Im übrigen waren sich Vater und Sohn nunmehr einig, daß sie in Theodors
Vorschläge willigen wollten. Es folgte gleich nach der unmittelbar
bevorstehenden Prüfung der von der Bank erwählten Kommission, in deren
Geschäftszimmer eine Zusammenkunft anberaumt und: Kaufpreis,
Zahlungsmodalität, Beteiligung, Direktorium, Aufsichtsrat und
Uebernahmetag festgesetzt werden.
Wenn Klamm, wie Theodor sicher behauptet hatte, eintreten und sich
beteiligen wollte, war die Sache sicherlich gemacht! Dann strich Herr
Knoop drei und eine halbe Million in die Tasche.
Und dann noch das letzte: die Nobilitierung! Was machte es aus, wenn von
den drei und einer halben Million wirklich selbst anderthalb hundert
tausend noch abgingen — der Rest war wahrlich ein Resultat, das sich
sehen lassen konnte!
Und darin waren sich Vater und Sohn einig. Sobald alles erreicht war,
wollten sie Theodor, den Onkel, ein für allemal von sich abthun.
Dafür war Margarete überhaupt schon immer eingetreten.
Sie hatte wiederholt gebeten, daß ihn die Familie so wenig wie möglich
ins Haus ziehe, ja, wie damals schon geplant, selbst mit stärkeren
Opfern alle Beziehungen zu ihm löse! Sie traute ihm durchaus nicht. Sie
glaubte an den Klammschen Güterbetrug!
Und bis zum legten Augenblick — noch am Abend vorher — war sie in ihren
Vater gedrungen, sich von dem Geschäft nicht zu trennen, und sich auf
Standes-Erhöhungspläne nicht einzulassen.
Bei allem aber blieb Herr Friedrich Knoop auf seinem Standpunkt stehen.
Er ereiferte sich durchaus nicht. Er betonte stets mit vollkommener
Ruhe, daß er materiell gar nicht besser fahren könne, als wenn er jetzt
verkaufe.
Ueber eine Million Thaler in sicheren Staatspapieren sei ein Resultat.
Darin müsse er Arthur recht geben.
Und der Adel? Er hieße lieber Freiherr Friedrich von Knoop, als Herr
Rentier Knoop! Gewiß, im Grunde sei dergleichen wie so vieles, ein
Nichts, ein Schaum, dem nachzujagen, eine Thorheit. Aber man lebe eben
in einer Welt der Komödien, und wolle man den absolut Vernünftigen
spielen, laufe man geradezu Gefahr, ins Irrenhaus gesperrt zu werden.
Und das wiederum so Vorgebrachte klang denn auch wahrlich nicht so übel!
Wie überall das, was die Sinne bestrickt, stets in anderen Farben
leuchtet, als die graue Vernunft.
Sie, die Vernunft, mit ihrer rauhen Tugend, paßt in die
Trappistenklöster, aber nicht in die Welt der Bedürfnisse, des
Genießens, des Ehrgeizes. — —
Während sich die Dinge in solcher Weise bei Knoops abspielten, saß am
Schluß der Woche abends im Millionen-Klub Alfred von Klamm neben einem
ihm bereits aus seiner Dresdner Zeit bekannten, jetzt in Berlin lebenden
Freiherrn von Milan, einem früheren Garde-Ulanen-Offizier, der wegen
eines Knieleidens hatte seinen Abschied nehmen müssen.
Zu Milan hatte sich Klamm stets sehr hingezogen gefühlt. Er war ein
Mann, der nichts weniger als schablonenhaft zugeschnitten war.
Auch er suchte etwas. Da er nicht ohne Vermögen war, vermochte er auch
so zu leben. Er wünschte aber eine ansprechende Thätigkeit zu finden und
sich — zu verheiraten.
Während sie einer Flasche Wein zusprachen, warf Milan die Frage nach
Klamms nächsten Plänen und nach — Klamms Gattin hin. Er fragte ihn ohne
Rückhalt, ob er sich in seiner Ehe glücklich fühle.
Sie hatten ihr Inneres einander so häufig geöffnet, daß keinerlei
Unzartheit darin lag.
Klamm ließ einen ernsten Ausdruck in seinen Zügen erscheinen, und sagte:
„Daß ich aus den mehr als bedrängten Verhältnissen herausgekommen bin,
daß sich meine teure alte Mama der Sorgen und der Vorwürfe, die sie sich
meinetwegen gemacht, entschlagen hat, ist ja ein unschätzbarer Gewinn.
Ja, ich muß sagen, daß ich dem Himmel nicht dankbar genug sein kann.
Wenn Sie mich aber fragen, lieber Freund, ob ich glücklich bin, so sage
ich — nein! Durchaus nicht!
„Immer mehr gelange ich zu der Einsicht, daß der Begriff Glück nicht zu
definieren ist. Ein Blinder kann sehr glücklich sein, ein Armer, ein
ewig Dienender, Entbehrender. Liebe zu unseren Mitmenschen, die Freude
am Kleinen, die Fähigkeit, eines Sonnenstrahls Verschönerungskraft mit
den Augen des Naturschwärmers würdigen zu können, Genußfähigkeit und
Gesundheit können uns glücklich machen!
„Am wenigsten erzeugt Geld, Besitz an sich, Glück —
„Es muß dem Erdenmenschen immer etwas zu wünschen übrig bleiben, etwas,
dem er entweder eifrig nachstrebt, und an dessen Gewinnung er dann
Freude erlebt, oder dessen Erfüllung er der alles reifenden Zeit mit
geduldigem Wartesinn überläßt.
„Das Furchtbarste ist: der Mann seiner Frau zu sein, in dem Sinne, daß
sie das Vermögen hat, man selbst nichts besitzt und deshalb in seinen
Bewegungen, Entschlüssen und Handlungen von ihr abhängig ist.
„Und darum antworte ich Ihnen: ich bin nichts weniger als glücklich.“
„Aber Ihre Frau Gemahlin vermag sich doch der besten Eigenschaften zu
rühmen. Sie ist bekannt wegen ihrer Liebenswürdigkeit, Klugheit und
Herzensgüte! Sie ist, wie ich sicher weiß, eine Sie sogar eifersüchtig
liebende Frau, lieber Klamm.“
Klamm bewegte erst leichthin das Haupt, dann sagte er, langsam
sprechend:
„Ja, aber wir passen nicht zu einander! Sie kennt und will nur
Vergnügen, und ich — ich habe jeglichen Geschmack daran verloren.
„Meine Frau kann eigentlich keinen Abend mit mir allein sein! Sie
musiziert, sie liest, sie plaudert wohl gern einmal über ernstere Dinge,
hat Talent für jene und Verstand für diese; aber es muß immer ein Zeuge
da sein, der sie bewundert, ihr zuhört, dem sie ihre kleinen Komödien
vorspielen kann. Es giebt Personen, die nur glücklich sind, wenn sie
jeden Tag als Akteure auftreten, ihre Fähigkeiten vor anderen leuchten
lassen können, wenn sie in Lust und Trauerspielen, in Vaudevilles und
Singspielen, die sie aufführen, oder zu denen sie sich als Teilnehmer
drängen, womöglich die Hauptrolle spielen und zum Schluß laut oder stumm
beklatscht werden.
„Solch ein Mensch ist meine Frau. Dazu kommt der verrückte, nicht zu
bannende Ehrgeiz, in der allervornehmsten Gesellschaft zu verkehren,
sich dieser anzuschließen, deren Modethorheiten oder üble Passionen
mitzumachen. Sie würde sich auch — wenn jene es ihr vormachten —
einbilden, sie müsse neben mir einen Geliebten haben. Daß sie ohnehin
schon dazu manche ernannt hat und immer wieder ernennt, macht sie sich
nicht einmal klar. Es ist aber der Fall. Kleine Liebeständeleien mit
flotten Offizieren oder Diplomaten, aber auch mit älteren Personen von
Distinktion gehören zu ihr, wie früher zu den alten Jungfern die Möpse
und Strickbeutel!
„Und nun die Abhängigkeit von ihrem Gelde! Das ist's, mein Freund. Sie
hat zwar anfänglich ausgesprochen, daß alles mir so gut gehören solle,
wie ihr, aber sie hat die Initiative, das gerichtlich festzusetzen,
nicht ergriffen. Und wenn ich bisweilen dachte, ich wollte ihr's
nachträglich abgewinnen, stockte ich doch. —
„Weshalb? — Ich habe ein Gefühl, daß ich mich dann erst recht in
unlösbare Fesseln schlage — ohne dem aber noch einmal meine Freiheit
zurückgewinnen kann —“
„Wie? Mit solchen Gedanken beschäftigen Sie sich, Klamm?“ fiel Milan
überrascht ein.
„Nein — und ja! — Ich will jetzt eben versuchen, ob meine Frau mir zu
willen sein will. Ich habe die Absicht, eine große Zeitung zu
übernehmen, in dieser Richtung zu wirken. Ich habe einmal Sinn für
öffentliches Leben, sozialen Fortschritt, Pflege der Kunst und
Wissenschaften. Meine Frau aber hat für dergleichen nicht das geringste
Interesse. Sie liest nicht einmal eine Zeitung. Und dergleichen
‚Thätigkeit‘ ist ihr viel zu bürgerlich. Das zieht mich ja von
Geselligkeit und all den Modelasten ab, an dem sie lediglich Gefallen
findet.“
Milan hatte bei Klamms Eingangsworten besonders ausgehorcht. Nach einer
näheren Erörterung darüber, sagte er:
„Vielleicht können Sie mir — können wir uns die Hand reichen! Ich teile
Ihren Geschmack, ich würde sehr gern die Stellung eines ständigen
Mitarbeiters an Ihrer Zeitung übernehmen. Ich habe — wie Sie wissen —
schon ziemlich viel geschrieben: Militärisches, National-Oekonomisches
und auch Feuilletonistisches. — Vielleicht hat's der Zufall gefügt, daß
wir an einer Sache gemeinsam arbeiten können. Das würde mich sehr
freuen! Ich möchte auch in die Kammer gewählt werden. Ich habe ja
Grundbesitz und bin nicht ohne Einfluß in meinen Kreisen.“
In diesem Sinne festen die beiden Männer ihre Unterredung bis in die
Nacht fort.
Erst um drei Uhr morgens schritten sie zusammen die Friedrichstraße und
später die Leipzigerstraße hinab. Und heute etwas gehobener denn seit
langer Zeit, stieg Klamm die Hoteltreppen empor, und suchte den Segen
des größten Gottes, der sich dem Menschen nähert — den Schlaf. —
* * * * *
Der Abschluß war erfolgt. Herr Friedrich Knoop hatte seine Buchdruckerei
und seine Leitung an die Aktiengesellschaft für den von ihm bedungenen
Preis verkauft. Die Anzahlung war bereits gemacht, und die Erledigung
der übrigen Raten war von der an dem Geschäft beteiligten Bank
garantiert worden.
Und Freiherr Alfred von Klamm war als Vorsitzender des Aufsichtsrates
mit der Maßgabe erwählt worden, daß es ihm überlassen sei, für die
Direktionsgeschäfte eine passende Persönlichkeit ausfindig zu machen.
Vorderhand sollte er selbst aber als Direktor eintreten, und im Fall er
Neigung besitze, diese Thätigkeit fortzusetzen, den Vorsitz an eine
andere Persönlichkeit abgeben. Eine starke Enttäuschung hatte die
Familie Knoop dadurch erlitten. Auf Arthur war nicht — wie Friedrich
Knoop und die Damen angenommen und gewünscht hatten — die Wahl gefallen.
Klamm war vor dem Uebergang an die neue Gesellschaft einigemale mit
Arthur in Berührung gelangt, hatte jedoch an der Selbstgefälligkeit und
der unangenehm wirkenden Sicherheit des sich mit den Händen in den
Hosentaschen vor ihm ausstellenden jungen Menschen so wenig Geschmack
gefunden, daß er ihn aus der Zahl der Bewerber von vornherein
ausgeschieden.
