* * * * *
Mit klopfendem Herzen erwartete Frau von Krätz am folgenden Morgen den
Besuch ihres einstigen Anbeters, des Freiherrn von Klamm. Er war während
seines früheren Aufenthaltes in Dresden ein täglicher Gast in ihrem
Hause gewesen, hatte sich von ihrer Liebenswürdigkeit bestricken lassen
und ihr zuletzt einen Antrag gemacht.
Nachdem er aber erfahren und Beweise dafür empfangen hatte, daß sie
nach der Zeit noch eine sehr wenig angesehene Persönlichkeit, einen
Grafen Dyk, trotz ihrer gegenteiligen Versicherungen in späten
Abendstunden bei sich empfangen, sich auch sonst verschiedener, für sie
nicht passender Abweichungen schuldig gemacht, hatte er ihr ohne weitere
Erklärungen einen Absagebrief geschrieben und auch in der Gesellschaft
erklärt, daß er die Beziehungen zu ihr rückgängig gemacht habe.
Auf Nachfragen hatte er erklärt, sie besitze nicht die Eigenschaften,
die er bei ihr vorausgesetzt habe. Nachdem wiederum ihr dies bekannt
geworden, hatte sie die Schuld auf ihn geladen und ihn des Wortbruchs
angeklagt.
Freilich waren ihre erregten Gefühle schon bald wieder einer milderen
Auffassung gewichen. Es war nur eine durch ihre leidenschaftliche Liebe
zu ihm hervorgerufene Eifersucht geblieben, aber eben die hatte sie
verführt, gegen ihn dann in der bekannten Weise vorzugehen. —
Als der Diener ihr das Erscheinen Klamms meldete, befand sie sich in
solcher Spannung, daß sie fortwährend die Farbe wechselte. Nur unter
Aufbietung aller ihrer Kräfte, vermochte sie ihm mit einem einigermaßen
gelassenen Wesen zu begegnen.
Klamm beobachtete, als er ihr gegenübertrat, die Höflichkeit eines
Kavaliers, der einer Dame der Gesellschaft zum erstenmal einen formellen
Besuch macht. Nachdem er sich vor ihr mit ernster Artigkeit verbeugt
hatte, sah er sie mit unpersönlichem Ausdruck an, und sprach zu ihr, die
wiederholt zur Dämpfung ihrer Erregung die Hand auf die Brust drückte,
in kurzen, scharfabgerissenen Sätzen:
„Wir wollen uns kurz und bündig auseinandersetzen, gnädige Frau. Ich
mußte die Verlobung zwischen uns aufheben, weil Sie, gegen Ihre
feierliche Ansage, einen zweifelhaften Menschen bei sich empfingen, ja,
ihm bis zwei Uhr in der Nacht den Aufenthalt bei Ihnen gestatteten.
Ueberdies wurde mir bekannt, daß Sie mir allerlei Beziehungen, die Sie
gehabt, verheimlicht hatten. Sie thaten es, obschon ich Sie gebeten,
sich rückhaltlos zu äußern, Ihnen bemerkt hatte, daß ich Ihnen nichts
nachtragen würde.
„Ich mußte infolgedessen fürchten, mich in unserer Ehe gleichen
Abweichungen auszusetzen, und so that ich, was geschehen ist. Ich hob
unsere Verlobung auf. Daß es mir nicht leicht wurde, will ich Ihnen
bekennen. Ich liebte Sie mit allen zärtlichen Gefühlen eines Mannes.
„Sie haben sich nun dafür in der Ihnen gestern vorgehaltenen Weise
gerächt! Sie haben einen Mann, den Sie zu lieben vorgaben, der nur auf
Grund Ihrer Handlungen sich so entschließen mußte, derartig verfolgt und
verdächtigt, daß er trotz des allerredlichsten Bemühens, heute wiederum
vor dem Nichts steht.“
Nach diesen Einleitungsworten schilderte Klamm ihr alle Folgen ihrer
Nachstellungen, berichtete ihr über Knoop, sprach von seiner Wirksamkeit
und der Lösung seiner Beziehungen. Endlich teilte er ihr auch mit, daß
er neuerdings die Berliner Polizei zur Hilfe gerufen, und daß ihm nach
Dresden berichtet sei, daß ein gewisser, sehr anrüchiger Numick in ihren
Diensten stehe! —
Sie hatte ihn nicht einmal unterbrochen. Als er nun aber geendet, sagte
sie weich:
„Und was soll ich zur Sühne thun, Herr von Klamm?“
Nur das sprach sie, und sah ihn mit einem demütigen Blick an.
„Sie müssen das Schriftstück, das ich mitgebracht habe, unterzeichnen.
Ueberdies wünsche ich von Ihnen, die Sie eine reiche Frau sind, ein
größeres Kapital zur Begründung einer sicheren Existenz. Dieses Kapital
werde ich Ihnen verzinsen und nach und nach zurückzahlen. Wohlthaten
will ich von Ihnen nicht, ich will aber, daß Sie Ihr Unrecht dadurch
gut zu machen suchen, daß Sie mir die Mittel zu meiner Rehabilitierung
zur Verfügung stellen.
„Man könnte sagen: es sei den Vorgängen mehr entsprechend, daß ich Sie
den Gerichten überlieferte und sie der Verachtung anderer und eigener
Verachtung preisgäbe! Aber mir fehlt die Veranlagung zu einem
sentimentalen Stolz. Ich habe zu viel gesehen und erfahren, um mich über
irgend etwas zu wundern.
„Infolgedessen lehrte mich das Leben, eher zu versuchen, aus dem
Ungünstigen das Günstige herauszuziehen, mit redlichen Mitteln, aber
ohne Hingabe an eine unnützliche Empfindlichkeit oder ein unfruchtbares
Grübeln.
„Ich will schließen, indem ich sage:
„Sie haben in Ihrer Leidenschaft gehandelt. Das mag Sie ein wenig,
vielleicht mehr, als sonst eine solche Handlungsweise verurteilt zu
werden verdient, entlasten. Ich erwarte nun Ihre Antwort.“
Und Frau von Krätz entgegnete ohne Besinnen:
„Ich bitte, lassen Sie mich das Schriftstück lesen, das ich
unterzeichnen soll.“
Er reichte es ihr; es lautete:
„Ich erkläre, daß ich den Freiherrn Alfred von Klamm infolge einer
starken Enttäuschung verleumdete. Ich bestätige indessen aus freiem
Antriebe, daß ich ihn als einen vollkommenen Kavalier schätzen und
lieben lernte, und deshalb mein Vergehen tief bereue.“
Hierauf legte er ein anderes, von ihm entworfenes Aktenstück in ihre
Hände, das folgenden Inhalt besaß:
„Ich, der unterzeichnete Freiherr Alfred von Klamm, bekenne, von der
verwitweten Baronin Adelgunde von Krätz, geborene Gräfin Dugos in
Dresden, die Summe von.... Mark als Darlehn erhalten zu haben und
verpflichtet zu sein, dieses Kapital baldmöglichst, jedenfalls in
fünfzehn Jahresraten zurückzuzahlen, auch ihr mit Beginn des
nächstfolgenden Jahres dafür vier Prozent, in Vierteljahresraten
zahlbar, zu vergüten.“
„Und wie viel wünschen Sie, und wann wünschen Sie das Geld zu haben,
Alfred? Wollen Sie es nicht ohne Schuldschein von mir annehmen?“ fragte
Frau von Krätz, in der Ueberwallung ihrer Gefühle wieder den Ton
früherer Zeiten anschlagend. Ein feuchter Schimmer erschien in ihren
Augen, auch streckte sie ihm ihre kleine Rechte mit demütig flehendem
Ausdruck entgegen.
Klamm aber verneinte stumm.
„Nein, gnädige Frau! Ich nehme von Ihnen nur, was ich nehmen muß, und
lediglich um nicht infolge Ihres Vorgehens unterzugehen.
„Ich verspreche Ihnen, daß ich nur bestimmte Personen in das von Ihnen
zu unterzeichnende Schriftstück Einsicht nehmen lassen werde.
„Und ferner:
„Ich erbitte das Geld, sobald Sie es flüssig machen können! Und die
Summe? Die Summe? Soll das Unternehmen, das ich plane, genügend fundiert
werden, brauche ich den Betrag von 100000 Mark!“
„Wohlan! Ich bitte Sie, morgen nachmittag sechs Uhr bei mir zu sein,
dann werde ich es Ihnen einhändigen.“ — Und indem sie sich erhob und ihn
mit einem liebewarmen Ausdruck anblickte, sagte sie:
„Ich bitte — ich flehe Sie an, vergessen, verzeihen Sie! Sie haben
selbst zutreffend die Gründe angeführt, die mich fehlen, straucheln
ließen.
„Und nicht wahr? Morgen! Ich gebe Ihnen dann auch die Unterschrift. Und
— und Geld! Ich bin ja reich! Ich kann es entbehren. Wollen Sie nicht
mehr?“
„Ich danke, gnädige Frau — es genügt.“
Er griff nach seinem Hut und wandte sich von ihr ab.
„Alfred — Alfred!“ stieß die Frau unter schmerzlichem Schluchzen hervor.
„Können Sie wirklich so von mir gehen?“
Einen Augenblick kämpfte Klamm. Dann aber sah er sie, statt ihrem Anruf
Folge zu leisten, mit fremdem Ausdruck an, verbeugte sich förmlich und
mit einer ablehnenden Bewegung und verließ das Zimmer.
Sie aber warf sich, nachdem er gegangen, in die Sofaecke und weinte sich
aus. — Es gab für sie nur einen wahrhaft liebewerten Menschen in der
Welt. Er war eben gegangen! —
* * * * *
Während Klamm den Weg zu dem Hotel einschlug, in dem er Wohnung
genommen, fühlte er sich in seiner Stimmung sehr gehoben. Er hatte durch
sein gewagtes, fast ein wenig abenteuerliches, aber wohlüberlegtes
Vorgehen alles erreicht, was er nur wünschen konnte.
Bei seinen Erkundigungen nach Frau von Krätz hatte er zufällig erfahren,
daß sie im Begriff stehe, einen Maskenball zu geben, und gleich war in
ihm der Gedanke aufgestiegen, sich unter dem von ihm gewählten Domino in
ihren Räumen einzufinden.
Freilich wirkte auch gegenwärtig noch etwas auf sein Gemüt und seine
Sinne, das er nicht im entferntesten vorausgesehen.
