Sie war mit der Bahn gefahren, statt das eigene Fuhrwerk zu benutzen. —

Während Klamm noch sann, regte sich draußen ein Geräusch.

Ein Mietswagen fuhr vor, und diesem entstieg — Adelgunde!

Sie war also, da sie ihn nicht gefunden, wieder zurückgekehrt!

So dachte Klamm, und das freute ihn, das freute ihn sogar so sehr, daß

er Lust hatte, die Droschke zu benutzen, und mit seiner Frau nach

Berlin zu fahren, und dort zu soupieren. Er wußte, daß das ganz in ihrem

Sinne sein werde.

Aber schon war der offenbar schon von ihr vorher abgelohnte Kutscher

wieder abgefahren, schon stand sie vor ihm und stieß in einem höchst

mißmutigen, sehr unfreundlichen Ton heraus.

„Na, das war eine schöne Enttäuschung — die hättest du mir doch auch

ersparen können. Da fahre ich wie in einem Karussel immerfort in der

Runde herum, um nun unverrichteter Sache, hungrig, abgespannt und

verärgert wieder hier anzukommen.“

Selbst in dem friedfertigsten und selbstlosesten Menschen wird sich ein

Gefühl der Entrüstung regen, sobald man ihm Vorwürfe macht, wenn er für

seine Handlungsweise ein unbestreitbares Recht besitzt, lediglich Gutes

dabei im Auge hatte.

So sagte er mit stark auflehnender Miene: „Ah — lasse doch

Lamentationen, an denen du selbst schuld bist!

„Ich bin der Genarrte! Ich komme höchst abgespannt und sehr hungrig nach

Hause, finde niemanden, finde keinen gedeckten Tisch, und erst recht

dich nicht, die ich doch von meiner Rückkehr und meinen Wünschen

vorzeitig unterrichtet hatte!“ —

Klamm sprach, während er ins Wohnzimmer schritt, und Adelgunde

erwiderte, während sie den Mantel löste und ihn auf die Lehne eines

Stuhles warf:

„Ich kann doch nicht dafür, daß ich dich nicht traf. Du läßt mich ja gar

nicht sprechen, erklären, kommst gleich mit Vorwürfen. Der Zug hatte

Verspätung. Als ich mich so rasch wie möglich nach deinem Kontor fahren

ließ, warst du schon fortgegangen.“

„Wohlan, Adelgunde! Ich hatte dir aber doch ausdrücklich geschrieben,

daß ich zu Tisch kommen werde, daß du mich zwischen sechs und halb

sieben erwarten mögest.

„Daß ich, nachdem ich von Mittag vorigen Tages bis jetzt mit geringer

Unterbrechung gearbeitet hatte, zu solchen Vergnügungen nicht aufgelegt

sein würde, konntest du dir wohl vorstellen. Du denkst aber leider fast

immer nur an dich, willst dich mir nicht akkomodieren!“

Adelgunde hatte sich während ihres Mannes Rede in einen Sessel

niedergelassen, ihn auch ohne Unterbrechung angehört.

Nun aber hielt es sie nicht ferner, und lang zurückgehaltenes drängte

bei dieser Gelegenheit nach Ausdruck.

„Du machst mir die gewohnten, sich in unerträglicher Gleichmäßigkeit

wiederholenden Vorwürfe,“ begann sie. „Es geschieht, obschon ich es gut

meinte und denke, daß ich wohl auch eine Entschädigung für meine

Vereinsamung und dafür verdient hätte, daß du nun gar schon um deiner

Zeitungsgeschichten willen die Nächte fortbleibst!

„Ich wollte alles in mir herabdrücken, dir freundlich begegnen, und dich

gar aus dem Geschäft abholen!

„Aber da du dich als den Verletzten hinstellst, will ich sprechen!

„Erstens: Ich will nicht mehr hier auf dem Gute wohnen und förmlich

verdorren. Der Besitz wurde erworben, damit wir die Sommermonate hier

zubrächten, nicht Herbst und Winter, und nicht fortwährend mit deiner

Mutter!

„Ich erwarte, daß du mich über deine mir unsympathischen Zeitungs- und

Druckgeschichten nicht, wie es schon vielfach geschehen ist, gradezu

vernachlässigst. Ich verwünsche den Augenblick, in dem ich dir darin

nachgab. Und endlich erwarte ich, daß du für alle Zeiten der koketten

Frau nebenan die Absage erteilst, die sie verdient!

„Ich war Zeuge eurer Unterredung, und ich muß gestehen, daß mich dein

Liebeswerben empört hat. Es mußte mich doppelt empören, weil du doch

erkannt hast, welchen Unwert sie besitzt. Sie gab dir damals einen Korb,

und erteilte ihn deshalb, weil sie glaubte, daß dein Glücksstern

erloschen sei. Es beweist wenig Selbstgefühl, daß du ihr nach solchen

Erfahrungen überhaupt noch einen Blick, geschweige werbende Worte

gönnst!

„So, das ist mein Standpunkt, immer derselbe Standpunkt von früher!“

Klamm überlegte, ob und was er auf diese Rede entgegnen sollte.

Dennoch sah er von einer Auseinandersetzung ab und sagte:

„Ich will, mag und kann heute abend mit dir nicht streiten. Du bist

nicht sachlich, gerecht und logisch. Es wird sich ein geeigneter

Augenblick finden. Ich wünsche, mich in mein Arbeitszimmer

zurückzuziehen. Die Mädchen sollen mir etwas bereiten und auf den Tisch

setzen. — Nachdem ich gegessen und noch eine Cigarre geraucht habe,

werde ich mich ins Bett verfügen. Ich habe Schlaf und Ruhe sehr nötig.

Es waren sehr gemütaufregende Stunden mit großer Anspannung —“

Nach diesen Worten zog er die Klingel, durchschritt das Gemach und begab

sich in sein Zimmer.

Er machte sich auch daran, selbst Feuer in dem Ofen zu entzünden, gab —

da seine Frau sich nicht regte — dem jetzt zurückgekehrten und

eintretenden Diener Auftrag, ihm ein Abendbrot möglichst rasch

herrichten zu lassen und ihm in seinem Zimmer zu servieren. So bemerkte

er auch nicht, daß Adelgunde überhaupt das Haus verließ.

Sie ging über den Gutshof, erreichte den bereits mit Licht versehenen

Herrenstall und befahl dem Kutscher, sogleich anzuspannen.

Alsdann schritt sie in ihr Kabinett, schrieb einen Brief an ihren Mann,

den sie vorläufig zu sich steckte, und war schon unterwegs nach Berlin,

als es ihn nach beendigtem Mahle trieb, sich nach ihr umzusehen.

Klamm war nicht wenig erstaunt, und geriet in nicht geringe Erregung,

als er seine Frau nicht fand, und ihm auf sein Befragen der Diener

erklärte, daß die Frau Baronin nach Berlin gefahren sei und auch einen

Brief zurückgelassen habe. —

„Einen Brief? Weshalb haben Sie mir den nicht gleich gebracht,“ stieß

Klamm schroff heraus.

„Die gnädige Frau hatte mir befohlen, ihn dem gnädigen Herrn erst

auszuhändigen, wenn der gnädige Herr nach der gnädigen Frau fragen

würden.“

„So — das ist etwas anderes. Sie können gehen! Ich werde rufen, wenn ich

noch etwas brauche.“

Nachdem sich Friedrich entfernt hatte, brach Klamm das Schreiben auf,

ließ sich in einen Sessel und las folgendes:

„Ich will in Grünhagen nicht mehr wohnen. Ich will nicht neben der

Person noch eine Nacht sein, die sich dort eingenistet hat, um Dich zu

umgarnen. Die ganze Gegend weiß es, daß sie höchst unglücklich mit

ihrem neugeschaffenen Baron ist. Da wirst sie natürlich die Netze

wieder nach Dir aus. — Ich mag und will aber auch nicht — ich

wiederhole es — auf dem Lande verdorren und mich tot langweilen. Ich

kehre nicht zurück, unter keinen Umständen.

