine Stimmung der
Generale aus. Schon im November 1801 hatte sich bei dem Gedanken
einer Versöhnung mit der Kirche allgemeine Erbitterung im Heere
gezeigt; Männer, welche Bonaparte sehr nahe standen, wie Lannes und
Augereau, hatten in den derbsten Ausdrücken ihrem Grolle über die
Aussicht, daß sie ihre Uniformen in einer Kirche zeigen sollten,
gegen ihn Luft gemacht, und unter den Soldaten hieß es allgemein, daß
die französischen Fahnen noch nie mit so vielen Lorbeeren bedeckt
worden seien, wie seit der Zeit, daß sie nicht mehr gesegnet würden.
Als die Generale jetzt eine bestimmte Ordre empfingen, sich in der
Notre-dame-Kirche einzufinden, sandten sie Augereau als ihren
Vertreter in die Tuilerien, um inständig zu bitten, daß man sie mit
dieser Schaustellung verschone; aber umsonst.