Der Hund kläffte wie immer, und die Thür wurde nur spaltenweise
geöffnet, wie stets, nachdem Ileisa die Klingel in der Wohnung ihrer
Tante gezogen hatte.
Und wie allezeit schritt die alte Dame unter glücklichen Worten voran,
und nötigte ihr Herzenskind, sich niederzulassen, nachdem sie ihr selbst
behülflich gewesen, sich von ihrem Mantel zu befreien.
„Gott sei Dank, daß du da bist! Wie ich mich gesehnt und gesorgt habe,
kannst du dir nicht denken —“
So begann sie, und eine Fülle von warmherzigen Aeußerungen folgte, bis
Ileisa endlich auch zum Sprechen gelangte.
Sie erklärte — die notwendige Vorsicht übend — vorerst nur, daß keine
Einigkeit zwischen Knoops, Vater und Sohn, sei, daß ihr Mann stets
aushäusiger, gleichgiltiger und kälter gegen sie werde, und daß sie
schmerzensreiche Tage hinter sich habe. —
„Hm — hm — armes, liebes Kind! Aber sei ruhig, das hat bei Männern seine
Zeit! Das kommt dann auch wieder,“ tröstete die gute Alte, aber fügte
schon gleich hinzu, was sie selbst gegen Arthur vorzubringen hatte. „Ich
habe,“ hub sie an, „trotz meiner bescheidenen Mahnung, die zugesagte
Vierteljahrsrente nicht empfangen, und gestern schreibt dein Mann mir
gar: ich wüßte doch, daß er sie überhaupt gar nicht zu entrichten habe,
sondern sein Vater! Nichts weiß ich, und eben darüber wollte ich auch
mit dir reden. Wußtest du es, Ileisa?“
„Nein, Tante!“ stieß Ileisa heraus. „Aber wahrlich! Man darf sich bei
meinem Manne über nichts wundern!“
Und durch diese Mitteilung innerlich noch mehr gereizt und zum Reden
gedrängt, hielt auch Ileisa nunmehr mit ihren Eröffnungen nicht mehr
zurück. Sie erklärte rückhaltlos, was vor sich gegangen war, und nur
bezüglich Klamms legte sie sich noch Reserve auf.
Und die alte Dame fiel in ihren Sessel zurück, der Atem wollte ihr vor
Erregung stocken.
Also so weit war es schon gekommen! Er drang auf Scheidung!
Und Stunden vergingen, und sie schwanden wie Augenblicke in den
Gesprächen über Gegenwärtiges und Zukünftiges.
Und ganz, wie Ileisa es vorausgesehen, so kam's!
Ihre Tante drang zunächst auf sie ein, festzuhalten, dennoch nochmals
einen Versuch zu machen, mit Arthur in irgend einer Weise
zusammenzubleiben. Ihr schwebte das Urteil der Welt vor Augen, sie
überlegte auch, daß Ileisa nun ebenso weit wieder sei, wie sie gewesen.
Sie zog ferner die materielle Frage in Betracht, besonders aber lehnten
sich ihr Stolz, ihr Selbstgefühl gegen diese Art und dieses frühe Ende
auf.
Sie erklärte als ihren unumstößlichen Willen, selbst mit Arthur sprechen
und in nichts früher willigen zu wollen, bis sie selbst einen unbedingt
richtigen Eindruck gewonnen habe. Und wenn wirklich alles an der
Unempfindlichkeit dieses auserlesenen Egoisten scheitern sollte, dann
wollte sie im Austausch ihrer Zustimmung zur Scheidung wenigstens ihn
bindende materielle schriftliche Zusicherungen erlangen.
Ileisa wollte anfänglich ihrer Tante entgegentreten, aber eine nähere
Ueberlegung hielt sie doch davon ab. Sie war es sich schuldig, die Dinge
nicht ohne eine nähere Erörterung hinzunehmen. Auch waren die
materiellen Verhältnisse zu berücksichtigen. Es hieß einen völlig
falschen Stolz anwenden, in Armut zurückzukehren, wo die Umstände so
lagen, wie hier.