Er wünschte gegebenen Falles völlig neue Bahnen, und hatte sich deshalb
auch in der Wahl der Anstellung anderer Beamten das Recht selbständiger
Entscheidungen vorbehalten.
Knoops waren auch schon aus dem Wohnhause fortgezogen, Klamm hatte dort
seinen Einzug gehalten.
Sonst hatte sich äußerlich zunächst nichts verändert.
Klamm empfing sämtliche Angestellte und versicherte sie, daß jeder, der
seine Pflicht, wie bisher, gewissenhaft ausübe, auf seinem Platz bleiben
und von ihm bestens beschützt werden werde.
Wo früher Herr Friedrich Knoop in dem Arbeitszimmer mit den zahlreichen
Klingelknöpfen geherrscht, da saß nun — der einst kurzweg Entlassene! —
Und in einem vornehmen Villenbau in der Kurfürstenstraße, den Herr Knoop
gekauft hatte, wurden zu gleicher Zeit die Hochzeitsfeierlichkeiten
zwischen Arthur und Ileisa vorbereitet. Das Aufgebot war erfolgt, und
der Tag der Vermählung bereits festgesetzt.
Zunächst waren die Gemüter auch noch sehr gehoben. Die Erwartung hielt
alle in Atem, sie ließ sie zu rechten Nebengedanken nicht gelangen. Herr
und Frau Knoop beschäftigte die Sorge, wie sie ihrem Sohn alles
möglichst vollkommen herrichten könnten. Sie waren viel unterwegs,
prüften, wählten und zogen den Geldbeutel.
Aber auch die beiden jungen Mädchen waren ganz bei der Sache,
und wenn nicht Ileisa die Nadel rührte oder mit Margarete
Aussteuer-Angelegenheiten überlegte, begab sie sich an ihres Verlobten
Arm auf die Suche nach einer Wohnung.
Und der junge Mann kritisierte nach seiner Art das meiste, zeigte aber
doch auch dabei den praktischen Sinn, der eine seiner besten
Eigenschaften war.
Im übrigen hatte er sich auch schon nach einer neuen Thätigkeit
umgesehen.
Sein Vater hatte sich bereit erklärt, ihm und Ileisa den Zinsgenuß einer
Million Mark zu überweisen; eine gleiche Rate sollte Margarete bei ihrer
Hochzeit werden. Den Rest wollten die Alten für sich verwenden.
Kapital wollte Herr Friedrich Knoop nicht hergeben. Sein Sohn und sein
künftiger Schwiegersohn sollten der Gefahr entgehen, jemals zu verarmen.
Sie sollten sich, falls sie Geld für Geschäftszwecke brauchten,
anderweitig umsehen.
Arthur hatte auch keinen Einwand erhoben. Wenn er über eine Rente von
40000 bis 50000 Mark verfügte, dann konnte er „standesgemäß“ existieren.
Es würde sich finden, was er noch that und wie er sich einrichtete.
Als Ileisa einmal bescheiden davon gesprochen hatte, daß er ihr einen
Liebesbeweis an den Tag legen würde, wenn er ihrer Tante eine jährliche
Beihilfe zuwende, hatte er „solches zu überlegen“ versprochen. — Es war
aber sehr bezeichnend gewesen, daß er seinen Vater ersucht hatte, diese
Last zu übernehmen.
Herr Knoop hatte unter der Bedingung ja gesagt, daß die Dame ihm
dagegen nach ihrem Tode ihr Vermögen überweise.
Dann vermochte er sich voll oder zum Teil wieder von dem Ausfall zu
erholen. Fräulein von Oderkranz konnte noch zwanzig Jahre und länger
leben! Es hieß also eine erhebliche Summe verschenken, wenn sie ein
hohes Alter erreichte.
Arthur hatte nicht den Mut gehabt, seiner Braut diese „kaufmännischen
Pläne“ zu unterbreiten, er hatte nur gesagt, daß er es geordnet habe,
daß die alte Dame die von Ileisa gewünschte vierteljährliche Rate
erhalte.
Und sie hatte ihn — ahnungslos über die Vorgänge — geküßt und sich
bedankt.
Vier Tage vor der Trauung hatte Ileisa noch eine Unterredung mit ihrer
Tante in der früher erwähnten Wohnung.
Fräulein von Oderkranz schaute auf, und auf den knochigen Backen
erschien das Rot freudiger Erregung, als Ileisa in einem äußerst
geschmackvollen, neuen Radkostüm in dunkelblauem Stoff zu ihr ins Zimmer
trat.
„Reizend siehst du aus, mein süßes Kind! Wohl ein Geschenk von Arthur?“
warf sie belebt hin.
„Ja, Tante! Aber nicht nur das! Sechs neue Roben hat er mir auf einmal
gekauft, und alles, was irgendwie sonst noch dazu gehört. Und sieh nur,
das Geschenk von Vater!“
Hierbei knöpfte sie das Jacket auf und zeigte auf eine Brosche, die
einen Saphir in der Mitte barg, der von zahlreichen Brillanten umgeben
war. Es blitzte das Geschmeide. Die klassische Büste des schönen
Mädchens hob sich unter dem straff geschnittenen Kleide, und ein
Ausdruck glücklicher Befriedigung verschönte ihre Züge. Sie hatte, wie
sie so dastand, etwas Berückendes.
Unwillkürlich stieß die alte Dame heraus:
„Nun? War's nicht gut, daß wir's so machten? Haben wir nicht alles
erreicht? Bist du nicht glücklich?“
Und Ileisa nickte und zwang sich, an etwas zu glauben, was ihr Inneres
bestritt, schwatzte aufgeräumt und verließ ihre Tante erst nach geraumer
Zeit.
Aber an dem Abend desselben Tages nach dem Zusammensein mit ihrem
Verlobten, lagen Schatten auf ihrer Stirn, es wühlte und nagte etwas in
ihrem Innern, dessen sie nicht Herr werden konnte.
Bevor sie an diesem Abend zur Ruhe ging, warf sie sich Margarete an den
Hals und weinte und schluchzte bitterlich.
„Was ist, meine einzige Ileisa!“ flüsterte die warmherzige Freundin.
„Ach, Grete! Glaubst du, daß ich deinen Bruder glücklich machen werde?“
sprach sie nach deren wiederholter Aufforderung, ihr ihr Herz
auszuschütten, mit verzagender Stimme.
„Seltsam! Je näher der Augenblick kommt, desto mehr ängstige ich mich!
Wenn wir nur zu einander passen, Grete. — Natürlich, nur dir sage ich
das — und nur zufolge meiner Gewissenhaftigkeit in allen ernsten Dingen.
Glaube nicht, daß ich irre geworden bin. Jeder hat ja seine Art. Arthur
wird auch manches an mir lieber anders sehen —
„Es ist körperlich — gewiß nur körperlich! Ich erleichtere mich schon
durch Aussprechen —“
So belog sie sich selbst, zog in demselben Augenblick zurück, was sie
eben betont hatte, und setzte voraus, daß Grete alles so hinnähme, wie
es ihr in ihrer wechselnden, durch ihre seelische Bedrückung
hervorgerufenen Stimmung wünschenswert war.
Die kluge Margarete schwankte, ob sie Ileisa zurufen sollte: „Was nützt
die Verstellung, was nützt das Hinausschieben! Sage noch heute: Ich kann
nicht! Ich will nicht! Sei wahr und ehrlich gegen dich und meinen
Bruder, dem ich mich niemals zu eigen geben würde.“
Aber dieselben Bedenken, die Ileisa bestimmten, sprachen auch bei ihr.
Was sollte aus ihrer Freundin werden? Stieß sie auch hier zurück, was
sich ihr bot, war's sicher für immer aus.
Daß sich ihr Vater, und daß Arthur sich niemals ferner um sie kümmern
würden — und wenn sie selbst in höchste Not geriet — wußte sie. Sie
wußte es, obschon ihr Vater ein zu beeinflussender Mann war, obschon
ihre Mutter ein gutes Herz besaß. Und Arthur? Er würde vielleicht sogar
eine boshafte Freude empfinden, wenn die, die ihn verschmäht hatte,
unterging.
Sie sprach zu ihrer Freundin:
„Ich las jüngst, daß ein Mann vor der Ehe seiner Tochter riet:
„Nimm dir vor, dem Mann deiner Wahl ein guter Kamerad zu sein! Prüfe, ob
er Widerspruch verträgt! Wenn nicht, beherrsche ihn durch Schweigen!
Willst du etwas erreichen, was ihm und dir nützlich ist, wähle immer den
rechten Augenblick. Darauf kommt alles an. Selbst Teufel haben eine
Stelle, wo sie, angefaßt, vergessen, daß sie Engel zu bekämpfen haben!
Kannst du nicht in ‚Liebe‘ leben, so erstrebe, es in ‚Frieden‘ zu
können. Das ist das A und O der Ehekunst —“
* * * * *
Neun Monate waren nach diesen Ereignissen vergangen.
Ileisa hatte geheiratet, mit Arthur eine Hochzeitsreise gemacht, war
zurückgekehrt und nun bereits gewohnt worden, daß sie ihr Mann abends
häufig allein ließ. Gegenwärtig waren die alten Knoops nicht in Berlin.
Sie hatten sich nach dem Süden begeben, um die Nachwirkungen einer
stärkeren Unpäßlichkeit, die sie beide ergriffen hatte, endgültig zu
beseitigen.
Die Nobilitierung war noch immer nicht erfolgt, aber Arthur hatte auch
noch immer keine Thätigkeit gefunden. Er hatte sich Pferde und Equipagen
angeschafft und in auffallende Livreen gekleidete Diener waren
angenommen worden.
Im Grunde konnte er sich diesen Luxus neben den vielen anderen Ausgaben
nicht leisten, aber er rechnete auf die Einnahme, die ihm durch seine
Thätigkeit werden würde.
Theodor Knoop hatte Berlin ebenfalls vorübergehend verlassen. Es hieß,
daß er sich zum Vergnügen nach Paris begeben habe. Mit der Provision in
der Tasche, die ihm sein Bruder ausgezahlt hatte, konnte er sich wieder
einmal auf's Nichtsthun und Wohlleben legen.
Die Haltung Klamms hatte seinen Fortgang beschleunigt. Man hatte ihm
erzählt, daß Klamm geäußert hätte, er werde ihm, wenn er sich nicht aus
Berlin entferne, wegen alter Unregelmäßigkeiten rücksichtslos zu Leibe
gehen.
Ileisa suchte sich durch einen lebhaften Verkehr mit ihrer Tante für das
zu entschädigen, was sie in ihrer Ehe entbehrte, und Arthur hinderte sie
nicht daran. Wenn ihn sein fortwährender Vergnügungsdrang aus dem Hause
trieb, war sie nicht immer allein. Es paßte ihm eine solche „Aja“
vortrefflich.
Viel beschäftigte sie sich auch mit Lektüre und Musik, und setzte aus
der Ferne die Beziehungen zu Margarete durch eine regelmäßige
Korrespondenz fort. Sie holte sich Wohlgefühl und Erhebungen, wo sie sie
fand. Im übrigen war in ihrem Hause alles so neu, so schön, so
ausreichend und bequem, daß schon die Freude an dem Besitz ihr anfangs
leichter über die Leere weghalf, die sie an der Seite ihres Mannes fand,
nachdem seine Leidenschaft abgekühlt und der alte Mensch wieder in ihm
eingezogen war.
Arthur war weder warm, noch besonders rücksichtsvoll. Er verkehrte mit
ihr, wie mit allen anderen.
Aber er war auch gelegentlich gar schon brutal gegen seine Frau gewesen.
