Die wichtigsten Definitionen dieses Rousseau'schen Werkes (die Macht

als vom Volke ausgehend, das Gesetz als Produkt des allgemeinen

Willens) kommen wörtlich in der Erklärung der Menschenrechte vor.

Sobald bei den Jakobinern der Associationsgedanke auftaucht, führen

sie ihn augenblicklich auf Rousseau zurück, und gebrauchen alle

seine Stichwörter. In einem Artikel in »+La bouche de fer+«

schreibt der Abt Fauchet: »Erhabener Rousseau! gefühlvoller und

wahrheitsliebender Geist! Du bist einer der Ersten, der die ewige

Ordnung der Gerechtigkeit verstanden hat. Ja, jeder Mensch hat Recht

an die Erde und muß zu eigen haben, was er zu seiner Existenz bedarf.

In dem associativen Vertrag, welcher den souveränen Dekreten der

Natur und der Billigkeit gemäß ein Volk erschafft, giebt der Mensch

sich ganz seinem Vaterlande hin und empfängt sich ganz aus der Hand

desselben«. Und mit fast ganz derselben Wendung drückt Saint-Just

sich so in seiner Rede für den Tod Ludwig's +XVI.+ aus: »Der

Gesellschaftsvertrag ist ein Vertrag zwischen den Bürgern und nicht ein

Vertrag mit der Regierung. Man hat keine Verpflichtungen hinsichtlich

eines Vertrages, den man nicht geschlossen hat«. Allein Robespierre ist

Derjenige, welcher als Chef der Jakobiner überall der Rousseau'schen

Geistesrichtung ihren typischen Ausdruck giebt. Sein erster

öffentlicher Schritt war die Beantwortung der Preisfrage, welche die

Akademie von Metz gestellt hatte: »Ueber das Vorurtheil, welches die

Familie der gesetzlich Verurtheilten an deren Schande theilhaftig

macht«; er hatte den Preis gewonnen, und nicht zufrieden damit, die

Zufälle der Todesstrafe bekämpft zu haben, hatte er bei Gelegenheit der

Einführung der Guillotine sich auf's Heftigste gegen die Todesstrafe

selbst erklärt. Wie man sieht, konnte Niemand in der Theorie dem Gefühl

mehr Spielraum geben, als er. Er war der erste Feind des Rationalismus

der Girondisten, und deshalb sehen wir ihn zu dem Zeitpunkte, als Diese

in der Voltaire'schen Richtung am weitesten gingen, eine Adresse an die

Jakobiner einreichen, in welcher er erklärt, daß die Revolution unter

Gottes Leitung stehe, ja in Wirklichkeit eine That der Vorsehung sei.

Er empfindet den Drang, seinem revolutionären Pathos einen Ausdruck

zu geben, welcher denselben zu der sogenannten natürlichen Religion

hinführt. Rousseau hatte in dem »Glaubensbekenntnis eines savoyischen

Priesters« gesagt: möge nun die Materie ewig oder erschaffen sein,

möge ein passives Princip existiren oder nicht, so viel sei doch

gewiß, daß Alles Eins sei und eine einzige Intelligenz verkünde, und

er hatte hinzugefügt: »Dies Wesen, welches will und welches kann,

welches selbstthätig das Universum bewegt und alle Dinge ordnet,

nenne ich Gott«. Robespierre schreibt 1792: »Ich verabscheue so sehr

wie Jemand all' die gottlosen Sekten, welche Ehrgeiz, Fanatismus

und alle Leidenschaften mit dem Namen des Ewigen bedecken, der die

Natur und die Menschheit erschuf. Aber ich bin weit entfernt davon,

ihn mit jenen Schwachköpfen zu vermengen, welche der Despotismus als

Werkzeuge gebraucht hat. Die Vorsehung anzurufen und die Idee von

einem ewigen Wesen auszusprechen, das wesentlich auf die Geschicke der

Nationen einwirkt, und das mir auf eine ganz besondere Weise über die

französische Revolution zu wachen scheint, ist kein zufälliger Einfall

von mir, sondern der Drang meines Herzens, die Aeußerung eines Gefühls,

das mir nothwendig ist, und das in der Versammlung, wo ich jeglicher

Art von Leidenschaften und schändlichen Intriguen preisgegeben und von

so zahlreichen Feinden umringt bin, mich jederzeit aufrecht erhalten

hat. Wie hätte ich, allein mit meiner Seele, in Kämpfen bestehen

können, die mehr als menschliche Kraft erfordern, wenn ich nicht meine

Seele zu Gott erhoben hätte!« Worte wie diese lassen keinen Zweifel

daran, daß seine Religiosität aufrichtig war, und beständig beruft er

sich auf denselben Mann als seinen Lehrer. Als er in der Versammlung

von seinen Feinden zum Selbst-Ostracismus aufgefordert wurde, streckte

er seine Arme gegen Rousseau's Büste aus, welche den Saal schmückte.