Die Frau, die er in jener Zeit leidenschaftlich geliebt hatte, war ihm
in einem überaus vorteilhaften Lichte erschienen. Ihre Erscheinung und
ihr Wesen hatten wieder so sehr auf ihn gewirkt, und die Art ihrer Buße,
ihre Weichheit und das neue Bekenntnis ihrer Liebe ihn von neuem
derartig für sie eingenommen, daß er — den das Leben so rücksichtslos
mitgenommen, — nicht nur bedauerte, nicht in diesen sicheren Hafen
eingelaufen zu sein, sondern weislich überlegte, ob nicht doch ein
Bündnis mit ihr möglich sei.
Er streifte dann sogleich alle Sorgen ab, die Sorge für sich und seine
Mutter. Aber noch mehr! Er vermochte denen mit der Miene stolzen
Selbstgefühls zu begegnen, die sich über ihn zu stellen gewagt hatten,
die nichts von dem freieren Sinn besaßen, der ihm selbst innewohnte.
Ileisa konnte keinen gerechten Tadel gegen ihn erheben! Er hatte um sie
geworben, und sie war ihm — beeinflußt durch ihre Umgebung — als eine
völlig andere, als er sich vorgestellt, als sie sich an jenem Abend
gegeben, kühl, ja abweisend begegnet.
Es blieb also nur die Dresdner Gesellschaft, mit der er zu rechnen
hatte! Und da stutzte freilich Klamm! Die Winde würden von Berlin nach
Dresden tragen, daß etwas dort nicht richtig gewesen sei! Und daß er ein
Charakterloser sei, wurde dadurch erhärtet, daß er sich nunmehr wieder
mit der vereinigte, die er seinerzeit so geschmäht hatte. Auch
schlichen sich, nachdem sich diese Ueberlegungen in ihm festgesetzt
hatten, die alten Bedenken in seine Seele, ob er mit Adelgunde von Krätz
auf die Dauer glücklich werden würde.
Und das, grade das, erfüllte ihn schon bei dem bloßen Gedanken mit Sorge
und Bedenken.
Grade der Lebemann, grade der, sagte er sich, der einen tieferen
Einblick in die Gesellschaft gethan, der gesehen hatte, wie äußerlich
und grundsatzlos sie durchweg war, schaute in erster Linie nach einem
Weibe aus, bei dem er sich vor solchen Gefahren geschützt wußte.
Er wollte sich endlich retten aus dem großen Scheinleben. Er wollte
unter allen Umständen ein reines Haus haben und mit all dem Eklen, das
auf ihn selbst eingedrungen war während seiner Wanderjahre draußen,
abschließen.
* * * * *
Nach diesen Ereignissen waren einige Monate vergangen. Während dieser
Zeit hatte der Freiherr Alfred von Klamm, schwer erkrankt, in der Villa
der Frau von Krätz in Dresden gelegen.
Er hatte gedacht, das Schicksal aber anders entschieden!
Als er am Mittag des nächsten Tages den Weg zu Frau von Krätz genommen,
war ihm schon sehr schlecht gewesen. — Eine eigentümliche Mattigkeit
hatte in seinen Gliedern gesessen. Kalter Frost war ihm über den Körper
gerieselt, und diesem körperlichen Unbehagen hatte sich auch noch eine
starke Gemütsbeschwerung hinzugesellt. Trotzdem war er gegangen! Er
wünschte, sobald wie möglich, Dresden wieder zu verlassen; er stand
unter der Furcht, daß er hier würde ein Krankenlager aufschlagen müssen.
Auch wollte er Begonnenes zu Ende führen! Darum war er doch eben
hergekommen! Aber schon nach der ersten Gesprächseinleitung hatte ihn
abermals eine solche Schwäche ergriffen, daß er Frau von Krätz um eine
Stärkung hatte bitten müssen. Während sie voll angstvoller Besorgnis
davon geeilt, war er Zuständen erlegen, die einen solchen Charakter
angenommen, daß sie ihn in der Villa hatte betten lassen müssen.
Und die vorläufige Wiedergewinnung seiner Kräfte hatte er auch nur den
verständigen Maßnahmen des Hausarztes der Frau von Krätz zu verdanken.
An ein Ausstehen war nicht zu denken gewesen, weil sich, statt
Besserung, ein Nervenfieber eingestellt hatte.
Zu diesen ungünstigen Verhältnissen gesellten sich noch andere.
Frau von Klamm — die Frau von Krätz sogleich benachrichtigt, und der
sie Wohnung in ihrer Villa angeboten hatte, um bei ihrem Sohn zu sein, —
war selbst schwer erkrankt. So blieb der Witwe die Sorge für Klamm
allein, so wurde sie seine Pflegerin während der ganzen Zeit seines sich
Monate hinziehenden Siechtums.
„Ihnen wird er sein Leben verdanken!“ hatte der Arzt wiederholt gegen
die Frau des Hauses, und Gleiches hatte er häufig gegen Klamm geäußert,
nachdem er sich wieder erholt, nachdem ihm klar geworden, wie krank er
gewesen, wer ihm die Samariterdienste geleistet.
Klamms erstes Wort und erster beredter Blick galten auch ihr, und sie
kamen aus einem bewegten Herzen.
Er streckte ihr die Hand entgegen und sagte, weich betonend:
„Wie soll ich Ihnen danken?“
Das zweite Wort galt der Frage seiner Mutter: ob sie ihn auch gepflegt
habe, wo sie sei?
Nun mußte Frau von Krätz mit der Wahrheit hervortreten! Sie berichtete,
daß Frau von Klamm dem Tode nah' daniedergelegen habe, daß sie sich
indessen in der Besserung befinde, daß die Nachricht von seiner
fortschreitenden Genesung besonders günstig auf sie gewirkt habe.
Ein Ausdruck glückseliger Befriedigung trat in Klamms Züge. Wiederum
drückte er Frau Adelgunde die Hand.
Und so vergingen die Tage, und wieder verliefen zwei Wochen, und dann
konnte Klamm zum erstenmal anstehen und ihr, die wie eine Schwester an
ihm gehandelt, gegenübersitzen.
Während sie, selbst noch bleich von der Pflege, der Sorge und den
Anstrengungen der Nachtwachen, aber mit einer gleichsam vergeistigten
Schönheit vor ihm saß, ihre stillen, liebewarmen Augen auf ihn richtete,
sagte er:
„Ich habe in diesen Tagen der Ruhe und des Nachdenkens immer wieder
darüber nachgedacht, wie sehr ich während meiner ganzen Lebenszeit ohne
die Unfälle gerechnet habe.
„Immer, wenn ich eben glaubte, mein Spiel zu gewinnen, die Dinge nach
meinem Willen lenken zu können, zog am Himmel eine Wetterwolke auf,
entlud sich und zerstörte, was ich geplant oder gar schon aufgebaut
hatte.
„Ist immer der Charakter auch des Menschen Schicksal? Ich frage mich, ob
ich allezeit die Schuld an den Enttäuschungen trug, die mir geworden
sind!?
„Vielleicht! Vielleicht deshalb, weil ich mich niemals begnügen konnte,
nur eine Nummer zu sein, weil ich — einmal auf dieser Erde, und mit
Kräften und Genußsinn versehen, — auch dem Leben etwas abgewinnen, ja,
etwas erreichen, erobern, mein Eigentum nennen wollte.“
„Beziehen sich Ihre ersten Worte auch auf das, was Ihnen hier geschah?“
fiel Frau Adelgunde ein.
Sie forschte in seinem Angesicht in einem Gemisch von Schmerz und
Trauer.
„Ja — und nein,“ entgegnete Klamm, und gab ihr durch Mienen und Betonung
zurück, was sie, in solche Frage eingekleidet, aus ihrem tiefsten Innern
hervorholte.
„Ich will völlig ehrlich gegen Sie sein, wozu es mich stets drängt,
obschon diese Art nicht grade immer weise ist, mir gar oft, meist
schädlich war.
„Die Wahrheit darf in unserer Welt einmal nicht nackt gehen, sie muß
sich verhüllen!
„Ich wollte vor meiner Erkrankung wieder so rasch wie möglich von Ihnen
scheiden. Ich wollte mich vor mir selbst behüten. Der Gedanke, Sie nun
doch um das zu bitten, was Sie mir einst gewähren wollten — was sich für
uns beide zerschlug — scheiterte an der Ueberlegung, daß es Ihnen
einmal nicht gegeben sei, nur für einen zu leben, nur einen zu lieben,
in eigentlichem Sinne Treue zu üben, sich in der Ehe wirklich
anzupassen.
„Ich hatte Furcht vor der Zukunft, und ich hatte Furcht vor der
öffentlichen Meinung, die mir, die uns nachsagen würde: ‚Die
Charakterlosen schlagen und vertragen sich!‘ Ich wollte endlich auch das
unberechtigte Vorurteil zerstreuen, das die Menge beherrscht: daß ein
Mann, und besonders ein Adeliger, mit einer stark wechselnden
Vergangenheit, sein ernsthafter, sittlicher, auf seinen Namen und seine
Ehre das Allerhöchste haltender Mensch sein könne.
„Nur deutsche Einseitigkeit der Auffassungen weist den Schuster an,
Schuster zu bleiben und wenn er auch die Fähigkeit in sich entdeckt, als
Schneider weit Besseres zu leisten.
„Erst wenn diejenigen, die sich allmählich zu dem Rechten durcharbeitete
und zugleich Großes wurden, gestorben sind, lobt man ihnen nach, daß sie
dem Vorurteil zum Trotz, sich nicht begnügten, etwa bloß Spargel zu
stechen, sondern etwas Bedeutendes geschafft zu haben. Und dann: Alles
wird bei uns klassifiziert, und in dieser Klasse hat der Mensch höhere
Rechte oder hat er sich der Ansprüche auf Vorrechte zu begeben.
„Wie kann ein Adliger in eine Buchdruckerei eintreten? Er muß
notwendigerweise aus der Art geschlagen sein!
„So ist es mir ergangen! Und wie ist es wirklich? Ich wollte überhaupt
nur eine Thätigkeit aufnehmen, eine, die mich fesselte, die mir Erfolg
verhieß, die mich aus dem üblichen Nichtsthun gewisser Lebemänner mit
adligen Namen befreite! Nun, da ich — durch harte Umstände bedrängt —
aus dem Geschäft wieder so bald ausgetreten bin, wird die öffentliche
Meinung mir schuld geben. Und wer Schuld trägt, wissen wir beide allein,
Frau Adelgunde!