Ich will aber gern mit Dir in Berlin leben und alles thun, damit Du

mit mir zufrieden bist.

Allerdings erwarte ich, daß auch Du Konzessionen machst. So geht es

nicht weiter.

Ich werde heute nacht im Askanischen Hof logieren. Der dort uns so

lange Jahre kennende Wirt wird nichts Auffälliges darin finden.

Morgen vormittag begebe ich mich in unsere Wohnung und werde alles zum

Aufenthalt herrichten.

Unsere Sachen bitte ich Dich, von unserem Dienstpersonal sofort

einpacken und herbefördern zu lassen. Sie sollen auch selbst bis

morgen abend spätestens hier sein.

Dich erwarte ich natürlich schon um Mittag und ich schließe nicht nur

mit den Worten Corneilles:

‚Soyons amis‘, sondern sage: Seien wir sogar die alten, die wir einst

waren. Es würde darüber glücklich sein, Deine, auch einmal einen

Willen und ihre Neigungen besitzende Adelgunde.“

Der erste Gedanke, der Klamm kam, nachdem er diesen Brief gelesen hatte,

war: daß Adelgunde seiner Mutter mit keiner Silbe gedacht hatte. Sie

entbot die Dienstboten zu sich — seine alte Mama konnte sehen, wo sie

blieb und was aus ihr wurde. Daß man ihr das Personal nahm, das für sie

kochte und ihr aufwartete, kam gar nicht in Frage.

Klamm ließ das Haupt sinken.

Gab's denn wirklich nur eine einzige auf der Welt, die ein Recht auf

seine Liebe und unbedingte Verehrung besaß, sie, seine Mutter, die oben

gewiß noch seiner wartete, damit er ihr, wie immer, einen Kuß auf die

Wange drücke, und ihr „Gute Nacht“ sage.

Schatten umfingen seine Seele und trieben ihm eine grenzenlose Trauer

ins Herz.

Fühlte sich Ileisa nebenan unglücklich, so unglücklich, daß sie schon

von tiefen Wassern gesprochen, er, Klamm, hätte sich in diesem

Augenblick mit seinem Leibe tief unten in der Erde gewünscht.

Er hielt Umschau! Lag's an ihm? War er zu anspruchsvoll? Waren die

Menschen im Grunde gut und umgänglich? Verlangte er zu viel — hatte er

etwas vom Philister an sich, der nicht in üblicher Weise mitgehen wollte

und konnte. Er mußte diese Frage verneinen.

Er suchte ja grade das Gute bei allen, wennschon ihn seine Veranlagung

die Schwächen der Menschen mit solcher Deutlichkeit erkennen ließ.

Befriedigte ihn seine Thätigkeit nicht? Gewiß, sie grade! Aber nicht der

Tand, das Hohle, das beides ihn stets angewidert hatte. —

Hatte er sich wirklich gegen seine Frau versehen? Nein! Ein weiches

Gefühl ohne Nebengedanken hatte ihn fortgerissen, Ileisa so zu begegnen,

so zu ihr zu sprechen, wie es geschehen war.

Er hatte einmal die Sehnsucht nach Glück durch das Zusammenleben mit

einer Frau.

Die Gedanken gingen weiter.

Die gestrigen Vorgänge im Geschäft hatten ihn belehrt, welche Lasten er

sich aufgeladen. Nur durch Vorteilszuwendungen hatte er sich die

Personen gefügig gemacht. Geld machte alles! Das ekelte ihn an, das

empörte ihn, obschon er das Leben so genau kannte.

Er schnellte empor, fuhr sich mit der Hand über die Stirn, schritt

ruhelos auf und ab und überlegte, was er thun sollte. Er fragte sich,

was er wohl möchte, was ihn doch noch glücklich machen könne! Er wußte

es!

Er möchte Ileisa sein Weib nennen. Sie konnte ja schweigen, sich fügen.

Sie hatte ihm weh gethan, aber sie hatte selbst genug darunter gelitten.

Ihr Lebensgang entschuldigte sie. Sie liebte ihn noch; seine Erfahrung

und sein Blick hatten es ihm unwiderlegbar bewiesen.

Was ihm Adelgunde von Arthur schrieb, wußte er sehr wohl. Die Spatzen

schwatzten es von den Dächern, daß sie mit ihrem Manne unglücklich sei,

aber ringsum war man dagegen ihres Lobes voll. Alle, die mit ihr in

Berührung traten, rühmten ihr gütiges, verständiges und sanftes Wesen.

Es kam kein unfreundliches Wort über andere über ihre Lippen, ihr

Hauswesen besorgte sie musterhaft, in diese neuen Verhältnisse hatte sie

sich in überraschender Weise gut hineingelebt, und immer war ihre Hand

offen für Bedürftige.

So sprachen die Menschen — und sie redeten, wie es sich mit der Wahrheit

deckte.

Und weiter dachte Klamm:

Es würde Klamms Ideal gewesen sein, hier wohnen zu bleiben, wenn er

statt Knoops andere Nachbarn würde erhalten können.

Er, Ileisa und seine Mutter! Sie würden in schönster Harmonie leben!

Und das auszubauen, was er in Berlin begonnen, würde ihn nach wie vor,

vollkommen ausfüllen und befriedigen! Nur wäre er gern alleiniger

Besitzer, nicht von anderen abhängig gewesen! Schon hatten sich

Mißhelligkeiten eingestellt.

Vielleicht konnte er mit der Zeit das Geschäft kaufen, die Aktien an

sich bringen. — Aber da stockte er doch nun plötzlich, und überhaupt

fiel jetzt doch wieder das ganze Gebäude zusammen! Er war ja an

Adelgunde gebunden! Sie, sie hatte ja das Geld! Er war ja der abhängige

Mann einer reichen Frau. — Das Luftschloß zerfloß, und alles zerrann. —

Er besaß ja nichts, gar nichts — und abermals seine Mutter bei ihrem

Recht auf ein endliches sorgenloses Alter mit neuen Fährlichkeiten, gar

mit Ehescheidungen zu beunruhigen, war ausgeschlossen. — Als Arthur an

diesem Tage nach Hause kam, lag ein Billet von seinem Vater auf seinem

Schreibtisch, dessen Inhalt lautete:

„Ich ersuche Dich, morgen früh, bevor Du Dich in die Stadt begiebst,

bei mir vorzusehen. Ich habe wegen der heutigen Vorkommnisse zwischen

Dir und Deiner Schwester, aber auch sonst mit Dir zu sprechen!“

Nachdem Arthur diese kurz und kühl gefaßten, sicher nichts Gutes

verheißenden Sätze gelesen und nochmals gelesen, schloß er den Brief ein

und ging eine Weile nachdenklich auf und ab.

Sodann begab er sich zu seiner Frau, teilte ihr aber von dem Inhalt der

Zuschrift nichts mit, war überhaupt den ganzen übrigen Teil des Abends

in seinem Wesen verschlossen und legte sich auch sehr frühzeitig

schlafen.

Am kommenden Morgen besuchte er zunächst den Pferdestall, machte dann

einen Spaziergang ins Dorf, und las nach eingenommenem Frühstück in

völlig wiedergewonnener Gemütsruhe die Zeitung. Dann nahm er

gemächlichen Schrittes den Weg zu seinem Vater nach dem Hauptgebäude.

Vorm Fortgehen wandte er sich noch einmal zu seiner bereits im Hause

schaffenden Frau um und sagte:

„Ich gehe zu den Eltern hinüber. Vielleicht lade ich sie zum Abendessen

ein. Sollte es der Fall sein — es kommt auf die Stimmung drüben an —

müssen wir noch etwas besorgen. Denke inzwischen einmal darüber nach,

was wir geben könnten!“ —

Herr Friedrich Knoop befand sich in seinem Arbeitszimmer im Parterre zur

Linken, als Arthur ihm gegenüber trat.