Wenn sie ein einschränkendes Wort über Ausgaben gewagt hatte, die er
machen wollte, hörte sie Worte, wie:
„Du sollst es ja nicht bezahlen! Also verdrehe dir deinen Kopf, nicht
den meinen! Gewöhne dir überhaupt das Moralisieren ab. Damit hat niemand
Glück bei mir!“
Und ein andermal, als sie ihn gefragt, ob er noch immer keine Thätigkeit
und keinen Verdienst gefunden, hatte er ihr erwidert:
„Na, hast du's denn noch nicht gut genug? Früher warst du — so viel ich
weiß — bei deiner Tante doch nicht so sehr verwöhnt —“
Und als ihr unter Erblassen die Worte entschlüpft waren:
„Ah — wie — unzart, ah, wie —“ hatte er zornsprühend gerufen:
„Nun —? Was denn noch mehr? Was beliebt noch?“
Und: „O, nein — nein — nichts! — Gar nichts!“ war ihm Ileisa, sich
erschrocken fügend, in die Rede gefallen, hatte die Hand auf die erregte
Brust gedrückt und sich seinem Anblick entzogen. —
„Dieser Schuft, dieser Lump, dieser Theodor,“ hatte grade an einem der
letzten Tage Arthur bei Tisch herausgestoßen.
„Du meinst? Ist wieder etwas geschehen?“ hatte Ileisa sanft gefragt.
„Ja, ich meine, wie er uns mit seinen Zusicherungen beschwindelt hat.
Nichts regt sich. Von der Nobilitierung schweigt alles. Als ich heute
vormittag einen Unterbeamten im Heroldsamt zu sprechen wußte, erklärte
der mir, daß die Akten gar nicht wieder behandelt wären. Er glaube
nicht, daß dem Antrag Folge gegeben werden würde —“
„So lasse es denn, lieber Arthur! — Wir haben ja alles, was wir wünschen
und brauchen! Wenn du auch noch eine Beschäftigung findest, können wir
doch wahrhaft mit unserm Schicksal zufrieden sein.“
„Nun kommet du wieder mit deiner Beschäftigung,“ stieß Arthur, aufgeregt
und rücksichtslos im Ton, heraus.
„In den letzten Tagen haben mich die im anderen Hause mit diesen Reden
schon halbtot geödet. Namentlich entwickelt Margarete darin eine solche
bevormundende Beharrlichkeit, daß ich ihr schon erklärt habe, sie möge
sich gefälligst um ihre eigenen Kochtöpfe bekümmern, mich aber in Ruhe
lassen. Ich werde schon wissen, was ich zu thun habe. —
„Da fällt mir übrigens ein: Sie wünschen, daß wir heute abend zu ihnen
zum Abendbrot kommen. Wir treffen uns um acht Uhr dort! Ich kann dich
nicht abholen, ich muß heute nachmittag Geschäfte besorgen.“
Ileisa hatte sich schon daran gewöhnt, daß sie eigentlich nur neben
ihrem Gatten einherging. Wenn er einmal, entsprechend seinem Verhalten
während der Verlobungszeit, wieder ein fügsames und gemütlicheres Wesen
hervorkehrte, so mußten sie diese Augenblicke für seine Unpersönlichkeit
und Kälte entschädigen, denen allerdings auch alle anderen, die mit ihm
in Berührung traten, ausgesetzt waren.
Das waren dann die kleinen lachenden Inseln, die in dem uferlosen Meer
auftauchten, auf dem sie sich befand. Es war eben alles so eingetroffen,
wie sie es — von Zweifeln während ihrer Brautzeit wiederholt ergriffen —
vorhergesehen. Neuerdings kam sie, da mit den alten Knoops auch
Margarete wieder zurückgekehrt war, leichter über die Entbehrungen ihres
Herzens und die sich in ihr immer mehr festsetzende Bitterkeit fort. — —
* * * * *
Aehnlich, wie bei den jungen Knoops, standen die Dinge bei Klamms, nur
mit dem Unterschiede, daß sich Alfred von Klamm auf die Arbeit geworfen,
und mit Eifer und mit immer steigenderem Erfolge den Geschäften, der
Leitung und der Druckerei zugewendet, hier Ersatz für das zu finden
gesucht hatte, was er in seiner Ehe entbehrte.
Es kamen nicht eigentlich Scenen zwischen ihm und Adelgunde vor. Dazu
war er zu kavaliermäßig geartet, und dazu war sie eine zu leichtlebige,
bequeme Natur. Ueberdies wirkte bei ihr noch die eifersüchtige Liebe
nach, die sie für Klamm empfand.
Aber es verging fast keine Woche, in der sie nicht über die eingetretene
Veränderung klagte.
Er war und blieb ein Gegner von Visiten, überflüssigen
gesellschaftlichen Rücksichten und all den Nichtigkeiten, die nun einmal
für Frau Adelgunde den Mittelpunkt ihrer Gedanken bildeten.
Ihre Toilette, ihre täglichen Ausfahrten, ihre Besuche und jene Sucht,
stets einen Hofhalt um sich zu bilden und eine Hauptrolle zu spielen,
hielten sie in Atem. Und da Alfred nur immer mit halbem Interesse dabei
war, oder deutlich zeigte, welchen starken Zwang er sich auflegen müsse,
ihr nachzugehen, da ihn immer nur seine Zeitung, seine Geschäfte, die
Politik und öffentliche Vorgänge interessierten, lebte jeder ein Dasein
für sich. Jeder legte an den Tag, daß er sich in des anderen Thun und
Treiben nicht hineinzuversetzen vermöge.
Was Frau Adelgunde besonders empfand, war der Umstand, daß sich die
bereits angebahnten Beziehungen zu den höchsten Kreisen der Berliner
Gesellschaft schon wieder zu lockern begannen, nachdem ihr Mann die
Leitung übernommen hatte.
Es wurden einmal Unterschiede gemacht! Man bediente sich seiner, wenn
man ihn brauchte — eine Zeitung war eine Macht — aber der früheren
Gesellschaftsgleichberechtigung geschah Beeinträchtigung. Wenn man auch
Herrn von Klamm einlud, wenn er auch zu den Ministerabenden entboten
wurde, so nahm man doch von Adelgunde keine Notiz.
Grade das nagte an der lebhaften und ehrgeizigen Frau. Als sie sich
einmal mit einem Gesandtschafts-Attaché aus fürstlichem Geblüt in einer
Abendgesellschaft begegnete, erklärte sie bei den Erörterungen über
Ehrgeiz und Erfolge, sie würde ihre höchste Befriedigung darin gefunden
haben, als Mitglied eines Fürstengeschlechtes geboren zu sein.
Und als der Artigkeiten gegen Frauen gewohnte Hofmann ihr erwidert
hatte, daß er allerdings glaube, daß kaum eine der Berliner Damen so
sehr die Allüren dazu besitze, wie sie, war sie überglücklich.
Sie hatte auch Alfred davon Mitteilung gemacht; sie hatte damit die
Absicht verbunden, ihm zu imponieren. Er aber hatte gesagt:
„Wenn du nur wüßtest, welche Freuden in der Welt ausgestreut liegen und
nur aufgehoben zu werden brauchen. Aber du willst nichts dazu thun, um
ihrer teilhaftig zu werden.“
„Ach, bitte, Alfred, komm mir nicht wieder mit den Hinweisen auf das
Krähen der Hähne und das Brüllen der Rinder auf dem Lande. Ich kann
einmal weder etwas Poetisches noch Melodisches darin finden. Ebenso geht
mir der Sinn dafür ab, an den Krankenbetten alter Bauerweiber zu sitzen
und Christentum zu üben. Ich finde es schrecklich! Und die kindische
Freude an vollen Leinenschränken, selbstgemachten Handarbeiten,
Einmachen von Früchten und Gurken geht mir nun einmal ebenso sehr ab,
wie das Interesse für die langweiligen Zeitungen mit ihrer Kritik, ihren
Lügen, ihren Uebertreibungen, ihrem Furchtmachen vor Kriegsgefahr und
anderer Sensationsmacherei! Ich kann es ja doch nicht ändern.
„Du sprachst neulich von Wohlthätigkeitsvereinen! Nun ja! In ihnen hat
man wenigstens ein bischen Amüsement, man kommt mit Menschen in
Berührung. Aber dieser Frauenbewegungsübereifer und all das entsetzliche
Reden über die verkannten Rechte unseres Geschlechtes treiben mich zum
Widerstand.
„Ich sage es frei, wie ich es meine. Sehr, sehr viele denken ebenso,
wagen es nur nicht auszusprechen.“
„Ja, ja, du bist ein echtes Weltkind, du kannst froh sein, daß du nicht
auf Arbeit und Erwerb angewiesen bist, sonst würdest du anders reden,
Adelgunde. Und wenn du nur einmal auf dich Einfluß ausüben lassen
wolltest! Wenn du dich mit der Natur, mit Kindern und einfachen Leuten
abgeben, diese Menschen suchen und ihnen Interesse abzugewinnen dir Mühe
geben würdest! Wenn du überhaupt so recht ins Leben hineingreifen und an
allem teilnehmen wolltest, dann würdest du erkennen, daß die Freuden,
die du dadurch empfängst, mit anderen, die du jetzt schätzest, gar nicht
zu vergleichen sind.
„Was meinst du, Adelgunde, wenn wir ein Kind annähmen?
„Ich glaube, die Beschäftigung mit einem solchen würde dich ausfüllen,
befriedigen, würde dich von den Nichtigkeiten ablenken, denen du
nachgehst und die dich — im Grunde — doch nicht befriedigen —“
„O nein, nein, Monsieur le Baron Alfred,“ wehrte die Frau ohne
Empfindlichkeit, mit lustigem Pathos ab, beugte sich zu ihm herab und
küßte ihn.
„Ich will kein Kind! Ich bin glücklich, daß uns keins beschert ist! Nur
für dich thut es mir leid,“ schränkte sie gutherzig ein. „Aber gar ein
fremdes? Na, wie dergleichen ausfallen kann, sieht man doch an zahllosen
Beispielen.
„Nein, nein! Es geht ja auch so! Jeder fügt sich dem andern. Ich wäre
ja auch ganz glücklich, wenn du nur nicht diese gräßlichen bürgerlichen
Passionen hättest, wenn du nur nicht grade auf diese Thätigkeit geraten
wärest.
„Wie herrlich war's, als du mit der Pfeife im Munde und mit dem
eisenbeschlagenen Feldstock in der Hand über unser Gut schrittest, oder
wenn unsere Füchse vor unserem Jagdwagen ungeduldig auf und ab tanzten,
wenn wir die Nachbarn besuchten, unsere reizenden kleinen
Sommergesellschaften arrangierten, uns auf die Freuden des Winters
präparierten, auf unseren Reisen interessante Menschen kennen lernten,
so Anregung, Belehrung schöpften, sorglos, fröhlich und befriedigt
waren!
„Was hast du jetzt? Verantwortung, Sorgen, Aerger, Abspannung — und
Undank! Ja, ja — Undank! Wie sind sie neulich bei Theobalds über die
Zeitung hergefallen.
„Ich hörte es, ohne daß die Gruppe der Schwätzer es ahnte.
„Mich, liebster Alfred, stellst du allezeit als ein im Grunde
verlorenes, lediglich Thorheiten treibendes Wesen hin. Aber mit welchem
Recht? Ich habe die Passionen einer Dame! Ich liebe Musik, Lektüre, ich
liebe interessante und geistvolle Menschen, und ich bin dir trotz
kleiner Gefallsüchtigkeiten so treu, wie nur eine unvollkommene Eva
sein kann. Aber ich suche dir auch dein Haus gemütlich zu machen und
dich nach Kräften zu pflegen.
„Also laß das Geschelte, schränke deinen langweiligen Lebensernst ein!“
Nach solchen Antworten war Alfred entwaffnet, diese Art versöhnte ihn
wieder. Sie weckte alle Zuneigung und weckte seinen Gerechtigkeitssinn,
der ihm sagte: wenn selbst den von dem großen Weltgeist regierten, und
in den himmlischen Höhen kreisenden Sonnen, Planeten und Monden Mängel
anhafteten, erst recht den, von demselben Schöpfer geschaffenen
Kreaturen, die sich Menschen nannten, winzige Unvollkommenheiten eigen
und nachzusehen seien.