„Wollen wir es nun trotzdem versuchen, dennoch versuchen, ein Bündnis zu
schließen? Wollen Sie meine Frau werden? Können Sie dem Vorurteil
begegnen, daß ich nicht als der Freiherr von Klamm auftrete, der als
Mann einer sehr reichen Frau lediglich die Zeit stiehlt und im Müßiggang
lebt, sondern ein Geschäft, ein Gewerbe betreibt, arbeitet, schafft,
fördert, maßvoll lebt, den rechten Lebensgewinn in dem Verkehr mit
gleichgesinnten, wertvollen Personen erblickt, die denselben
Anschauungen huldigen, so überlegen Sie meinen abermaligen Antrag! Aber
gönnen Sie mir auch — verzeihen Sie das viele — das Gelöbnis, daß Sie
lediglich mein sein und bleiben wollen, daß Sie“ — Klamm sprach's mit
einem sanften, gewinnenden Lächeln — „keine anderen Götter haben wollen,
neben mir!“
Adelgunde von Krätz nickte nur und sah Klamm mit einem weichen Blick an.
Und dann schnellte sie empor, lehnte sich mit leidenschaftlicher Hingabe
an ihn und flüsterte:
„Ja, ja, Lieber! Wie du es willst, so soll und wird es sein!“ —
* * * * *
Nach diesen Geschehnissen waren fast anderthalb Jahre verstrichen.
Während dieser Zeit hatte sich für Klamm und Adelgunde sehr viel
Bedeutsames ereignet. Frau von Klamm litt nach ihrer Krankheit unter
einer Lähmung, und aus den Plänen Klamms, sich gleich wieder eine
Thätigkeit zu suchen, war nichts geworden. Die Vorbereitungen zur
Hochzeit hatten seine Zeit und Sinne in Anspruch genommen, und später,
nach ihrer Hochzeit, waren sie, teils um seine Gesundheit noch zu
stärken, teils um Adelgundes Vergnügungsdrang Nahrung zu geben, auf
Reisen gegangen.
Frau von Krätz war sehr klug vorgegangen. Bald nach ihrer Verlobung
hatte sie zu Klamm gesagt:
„Erlaube mir eine Bitte, mein teurer Alfred! Verfüge schon jetzt über
meine Kasse und mein Vermögen, als ob sie dir gehören! Es soll dir auch
in Zukunft alles mit gehören, was mein ist! Wir werden nicht in
getrennter, sondern in Gütergemeinschaft leben! Ich möchte dich auch
gleich über meine Verhältnisse unterrichten! Ich besitze das dir
bekannte, von mir verpachtete Gut in der Lausitz, ferner das hiesige
schuldenfreie Haus, überdies liegen in der Bank Staatspapiere, die mir
allein eine Rente von 80000 Mark im Jahr gewähren. Ich habe nur einen
entfernteren Verwandten, der Ansprüche an mich erheben könnte, und ich
liebe nur einen Menschen auf der Welt aus voller Seele — und dieser
Mensch bist du!“ —
Und ein andermal hatte sie bei seinen sich äußernden, auf die Berliner
und Dresdner Gesellschaft beziehenden Bedenken hingeworfen:
„Ach, Lieber! Was sorgst du dich, was sie alle meinen, denken und sagen!
Wir schlagen sie ja alle aus dem Felde, wenn wir sie besuchen und ihnen
erklären: die Irrtümer hätten sich aufgeklärt, und wir hätten uns
dennoch gefunden, wie wir es anfangs gewollt.“ —
„Und Knoops und Ileisa von Oderbruch?“ hatte Klamm hingeworfen.
„Ah, bah, mein Freund! Was hast du auf die Rücksichten zu üben! Sie
nahmen dich auf, und du warst ihnen überaus nützlich! Dann gaben sie dir
den Laufpaß. Also ignoriere sie fortan. Zudem gehören sie ja gar nicht
zur Gesellschaft, kommen also nicht in Betracht. Und das kleine Mädchen,
das es so geschickt begonnen hatte, dich zu fangen, deren dann folgende
Sprödigkeit nur darauf berechnet war, dich nur noch fester zu binden,
lasse erst ganz aus dem Spiel!“
Klamm hatte nichts erwidert, aber grade ihre Bemerkungen hatten ihn
wenig angemutet.
Adelgunde besitze, — so sagte er sich — nicht die erhabene Seele, nach
der er verlangte. Sie war viel zu sehr Aristokratin und zu sehr
verwöhnt, um sich in die Lage der bebürdeten Mitmenschen, und in
ihre völlig gleichberechtigten Anforderungen an das Dasein,
hineinzuversetzen. Sie beurteilte die Dinge nur richtig und immer nur
nachsichtig, sofern sie in ihren Ideenkreis paßten.
Jene göttliche, der gesamten Menschheit zugewendete Anteilnahme, jene
Beschränkungsfähigkeit, jene echte Weiblichkeit, die er an eine Frau
seiner Wahl stellte, besaß sie nicht.
Und im Zusammenhang mit ihren Aeußerungen über Knoops und Ileisa, die
zugleich ihre Eifersucht gegen das junge Mädchen bekundeten, stieg in
Klamm die Erinnerung auf, was sie ihm aus dieser Eifersucht angethan
hatte!
Auf solche „Gedanken“ geriet nicht einmal ein vornehmer Mensch, viel
weniger führte er sie aus. Und endlich und zulegt! Das sah er schon
jetzt:
Nicht nur keinen Vorschub würde sie seinem Schaffensdrang leisten,
vielmehr ihn zu hindern suchen. Er würde — wenn er nicht die
erforderliche Energie entwickelte — nun doch der Müßiggang treibende
Mann einer reichen Frau werden!
Schon jetzt begriff Klamm nicht, daß er je hatte glauben können, daß sie
sich in bürgerliche Verhältnisse würde hineinfinden, daß sie gar die
Gattin eines Geschäftsmannes würde sein wollen. Sie konnte dem Auslugen
nach vornehmem Verkehr nicht entsagen, ihre Genußsucht, ihren Ehrgeiz
nicht einschränken! Sie hatte anfangs zu allem ja gesprochen, aber sie
hatte sich gleich dabei selbst zugeflüstert, daß sie es schon verstehen
werde, die Dinge nach ihrem Gefallen zu lenken.
Etwas Ausgleich fand Alfred von Klamm in seinem Innern durch das Urteil,
das seine Mutter über Adelgunde fällte.
Sie sagte ihm:
„Jeder hat etwas; jeder hat Berge von Fehlern, aber jeder hat Vorzüge,
hat Anlagen, die entwickelt werden können. Deine Frau ist ein
temperamentvolles Wesen! Sie ist auch gut, weich und lenksam, obschon
sie, sobald es sich um ihr Ich handelt, egoistisch zu überlegen, sehr
wohl die ihr mitgebrachte, nicht geringe Klugheit zu ihrem Vorteil zu
gebrauchen weiß.
„Aber ist das nicht aller Menschen Art, und kannst du sie dir nicht
weiter erziehen?“
„Ich würde aber, ich fühle es, Mutter, mit dem kleinen, pflichttreuen
Mädchen im Knoopschen Hause trotz aller Entbehrungen weit glücklicher
geworden sein. Ich liebe — ich wiederhole es — die ernste Arbeit;
verachte die Uebertreibung. Ich besitze keinen Hang zum fortwährenden
Vergnügen, zu reinen Aeußerlichkeiten. Ich bin — obschon ein Adliger —
durchaus bürgerlich veranlagt; ich verkehre am liebsten mit ganz
einfachen Leuten aus dem Volke!“
Zwischendurch war denn doch Klamm wieder dem liebenswürdigen und
aufgeweckten Wesen seiner Frau erlegen. Daß ihre Zärtlichkeit, daß ihre
reinen und ehrlichen Gefühle mehr in Blicken, mehr in stummer Hingabe
befanden, nahm ihn auch für sie ein.
Sie liebte auch Klamm mit der Tiefe, deren sie fähig war, und wollte
sich ihm in allem möglichst fügen. Sie wollte nur nichts von seiner
bürgerlichen Richtung, nichts von Geschäften bürgerlicher Art wissen!
Hofchef, Theater-Intendant, Ceremonienmeister, Oberstallmeister eines
Fürsten konnte er werden. Aber Zeitungsunternehmer, Fabrikant,
Kontorkaufmann! Dergleichen mußte er sich aus dem Sinn schlagen! Auch,
wenn er wieder in die Armee eintreten wollte, hatte sie nichts dagegen.
Aber das wies er wiederum schroff zurück. Er wollte keinerlei solche
Abhängigkeit.
Endlich konnte er auch Gutsbesitzer werden, ihre, seine Güter selbst
bewirtschaften. Das war nach ihrem Sinn. Dann konnte sie im Sommer auf
dem Lande, und im Winter in Dresden leben, die Geselligkeit genießen,
und die alte Rolle spielen!
Es hatte sich zunächst auch alles gestaltet, wie sie es gewollt. Die
Umstände waren ihr zur Hilfe gekommen.
Der Pächter auf ihrem Gute Groß-Loschwitz war unerwartet gestorben. Es
bedurfte also einer führenden Hand, und dazu hatte sie ihn zum Schluß zu
überreden gewußt.
Nach ihrem Aufenthalt im Süden, an den italienischen Spiel- und
Vergnügungsorten, in Paris und Berlin, waren sie nach Dresden
zurückgekehrt und rüsteten sich mit dem nun eben begonnenen Frühjahr —
es war Mai geworden — nach Groß-Loschwitz überzusiedeln. —
* * * * *
Inzwischen waren die Dinge im Knoopschen Hause in Berlin durch
eingetretene Umstände stark beeinflußt worden.
Hier, wie anderswo, hatten Zwang der Umstände, Einflüsse von außen und
innen und jene Schwäche, die sich aus natürlicher Rücksicht,
weichherzigen Anwandlungen und Nützlichkeits-Erwägungen zusammensetzt,
bewirkt, daß derselbe Mann, der von allen Knoops bis dahin verabscheut
worden war, den für immer aus ihrer Nähe zu entfernen, ihr fortwährendes
Sinnen und Trachten gewesen, nunmehr im Hause wieder verkehrte und als
berechtigtes Familienmitglied behandelt wurde.
Wenn man auch nicht unbedingt an seine Besserungsschwüre glaubte, auch
seinen auf Entlastung von Schuld berechneten Erklärungen über seine
Vergangenheit nur ein halbes Ohr schenkte, so hatten doch seine
einschmeichelnden Beteuerungen bewirkt, daß von einer dauernd trennenden
Auseinandersetzung nicht mehr die Rede war.
Herr Knoop hatte eine Summe gespendet, die Theodor, wie er selbst
erklärte, von Sorgen befreite, aber sich auch dazu verstanden, seinem
Bruder eine Thätigkeit im Geschäft anzuweisen.
