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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind
stillschweigend korrigiert worden.
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Die Reaktion in Frankreich.
Die Hauptströmungen
der
Literatur des neunzehnten Jahrhunderts.
Vorlesungen,
gehalten an der Kopenhagener Universität
von
G. Brandes.
Uebersetzt und eingeleitet von
Adolf Strodtmann.
~Dritter Band~: =Die Reaktion in Frankreich=.
Einzig autorisirte deutsche Ausgabe.
[Illustration]
Leipzig
H. Barsdorf.
Die Reaktion in Frankreich
von
G. Brandes.
Uebersetzt und eingeleitet
von
Adolf Strodtmann.
Einzig autorisirte deutsche Ausgabe.
[Illustration]
Leipzig.
H. Barsdorf.
Paul Heyse
gewidmet
vom
Verfasser.
Inhalt.
Die Reaktion in Frankreich. Seite
Einleitung 1
1. Die Revolution 5
2. Das Konkordat 41
3. Das Autoritätsprincip. -- Bonald's Theorien 57
4. Die Tradition in Religion, Staat und Familie. -- Bonald's
Theorien, Fortsetzung 83
5. Ein Pilgrim und seine seraphische Epopöe. -- Chateaubriand's
»Märtyrer« 110
6. Eine Prophetin und ihr heiliges Werk. -- Frau von Krüdener,
ihre Romane, und die heilige Allianz 138
7. Lyrik und Erotik der Restaurationszeit. -- Larmartine's
»Meditationen« und »Rafael«. -- Die Liebe in Frau von Krüdener's
»Valérie« und Chateaubriand's »Märtyrern« 163
8. Die Auflösung des formellen Autoritätsprincips. -- Victor
Hugo's Jugendgedichte. -- Alfred de Vigny 186
9. Die Auflösung des reellen Autoritätsprincips. -- Lamennais'
Kampf für den Katholicismus. -- Schlußbetrachtungen 203
Einleitung.
Ein gewisser Inbegriff von Ideen und Werken, Persönlichkeiten,
Handlungen, Gefühlen und Stimmungen, welche zu Anfang des neunzehnten
Jahrhunderts in Frankreich auftreten oder wirken, bildet für mein Auge
eine naturgemäß zusammen hängende Gruppe socialer und literarischer
Phänomene, die sich alle um die Wiederaufrichtung einer gefallenen
Größe ordnen. Diese gefallene Größe ist das Autoritätsprincip.
Unter dem Autoritätsprinzip verstehe ich das Prinzip, kraft dessen
das Leben des einzelnen Menschen und der Völker auf dem Respekt vor
der Tradition basirt. Die Autorität ist eine Macht und wirkt als
Macht durch ihre bloße Existenz, nicht durch Gründe. Sie benutzt als
Wirkungsmittel Zwang und Furcht. Sie beruht auf der freiwilligen oder
unfreiwilligen Unterwerfung der Gemüther unter das Gegebene.
Das Autoritätsprinzip kann in Kirche und Staat, in der Gesellschaft und
in der Familie, ja in der menschlichen Erkenntnis als das Prinzip der
Erkenntnis und Gewißheit, geltend gemacht werden. Es wurde zu der Zeit,
deren Geistesleben ich schildern will, auf all' diesen Gebieten zur
Geltung gebracht. Es war zu der Zeit, deren Geistesleben ich schildern
will, auf ihnen allen gestürzt und über den Haufen geworfen. Um zu
verstehen, wie es von Neuem hervorgeholt und befestigt, und wie es noch
ein Mal gesprengt wurde, müssen wir erst sehen, wie und kraft welcher
Principien es während der Revolution zertrümmert ward.
Es war nicht auf ~ein~ Mal auf allen geistigen Gebieten
angegriffen worden; aber es hatte sich gezeigt, daß sein Bestehen in
all' den verschiedenen Lebenssphären von seinem Bestehen in der Sphäre,
die als die höchste betrachtet ward, -- die Kirche nämlich, -- abhing.
Denn die Kirche war's, welche als Autorität ihre Autorität allen
übrigen Gebieten mittheilte (z. B. dem Königthume von Gottes Gnaden,
der Ehe als Sakrament u. s. w.). Mit der Autorität der Kirche stand und
fiel daher das Autoritätsprinzip in all' den abgeleiteten Autoritäten.
Als die kirchliche Autorität untergraben war, zog sie alle anderen
Autoritäten bei ihrem Falle nach.
Nicht daß der einzelne Mann, welcher im achtzehnten Jahrhundert
kraftvoller und erfolgreicher, als irgend ein Anderer, für die
Emancipation des Gedankens von Kirche und Dogmen gewirkt, eine solche
Wirkung seines Strebens vorausgesehen hätte. Weit entfernt! Voltaire
wollte gar keinen äußeren Umsturz. In seiner kleinen Erzählung »+Le
monde comme il va+« wird der weise Babouc freilich sehr entrüstet
beim Anblick der Verderbnis in der großen Stadt Persepolis, und erkennt
sehr klar, wie weit alles davon entfernt ist, so zu sein, wie es
sollte, allein nach und nach gewinnt er auch ein Auge für die guten
Seiten der schlechten Zustände, und als es von seinem Berichte an den
Engel Ituriel abhängt, ob die Stadt vernichtet oder verschont werden
soll, ist er durchaus wider ihre Zerstörung, ja, auch der Engel denkt
zuletzt nicht einmal an irgend eine Reform der Sitten von Persepolis,
da, »wenn auch Alles nicht gut ist, es doch jedenfalls erträglich ist«.
Man kann dies Raisonnement kaum revolutionair nennen, und Voltaire ist,
wenigstens zu Zeiten, derselben Meinung wie Babouc. Man erinnere sich
auch, daß Voltaire sich beständig an die Fürsten, nicht an die Völker
wandte, um seine Ideen in Handlung umgesetzt zu sehen, und daß er oft
genug erklärte, die Sache der Könige und der Philosophen sei eine und
dieselbe. Als daher Holbach und seine Mitarbeiter verlautbaren ließen,
daß »unter jenen Machthabern von Gottes Gnaden, jenen Repräsentanten
der Gottheit, kaum ein Mal alle tausend Jahre einer zu finden sei,
der das gewöhnlichste Rechtlichkeits- oder Mitleidsgefühl oder die
einfachsten Talente und Tugenden besäße«, vermochte Voltaire nicht
seinen Groll zu bezähmen. Sein Briefwechsel mit dem König von Preußen
enthält auch die heftigsten Zornausbrüche wider das »+Système de
la nature+«. Er erkannte sich selbst in diesen Schülern und ihren
Konsequenzen nicht wieder.