»Wohin sollte ich mich begeben!« rief er aus. »Bei welchem Volke fände

ich die Freiheit errichtet, und welcher Despot gäbe mir ein Asyl! Der

Himmel hat es mir vielleicht zugedacht, daß ich mit meinem Blute die

Bahn bezeichnen soll, welche mein Land zum Glücke führt. Ich werde es

dann mit Schwärmerei thun«.

Es war nicht diese schwärmerische Stimmung, sondern die Voltaire'sche

Entrüstung, welche um die Mitte des Jahres 1792 in der gesetzgebenden

Versammlung und in Frankreich die herrschende ward. Am 19. August

1792 wurde das Dekret erlassen, welches über jeden Geistlichen,

der den Eid nicht geleistet, die Deportation verhängte. Jeden Tag

fanden Verhaftungen solcher Geistlichen statt, und dann folgten die

Septembermetzeleien. Sie betrafen zuerst und vor Allem die gefangenen

Priester und hatten in letzter Instanz den erbitterten Haß gegen den

Katholicismus zum Grunde. Der Abt Barruel schreibt: »Diese Büttel

gehörten nicht alle zur Hefe des Volkes. Den Priestern, welche

man ermordete, rief ein Mann zu: >Spitzbuben, Mörder, Ungeheuer,

schändliche Heuchler! Der Tag der Rache ist endlich gekommen. Ihr

sollt nicht mehr das Volk mit Euren Messen und Euren Oblätlein auf

den Altären betrügen.<« Bewundernswerth sind indessen der Muth und

die Standhaftigkeit, welche die meisten dieser Priester bewiesen.

Im Karmelitergefängniß zogen 172 Priester es unbedenklich vor, sich

erschießen zu lassen, statt den Eid auf die Verfassung abzulegen.

Rührend ist es, die Schilderung von der Resignation der Priester zu

lesen, welche in der Abtei eingesperrt waren: »Wir sandten von Zeit

zu Zeit einige unserer Kameraden an das Thurmfenster, um zu erfahren,

welche Stellung die Unglücklichen, die man im Hofe niedermetzelte,

einnähmen, um nach ihrem Bericht zu berechnen, welche wir selbst

am besten einnehmen würden. Sie theilten uns mit, daß Die, welche

die Hände ausstreckten, am längsten litten, weil die Säbelhiebe

geschwächt würden, ehe sie das Haupt erreichten.« (+Jourgniac de

Saint-Méard+). -- Im Ganzen wurden 1480 Menschen ermordet. Die Zahl

ist sicherlich groß; allein andererseits ist es nicht ohne Interesse,

zu bemerken, daß die Anzahl aller Menschen, welche von Anfang der

Revolution bis zu ihrem Ende hingerichtet wurden, nach Michelet's

Berechnung nicht den vierzigsten Theil von der Zahl Derjenigen

ausmacht, welche allein in der Schlacht bei Moskau fielen.

Der Haß, welcher sich so fanatisch in den Septembertagen äußerte, hatte

sich nicht gelegt, als der Konvent zusammentrat. Sehen wir, was ein

Konventsmitglied schreibt, liest und spricht hinsichtlich der Frage

von den Priestern und der Religion. Das Konventsmitglied Lequinio

schenkt seinen Kollegen ein Buch, das er verfaßt und dem Papste

gewidmet hat. Der Titel desselben ist »+Les préjuges détruits+«.

