Klamm hatte den Brief in dem Augenblick gelesen, als der auch ferner im
Geschäft verbliebene Adolf ihm einen Herrn aus dem Ministerium gemeldet.
So legte er vorläufig das Schreiben zu anderen, eben von ihm
durchgesehenen Korrespondenzen, obschon es ihm noch durch den Sinn ging,
daß es besser sei, grade dieses Schriftstück wegzuschließen.
Unter den Ansprüchen, die dann an ihn herantraten, und die ihn Stunden
lang und länger als sonst in Atem hielten, blieben die Eingänge auf dem
Pulte liegen. Sie wurden auch von Klamm — da er mit einem Lieferanten in
der Druckerei zu thun hatte und sich mit diesem in der Nähe in ein
Restaurant nach geschehener Rücksprache begab — später nicht entfernt.
Er besorgte selbst die Depesche an Ileisa nach Hamburg, in der er ihr
mitteilte, daß er bereits abends abreisen und sie in der Frühe sogleich
aussuchen werde.
Klamm hatte, als er gegen fünf Uhr zu Tisch kam, Adelgunde, die zur
Beerdigung seiner Mutter nach Berlin zurückgekehrt war, an diesem Tage
noch nicht gesehen. Sie stand sehr spät auf, während er stets früh wach
und in Thätigkeit war.
„Ich werde heute abend eine Reise antreten,“ warf Klamm, nachdem er
seine Frau gelassen gegrüßt, nach bereits verzehrter Suppe hin. „Auch
werde ich einige Tage fortbleiben, denke jedoch Ende der Woche
zurückzukehren.“
„Ich weiß es — ich weiß alles,“ entgegnete Adelgunde, die ihm schon mit
sehr verschlossener Miene gegenüber gesessen, mit ausdruckslosem
Gesicht.
„Du weißt es?! Was weißt du?“
„Ich suchte dich in deinem Kontor auf, fand dich nicht, aber einen offen
daliegenden Brief von der Person in Hamburg, den ich las —“
„Du liest Briefe ohne Erlaubnis. — Darüber muß ich mich wundern —“
Statt diesmal etwas zu entgegnen, sah Adelgunde ihren Mann erst mit
einem kurzen Blick an. Dann legte sie die Serviette beiseite, lehnte
sich in ihren Stuhl zurück, bedeckte ihr Angesicht und brach, während
sich Thränen aus ihren Augen lösten, in die Worte aus:
„Wie war ich einst glücklich — und wie unglücklich fühle ich mich
heute.“
„Ja, wir beide,“ bestätigte Klamm mit müder, trostloser Stimme.
Da der Diener in diesem Augenblick erschien, wußten sie ihre Erregung zu
verbergen. Nachdem er aber gegangen, stand Klamm, gleichsam in besserem,
mildem Besinnen auf, zog seine Frau auf das Kanapee und sprach:
„Warum peinigen wir uns gegenseitig, Adelgunde? Wollen wir nicht einmal
frei mit einander reden, damit wir beide zur Ruhe gelangen können? Du
sagst, du seist nicht glücklich. Warum bist du es nicht, da ich dich
doch ganz gewähren lasse —“
Sie zog die Schultern wie jemand, der reden möchte, aber die Sprache
nicht findet.
Klamm aber fuhr fort:
„Und da du mich nicht mehr liebst, entbehrst du auch nach der Richtung
nichts mehr.
„Du kannst mich doch nicht mehr lieben, denn selbst die lebhafteste
Empfindung erlischt, wenn sie keine Nahrung empfängt. Ich gestehe zu,
daß ich dir nichts biete. Aber ich kann nicht geben, was ich nicht
besitze.“
Adelgunde bewegte mit der Miene tiefster Bitterkeit das Haupt. Dann
stieß sie heraus:
„Ah! Ich begreife! Da du heute zu ihr reisen willst, nimmst du die
Gelegenheit wahr, mich für immer zu verabschieden.“
Klamm sah seine Frau, mit sanftem Vorwurf im Auge, an.