Wie Ileisa die Klugheit, die Nüchternheit, den Ordnungssinn und den wenn
auch zur Zeit falschen Zielen nachjagenden Ehrgeiz ihres Mannes
schätzte, wie sie sich an seinen gelegentlichen, besseren Launen wieder
von seiner Herzenskälte aufzurichten suchte, so auch Alfred an der
liebenswürdigen Gemütsrichtung seiner Frau.
Und es würden sich diese beiden Ehen, wie so viele tausende andere, die
im Grunde nicht glücklich sind, wohl miteinander ein- und ausgelebt
haben, wenn nicht Ereignisse eingetreten wären, die so stark auf die
Mitglieder eingewirkt hätten, daß ihr Wille und ihre Fertigkeit daran
gescheitert wären.
* * * * *
Alfred von Klamm befand sich bei seiner Mutter; sie hatte ihn gebeten,
sie zu besuchen. Sie wohnte noch in der Kurfürstenstraße, in der damals
von Klamm gemieteten Etage, war wieder hergestellt und nahm an allem,
was ihren Sohn und ihre Schwiegertochter betraf, den lebhaftesten
Anteil. Sie wünschte ihn zu sprechen, weil sich Adelgunde wieder einmal
an sie gewandt hatte, um ihre bei ihrem Manne auf Widerstand stoßenden
Pläne durchzusetzen. Er war fast niemals dazu zu bewegen, an den
Premieren im Theater teilzunehmen. Nur wenn er selbst einmal eine Kritik
über ein neues Stück, oder über die Leistungen eines Künstlers auf
anderem Gebiet schreiben wollte, trat seine Abneigung zurück, grade dann
einem öffentlichen Konzert oder einer Ausführung beizuwohnen. Für
Adelgunde hatte aber just die Teilnahme an den ersten Vorstellungen den
allergrößten Reiz. Sie konnte sehen und konnte gesehen werden.
Das Publikum, das für ein Opernplatzbillet bei Gelegenheit des
Erscheinens einer Berühmtheit fünfzig bis hundert Mark bezahlte, war
dasjenige, was ihr gefiel, mit dem sie sich gleichgestimmt fühlte.
Adelgunde steckte sich in solchen und anderen, mit ihrer Eitelkeit
zusammenhängenden Fällen hinter Frau von Klamm, und die gab sich auch in
ihrer Herzensgüte dazu her, Alfred zuzureden, seiner Frau
entgegenzukommen.
Und oft gelang's ihr auch; aus Gutherzigkeit willigte er ein. Neuerdings
hatte sich Adelgunde in den Kopf gesetzt, ihr Gut bei Dresden zu
verkaufen. Da sie nun doch in Berlin ferner leben sollte, wollte sie in
nicht zu weiter Ferne von der Hauptstadt ein anderes erwerben.
Sie schwelgte schon im voraus in dem Gedanken, dort im Sommer ihre
Berliner Bekannten zu empfangen, Feste zu geben, und das Dasein in
solcher Weise zu genießen.
Es gehörte zur Befriedigung ihrer Eitelkeit, und sie geriet dadurch in
die Lage, mit den adligen Gutsbesitzern der Umgegend in Berührung zu
gelangen.
Nur kein Stillstand, keine Einförmigkeit, keine Langeweile! Jeder Tag
mußte etwas Besonderes bringen, mußte in seiner Art ein Festtag sein.
Klamm hatte sich zunächst ihren Plänen widersetzt. Es widerstrebte ihm,
den Besitz bei Dresden, der so lange Eigentum der Familie gewesen, auf
dem auch er gearbeitet und so mancherlei gefördert hatte, zu veräußern.
„Wer weiß, was wir wieder erhalten! Bei Güter- und Pferdekäufen das
Richtige treffen, ist sehr schwer! Wie nun? Wenn wir für schönes Gold
Kupfer einhandeln? Wir wollen doch dein Vermögen zusammenhalten,“ hub er
morgens beim Frühstück an.
„Warum sprichst du immer von ‚meinen‘ Vermögen?“ fiel ihm Adelgunde in
die Rede. „Warum sagst du nicht: ‚unser‘ Vermögen?“
„Weil es dein Geld ist, was gewagt werden soll —“
„Du hast doch auch mein Geld — wenn du auf dieser Unterscheidung
bestehst — an dem Knoopschen Zeitungsunternehmen gewagt und bist voll
Vertrauen! Weshalb sollten wir denn grade hierbei getäuscht werden?
„Andere Menschen kaufen auch Güter und machen einen guten Handel. Es
giebt doch zuverlässige Leute und auch Sachverständige. Wir können doch
letztere zu Rate ziehen.“
„Hm — Ja, es ist möglich! Aber wer kauft uns den Besitz bei Dresden ab?
Und wenn — wer bezahlt ihn uns so, wie wir ihn schätzen?“
„Das ist denn auch kein Unglück. Wir können ihn ja auch zur Not
behalten! Behalten wir ihn doch überhaupt, und erwerben wir uns ein
hübsches Gut im Oderbruch oder in noch größerer Nähe von Berlin dazu.“
Aber bei dieser Erörterung war es einstweilen geblieben. Nun sollte Mama
Klamm vorgehen! Freilich wußte Adelgunde nicht, wie ihre Schwiegermutter
die Sache auffassen werde. Sie fürchtete, sie würde auch bei ihr auf
Widerstand stoßen. —
Zu ihrer angenehmen Ueberraschung fand sie Frau von Klamm jedoch
durchaus bereit, ihren Wunsch bei Alfred zu unterstützen. Der Dame
gefiel der Plan, weil sie auch Vorteile davon haben würde. Sie war auf
dem Lande groß geworden und hatte ihre meiste Lebenszeit dort
zugebracht. Sie liebte das Land; ja, sie stellte sich bereits vor, daß
sie dort ferner mit ihren Kindern leben werde. Sie würden im Sommer
ganze Wochen oder Monate dort zubringen, Alfred würde zwar täglich zur
Stadt fahren, aber abends zurückkehren. Das Stadtleben zersplitterte.
Frau von Klamm war nicht gern in Berlin. Mitten in dem großen Getriebe
fühlte sie sich vereinsamt, umsomehr, weil sie wenig Umgang pflegte.
Neuerdings hatte sie Fräulein von Oderkranz kennen gelernt und sich ihr
etwas genähert. Die alte, kluge, seine Dame hatte ihr ausnehmend
gefallen.
Alfred hörte seine Mutter, als sie auf ihn einsprach, ohne Unterbrechung
an. Er erhob auch, nachdem sie geendet, keinen Einwand, lächelte nur
und sagte:
„Wenn ihr einen Verschwörerbund stiftet, was soll ich dann machen? Ich
muß ja wohl ja sagen. Ich habe mich hauptsächlich geweigert, weil ich
immer gehofft hatte, daß sich meine Frau mir mehr anpassen werde, daß
sie größere Freude an ihrem Hause, an unserm Zusammenleben finden, daß
sie ernstere, bessere Dinge über ihre Vergnügungen setzen werde.
„Aber ich erkenne immer mehr, daß in dieser Richtung eine Einwirkung auf
sie unmöglich ist. Da ich sehe, daß auch du für den Plan bist, will ich
nachgeben. Ich verstehe, daß du dich nach der reinen Luft des Landes
sehnst, daß du dorthin wieder zurückkehren möchtest, wo dein
eigentlicher Lebensboden ist. Aber damit wir nicht auseinander geraten,
damit wir ebenso häufig miteinander verkehren, wie bisher, muß es doch
schon ein Gut in nächster Nähe Berlins sein, und das wird viel Geld
kosten.“
„Ihr habt ja viel! Wieviel besitzt eigentlich deine Frau?“ wandte Frau
von Klamm mit sanfter Beharrlichkeit ein.
„Nun, eine Anzahl Millionen werden wohl herauskommen,“ entgegnete Klamm.
„Aber was will das sagen, wenn so große Summen in verschiedenen
Unternehmungen festgelegt werden!
„Ich gestehe dir, daß ich eigentlich die Absicht hatte, die Leitung und
die Druckerei allein käuflich an mich zu bringen, darin Adelgundes
Vermögen festzulegen. Meine größeren Pläne, meine eigentlichen Wünsche
werden durch den Gutskauf nicht nur beeinträchtigt, sondern vielleicht
unmöglich.“
„Ich würde es vermeiden, das Geld deiner Frau in deine Unternehmungen zu
verwickeln, Alfred. Du bleibst freier.“
Klamm lächelte bitter.
„Ja, ja!“ betonte er. „Du hast völlig recht. Das ist's ja eben! Sobald
es sich um meine Wünsche handelt, tritt immer die Erwägung ein, daß es
ihr Geld ist.
„Schließen wir indessen das Gespräch, liebe Mutter. Ich werde Adelgunde
und dir — ich wiederhole es — nachgeben, ich werde ein Gut ehestens
besehen, und auch sonst alles thun, was deine Wünsche verwirklicht.“
In Frau von Klamms Angesicht erschien ein Ausdruck größter Befriedigung.
Sie nickte ihrem Sohn warmherzig zu und schloß, während er sich erhob
und zum Fortgehen rüstete:
„Was machen eigentlich Knoops? Ich vergaß immer, dich danach zu fragen.
Sind sie zurück, und ist“ — hier lächelte Frau von Klamm gutmütig —
„der Bote mit dem Adelsbrief unterwegs oder gar schon angelangt?“
„Ja, sie sind zurück, und auch der berühmte Theodor, der Hallunke, ist,
wie ich von einem der Herren in der Redaktion zufällig gehört habe, aus
Paris heimgekehrt.
„Er wird wohl die Provision, die ihm sein Bruder für den Zeitungsverkauf
zugebilligt hat, schon wieder verthan haben und muß nun neues Futter
suchen.
„Dazu gehört die Nobilitierung. Er ist ja der eifrige Vermittler, um der
Familie das ‚von‘ anzuhängen.“
„Und der junge Mann und Frau Ileisa? Hast du sie auch wieder gesehen?
Fräulein von Oderkranz äußerte neulich, daß es ihr lebhafter Wunsch sei,
daß ihre Kinder mit euch verkehren —“
„Aber besser ist's schon, daß es unterbleibt, Mutter! Dieser Herr Arthur
ist mir nichts weniger als sympathisch; namentlich seitdem er sich zum
Nichtsthuer herausgebildet hat. Ein Mensch in seinen Jahren ohne
Beschäftigung, ohne Erwerb! Es sind mir solche Leute gradezu
widerwärtig!
„Um übrigens deine andere Frage zu beantworten: Ja, ich sah sie noch
gestern in der Equipage, die er sich angeschafft hat. Er kutschierte
selbst, und sie saß neben ihm. Sie sah überaus anziehend aus, und
grüßte, als ob niemals etwas zwischen uns vorgefallen wäre!“
Klamm schloß seine Rede mit einem Seufzer. Dann neigte er sich zu seiner
Mutter und küßte sie auf die Wange und verließ das Zimmer.
* * * * *
Der Winter hatte sich in diesem Jahre sehr früh verzogen. Der Frühling
war jählings ins Land gestürmt und hatte seine unwiderstehliche
Herrschaft angetreten. Plötzlich war's von den Dächern getropft. Der
Schnee war rasch und behende zerschmolzen; die Eiszapfen waren ihm mit
eilfertiger Auflösungshast gefolgt, und zu allem hatten vergnügt
geschwätzige Staare die Musik gemacht. An Bäumen und Gesträuchen waren
in einer einzigen Nacht die jungen Triebe erschienen, und ehe sich's die
Welt versehen, hatte die Natur ein farbiges Kleid angelegt. Und dem
Frühling war ein blütenschwerer Sommer gefolgt. Schon war die Zeit bis
Ende September wiederum vorgerückt, und seit Monaten befanden sich
Klamms bereits auf dem von ihnen erworbenen, in der Nähe von Berlin
belegenen Gut Grünhagen.