Darin heißt es: »Die Religion ist eine politische Fessel, erfunden um

die Menschen zu lenken, und hat nur dazu gedient, die Genüsse einiger

Individuen dadurch zu sichern, daß sie alle andern im Zaume hielt.«

Die Ausfälle gegen die Priester überbieten hier an Gewaltsamkeit

und Unziemlichkeit Alles, was früher gehört worden war. Unter den

schwächsten Dingen, die von ihnen gesagt werden, ist der zu jener

Zeit in unzähligen Formen variirte Ausspruch: »Wenn sie ehrlich sind,

sind sie Schwachköpfe und Tollhäusler; meistens sind sie freche

Betrüger, wahre Mörder des Menschengeschlechts«. Das ist die Literatur

der damaligen Zeit. Und man darf Lequinio nicht für eine Ausnahme

halten, wenn er auch seinen Krieg gegen die Vorurtheile zuletzt so

weit trieb, daß er den Scharfrichter zu einem Familienessen bei sich

einlud, um die Vorurtheile wider den Henker zu überwinden. Denn was

steht in der Zeitung, welche das Konventsmitglied Morgens liest,

ehe es sich in die Versammlung verfügt? In »+Les Revolutions de

Paris+« im December 1792 heißt es bei Gelegenheit des Umstandes,

daß die Mitternachtsmesse in Paris celebrirt worden ist: »Wenn man am

helllichten Tage auf unsern öffentlichen Plätzen tanzende Marionetten

oder Taschenspielerkünste der verschiedensten Art vorzeigt, so ist

nicht sonderlich viel Böses dabei; es muß ja erlaubt sein, Kinder

und Ammen zu amüsiren. Aber sich zur Nachtzeit in finsteren Kammern

zu versammeln, um zur Ehre eines Bastards und einer treulosen Gattin

Hymnen zu singen, Wachskerzen anzuzünden und Weihrauch zu verbrennen,

Das ist ein Skandal, ein Attentat auf die öffentliche Sittlichkeit,

welches die Aufmerksamkeit der Polizei und ein strenges Einschreiten

verdient.«[1] Die vorhin angeführten Aussprüche glühten zwar von

Erbitterung, Haß und Hohn, aber sie waren noch nicht roh. Sie waren

Racheschreie, ausgestoßen von der so lange gefesselten und gemarterten

menschlichen Vernunft. In Worten wie diesen aber kreischt die Rohheit.

Und noch eine Veränderung ist eingetreten. Der früher Unterdrückte

verräth große Lust, jetzt seinerseits als Unterdrücker aufzutreten.

Die That folgte hier dem Vorsatz auf dem Fuße. »Man ergab sich,« sagt

Mercier in »+Le nouveau Paris+«, »der Zertrümmerung des alten

Kultus nicht mit der Wuth des Fanatismus, sondern mit einem Spotte,

einer Ironie, einer saturnalischen Lustigkeit, welche den Beobachter

in Erstaunen setzen mußte.« Es ward in allen Kirchen förmlich Razzia

gehalten. Eine Deputation theilte dem Konvente mit, daß sie der

»braunen Maria« (ein wunderthätiges Bild) gestattet habe, nach all' der

Mühe, die sie gehabt, achtzehnhundert Jahre lang die Welt zum Besten zu

halten, sich endlich zur Ruhe zu begeben. Die Altäre wurden zu Gunsten

des Nationalschatzes der Republik geplündert. Hier ist das Bruchstück

eines Rapports: »Im Nièvre-Departement findet man keine Priester mehr.

Man hat die Altäre von den Goldhaufen befreit, welche die priesterliche

Eitelkeit nährten. Dreißig Millionen werthvoller Effekten werden nach

Paris geführt werden. Schon sind zwei, mit Kreuzen, mit goldenen

Bischofsstäben und mit zwei Millionen gemünzten Goldes beladene Wagen

vor der Münze angelangt. Drei Mal so viel folgt noch der ersten

Sendung«.

Zuweilen hielten die Wagen vor der Thür des Konvents an, und Säcke und

Beutel voll Gold und Silber wurden im Verhandlungssaale aufgestellt. In

einem andern Rapporte heißt es ironisch: »Man hat mich angeklagt, mich

mit der Religion brouillirt zu haben. Ich habe doch hübsch angefragt,

ehe ich handelte, und drei- bis vierhundert Heilige baten um Erlaubnis,

in die Münze wandern zu dürfen.« Bei dieser Gelegenheit fielen Worte

wie folgende: »Ihr, die Ihr früher Werkzeuge des Fanatismus wart, Ihr

Heiligen beiderlei Geschlechts, Ihr Seligen aller Arten, zeigt Euch

endlich als Patrioten, kommt dem Vaterlande zu Hilfe, und marsch mit

Euch in die Münze!«

In einem dritten Rapport wünschen die Kommissäre sich Glück zu dem

Resultate »ihres philosophischen Apostolats« im Departement Gers.