„Ah so — du! Jawohl!“ betonte Herr Knoop, der sich mit der Durchsicht

von Schriftstücken beschäftigt war, legte letztere beiseite, nickte kurz

und unzuvorkommend und zeigte auf einen Stuhl.

„Setz' dich! Wir haben länger zu sprechen,“ fuhr er dann in jenem

gewissen Ton fort, den er stets angenommen, wenn es sich um sehr ernste

Dinge gehandelt hatte.

„Margarete hat uns gestern den Inhalt des Gespräches mitgeteilt, das

zwischen ihr und dir stattgefunden hat!

„Ich habe mir infolgedessen vorgenommen, dir einmal meine Meinung zu

sagen. Ich wollte es schon früher thun, unterließ es aber, weil ich

hoffte, daß du dich selbst noch rechtzeitig besinnen würdest.

„Bitte, bitte, jetzt rede ich — nachher kannst du, wenn du etwas zu

erwidern hast, zu Worte kommen,“ unterbrach er sich, als Arthur das Wort

nehmen wollte.

„Als du aus England zurückkehrtest, hattest und warst du so wenig wie

heute! Ich beschäftigte dich infolgedessen bei mir!

„Wenn du auch keinen Uebereifer entwickeltest, so hattest du doch Sinn

für Arbeit und Erwerb, und ich freute mich dessen und sah dir — und wir

alle sahen dir deshalb eine starke, wenig erfreuliche Selbstüberhebung

nach, die du aus dem Auslande mitgebracht hattet. —

„Dann kamen die neuen Pläne. Dann kam deine Verlobung mit Ileisa. Von

der Zeit an ließest du geschäftlich gänzlich nach, hattest eigentlich

nur noch Sinn für deine Passionen und vorübergehend für deine Braut.

„Deinen Eltern hast du nicht die geringsten Rücksichten erwiesen,

geschweige bist du ihnen mit Wärme oder gar mit Gefühlen der

Erkenntlichkeit für ihre vielfache Fürsorge begegnet.

„Du nahmst alles hin, als ob es ganz selbstverständlich wäre, als ob dir

in erster Linie alle Vergünstigungen zukämen!

„Aber ich will das noch hingehen lassen, du bist eben noch jung und

unreif. Wenn ich mich einmal über deine Mängel beklagte, wies deine

Mutter auf die sicher günstigen Wirkungen durch deine Verheiratung hin.

„Da würdest du gefunden, wieder an Arbeit und Erwerb Freude finden, dich

von deiner prächtigen Frau beeinflussen lassen, ein anderer werden!

„Aber leider ist nichts eingetroffen. Im Gegenteil! Deine

Selbstüberhebung, deine Arbeitsscheu, dein Drang nach Vergnügungen hat

zugenommen, deine Pflichtversäumnisse gegen deine Eltern, deine

Schwester und gegen deine Frau haben sich vermehrt, und endlich hast du

dir angemaßt, deiner dir einmal in bester Absicht zu Herzen redenden

Schwerer das Haus zu verbieten, ja, sie sogar auf die Straße gesetzt!

Das stößt dem Faß den Boden aus!!

„Nein, nein — nein — bitte sehr! Lasse mich erst aussprechen. Ich

wiederhole vorher Gesagtes!

„Ich erkläre dir nun folgendes:

„Wenn du deine Schwester nicht um Verzeihung bittest, wenn du nicht

innerhalb vier Wochen Thätigkeit gefunden hast, wenn du dich nicht

völlig änderst und ein anderes häusliches Leben beginnst, so ziehe ich —

es ist mein fester Wille — die Zuwendungen zurück, die ich dir bisher

gewährt habe.

„Es war leider ein Fehler von uns, dir überhaupt in solcher Weise die

Hand zu bieten. Es entsprang das derselben Schwäche, der ich mich auch

deinem Onkel Theodor gegenüber schuldig gemacht habe. Man soll nach

Grundsätzen verfahren, sich niemals von Gefühlen leiten lassen, auch

selbst seinen Angehörigen gegenüber nicht!

„Mein Familiensinn ging falsche Wege; es soll aber jetzt anders werden!

„Du kannst dir, wie jeder andere, dein Brot verdienen, und keinesfalls

will ich dir ferner — selbst wenn diese Unterredung einen günstigen

Erfolg hat — eine so hohe Rente bewilligen. Equipagen und Pferde kannst

du wieder abschaffen. Vermagst du später selbst so viel zu verdienen, um

sie dir halten zu können, so ist es etwas anderes. —

„So, das habe ich zu sagen, und merke es dir, mein Sohn, ich bleibe

eisenfest. Diese Wirtschaft soll ein Ende nehmen — und fügst du dich

nicht, magst du deine eigenen Wege gehen!“

„Bist du fertig, Vater?“ begann Arthur in einem völlig unempfindlichen

Tone, erhob sich zur größten Ueberraschung des Herrn Knoop, und schob

sogar, zum Zeichen des beabsichtigten Gesprächs-Abbruchs, den Stuhl, auf

dem er gesessen, wieder auf seinen Platz.

„Schön! Wohlan! Ich entgegne auf deine Worte, daß ich mich schon von

heute ab auf meine eigenen Füße stellen und nichts mehr von dir für mich

fürder annehmen werde. Ich werde aber auch nicht bei meiner Schwester um

Verzeihung nachsuchen; sie hat vielmehr mir ihre ungehörigen Ausfälle

abzubitten. Ich vermag nicht zu sagen — und das erhärtet meinen

Entschluß — ob ich in vier Wochen schon eine Thätigkeit gefunden habe.

Es liegen die Verhältnisse zur Zeit sehr ungünstig, und deshalb waren

meine Bemühungen bisher auch nicht von Erfolg gekrönt.

„Daß du für Ileisa materiell eintreten wirst, nehme ich dagegen an. Ich

habe sie mit eurer Genehmigung geheiratet, und es war nicht nur eine

stillschweigende Voraussetzung, daß mir von dir eine Jahresrente

überwiesen würde, sondern sie ist mir von dir ohne mein Ansuchen gewährt

worden. Ich hätte mich sonst natürlich noch nicht verheiratet. Sie wirst

du also in deiner Weigerung, mir keine Zuwendungen mehr machen zu

wollen, nicht einschließen.

„Sonst habe ich noch kurz nachstehendes zu entgegnen:

„Nachdem wir nobilitiert worden, sind uns gewisse Pflichten erwachsen.

Das liegt einmal bei richtiger Würdigung der Dinge vor, und sie decken

und deckten sich ja auch mit meinen bisherigen Neigungen. Ich möchte

diesen nicht entsagen — ich möchte eben der bleiben, der ich einmal bin.

Ich habe keine Anlage zum Schürzengatten, der den ganzen Tag um seine

Frau herumschwärmt, finde auch keinen Geschmack an Familiensimpeleien,

sondern brauche Menschen, Luft, Abwechslungen und Anregungen von

draußen.

„Da ich das Geld hatte, war ich berechtigt, so zu leben, wie es geschah.

Ich habe ja keine Schulden gemacht. Und endlich: ich habe mich nicht

geschaffen, wie ich bin; das ist des Schöpfers Laune und Bestimmung

gewesen. Unehrenhafter Handlungen bin ich mir nicht bewußt, meine also,

eine solche Entschließung, wie sie mir von dir heute wegen eines bloßen

Wortstreits geworden, nicht verdient zu haben.