Aber es war noch etwas geschehen:
Ihre Nachbarn waren — Knoops geworden. Der Zufall hatte gespielt. Als
an den alten Herrn Knoop die Anforderung ergangen war, sich als
Eigentümer einer umfangreicheren Gutsherrschaft auszuweisen, war
Behrwalde — so hieß das Rittergut — grade zum Verkauf gestellt worden.
Der frühere Besitzer, ein Graf Klöker, war plötzlich gestorben, und die
zurückgebliebene Familie hatte sobald wie möglich den Landaufenthalt
gegen die Stadt zu vertauschen gewünscht. Da hatte Herr Knoop sogleich
zugegriffen, obgleich auch ihn die Nähe der Familie Klamm gehört.
Bei Klamms aber war erst recht ein Mißbehagen eingetreten.
Nachdem Alfred eben die Familie geschäftlich von sich abgeschüttelt
hatte, saß sie nun neben ihm, gleichsam Stube an Stube.
Aber nicht nur die Alten, sondern auch die Jungen!
Wie es hieß, blieben Knoops nur für den Sommer und Herbst dort.
Aber da Arthur und die Alten ihre Wohnung in der Stadt schon wieder
aufgegeben, erschien die Verwirklichung doch sehr zweifelhaft. Es paßte
das, wie man sich erzählte, Arthur so besser. Er stand nun, da seine
Frau und seine Familie auf dem Lande wohnten, unter gar keiner
Kontrolle mehr. So konnte er seinen Lebemänner-Gewohnheiten voll
nachgehen!
Margarete Knoop war über die Ortsveränderung außerordentlich glücklich.
Sie hatte den Plan ihres Vaters, ein Gut zu erwerben, mit allen Kräften
gefördert.
Mit der Erhebung in den erblichen Freiherrnstand, war es nach Theodors
Rückkehr aus Paris plötzlich sehr rasch gegangen. Herr Knoop hatte
fünfzigtausend Mark für Zwecke des roten Kreuzes gespendet, zudem dies
adlige, große Rittergut erworben, und sich endlich auch der bürgerlichen
Thätigkeit begeben.
Da die Familie Knoop in vergangenen Jahrhunderten den Adel besessen und
ihn nur freiwillig abgelegt, so waren sonstige vorhandene
Schwierigkeiten leichter zu beseitigen gewesen.
Und da war denn in überraschend kurzer Frist, nach ein paar Wochen, die
Nobilitierung erfolgt.
„Na, ja! Es ist doch etwas! Ich sag's noch einmal!“ hatte Herr Baron
Friedrich von Knoop in einem sehr gehobenen Tone gegen seine Frau
geäußert. „Ich bin doch vom Buchdruckergesellen zum Freiherrn
herausgerückt, und habe drei Millionen Mark und reichlich darüber, teils
im Kasten, teils in rentablem festem Besitz!
„Und unsere Schwiegertochter stammt aus altem Adel und ist eine
treffliche Frau, und unsere Kinder sind von der Natur so veranlagt, daß
wir an ihnen sicherlich nur Freude erleben werden.“
Frau von Knoop hatte sich zunächst auch mit der Neueinrichtung der Dinge
ziemlich ausgesöhnt, ja, sie hatte Augenblicke, in denen auch sie ihrer
Eitelkeit erlag.
Und zu dieser gesellten sich sonstige Befriedigungen. Anders war's mit
Margarete. Sie mißbilligte ihres Vaters Ehrgeiz nach wie vor. Sie
bedauerte seine Unthätigkeit, die schon allerlei unliebsame Folgen mit
sich geführt. Als einzigen wirklichen Gewinn betrachtete sie lediglich
die Erwerbung des Gutes, und die Aussicht, dort ferner zu leben. Ihr
ging's wie Frau von Klamm! Das Gezwitscher der Vögel in der blauen Luft
über den saatengoldenen Feldern klang ihr weit melodischer als der Laut
der geflügelten Scharen über den mit geschwärzten Schornsteinen
besetzten Dächern der Großstadt.
Die Freiheit und die Unabhängigkeit von dem gesellschaftlichen Zwang mit
all seinen Komödien und Unwahrheiten mutete sie an wie eine neue
Wunder-Daseinswelt. Da nun auch Ileisa fortan in ihrer Nähe blieb,
glaubte sie alles zu besitzen, was ihr Herz ausfüllen konnte.
Nur eines störte sie jeden Tag. Das Verhältnis zu ihrem Bruder wurde
immer schlechter. Immer mehr verflachte er, und mit der Annahme der
Verflachung und der Arbeitsscheu verstärkten sich seine Empfindlichkeit
und sein Mangel an Rücksichten gegen seine Umgebung.
War er früher rauh und rechthaberisch gewesen, so hatte er doch Sinn für
Arbeit, Erfolg besessen und Respekt vor seiner Person in allen Kreisen
erstrebt.
Jetzt sprach er nur von den gesellschaftlichen Errungenschaften, die
ihm, als Mitglied des Adels, immer mehr zufielen. Als ihn ein bisher
sehr unnahbares Mitglied des Unionklubs, in dem er aufgenommen war, zu
einem Frühstück eingeladen, war ihm diese Auszeichnung dermaßen zu Kopf
gestiegen, daß er im Hause mit seiner ganzen gefühllosen
Unausstehlichkeit austrat.
„Du thust wirklich, als ob dich die Beachtung, die dir Graf von der
Horwitz erwiesen, zu einem Mitglied der Ritter vom schwarzen Adlerorden
gemacht habe, Arthur,“ hatte seine Schwester mit verächtlichem Spott
hingeworfen. „Wie ist es möglich, daß ein Mensch mit freiem Sinn und
Selbstachtung auf solche Nichtigkeiten Wert legen kann! Wo ist die Zeit,
in der du noch deinen Ruhm in kräftiger Thätigkeit und deine Erfolge in
dem sahst, was unser Vater sein Lebelang unermüdlich schaffte und
förderte. Ich sage dasselbe, was ich dir schon früher vorhielt:
„Du läßt dich — ein junger Mann — von ihm ernähren, spielst den großen
Herrn, vergeudest dein Geld in Ueberflüssigkeiten, vielleicht gar im
Spiel, vernachlässigst deine Frau, deine Eltern und was das Schlimmste
ist, machst dich wegen deines eitlen Auftretens zum Gespött bei allen
unbefangenen und ernsthaften Men —“
Aber weiter war Margarete nicht gelangt.
Der von ihr so Angegriffene hatte sich wie ein Tobsüchtiger benommen.
Die Reitpeitsche, die er zufällig in der Hand gehabt, hatte er gegen
seine Schwester erhoben und sie mit wutentstellten Mienen angeschrieen:
„Schweig, unverschämte, dumme Gans, die du immer nur nach deinen
jämmerlich hausbackenen Auffassungen Thun und Treiben anderer
beurteilst. Was weißt du, welche Zwecke ich verfolge, welchen Plänen ich
nachgehe! Und es sei dir zum letztenmal gesagt: deine Unverschämtheiten
verbitte ich mir! Wenn du noch einmal so auftrittst — untersage ich dir,
unser Haus zu betreten.“
„Vaters Haus meinst du doch wohl! ‚Dein Haus‘ giebt es nicht! Du hast
seit deiner Rückkehr von England nur im ersten Jahre gearbeitet und
etwas selbst verdient.
„Jetzt bist du ein Tagedieb und verminderst dein Ansehen von Tag zu Tag
vor deiner Frau,“ war Margarete unerschrocken fortgefahren.
„Gold glaubte sie zu finden, aber wertloses, ja unedles Metall hat sie
erhalten.“
Aber mit diesen Worten hatte sie doch zu viel gewagt. Sie hatte Arthur
dermaßen gereizt, daß er sie gepackt und mit einem Ruck auf den Flur
gesetzt hatte. Und hier hatte er sie stehen lassen und ihr bei seinem
Fortgange zugerufen:
„Wage nicht, jemals wieder über diese Schwelle zu treten“ — und war
dann, die Hausthür heftig hinter sich zuschlagend, keuchend vor Wut und
Aufregung seiner grade aus dem hinteren Teil des Gartens kommenden Frau
entgegengetreten.
Ihr hatte er dasselbe erklärt. Sie habe Margaretes Umgang fortan
überhaupt zu meiden, und wenn sie das nicht könne und wolle, werde er
Behrwalde wieder verlassen und sich irgendwo anders niederlassen.
„Mit meiner Schwester bin ich ein für allemal fertig. Das werde ich auch
noch heute den Eltern mitteilen!“
So hatte er geschlossen, ohne Ileisa zu Wort kommen zu lassen und war,
nachdem er stumm und verbissen mit ihr das Mittagessen eingenommen, zur
Stadt gefahren.
„Sie möge nicht auf ihn warten! Es werde spät werden. Er habe
Geschäfte!“
Mit dieser Erklärung war er gegangen und hatte auch ihr kaum einen Gruß
gegönnt.
* * * * *
Margarete fand ihre Eltern, gleich nach dieser Scene mit ihrem Bruder,
im Begriff, ebenfalls zur Stadt zu fahren. Der Wagen stand bereits vor
der Thür, Herr Knoop knöpfte mit ungeduldigen Gebärden an seinen
Handschuhen und drängte eben seine Frau, sich zu beeilen. Grade kam sie
auch aus dem Hause hervor, um in dem eleganten, mit dem Knoopschen
Wappen bereits geschmückten, offenen Landauer Platz zu nehmen. Als sie
aber Margaretens ansichtig wurde und deren auffallende Blässe und deren
verweinte Augen bemerkte, trat sie sogleich besorgt auf sie zu, zog sie,
von ihrem Manne begleitet ins Haus, und sprach auf sie ein.
„Was sie habe, was geschehen, warum sie nicht, wie sie beabsichtigt, bei
Ileisa geblieben sei?“ stieß sie beängstigt heraus.
Und Margarete berichtete, und nachdem sie alles mitgeteilt, ja, fast
wörtlich wiedergegeben hatte, was zwischen ihr und Arthur vorgefallen
war, geriet Herr Knoop in eine ganz ungeheure Aufregung. Er sprach aus,
daß er nur bedaure, Arthur nicht gleich fassen, ihn zur Rede stellen und
ihn so abkanzeln zu können, daß ihm zu Wiederholungen eines solchen
Auftretens die Luft vergehen werde.
Aber auch Margaretens Mutter bemächtigte sich eine große Empörung, der
sich eine tiefe Trauer und eine starke Bedrückung hinzugesellte.
Ihre alte Ahnung, daß die in solcher Art herbeigeführte Abweichung von
früherer Einfachheit ihrem Manne und ihnen allen nicht zum Segen
gereichen, ihnen vielmehr zum Verderben werden würde, erfaßte sie von
neuem.
Immer wieder mußte Margarete erzählen, und mit jeder Erneuerung ihrer
Darlegungen verstärkten sich in beiden der Zorn und die Entrüstung über
Arthurs Benehmen.
Erst nach einiger Zeit vermochten sie sich zu besänftigen. Während sich
aber Herr Knoop anschicken wollte, nunmehr zur Stadt zu fahren, erklärte
Frau Knoop, daß sie sich nicht mehr in der Stimmung befinde, Besuche zu
machen. Ueberhaupt sei sie gegen das fortwährende, von ihrem Manne
gewünschte Visitenmachen; sie bürdeten sich dadurch ohne Not und Zweck
und ohne irgend welche Vorteile Lasten auf.
Das reizte nun aber wiederum Herrn von Knoop dermaßen, daß er sich in
den schärfsten Worten gegen seine Frau erging. Das gestörte Gemüt mußte
sich an irgend etwas wetzen und austoben.
„Ach Gott,“ seufzte Frau von Knoop unter heißen Thränen. „Wie waren wir
doch früher in unserer Villa hinten auf deinem Arbeitshof glücklich!