»Das Volk war reif, und der letzte Tag der dritten Dekade wurde

dazu bestimmt, die Abschaffung des Fanatismus zu feiern. Die ganze

Bevölkerung war auf einem ländlichen Platze zu einem brüderlichen

Schmause versammelt. Nach einer spartanischen Mahlzeit eilte man in

der Stadt umher, riß alle Symbole des Fanatismus herab und trat sie

unter die Füße. Dann ließ man einen Mistwagen heranfahren mit zwei

wunderthätigen Jungfrauen, mit Kreuzen und Heiligen, welche unlängst

den Weihrauch des Aberglaubens empfangen hatten. Dies lächerliche

Gerümpel ward auf einen Scheiterhaufen geworfen, der mit Adelsbriefen

bedeckt war, und das Feuer ward unter dem Jubel einer unzähligen

Volksmenge angezündet. Die Carmagnole erscholl die ganze Nacht

um diesen philosophischen Scheiterhaufen, der so viele Irrthümer

verzehrte«.

In einem vierten Rapporte heißt es: »Vierundsechzig unbeeidigte

Priester lebten in einem Hause zusammen, welches dem Volke gehört.

Ich ließ sie durch die Stadt ins Gefängniß spazieren. Diese Ungeheuer

von neuer Art, welche man noch nicht den Blicken der Bevölkerung

ausgesetzt hatte, thaten eine vortreffliche Wirkung. Die Rufe »Es lebe

die Republik!« erschollen rings um diese Heerde Vieh (+ce troupeau

de bêtes+). Haben Sie die Güte, mich zu benachrichtigen, was ich

mit diesen fünf Dutzend Bestien anfangen soll, die ich dem allgemeinen

Gelächter zur Schau gestellt habe. Ich ließ sie von Schauspielern

eskortiren.«

Die Verhandlungen Betreffs des Gesetzes über Religionsfreiheit,

welches am 3. Ventôse des Jahres +III.+ erschien, waren alle in

demselben Tone gehalten. Wie sehr auch die Mitglieder des Konvents in

Betreff anderer Fragen differirten, über den Katholicismus waren sie

ausnahmsweise einig. Wie groß auch die Kluft zwischen der Stimmung

während und nach der Schreckensregierung war, hinsichtlich des

Katholicismus existirt kein Unterschied in der Stimmung. Als kraft

des Gesetzes einige Kirchen wieder geöffnet worden waren, theilte das

Wochenblatt »Die philosophische Dekade« dies unter der Ueberschrift

»Schauspiele« in folgenden Ausdrücken mit: »Am 18. und 25. dieses

Monats wurde an mehreren Orten in Paris eine Komödie aufgeführt,

deren Hauptperson, mit einer grotesken Tracht ausstaffirt, allerlei

Extravaganzen vor den Zuschauern vollführt, welche nicht darüber

lachen. Da wir von den Stücken, welche auf dem Theater wieder

einstudirt werden, nicht zu reden pflegen, wenn sie nichts Nützliches

oder Interessantes darbieten, wollen wir auch über dieses schweigen«.

Mirabeau hatte gesagt, es gelte Frankreich zu »dekatholisiren«. Man

sieht, diese Arbeit nahm ihren Fortgang. Von den Kommünen lief ein

Gesuch nach dem andern ein, von ihren Namen befreit zu werden, welche

durchgehends diejenigen des einen oder andern Heiligen waren, und

einen selbstgewählten annehmen zu dürfen. So wurde Saint-Denis, dessen

kopfloser Heiliger niemals existirt hat, Franciade genannt. Ringsum

in den Provinzen folgte man dem Beispiele von Paris. Nichts was an

das Königthum von Gottes Gnaden erinnern konnte, wurde verschont.

Ein ehrwürdiger, weißbärtiger Elsässer, Namens Ruhl, Mitglied des

Wohlfahrtsausschusses, hatte sich im Jahre 1793 in den Besitz des

wunderthätigen heiligen Fläschchens mit dem himmlischen Salböl gesetzt,

daß eine Taube bei der Krönung Chlodwig's vom Himmel herniedergebracht

hatte, und verfügte sich mit demselben im Triumphe, von einer großen

Schaar Menschen gefolgt, zum Königsplatze in Reims, wo die Obrigkeit

und die Beamten sich schon um die Statue Ludwig's +XV.+ versammelt

hatten. Dort hielt er eine Rede wider Tyrannei und Tyrannen und

endigte damit, daß er das heilige Fläschchen +Louis le bien-aimé+

so heftig an den Kopf warf, daß es in hundert Stücke zersprang und

das heilige Oel nochmals von den Wangen des Gesalbten des Herrn

heruntertroff.