„Aber es ist ganz gut so. Ich wiederhole, daß ich mich füge. Und weiter

habe ich denn auch nichts zu sagen, Vater. Grüße Mutter! Ich siedle

schon heute nach Berlin über. Wegen Ileisas erhalte ich wohl noch

Nachricht! Guten Morgen!“

Während Arthur, von seinem Vater nicht gehemmt, den Weg über den Gutshof

nach der Nebenvilla zurücklegte, hielt er folgendes Selbstgespräch:

„Für die nächsten drei Monate habe ich hinreichend Geld, und für weitere

drei Monate habe ich unter allen Umständen den erforderlichen Kredit. In

dieser Zeit werde ich etwas finden. Ich will mich gleich ernstlich

umsehen. Daß alles so gekommen, ist vielleicht nachteilig für mich,

vielleicht auch nicht. Mein Vater hat ja nicht unrecht, aber er hat

darin unrecht, daß er gleich das Kind mit dem Bade ausschüttet, daß er

so vorgeht! Aber das ist seine Art. Er hat es mit Herrn von Klamm ja

auch so gemacht.

„Wenn ich mir selbst eine Selbständigkeit und ein Vermögen erwerbe — so

werde ich das wertvolle Gefühl besitzen, nicht der von seinem reichen

Vater gnädigst dotierte Sohn zu sein. Es ist nicht das Rechte. Ich habe

es schon lange empfunden! Bei allem, was ich that, und was sie drüben

natürlich stets überflüssig fanden, sah ich den Vorwurf in ihren Augen.

Ein unerträglicher Zustand, ein ganz unerträglicher!

„Und meine Frau — Ileisa? —

„Wir passen nicht zusammen. Sie ist aus der sittsamen

‚Margaretenschule‘, sie ist die Mutter Vernunft, die an der Krankheit

schweigender Langeweile und tugendsamer Fügsamkeit leidet.

„Ich brauche ein störriges Pferd, einen lebhaften Araber — eine, die mit

mir geht durch Dick und Dünn. — Ich brauche ein elegantes, geistvolles

Weib, das gesellschaftlich eine Rolle spielen kann und will. So eine,

wie die Frau von Klamm — das wäre eine für mich gewesen.

„Und wenn denn die Sache mit einer Trennung zwischen mir und Ileisa

endet — na, dann ist's mir eben sehr recht.

„Ich hatte mich in ihren Körper verliebt — ihre Seele kannte ich wenig.“

Nachdem Arthur seine Wohnung wieder betreten hatte, begab er sich mit

Hilfe seines Dieners an ein eifriges Packen, und suchte alles zusammen,

was er für sein Junggesellenheim brauchte. Auf die Mitnahme von Möbeln

verzichtete er vorläufig. Das alles würde sich später finden! —

Dann rief er seine Frau ins Zimmer, legte ein gelassenes Wesen an den

Tag und sagte:

„Ich möchte dir gegenüber ganz ehrlich und offenherzig sein, ich möchte

dir alles sagen und dich auf die Folgen rechtzeitig vorbereiten.

„Ich hatte eben eine Auseinandersetzung mit meinem Vater. Ich werde von

heute nichts mehr von ihm annehmen. Ich will mich — es ist mein fester

Wille, und es ist mir der Anlaß durchaus nicht unwillkommen — auf eigene

Füße stellen. Ich siedle — vorläufig allein — nach Berlin über.

„Von mir oder meinen Eltern wirst du weiteres hören. Sollte aus dem

allen eine Trennung zwischen uns hervorgehen — es erscheint mir

zweifellos — so weiß ich, — daß dir dadurch kein Herzeleid entstehen

wird. Wir haben uns geheiratet, Ileisa, aber wir passen gar nicht für

einander! Ich spreche ja nur das aus, was du mir lange selbst hast sagen

wollen. So blind bin ich nicht, nicht nachzuempfinden, daß ich dich

nicht befriedige, und ich — ich — ich sage es frei — brauche auch eine

andere Frau! Die Welt würde — sollte sie mich jetzt sprechen hören —

eine solche Auseinandersetzung, eine solche kalte Erklärung entsetzlich

finden! Vielleicht — sicher — würde sie — allerdings in gleicher Lage —

anders denken, nicht über mich und dich zu Gericht sitzen.

„Wir können friedlich auseinander gehen. Daß du keine materiellen Sorgen

haben wirst, versteht sich.

„Wie gesagt — darüber erhältst du noch Mitteilungen.

„Ach, was! Weine doch nicht, Ileisa! Ich weiß, du denkst in diesem

Augenblick daran, wie sich deine Tante beunruhigen wird. Du denkst an

die Meinung der Welt — an das, was die Leute sagen werden!

„Bin ich kalt — ich bin ein Mensch, der zuerst an sich denkt, ich leugne

es nicht — so gehöre ich doch nicht, wie sie, zu der großen

verächtlichen Schar der Komödianten. Ich gebe mich unverstellt,

allezeit, wie es in mir aussieht, und da niemand mir etwas anderes

vorwerfen kann, als daß ich nicht grade so zugeschnitten bin, wie die

Menge es nach ihren Launen und ihren Anforderungen verlangt — so habe

ich nur ein Achselzucken und stilles Lächeln über ihren

Vormundungsdrang.

„So, da hast du mein Bekenntnis!

„Ich beging einen Fehler, einen einzigen! Ich erkenne den Vorwurf

darüber als berechtigt an. Ich habe mir das Leben lediglich nach meiner

Façon gestaltet. Ich werde ihn ablegen und nicht, um der Welt zu

gefallen, sondern weil ich selbst mich nicht behaglich fühle, weil ich

nur wieder zu meiner eigentlichen Natur: zur Thätigkeit und zur

richtigen Einteilung zwischen Geschäft und Abwechslung zurückkehren

will!“

Und als Ileisa nach dieser stummen Rede völlig in sich versunken, die

Hände vor ihrem Angesicht, sitzen blieb, wie jemand verharrte, dem man

das Letzte an Leben und Trost abgeschnitten, trat er auf sie zu, löste

die Schatten von ihren Augen, und sagte:

„Nun, rede doch auch ein Wort! Ich sprach ja nichts, was nicht in deinem

Herzen Widerhall fand!“

So angeredet, löste sich Ileisa aus ihrer Agonie, erhob das Haupt, und

sagte in einem bitteren Ton:

„Ja, du hast recht. Du nanntest dich selbst einen Egoisten, und du gabst

eben wieder in einer Weise davon Zeugnis, wie wohl sonst kaum ein

anderer Mensch es über sich gewinnen würde, Arthur. Und so ist denn auch

alles am Platz und gut, und es ist thöricht, daß ich erschüttert bin,

daß alles so und so rasch ein Ende genommen. Du hast ja nicht einmal den

Versuch gemacht, dich mit mir einzurichten, etwas von der Liebe und

Wärme zurückzugewinnen, der du mich früher versichertest.

„Ich weiß mich jedenfalls frei von Schuld, ja, mich trifft nicht einmal

ein Vorwurf, nicht alles angewendet zu haben, auf dich einzuwirken!

„Im Anfang habe ich es versucht! Aber mein guter Wille, den ich auch

jetzt grade wieder anwenden wollte, prallt allezeit an deiner Kälte ab.

Daß ich somit erlahme, ist begreiflich. Wo Steine sind, da wächst kein

Samen!“

„Nun wohl! Aber wir sind uns schon heute einig!“ fiel Arthur ein. „Ich

verzichte auf eine Erwiderung, da ich dir in der That nichts vorzuwerfen

habe, da ich deine Worte gerechtfertigt finde. Ich sage nur: wir haben

uns beide geirrt, beide, denn es stand dir ja seinerzeit frei, mir einen

abschlägigen Bescheid zu erteilen.

„Ach, da kommt schon Friedrich mit dem Wagen. Karl soll noch meinen

Koffer schließen!“

Nach diesen Worten entfernte sich Arthur mit eiliger Beflissenheit.