Er hatte die Aufgabe, der Buchdruckerei und der Leitung Kundschaft
zuzuführen und empfing dafür eine feste monatliche Zahlung und überdies
eine nicht schlecht bemessene Provision.
Herr Knoop überlegte wohlweislich, daß Theodor seine Pflichten sehr bald
vernachlässigen würde, wenn nicht ein Nebenreiz zum Verdienen bestand.
So sah er wenigstens die Möglichkeit, daß sich sein Bruder an eine
ehrliche Thätigkeit gewöhnte. Wo ihn sein Nachdenken und sein Verstand
anders belehrten, da traten die Verwandtschaftsgefühle in ihr Recht,
auch entschlug er sich nach verständiger Menschenart dem Grübeln über
das, was einst kommen „konnte“.
Erreicht war zunächst, daß das unnatürliche Verhältnis zwischen den
Brüdern beseitigt worden war, daß er sich der Gewissensbisse enthoben
fühlte, die ihm immer doch geblieben wären, wenn er Theodor in der von
ihm beabsichtigten Weise fortgeschafft haben würde, und endlich, daß er
sich so am besten vor ferneren Schädigungen des Namens Knoop schützte. —
Das nächste wichtigste Ereignis im Hause war die Rückkehr von Arthur
Knoop aus dem Auslande.
An einem Sonntag Morgen holten ihn sein Vater, seine Mutter und
Margarete vom Lehrter Bahnhof ab. Sehr verändert sah er aus, als er den
Seinigen gegenübertrat, und ganz anders, als sie erwartet hatten,
begrüßte er sie.
Er legte das Wesen eines Mannes an den Tag, der es als etwas Kindisches
ansieht, Gefühle hervorzukehren.
Er sprach, nachdem er ihnen kaum flüchtig die Hand geboten, wohl aber
den mit dem Tragen deines Handgepäcks betrauten Träger deshalb sehr
scharf angefahren, weil er bei dem Allzuviel eine lederne Tasche hatte
fallen lassen, lediglich von der Zugverspätung. Auch äußerte er gleich
beim Verlassen des Perrons, — unliebenswürdig kritisierend — daß die
Feder auf Margaretens Hut seinen Beifall nicht habe. Er flocht in recht
gemachter Weise englische Laute in seine Reden ein: „No — no — you know
— certainly“ und anderes an englischen Einschaltungen ging über seine
Lippen. Vor dem Besteigen des Wagens mußte er sich noch eine Cigarette
anstecken. Der scharfe Geruch führte für Frau Knoop einen Hustenreiz
herbei, und Margarete wehte mit der Hand den Rauch ab.
„Na, seid ihr aber zimperlich,“ entschied Arthur, warf zwar den Rest zum
Fenster hinaus, zog aber ein mißfälliges Gesicht und schüttelte den
Kopf.
Und was draußen in den Straßen sich darstellte, das unterzog er einer
fortwährenden, abfälligen Kritik, verglich es mit England und meinte:
„Die guten Deutschen bleiben ewig in den Kinderschuhen stecken.“
Der Eindruck auf seine Familie war, wenn auch ein vermiedener, bei
allen ein unbehaglicher. Bei Frau Knoop siegte zwar die Bewunderung über
den Sohn. Arthur besaß das Aeußere und die Manieren eines Mannes von
Welt. Sie verglich die Zeit, in der er im Kittel und gelben Riemengurt
um den kleinen Leib umhergelaufen war, mit dem heutigen Tage, und fühlte
sich gehoben durch ihres Sohnes Bildungs- und Anpassungsfähigkeit. Sie
glaubte an seinen Wert, weil sie ihn erhoffte. Sie redete sich ein, daß
er sein altes, zutrauliches Kinderherz nur verstecke.
Und Herr Knoop sah in ihm den jedenfalls das Leben kräftig anpackenden
Mann, der wußte, was er wollte, der besser fuhr, wenn er sich mit
Weichmütigkeit nicht abgab.
Was ihm nicht gefiel, darüber würde er schon mit ihm sprechen. Anders
war's mit Margarete. Sie empfand nicht nur eine starke Enttäuschung,
sondern sie wurde auch zu einer energischen Abwehr gedrängt.
Das Gefühl für alles Natürliche, Vernünftige und Gerechte, das im Grunde
auch ihrer Mutter eigen war, das bei der nur einen Abbruch erlitt,
sofern es sich um ihre Kinder handelte, lehnte sich gegen den kaltherzig
abbrechenden Ton auf, den sich ihr Bruder erlaubte.
Wenn er ihre Hutfeder getadelt hatte, so ärgerte sie sich über seinen
Hang, sich der herrschenden thörichten Mode anzuschließen:
„Warum hast du denn deine Beinkleider unten umgelegt? Es ist ja völlig
trockenes Wetter!“ warf sie spöttelnd hin.
Und Arthur antwortete:
„Sprich doch nicht so naives Zeug, Grete! Man sollte glauben, du lebtest
in Posemuckel oder in einem anderen Nest —“
„Du irrst, Arthur! Ich weiß sehr wohl, daß zahllose Narren mit
aufgekrempelten Beinkleidern umherlaufen, sollte aber meinen, daß sich
Menschen mit geläutertem Geschmack nicht zum Diener solcher
Abgeschmacktheiten machen.“
„Na ja, na ja, liebes Kind! Du bist die Weisheit in Person,“ warf
wiederum Arthur hin, und schon hier im Wagen mußten die Eltern zum
Frieden ermahnen. —
Die nächsten Tage nach seiner Ankunft benutzte Arthur Knoop, um sich im
Geschäft umzusehen, und dort die alten und neuen Angestellten zu
begrüßen.
Ueberall, wo er erschien, begegnete man ihm mit einer ausnehmenden
Zuvorkommenheit, ja, nicht selten mit äußerster Unterwürfigkeit. Man sah
in ihm den Stellvertreter des Herrn Knoop, den künftigen Chef. Und
Arthur, mit der tadellosen Erscheinung, der uninteressierten Miene, den
kalten Augen und dem nach portugiesischer Art zugespitzten Kinnbart,
reichte den Herren in den Geschäftsabteilungen entweder herablassend die
Hand, oder machte sich, wenn er ein Gespräch anknüpfte, zum Mittelpunkt
der Erörterungen.
Niemals fragte er nach den persönlichen Verhältnissen der Mitarbeiter
seines Vaters. Den Unterbeamten und Handlangern nickte er überhaupt nur
zu, und behielt in den Unterabteilungen der Druckerei, den Setzersälen,
den Maschinensälen und Papierlagerräumen, nach englischem Vorbild den
schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf.
Nur Adolf behandelte er anders, und auch Theodor, sein Onkel, fand Gnade
vor seinen Augen. Theodor wußte ihn zu umschmeicheln, und da es mit
vollendeter Meisterschaft geschah, so wußte er Arthur für sich
einzunehmen. Arthur fragte, wo sein Onkel abends verkehre, ließ sich
erzählen und erklärte, sich ihm häufiger anschließen zu wollen.
Theodor Knoop hatte inzwischen in seiner äußeren Erscheinung sehr
gewonnen. Er kleidete sich einfach dunkel, mit großem Geschmack. Er
hatte den roten Bart abgeschnitten, die Haarfrisur vorteilhaft verändert
und glich nunmehr einem, den vornehmen Kreisen angehörenden Flaneur der
Großstadtwelt.
Dieses Wertlegen auf eine ausgewählte Kleidung gefiel Arthur
ausnehmend, er zog daraus sogar Schlüsse auf die Würdigkeit seines
Onkels. Die Vorurteile, die ihm durch den Inhalt der Briefe von Hause
über Theodor geworden, schwanden allmählich mehr. Da Theodor es auch bei
gelegentlichen Gesprächen über seine Vergangenheit mit gewohnter großer
Klugheit verstand, sich lediglich als Opfer ganz besonders widriger
Verhältnisse darzustellen, befestigte er sein Ansehen in den Augen
seines Neffen wenigstens gegenwärtig durchaus.
In einer Unterredung mit seinem Vater hatte Arthur die Absicht kund
gegeben, die Thätigkeit von Klamm, von dem er sich immer und immer
wieder erzählen ließ, der ihm wegen seiner jetzigen Vermögenslage
außerordentlich imponierte, aufzunehmen.
Allerdings machte er auch gleich bestimmte Einschränkungen, indem er
erklärte, daß er stets um sechs Uhr frei über seine Zeit verfügen und
sich überhaupt nicht gleich einem Angestellten binden wolle.
Er huldigte dem Sport nach allen Richtungen, und übte alle Passionen,
die zu pflegen in England zum guten Ton gehörten.
Namentlich verstand er es auch, die vorhandenen Kräfte auszunutzen, die
Angestellten in jener fortwährenden Spannung zu erhalten, die in ihnen
die Befürchtung wach erhielt, daß sie bei irgend einer Unterlassung oder
geringerem Eifer ihrer Stellung verlustig gehen könnten. Die Personen
waren eben nur für seine Zwecke da, und Geschäft war lediglich Geschäft.
Da gab's keine Artigkeiten, keine Rücksichten, sondern nur Dienstbarkeit
und Arbeit, wofür bezahlt wurde. Wo die Familie verkehrte, machte er
alsbald Besuche, und dem Kutschbock-Diener, der für ihn die Karten
abwarf, mußte eine neue Livree angeschafft werden.
Auch ließ er sich in verschiedenen Sportklubs, und namentlich auch in
dem so genannten Millionenklub aufnehmen. Er trat auf als der Sohn des
Großkaufmanns, des Millionärs.
Und infolge seines Auftretens und seiner Erfolge verwandelte sich auch
das anfängliche Unbehagen seiner Eltern bald in ein Gefühl, daß ihn das
doch alles gut kleide. Stolz erfüllte ihr Inneres. Die alte Schwäche der
Nachsicht des Herrn Knoop gegen seine Familienangehörigen trat in Kraft.
Nur Margarete verhielt sich nach wie vor ablehnend gegen seine kalte
Art, gegen sein Besserwissen, gegen seinen Egoismus und seine
Ueberhebung.
So hörte sie auch mit allergrößtem Mißfallen einem Abendgespräch zu, in
dem Arthur bei Erwähnung der Kommerzienrat-Aussicht des Herrn Knoop
geringschätzig hinwarf:
„Ach! Das ist ja gar nichts, Vater. Kommerzienrat kann jeder werden, und
wenn du es sein wirst, so meinst nur du allein, daß du etwas erreicht
hast.