Nichts desto weniger ist es Voltaire, welcher während der ganzen
Revolution das umstürzende Princip vertritt, gleichwie Rousseau der
vereinigende und sammelnde Geist ist. Denn Voltaire hatte kraft der
Freiheit des individuellen Gedankens das Autoritätsprincip zerbrochen,
Rousseau hatte es durch das allgemeine Gefühl der Brüderlichkeit und
Solidarität verdrängt und ersetzt. Die Revolution setzte Punkt für
Punkt Alles ins Werk, was diese zwei großen Geister vorbereitet hatten;
sie vollstreckte ihr Testament; der individuelle Gedanke wurde zur
umstürzenden That und das sociale Gefühl zur sammelnden Konstitution.
Voltaire war die Entrüstung, Rousseau die Begeisterung.
Die Reaktion in Frankreich.
1.
On accuse la génération de tout renverser et de ne rien édifier. Mais
ne faut-il pas avoir détruit la Bastille avant de rien éléver sur son
emplacement? Déjà maint architecte s'évertue à imaginer un palais
digne des augustes représentants de la nation. Bientôt vous le verrez
sortir de dessous les ruines de cette Bastille.
Camille Desmoulins: Discours de la lanterne.
Da die Autorität principiell kirchlich und religiös ist, so ist eine
Charakteristik des Verhältnisses der Revolution zu Kirche und Religion
während der verschiedenen Phasen dieses Verhältnisses unentbehrlich, um
die geistige Reaktion zu verstehen, welche ihr folgte. Denn da diese
die Wiederaufrichtung des Autoritätsprincips bezweckt, beginnt sie
sowohl historisch wie logisch mit der Restauration der Kirche.
Die Revolution war ihrem Wesen nach eben so sehr religiöser wie
politischer Natur. Sie war die Krone des großen philosophischen Werks,
das die freigeistigen Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts
errichtet hatten. Der Revolution von 1789 verdanken wir jene größte
Eroberung des Menschengeistes aus der Herrschaft von Vorurtheil
und Gewalt, die Gewissensfreiheit, die religiöse Toleranz. Keine
Behauptung ist unwahrer, als die, welche oftmals von katholischen
Schriftstellern vorgebracht worden ist, daß es die christliche Kirche
sei, welcher die Menschheit dies unschätzbare Gut verdanke. Die
Wahrheit ist, daß die Kirche sich aufs Aeußerste jedem Anspruch auf
Gewissensfreiheit widersetzte. In dem Augenblicke, da die Revolution
beginnt, sind alle Vorbereitungen zu dem großen Zusammenstoße zwischen
dem Autoritätsprincip auf der einen und den Individualitäts- und
Solidaritätsprincipien auf der andern Seite getroffen. Die zwei
Hauptkämpfer, die Philosophie und die Kirche, rüsten sich zum Kampf.
Alle Führer, alle Ritter und Knappen, welche das große Turnier
ausfechten sollen, stehen auf ihren Posten, unbekannt unter einander,
unbekannt der Welt, die sie bald mit dem Schall ihrer Namen erfüllen
sollen. Sie sind von ganz verschiedenartiger Herkunft und haben eine
ganz verschiedenartige Vergangenheit. Da sind Adlige wie Mirabeau,
Geistliche wie Maury, Fauchet und Talleyrand, Aerzte wie Marat,
Advokaten wie Robespierre, Dichter, Philosophen, Redner, Schriftsteller
wie Chénier, Condorcet, Danton und Desmoulins, eine ganze Heerschar
von Talenten und Charakteren. Die Kirche rüstet ihre Waffen zu einem
verzweifelten Kampfe, der im Voraus verloren ist, die Revolution rückt
vor, erst unsicher und schwankend, dann dräuend, dann unwiderstehlich,
und bald siegestrunken. Sobald die Reichsstände berufen werden, ist der
Kampfplatz offen, die Schranken fallen auf beiden Seiten, und der große
Kampfrichter, die Weltgeschichte, giebt das Signal zum Zusammenstoß.
Was ist gleich nach dem Zusammentritt der Stände das erste und
einstimmige Verlangen des geistlichen Standes? Die Anerkennung der
»katholischen, apostolischen und römischen Religion« als Staatsreligion
zu erwirken, als der einzigen, welcher ein öffentlicher Cultus
gestattet werden solle. Und doch waren Republikaner in gar nicht
so geringer Anzahl unter der niederen Geistlichkeit; aber zu der
Freiheit, welche sie forderten, rechneten sie nicht die religiöse.
Die demokratischen Aebte deklamirten wohl gegen die Inquisition,
nannten sie menschenfresserisch und tigerhaft, aber sie warnten vor
der Toleranz. Der revolutionäre Abt Fauchet, derselbe, welcher nach
der Einnahme der Bastille die dreifarbige Uniform der Nationalgarde
segnete, und die Trikolore als Nationalfahne schuf, bezeichnet die
Toleranz höhnisch als »den allgemeinen Tolerantismus« und weissagt,
wenn sie eingeführt würde, so würde sie nur zum vollständigen Verfall
aller guten Sitten führen. Er geht so weit, daß er Denjenigen, die
sich zu keiner Religionsgemeinschaft bekennen, das Recht, sich zu
verheirathen, verwehren will, »da man derlei Menschen nicht als durch
ihr Wort gebunden erachten kann«.
Wie die Stände als Nationalversammlung zusammentreten, wird die
Geistlichkeit bald zu Koncessionen genöthigt, aber selbst wenn die
Mißstimmung gegen sie zu Worte gelangt, endet die Opposition stets
damit, sich in die mildesten und rücksichtsvollsten Formen zu hüllen.
Als z. B. im Februar 1790 Garat von der Priesterweihe den Ausdruck
gebraucht hatte, daß sie ein bürgerlicher Selbstmord sei, und eine
Anzahl Geistlicher, worunter der Abt Maury und die Bischöfe von Nancy
und Clermont, erbittert hierüber auffuhr, über Gotteslästerung schrie,
und den Antrag stellte, die katholische Religion zur Nationalreligion
zu erklären, ward der Antrag zwar verworfen, aber auf solche Art,
daß man die Aengstlichkeit und Unsicherheit der Demokratie in der
Motivirung dieses Schrittes empfindet. Es würde, heißt es, eine
Verletzung der Religion und der Gefühle sein, welche die Versammlung
Betreffs derselben beseelten, nur einen Zweifel daran vorauszusetzen.