Ueberdies war Ileisa sicher, daß Arthur auf seinem Scheidungsantrag
beharren würde, und wiederum hatte auch Ileisa nichts mehr einzuwenden.
Nur eine nicht zu bannende Schwermut, Traurigkeit und Oede beherrschte
ihr Inneres. Ein Weh um den Verlust ihrer Ehe war nicht mehr vorhanden.
Nur wenn sie Klamms gedachte, schwoll ihr Herz auf.
* * * * *
Die Unterredung zwischen Fräulein von Oderkranz und Arthur fand infolge
schriftlicher Vereinbarung in der Wohnung der alten Dame statt.
Arthur saß in seinem hochmodernen, schwarzen, eben aus einem
Mode-Magazin hervorgegangenen Anzug, mit dem sorgfältig gepflegten
Spitzbart und den überaus subtil gepflegten Händen, der ein zwar
höfliches, aber sehr gemessenes Wesen hervorkehrenden alten Dame
gegenüber. —
„Ich habe die Bitte an Sie gerichtet, mich zu besuchen, weil ich nach
den mich tief erschütternden Mitteilungen meiner Nichte aus Ihrem Munde
hören — um der Ehre unseres Namens willen — hören möchte, welche Gründe
Sie bestimmen, die Ehe wieder lösen zu wollen?“ begann Fräulein von
Oderkranz und schob den dürren, in einem altmodischen, braunen
Seidenkleide steckenden Körper in steifer Haltung zurück.
Arthur, der neuerdings ein Glas in dem linken Auge trug, ließ es, ohne
es mit der Hand zu berühren, mit ausdrucksloser Miene fallen, und sagte
ohne jegliche Erregung:
„Ich wundere mich, offen gestanden, verehrte Gnädige, daß Sie grade
diese Frage an mich richten. Ich habe doch Ileisa auseinandergesetzt,
was mich zu meinem Entschluß veranlaßt. Ich habe eingesehen, daß wir
nicht zu einander passen, und meine, daß wir eine gegenseitige
Unbequemlichkeit nicht freiwillig fortsetzen wollen.
„Den Anschauungen, in denen Sie auferzogen sind, widerspricht die Lösung
einmal geschlossener, ehelicher Bündnisse. Unsere abgeklärteren Begriffe
haben uns dahin gebracht, daß wir sagen: man trenne sich ohne Eklat in
Frieden und suche, statt sich unpraktischen Sentimentalitäten
hinzugeben, die Folgen eines begreiflichen und verzeihlichen Irrtums zu
beendigen. Die Ansicht, man nähme Schaden an seiner Ehre und seinem
Ansehen, ist nur ein — pardon — künstlich erzeugtes, einer gewissen
Schablonen-Anschauung entspringendes Gefühl. Alle verständigen Menschen
werden den Entschluß gutheißen. Irrtümer, Lügen und Komödien nicht
fortzusetzen, nicht deshalb an unnatürlichen Verhältnissen festzuhalten,
weil die Welt darüber die Nase rümpfen könnte.
„Ich will überdies nochmals, auch Ihnen gegenüber betonen, daß ich
Ileisa gar nichts vorzuwerfen habe, nicht einmal, daß sie sich
neuerdings um Herrn von Klamm recht sehr bemüht, so bemüht hat, daß es
an sich eigentlich mit ihren Ehepflichten nicht ganz im Einklang steht.
Es ist mir darüber grade gestern berichtet worden. —
„Ich will das nur erwähnen, damit Sie nicht unter dem Eindruck stehen,
meine Gnädige, daß Ileisa lediglich die Eigenschaften eines Engels
besitzt. Wir sind eben alle Menschen und haben unsere Tugenden und
begreiflichen Schwächen.“
„Ich möchte darauf erwidern,“ entgegnete Fräulein von Oderkranz, „daß
das unausgefüllte Herz naturgemäß nach Ersatz sucht. Daß Ileisa etwas
Unweibliches gethan, daß sie ihre Pflichten gegen Sie versäumt, gar die
Treue gegen Sie gebrochen, ist ausgeschlossen! Und was Ihre Ausführungen
anbelangt, so möchte ich Ihnen doch auch meinen Standpunkt darlegen, den
Standpunkt, den Sie als unpraktische Sentimentalität bezeichnen.