Fast nie kam eine Verstimmung, gar ein böses Wort zwischen uns vor! Und
jetzt? Seitdem Arthur aus England wiedergekommen, ist's, als ob ein
böser Geist bei uns eingekehrt. Nach unserer Standeserhöhung und nach
dem Gutskauf ist erst gar die Freude von uns gewichen.“
Und eben, weil sie das Rechte traf, weil ihre Worte den Thatsachen
entsprachen, weil sich der Mann getroffen fühlte, erhöhte sie nunmehr
sein Ingrimm.
Er wollte, da sich jetzt doch der Eitelkeitssinn für den Sohn regte,
Arthurs Ansehen retten; er wollte namentlich nicht zugeben, daß ihn der
Sohn beeinflußt habe.
Eine unbändige Heftigkeit kämpfte in seinem Innern mit einer sich
regenden, heißen Reue. In diesem Augenblick wünschte er, daß er niemals
sein schönes, durch Fleiß und kräftige Pflichterfüllung aufgerichtetes
Werk anderen Händen überlassen, daß er, wie seine Frau richtig
geäußert, in Arbeit und Einfachheit auch ferner sein Glück gefunden
hätte.
Und eben diese Selbstanklage, und diese große, sich unheimlich in seine
Seele einschleichende Reue, veranlaßten ihn zu den schwersten Ausfällen
gegen seine Familie.
Er sprach in den heftigsten Ausdrücken von Uebertreibungen, und er
redete von schnödem Undank! Statt Anerkennung zu empfangen und guter,
gerechter Einsicht zu begegnen, daß er — allezeit ein Fleißiger und
Bebürdeter — in seinem Alter auf Ruhe, Erholung und Ablösung ein Recht
habe, faßten sie beide nur ihre Annehmlichkeiten ins Auge, ergingen sich
gegen ihn in Vorwürfen und Anklagen, und verbitterten ihm das Dasein.
Ihnen fehle jedes Verständnis dafür, daß sich ein Mann Ansehen und
Beachtung in der Welt erwerben solle.
Sie stellten ihn nachgerade als einen Unmündigen hin, der noch wie ein
Schulkind belehrt werden müsse. Er wisse aber sehr genau, was er wolle,
und sie sollten Gott danken, daß sie sich keinen Wunsch zu versagen
brauchten, und überhaupt vom Glück überschüttet seien.
Im übrigen trenne er Berechtigtes von unzutreffenden Sentimentalitäten.
Mit Arthur werde er ein sehr deutliches Wort reden. Er habe einen
festen Entschluß gefaßt. Den Inhalt würden sie bald erfahren. —
Hierauf griff er nach Hut und Stock, erklärte, daß er, da er frische
Luft und andere Eindrücke zu seiner Besänftigung gebrauche, allein zur
Stadt fahren wolle, und befahl dem schon mit recht mürrischer Miene auf
dem Bock sitzenden Kutscher, vorwärts zu machen.
Nachdem er sich entfernt hatte, erörterten Mutter und Tochter die
Vorgänge in einer möglichst sanften und sachlichen Weise.
Sie nahmen sich vor, auf Herrn von Knoop nach seiner Rückkehr
versöhnlich einzusprechen, aber ihn auch bei der ersten sich dazu
bietenden Gelegenheit zu bitten, daß sie ihr Leben anders einrichteten.
Mutter und Tochter hatten schon erfahren, daß man sie im Grunde doch nur
als Emporkömmlinge ansah. Bei ihren Besuchen in der Nachbarschaft, auf
den Gütern, war man ihnen wohl höflich, aber nichts weniger als sehr
zuvorkommend begegnet.
Man ließ sie dafür büßen, daß sie sich einbildeten, sie seien nun schon
Gleichberechtigte. Was war ein erkaufter Adel? Mutter und Tochter
fühlten eine heiße Scham, um die Gunst so Denkender zu buhlen.
Aber auch in ihrem bisherigen Bekanntenkreis in Berlin hatten sie starke
Enttäuschungen erfahren. Dort machte sich der Neid breit. Die
angeseheneren Familien, die Knoops ihre Thüren bisher geöffnet, mit
ihnen, wenn auch nicht eng, aber doch in sehr freundlicher Weise
verkehrt, hatten nun nichts mehr vor jenen voraus!
Jetzt standen Knoops mit Geld und Rang über ihnen! Das paßte ihnen
nicht! —
Das Benehmen der jungen Herren gegenüber Margarete war auch ein ganz
anderes geworden. Die Gutgearteten, die Absichten auf sie gehabt hatten,
zogen sich zurück, weil sie nicht den Eindruck hervorrufen wollten, sie
würben nur um die reiche Erbin! Und wiederum drängten sich die auf ihren
Geldbeutel Spekulierenden jetzt mehrfach mit solcher Unzartheit an sie
heran, daß es sie verletzte.
Herr von Knoop hatte früher seine ihn stark in Anspruch nehmende
Thätigkeit gehabt. Er hatte einen Tageszweck besessen. Jetzt langweilte
er sich, er beschäftigte sich fortwährend mit seiner Gesundheit und
bildete sich zum Hypochonder aus. Infolgedessen war seine Laune meistens
keine gute. Er nörgelte um nichts; er quälte seine Umgebung mit
Kleinlichkeiten. Und wiederum, wenn die vornehme Gesellschaft in Frage
kam, konnte er, trotz eben hervorgehobener Beschwerden, alles, war er zu
Opfern stets bereit und befand darauf, daß man den Adligen den Hof
mache. Er schalt, wenn seine Familie nicht sehr willig auf seine
Aeußerlichkeits-Rücksichten einging, als kleinlich, unsinnig,
empfindlich und unliebenswürdig. —
Nach Tisch begab sich Margarete in ihr Zimmer oben im Gutshause und
hielt eine Umschau in die sie umgebende Welt.
Behrwalde war ein prachtvoller Besitz, wurde von einem äußerst tüchtigen
Mann verwaltet, und stand infolgedessen in bester Kultur.
Aber auch die Lage des Gutes war eine herrliche. Das in weißer Farbe
prangende Herrenhaus war umschlossen von laubreichen, alten Buchen und
Linden. Weiter hinab umgaben äußerst wohlerhaltene, von Epheu und
Schlinggewächsen meist umzingelte Wirtschaftsgebäude den mächtig
geräumigen Gutshof. Hinter den zwei, unten das Gesamtviereck
begrenzenden, altertümlich gebauten Thorhäusern bot sich dem Auge ein
Blick, der nicht schöner gedacht werden konnte.
Durch Tannen- und Buchenwaldungen unterbrochene grüne Flächen dehnten
sich bis zum sanftblauen Horizont aus. Zwischen ihnen tauchten die
Silberbänder kleiner Auen auf, und überall erhoben sich Dörfer mit
weißschimmernden Mauern, Kirchtürmen und roten Dächern.
Zur Linken, gleich neben dem Schloß, trat man in einen, durch ein
vergoldetes Gitterwerk eingefriedigten Park. An ihn stieß der Besitz von
Klamms. Zur Rechten befand sich ein großer Gemüsegarten.
Die nie einen Anruf versagende, große Trösterin der Menschen: die Natur,
half auch Margarete heute zu einer ruhigeren Auffassung. Ja, als sie das
alles vor sich sah, in seiner noch prangenden Schönheit und Fülle,
übergossen von goldenem Sonnenlicht, und in solchem stillen Erdfrieden,
erfaßte sie gar wieder eine starke Zuversicht.
Sie hoffte, ihren Vater beeinflussen zu können. Sie sah die alten Zeiten
zurückkehren, und sie nahm sich vor, auf Ileisa einzuwirken damit sie
ihres Mannes Herr werde. —
Unter solcher Vorstellung verließ sie ihr mit Blumen und allerlei
kleinen Zierlichkeiten und Kunstgegenständen angefülltes Gemach, und
stieg die weißlackierte Treppe hinab. Alle Thüren, Fenster und Treppen
im Hause trugen diese schneeweiße Farbe, und erstere waren geschmückt
mit Messing-blitzenden Klinken und die Schlösser umgebenden, zierlich
gewundenen Einfassungen.
Margarete eilte über den Hof, erreichte das, seine Front dem eben
betriebenen, freien Land zuwendende, sogenannte kleine Herrenhaus, in
dem früher ein Bruder des verdorbenen Grafen Klöker gewohnt und in dem
nunmehr Arthur eingezogen war. Sie fragte den ihr auf dem Flur
entgegentretenden Diener nach ihrer Schwägerin.
Er erklärte höflich beflissen, daß sie im Garten sei oder sich ins Dorf
begeben habe. Er wolle eilig nachforschen.
Nachdem er sich entfernt hatte, trat Margarete zunächst auf die Veranda,
dann aber ins Wohngemach, schaute sich, wie am Vormittag, als Arthur sie
überrascht hatte, nach allem um. Dann ging sie gedankenlos, ihrem
Impulse folgend, in das daneben befindliche, von Ileisa vorzugsweise
bewohnte Kabinett.
Auf der anderen Seite befand sich ein ähnliches, von Arthur
ausschließlich benutztes Arbeitszimmer.
Hier fand Margarete auf Ileisas Schreibtisch eine Art von Gedenkbuch mit
beschriebenen Blättern, und las — gegen ihren Willen angezogen — was
Ileisa dort angezeichnet hatte.
Und so ergriff sie das, was sie fand, daß sie unwillkürlich in einen
nebenan gehenden Sessel zurücksank und sich — den Gedanken
unterdrückend, daß sie etwas that, wozu ihr das Recht fehlte — völlig in
die Lektüre vertiefte.
Es hieß da:
„Alle _Vorstellungen_ über Glück sind ausnahmslos unzutreffend. Nur die
Erfahrungen können uns über dessen Einzelwesen belehren.
„Einer denkt, er werde mit dem Haupt in den Himmel hineinragen, wenn er
seiner Nahrungssorgen entrückt werde, und wird ihm in Fülle, was er vom
Schöpfer erflehte, schreit er nach dem Wechsel zwischen Entbehrung und
Genuß!
„Zum Glück gehören möglichste Unabhängigkeit von anderen, und die
Sättigungen, die unsere ‚Herzen‘ und Gemüter bedürfen.
„Ich bin eine Sklavin geworden, die ich dachte, ich würde alle Fesseln
abstreifen. Und mich hungert förmlich nach Liebe!
„Wären nicht zwei Menschen: meine edle Tante und Margarete, würde ich
vielleicht schon ins Wasser gesprungen sein.
„Es fließt so lockend jenseits der Wiese vorüber. So tief ist der Au, so
rein ist sein Wasser. Da ruht's sich sicher gut. Ich bin so
todestraurig, so verzagt, so grenzenlos unbefriedigt. Wer hilft mir — ?“
Als eben Margarete noch weiter lesen wollte, vernahm sie nebenan
Geräusch von Schritten, scheuchte infolgedessen hastig empor, warf sich
eilig in einen Sessel, der in einem nach dem Garten schauenden
Erkerausbau stand, und griff nach einem, auf einem kleinen Tisch
liegenden Buch.
Im nächsten Moment stand Ileisa vor ihr. Aber ein Schreck ergriff
Margarete, als sie Ileisa anblickte.
Diese aber eilte auf Margarete zu, fiel vor ihr nieder, und stieß
erschüttert heraus:
„Ach, liebe, liebe Margarete, was habe ich eben erlebt —“
Dann folgte ein verzagtes, herzzerreißendes Wimmern, das die mitfühlende
und beängstigte Margarete fast ebenso fassungslos machte.
„Um Himmelswillen! Was ist geschehen? Bitte, richte dich auf. So, so!
Setze dich hierher. — Ah — ah — meine arme Ileisa,“ rief sie, sich
selbst mit Gewalt aufraffend, lief erst noch fort, schloß das Gemach und
begab sich dann wieder rasch zu ihrer bedrückten Verwandten.
„Ja! Höre,“ begann Ileisa und strich, tief aufatmend, mit der Hand über
die Stirn. „Ich kam vom Dorf zurück, ging über die Landstraße, und
wollte eben an der Parkthür zu Klamms vorüberschreiten, als Herr von
Klamm von dort herauskam, plötzlich vor mir stand und mich anredete.