Man wagte noch nicht zu sagen, was man meinte, und so sah man noch eine
Versammlung, deren Mehrzahl aus Freidenkern bestand, an Processionen
theilnehmen und dem katholischen Gottesdienste beiwohnen. Nur zwei
Monate später wurde der Antrag, den Katholicismus zur Nationalreligion
zu erklären, abermals eingereicht, diesmal nach Maury's wüthenden
Invektiven gegen den Antrag auf Einziehung der Kirchengüter durch den
Staat. Er wurde diesmal von einem Geistlichen, Dom Gerle, gestellt,
welcher später als Jakobiner sich sehr eifrig bemüht zeigte, dies sein
erstes öffentliches Auftreten in Vergessenheit zu bringen. Mirabeau
antwortete mit einer Apostrophe an das Fenster im Louvre, das er von
der Tribüne aus vor Augen hatte, »dasselbe«, rief er, »aus welchem
ein französischer Monarch, welcher die weltlichen Interessen mit den
geistigen Interessen der Religion vermengte, die Flinte abschoß,
welche das Signal zur Bartholomäusnacht gab«. Und doch wich man
diesmal wieder aus und umging die Sache, indem man erklärte, daß die
Majestät der Religion und die Ehrfurcht, welche man ihr schuldig sei,
nicht gestatte, sie zum Gegenstande einer Verhandlung zu machen. Die
ganze Rechte enthielt sich der Abstimmung, und obendrein wurde ein
Protest eingereicht, der von 297 Mitgliedern, worunter 144 von der
Klerisei, unterschrieben war. Man schwankte und widersprach sich
selbst. Der Adel, welcher hundert Jahre vorher Ludwig +XIV.+
Beifall zugejauchzt hatte, als er das Edikt von Nantes widerrief,
war durch die Einwirkung der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts
so umgestimmt worden, daß er, da er als Stand verhandelte, in rein
voltairianischem Geiste sich für allgemeine Toleranz ausgesprochen
hatte; aber doch hatte er halb unsicher hinzugefügt, die katholische
Kirche müsse Volkskirche sein. Der Bürgerstand, welcher zum Theil
jansenistisch und deshalb in Wahrheit viel weniger freisinnig war,
hatte sich als Stand auf ähnliche ausweichende Art ausgesprochen. Aber
nachdem die Nationalversammlung zusammengetreten, war der Standpunkt
principiell ein so bestimmter, daß jede Ungewißheit im Grunde von
vornherein ausgeschlossen war. Denn einer der ersten Schritte dieser
Versammlung war, wie bekannt, die Erklärung der Menschenrechte, und
unter diesen Menschenrechten ist ausdrücklich die Freiheit, zu denken,
selbst in religiösen Dingen, aufgeführt. Artikel 10 der Erklärung
lautet nämlich: »Niemand darf wegen seiner Ansichten, auch nicht
wegen seiner religiösen Ansichten, behelligt werden, vorausgesetzt,
daß seine Aeußerung derselben die gesetzliche Ordnung nicht stört«.
Der Papst antwortete damit, diese Freiheit als »ein ungeheuerliches
und wahnwitziges Recht, das die Vernunft (+sic!+) erstickt«, zu
bezeichnen, und damit, sollte man meinen, war die Stellung der beiden
Lager zu einander bestimmt.
Man spürt, wie die Situation sich klärt, als in der constituirenden
Versammlung die Rede auf die Toleranz kommt. In dem Antrage auf die
Erklärung der Menschenrechte war ein Artikel folgendermaßen gefaßt:
»Die Gottesverehrung gehört zur Pflege der Polizei; folglich kommt es
der Gesellschaft zu, sie zu reguliren, ~einen~ Kultus zu gestatten
und einen andern zu verbieten«. Mirabeau greift diesen Artikel auf's
Heftigste an:
»Ich will nicht Toleranz predigen«, sagt er. »Die uneingeschränkteste
Religionsfreiheit ist in meinen Augen ein so heiliges Recht, daß selbst
das Wort Toleranz als Ausdruck dafür fast tyrannisch erscheint, da
die bloße Existenz einer Autorität, welche die Macht, zu toleriren,
also auch es nicht zu thun, besitzt, ein Attentat auf die Freiheit
des Gedankens ist«. In einer der folgenden Sitzungen geht er noch
weiter: »Man hat von einem herrschenden Kultus gesprochen; was
versteht man unter herrschendem? ich verstehe dies Wort nicht und
bitte mir eine Definition davon aus. Meint man einen Kultus, welcher
die anderen unterdrückt? Aber, hat die Versammlung denn nicht das
Wort Unterdrückung geächtet? Oder ist es die Religion des Fürsten,
welche man meint? Der Fürst hat nicht das Recht, über die Gewissen zu
herrschen oder die Meinungen zu reguliren. Oder meint man den Kultus
der Mehrzahl? Ein Kultus ist eine Meinung. Dieser oder jener Kultus ist
ein Resultat dieser oder jener Meinung. Aber eine Meinung bildet sich
nicht durch Zusammenzählung der Stimmen. Der Gedanke gehört uns, ist
unabhängig und läßt sich nicht fesseln«.
Man sieht, wie der Muth, seine Ansicht in religiösen Dingen
auszusprechen, seine Schwingen zu prüfen begann.
Sehen wir an einem anderen Beispiel, mit welcher Schnelligkeit man
sowohl in wie außerhalb der Versammlung von einem schüchternen
Anfange sich zum Bewußtsein der großen geistigen Revolution erhob,
welche vorging. Zum rechten Verständnisse wolle man sich erinnern,
daß in dieser Versammlung die Partei der Vergangenheit, welche aus
Erzbischöfen und Bischöfen, Prinzen, Herzögen, Marquis und Baronen im
Verein mit einigen Deserteuren des dritten Standes bestand, noch sehr
mächtig war. All' diese Männer, welche auf der rechten Seite des Saales
verweilten, glaubten noch kaum an die Revolution und fertigten oft und
wiederholt die ernsthaftesten Angriffe mit einem Bonmot ab.