„Die Ehe wird unter sehr ernsten, im Gotteshause stattfindenden
Ceremonien geschlossen. Der Geistliche richtet an beide Beteiligte
Fragen, die, wenn sie sie mit Ja beantworten, ihnen unverbrüchliche
Ehrenpflichten auferlegen, in dem Sinne auch, daß jeder — und sei's ein
Menschenleben hindurch — die Aufgabe hat, erziehlich, sanft und geduldig
auf den anderen einzuwirken, Liebe zu erzeugen und zu kräftigen. Eine
absolute Notwendigkeit tritt ein, eine gradezu heilige Pflicht, wenn die
Ehe mit Kindern gesegnet ist. Gewiß, bequemer ist's, die Ehe als ein
Zeitbündnis zu betrachten. Zwei Kameraden vertragen sich in demselben
Gemach nicht mehr und trennen sich.
„Aber es ist dies doch die allerroheste Anschauung über das, was wir
selbst einmal als eins der vornehmsten Sittengesetze aufgestellt haben.
„Es gehört ein grenzenloser Mangel an Pflichtgefühl und rechtschaffener
Gesinnung dazu, auch diese menschliche Beziehung lediglich aus dem
Gesichtspunkte der Nützlichkeit und Bequemlichkeit zu behandeln. — Sie
erachten die Anschauung, daß die Familienehre durch Scheidung nach außen
beeinträchtigt wird, als ein künstlich erzeugtes Eitelkeitsgefühl. Ich
muß dem widersprechen. Der vornehm geartete, wahrhaft sittliche Mensch
hat das natürliche Bestreben, in der Umgebung, in die ihn die
Verhältnisse gesetzt haben, nicht nur als eine möglichst tadellose
Persönlichkeit zu erscheinen, sondern auch eine solche zu sein.
„Ehre, Anstandsgefühl, moralisches und sittliches Empfinden sind ein
Teil des Blutes gewisser Menschen, und daß sie es besitzen, ziert sie.
„Ernste Pflichten zu üben, statt die Welt als ein lustiges Schlemmerhaus
anzusehen, und danach zu leben, ist eine Sache jener Religion, die zwar
nichts auf Aeußerlichkeiten, aber desto mehr auf ein musterhaftes, auf
Grundsätzen aufgebautes Handeln und Wirken sieht, jenes, das den Eingang
in eine bessere Welt vorbereitet.“
„Hm — sehr schön! Ich verstehe Ihren Standpunkt vollkommen, meine
Gnädige. Aber schon, da ich ihn nicht teile, bin ich Ihrer Nichte nicht
wert.
„Lassen wir alle moralischen Betrachtungen und Ergüsse — ich bitte Sie
dringend.
„Lassen Sie uns lieber darüber unterhalten, welche beste Form wir
wählen, um das einmal Unabänderliche zu gestalten.“
„Sie übernahmen auch materielle Pflichten gegen meine Nichte. Wie denken
Sie darüber, Herr von Knoop?“
„Mein Vater wird sich darüber mit Ihnen unterhalten, meine Gnädige.“
„Haben Sie denn schon mit ihm Rücksprache genommen?“
„Nein vorläufig im speziellen wenigstens noch nicht. Sie mögen aber
beruhigt darüber sein, daß Ihr Fräulein Nichte nicht zu kurz kommt —“
„Das bin ich eben nicht, Herr von Knoop. Nachdem ich nicht einmal die
mir gütigst von Ihnen freiwillig zugesagte Rente erhielt, bin ich in
Sorge.
„Wann wollen Sie mir eine schriftliche Erklärung von Ihrem Herrn Vater
aushändigen, die meine Nichte sichert, die unbedingte Garantie liefert?