„Ich weiß nicht — aber vielleicht weiß ich's doch — weshalb mir das Herz
so zitterte. Jedenfalls wurde ich so verwirrt, daß ich ihm keine Antwort
stehen konnte. Er legte das als ein körperliches Unbefinden aus, redete
teilnehmend auf mich ein, bat, ob ich nicht einen Augenblick in den
Park treten, und mich dort — du weißt, gleich rechts auf dem Eichenberg
— niederlassen wollte.
„Ich that dann etwas, was ich nicht wollte. Statt sein Anerbieten
abzulehnen, ließ ich mich — gradezu wie von einer Hypnose ergriffen —
von ihm mitziehen und verwickelte mich mit ihm in ein Gespräch.
„Er erkundigte sich nach Tante, auch flüchtig nach Arthur und eingehend
nach dir. Zuletzt berührte er unser früheres Zusammensein. Er erwähnte
des Zufalls, daß wir nun doch wieder zu einander gerückt wären und
meinte, es mache ihn glücklich, mich wenigstens dann und wann wieder zu
sehen.
„Um etwas zu erwidern, entgegnete ich:
„‚Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Interesse, Herr Baron, um so mehr, da
ich es nicht verdiene. Sie wissen es am besten! Lassen Sie mich Ihnen
aber sagen, daß ich glaube, daß es am besten ist, wenn wir uns meiden,
uns nur aus der Entfernung schätzen. Ich werde dabei entbehren, gewiß,
aber es ist richtiger so, wenigstens für mich.‘
„Diese Antwort wirkte auf Herrn von Klamm ganz anders, als ich erwartet
hatte.
„Statt darauf etwas unmittelbar zu entgegnen, ließ er den Kopf sinken,
verfiel in Nachdenken und sagte dann:
„‚Es fehlt mir die Zeit, und es ist hier nicht der Ort zu einem
Gespräch, an dem ich Ihnen — wie ich möchte — auf Ihre Worte erwidern
kann, meine gnädige Frau.
„‚Lassen Sie mich nur das eine bemerken:
„‚Wenn Sie von Entbehrung sprechen, so trifft dies bei mir erst recht zu
—‘
„Nach diesen Worten sah er mich mit einem so traurigen Blick an, daß ich
am liebsten an ihm herabgeglitten wäre und ihm gedankt hätte, daß er mir
noch immer so gut geblieben sei.
„Was aber dann dieser Auseinandersetzung folgte, spottet jeder
Betreibung.
„Klamm hatte mich eben verlassen; er war, als er mir begegnete, im
Begriff gewesen, zur Bahnstation zu gehen, und mußte sich, um nicht den
Zug zu verpassen, sehr beeilen. Ich aber saß noch in Gedanken versunken.
So viel war auf mich eingestürmt, daß ich völlig vergessen hatte, wo ich
mich befand.
„Daran sollte ich aber sehr bald, und sehr unliebsam erinnert werden.
Ich hatte während meines Gespräches mit Klamm schon einmal Geräusch
hinter den Gebüschen zu hören vermeint, da aber Klamm sich nicht
umgesehen, angenommen, daß ich mich doch wohl getäuscht habe.
„Es war aber Frau von Klamm gewesen, die, um ihrem Manne noch etwas zu
sagen, ihm gefolgt war, und als sie uns sprechen gehört, stehen
geblieben und gehorcht hatte.
„Sie trat nun jählings hervor, stellte sich vor mich auf, maß mich mit
hochmütiger Miene und stieß, mit vor Erregung zitternder Stimme, heraus:
„‚Ich war eben Zeuge des Gespräches zwischen Ihnen und meinem Mann.
Voller Empörung vernahm ich, daß Sie sich nicht scheuten, ihm Avancen zu
machen, mit wohlberechneter Weichmütigkeit äußerten, wie schwer es Ihnen
werde, ihm fern zu bleiben! Der Sinn Ihrer Worte war nicht
mißzuverstehen, am wenigsten für denjenigen, der frühere Vorkommnisse
kennt.
„‚Ich möchte Sie nun sehr ernstlich ersuchen, solche Koketterien mit
meinem Gatten nicht ferner zu wiederholen! Ich möchte Sie erinnern, daß
wir, Ihre Nachbarn, sehr streng über Ehrbarkeit, Sitte und Ehepflichten
denken. Jawohl! Nicht nur ich — sondern auch mein Mann, dem Sie von
Entbehrungen sprachen, den Sie — nun doch wieder an sich ziehen möchten.
„‚Bitte, bitte, echauffieren Sie sich nicht! Es ist doch, wie man hört,
Ihrem Andrängen zu verdanken, daß Sie sich unmittelbar neben uns
angekauft haben! Also Thatsachen sprechen!
„‚Ich fordere Sie auf, dafür zu sorgen, daß Ihr Gatte wieder von hier
fortzieht. Erst dann werde ich glauben, daß Ihnen Sittlichkeits- und
Ehrgefühl nicht abgeht, daß meine Rede den Zweck erfüllt hat, den ich
mit ihr verbinde! Ich will meinen Gatten Ihnen nicht opfern!
„‚So, das habe ich zu sagen. Ich empfehle mich Ihnen —‘“
„Und du? Und du? Was antwortetest du?“ stieß Margarete nach diesem
Bericht heraus, biß vor Zorn die Zähne zusammen, und ballte
unwillkürlich die Hände.
„Ich that nichts, denn ich konnte nichts thun, Margarete,“ entgegnen
Ileisa. „Sie war ja schon fort, als alle die Feuer, die sich in mir
entzündet hatten, losbrechen und sie versengen wollten.
„Nachdem ich nur eben wieder Atem gewann, eilte ich, ohne mich
aufzuhalten, ins Haus. Ich sehnte mich nach Vereinsamung, Nachdenken und
Ruhe. Ich wollte mich hier auf's Sofa werfen und ausweinen — und fand
dich!“
„Wohlan,“ erklärte Margarete mit fester Stimme und entschlossener Miene,
„so will ich statt deiner antworten, so will ich jetzt zu ihr gehen.
Ich will Einlaß fordern, und ihr erklären, was sie ist, was die Welt von
ihr sagt, und ihr verbieten, sich ferner herauszunehmen, Personen zu
beleidigen, die moralisch so hoch über ihr stehen, daß sie die Augen
niederzuschlagen hat. Für dich will ich eintreten! Ich will ihr ins
Gesicht schleudern, daß sie die Unehrbare ist, die mit Männern tändelt,
die nichts anderes kennt, als Eitelkeiten und Aeußerlichkeiten, daß sie
sich wie eine ungebildete Xantippe benimmt, während sie sich rühmt, eine
Dame, eine Bevorzugte der Gesellschaft zu sein!“
Nach diesem Ausbruch wollte sich Margarete entfernen. Aber Ileisa hielt
sie zurück, redete auf sie ein, und teilte ihr das Gefühl der
Besonnenheit mit, das sie inzwischen selbst zurückgewonnen. Sie hatte
Einkehr in sich genommen, und ihr gerechtes Ich hatte sich gemeldet.
Wenn schon Herr von Klamm die vergangenen Dinge berührt habe, so hätte
sie, erklärte sie, als verheiratete Frau, darauf gar nicht eingehen
dürfen. Sie habe sich — unglücklich wie sie wäre — von ihrem
Enttäuschungsschmerz fortreißen lassen.
„Ich bin,“ fuhr sie fort, „insofern nicht ohne Schuld. Und Frau von
Klamms Ausbruch gegen mich war ein Produkt der Eifersucht. Eifersucht
aber weiß nicht, was sie thut; sie darf nicht mit dem gewohnten Maß
gemessen werden. Daß aber Frau von Klamm auf einen solchen Mann
überhaupt eifersüchtig ist, daß sie ihn für sich, für sich ganz allein
behalten will, ist's ihr zu verdenken? Ich würde ebenso fühlen, und
vielleicht gar auch so handeln.
„Ach, Margarete! Haben wir Klamm nicht beide geliebt und lieben — wir
ihn nicht noch heute?
„Ich wenigstens gestehe es in diesem Augenblick. Ich liebe ihn mit der
ganzen Kraft meiner Seele. Ich könnte mein Leben für ihn lassen, ich
sehe in ihm ebenso sehr das Ideal eines redlich strebenden Mannes, wie
ich in Arthur nur ein Abbild jener erblicke, die nichts anderes kennen
als ihr genußsüchtiges Ich, die nichts anderes erstreben, als
Aeußerlichkeiten.
„Ach — ach — wer rettet mich, Margarete? Ich bin verloren!“ schloß sie
erschüttert, und warf sich ihrer Freundin an die Brust.
Margarete aber sagte, nachdem sie Ileisa von ihrer Brust sanft gelöst
hatte:
„Ich weiß, wie vielleicht doch noch alles gut werden kann, Ileisa. Rede
einmal fest und unerschrocken mit meinem Bruder. Sage ihm, daß du
unglücklich seist, bitte ihn, daß er ein anderer wird, daß er mit dir
lebt, dir Wärme und Liebe entgegenträgt, daß du sonst neben ihm
verdorrst. Gewiß, ich weiß! Eine einzige solche Unterredung thut's
nicht. Aber du mußt es ihn wissen lassen, daß es so in dir aussieht. Und
wenn er etwas thun will, was ihn von dir und seinen guten Regungen
abzieht, so sprich auf ihn ein und beginne immer von neuem, und suche
auf ihn einzuwirken. Ihr seid nun doch einmal verheiratet, und als Frau
hast du Pflichten übernommen. Du klagst dich an! Ich weiß nicht, ob mit
Recht. Sollen es aber nicht Worte bleiben, so mußt du wenigstens den
Versuch machen, und erst, wenn alles vergeblich, wenn du erkennst, daß
er weder will noch kann — dann füge dich in das Unvermeidliche.“
Und Ileisa erwiderte weich gestimmt:
„Du sprichst gut und weise, und ich will deinen Rat zu befolgen suchen,
meine liebe Margarete. Aber wenn es mir nicht gelingt, auf Arthur
einzuwirken, vergiß nicht, daß man eigentlich doch nur lehren kann, wenn
man etwas zu sagen hat. Ich aber habe die Zuneigung, die ich für ihn
empfand, so gut wie verloren.
„Es ist furchtbar, zu gestehen, aber ich bekenne dir, daß ich eher einen
Abscheu vor ihm empfinde, denn die Neigung spüre, mich ihm ferner zu
nähern.
„Wir haben eben sehr früh mit einander verspielt — und mein Verdienst
nach dieser Erkenntnis war bisher nur das — daß ich duldete und —
schwieg.“
Und plötzlich, in einem sie mächtig überwältigenden Gefühl, umschlang
sie Margarete und flüsterte:
„Willst du mir versprechen, meine teure Margarete, mich, wenn das Ende
doch so wird, wie du es herbeizuführen mir selbst rätst — nicht zu
verlassen?
„Was soll ich beginnen? Wohin soll ich mich flüchten? Ich zittere schon,
wenn ich mir nur vorstelle, was meine Tante sagen wird, wenn ich mein
Glück — so nennt sie meine Ehe, und nannte sie sie, als sie mir vordem
stets so eifrig zuredete — wieder von mir gestoßen habe!“
„Ja!“ entgegnete Margarete fest. „Ich werde dir eine Schwester sein im
besten Sinne des Wortes, Ileisa, ich werde dich — so lange ich lebe und
etwas mein eigen nenne — nie verlassen!“
Es waren, während sie redeten, die Abendschatten schon herangeschlichen
und hatten das Gemach verdüstert.
Düster war's draußen und in den Herzen dieser beiden Menschen, die nach
ihrer Art redeten und Pläne machten, die wie alle anderen Sterblichen
durch Einsätze in die große Daseinslotterie zu gewinnen hofften, und
doch verloren, oder — ohne Einsätze — in größerer Geduld — der Zeit und
den Umständen vertrauend — aufrecht stehen blieben und sich vor den
Lebenszufällen schützten, bis die Zeit auch über ihre kämpfenden Seelen
die Schwingen ewiger Ruhe ausbreitete.