„Nein!“ entgegnete er dann. „Ich verband mit meiner Bitte gar keine
Nebengedanken. Ich wollte nur mit dir überlegen, welchen Modus wir
jetzt, nach deiner Rückkehr, nach Mamas Tode, wählen könnten, uns nicht
zu trennen, aber nebeneinander ohne Verstimmung einzurichten. Und
ferner: Von mir wird der Vorschlag, ganz auseinander zu gehen, niemals
gemacht werden.“
„Und weshalb nicht?“
„Meine Dankbarkeit gegen dich verbietet es. Es wäre ein Akt größter
Undankbarkeit —“
„Das verstehe ich nicht. Du könntest, wenn dieses Gefühl so mächtig in
dir ist, es doch auch in anderer Weise zum Ausdruck bringen —“
„Zum Beispiel, Adelgunde?“ Klamm sprach freundlich und einlenkend.
„Daß du dich bemüht hättest, mich glücklich zu machen, Alfred —“
„That ich es, thue ich es nicht, Adelgunde?“
„Kann ich mich glücklich fühlen, wenn du eine andere liebst?“
Einen Augenblick zauderte Klamm mit der Antwort, dann erwiderte er:
„Ich lebe doch nicht mit der, von welcher du sprichst. Ich nähere mich
ihr niemals. Bei unseren Begegnungen haben uns zwar unsere Gefühle
überwältigt, aber dabei ist es geblieben. — Wir haben nicht einmal
korrespondiert.“
„Ich glaube dir, Alfred. Aber du liebst sie doch — und mich liebst du
nicht —“
Nun zog er die Schultern.
„Wollen wir uns nicht einmal sachlich verständigen, Adelgunde. Ich
wiederhole Vorhergesagtes.“
Sie nickte ernst.
„Wohlan, ja, sprich, Alfred.“
„Sage mir erst mit einem unverbrüchlichen Wort der Wahrheit, ob du dir
in der Ehe mit mir nichts vorzuwerfen hast? Kamst du keinem Mann in
deinen Gedanken, keinem durch deine Handlungen entgegen? Ich fordere von
dir dieselbe Wahrhaftigkeit, die ich dir eben bewiesen.“
Erst sah sie ihn forschend, mißtrauisch, aber auch ängstlich an, dann
erwiderte sie:
„Du weißt, wie ich bin. — Ich interessiere mich für Männer —“
„Das ist keine richtige Antwort, Adelgunde. Ich frage dich auf Ehre und
Gewissen:
„Interessierst du dich nicht in ungewöhnlich starker Weise für Herrn
Arthur von Knoop. Warst du nicht in Paris wiederholt mit ihm zusammen?
Hat er dir nicht Avancen, ja einen Antrag gemacht? Mir ist das von
mehreren Seiten mitgeteilt —“
Adelgunde zuckte zusammen und statt zu antworten, ließ sie sich neben
ihm nieder, umschlang seine Knie, sprach auch jetzt nicht, aber weinte
und schluchzte bitterlich.
„Ach, was werde ich hören müssen,“ stieß Klamm heraus. Und dann:
„Sprich, was es auch sei. Ich bitte dich, Adelgunde. Es ist bei dir dein
bester Freund auf der Welt trotz alledem! Er wird alles verstehen und
sicherlich alles — vergeben können.“
„Nein, nein — nein, das — das kannst du nicht —“
Sie war wie zerschmettert. Als ob die Kräfte versagten, die Glieder zu
regieren, dem Körper zu gebieten, so lag sie da.
„Rede — rede — ich bitte dich noch einmal,“ drängte Klamm gütig.