„Du mußt den erblichen Adel erstreben! Das ist etwas für dich und für
uns! Und das werde ich einleiten, und in dieser Richtung soll Theodor
helfen. Unsere Vorfahren waren ja adlige Dithmarscher Ritter. Daran
wollen wir anknüpfen, und wenn du dafür Opfer bringen mußt, du hast ja
die Mittel!“
Herrn Knoop gefiel diese Rede ausnehmend. Er, der Sohn eines einfachen
Mühlenbesitzers, sollte den erblichen Adel erhalten! Das war Nahrung für
seinen Ehrgeiz!
Aber noch eine vernahm, was er sprach, obschon sie dabei saß, als ob sie
gar nicht dazu gehöre, ja, als ob sie gar nicht im Zimmer sei: Ileisa!
Und sie dachte, welche geringe Bedeutung und welcher Unwert das war, was
man besaß, und welchen ungemessenen Reiz das ausübte, was man nicht
hatte.
Sie war eine Baronesse von Oderbruch — und was war sie, und was fing sie
damit an? Und diese Leute wollten ihr ehrliches Bürgertum gegen ein
„von“ umtauschen und dafür Opfer bringen, deren Inhalt zahllosen
unglücklichen Menschen ein glückliches Dasein verschaffen konnte.
Auch ihr gefiel, wie Margarete, manches durchaus nicht an Arthur, aber
seine Entschiedenheit, seine Männlichkeit, sein Selbstgefühl flößten ihr
einen gewissen Respekt ein.
Sie drängte die Empfindungen für Klamm, die in größter Stärke wieder
erwacht waren, nachdem seine Verlobung mit der Witwe in Dresden bekannt
geworden, mit aller Kraft zurück. Sie nahm sich vor, Arthur
entgegenzukommen ihn zu prüfen, sich allerdings auch nichts zu vergeben.
Sie war ihm infolgedessen, als er einmal etwas früher ins Speisegemach
getreten war, sie dort allein angetroffen und sie angesprochen hatte,
zuvorkommender begegnet, als es sonst in ihrer Art lag.
Aber als er, dadurch kühn gemacht, sich eine Vertraulichkeit gegen sie
hatte erlauben wollen, hatte sie mit großer Bestimmtheit im Ton gesagt:
„Sie werden von Ihrem Fräulein Schwester erfahren haben, wer ich bin,
Herr Knoop! Ich bitte deshalb, daß Sie mir trotz Ihres Aufenthaltes im
Hause, ein Bleiben möglich machen. Ich habe nichts, als mein
unbescholtenes Ich! Aber das ist mir so wert, wie irgend jemandem, der
sich einer Bedeutung und eines Ansehens in der Welt rühmt.
„Ich rufe den Kavalier in Ihnen an — ich weiß, Sie sind ein Kavalier —
und nun — ich bitte — Ihre Eltern und Fräulein Margarete kommen — treten
Sie zurück —“
Zwei Tage später, als er abends mit seiner Schwester aus einer
Gesellschaft zurückgekehrt war, hatte er die Gelegenheit ergriffen,
einmal eingehend über Ileisa zu sprechen. Er fragte sie, was sie nach
ihren Beobachtungen von ihr halte.
Und Margarete hatte erwidert:
„Ileisa ist eine vornehme Natur. Ich wüßte nichts an ihr auszusetzen —“
„Aber einen Fehler wird sie doch auch haben,“ fiel der nüchterne Arthur
ein.
Margarete dachte nach, dann sagte sie:
„Mutter meint, der Verstand sei doch mehr in ihr ausgebildet, als das
Herz.“
„Na, das ist doch erst recht ein Vorzug —“
„Wohlan, wenn du es so betrachtest — und dann — dann —“
„Nun?“
„Sie glaubt, sie sei im Grunde doch ziemlich adelsstolz. Als du neulich
von den Plänen gesprochen hättest, die du für Vater hast, habe sich ein
verächtlicher Zug um ihre Mundwinkel gelegt. Als ob sie hätte sagen
wollen:
„Ihr Bürgerlichen! Ihr bleibt ja doch Grautiere, wenn ihr euch auch mit
der Löwenhaut umhüllt.“
„Na, ja,“ fiel Arthur mit kaltem Lachen ein. „Sie hatte ja damit auch
nicht so ganz unrecht. Ich meine, — in den Augen derer trifft's zu, die
auf ererbten alten Adel zurückblicken. Die Menge beugt dagegen den
Rücken. Bei der Masse giebt's Ansehen. Und auf sie kommt es an. Und den
Zutritt zu den vornehmen Kreisen eröffnet das ‚von‘, ja, sichert es. Was
will man mehr?“
„Unbegreiflich,“ warf Margarete hin.
„Du, der entsetzlich nüchterne Verstandesmensch, legst auf Dinge solchen
Wert, erörterst gar deren Wert in solcher Weise! Du, für den Erwerb,
Geld, Lebenszweck ist! Ich denke, der Adel soll bestehen in der
Tadellosigkeit unserer Lebensführung, in vornehmer Gesinnung und
Handlungsweise! Mein Bürgerstolz lehnt sich dagegen auf, um des
erkauften Titels oder Ranges willen mit anderen Augen in der
Gesellschaft angesehen zu werden.“
„Ja, ja, du kommst immer mit deiner Kinderstubenmoral und Tugendsamkeit,
meine Beste. Das kennt man! Aber mit ihnen wird man höchstens eine
kleine Kompastorin auf dem Lande.
„Uebrigens kamen wir von Ileisa ab! Giebt's sonst noch etwas?“
Margarete schüttelte erst den Kopf, dann sagte sie spöttisch:
„Ja, eines giebt es noch, und das wird wenigstens auch in deinen Augen
ein sehr starker Mangel sein! Dieses einzige ist: du imponierst ihr gar
nicht! Nachdem offenbar sogar ein Herr von Klamm ihr den Hof gemacht —
so stark den Hof gemacht, daß er sie heiraten wollte, — versinkt deine
Herrlichkeit in nichts!“
„Wie? Herr von Klamm hat sich um sie bemüht?“ fiel Arthur, die starke
Enttäuschung, die Margarete ihm bereitet hatte, vorläufig unterdrückend,
ein.
„Das ist ja etwas ganz Neues! Das habe ich ja gar nicht erfahren! Woher
weißt du's? Hat sie es dir gesagt?“
„Gesagt? Nein, Liebster! Dazu ist sie zu diskret und zartfühlend. Sie
wußte ja, daß er mir durchaus nicht gleichgültig war. — Aber ich habe
sie im Traume sprechen hören. Es geschah bald, nachdem uns Klamm
verlassen hatte. Sie schläft doch neben mir. Die Thür stand an dem Abend
offen. Plötzlich hub sie an, seinen Namen zu rufen und sich sehr
schwärmerisch auszudrücken.
„Und überdies hat mir Onkel Theodor erzählt, daß sie ein gewisser Numick
im Tiergarten mit ihm hat promenieren sehen.
„Es mag Zufall gewesen sein. Aber es ist sehr verdächtig, daß sie mir
niemals etwas davon erzählt hat.“ —
„Hm — hm — so — so! Darüber möchte ich wohl etwas Sicheres erfahren? Und
namentlich möchte ich wissen, weshalb denn nichts aus der Partie
geworden ist?“
Margarete zog die Schultern und holte unwillkürlich Atem, wie jemand,
der sich so besser einer Starken Bedrückung entledigt.
Dann sagte sie:
„Ist überhaupt Herr von Klamm zu ergründen? Bei uns eifrig, ja
unermüdlich! Ein Adliger aus vornehmer Familie! Ein Mann, mit dem Drang
nach Einfachheit, Solidität, bürgerlicher Thätigkeit, nach Erwerb und
Erfolg. Und gleichzeitig versteckt, unzuverlässig, unwahr! Der Frau von
Krätz, die er nun geheiratet hat, soll er kurz vor der allgemein
erwarteten Verlobung plötzlich abgeschrieben haben. Dann hatte er sich —
es scheint sicher — an ein anderes armes, junges Mädchen in Dresden
gebunden. Die ließ er aber auch, — — und wiederum — nachdem ihn die Not
trieb — suchte er die Millionärin auf. Wenn nun noch hinzutritt, daß er
Ileisa den Kopf verdreht hat, so steht man ja vor einem Rätsel, es sei
denn, daß er eben doch ein Abenteurer ist, daß er hier nur so arbeitete
und täuschte, weil er sich mit den geheimen Absichten trug, Papas
Kompagnon zu werden, oder ihm das Geschäftliche für damalige eigene
Zwecke abzulauschen. Diese Thatsachen haben denn auch, wenn meine
Sympathien für ihn nicht abgeschwächt, doch meine Neigung für ihn zum
Erlöschen gebracht.“
Arthur hatte nicht ohne Spannung zugehört. Nachdem seine Schwester aber
ihre Rede beendet, sagte er mit einer an ihm sonst nicht hervortretenden
Lebhaftigkeit:
„Ich muß ihn kennen lernen! Ich möchte mir selbst ein Urteil bilden,
möchte der Wahrheit oder den Ursachen seiner Handlungsweise nachspüren.
Und Ileisa von Oderbruch — !? Hm — was du sagst — Uebrigens — da fällt
mir ein — sie hat ja noch eine Tante. Die wollen wir doch bald einmal
einladen.
„Ich möchte sie näher kennen lernen —“
„Mir will wirklich scheinen, daß du für unsere Hausgenossin ein nicht
gewöhnliches Interesse hast, Arthur!“ fiel Margarete ein. „Aber ich
wiederhole dir: Bei der, grade bei der wirst du kein Glück haben!“
„Na, ich werde dir das Gegenteil beweisen,“ stieß Arthur Knoop heraus,
zog sein Etui hervor, entzündete eine Cigarette und blies die
Rauchwolken nach der Art stark Erregter aus dem Munde.
Grade waren sie jetzt eben an dem Knoopschen Hause angelangt. Nachdem
Arthur seiner Schwester die Thür geöffnet und sich noch versichert
hatte, daß das ihrer wartende Mädchen zur Stelle war, nahm er den Weg
zurück. Er wollte noch in den Klub und dort einige Nachtstunden
verbringen. —
* * * * *
In einem alten Berliner Hause in der Kronenstraße, drei Treppen hoch,
zog einige Tage später, um die Zeit zwischen Mittag und Spätnachmittag
Ileisa von Oderbruch an der nach früherer Sitte durch eine Messingstange
in Bewegung zu setzenden Klingel. Sie wollte ihre Tante, die dort ihre
Zimmer besaß, besuchen, wollte endlich einmal wieder nach längerer Zeit
dieser einzigen Verwandten, die sie noch auf der Welt hatte,
Liebesbeweise an den Tag legen.
