Herr von Knoop nickte nur und gab Ileisa das Schreiben ohne Bemerkung
zurück.
Was er dachte, behielt er für sich; im übrigen wunderte er sich über
nichts mehr.
* * * * *
Wieder war eine längere Zeit verstrichen. Während ihres Fortschreitens
hatte sich nach dem gewohnten Laufe der Dinge manches, das
vorausgesetzt und erhofft worden war, erfüllt, manches Unliebsame den
Personen geworden, die der Zufall in diesem engeren Kreise
zusammengeführt.
Klamm hatte sich nach Adelgundes Abreise wie ein plötzlich frei
gewordener Mensch gefühlt und — nun unbehindert — den Geschäften mit
noch größerem Eifer zugewendet.
Statt des Herrn Strantz war Herr von Milan in die Redaktion eingetreten,
und dadurch war Klamm ein doppelter Gewinn erwachsen.
Einmal ging Milan durchaus auf Klamms redaktionelle Ideen ein — während
Strantz stets mürrische Einwände erhoben — und überdies war Herr von
Milan im stande gewesen, Klamm eine so erhebliche Summe an Kapital zur
Verfügung zu stellen, daß sich die sichere Auskunft eröffnete, durch ein
Auskaufen verschiedener unbequemer Aktionäre völlig freie Hand zu
erhalten und schließlich gar alleiniger Herr des Geschäftes zu werden.
Verdrießlichkeiten über Verdrießlichkeiten waren Klamm allmählich
erwachsen, indem bald einer der Herren vom Aufsichtsrat Klagen über die
Haltung des Blattes in wichtigen, grade seine Interessen berührenden
Fragen erhoben, bald Aktionäre ihre Ansichten und Meinungen in
lästigster Weise hatten zur Geltung bringen wollen. Aber auch
persönliche Dinge hatten gespielt und Verstimmungen hervorgerufen.
Protektionswesen hatte sich geltend gemacht und Intriguen waren
angezettelt. Jeder stellte an Klamm Forderungen, daß er ihm dienlich
oder gefällig sein sollte. Sobald er es ablehnte oder ablehnen mußte,
die geäußerten Wünsche zu erfüllen, waren ihm Gegner oder gar Feinde
erwachsen. — Für alles und jegliches suchte man ihn verantwortlich zu
machen, und einige Male hatte er schon, des Nörgelns und der
fortwährenden Aergernisse satt, die Flinte ins Korn werfen wollen.
Ein gewaltiges Leben pulsierte auch ferner in dem Geschäft; die Zeitung
gewann immer mehr an Beachtung und Einfluß, an Abonnenten und
Inserenten.
In der Buchdruckerei hoben sich die Geschäfte derartig, daß an
Erweiterungsbauten für die neu einzustellenden Maschinen gedacht werden
mußte.
Alle Neuerungen wurden geprüft. Wo sich herausstellte, daß in anderer
Weise weniger umständlich gearbeitet, und insbesondere ein größerer
Gewinn erzielt werden konnte, setzten die beiden Herren ein. Vielfach
förderten und verbesserten sie zufolge ihrer planvollen Ueberlegungen
noch das, was der Erfinder ursprünglich ersonnen hatte.
Das gesamte Räderwerk faßte genau ineinander. Wo einmal das Personal zu
versagen Gefahr lief, da war bereits im voraus dafür gesorgt, wie Ersatz
zu schaffen. Wo Mitarbeiter an Eifer nachließen, da wurden andere
berufen. Nirgends Stillstand, überall Regsamkeit und Fortschritt.
Daß die beste Empfehlung und die beste Reklame stets diejenige sei,
wirklich Gutes zu leisten, bewahrheitete sich auch hier. Da überdies
Klamm für die Zeitung immer ein ganz bestimmtes Lesepublikum im Auge
behielt, dessen Geschmack und Wünsche im Laufe der Zeit hatte
festgestellt werden können, so gewann er stetig mehr an Terrain.