„Und welche Jahreszuwendung haben Sie sich gedacht?“
„Ich kann, wie gesagt, darüber Bestimmtes noch nicht äußern, ich
wiederhole bereits Gesagtes —“
„Wohlan! Ich erwarte also Ihre Mitteilungen! Und noch eins! Sie nehmen
alle Schuld der Ehelösung auf sich — ?“
„Ja — ich nehme die Schuld auf mich. Ich werde Ileisa verlassen, und sie
wird auf böswillige Verlassung ‚klagen‘. Das ist der formelle Hergang.“
„Wann darf ich den Besuch Ihres Herrn Vaters erwarten!? — Offen
gestanden, bin ich überrascht, daß bei solcher Sachlage Ihre Familie mir
nicht die Ehre eines Besuches, nicht einmal einer Benachrichtigung
gegönnt hat. —
„Nur Fräulein Margarete hat mir während unserer Bekanntschaft
freundliche Rücksichten erwiesen.“
Arthur zog die Lippen. Er wollte nun nichts mehr hören, es ergriff ihn
eine gewisse Reizbarkeit. Er erhob sich nach den letzten Worten der
Dame und sagte in einem ruhig bestimmten Tone:
„Ich bitte Sie dringend, keine Empfindlichkeiten hervorzukehren, und
keine zu erzeugen, meine Gnädige. Es geschieht, wenn Sie so fortfahren,
und statt Vorteile, werden Ihnen Nachteile erwachsen.
„Ich gebe Ihnen die bündige Erklärung nochmals, daß Sie über alles
benachrichtigt werden, und daß Sie nicht zu kurz kommen sollen. Was
ausblieb, wird nachträglich erfüllt werden.“
Damit griff er nach seinem Hut, wehrte mit einer wenig rücksichtsvollen
Bewegung den lästigen Hund von sich ab, und verließ nach formellen
Abschiedsworten das Gemach. —
* * * * *
Zweierlei beschäftigte die Familie von Knoop in Behrwalde
außerordentlich. Arthur hatte, nachdem seine Mutter einen vergeblichen
Versuch gemacht hatte, ihn zu sprechen, geschrieben, daß er eben vor
einer Reise nach England und Frankreich stehe. Er wolle sich dort nach
Kapital für ein geplantes großes internationales Unternehmen umsehen.
Er ersuchte seine Mutter in diesem Schreiben, seinen Vater zu
veranlassen, Fräulein von Oderkranz die rückständige, von ihm zu zahlen
unterlassene Vierteljahrsrate zuzusenden, und sie auch über die Rente
zu verständigen, die Ileisa ferner erhalten würde.
Er hoffe, wie man sich auch zu seinen Entschlüssen stelle, daß man
Ileisa nicht beeinträchtigen, vielmehr sie und ihre Tante standesgemäß
befriedigen werde. Da er verzichte, so erwachse seinem Vater ja kein
Nachteil. Leben müsse doch seine Frau, und ohne Sicherstellung werde
Fräulein von Oderkranz in die Trennung nicht willigen.
Zum Schluß war noch die Bitte ausgesprochen, alles in Frieden und
Freundlichkeit zu behandeln. Aendern könne er seine Absichten nicht — es
würde schon die Zeit kommen, wo sich ihm die Seinigen mit anderen
Empfindungen wieder zuwenden würden.
Außerdem beschäftigte die Familie von Knoop ein Gespräch, dem sie
tagsvorher während der Eisenbahnfahrt zugehört hatte.
Sie waren mit zwei Herren und zwei Damen zusammen gefahren, die sich,
ohne zu wissen, daß sich Knoops mit ihnen zusammen im Coupé befanden,
grade über sie unterhalten hatten.
Einer der Mitfahrenden hatte auf die Frage einer der Damen nach den
Gütern und Inhabern der Güter in dieser Gegend, hingeworfen:
„Behrwalde ist von einem früheren Buchdruckereibesitzer Knoop in Berlin
erworben worden, nachdem er sich mit seinem, bei den Täglichen
Nachrichten erworbenen Reichtum den Adel gekauft hatte.