Es währte eine Weile, bevor ihr geöffnet wurde. Auch kläffte ein Köter
mit den bekannten heiseren Kehllauten, die diesen Vierfüßlern eigen
sind.
Als endlich die Thür aufgeklinkt wurde, geschah's nur spaltenweit.
Hinter der noch nicht abgehakten Sicherheitskette fragte die Bewohnerin
mit einer mürrisch mißtrauischen Stimme, wer da sei, und was man
wünsche.
„Ich bin's, ich bin's, liebe Tante,“ betonte Ileisa. Nun flog auch
rasch die Thür auf, und unter dem freudenerregten Winseln des Hundes,
unter dessen Wedeln und Anspringen, nahmen Tante und Nichte den Weg
durch den etwas dunklen Flur ins Wohngemach.
Die alte Dame mit dem kleinen, dürren Körper, den eingefallenen Zügen
und den pergamentfarbenen Wangen, legte eine überselige Freude an den
Tag, ihre Nichte vor sich zu sehen.
Immer wieder schaute sie ihr ins Angesicht, strich ihr liebevoll die
Hände und stellte Fragen.
Und nachdem dieser erste Freudenausbruch vorüber war, begab sie sich
zunächst fort, um eine Tasse Thee zu bereiten.
Nachdem sie alles Erforderliche herbeigeholt, und endlich noch aus einem
neben dem Ofen stehenden Blechkasten eine Anzahl selbstgebackener Kuchen
hervorgeholt, ließ sie nun auch ihrer Zunge über ihre Person und
Angelegenheiten freien Lauf.
Zunächst berichtete sie, daß Mopsi — so hieß der Hund — recht ernstlich
krank sei, was um so störender gewesen, weil sie selbst wieder an ihrem
alten, bösen Husten gelitten, und sich im Bett habe halten müssen. Dann
folgten mitleidige Bemerkungen über das Fußleiden der Aufwärterin, die
täglich erschien, um die gröbere Arbeit zu verrichten, und nachdem sie
dann auch noch allerlei mehr nachsichtige als anklagende Mitteilungen
über den Hauswirt und die Mitbewohner gemacht, gelangte sie auf die
Verhältnisse der Familie Knoop.
Sie ließ sich besonders von Arthur erzählen. Und Ileisa sprach aus, was
zutraf, aber sie verhehlte auch ihrer Tante nicht, daß er ihr wegen
seines kräftigen, weltmännischen Auftretens und seiner Abneigung, sich
irgendwie in seiner Eigenart zu verdecken, nicht übel gefalle.
„Und wie stellt sich der Sohn zu dir?“ warf die alte Dame hin.
Ileisa berichtete ihrer Tante, was zwischen ihr und Arthur vorgefallen
war.
„Hm — gut so — sehr gut, mein Kind. Du bist nun sicher, daß er sich
nichts wieder gegen dich erlauben wird! Noch mehr! Ich glaube, nach
deiner Schilderung wirst du in seinen Augen nur gewonnen haben.“
„Es scheint so, allerdings, Tante. Ich hatte ein sehr unpersönliches
Wesen von ihm erwartet. Statt dessen redete er mich heute morgen in der
liebenswürdigsten Weise an. Es geschah sogar das bisher Unerwartete, daß
die Familie sich endlich auch deiner einmal erinnert!“
„Siehst du wohl! Siehst du wohl,“ fiel die Alte ein, machte vergnügte
Augen, und ließ einen fast triumphierenden Ausdruck in ihren Zügen
erscheinen.
Und gleich fügte sie hinzu:
„Ach, mein süßes Kind, wie würde ich mich freuen, wenn du mit der Zeit
aus jeder Abhängigkeit herauskämest, wenn du einen braven, gutsituierten
Mann fändest. Es ist mein täglicher Gedanke und mein tägliches Gebet.
„Schade, daß dieser Arthur ein solcher Verstandesmensch ist, das wäre
sonst ja alles nach Wunsch! Du die Schwiegertochter des Herrn Knoop! Es
wäre erreicht, was ich im geheimen gehofft und erwartet habe, als ich
dir riet, eine Stellung anzunehmen. — Uebrigens — was macht denn der
Herr von Klamm? Für ihn interessierte ich mich immer außerordentlich.
Wenn der in guten Verhältnissen gewesen wäre, hätte ich dir gewünscht,
daß du seine Frau geworden wärest.“
Statt zu antworten, stellte Ileisa die eben schon erhobene Theetasse
wieder auf den Tisch, veränderte ihre Miene und ließ gedankenvoll das
Haupt sinken.
„Ja, ja, Tante — wenn er —“
Dabei löste sich gleichsam als Befreiung versteckten Schmerzes ein
langer Seufzer aus ihrer Brust.
„Also du interessiertest dich wirklich ernsthafter für ihn? Du liebtest
ihn, meine liebe Ileisa? Ja! Ja! Ich hab' mir's gedacht, ohne daß du
mir davon gesprochen hast,“ fiel die alte Dame teilnehmend ein.
„Hatte es einen Sinn und Wert, Tante? Er hatte und war nichts — und was
da so plötzlich zum Vorschein gelangte und geschah — ließ mich ja
zweifeln, ob er überhaupt ein wirklich vertrauenswerter Mann sei —
„Und nun ist ja auch alles aus, und nichts mehr zu ändern.“
„Gewiß, mein Kind, und sollte sich Herr Arthur Knoop für dich
entscheiden, prüfe dich zwar erst, aber dann sei nicht spröde, dann sage
nicht nein. Ich halte es für möglich, daß du, grade du ihn sanfter,
weicher zu machen verstehen wirst. Und wenn dir das gelingt, so hast du
ja auch das, was du jetzt noch an ihm entbehrst. Im übrigen, mein Kind.
Es ist eine Thorheit, wenn die jungen Mädchen den Veilchen nachahmen,
und eher in demutvoller Bescheidenheit verblühen, als die Augen einmal
aufschlagen wollen.
„Wie der Mann, so hat auch die Frau die Pflicht und Aufgabe, die sich
für ihr Fortkommen bietenden Gelegenheiten wahrzunehmen. Ein Mädchen ist
wirklich nicht unweiblich, wenn sie sich vorhält, daß ohne
Entgegenkommen überhaupt im Leben kein Bündnis geschlossen wird!
„Gewiß! Sitte und keinerlei Abweichung von der Tugend! Aber den ihr von
Gott verliehenen Verband soll jede Kreatur gebrauchen! Kein Mensch zahlt
uns Frauen etwas dafür, daß wir aus lauter sittsamer Prüderie alte
Jungfern werden. Im Gegenteil: Wenn wir's geworden, verhöhnt man uns
noch dazu!“
Die alte Dame sprach's und seufzte auf.
„Allerdings, oft mit bitterem Unrecht,“ fuhr sie fort. „Man kann sein
Glück auch aus Pflichtdrang für andere verpassen — wie es mir geschah. —
Wie! Was? — Du siehst schon nach der Uhr? Ist's schon so weit, mein
süßes Kind? Nein, nein, ich will dich nicht aufhalten —!
„Wart', ich helfe dir — — Still, Mopsi — still — still! — — Wie meinst
du? — Gewiß, ich komme gern, und daß sie mich gar in ihrem Wagen nach
Hause bringen wollen, ist ja äußerst liebenswürdig!
„Grüße und danke. — Adieu! Adieu! Auf Wiedersehen, mein liebes Kind!“ —
* * * * *
Acht Tage nach dem vordem Geschilderten hatte Arthur vormittags eine
sehr wichtige Beratung mit dem Oberfaktor. Verschiedene größere Firmen
in Berlin waren von der zuständigen Behörde aufgefordert worden,
Offerten einzureichen. Es handelte sich um die für die allgemeine
Volkszählung im Deutschen Reich erforderlichen Zählformulare, deren
Ausführung einer mindest bietenden Buchdruckerei übertragen werden
sollte. Arthur überlegte mit dem Faktor schon seit Stunden. Die Kosten
für das Papier und die gesamte übrige Herstellung wurden wiederholt
überschlagen, aber auch Erwägungen angestellt, ob das ungeheure Quantum
in der vorgeschriebenen Zeit fertig gestellt werden, ob der jedenfalls
mit sehr gedrückten Preisen hervortretenden Konkurrenz so begegnet
werden könne, daß ein Nutzen überhaupt zu erzielen sei.
Von großem Vorteil würde es sein, wenn in Erfahrung zu bringen wäre,
welche Offerten eine andere, im wesentlichen in Betracht kommende Firma,
nämlich die Hohensteinsche Buchdruckerei mache. Sie war die einzige, die
bezüglich der gesamten Einrichtungen Gleiches und mehr schaffen und zu
mäßigen Sätzen herzustellen vermochte, als das Knoopsche Geschäft.
Während sich noch Arthur und der Faktor unterhielten, zwischendurch
Anfragen von Eintretenden beantworteten, auch den sich ihnen
zugesellenden Herrn Knoop eben mit der Erklärung beruhigt hatten, daß
sich selbst bei dem von ihnen erwogenen Minimalpreis noch ein sehr
schöner Nutzen herausstellen werde, trat nach dessen Fortgang Theodor
Knoop mit sehr beschäftigter Miene ins Kontor.
Arthur streckte ihm mitten im Redefluß, kurz nickend, die Hand entgegen
und warf, als Theodor fragte, ob heute morgen etwas zu besorgen sei,
erst nachsinnend und dann von einer praktischen Idee erfaßt, in einem
belebten Ton hin:
„Hm — ja. Allerdings!“ Dabei gellte er sich gegen das Pult, zog erst
noch vorm Weitersprechen das Cigaretten-Etui hervor, entzündete mit
gewohnter Schnelligkeit eine Diubek und stieß den Rauch durch die Nase.
Dann ergänzte er, während er die Linke in die Beinkleidertasche schob:
„Könntest du vielleicht an den Faktor der Hohensteinschen Buchdruckerei
herankommen und ihn ausforschen, welche Offerte — sie für die Zählkarten
einreichen! Da wäre was für dich und für andere zu verdienen.“
Erst zog Theodor die Lippen. Gleich darauf aber trat ein cynischer
Ausdruck in seine Mienen und er stieß heraus:
„Ah! Du meinst, ich soll ihn —“ Hier machte er eine nicht
mißzuverstehende Bewegung mit der Hand und lachte unangenehm anzüglich.