Ileisa aber ging mit langsamen, schweren Schritten in ihr Zimmer und

ließ sich dort in einen Stuhl fallen. —

* * * * *

Arthur war bereits seit einigen Stunden abgefahren. Ileisa hatte während

dieser Zeit ihren Gedanken eine geordnete Richtung zu geben versucht,

und zuletzt den Entschluß gefaßt, sich dahin zu flüchten, wo sie bisher

immer noch in ihrem Leben Trost und Kräftigung für ihre Seele gefunden:

ins Freie, in die Natur! —

Diesmal wählte sie aber einen anderen Weg wie jüngst.

Sie wollte unter allen Umständen vermeiden, Adelgunde zu begegnen.

Schon bei der bloßen Vorstellung, sie könne ihr wieder gegenübertreten,

überlief sie ein angstvolles Gefühl. So nahm sie die Richtung nach einem

kleinen Walde, der zu dem Gute gehörte. Man mußte ihn durchschreiten,

wenn man zur Eisenbahn wollte.

Während sie noch — alles wieder überdenkend — dahinwandelte, auch

übersann, daß sie doch noch heute eine Unterredung mit ihren

Schwiegereltern über die Geschehnisse herbeiführen müsse, begegnete ihr

eine ältere Frau, die aus dem Dorf gebürtig war und fast täglich bei

Klamms Dienstleistungen verrichtete. —

Sie gehörte zu den gutherzigen, aber zugleich schwatzlustigen Personen,

denen man lieber ausweicht. Heute nun hatte sie etwas ganz Besonderes zu

berichten und nahm, nachdem sie Ileisa ehrerbietig gegrüßt,

unaufgefordert das Wort, und sagte eifrig:

„Haben gnädige Frau schon gehört, daß auf der Bahn ein Unglück passiert

ist?!“

„Nein, nichts habe ich gehört. Was ist denn geschehen?“

„Ja, eben erzählte es mir der Jäger vom Grafen drüben in Edelmark. Unser

Herr Baron ist noch glücklich davon gekommen, er hat es sogar zuerst

gemerkt und hat gleich vorgebeugt. Er ist während des Fahrens auf das

Trittbrett geklettert und ist nach der Maschine gegangen.

„Da hat der Lokomotivführer den Zug zum Halten gebracht.

„Nu ist man einiges Vieh verunglückt; wären sie noch etwas weiter

gefahren, hätte es ein großes Malheur gegeben.“

„So — so —! Das ist ja sehr erfreulich, daß alles so gut abgegangen

ist. Wo kam denn Herr von Klamm her? Von Berlin?“ forschte Ileisa. Und

gleich fügte sie hinzu:

„War Frau Baronin auch mit im Zug?“

„Ach, nein! Die nicht! Die ist ja schon gestern nach Berlin abgereist,

ganz plötzlich! Wissen gnädige Frau das gar nicht?“

Ileisa verneinte. Es bemächtigte sich ihrer eine starke Spannung. Ein

ahnendes Gefühl sagte ihr, daß Adelgundens Entfernung mit der

Unterredung in Verbindung stehe, die zwischen ihr und Alfred

stattgefunden hatte.

„Weshalb ist denn Frau von Klamm so plötzlich abgereist?“ warf sie, im

Ton gelassen, hin.

Die Frau machte eine geheimnisvolle Miene.

„Ich weiß es nicht genau. Ich hörte man, daß sie in der Küche allerlei

sprachen. Der gnädige Herr und die gnädige Frau sollen sich mächtig

erzürnt haben. — Sie bleibt auch in Berlin, er bleibt aber noch hier.

Er kommt gleich; er ist schon unterwegs. Der Jäger sagte es.“

Ileisa hätte noch mehr fragen mögen. Aber es widerstand ihr, die

Neugierige zu spielen. Auch beunruhigte sie der Gedanke, daß sie Klamm

begegnen könne. Sie fertigte deshalb die Frau mit einigen Worten ab und

schlug einen Seitenpfad ein.

Aber nachdem sie kaum fünfzig Schritt gegangen war, kam Klamm ihr

entgegen.

Er schritt nachdenklich einher und sah Ileisa erst, als sie eben in den

Nebenweg einbiegen wollte.

Beide waren verwirrt, fast bestürzt. Aber Klamm faßte sich rasch,

lüftete den Hut, und sagte in einem warmen Ton:

„Welch ein abermaliger, glücklicher Zufall, gnädige Frau! Wollen Sie

nach Hause? Darf ich Sie begleiten?“

Ileisa hätte lieber „nein“ gesagt, aber sie fügte sich, da sie keinen

Ablehnungsgrund fand, und schloß sich Klamm an.

„Ich hörte eben, daß sich ein Eisenbahnunglück ereignet hat,“ nahm

Ileisa das Wort, um das Gespräch gleich auf ein möglichst unpersönliches

Gebiet zu leiten.

Klamm nickte und berichtete.

Wie immer war, was geschehen, von dem Berichterstatter stark

übertrieben; aber es bestätigte sich, daß Klamm, da keine Notleine im

Coupé gewesen, letzteres geöffnet und bis zur Maschine geklettert war.

„Das können doch auch nur Sie thun,“ stieß Ileisa unwillkürlich heraus.

„Ich würde es vor Angst nicht wagen. Andere würden es auch nicht

versuchen —“

„Das Gefahrvolle liegt doch nur in der Vorstellung,“ entgegnete Klamm.

„Die Schaffner revidieren doch während der Fahrt die Billete —“

„Ja, die — sie sind's gewohnt,“ meinte Ileisa.

Für Augenblicke stockte das Gespräch. Klamm hatte nichts erwidert, und

die junge Frau war gesenkten Hauptes neben ihm hergeschritten.

Nun aber blieb Klamm stehen, sah sich um, ob er mit Ileisa allein sei,

und sagte:

„Erinnern Sie sich noch, daß wir schon einmal so neben einander

hergingen, gnädige Frau? Sie entwichen mir damals rasch. Sie waren mir

nicht wohlgesinnt, und nun, da Ihre guten Gesinnungen zurückgekehrt

sind, trotz der Erregung meiner Frau, werden wir durch andere Umstände

getrennt.

„Sie werden sich wundern, daß ich auf alte Zeiten zurückkomme. Aber ich

habe den heißen Drang nach Aussprache. Ich bitte, gehen wir noch eine

Weile hier, machen wir einen kleinen Umweg. Fürchten Sie nichts“ — fügte

Klamm bitter lächelnd hinzu — „meine Frau ist in Berlin. Sie wird uns

nicht wieder beobachten. —

„Und Sie — Sie? — Ich hörte auf dem Bahnhof, daß Ihr Herr Gemahl zur

Stadt gefahren sei. So wird auch er nicht schmollen können, daß ich die

Gelegenheit ergreife, mich von alten Zeiten wieder mit Ihnen zu

unterhalten — Nicht wahr, Herr von Knoop ist nicht auf dem Gute?“

„Nein — — Und er wird auch“ — Ileisa sprach's, obschon sie es eigentlich

nicht wollte, obschon sie es, nachdem es geschehen, schon bereute — „er

wird auch nicht mehr zurückkehren —“

„Wie? Er wird nicht mehr zurückkehren?“

„Nein! — Wenigstens nicht zu mir —“

„Gnädige Frau! — Was Sie mir sagen. Bitte, reden Sie. — Schenken Sie mir

Ihr Vertrauen.“

Ileisa zauderte, sie hob die Schultern und atmete tief auf. Aber in der

Ueberlegung, daß ihr Mann ihr ihre Freiheit bereits zurückgegeben,

überwand sie alle Bedenken. Auch drängte es sie, wie ihn, nach

Aussprache, nach Ablösung von der Qual ihres Innern.