„Es ist aber davon die Rede, daß er das Gut schon wieder veräußern will,
weil sich die Familie in ihren Voraussetzungen getäuscht findet. Sie
haben nämlich, als sie hier übersiedelten — so ist mir aus guter Quelle
erzählt worden — den Anspruch erhoben, mit den umliegenden adeligen
Gutsbesitzerfamilien zu verkehren, während diese ihnen zum Teil nicht
einmal die Rücksicht eines Gegenbesuches erwiesen. Der ältere Adel ist
gegenüber solchen gekauften ‚Vons‘ zurückhaltend. Dieser Herr Knoop soll
schon von vorneherein durch Auftreten und aufdringliche Aeußerlichkeiten
starke Opposition erregt haben.
„Wo es angeht und nicht angeht, bringt er unter anderem das neu
geschaffene Wappen an, und bei jeder möglichen und unmöglichen
Gelegenheit erzählt er gehobenen Hauptes, daß die Familie eigentlich zu
dem ältesten Adel des Nordens gehöre und solchen nur seinerzeit abgelegt
habe.
„Sie sollen bereits ganz allein stehen. Die angeseheneren Berliner
Familien, mit denen sie früher verkehrten, haben sich von ihnen
zurückgezogen weil bei ihnen das Protzen- und Strebertum: ‚sich an den
Adel heranzumachen‘, großes Mißfallen erregt hat.“
„Giebt's nicht auch einen jungen Knoop? Ich meine auch von ihm, und in
ebenfalls nicht sehr vorteilhafter Weise gehört zu haben,“ hatte der
zweite Herr gefragt.
„Ja! Allerdings! Von dem weiß ich noch Positiveres!! Der junge Mensch
kam einige Zeit vor dem Verkauf des Geschäfts aus England zurück und
spielte sich schon damals in lächerlicher Weise als Grand Seigneur auf.
Jetzt gilt er als einer der bekanntesten und nicht grade bestbeleumdeten
Berliner Lebemänner, der sich nur mit Sport, Weibern und Spiel
beschäftigt. Jetzt eben höre ich, daß er bereits mit seiner erst vor
wenigen Jahren geheirateten Frau in Scheidung liegt, und zwar lediglich
aus dem Grunde, weil er ihrer überdrüssig geworden ist. Die Frau soll in
jeder Richtung tadellos sein! — Na, ja! Es ist der übliche Verlauf der
Dinge. Dem Alten ist das Geld in den Kopf gestiegen, und so verleugnet
er seine bürgerliche Abstammung und seine Vergangenheit. Und wenn
überdies Frauen ihren Ehrgeiz spielen lassen, weiß man, wie es geht.
Gewisse Weiber können niemals genug Eitelkeiten treiben, und so
verpulvern sie und der junge Tagedieb allmählich das Vermögen. Das
Resultat solcher Ambitionen ist dann die Einbuße der Selbstachtung und
der gänzliche Verlust dessen, was einst durch Fleiß, Ausdauer und
Umsicht erworben ist.“
Margarete hatte sich in eine Ecke gedrückt, damit man die Thränen der
Scham nicht bemerke, die über ihre Wangen rieselten.
Frau von Knoop hätte die Coupéthür öffnen und hinausspringen mögen, und
Herrn von Knoop hatte die Zeitung, in der er gelesen — es war sein
früheres, eigenes Blatt gewesen — in der Hand gezittert. Wortlos, mit
verstörter Miene, war er mit seinen Frauen in die auf der Station seiner
wartenden Equipage — die Equipage mit dem eben so abfällig beurteilten
Wappen — gestiegen.
So — so — beurteilte man also ihn und seine Angehörigen! Sein ganzes
Innere befand sich in Aufruhr, und wenn es in diesem Augenblick möglich
gewesen wäre, würde Herr Knoop gleich abgereist sein, Berlin und
Behrwalde für alle Zeiten den Rücken gewendet haben. Aber wenn sich das
auch so rasch nicht machen ließ, so war doch sein Entschluß unweigerlich
gefaßt! Er wollte fort, sobald wie möglich. Er wollte mit Frau und
Tochter nach Holstein übersiedeln. Der früher bereits erwogene Gedanke
sollte zur Ausführung gebracht werden!
Zu einem Gespräch zwischen ihm und den beiden Damen über den Vorfall kam
es nicht. Scham ließ die Lippe verstummen. Aber über seine Absichten
äußerte sich Herr von Knoop bereits an diesem Tage, auch warf er hin,
wie er es mit Ileisa und ihrer Tante halten wollte. —
Mitten in diese Aufregung platzte abends Theodor Knoop herein.