Züge wie diese, Worte wie die angeführten zeigen hinlänglich und

mit der Anschaulichkeit, welche +ipsissima verba+ haben, wie

vollständig es der Revolution in diesem Stadium gelungen war, das

Autoritätsprincip zu zermalmen. Es ist nicht ohne tiefe Bedeutung,

daß die Adelsbriefe auf demselben Scheiterhaufen wie die Heiligen

der Kirche verbrannt wurden, oder daß der Unglaube an das heilige

Fläschchen die Verhöhnung der Königsmacht nach sich zieht. Von dem

Augenblick an, wo die religiöse Autorität gestürzt ist, ist die

Zauberkraft des Autoritätsprincips in allen Sphären gebrochen.

Es ist zertrümmert; aber wodurch wird man es ersetzen? Welches Princip

soll es ablösen? Wird Voltaire oder Rousseau, das Princip der Freiheit

oder der Brüderlichkeit siegen? Jedes für sich umfaßt das Princip

der Gleichheit, nur in verschiedenem Verstande. Als der Mystiker

Saint-Martin kurz vor der Revolution seine geheimnisvolle Lehre von

der heiligen Dreieinigkeit (+Ternaire+) aufstellte: Freiheit,

Gleichheit und Brüderlichkeit, die immer existirt hätten und ewig

existiren würden, ahnte er nicht, daß sich zwischen diesen Principien

eine Spaltung und ein Kampf entwickeln könne. Voltaire sagt irgendwo:

»Man hat ganz recht gethan, die Dreieinigkeit Einen Gott bilden zu

lassen, denn wären es drei, so würden sie sich mit einander raufen«.

Saint-Martin's +Ternaire+ entlud 1793 die Gegensätze, welche er in

seinem Schooße barg.

Im Aprilmonat 1793 erschien die neue Erklärung der Menschenrechte,

welche Robespierre verfaßt und bei den Jakobinern als ihr Programm zur

Anerkennung gebracht hatte, und in demselben Monat erschien mitten

unter dem heftigen Streite zwischen Robespierre und Vergniaud das

Projekt des entgegengesetzten Lagers zu einer Verfassung, welches

von Condorcet, Barrère, Thomas Payne, Pétion, Barbaroux, Sièyes und

mehreren Andern verfaßt, und von Condorcet redigirt war.

Legt man diese beiden Entwürfe neben einander, so hat man im Keime

die beiden Doktrinen, denen in Zukunft der Kampf um die Herrschaft

vorbehalten war: -- der Liberalismus und der Socialismus, jener von

Voltaire, dieser von Rousseau stammend. Da die beiden Programme Punkt

für Punkt dieselben Gegenstände definiren, fällt der Gegensatz mit

einer Klarheit, wie nirgendwo sonst, in die Augen.

Um Mißverständnissen zu entgehen, muß gleich bemerkt werden, daß

von eigentlichem Socialismus während der Revolution nicht die Rede

ist. Ihre That war, das Kapital von ungerechten Lasten und Bürden zu

befreien, nicht die Last des Kapitals zu begrenzen. Dies zeigt sich am

schärfsten in der Thatsache, daß das erste Zeugnis, durch welches nach

Eroberung der Bastille die siegreiche Bourgeoisie ihre neue Herrschaft

bezeichnete, der Erlaß einer Verordnung ist, wonach die Buchdrucker die

Verantwortung für jede Broschüre und jedes Flugblatt tragen sollen,

die von Schriftstellern »+sans existence connue+«, ohne notorisch

bekannte Subsistenzmittel, veröffentlicht werden. Diese Verordnung

wird am 24. Juli 1789, also genau zehn Tage nach Erstürmung der

Bastille, erlassen; man sieht also, daß die Bourgeoisie dafür sorgte,

die Leiter hinter sich hinauf zu ziehen, sobald sie oben war. Nachdem

sie sich selbst ihren Platz mit Hilfe der Feder erobert hat, ist

ihre erste That, dem Proletariat die Feder aus der Hand zu schlagen.

(Vergl. Lassalle's »Arbeiterprogramm«.) Allein während der Entwurf der

Girondisten zuerst und vor Allem das individuelle Recht zu schützen

sucht: das Gewissen, die freien Gedanken, (+les franchises de la

pensée+, wie man damals sagte), die Unverletzlichkeit des häuslichen

Heerdes, die Gleichheit vor dem Gesetz, das richtige Verhältnis

zwischen Vergehen und Strafe, betonen die Jakobiner auf allen Punkten

die Solidarität der Menschen und die Pflicht der Brüderlichkeit.