Im Oktober 1789 steht vor den Schranken der Nationalversammlung eine
seltsam aussehende Deputation in langen Kleidern und orientalischer
Tracht. Es sind Juden aus Elsaß und Lothringen. Sie flehen im Namen
ihrer Glaubensgenossen um Barmherzigkeit. »Hochgeborene Versammlung«,
sprachen sie, »im Namen des Ewigen, welcher der Ursprung aller
Gerechtigkeit und Wahrheit ist, im Namen Gottes, welcher allen Menschen
gleiche Rechte und Pflichten verlieh, im Namen der Menschheit, die
Jahrhunderte lang durch die entehrende Behandlung beleidigt worden,
welche die unglücklichen Nachkommen des ältesten aller Völker in fast
allen Erdgegenden erlitten, erscheinen wir, um Euch zu beschwören,
unser bedauerliches Schicksal der Erwägung zu würdigen. Die, welche
überall verfolgt, überall erniedrigt, und doch stets unterthänig, nie
aufrührerisch sind, Die, welche bei allen Völkern ein Gegenstand des
Unwillens und der Verachtung sind, während sie Duldung und Mitleid
genießen sollten, die Juden werfen sich Euch zu Füßen und schmeicheln
sich der Hoffnung, daß Ihr inmitten der wichtigen Arbeiten welche Euch
in Anspruch nehmen, ihre Klagen nicht gering schätzen, daß Ihr mit
einigem Interesse die schüchternen Einsprüche hören werdet, welche
sie aus der Tiefe der Erniedrigung, worin sie begraben sind, vor Euch
niederzulegen wagen.... Möchte eine Reform, die wir bisher fruchtlos
ersehnt haben und die wir mit Thränen in den Augen erflehen, Eure
Wohlthat und Euer Werk sein«!
Clermont-Tonnerre nimmt sich mit Wärme dieser rührenden Bittschrift
an. Aber man glaubt nicht, auf welcherlei Ausflüchte die Geistlichkeit
verfiel, um ein Recht zu verweigern, das eigentlich als schon ertheilt
gelten mußte. Der Abt Maury erhebt sich. Er hat ein breites verwogenes
Gesicht, die sieben Todsünden im Gesicht, wie man von ihm sagte, einen
festen Mund, Augen, die von Verstand, Falschheit und Sophisterei
blitzen, derjenigen Art von Sophisterei, welche das Erstaunen darüber
ausspricht, daß irgend Jemand ~dies~ Sophisterei nennen kann. Er
ist frech und kaltblütig. Er ist es, der wenig Monate nachher, als
man ihn auf der Straße mit dem Geschrei: »An den Laternenpfahl mit
ihm!« umdrängte, die Antwort gab: »Meint Ihr, liebe Freunde, daß Ihr
dadurch heller sehen werdet?« Er sagt: »Wer wird in unsern Tagen noch
von Verfolgung oder Intoleranz reden! Die Juden sind unsere Brüder.
Aber die Juden Bürger nennen, würde Dasselbe sein, wie einzuräumen, daß
Engländer und Dänen, ohne das Indigenatsrecht erlangt zu haben und ohne
aufzuhören, Engländer und Dänen zu sein, Franzosen werden könnten.«
Er verweilt bei dem Wucherhange der Juden und den übrigen Lastern,
welche man ihnen zuschrieb. »Dies Volk«, fährt er fort, »hat siebzehn
Jahrhunderte durchlebt, ohne sich mit den andern Völkerstämmen zu
vermischen; sie haben nur Geldschacher getrieben; kein Einziger unter
ihnen hat es verstanden, seine Hände dadurch zu adeln, daß er seine
Pflugschar geführt, oder ein Stück Land bebaut hätte«.
Wenn man weiß, daß es den Juden auf's strengste verboten war, das
geringste Stück Grundeigenthum zu besitzen, ja daß sie, wenn sie in
eine Stadt hineinkamen, dieselbe Accise wie die Schweine bezahlen
mußten, so wird man begreifen, daß diese Argumentation nicht
unwiderleglich ist. Aber der Haß gegen die Juden war noch so groß, daß
Niemand an derselben Etwas auszusetzen fand. Man fürchtete, die Juden
würden ganz Elsaß zu einer jüdischen Kolonie machen, wenn man ihnen
Bürgerrechte gäbe. Ja, ein sonst sehr revolutionärer Deputirter aus dem
Elsaß bemerkte sogar, er könne nicht für die Ruhe in seiner Provinz
einstehen, falls der Antrag auf Gleichstellung der Juden durchgehe.
Die Stimmung war flau. Man fühlte, daß das Schicksal des Antrages
entschieden sei. Nur ein einziger Deputirter wagt Protest zu erheben.
Es ist ein noch ganz unbekannter Mann, Advokat von Fache, einer von
Denen, welche sich damals noch in der zweiten Reihe hielten und hinter
den hervortretenden Persönlichkeiten versteckt saßen, die noch zum
größten Theil den früher privilegirten Ständen angehörten. Sein Gesicht
ist gewöhnlich und nicht sehr lebhaft, allein unheimlich blaß. Er ist
einfach, aber auffallend sauber und sorgfältig gekleidet, und sein Haar
sitzt gut. Schon sein Aeußeres verräth seine Achtung vor sich selbst
und seine Leidenschaft für die Ordnung. Der Präsident nennt seinen
Namen, auf den Niemand Gewicht legt: »Maximilian Robespierre.« Er
besteigt die Tribüne und sagt kurz und scharf: »Die Laster der Juden
sind eine Folge der Erniedrigung, in welcher Ihr sie erhalten habt. Sie
werden gute Menschen werden, sobald es ihnen irgendwie nützt, es zu
sein.«
Aber er ist der Einzige in der ganzen Versammlung, welcher für den
Antrag spricht. Charakteristisch genug, begriff derselbe Protestanten,
Schauspieler und Juden unter einer Kategorie. Die Menschenrechte
der ersten beiden Klassen wurden anerkannt; aber da Mirabeau die
Unmöglichkeit der Förderung des Antrages in Betreff der Juden einsah,
ließ er die Verhandlung über diesen Punkt auf unbestimmte Zeit
vertagen. Zwei Jahre verstreichen. Im Jahre 1791 erneuern die Juden ihr
Gesuch. Aber welch' eine Veränderung im Tone! Die demüthige Bitte des
Sklaven ist zur bestimmten und scharfen Forderung des Mannes geworden.