„Mein Mann erklärte mir vor einigen Stunden, daß er sich mit seinem

Vater überworfen habe, daß er sich auf eigene Füße stellen, aber auch,

daß er die Ehe mit mir wieder lösen wolle. —“

„Wie? Das that er? Das ist geschehen? Und die Gründe?“

Ueber Ileisas Angesicht flog ein hartes Lächeln.

„Gründe? Er erklärte mir, daß er mir durchaus nichts vorzuwerfen, daß er

aber eingesehen habe, daß wir nicht für einander passen. Er berief sich

bei seinen kaltherzigen Erklärungen auf den Umstand, daß ja — auch — ich

— ihn nicht liebe — —“

„Und das stimmt mit den Thatsachen überein?“

Statt zu antworten, senkte Ileisa das Haupt, und ihre Hand strich über

ihre Augen, aus denen es unaufhaltsam hervortropfte. —

„Ah — Sie arme, liebe Frau,“ flüsterte Klamm weich.

„Wie fühle ich mit Ihnen — doppelt, da ich mich in gleicher Lage

befinde.

„Ja, in demselben Vertrauen, das Sie mir geschenkt haben, und das ich

ehren werde, bekenne ich Ihnen, daß ich fast vor einer gleichen

Entscheidung stehe, insofern schon, als auch ich nicht glücklich bin.

„Seien Sie nicht traurig, wenn sich alles friedlich lösen kann. Sie sind

die Bevorzugte. — Ich — ich vermag mich niemals von meiner Frau zu

trennen, es sei denn, sie legte diesen Wunsch an den Tag.

„Mein freier Wille ist durch das Gefühl der Dankbarkeit, das ich ihr für

ihre aufopfernde Pflege in meiner lebensgefährlichen Krankheit schulde,

gebunden. Eben dies Gefühl war's ja auch, das mich damals veranlaßte,

ihr meine Hand zu reichen. —

„Ja, gnädige Frau — wir sind beide den falschen Weg gegangen, Sie, indem

Sie, statt Ihr Herz sprechen zu lassen, damals Ihrer Umgebung allzu viel

Gehör über mich schenkten, und ich, indem ich zu weich an unrechter

Stelle war — etwas that, das, ich wußte es, mich einst gereuen würde.

Nun ist für mich ein Glück in der Ehe dahin. Selbst meine Arbeit, die

mich entschädigen könnte, macht mich nicht froh, weil meine Frau auch

auf sie scheel herabsieht, sie mir fortwährend zu verleiden sucht.

„Doch ich spreche von mir; — reden Sie — ich bitte Sie — von sich. Nur

das allerwärmste Interesse leitet mich. Ich möchte Sie ja so gern

glücklich wissen —“

Er sprach die letzten Worte so weich und herzlich, und seine

Empfindungen waren so lebhaft, und seine Gefühle quollen so stark über,

daß er ihr näher trat und sie unwillkürlich sanft an sich zog.

Und da neigte sie stumm das Haupt, und weinte sich aus wie ein

schluchzendes Kind. —

* * * * *

Inzwischen hatten sehr lebhafte Gespräche zwischen Herrn Knoop und

seinen Damen stattgefunden. Die Entschiedenheit, mit der Arthur

aufgetreten war, besonders aber die Gleichgültigkeit, mit der er die

Zuwendungsfrage behandelt, war Herrn Knoop so überraschend gekommen, daß

er zu gar keiner rechten Klarheit gelangen konnte.

Er hatte ja nur zur größeren Wirkung seiner Worte mit der Entziehung der

Jahresrente drohen wollen. Nun war durch Arthurs Verzichtleistung, die

neben ihrer Unnatürlichkeit sein Herz deshalb so stark berührte, weil

sie Arthurs Gemütlosigkeit selbst gegen seine Eltern nur allzu scharf

beleuchtete, alles verschoben und auseinander gerissen.

Frau Knoop pflanzte dagegen doch noch Hoffnungen auf. Sie erklärte, daß

sie sich von einer Unterredung mit Arthur ein Einlenken verspreche, und

daß sie auch Ileisas Einfluß vertraue. Grade dieser Zwischenfall könne

vielleicht eine Wandlung in alles bringen. Die Ehegatten würden sich

nähern, da nun Arthur materiell von Seiner Frau abhängig werden würde.

„Du wirst ihr doch dasselbe geben, wie ihnen beiden vorher?“ schloß Frau

Knoop ihre Rede.

Bevor Herr Knoop antworten konnte, sagte Margarete:

„Ich fürchte, liebe Eltern, daß die Dinge einen ganz anderen Verlauf

nehmen werden, als ihr voraussetzt.

„Ich stehe unter dem Eindruck, daß Arthur deshalb so entschieden hat,

weil er so die beste Gelegenheit findet, sich seiner Frau wieder zu

entledigen —“

Herr und Frau Knoop sahen ebenso überrascht wie erschrocken empor. Wenn

sie sich auch nicht verhehlten, daß die Ehe drunten im Nebenhause keine

glückliche sei, so war ihnen doch der Gedanke nie gekommen.

„Wie, das meinst du?“ fiel Frau Knoop, die ihrer Tochter richtigem

Instinkt außerordentlich vertraute, höchst beunruhigt ein. „Das wäre ja

schrecklich! Hat Arthur in diesem Sinn jemals mit dir gesprochen?

„Du lieber Himmel,“ beendete sie seufzend ihre Rede. „Wenn das nun auch

noch käme, wenn das das Ende wäre —“

Margarete überlegte, ob sie noch mehr verraten, ob sie ihren Eltern

mitteilen sollte, wie sich Ileisa bereits geäußert hatte!

Aber sie schwieg. Sie wußte, daß sie, wenn sie jetzt redete, damit

Ileisas Zukunft gefährden könne. Sie würden jetzt Ileisa die Schuld

beimessen. Noch waren ihnen, trotz allem Geschehenen, die Augen nicht

weit genug geöffnet. Natürlich! Dem Sohne konnte man es zur Not

nachsehen, wenn er sich für andere Frauen interessierte, sein eigenes

Weib vernachlässigte, oder gar die Treue brach. Aber sie — sie durfte

kein anderes Gefühl, als das des Enttäuschungsschmerzes in sich

aufkommen lassen!

Das waren die landläufigen Anschauungen der Menschen, und auch die ihrer

Eltern.

Margarete mußte, um Gutes für Ileisa zu erwirken, nachweisen, daß alle

Schuld Arthur zufalle, der in ihren Augen auch ganz allein der Schuldige

war.

„Es ist so, glaubt es mir! Er will wieder frei sein! Und daß Ileisa sich

nicht die Augen ausweinen wird, dessen bin ich gewiß! Ist das eine Ehe!

Wie geht er mit ihr um! Wann ist er einmal abends zu Haus'? Und wenn er

mit ihr zusammen ist, spricht er entweder gar nicht, oder redet mit ihr

wie mit irgend jemandem, mit dem ihn der Zufall in Berührung gebracht

hat.“

„Na, daß Ileisa auf ihn hätte mehr einwirken, daß sie sich auch ihrer

Pflichten besser hätte erinnern können, ist sicher,“ fiel ganz nach

Margaretes Erwartung ihr ihre Mutter in die Rede.

„Gewiß, sie macht keine Scenen, sie ist fügsam, weiß zu schweigen und

klagt nicht. Aber das hat ihn vielleicht grade gereizt. Er mit seinem

lebhaften Temperament will Anregung —“

„Es mag sein, Mutter, aber wenn Menschen so verschiedene Interessen

besitzen, tritt schon von vorneherein eine Entfremdung ein. Ileisa hat

eine ernsthafte Lebensauffassung, ist häuslich, sparsam und

wirtschaftlich! Musik, Lektüre und Unterhaltungen, die einen tieferen

Inhalt besitzen, langweilen Arthur, Gemütswärme und Zuspruch bezeichnet

er als Gefühlskomödie, und Pflichten, die er doch auch wahrlich hat,

erkennt er nicht an. Was soll denn die arme Ileisa thun?“

Frau Knoop mußte zugeben, daß ihre Tochter recht hatte. Aber aus der

schmerzlichen Einsicht entstand keine milde Gesinnung gegen Ileisa,

sondern ein bitteres Gefühl, daß jene so viel mehr wert war, als ihr

Sohn.