„Du weißt ja alles, Alfred —“
Ein kurzer Laut ging aus Klamms Munde. Dann sprach er:
„Nun wohlan! Aber wenn es so ist, so verstehe ich nicht, daß dir die
Trennung von mir so schwer wird. Jetzt brauche ich ja nicht mehr zu
fragen, ob du mich noch liebst! Jetzt erweise ich dir ja einen Dienst,
wenn ich sage: lösen wir unsere Ehe.“
„Ach, Alfred, ich liebe dich ja doch, liebe dich ja tausendmal mehr, als
jeden anderen Menschen, wenn ich mein besseres Ich finde, wenn ich still
und ruhig, nicht im Rausch des Vergnügens bin. Aber jetzt, jetzt —
nachdem ich die Treue gegen dich verwirkte — bleibt mir ja nichts
anderes, als dich zu bitten, daß du — mich — frei giebst.“
„Armes Weib — arme Frau — Ich wollte, ich könnte dir helfen. — Ich
wollte, ich könnte dich glücklich machen. Glaubst du, daß ich mit dir
fühle, Adelgunde — ?“
„Ja — ja,“ seufzte sie mit immer noch abgewendetem Gesicht. — „Ich
glaube alles von dir, was gut, nachsichtig, groß, menschlich und gerecht
ist. Grade weil du, obschon auch bisweilen ein irrender Mensch, alle
deine Gedanken auf das Ernste, Maßvolle, wahrhaft Gute gerichtet hast,
muß ich dich ja lieben, kann ich das Gefühl für dich nicht aus meinem
Herzen reißen.“
„Rege dich nicht auf, Adelgunde! Beantworte mir aber noch eine Frage:
Ich stelle sie, um zu überlegen, ob ich dir in deinem Sinne zu helfen
vermag —“
„Nun ja, ich bitte?“ bestätigte sie und nahm, jetzt ihr Angesicht
trocknend, ihm gegenüber im Sofa Platz.
„Ihr wollt euch also heiraten — ?“
„Ich habe ihm noch keine Zusage gegeben. Wie könnte ich —“
„Er drängt dich aber?“
Adelgunde nickte.
„Und du meinst, daß ihr für einander paßt?“
Sie zog die Schultern.
„Ich finde bei ihm gleichen Sinn und gleiche Interessen. Das zieht mich
an. Er besitzt eine eiserne Gesundheit, einen unverwüstlichen Gleichmut,
einen Cynismus, der mich nicht nur nicht stört, sondern anzieht. Er hat
ein vorteilhaftes Aeußeres, er weiß sich in der Gesellschaft zur Geltung
zu bringen. Er ist klug und ist geschickt in allen Dingen, die die
Kreise, in denen ich leben möchte, schätzen.“
„Hm — aber er ist kalt — sehr kalt, Adelgunde. Wie hat er sich gegen
seine Frau benommen —“
„Sie langweilte ihn — sie ist ein Tugendspind — sie ist phlegmatisch,
ohne Temperament — sie liebte ja auch dich, nicht ihn.“
Adelgunde wollte noch mehr sagen, sie war im Begriff, einen Ausfall
gegen Ileisa zu machen, aber Klamm ließ sie nicht dazu gelangen.
Er sagte:
„Wenn du nun aber dasselbe in der Ehe erlebst, wie Ileisa, Adelgunde —?“
Sie stieß an mit einem herbklingenden Laut. Dann erwiderte sie in einem
wehmütig ernsten Ton:
„Gewiß, es kann kommen, daß er auch mich vernachlässigt. Aber habe ich
dann weniger, als jetzt?
„Wir leben doch auch nur nebeneinander! Aber Arthur von Knoop wird mich
nie in der Ausübung meiner Neigungen hindern, wir werden — ich
wiederhole es — in dieser Beziehung völlig harmonieren. Es giebt keine
Menschen, die nach der Richtung besser für einander passen.“
„Hm — so wären wir uns denn einig. — Du willst von mir gehen — ?“
„Ich will nicht, du willst, Alfred — und nun muß ich, da ich mich —
deiner — unwert gemacht —“
Sie sprach die Worte mit tief herabgesenktem, demütigem Blick,
abgebrochen, voll Scham und Zerknirschung. Und Klamm sprach:
„Ich will dir nichts vorwerfen und ich will dir nichts nachtragen. Ich
will mich in deine Lage hineinversetzen und denken, ich sei es selbst,
dem zu verzeihen wäre. Das ist meine Antwort!