Man appellirt nicht mehr an die Gnade der Herrschenden, sondern stützt
sich auf eine Beweisführung. Ich führe den Schlußsatz an:
»Wenn es eine Religion gäbe, deren Bekenner nicht Bürger sein könnten,
während die Bekenner anderer Religionen es sein könnten, so würden
diese herrschende Religionen sein; aber es giebt keine herrschende
Religion, da alle gleiche Rechte haben. Wenn man den Juden die
Bürgerrechte verweigert, weil sie Juden sind, so straft man sie,
weil sie in einer bestimmten Religion geboren sind. Aber in solchem
Falle existirt keine Religionsfreiheit, da Verlust der Bürgerrechte
mit dieser Freiheit verknüpft ist. So Viel ist gewiß: indem man die
Menschen zur religiösen Freiheit erhoben hat, hat man auch die Absicht
gehabt, sie zur bürgerlichen Freiheit zu erheben; es giebt keine halbe
Freiheit, so wenig wie es eine halbe Gerechtigkeit giebt.«
Wenige Jahre, in der Atmosphäre der Revolution verlebt, hatten diesen
Parias Selbstgefühl und Stolz verliehen. Diesmal ging der Antrag ohne
Debatte durch.
In der constituirenden Versammlung kam der Haß gegen die positive
Religion und ihre Priester, den die Philosophen ihrem Zeitalter
eingeflößt hatten, noch nicht in Worten zum Ausbruch. Das bekannte
Wort: »Ihr Herren von der Klerisei! jetzt barbiert man Euch, und
wenn Ihr allzu arg strampelt, wird man Euch die Kehle abschneiden«,
erscholl aus dem Zuschauerraume, nicht aus dem Saale. Die Erbitterung
gab sich vorläufig in Handlungen kund. Alles Kirchen- und Klostergut
wurde für Staatseigenthum erklärt. Voltaire hatte seinen Schülern
die Aufgabe gestellt, »+d'écraser l'infâme+«. Die gläubigen
Katholiken sahen in den Beschlüssen der constituirenden Versammlung
einen Versuch, auszuführen, was er mit dieser Aufgabe gemeint hatte.
In einer rechtgläubigen Schrift von 1792: »+Conjuration contre
la religion catholique et les souverains+« heißt es: »Niemals
hat Christi Kirche so viel' Feinde auf einmal zu bekämpfen gehabt.
Es scheint, als ob die ganze Hölle losgelassen sei, um ihren Ruin
herbeizuführen.... Die Philosophen wollen die christliche Religion
nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa, ja im ganzen Universum
abschaffen.« In diesen Worten liegt keine Uebertreibung. Nur ist es
interessant, sich zu erinnern, daß die Philosophen, um dies Resultat
zu erreichen, sich an die Regenten der großen Länder, an Friedrich
von Preußen, an Katharina von Rußland und Andere gewandt hatten, daß
aber der Schlag selber vom Volke geführt wurde, wenn man unter dem
Volke den Mittelstand verstehen will. Der Papst irrte sich daher
nicht, als er von der constituirenden Versammlung in einer Ansprache
an seine Kardinäle sagte, die Franzosen hätten sich zu Sklaven einer
Versammlung von Philosophen gemacht, und vergessen, daß die Nationen
die glücklichsten seien, welche ihren Königen gehorchen.
Die Priester, welche, wie bekannt, gefunden haben, woran es dem
Archimedes gebrach: den Punkt außerhalb der Erde, in der anderen Welt,
von wo aus sie jene bewegen können, begannen schon jetzt die Provinzen
zu fanatisiren. In Arras wurde ein Bild umhergetragen, auf welchem
Maury und die Royalisten zur rechten Seite des Gekreuzigten, die
Revolutionäre auf der andern Seite unter dem bösen Schächer abgemalt
waren. Ein wahrer Aufruhr fand in Nîmes bei der Nachricht statt, daß
ein Protestant, Saint-Etienne, zum Präsidenten der Nationalversammlung
erwählt worden sei.
Die verfassungsmäßige Ordnung der Kirchenverhältnisse wurde durch
eine Allianz zwischen den Voltairianern und den Jansenisten der
Versammlung erreicht. Letztere waren sicherlich gute Christen,
allein die politische Aeußerung des jansenistischen Fatalismus war
in keiner Hinsicht verschieden von den politischen Konsequenzen des
Voltairianismus. Die Jansenisten haßten als religiöse Leute die
irdische Größe und hießen als Fatalisten das menschliche Elend gut,
sie hatten als echte Bourgeois das Gleichheitsgefühl nach oben und das
Ungleichheitsgefühl nach unten, ganz wie die Voltairianer. Sie stimmten
daher vollkommen mit Diesen betreffs der Einziehung der Kirchenschätze
überein. Dazu kam, daß die Masse Skandale, zu denen das Leben der
höheren Geistlichen Anlaß gab, ihren moralischen Sinn empörte. So war
es z. B. bekannt, daß Mademoiselle Guimard, die Geliebte des Bischofs
Jarantes, geistliche Pfründe hinter den Opernkoulissen verschenkte,
daß der Erzbischof von Narbonne in einer seiner Abteien einen ganzen
Harem unterhielt, daß der Kardinal von Montmorency öffentlich mit einer
Aebtissin zusammenlebte, ja daß die Bernhardiner in der Abtei Granselve
eine ganze kleine Stadt mit einem eigenen Damenquartier und mit allzeit
gedeckten Tischen für ihre Orgien eingerichtet hatten. (Das Leben
daselbst ist von einem Augenzeugen, dem royalistischen und klerikalen
Schriftsteller Montgaillard im zweiten Bande seiner +Histoire de
France+ beschrieben worden.) Hätte man sich nun damit begnügt, die
Schätze der Kirchenhäupter einzuziehen, so hätte man sie gezwungen,
entweder nachzugeben oder einzugestehen, daß ihrer Opposition Habgier
zu Grunde lag. Aber man tastete ihre Disciplin an und schuf ihnen
solchergestalt einen Vorwand zum Widerstande. Jede Modifikation der
äußeren Formen des Kultus gab ihnen Anlaß zu dem lauten Geschrei,
daß die Religion in ihren Grundfesten erschüttert sei. Die niederen
Geistlichen wagten daher fast niemals den Eid auf die Verfassung
abzulegen. That Einer es, so ward der geringe Lohn, den er vom Staate
empfing, mit dem Blutgelde des Judas verglichen, obschon man es früher
ganz in der Ordnung fand, daß die Bischöfe Paläste und Gärten besaßen,
und in jeglicher Art Lebensgenuß schwelgten, während die niedere
Geistlichkeit zur selben Zeit förmlich ausgehungert ward.
Der Einzige, welcher, ohne Voltairianer oder Jansenist zu sein, an der
Diskussion über die Kirchenverfassung Theil nahm, war Robespierre.