Herr Knoop hatte stark rauchend bisher zugehört, ohne die beiden Frauen

zu unterbrechen. Nun aber sagte er:

„Es muß eine faktische Trennung deshalb verhindert werden, weil wir

einen öffentlichen Skandal unter allen Umständen zu vermeiden haben. Das

wäre Wasser auf die Mühle aller der uns ungünstig gesinnten, von

neidischen Gefühlen erfüllten Familien.

„Nein, nein, das darf und soll nicht sein. — Können sie wirklich nicht

mit einander leben — ich hoffe, daß Margarete nur nach Eindrücken

urteilt, — dann darf nichts an die Oeffentlichkeit dringen.

„Und du urteilst doch nur vorläufig nach Eindrücken? Du antwortetest

nicht auf die Frage deiner Mutter, ob Arthur irgend etwas darüber

geäußert hat!“

„Nein, aber sie haben beide mir gegenüber nicht verhehlt, daß sie

unglücklich sind —“

„Hm — so also doch — — So weit ist Ileisa schon gegangen?“ warf Herr

Knoop betroffen hin.

„Für alle Fälle wollen wir hören, wie die Dinge zwischen den beiden

drüben verlaufen sind, was Arthur ihr gesagt hat! Geh' hinüber, Frau!

Ileisa soll herkommen! Arthur wird ja jedenfalls heute abend wieder

nicht zu Hause sein!“

Frau Knoop erhob auch keinen Einwand. Sie nickte still. So viel Trübes

ging durch ihr Inneres, und ein Spruch, den sie einmal gelesen, kam ihr

ins Gedächtnis:

„Nicht Willkür, Ordnung herrscht,

Wo Sonnen, Monde kreisen!

Gebannt an der Gesetze Kraft

Webt, was die Allmacht einst geschafft!

So sei's ein Vorbild

Dir, o, Mensch! Weich nicht vom Wege!

Weich nimmer von Gesetzen ab,

Die, unbefolgt, selbst Welten stürzt ins Grab!“

Der Zufall wollte es, daß sich Ileisa, von ihrem eigenen drängenden

Verlangen nach Aussprache ergriffen, aufgemacht hatte und das Gutshaus

betrat, während Frau Knoop zu ihr unterwegs war.

Frau Knoop traf bei ihrer sogleich erfolgenden Rückkehr, ihre

Schwiegertochter im Wohnzimmer, und fast gleichzeitig kamen auch Vater

und Tochter wieder und betraten das Gemach.

Durch diese Umstände wurde Margarete an ihrer Absicht behindert, Ileisa

vor ihrer Unterredung mit ihren Schwiegereltern erst mit einigen Worten

vorzubereiten. Sie wollte sie bitten, sich vorsichtig zu äußern, mehr zu

hören, als zu reden.

Es ergriff sie eine starke Enttäuschung, als sie nun bereits bei ihrem

Eintritt Ileisa thränenüberströmt in den Armen ihrer Schwiegermutter

fand.

„Ach, ich bin ganz fassungslos, Mutter. Arthur hat mir vordem erklärt,

daß er nicht ferner mehr mit mir leben will,“ stieß Ileisa, von ihrer

Erregung fortgerissen, heraus und bestätigte somit früher, als gedacht,

was Margarete als wahrscheinlich behauptet hatte. —

Der Abend verlief den Familienmitgliedern in einer grenzenlos bedrückten

Stimmung. Frau Knoop saß nach dem Abendbrot wie zerschlagen da. Während

sich ihre Hände an einer Arbeit rührten, tropfte es immer wieder aus

ihren Augen. Herr Knoop ging bald wortlos, bald aufgeregt sprechend, auf

und ab. Immer wieder wurde erörtert, wie man Arthur beikommen könne, und

immer wieder gelangten die Beteiligten zu dem Schluß, daß mit ihm nichts

anzufangen sein werde. Jedenfalls wollten sie alle — das wurde zum

Beschluß erhoben, — vorläufig das Gut nicht verlassen.

Sie wichen so besser allen Fragen aus. Hier auf dem Lande lag der

Verkehr weit auseinander, und ein erheblicher oder engerer hatte sich,

wie schon erwähnt, überhaupt zu ihrer Enttäuschung nicht entwickelt.

Und auch das Aeußerste wurde bereits ins Auge gefaßt.

Wenn schließlich die Dinge das traurige Ende wirklich nahmen — wenn

Arthur auf Scheidung bestand — dann waren Knoops dafür, daß Ileisa mit

ihrer Tante Berlin und überhaupt die Provinz verließ.

Dann wollten auch Knoops fortziehen.

Herr Knoop dachte an seine Heimat, an Holstein, wogegen die Frauen

durchaus nichts einzuwenden hatten. Wenn ihr Vater sich dort ein Gut

kaufte, war's ganz in ihrem Sinne.

Fräulein von Oderkranz und Ileisa konnten vielleicht künftig in Hamburg

wohnen. Dann konnten sie sich untereinander leicht erreichen.

So endete dieser Tag, und so wurde wiederum ein erheblicher Teil von dem

„großem Glück“ abgebröckelt, das dem Verkauf des Geschäftes und der

Nobilitierung hatte folgen sollen. —

* * * * *

Klamm hatte inzwischen gesonnen und gegrübelt, wie er die Dinge lenken

könne. Zuletzt war er zu seiner Mutter gegangen, die schon wiederholt

nach ihm gefragt hatte. Ihr war von den Dienstboten mitgeteilt worden,

daß Adelgunde abgereist sei und nicht wiederkommen werde. Alfred sollte

ihr Aufschluß geben. Es lag sonst nicht in ihrer Art, sich vorzudrängen;

sie wartete aus Grundsatz ab, bis man sie rief. Was einst Klamm seinem

Freunde Milano gesagt hatte, das legte er in dieser Unterredung seiner

Mutter dar, er verschwieg ihr auch nicht die zwischen ihm und Ileisa

stattgefundene Begegnung, die Scene, die seine Frau ihm gemacht, und das

abermalige Zusammentreffen mit der jungen Frau nebenan.

Und sie sagte:

„Ja, dein Fehler ist, daß du dich zu leicht von deinen augenblicklichen

Gefühlen beherrschen und Eindrücke zu sehr auf dich wirken läßt. Dein

gutes Herz steht in den gegebenen Fällen über kühler Erwägung.

„Ich rate dasselbe, was ich dir immer riet. Schließe einen Kompromiß mit

deiner Frau. Wenn ihr nicht zusammenleben könnt, lebt möglichst

erträglich ‚nebeneinander‘.

„Ihr seid's nicht allein, denen etwas zu wünschen übrig bleibt.

„Ich bin gar nicht erzürnt, daß deine Frau ohne Abschied fortgegangen

ist; sie hat wohl nicht darüber nachgedacht, daß mich das verwundern,

mich gar kränken könne. Und daß sie eine Klage um meinetwillen erhoben

hat, verüble ich ihr auch nicht. Junge Frauen betrachten meistens die

Mütter ihrer Männer ungefähr wie muhamedanische Nebenweiber! Sie wollen

ihre Gatten für sich allein haben. Man kann's ihnen wahrlich nicht

verdenken und muß den durch ihre Eifersucht hervorgerufenen Mangel an

unbefangenem Urteil ihrem krankhaften Eifersuchtsgefühl zu Gute

schreiben.“

Klamm hörte seiner Mutter Reden voll Bewunderung zu. Jegliches suchte

sie zum Guten zu lenken. Als er davon sprach, daß er Adelgunde den von

ihr schon wiederholt selbst erörterten Vorschlag machen wolle, einen

Besuch bei einer Freundin in Paris zu machen, äußerte sie ihren Beifall,

meinte aber, daß er Adelgunde dazu bringen solle, selbst diesen Wunsch

auszusprechen. Es würde sich sonst leicht Mißtrauen in ihr regen.