„Ueber alles weitere, über das wann und wie wollen wir uns in völligem
Frieden verständigen. — Lasse uns jetzt speisen. Komm! Ich muß noch
meine Geschäfte besorgen, packen — ich kann das arme Weib in Hamburg
nicht ohne Hilfe lassen. Finde dich darein. — Noch einmal! Komm!“
„Ich kann nichts essen, Alfred! Aber ich will dir danken, du guter,
edler Mensch.“
Sie umschlang ihn und küßte ihn wie eine Braut. Und ihn durchzog's, und
alle Schauer des Mitleids drangen auf ihn, aber auch jene Empfindungen,
die uns trotz alles Kämpfens beschleichen, wenn wir die Liebkosungen
einer Frau — dulden, statt ihrer zu begehren.
* * * * *
Klamm saß in der Vorstadt Hamm bei Hamburg Ileisa in dem Wohngemach
einer äußerst eleganten und bequem eingerichteten Villa gegenüber. Er
war, wie er es beabsichtigt und gemeldet hatte, am Abend abgereist, und
hatte sich nach kurzer Morgenruhe in Streits Hotel sogleich nach Hamm
aufgemacht.
Das Wesentlichste, das zur Bestattung gehörte, war schon von Ileisa
besorgt worden. Nach Ueberwindung der ersten Erschütterung und des
ersten Schmerzes, hatte sie sich aufgerafft und die notwendigen
Vorkehrungen getroffen.
Klamm war auch schon mit ihr ins Sterbezimmer getreten.
Die alte Dame, deren ganzes Leben eigentlich nur in der Sorge für andere
bestanden, und eben doch dieses ihr Schicksal, sanft ergeben, getragen,
hatte dagelegen wie eine Schlafende. Ein Ausdruck stillen Friedens hatte
ihre Mundwinkel umschwebt; nichts von dem Abstoßenden, das sonst meist
der Tod mit sich führt.
Ileisa aber war bei ihrem Anblick in bittre Thränen ausgebrochen, und
anfänglich war's Klamm kaum möglich gewesen, sie zu besänftigen.
Später ließ er sich berichten, wodurch der Tod herbeigeführt sei, was
der Kranken gefehlt habe.
„Sie hat wohl mehr der Gram getötet, als körperliches Leiden,“ erklärte
Ileisa. „Sie konnte es weder überwinden, daß so schnell alles
ausgelöscht war, was sie sich als mein Glück gedacht, noch vermochte sie
sich mit ihrer feinen Seele, ihrem Stolz und ihrer sittlichen Auffassung
darin finden, daß mich Knoops fortan fast ganz wie eine lästige Zugabe
ansahen und behandelten, statt als Verwandte, als Opfer der
Unbeständigkeit ihres Sohnes.
„Sie warfen und werfen — je länger die Zeit — die Schuld an allem, was
eingetreten, auf mich. Sie versetzten sich nicht einen Augenblick in die
Lage einer geschiedenen Frau, die zwar nun zu leben hatte, aber
naturgemäß in einen menschenscheuen, weltverachtenden und lebensmüden
Zustand geraten war.“
„Und Fräulein Margarete?“ fragte Klamm.
„Sie ist so leidend, daß man an ihrer Wiedergenesung zweifelt, ja, sie
ist wohl überhaupt aufgegeben. Sie schleppt sich nur noch als unheilbare
Lungenkranke nach der Influenza, an der sie fortdauernd in schwerster
Weise gelitten, hin. Wenn mich etwas schmerzt, wenn mich etwas außer dem
Hinscheiden meiner Tante traurig macht, so traurig, daß ich jeden Tag
daran denken und mich sorgen muß, so ist es das Schicksal dieser meiner
Freundin. Sie ist ein wahrhaft vortreffliches Mädchen, Sie wissen es,
Herr von Klamm. Und sie war mir wie eine treue Schwester.“
„Hm,“ stieß Klamm nachdenklich heraus. „Wenn ich bedenke, wie glücklich
die Familie Knoop war, und was aus ihnen nach Aufgabe ehrlicher Arbeit
geworden ist!