Er hob Rousseau's »bürgerliche Religion« (+Contrat social+
4,_{8}) hervor, bereit Dogmen »die Existenz einer mächtigen,
intelligenten und allwissenden Gottheit, ein künftiges Leben, die
Belohnung der Gerechten, die Bestrafung der Bösen, die Heiligkeit
des gesellschaftlichen Vertrages und die Staatsgesetze« sind. Er war
ein Mann der Ordnung, kein Gläubiger. Die Religiosität bestand für
ihn in der Erfüllung der gesellschaftlichen Pflichten. Die Klerisei
betrachtete er als Magistratspersonen, als weltliche Beamten. Mit
Rousseau'scher Empfindsamkeit rief er die Versammlung an, die alten und
schwachen Priester zu unterstützen, und bat namentlich für diejenigen
zu sorgen, welche über siebzig Jahre alt seien und weder eine Pension
noch Sporteln hätten; aber der Antrag wurde abgelehnt. Robespierre's
Zeit war noch nicht gekommen.
Die neue Ordnung der Dinge gab auf dem Lande Anlaß zu possierlichen
sowohl wie brutalen Scenen. Man findet in Camille Desmoulins'
Journalartikeln eine sehr humoristische Schilderung des unfreiwilligen
Abschiedes eines Dorfpredigers von seiner Gemeinde. An der Kirchenthür
findet er eines Sonntags nach dem Gottesdienste zu seiner Ueberraschung
einen riesigen, hochbepackten Möbelwagen mit all' seinen Effekten,
oben auf dem Wagen sitzt weinend seine Javotte, die »Gouvernante«,
welcher der Schulmeister mit einer Thräne im Auge Lebewohl sagt. Er
wird unter dem Rufe: »Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Hochehrwürden!«
auf den Wagen gehoben, und fort geht's, obschon er schilt und schimpft,
so lange er noch seinen Glockenthurm erblicken kann. An anderen Orten
jedoch wurde der Eid dem Priester mit dem Bajonett auf der Brust
abgezwungen, ja in einem vereinzelten Falle wurde er, als er auf
der Kanzel stand, durch einen Flintenschuß getödtet. Beging man nun
auch solchergestalt einzelne Ausschreitungen wider die eidweigernden
Priester, so war dies doch als sehr gering zu achten gegen Das, was
von ihrer Seite geschah. Sie schilderten der Landbevölkerung die
bürgerliche Verfassung, welche in Wirklichkeit die Religion gar nicht
angetastet hatte, als ein Werk des Teufels. Sie lehrten, daß es eine
Todsünde sei, das Sakrament von einem Priester zu nehmen, welcher der
Regierung den Eid geleistet, daß die Kinder, welche den von diesen
Priestern eingesegneten Ehen entsprängen, als Bastarde zu betrachten
seien, ja daß der Fluch Gottes auf der Wiege jedes solchen Kindes
laste. Bald wurde ein verfassungsmäßiger Priester mit Steinwürfen in
der Kirche verfolgt, bald ein anderer an dem Kronleuchter des Chores
erhängt. Die Kirchen, welche die Nationalversammlung hatte schließen
lassen, wurden mit Axthieben geöffnet. In einzelnen Departements zogen
mörderische Banden von Pilgern unter der Führung von Priestern über
die Felder, mit Flinten und Spießen bewaffnet. Am schlimmsten ging
es in der Bretagne zu. Wenn dort der schlichte Bauer viele Meilen
weit von seinem Kirchspiele fortgewandert war, um einen echten, d.
h. unbeeidigten Priester zu hören, und dann bei seiner Heimkehr ein
Dutzend seiner Dorfgenossen aus der eigenen Kirche herauskommen sah,
wo sie in aller Gemächlichkeit den neuen Priester gehört hatten, war
sein Haß so unbändig, daß er sich zu jeder Gewaltthätigkeit berechtigt
glaubte, zu der er von kirchlicher Seite aufgehetzt wurde.
Als jetzt die gesetzgebende Versammlung zusammentrat, gab es
keine Stände mehr. Der Adel war ausgewandert, und die höhere
Geistlichkeit rief im Exil den Beistand der fremden Höfe an. Die
niedere Geistlichkeit war fanatisch kontrarevolutionär und hetzte
die unwissende Menge gegen die Freiheit auf. Die Sprache, welche
jetzt in der Versammlung geführt wird, ist himmelweit verschieden
von der früheren. Die stehende Anklage wider die Religion ist die
naiv formulirte, daß sie nicht mit der Verfassung übereinstimme, und
wider die Geistlichkeit, daß sie ausschließlich darauf ausgehe, ihre
Güter und Schätze zurück zu erlangen. Die Lügen und Gewaltthaten der
Pfaffen haben die Stimmung aufs Aeußerste gereizt. Wenn sich ein paar
versöhnliche Stimmen vernehmen lassen, wie die des Dichters André
Chénier, welcher äußerte, daß die Priester den Staat nicht störten,
wenn dieser sich nicht mit ihnen beschäftige, oder wie diejenige
Talleyrand's, welcher sagte, da keine Religion ein Gesetz sei, dürfe
auch keine Religion ein Verbrechen sein, so ist es doch jetzt die
Voltaire'sche Entrüstung, welche für eine lange Zeit allein das Wort
hat.
Diese Zeit ist die Periode der Girondisten, und der Girondismus ist
der historische Ausdruck für Voltaire's Geist. Der Girondist ist
Individualist bis zum Aeußersten, liberal im modernen Sinne dieses
Wortes, nämlich in sofern, als er das von der Gesellschaft abgesonderte
Individuum und dessen Vernunft zum einzigen Richter über seine
Umgebungen und sich selber macht. Die individuelle Vernunft fühlt sich
nicht veranlaßt, der Gesellschaftsreligion und ihren Vertretern irgend
eine Rücksicht zu erweisen.
Der berühmte Führer der Girondisten, Vergniaud, redigirt eine
Proklamation, worin es heißt: »Aufrührerische Priester bereiten
eine Erhebung wider die Verfassung vor, diese frechen Trabanten des
Despotismus rufen alle Throne um Gold und Soldaten an, um das Scepter
Frankreichs zurück zu erobern«. Als Minister des Innern sagt Roland:
»Aufrührerische und heuchlerische Priester, welche ihre Pläne und
Leidenschaften mit dem heiligen Schleier der Religion bedecken, tragen
keinen Anstand, den Fanatismus aufzustacheln und ihre irregeleiteten
Mitbürger mit dem Schwerte der Intoleranz zu bewaffnen«. Ja, bei dem
Antrag, die Priester des Landes zu verweisen, spricht Vergniaud, halb
im Scherz, halb im Ernst, als könnte man doch schicklicher Weise dem
Auslande nicht ein so arges Unheil zufügen, ihm dies Geschenk auf
den Hals zu schicken. »Im Allgemeinen«, sagt er, »giebt es nichts
Unmoralischeres, als einem Nachbarvolke die Verbrecher aufzubürden,
von welchen ein Gemeinwesen sich selbst befreien will«. Er tröstet
sich indessen damit, daß sie in Italien als wahre Heilige empfangen
werden würden, und »daß der Papst in dem Geschenk so vieler lebendigen
Heiligen, die wir ihm senden, einen bescheidenen Versuch sehen wird,
ihm unsere Erkenntlichkeit für all' die Arme, die Beine und die
Reliquien todter Heiligen auszudrücken, mit welchen er Jahrhunderte
hindurch unsere fromme Leichtgläubigkeit so reich bedacht hat«.