In solcher Weise von seiner Mutter angesprochen und gestärkt, begab sich

Klamm am folgenden Tage in die Stadt-Villa. Es war eben elf Uhr

vormittags geworden; Adelgunde hatte sich grade erhoben und saß beim

ersten Frühstück, als Klamm zu ihr ins Speisezimmer trat.

Als sie seiner ansichtig wurde, streckte sie ihm ihre Hand liebenswürdig

und mit der Miene völliger Unbefangenheit entgegen, und sagte:

„Das ist freundlich von dir, Alfred, sehr freundlich! Nun sehe ich, daß

du wieder gut bist! Ich konnte wirklich nicht anders handeln! Natürlich

bin ich zu weit gegangen! Ich habe dir Unrecht gethan, insofern, als du

ja nicht die Begegnung mit dem koketten Frauenzimmer herbeigeführt hast.

Aber im Recht bin ich wiederum auch!

„Und — und — was sagt Mama?! Hast du sie gesprochen? Grade wollte ich

ihr schreiben, und mich entschuldigen, daß ich so fortgegangen bin.

„Na, sie weiß es ja auch ohne Worte, daß ich keine böse Absicht damit

verband. — Erkläre übrigens! Welch einen fürchterlichen Lärm haben eure

Maschinen wieder einmal gemacht. Werden denn nun auch am Tage die

schrecklichen Ungeheuer in fortwährende Bewegung gesetzt?“

So sprach sie rasch und lebhaft nacheinander, erschöpfte alles, was sie

beschäftigte, auf einmal.

Klamm sah infolgedessen auch davon ab, die Vorgänge ausführlicher zu

berühren. Er sagte nur:

„Du erlaubst dir viel, Adelgunde. Was grade deine Sinne kreuzt, das mußt

du haben, ohne Rücksicht auf andere. Aber lassen wir das! und höre, was

ich meinerseits vorzuschlagen habe.

„Ich möchte unser Gut noch nicht verlassen. Die Witterung ist so milde,

und die Landluft so wohlthätig für meine Nerven, daß es thöricht wäre,

mich des guten Einflusses zu entziehen. Ich möchte auch mit meiner

Mutter die künftigen Dinge feststellen. Sie will nicht in die Stadt

zurückziehen. Es ist das auch von Wert! So haben wir stets jemanden, der

draußen nach dem Rechten sieht. Du mußt also allein hier wirtschaften,

oder du mußt dich überhaupt anderweitig einrichten. —“

„Was heißt das? Wie meinst du das?“ fiel Adelgunde befremdet ein. Und

gleich fuhr sie fort:

„Ah, ich weiß! Ich könnte meine Absicht ausführen, meine Freundin, Frau

von Stein, in Paris zu besuchen, das wäre eine Idee. — Das heißt,“

unterbrach sie sich wieder, und stockte.

„Nun? Was hast du? Ich finde den Plan sehr gut. Wenn du von Paris

zurückkehrst, werde ich auch den Wunsch haben, wieder in die Stadt zu

ziehen. — Also alles in Ordnung —“

„Jawohl, Alfred! Ich will nach Paris reisen! Aber nur dann, wenn die

Person — die Knoop — nicht draußen wohnen bleibt. Zieht sie es ferner

vor, unsere Nachbarin zu sein, trotz meines Verbots, so — so —“

„Du hast es ihr verboten? Was heißt das? Wie kannst du ihr etwas

verbieten? —

„Im übrigen ist deine Reizbarkeit gegen die junge Frau ungerechtfertigt.

Ich leugne gar nicht, daß ich etwas von ihr halte — viel halte — es wäre

unnatürlich, wenn es anders wäre, da ich mich damals mit ihr verloben

wollte. Aber ich habe sie doch niemals gesucht. Wir haben Knoops dann

einen Besuch gemacht, bei dem wir sie absichtlich nicht zu treffen

wußten, und damit war's vorbei.

„Also gieb nun deine Eifersucht auf. Laß Frau von Knoop bleiben oder

fortgehen! So viel ich gehört habe und weiß, ziehen die alten Knoops

ehestens wieder in die Stadt. So werden die Jungen wohl folgen!“

„Hm, du kannst sie aber auch in der Stadt treffen —“

„Um Himmelswillen, Adelgunde! Nun beschäftigst du dich plötzlich sogar

mit dieser Möglichkeit, während du doch eben nur den Wunsch

ausgesprochen, sie solle das Gut verlassen. Ich habe keine Lust und

Neigung, dir auf all diesen Wegen zu folgen. Ich werde darauf nicht mehr

antworten. Kommen wir zu Ende! Ich muß ins Geschäft! Es bleibt also

dabei. —“

„Ich muß ins Geschäft! betonst du. — Nicht einmal in so wichtigen Dingen

hast du Zeit — hast du Zeit für mich, Alfred! Ach — ich bin unglücklich.

— Ich hoffte einen Mann zu heiraten, der mit mir leben würde. Aber seine

wirkliche Braut, seine Frau, die er liebt, ist die gräßliche Zeitung,

das ewige Hasten und Jagen, der fürchterliche Geruch des Maschinenöls

und der Druckerschwärze. Gieb doch diese Beschäftigung auf! Wir wollen

wieder nach Dresden ziehen. — Wir wollen die Hälfte des Jahres auf

unserm Gute leben. Das waren köstliche Tage. — Gottlob, daß wir es nicht

verkauft haben. Dann lösen wir uns auch von dieser fürchterlichen

Knoopschen Gesellschaft, von diesen Parvenüs, von dieser koketten

Person, die nicht ruhen wird, bis sie dich mir ganz abgewendet hat. —“

So sprach, weinte und schluchzte die junge Frau, und Klamm ging auch

diesmal in allergrößter Unbefriedigung von ihr.

Er wußte zwar, daß sie nach Paris reisen, daß er vorläufig Ruhe haben,

und den Geschäften wurde leben können, aber es war doch nur ein

Aufschub. Wenn sie zurückkehrte, hatten sie von neuem Kompromisse mit

einander zu schließen. —

* * * * *

Inzwischen hatte Fräulein von Oderkranz an Ileisa einen Brief gerichtet,

in dem sie ihrer Verwunderung und ihrer Enttäuschung Ausdruck verliehen,

daß sie so lange nicht bei ihr gewesen sei. Sie sehne sich nicht nur

nach einem Wiedersehen, sondern müsse auch noch eine besondere

Angelegenheit mit ihr besprechen.

Es beherrsche sie seit Tagen ein Gefühl von Sorge und Angst, dessen sie

nicht Herr werden könne. Vielleicht sei's nur körperlich, aber nicht

minder unerträglich. Sie möge sie beruhigen und sobald wie möglich

kommen.

Ileisa ließ das Schreiben aus der Hand fallen und starrte — tief

schwermütig, wie in all diesen Tagen — vor sich hin.

Ihre Tante hatte eine nur zu starke Berechtigung, sich Sorgen

hinzugeben.

Ileisa graute vor dem Augenblick, in dem sie ihr alles offenbaren

sollte. Sie schwankte sogar, ob es überhaupt nicht besser sei, sie erst

schriftlich vorzubereiten. Aber sie verwarf doch diesen Gedanken

wieder. Sie würde dadurch die Unruhe, die die von ihr über alles

geliebte Verwandte beherrschte, sicher noch vermehren.

Charaktere und Schicksale · 第 15 / 21 题