Adelgunde schrieb höchst zufriedene Briefe aus Paris. Sie verspürte
vorläufig gar keine Neigung, zurückzukehren. Sie ermüdete die Geduld
ihres Mannes auch nicht durch Eifersüchteleien. Nur anfangs hatte sie
den alten Ton angeschlagen. In der letzten Zeit war es sogar einmal
vorgekommen, daß sie geschrieben hatte:
„Es kommt mir so vor, daß ich auch in einer Ehe mit Dir glücklich sein
könnte, wenn ich fern von Dir wäre.
Ich lebe durch die Illusionen, denen ich mich hingebe, fast
glücklicher als vordem, und überdies finde ich Ersatz durch den
Verkehr mit anregenden Männern. Du wirst ja nicht eifersüchtig, wenn
ich das sage? Du wärest mich gern los? Gelt?“
Diese Worte hatten doch Klamm zum Nachdenken gestimmt, allerdings fühlte
er sich dadurch nicht einmal unangenehm berührt.
In solchen Augenblicken gingen dann seine Gedanken zu Ileisa, die nun
bereits seit einem halben Jahre mit ihrer Tante nach Hamburg
übergesiedelt war, und hier zunächst das Ende des Scheidungsprozesses
abwartete.
Sie hatten sich noch vor ihrem Fortgang mehrere Male draußen gesprochen.
Ileisa hatte auch Frau von Klamm wiederholt besucht. Es war beides ohne
Wissen der alten Knoops geschehen. Nur Margarete hatte Kenntnis davon
gehabt, es nicht eben gebilligt, aber auch nicht verhindert.
Sie fühlte ihnen nach, daß sie sich zu begegnen wünschten. Wenn sie
einschränkend erklärte, daß sich Ileisa so verhalten müsse, daß sie
keinerlei Vorwurf während ihrer noch bestehenden Ehe treffen könne, so
geschah's mehr aus einem Rest von Eifersuchtsgefühl, das sie sich zwar
nicht selbst zugestehen wollte, das sie aber thatsächlich leitete. —
Die alte Zuneigung für Klamm brach immer noch einmal wieder hervor. Wenn
sie auch Ileisa den Mann gönnte, den sie ursprünglich geliebt, so hätte
sie ihn doch sich — wäre eine Aussicht dazu gewesen — nicht minder als
Gatten gewünscht.
Knoops hatten sich überall verabschiedet. Sie waren bei ihren alten
Freunden und bei denjenigen gewesen, denen sie seinerzeit ihre
Antrittsbesuche gemacht. Nirgends waren sie indessen bei ihren
Rundfahrten ausgestiegen, nur die Karten waren von dem Diener abgegeben
worden.
Sie wollten nicht gefragt werden, weder, wohin sie sich zu begeben die
Absicht hatten, noch, was ihr Fortgehen veranlaßte.
So viel Bitterkeit und so viel Ingrimm gegen die gesamte Gesellschaft
saß in ihnen, daß sie diese nicht durch Reden und Erklärungen noch
vermehren wollten.
Sie hatten genug von allen, denn fast alle hatten ihnen den Rücken
gewendet. Daß es auch an ihnen, vielleicht gar allein an ihnen lag,
erkannten die Frauen, nicht aber gab es Herr von Knoop zu. In den
Resultaten war's auch gleich. Sie brauchten ja auch die Menschen nicht.
Sie waren unabhängig. Fiel's ihnen ein, konnten sie in Afrika wohnen.
Frau von Knoop war zudem glücklich, daß es ihr noch in ihrem Alter
vergönnt sein sollte, in ihrer Heimat zu leben. —
Arthur hielt sich abwechselnd in Paris, London und Berlin auf. Mit
seiner Familie hatte er keinen Verkehr mehr. Nur einmal hatte er in
seiner nüchternen Weise geschrieben, daß es ihm gut gehe, und daß er
Gleiches von ihnen erhoffe.
Das Verhältnis war nicht schlechter geworden, aber es war auch nicht
gut. Es bestand gegenwärtig sozusagen gar keines zwischen ihm und der
Familie.
Herr von Knoop entschlug sich — um über Unabänderliches keine neuen
Aufregungen herbeizuführen — des Nachdenkens über seinen Sohn. Die Frau
resignierte unter Hoffen auf eine wieder eintretende Wandlung der Dinge.