Ja, fügt der Girondist Isnard, der spätere Präsident des Konvents,
hinzu: »Laßt uns diese Pestkranken in die Lazarethe Rom's und Italiens
senden«. Er entwickelt, wenn ein Priester verderbt sei, sei er es
niemals halb; das Verbrechen verzeihen, sei Dasselbe, wie daran Theil
nehmen; dem gegenwärtigen Zustand der Dinge müsse ein Ende gemacht
werden, und es seien die Feinde der Revolution selbst, welche dieselbe
zwängen, sie zu zermalmen. Er ruft zum ersten Mal das fürchterliche
Wort, welches später ein so vielfältiges Echo fand: »Es bedarf keiner
Beweise«. Es bedarf keiner Beweise, d. h. der Priester muß aus
Frankreich verjagt werden, sobald über ihn geklagt wird.
Und da jetzt die Befürchtung laut wird, durch diese Maßregeln den
Bürgerkrieg herauf zu beschwören, hält der bekannte Girondist Guadet,
ein Schüler Holbach's, eine beruhigende Rede, worin er u. A. sagt:
»Jedermann weiß, daß der Priester eben so feig wie habgierig ist, daß
er keine Waffe als die des Aberglaubens kennt, und daß er, nur an
theologische Klopffechtereien gewöhnt, auf einem Schlachtfelde für
Nichts zu rechnen ist«. Es zeigte sich bald, wie vollständig der gute
Mann und seine Gesinnungsgenossen in diesem Punkte sich irrten, und mit
welcher Leidenschaft die Priester bei dem nachfolgenden Bürgerkriege
an der Spitze marschirten. -- Bald kommt es so weit, daß die Redner
sich förmlich entschuldigen, wenn sie genöthigt sind, die Versammlung
von diesen Gegenständen zu unterhalten. In einer Rede von François
de Nantes, in welcher er, wohl gemerkt, als Wortführer eines Komités
auftritt, heißt es: »Wir können uns über die Nothwendigkeit, in der wir
uns befinden, Sie von dem Priesterkultus zu unterhalten, nur durch die
Hoffnung trösten, daß die Maßregeln, welche Sie ergreifen werden, Sie
bald in den Stand setzen werden, nie wieder davon reden zu hören«. Die
ganze Rede ist ein Gewebe von Derbheiten, die ich übergehe. Hoch und
Niedrig theilt diese Stimmung. Einer der Minister Ludwig's +XVI.+,
der grobe und gewaltthätige, leidenschaftlich revolutionäre Cahier
de Gerville, sagte eines Tages, als er aus dem Staatsrathe kam, zu
seinem Collegen Molleville, der uns in seinen Memoiren das Wort
aufbewahrt hat: »Ich wollte, ich hätte das verwünschte Ungeziefer von
Priestern aller Länder zwischen meinen Fingern, um sie alle auf einmal
zu zermalmen«. Mit stiller Würde jedoch kam der Revolutionsgeist zu
Worte in einem Sendschreiben, das die Republik an den Papst sandte,
und dessen Abfassung man einer Frau übertragen hatte. Dasselbe ist an
den »Fürst-Bischof von Rom« adressirt. Im Namen der Republik schreibt
Madame Roland an den Papst: »Du oberster Priester der römischen Kirche,
Du Fürst eines Staates, welcher Deinen Händen entschlüpft, wisse,
daß Du Staat und Kirche nur durch ein uneigennütziges Bekenntnis
jener evangelischen Grundsätze bewahren kannst, welche die reinste
Demokratie, die zärtlichste Menschenliebe und die vollkommenste
Gleichheit athmen, und mit welchen die Statthalter Christi sich nur
zu schmücken gewußt haben, um eine Herrschermacht zu vermehren, die
jetzt vor Alter zusammen bricht. Die Jahrhunderte der Unwissenheit sind
dahin«.
Worte gleich diesen nehmen sich wie Perlen zwischen Bleikugeln aus,
wenn man sie neben das Uebrige hält, was geschrieben und gesagt wurde.
Die Zeit der ruhigen Ueberzeugung ist um, die Zeit der entfesselten
Leidenschaften hat begonnen. Und die Leidenschaften folgen der Spur
der Ueberzeugungen. Der Haß gegen den Katholicismus erreicht seinen
Höhepunkt. Dieser Haß flammt wie eine einzige Lohe über Frankreich. Es
ist die goldene Zeit der Klubs.
Die Cordeliers hatten ihren Klub in einer Klosterkirche. Chateaubriand
hat denselben als Augenzeuge in seinen Memoiren beschrieben. Alle
Gemälde, alles Schnitzwerk, Tapeten und Bilder waren herabgerissen, nur
das bloße Skelett der Kirche blieb zurück. Im Chor der Kirche, wo Regen
und Wind durch die zerschlagenen Scheiben der Rose hereindrangen, war
der Sitz des Präsidenten. Seinen Tisch bildeten ein paar Hobelbänke,
die neben einander gestellt waren. Auf ihnen lag eine Anzahl rother
Mützen, und Jeder, der sprechen wollte, setzte erst eine rothe Mütze
auf. Hinter dem Präsidenten stand eine Statue der Freiheit mit
zerbrochenen Foltergeräthschaften in der Hand. Zimmerholz, zertrümmerte
Bänke und Kirchenstühle, Fragmente zerschlagener Heiligen bildeten
Sitze und Schemel für den großen Haufen bestaubter und wild aussehender
Zuschauer in durchlöcherten Carmagnolen (so nannte man ihre Jacken)
und mit Hellebarden auf den Schultern, oder die nackten Arme über der
Brust gekreuzt. Die Redner sprachen sich derb und unverblümt aus,
jedes Ding wurde bei seinem rechten Namen genannt, ein cynisches
Wort und ein cynischer Gestus erweckten Beifall. Gegner unterbrachen
sie; zuweilen wurden sie auch von den kleinen, dunklen, kreischenden
Eulen unterbrochen, welche unter dem Klosterdache gewohnt hatten, und
jetzt durch die zertrümmerten Fensterscheiben aus und ein flogen, in
der Hoffnung, irgendwo Futter zu finden. Die Glocke des Präsidenten
vermochte sie nicht zum Schweigen zu bringen, bisweilen schoß man nach
ihnen, und sie fielen blutend und zappelnd auf die Versammlung herab.