Condorcet sagt: »Freiheit besteht in der Macht, Alles zu thun, was

nicht den Rechten Anderer widerstreitet«. Robespierre fügt seiner

Definition: »Die Freiheit ist die dem Menschen zukommende Macht, nach

Gutdünken all' seine Fähigkeiten zu üben«, die Worte hinzu: »Sie hat

~die Gerechtigkeit zur Norm~, die Rechte Anderer zur Grenze,

die Natur zum Princip und das Gesetz zum Beschützer«. Während die

Girondisten das Eigenthumsrecht zu einem absoluten und individuellen

Rechte machen, machen die Jakobiner es zu einem relativen und socialen,

ohne sich jedoch im Geringsten praktisch an demselben zu vergreifen.

Robespierre sagt sogar: »Ich will Euch erst einige Artikel vorschlagen,

welche nothwendig sind, um Eure Theorie vom Eigenthumsrechte zu

vervollständigen. Möge dies Wort Niemanden erschrecken! Ihr Kothseelen,

die Ihr nur das Gold achtet, ich will Eure Schätze nicht antasten,

wie unrein ihre Quelle auch sein möge. Ihr solltet wissen, daß das

agrarische Gesetz, vor welchem Ihr solche Angst hegt, ein Schreckbild

ist, das Buben aufgestellt haben, um Dummköpfe damit zu schrecken. Man

bedurfte wahrlich nicht einer Revolution, um zu lernen, daß ein hoher

Grad von Mißverhältnis zwischen Dem, was der Eine, und Dem, was der

Andere besitzt, die Quelle vieler Uebel und vieler Verbrechen sei; aber

wir sind nichts desto weniger davon überzeugt, daß Vermögensgleichheit

nur eine Chimäre ist«. Der Gegensatz ist trotzdem deutlich genug.

Für Condorcet ist die Gesellschaft ein System von Garantien, für

Robespierre ein sympathetisches Band zwischen den Individuen.

Ersterer sagt: »Es findet Unterdrückung statt, wenn ein Gesetz die

~Rechte~ verletzt, welche es garantiren soll«. Der Andere sagt:

»Es findet Unterdrückung gegen die ganze Gesellschaft statt, wenn

ein einzelnes seiner Mitglieder unterdrückt wird«. Die Girondisten

stellen das Nicht-Interventionsprincip auf. Die Jakobiner lehren: »Die

Menschen aller Länder sind Brüder, und die verschiedenen Völker müssen

einander nach all' ihrer Kraft wie Brüder desselben Staates helfen.

Derjenige, welcher eine einzige Nation unterdrückt, erklärt sich für

einen Feind aller. Diejenigen, welche Krieg gegen ein Volk führen,

um den Fortschritt der Freiheit zu hemmen und die Menschenrechte zu

vernichten, müssen von allen Völkerstämmen verfolgt werden, nicht wie

allgemeine Feinde, sondern wie Mörder und aufrührerische Briganten«.

Der Entwurf der Girondisten ist der reine Rationalismus; man erkennt

Voltaire wieder in dem Werk seiner Söhne. In der Erklärung des Berges

dagegen schlägt ein Herz. Es heißt z. B. darin: »Franzose ist jeder

Fremde, mag er auch nur ein Jahr lang in Frankreich gewohnt haben,

falls er ein Kind adoptirt oder die Sorge für einen Greis übernimmt«.

Selbst der Stil erinnert an Rousseau.

Die Girondisten bekämpften jeden Despotismus, der ein menschliches

Antlitz trug, aber sie gewährten andererseits keinen Schutz wider die

Despotie der Verhältnisse. Sie gingen beständig nur negativ, niemals

positiv zu Werke. Für Robespierre dagegen war es klar, daß es Nichts

nütze, dem Gichtbrüchigen das Recht einzuräumen, geheilt zu werden,

wenn man ihn nicht heile, und daß es ein Hohn sei, dem Lahmen feierlich

das Recht zuzusichern, sich seiner Beine zu bedienen. Er ahnte, daß die

freie Konkurrenz in dem Augenblick eine Lüge sei, wo die Theilnehmer an

derselben bei Beginn des Wettrennens so gestellt seien, daß der Eine

auf einem stattlichen Roß sitze, während der Andere barfuß einherlaufen

müsse.

Die Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, 3. Die Reaktion in Frankreich · 第 2 / 21 段