„Die Alten voll tiefster Enttäuschung, voll sehnsüchtigen Verlangens
nach dem „Einst“, die Tochter sterbend — der Sohn — der Sohn. — Was
wissen Sie von ihm, Frau Ileisa?“
„Nichts — gar nichts! Bei dem formellen Scheidungsakt haben wir uns noch
einmal gesehen und gesprochen. Da gab er mir die Hand und sagte in
seiner kalt nüchternen Weise: ‚Lebe wohl! Möge es dir gut gehen,‘ dann
ging er, ohne mich auch nur noch einmal anzusehen. Er behandelte die
Angelegenheit ganz wie ein nun einmal nicht zu umgehendes, möglichst
rasch zu Ende zu führendes Geschäft. Er ist ein Mensch, der nur sich
kennt, der nichts respektiert, aber allerdings auch sich selbst nicht.
„In dieser Hinsicht ist er äußerst objektiv, er ist durchaus nicht im
Unklaren über sich. Er giebt der Wahrheit die Ehre, spielt keine
Komödien. Und das war's ja auch, das mich seinerzeit anzog, wodurch es
kam, daß ich meiner Tante glaubte, die mir zuredete und einbildete, ich
könne auf ihn einwirken. Er war anders, als der Durchschnitt. Er besaß
Konsequenz und Willen, wennschon er, wie sich herausgestellt hat,
lediglich die Pfade bequemer Selbstsucht und Genußsucht beschritt.
„Nachdem er mich abgethan hat, wird er, ich bin dessen sicher, eine
möglichst vorteilhafte Partie zu machen suchen. Er will gut leben und
höchstens bei Spekulationen einmal seinen Kopf in die Weiche legen!“
Klamm hatte Ileisa mit großer Spannung zugehört. Als sie geendet hatte,
sagte er.
„In der letzteren Annahme irren Sie sich durchaus nicht, Frau Ileisa.
Was sie voraussetzen, ist schon unterwegs.“
Und während er den Eindruck in Ileisas Mienen beobachtete, schloß er:
„Arthur von Knoop wird in nicht zu langer Frist — meine Frau heiraten.“
„Wie? Sprechen Sie die Wahrheit?“ brachen die Worte aus dem Munde der
Frau, während ihre Wangen erbleichten, ein eigenes Feuer aber in ihren
Augen aufleuchtete. —
* * * * *
Zwei und einhalb Jahre waren nach den geschilderten Vorgängen
verstrichen. Je nach ihrem Thun und Treiben, nach den auf ihr Innenleben
von außen einwirkenden Geschehnissen, war den einzelnen das Dasein als
ein Wandeln in einer glücklichen Welt oder als eine Last erschienen.
Wo die Anforderungen gering, die erkenntliche Empfindung für des Himmels
Zuwendungen lebhafte, wo Pflichtübung und Arbeit die Grundlagen gewesen,
hatten sich die Menschen zufrieden gefühlt. Wo die Sucht nach
fortwährenden Abwechslungen und Zerstreuungen den Hauptinhalt des
Denkens und Handelns gebildet, hatten sich Unbefriedigung und Ueberdruß
eingestellt.
Nach ihren Charakteren hatte sich aller Schicksal vollzogen.
Das zielbewußte Streben Klamms hatte seinen Lohn empfangen. Seine
Hoffnungen hatten sich erfüllt. Er war Herr des Geschäftes, dem er sein
ganzes Interesse von vorneherein zugewendet, geworden, und neben ihm,
als seine Frau, lebte Ileisa. Sie ging ganz in ihm auf. Ihr Augenmerk
richtete sich von früh bis spät auf ihn und ihre Obliegenheiten. Sie war
sein rechter Kamerad und sein bester Freund geworden. Wie er es wollte,
so war es gut. Was er vornahm, paßte auch ihr. —
Arthur hatte Frau von Klamm geheiratet und ihr Vermögen eingezogen. Nur
ein größerer Teil war auf ihren Wunsch und bestimmten Willen dem
Zeitungs- und Druckereigeschäft geblieben; Klamm verzinste es ihr. Das
Gut war verkauft. Dagegen hatte Klamm eine Villa in Wannsee erworben, in
der sein guter Geschmack und sein praktischer Sinn, von Ileisa
unterstützt, einen vollendeten Ausdruck gefunden. Nebenan hatten sich
Milans angebaut.