Zwischen ihnen und Ileisa war eine völlige Entfremdung eingetreten.
Knoops schoben in ihrer Verbitterung Ileisa die Verantwortung für das
Geschehene zu, sie gaben ihr, je länger, desto mehr, Schuld an dem
Ausgange der Dinge. Sie beschuldigten sie, daß sie während ihrer Ehe
Beziehungen zu Klamm angeknüpft habe.
Noch hielt Margarete zu Ileisa, aber da sie seit ihrem Fortgang von
Behrwalde fortdauernd kränkelte, oft wochenlang bettlägerig war,
verminderte sich zunächst die Korrespondenz und sie hatte, da sich
Ileisas Stolz gegen die ungerechte Behandlung aufgelehnt, gegenwärtig
ganz aufgehört. —
Das nächste bedeutsame Ereignis war die Wiedererkrankung der Frau von
Klamm. Ihr Zustand wurde so bedenklich, daß sich Alfred täglich zu ihr
herausbegab.
Es war an einem Tage am Ende des Sommers, als er abermals, von Sorge
getrieben nach Grünhagen fuhr, um ihr seine liebevollen Empfindungen an
den Tag zu legen.
Schon im Flur teilte ihm die Magd mit, daß es heute grade sehr schlecht
stehe, und mit zitterndem Herzen trat Klamm zu seiner Mutter ins
Schlafgemach und ließ sich an ihrem Bette nieder.
Und sie streckte die Hand aus und sprach mit einem Ausdruck von Verzicht
in den kranken Zügen, der dem eindrucksvollen Mann das Innere
zerschnitt:
„Sei nicht traurig; weine nicht, mein teurer Alfred. Wir werden
allerdings getrennt, aber dir bleiben die Erinnerungen an die guten
Stunden, die wir zusammen verleben durften, und ich finde Erlösung. Der
Tote ist immer der Glücklichere. Da er keine Seele mehr besitzt, so
entbehrt er nichts und leidet auch nicht mehr.
„Ist es nicht das höchste Streben und der Wunsch eines jeden, das zu
erreichen?
„Mir wird das Sterben nicht schwer, weil ich mit der Sicherheit
davongehe, daß du — soweit ein Mensch sorgenfrei werden kann — es
geworden bist. Fandest du insbesondere in deiner Ehe kein Genüge, denke
an andere und vergleiche! Sobald wir vergleichen, gelangen wir zu der
Einsicht, daß wir es doch noch besser haben, als tausende.
„Ich hätte deine Frau gern noch einmal gesehen, aber sie zu rufen, wird
zu spät sein. Grüße sie von mir und sage ihr, daß ich mit wärmsten
Gefühlen von ihr Abschied genommen habe.
„So, und nun kann ich nicht mehr sprechen. Küsse mich, mein
Herzensjunge. Gott breite seinen vollsten Segen über dich aus.“
Gegen Morgen war sie dann wirklich verschieden. Aber nach Verlauf von
vier Wochen hatte sich etwas gleich Bedeutsames zugetragen.
Es war Klamm ein Brief zugegangen mit folgendem Inhalt:
„Hochverehrter Herr von Klamm!
Ich mache Ihnen die Mitteilung, daß meine Tante gestern nacht
gestorben ist, und frage Sie durch diese Zeilen, ob es Ihnen möglich
sein würde, nach Hamburg zu kommen, um mir zur Seite zu stehen. Ich
bitte darum, weil ich völlig allein bin. Die Familie Knoop hat sich
schon seit Wochen nach Madeira begeben, und wenn ich sie auch wirklich
erreichen könnte, so würden sie doch deshalb nicht zurückkehren. Auch
Margarete ist nach einem Influenzaanfall so leidend — um ihretwillen
haben Knoops ihr Gut in Holstein verlassen — daß sie nicht zu mir
reisen kann. Sie wäre sonst sicher zu mir geeilt. Ich wage diesen
Anspruch an Sie zu erheben, weil Sie mir in Ihrer großen Güte bei
unserer letzten Begegnung sagten, daß Sie — wann immer ich Sie riefe —
da sein würden.