Ohne vorherige Anmeldung erschien er, und erklärte seinem sich durchaus
nicht sehr zuvorkommend gebenden Bruder in dessen Arbeitszimmer, mit
wichtig geheimnisvoller Miene, daß er ihm den italienischen Grafentitel
verschaffen könne, wenn er 100000 Francs und eine Provision von 25000
daran wenden wollte.
Der Augenblick für ein solches, inzwischen wieder von dem geldgierigen
Theodor ausgehecktes Anerbieten konnte allerdings nicht schlechter
gewählt sein.
Kurz und rauh, mit schroffer Zurückweisung im Ton, fertigte Herr von
Knoop seinen Bruder ab.
Er solle sich schämen, seine Kräfte und seine Thätigkeit solchen
Vermittlungsgeschäften zu widmen. Er solle namentlich ihn ein- für
allemal mit derartigen Anerbietungen verschonen. Er habe das
Geldausgeben für solche Thorheiten satt, übersatt, und wenn er alles
recht bedenke, so sei eben Theodor schuld daran, daß er seinen guten,
bürgerlichen Namen, aber auch seinen zufriedenen Sinn für einen elenden
Tand dahingegeben.
Nichts, nichts wolle er mehr von solchen Dingen hören, und er erklärte
ihm zugleich zum ersten und allerletzten Mal, daß er ferneren
Ansprüchen an seinen Geldbeutel — es sei doch diese Offerte wiederum
nichts anderes — keinerlei Gehör mehr schenken werde. Es sei überhaupt
besser, daß Theodor sich nicht ferner nach Behrwalde herausbemühe, und
zudem werde er auch dort bald nicht mehr anzutreffen sein.
Theodor war ebenso überrascht wie aufgebracht, und unterdrückte die
Ausbrüche seines Ingrimms nur deshalb, weil es sich herausgestellt
hatte, daß sich sein Bruder höchst unglücklich fühlte. Das war Nahrung
auf sein rachsüchtiges und neidisches Herz.
So erwähnte er bloß sanftmütig, daß er wohl ein Recht haben würde, sich
gegen eine solche Begegnung und Sprache aufzulehnen, aber daß er davon
absähe, weil er in Betracht ziehe, daß sein Bruder sichtlich schweren
Verdruß und starke Enttäuschungen erlitten habe, und sich deshalb in
mißmutiger Stimmung befinde. Was ihn selbst betreffe, so habe er sich
doch nur eine Anfrage erlaubt. Es sei ja gut, wenn Friedrich davon
nichts hören wolle; er werde ihn sicherlich nicht wieder belästigen.
Aber es dränge ihn sein brüderliches Mitgefühl, zu erfahren, was
geschehen sei. Vielleicht könne er ihm helfen, raten, nützen, ihn
rächen! Er verlange weder Dank, noch Lohn dafür! Er möge ihm doch
freundlich gesinnt sein! Sie wären doch Brüder!
Und da erlag denn Friedrich von Knoop abermals wie allezeit den Listen
seines Bruders, da stellte sich der alte Vergebungssinn gegen seine
Familienmitglieder wieder ein.
Er gab wider seinen Willen in der Folge alles zum besten, was er besser
für sich behalten, worin er jedenfalls nicht Theodor hätte einweihen
sollen.
Nicht gleich zwar gelangte alles über seine Lippen, aber nach und nach,
infolge der sanften Ermunterungen, erheuchelten Teilnahmsäußerungen und
klugen Zwischenreden seines Bruders.
Bevor Theodor Behrwalde verließ, wußte er, daß sich das junge Paar
wieder trennen wollte, ferner, daß Vater und Sohn auseinander waren, daß
Behrwalde wieder verkauft werden solle, und endlich, daß die ganze
„Sippe“, wie er seine Verwandten im stillen nannte, tief gedemütigt war,
und sich ebenso bedrückt wie unglücklich fühlte.