Auch Arthur lebte mit seiner Frau gut. Sie fand an seiner Seite die
volle Möglichkeit, das Dasein zu genießen. Sie hatten beide den
gleichen Ehrgeiz, eine Rolle zu spielen, und fanden ihre Rechnung. Ihm
half sein kalter, und ihr ihr leichter Sinn über das fort, was sich
allen Menschen einmal störend in den Weg stellt. Zu Streit und Scenen
kam es zwischen ihnen schon deshalb nicht, weil jeder den anderen
gewähren ließ. Auch bewahrte ihn sein Egoismus und sein kühles
Temperament davor, eine gewisse Grenze jemals zu überschreiten, und
Adelgunde besaß doch zu viel sittlichen Fond und soviel Erfahrung, um
sich nicht auf Abenteuerlichkeiten einzulassen, die ihren Ruf und ihres
Mannes gesellschaftliche Stellung gefährden konnten.
Knoops hatten ihre Tochter Margarete verloren. Nachdem Arthur noch am
Grabhügel seiner Schwester gestanden, auch eine Aussöhnung zwischen
ihnen stattgefunden, waren sie auf ihr Gut in Holstein zurückgekehrt.
Hier lebten sie mit Nachbarn, die zu ihnen paßten. Unter dem Adel eine
Rolle zu spielen, hatte Herr von Knoop völlig aufgegeben. Er suchte sich
den Umgang von Personen, die, wie er jetzt, ganz in ihren Interessen für
die Landwirtschaft aufgingen, und deren einfacher Sinn zu seinem im
Grunde einfachen Naturell, und besonders zu der Richtung seiner Frau
paßte. — —
Unter den Briefen, die Alfred von Klamm eines morgens auf seinem Tisch
im Frühstückszimmer in der Stadtvilla vorfand, erregte ein Schreiben
seine und auch Ileisas Aufmerksamkeit im hohen Grade. Es lautete:
„Hochverehrter Herr von Klamm!
Ich liege seit elf Wochen bereits in Bethanien im Lazaret. Ich habe
einen Knochenfraß im Körper, dessen Ende nur der Tod sein kann. Ich
bitte Sie flehentlich um Unterstützung! Vergessen Sie Vergangenes,
berücksichtigen Sie, ich bitte, dagegen, daß ich indirekt mit Anlaß
gewesen bin, daß Sie erreicht haben, was Sie heute — ein Glücklicher
nach allen Richtungen — Ihr eigen nennen!
Und um dieser Thatsache und um der edlen Gesinnung willen, die Ihnen
eigen, wage ich, Ihnen diese Zeilen zu schreiben.
Der Edle verzeiht, wenn er sieht, daß sein Nebenmensch in Qualen
dahinsiecht. Sie sind ein solcher, und ich bin ein armer Elender!
Keiner hilft mir!
Mein Neffe Arthur hat mir auf alle meine vielen Briefe nicht
geantwortet! Mein reicher Bruder beruft sich auf einen endgültigen
Verzichtschein, den ich ihm einst ausstellte. So habe ich niemanden
auf der Welt, als meinen einstigen größten Feind! Er wird mich, ich
weiß es, nicht umsonst flehen lassen. Weisen Sie mir, ich bitte,
hochverehrter Herr von Klamm, wöchentlich eine Summe an, bis ich in
die Gruft gesenkt werde. Lange werde ich Ihnen nicht lästig fallen.
Der mich behandelnde Arzt, Herr Doktor Ströber, wird Ihnen bestätigen,
daß alles strenge Wahrheit, was ich Ihnen sage. Ich lege die
Bescheinigung bei.