Arthur aber ging auf diese Auslegung seiner Worte nicht ein; er ließ
vielmehr einen abweisenden Ausdruck in seinen Gesichtszügen erscheinen
und sagte:
„Nein, du irrst dich! — Wie sollte ich auf so etwas kommen.
„Weißt du, wir sprechen noch über die Sache, über das Wie. — Wo
frühstückst du heute? — Hm — Hm — Ich schlage dir vor, daß wir bei Ewest
in der Behrenstraße um ein Uhr ein Steak essen. Ich lade dich ein!“
Und ohne Theodors Antwort abzuwarten, da er dessen Zustimmung immer
gewiß war, wenn er ihn zu einer Pikanterie einlud, schloß er:
„Also abgemacht! Ein Uhr, rechts im Zimmer mit der geschnitzten Thür. —
Jetzt habe ich hier noch vollauf zu thun.“
Dabei drückte er ihm in jener Art die Hand, durch die man jemanden
höflich hinauskomplimentiert.
Nachdem der Onkel gegangen, war Arthur zunächst bemüht, den
unvorteilhaften Eindruck dieser Scene bei dem Faktor zu verwischen. Was
er gesagt hatte, war ihm in Wirklichkeit im Augenblick so
herausgeschlüpft. ‚Dergleichen that man natürlich nicht bei ruhiger
Ueberlegung.‘ Er sagte deshalb:
„Gewiß, Karlsen, man hätte es leicht, wenn man etwas von Hohensteins
erfahren könnte. Aber natürlich meinte ich nur, daß man dem Faktor
vielleicht Fragen stellen könne, aus denen man sich einen Vers zu
machen im stande wäre.
„Einen Beamten zu Pflichtvergessenheiten zu verleiten, wie Herr Knoop
annahm, kann mir doch nicht beifallen.“
Arthur hatte auch Glück. Karlsen, der Faktor, nahm die Worte, wie sie
Arthur verstanden haben wollte.
Und Arthur war dessen sehr froh!
Es kam ihm jetzt auch noch der Gedanke, daß sein eigener Beamter auf die
Idee geraten könne ihn an die Hohensteinsche Buchdruckerei für Geld zu
verkaufen!!
Er erschrak förmlich! Und er nahm sich vor, Theodor unter allen
Umständen von Schritten abzulenken, zu denen er in einer unbesonnenen
Anwandlung, in der Sucht, Vorteile zu erringen, den Anlaß gegeben hatte.
—
Als Onkel und Neffe zur verabredeten Zeit im Ewestschen Restaurant in
dem erwähnten Raum beisammensaßen, einen halben Hummer verzehrten und
eine Flasche Bocksbeutel dazu tranken, sagte Theodor, sobald er die
Gelegenheit als günstig erachtete, in stark belebtem Tone:
„Weißt du, Arthur, wie ich die Sache mit Hohensteins Faktor machen
könnte? Wir wollten ja darüber noch reden! — Ich werde mich an ihn
heranmachen und fragen, ob er nicht bei uns ins Geschäft eintreten
wolle. Verbessern will sich jeder!
„Wenn ich ihn dann heute abend in den Ratskeller bestelle, und nach
einigen Flaschen Wein nach meinem Willen habe, dann gehe ich vor!“
Zunächst entgegnete Arthur mit ungekünstelter Ueberraschung:
„Bei uns eintreten? Ich verstehe nicht! Wir können den Mann doch nicht
anstellen?“
„Ach, davon ist ja auch nicht die Rede. Das soll ja nur die Einleitung,
das Lockmittel, der Vorwand sein. Nachher kriegt er eben seinen Batzen
für seine Dienste. Und — und — wie viel hast du mir denn zugedacht, wenn
ich euch die Offerte, die Hohensteins machen, herausbringe.“
Diese letzte Aeußerung ärgerte Arthur ausnehmend. Abgesehen davon, daß
die Vorschläge, die sein Onkel machte, ein starkes Oppositionsgefühl in
ihm erregten, sah er es als einen Mangel an Delikatesse an, daß Theodor,
der inzwischen so viel Gutes von der Familie genossen hatte, gleich
seinen Vorteil betonte, schon vorher wissen wollte, was für ihn abfiel.
Er sagte deshalb wiederum in seiner unangenehm kalten Art:
„Du hast mich völlig mißverstanden, wenn du annimmst, daß ich jemals
die Hand zu dergleichen Vorgehen bieten könnte. Meine Meinung war, daß
man versuchte, etwas auf geschickte Art herauszubringen. Aber so was —“
„Na, du sagtest doch, ich und andere könnten verdienen,“ betonte Theodor
brüsk. „Das war doch nicht mißzuverstehen!“
„Du hast es aber doch falsch aufgefaßt! Ich meinte, du solltest etwas
davon haben, obschon ich — aufrichtig gesagt — eben nicht angenehm
berührt war, daß du das in den Vordergrund stelltest, uns das nicht
überlassen wolltest. Und wir würden was davon haben, wenn die Wirkung
die wäre, daß wir die Lieferung erhielten.“
„Na, ja — Also — du hast dich besonnen! So drehst du's jetzt! Du willst
lieber nichts ausgeben. — Darauf kommt's heraus!“ fiel Theodor — zum
erstenmal Arthur in einer solchen abfälligen Weise begegnend, ein.
Einen Augenblick wollte sich Arthur hinreißen lassen, das zu thun, was
sich Menschen um so eher aufdrängt, wenn sie sich getroffen fühlen. Dann
aber beherrschte er sich doch und entgegnete nur in einem überlegenen
Tone:
„Du hast recht: Ich habe mich besonnen, daß ich zu derartigen Mitteln
nicht greifen will, besonders und unter keinen Umständen zu solchen,
wie du sie zu meinem Erstaunen vorschlägst! Aber im Unrecht bist du,
wenn du meinst, die Furcht einer Schmälerung des Verdienstes leite mich.
„Wenn die Firma Knoop so dächte, verehrter Onkel, würde sie mit dir doch
keine Pakte geschlossen haben —“
„Was soll das nun wieder?“ fiel Theodor ein. „Ich denke, ihr habt
hinreichenden Nutzen aus meiner Thätigkeit, und alte Sachen soll man
endlich schon deshalb ruhen lassen, weil jeder seine Rechnung mit sich
zu machen hat. Wie ich für euch thätig bin, wollte ich dir grade
erzählen. Ich wollte dir mitteilen, wie weit ich im Heroldsamt mit der
Nobilitierung deines Vaters gekommen. Aber freilich — bei solcher Art
vergeht einem die Lust.
„Du denkst immer, verehrter Neffe, daß dir alles ansteht. Andere denken
sehr viel anders darüber.“
„Hm — es mag sein, Onkel! Aber entscheidend ist wohl, ob Defekte im
Charakter oder nur unsympathische Eigenschaften der Kritik unterliegen.
Daß deine Vergangenheit nicht völlig tadellos ist, kannst du doch nicht
leugnen, und wenn du vorschlugst, den Faktor bestechen zu wollen, so ist
dies nur ein Beleg, daß du es mit Gewissenssachen nicht sehr ernst
nimmst. Ueber dir zu Gericht sitzen — kann mir nicht beifallen, aber
wenn du einen solchen Ton gegen mich anschlägst, so sage ich dir meine
Meinung.“
„Ja, ja, es ist immer dieselbe Geschichte. Dein Vater und du halten sich
für Götter, andere aber gehören in den Hades!“
„Gut, zugegeben, daß wir unsere Schwächen haben! Sie überhaupt zu
leugnen — da wir Menschen sind — wäre ja eine Lächerlichkeit,“
entgegnete Arthur mit unheimlicher Ruhe.
„Aber du bietest ja selbst die Hand zu dem Ehrgeiz, den du so herbe
verdammst. — Eben hobst du noch hervor, daß du wieder Schritte gethan
habest. Ich sollte denken, daß du doch so etwas Schlimmes dann nicht
darin erkennen kannst. — Im übrigen! Wohin sollen solche Gespräche
führen? Sie können schließlich nur den Ausgang einer völligen
Entfremdung zwischen dir und uns haben. Und das kann dir doch am
wenigsten wünschenswert sein!
„Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Lasse also die Dinge
ruhen, lasse aber hören, was du aus dem Heroldsamt bringst.“
Nach diesen Worten erhob Arthur das Glas, hielt es seinem Onkel hin, und
ließ einen künstlich versöhnlichen Ausdruck in seinem Angesicht
erscheinen.
Es wurde Theodor nicht leicht, sich gleich wieder umzustimmen. Er war zu
allem, was ihn verächtlich machte, auch noch über die Maßen
empfindlich. Er wollte — trotz aller Ueberführung — immer noch ein Opfer
der Verhältnisse, und auch zu seiner jetzigen Thätigkeit nur deshalb
gedrängt sein, weil er noch unter den Folgen früherer Widerwärtigkeiten
litt. Das Wesentliche seiner indessen nun folgenden Mitteilungen ging
dahin, daß dem Antrag auf Nobilitierung deshalb an sich näher getreten
werden könne, weil es als richtig festgestellt sei, daß die Familie in
früheren Jahrhunderten „von Knoop“ gehießen habe. Aber es sei nach den
gegebenen Vorschriften erforderlich, pekuniäre Nachweise und Opfer zu
bringen, und jedenfalls besser, die Zeit abzuwarten, nachdem sich Herr
Knoop als Privatmann vom Geschäft zurückgezogen haben werde.
Einen Gewerbetreibenden mache man zum Kommerzienrat, wenn die
Vorbedingungen vorhanden seien, aber eine Nobilitierung sei bei Personen
mit offenem Geschäft nicht angebracht.
„Na — und weiter,“ forschte Arthur, nachdem das alles von Theodor
erörtert war.
„Ja, sonst nichts! Dein Vater muß nachweisen, daß er standesgemäß leben
kann — also etwa eine Million oder mehr besitzt, und er müßte wohl aus
dem Geschäft austreten.
„Zudem wird vorausgesetzt, daß er irgend eine Schenkung macht, zum
Beispiel an den Deutschen Frauen-Verein vom roten Kreuz oder
dergleichen. Ihr würdet gut thun, das Geschäft — ich wollte schon
darüber immer einmal mit dir und deinem Vater reden — an eine
Aktiengesellschaft zu verkaufen. Dann kann sich dein Vater zurückziehen,
und alles ist in Ordnung.“
„Doch nicht! Wo bleibe ich?“ fiel Arthur kritisch ein. „Wenn mein Vater
als Geschäftsmann nicht nobilitiert werden kann, so also auch ich nicht!