Und da triumphierte er, einmal darüber, daß jenen ein Stachel im Herzen
saß, und dann darüber, daß sich ihm nun doch unerwartet ganz sichere
Geschäfte aufthaten, daß es wieder etwas einzuheimsen gab.
Denn Friedrich von Knoop hatte sich auf Theodors Bitten hinreißen
lassen, ihm die Veräußerung des Gutes Behrwalde in die Hand zu geben und
ihn überdies beauftragt, etwas Passendes in Holstein, in möglichster
Nähe von Hamburg auszuspüren. Aber er sollte nur schriftlich mit ihm
verkehren, hatte Herr Knoop bereits in Hinblick auf die sicher
eintretenden Vorwürfe seiner Damen hingeworfen und zur Bedingung
gemacht.
Und als er sich wieder ins Wohngemach begab, erwähnte er nur auf deren
nicht unbesorgte Frage, daß sich Theodor lediglich habe Auskünfte über
einiges einholen wollen.
Die Reue hatte ihn schon jetzt erfaßt, und sie wirkte derartig nach, daß
er an diesem Abend eine noch schlechtere Laune hervorkehrte, als er sie
nach den Erlebnissen im Coupé der Eisenbahn an den Tag gelegt. —
Am folgenden Morgen suchte Herr von Knoop seine Gedanken zu ordnen, und
es gelang ihm, indem er allerlei Kompromisse mit seiner Vernunft und den
Unabänderlichkeiten schloß.
Zunächst suchte er Ileisa auf, und teilte ihr mit, daß er ihr monatlich
die Hälfte von dem auskehren wolle, was er ihrem Manne bisher zugewendet
habe. Außerdem händigte er ihr die rückständige Rente für ihre Tante ein
und ersuchte sie, mit ihrer Verwandten zu sprechen, ob sie nicht mit ihr
nach Hamburg übersiedeln wolle. Sie selbst wollten Behrwalde verkaufen,
in der Nähe der genannten Stadt auf's Land ziehen, und wünschten
natürlich Ileisa in ihrer Nähe zu behalten.
„Na ja,“ schloß er, resigniert sprechend, und indem er wenigstens
äußerlich gute Empfindungen gegen seine Schwiegertochter hervorkehrte.
„Der Mensch baut sich etwas auf und glaubt unter ein sicheres oder noch
besseres Dach zu gelangen. Das Schicksal aber schiebt sich rücksichtslos
dazwischen und bestimmt es nach seinem Gefallen.
„Und dann muß man sich eben anders einrichten.
„Deiner Tante bitte ich eine Entschuldigung auszusprechen, daß ich noch
nicht bei ihr war, aber es wird ehestens geschehen.
„Auch Mutter und Margarete werden sich baldigst bei ihr sehen lassen.
„Uebrigens,“ beendete er seine Rede: „Hast du einen Brief von Arthur? Er
ist ja nach England gereist! Was schreibt er dir?“
„Ja,“ entgegnete Ileisa, und holte gleichzeitig ein Schreiben von ihrem
Manne hervor, das sie ihm mit stummer Miene überreichte. Es lautete ohne
Anrede:
„Ich teile Dir von hier, von Köln aus, mit, daß ich auf längere Zeit,
möglicherweise für mehrere Monate, nach London und Paris gehe. An
meinen Vater schrieb ich Deinet- und Deiner Tante wegen. Du wirst —
ich bin dessen sicher — Zufriedenstellendes von ihm hören. Deine Tante
besuchte ich noch vor meiner Abreise und fand sie unter den von ihr
angenommenen Voraussetzungen mit unserer Trennung einverstanden. Nach
meiner Rückkehr wird die Scheidungsklage schon wesentlich
weitergerückt sein, und alles wird sich ohne Verdrießlichkeiten und
ohne Aufsehen vollziehen, sofern Du und Deine Tante dem
Unabänderlichen zuvorkommend die Hand reichen.
Noch eins: Gestern abend traf ich zu meiner Ueberraschung im Hotel du
Nord Frau von Klamm, die denselben Weg nimmt. Wir fahren zusammen!
Dies unter uns.
Und nun Addio! Ich grüße Dich.