Hier sprachen Danton, Marat und Camille Desmoulins, der liebenswürdige
und witzige Camille, welcher für so gemäßigt galt, daß er sich gegen
die Anklage der Scheinheiligkeit vertheidigen mußte, und welcher
noch vor dem Revolutionstribunal den Sansculotten Jesus im Munde
führte. Er hatte seine Privatgründe, die Priester zu hassen. Als er
im Dezember 1790 sich mit seiner geliebten Lucile -- unzweifelhaft
eine der schönsten und reinsten Frauengestalten der Revolution --
verheirathen wollte, und als seiner Vereinigung mit ihr nur noch die
priesterliche Bestätigung fehlte, war kein Priester zu finden, der
ihn trauen wollte, weil er in einem Zeitungsartikel gesagt hatte,
Mahomed's Religion sei gerade so einleuchtend wie Jesu Religion. Er
mußte daher seinen Ausspruch widerrufen und zur Beichte gehen, um sich
verheirathen zu können. Aber jetzt nahm er seine Revanche. In seinem
Blatte »+Le vieux Cordelier+« schrieb er: »Man hat das Kapitel von
den Priestern und von allen Religionen geschlossen, wenn man gesagt
hat, daß sie einander darin gleichen, daß sie alle gleich lächerlich
sind, und wenn man angeführt hat, daß die Tataren die Exkremente des
großen Lamas als die größten Leckerbissen verspeisen. Es giebt keine so
jämmerliche Zwiebel, daß sie nicht als Jupiters Gleichen verehrt worden
wäre. Die Mongolen beten eine Kuh an, welche der Gegenstand eben so
vieler Kniefälle ist, wie der Gott Apis ... Wir haben kein Recht, uns
über all' diese Dummheiten zu ärgern, wir, die wir so lange in unserer
Einfalt uns haben bethören lassen, zu glauben, +que l'on gobait un
dieu comme on avale un huître+«. Bei den Cordeliers ging Loustalot's
einflußreiche Zeitung »+Les révolutions de Paris+« von Hand zu
Hand. Zur Fastnachtszeit 1792 stand in Veranlassung der Marktpossen
in derselben zu lesen: »Zu der Zeit, als es eine herrschende Religion
in Frankreich gab, duldeten die gekrönten Gaukler keine Konkurrenz
in der stillen Woche. Es war damals nur ihnen erlaubt, Vorstellungen
zu geben. Jetzt ist die Konkurrenz frei. Wenn der Taschenspieler
indeß sein Brettergerüste besteigt, ist er mit einem possierlichen
Kopfputz und einer Mantille bekleidet, die ihn der Volksmenge um ihn
her bemerkbar macht; aber wenn die Vorstellung aus ist, legt er sein
Kostüm ab. Der Priester dagegen setzt seine Rolle außerhalb der Scene
fort und behält die Maske zum täglichen Gebrauch ... Wann werden
sie erröthen, die Harlekine des Menschengeschlechts zu sein?« Von
jetzt an wird die stehende revolutionäre Bezeichnung der Priester
Theophagen (Gottesfresser). Kurz darauf bringt dasselbe Blatt einen
Artikel, worin dieselbe Maßregel gegen die Priester vorgeschlagen wird,
welche Johanna von Neapel für berüchtigte Frauenzimmer einführte:
»Man muß sie in ein Haus einschließen, wo sie Denen, welche sie
besuchen, so viel vorpredigen und beten können, wie sie Lust haben;
aber es muß ihnen verboten werden, auszugehen, damit sie nicht die
Bevölkerung verpesten«. Dies wurde im April gedruckt. Im März hatte
die gesetzgebende Versammlung, in der übrigens menschenfreundlichen
Absicht, den zum Tode Verurtheilten jegliche Art physischer Tortur zu
ersparen, eine gewisse Maschine zur Vollstreckung der Todesurtheile
adoptirt, welche zuerst an Leichen versucht, bald aber bei den Lebenden
zur Anwendung gebracht wurde. Sie wurde Guillotine genannt, und man
spürt etwas von ihrem scharfen Beil in dem zuletzt angeführten Artikel.
Voltaire's Wein ist hier zu Gift und Galle geworden.
Dem Klub der Cordeliers stand der Jakobinerklub von einem sehr
verschiedenartigen Charakter entgegen. Seine Geistesrichtung war
schwerfällig, ernst und pedantisch. Er stellte sich unter Rousseau's,
wie der Klub der Cordeliers unter Voltaire's Auspicien. Er war
organisatorisch und formalistisch, deshalb fühlten unabhängige Naturen,
wie Camille Desmoulins, oder unbesonnene Naturen, wie Danton, sich in
demselben nicht heimisch. Das erste Programm der Jakobiner war völlig
rousseauisch: Liebe zur Gleichheit, Haß gegen die konventionellen
Ungleichheiten der Vergangenheit; dazu kamen kalter und berechneter
revolutionärer Fanatismus, Herrschgier, und hinter dem Allen Liebe zur
Regel, d. h. zur Ordnung der Gesellschaft nach Rousseau's Principien.
Für Den, welcher die geschichtlichen Phänomene literarisch betrachtet,
ist in der Geschichte der Revolution nichts auffälliger, als die
Klarheit, mit welcher alle handelnden und auftretenden Personen
ihre Aeußerungen oder Handlungen auf die Literatur des achtzehnten
Jahrhunderts zurückführen. Man sollte meinen, daß sie keine andere
Ehre erstrebten, als die, fertige Theorien in Praxis umzuwandeln.
An Mirabeau's Grabe wurde zu seinem Ruhme gesagt, daß er über die
Philosophen den Ausspruch gethan: »Sie haben das Licht erschaffen,
ich will die Bewegung schaffen«, und es giebt kaum eine Stelle im
»+Contrat social+«, die nicht während der Revolution entweder
in ein Gesetz, oder in eine öffentliche Erklärung, oder in einen
Zeitungsartikel, oder in eine Nationalversammlungsrede, oder endlich in
die Verfassung der Republik übergegangen wäre.