* * * * *
In der Knoopschen Aktienbuchdruckerei war ein gewaltiges Hin und Her.
Klamm hatte mit Zustimmung der maßgebenden Persönlichkeiten eine Reihe
von Veränderungen ins Auge gefaßt, und nunmehr herbeigeführt. Es waren
Rotationsmaschinen für die Leitung und Buchdruckmaschinen angeschafft,
auch Schneide- und Satiniermaschinen besserer Konstruktion eingestellt
worden. Ferner war beschlossen worden, die Zeitung durch ein
handlicheres Format, neue Schrift, eine andere Einteilung,
Textvermehrung, sowie größere Vielseitigkeit zu verbessern.
Klamm ruhte und rastete nicht, Vervollkommnungen zu erstreben. Natürlich
wurden bei der Vermehrung der Arbeit die Kräfte der Angestellten in
höherem Maße angestrengt. Es hatten deswegen schon heftige
Auseinandersetzungen mit dem noch im Amt befindlichen Chefredakteur
stattgefunden. Es bedürfe, wie er erklärte, umfangreicherer Beihilfe und
besserer Honorierung! Ueberhaupt lehnte er sich gegen die
Zeitungs-Neuerungen auf und behauptete, daß sie dem Blatte nicht zum
Nutzen, sondern zum Schaden gereichen würden.
Gegenwärtig handelte es sich um die Herstellung der ersten neuen
Quartalsnummer, und diese stieß auf unerwartete, ganz erhebliche
Schwierigkeiten.
Unten in den Druckräumen schalt der Maschinenmeister mit den Mädchen,
die sich bei den neuen Rotationsmaschinen ungeschickt benahmen. Die
Folge war, daß sie sämtlich aufsätzig wurden, kehrt machten und davon
gingen.
Nun war guter Rat teuer! Woher gleich andere nehmen? Der
Maschinenmeister eilte zu Klamm hinauf und meldete, was geschehen sei.
Er hatte den Kopf völlig verloren. Es schien unmöglich, daß die Zeitung
überhaupt am nächsten Morgen erscheinen konnte.
Um das Unglück voll zu machen, berichtete der Zeitungsfaktor, daß dem
Metteur ein Unglück mit dem im übrigen kaum zu bewältigenden Satz
passiert sei, die Setzer aber, trotz Aufforderung und Bitte,
Ueberstunden nicht machen wollten.
Zunächst schickte Klamm einen Boten zu der ältesten, in der Druckerei
schon seit zwei Jahren beschäftigten Bogenfängerin. Der Maschinenmeister
wußte zufällig, wo sie wohnte — und ließ ihr vom Direktor bestellen,
daß sie so gut sein möge, „rasch einmal heran zu kommen“.
Sodann begab sich Klamm in den Setzersaal und verhandelte mit den
Setzern, die sich bereits die Hände wuschen und fortgehen wollten.
Er bot ihnen eine angemessene Entschädigung, wenn sie nach einer Stunde
zurückkehren, und einen Teil der Nacht durcharbeiten wollten.
Nach sehr schwierigen Verhandlungen, bei denen eine bedauerliche
Interessenlosigkeit für das Geschäft bei den Angestellten zu Tage trat,
gelang es Klamm, deren Zusage zu erreichen.
So war wenigstens diese Schwierigkeit beseitigt. Nun aber galt es auch
unten zum Ziele zu gelangen. Klamm hielt Umschau und prüfte, ob nicht im
Papierraum Angestellte zu haben seien. Aber die Versuche verliefen hier
eben so ungünstig, wie die Prüfung bei dem übrigen Maschinenpersonal.
Zwei sonst Beschäftigte waren überhaupt nicht anwesend, weil sie sich
krank gemeldet hatten. Die Maschinenmeister selbst erklärten, daß sie
zweien Herren nicht dienen könnten. Sie müßten fortwährend nach den
Druckpressen sehen, da noch alles nicht recht „eingelenkt“ sei.
Inzwischen war die Zeit immer weiter vorgerückt. Ueberall wurden die
Arbeitskittel bereits ausgezogen, und Klamm lief Gefahr, sich einer
großen Blamage auszusetzen, wenn es nicht gelang, Bedienung für die
Maschinen herbeizuschaffen.
Zum Glück erschien nun das von ihm herbeigerufene Mädchen, eine etwa
sechsundzwanzigjährige, robuste Person, in einem schwarzen Mantel und
mit federbesetztem Hut.
Sie sah wie eine schlecht kostümierte Nebenfigur auf einer
Kleinstadtbühne aus und legte, als Klamm sie anredete, ein recht
schnodderiges Wesen an den Tag.
Sie beklagte sich im Berliner Jargon über den Maschinenmeister Schulze,
der „die Mächens man immer so behandelte, als ob sie ‚Rakkers‘ wären,
die vor 'ne Lehmmühle zu jehen hätten. Det Jeschimpfe höre jar nich uf,
nu dafür wär'n sie sich alle einig jeworden, abzujehen. Sie persönlich
habe sich auch den Abend schonstens mit ihr Verhältnis verabredet, sie
könne nich bei die Maschine arbeiten, und wo die anderen wohnen thäten,
det wisse sie man sehr unbestimmt.
„Wiederkommen wollten sie ja alle, aber bloß, um beim Direktor
vorstellig zu werden. Sie hätten sich verabredet, am nächsten Morgen,
Uhr neune, anzutreten.“
Nach dieser Erklärung ergriff nun aber Klamm das Wort.
Er bot dem Mädchen, wenn sie die Arbeit etwa nach einer Stunde wieder
aufnähme, und wenn sie die übrigen Arbeiterinnen mit Droschken
herbeizuholen sich verpflichtete, eine erhebliche Belohnung, ihnen allen
aber Abendbrot mit Bier, Kaffee in der Nacht, und eine so bedeutende
Vergütigung, daß „Christine Munk“ schließlich weich wurde. Das Geld
reizte die Person, und um so schwankender wurde sie, da Klamm erklärte,
daß er allen fortan den Lohnsatz erhöhen wolle.
Hierauf eilte die Munk fort. Klamm begab sich, nachdem er die
Maschinenmeister zum Dableiben verpflichtet hatte, ins Kontor, und von
dort in die Redaktion.
Hier sah er nach dem Rechten, wartete dann noch in größter Spannung, ob
Setzer und Mädchen erscheinen würden, und atmete förmlich auf, als er
zunächst die Setzer hinauskommen sah und nun sicher war, daß in den
Sälen oben weiter gearbeitet wurde.
Die Mädchen ließen viel länger auf sich warten. Als der Maschinenmeister
endlich über ihr Eintreffen berichtete, hatte er zu melden, daß nur zwei
erschienen seien.
„Nun, wohlan! So müssen wir mit angreifen, Schulze! Ich bleibe so lange
an der Maschine, bis wir unsere Auflage fertig haben!“ erklärte Klamm,
setzte ein kurzes, Adelgunde verständigendes Schreiben auf, sandte einen
herbeigeholten Dienstmann damit fort, und begab sich in den
Maschinenraum.
Und hier arbeitete er dann ganz ebenso wie das Personal, und wenn er
einmal seine Thätigkeit unterbrach, um oben im Setzersaal nachzutreiben,
so mußte auch der andere Maschinenmeister so lange mit anfassen.
Endlich nachts zweieinhalb Uhr war die Arbeit gethan. Da das
Expeditions-Personal diesmal schon um vier Uhr morgens eintraf, konnten
die mit den für die verschiedenen Bahnhöfe bestimmten Zeitungspacketen
beladenen Geschäftswagen bereits um sechseinhalb Uhr abfahren.
Trotz aller Hemmnisse und Ungelegenheiten, und trotz der umfangreicheren
Auflage war alles ohne irgend welche Verzögerung in der Stadt und an die
auswärtigen Abonnenten expediert worden.
Aber Klamm begnügte sich damit nicht.
Nachdem er ein paar Stunden in der ihm überwiesenen, früheren Knoopschen
Villa geschlafen hatte, begann er schon wieder seine Thätigkeit, traf
allerlei Maßnahmen, wodurch fortan jegliche Hast und Ueberstürzung, aber
auch ähnliche Verlegenheiten vermieden wurden.
Er ordnete sowohl in der Redaktion wie in den Setzersälen eine andere
Einteilung an, und sah sich nach einem zuverlässigeren Arbeiterpersonal
für die Maschinen um.
Die Mädchen hatten ein sehr unzuvorkommendes Wesen hervorgekehrt. Unter
der Führung Christine Munks, traten sie, wie sie schon angekündigt
hatte, mit so erheblich höheren Lohnforderungen an die Direktion heran,
und legten eine so feindselige Gesinnung gegen den Maschinenmeister
Schulze an den Tag, daß Klamm sie überhaupt nicht zu behalten beschloß.
Es mußte eben vielfach aufgeräumt werden. Er kündigte auch bereits an
diesem Tage dem Chefredakteur, Doktor Strantz, der heute, wie früher,
sowohl im Geschäft wie in dem „Wirtshaus zur gemütlichen Ecke“ in der
Kronenstraße, seine Intriguen gegen ihn fortsetzte, zum nächsten
Quartal, und unternahm so gleich Schritte für eine andere Besetzung.
Endlich berief Klamm auch die Vorstände der verschiedenen Abteilungen.
Er setzte ihnen auseinander, daß eine größere Anspannung der Kräfte
erforderlich sei, ersuchte sie, ihn zu unterstützen, versprach ihnen
dagegen Erhöhung ihres Lohnes, und lud sie zudem für den Schluß der
Woche zu einer geselligen Zusammenkunft im Leipziger Garten ein.
Um sechs Uhr nachmittags war Klamm erst so weit, daß er sich nach Hause
begeben konnte. Als er jedoch im Grünhagener Gutshaus eintraf, fand er
in seiner Wohnung weder seine Frau noch die Dienerschaft. Erst nach
vergeblichem Klingeln sah er bei weiterem Nachforschen die beiden
Mädchen im Nebengebäude im Gespräch mit den Stallknechten.
Der Diener sei, wie sie meldeten, im Auftrage der gnädigen Frau, bereits
nachmittags in die Stadt gefahren, sie selbst habe vor einer Stunde
gesagt, daß sie den gnädigen Herrn im Geschäft abholen werde.
„Hat denn meine Frau keinen Brief von mir erhalten? Ich hatte nach sechs
Uhr das Essen bestellt?“ warf Klamm sehr unmutig hin.
Die Mädchen verneinten. Es sei ihnen nichts gesagt. Die gnädige Frau
oben (Klamms Mutter) habe um zwei Uhr mit Frau von Klamm reichlicher als
sonst gefrühstückt, das Essen sei überhaupt abbestellt worden.
Die gnädige Frau habe gesagt, daß sie mit dem gnädigen Herrn in der
Stadt speisen werde. Sie wollten nachher das Theater besuchen. So hätten
sie verstanden.
Klamm nickte. Er wußte nun genug. Seine Frau hatte, wie ersichtlich, die
Gelegenheit benutzt, um sich einmal wieder ein Vergnügen zu verschaffen,
wie so oft, ohne ihn zu fragen, ihre Pläne gemacht und war trotz seines
Briefes fortgegangen.
Sein Mißvergnügen verstärkte sich, weil er starken Hunger spürte und die
Zimmer kalt waren. Er hatte sich grade heute nach den Anstrengungen, die
hinter ihm lagen, auf sein Haus und auf Gemütlichkeit gefreut. Und zu
haben war natürlich nichts; und wenn doch, dauerte es sehr lange.
Er beschloß deshalb, nach der Stadt zurückzukehren, dort sogleich zu
speisen, und seine Frau aufzusuchen. Er nahm an, daß sie Bescheid im
Geschäft zurückgelegt hatte.
Er mußte sich in die Sachlage finden, so sehr er sich dagegen sträubte.
Schon weil Adelgunde nicht allein abends zurückkehren konnte, mußte er
sich auf den Weg machen.