— Und ich will doch eine Thätigkeit behalten, ich will doch noch Geld
verdienen —“
„Hm! Weißt du, darüber habe ich auch schon nachgedacht. Du läßt dich zum
Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Aktiengesellschaft machen. Du
schwebst sozusagen als Geist über den Wassern. So erreichst auch du
deinen Zweck! Sehr häufig fungieren ja Adlige — Grafen und Barone — als
Aufsichtsräte. Das hat sich ja eingebürgert und wird nicht moniert! Im
Gegenteil!“
Diese Worte gefielen Arthur nicht schlecht.
Er sah sich bereits in seinen jungen Jahren in einer solchen Position.
Er war der reiche Privatmann, der sich bei großen Unternehmungen
beteiligte, den man auch sonst in Direktionen hineingewählt, der
Vertrauensstellungen einnahm, der großes Ansehen genoß und mit
verhältnismäßig wenig Arbeit seine Taschen füllte. Der Freiherr Arthur
von Knoop — den Freiherrn mußte er erzielen! — war in aller Welt Munde!
Ah! Wie das des ehrgeizigen jungen Mannes Inneres entflammte!
Er sagte jedoch, rasch wieder nüchtern geworden, und seinen Zügen einen
pessimistischen Ausdruck verleihend:
„Aktiengesellschaft! Aktiengesellschaft! Ja, wenn das so leicht wäre!
Gewiß! zu machen ist ja alles! Aber ob man den Preis erhält, den man
haben muß!
„Andere Menschen rechnen auch, und erst recht.
„Die ganze Nobilitierungsaffäre scheint mir nicht nur auf sehr schwachen
Füßen zu stehen, sondern in dieser Behandlungsart, bei solchen
Forderungen, ziemlich aussichtslos.“
„Du irrst wieder einmal gründlich,“ fiel Theodor mit abfälliger Betonung
ein. „Die Aktiengesellschaft bringe ich sehr rasch zu stande, und wenn
ich gut verdiene, so vorteilhaft, daß ihr mehr als zufrieden seid!
„Und wenn's keine Aktiengesellschaft wird, so weiß ich einen Millionär,
der darauf reflektiert. Schließlich kann's euch ja gleich sein — woher
ihr euer Geld bekommt — und um so eher begegnest du dem Einwand, daß du
eine gewerbliche Thätigkeit als künftiger Freiherr betreibst.“
„So — so — da wäre ich begierig,“ fiel Arthur ein, zog die bekannte
Cigarette hervor, entzündete sie mit gewohnter Hast und paffte stark.
„Also — bitte — heraus damit, wenn's gefällig ist —“
„Der Reflektant ist — ich nehme natürlich an, daß ihr nicht selbst
verhandelt, sondern mir das überlaßt — Freiherr Alfred von Klamm. Er
sucht ein Zeitungs- und Druckerei-Unternehmen zu erwerben —“
„Du meinst?“ fiel Arthur überrascht, aber zunächst nicht ungläubig ein.
Und dann doch gleich wieder abwiegelnd:
„Jedenfalls kannst du aber doch nicht mit ihm verhandeln. Du, den er
beschuldigt, daß du ihn und seine Mutter um ihr ganzes Vermögen gebracht
hast. Da müßte doch ein anderer vorgehen —“
„Und du glaubst noch immer an diesen Unsinn, Arthur!? Ich muß mich
wirklich wundern! Schon aus dem Umstande, daß ich mit ihm in Verbindung
treten will, erhellt doch zur Genüge, daß ich ihm seine Behauptungen
vollkommen zu widerlegen im Stande bin.
„Ich will davon absehen, daß ich ihn eigentlich wegen schimpflicher
Verleumdung belangen müßte.“
Arthur erhob das Haupt und sah seinen Onkel nicht ohne starken Beifall
an. Was sich nicht alles in dessen Kopf gestaltete, und mit welcher
cynischen Souveränität er über Felsen und Schluchten wegsetzte. Man
mußte es bedauern, daß ein an sich so findiger und gewandter Mensch
seine ihm von der Natur verliehenen Gaben nicht in den Dienst solider
Dinge stellte!
Nach diesen, auf Theodor gerichteten Betrachtung gen aber gingen auch
seine Gedanken wieder zu Klamm.
Er sagte infolgedessen:
„Na, ja — gleichviel! Lassen wir das! Etwas anderes aber ist — und das
fällt allein ins Gewicht: Sollte wirklich Klamm, nachdem er in einen
solchen Glückstopf gegriffen und sich wieder in die vornehme
Gesellschaft eingereiht hat, ein Zeitungs-Unternehmen und eine
Buchdruckerei kaufen wollen?“
„Ja,“ betonte Theodor entschieden.
„Er sucht etwas, obschon seine Frau, wie ich erfahren habe, durchaus
dagegen ist. Er hat einmal Geschmack an der Publizität gefunden, und die
Eitelkeit, als selbst produzierender Mensch und Zeitungsbesitzer die
übliche einflußreiche Rolle zu spielen! Frage nur deinen Vater, mit
welchem unglaublichen Eifer er bei euch thätig war. Freilich das nur, um
bei euch etwas möglichst rasch abzulernen.“
„Ja!“ meinte Arthur und rüstete sich jetzt, rasch nach der Uhr sehend,
zum Aufbruch. „Es ist ein ungewöhnlicher Mensch, und ich wiederhole oft
Gesagtes: ich möchte ihn gern 'mal kennen lernen. Na, ja! Denkbar ist es
ja jetzt — wenn du“ — hier nahm Arthur seinen pessimistischen Ton wieder
an — „dir nicht selbst etwas eingebildet, wenn du nicht Möglichkeiten
und Hoffnungen als Thatsachen hingestellt hast!
„Jedenfalls will ich noch heute mit meinem Vater sprechen und ihm über
alles Mitteilung machen. Du sollst dann alsbald Nachricht haben.“
Hierauf klingelte er, zahlte dem Kellner, ohne von seinem Onkel noch
besondere Notiz zu nehmen, und machte sich dann — ihm rasch und flüchtig
die Hand drückend — davon.
„Geben Sie mir noch einen Hennessy Cognac vom besten!“ erklärte Theodor,
der noch dageblieben war, dem Kellner, und zog die Börse.
Und während dieser forteilte, um das Verlangte herbeizuholen, murmelte
Theodor Knoop:
„So viel ist gewiß! Sobald ich mein Geld bei ihnen für die
Adelsgeschichte und den Verkauf des Geschäfts in der Tasche habe, ziehe
ich mich von der ruppigen Gesellschaft ein für allemal zurück! Jede
kleinste Zuwendung wird einem vorgehalten. Selbst Bezahlungen für
geleistete Dienste werden einem auf das Mitleidskonto geschrieben!
„Mit meinem Bruder läßt sich wenigstens noch sprechen! Aber dieser
eingebildete Ruppsack und Erz-Egoist Arthur ist mir nachgerade
widerlicher, als irgend ein anderer Mensch!
„Bevor ich vorgehe, werde ich mir erst einen Schein über meine Provision
ausstellen lassen! Sonst streiten sie mir alles nachher ab.
„Ich hole die Kastanien aus dem Feuer und habe nachher das Nachsehen!
„Und — und — kann ich dem Arthur nachher 'mal eins beibringen, so soll's
gewiß geschehen!
„Ich vergesse es nicht, wenn jemand sich einen solchen Ton gegen mich
erlaubt!“
Und während er die Friedrichstraße hinabflanierte und den Weg nach der
Kanonierstraße nahm, woselbst er in einem kleinen Hotel wohnte, schloß
er:
„Wetter! Wie wäre es, wenn ich mir die Preise für die Zählkarten von
Knoops verschaffte und durch — hm — hm — vielleicht durch Numick —
solche der Hohensteinschen Buchdruckerei offerierte? Da wäre jedenfalls
ein Geschäft zu machen. Die sind nicht so zimperlich. — Freilich —
freilich — solange ich so noch zu Knoops stehe — ist's wohl besser —
Ich könnte hereinfallen und mir alles verderben. —“
* * * * *
Arthur machte an demselben Tage seinem Vater Mitteilung von der
Unterredung mit Theodor.
Sie hatten sich nach Tisch in der Villa im Arbeitszimmer des alten Herrn
niedergelassen und schlürften, während sich die Damen zu einem
Schläfchen zurückgezogen, eine Tasse Kaffee, und rauchten eine Havanna.
Herr Knoop war in außerordentlich guter Stimmung. Die Aussicht auf das
Geschäft mit den Zählkarten machte ihm eine gute Laune. Er hielt den
Zuschlag für ziemlich sicher, weil die als äußerst zuverlässig bekannte
und bei den Behörden vorteilhaft eingeführte Buchdruckerei schon seit
Jahren wiederholt als Sieger bei solchen Konkurrenzen hervorgegangen
war. Nicht der Preis allein, sondern die Güte und die Sauberkeit der
Ausführung der Ware, deren man bei Knoops sicher war, halfen, wie er
wußte, bei der Entscheidung mit.
Arthur hatte ihm von neuem bestätigt, daß ein sehr hübscher Posten,
selbst bei der beabsichtigten starken Ermäßigung, abfallen werde.
Ueberdies wirkten die Nachrichten und Vorschläge, die Theodor gemacht,
sehr erhebend auf Herrn Knoop.
Daß Klamm Käufer sein könne, leuchtete ihm ein. Als Bewerber paßte er
ihm ausnehmend. Die Frau besaß bekanntlich Millionen! Infolgedessen
würde die Anzahlung, die Knoops fordern mußten, keine Schwierigkeiten
haben. Aber auch der Bildung einer Aktiengesellschaft war Herr Knoop,
der solchen Plänen bisher ausgewichen war, nicht abgeneigt. Thätigkeit
würde ihm, dem späteren Freiherrn von Knoop, nicht fehlen.
Auch Arthur würde sich, bei seinem ausgeprägten Erwerbssinn, der Arbeit
nicht entziehen und schon etwas Passendes finden, sofern er nicht in der
Aktiengesellschaft Beschäftigung und Vorteile fand.
Nach Theodors Mitteilung stieß ja nur noch der Geschäftsmann in seiner
jetzigen Façon im Heroldsamt auf Widerstand.
Eine erheblichere Summe für einen öffentlichen, dem Staat dienenden
Zweck herzugeben, fiel ihm nicht schwer, und er war dazu bereit.
Es lagen starkgewölbte Packete mit Staatspapieren in seinem Geldschrank!
Gegenwärtig hatte alles andere, was ihn sonst beschäftigte, ein
untergeordnetes Interesse. Nur die Ueberlegung, wie seine Frau und
Margarete die Sache auffassen würden, machte ihm noch Sorge.
„Deine Mutter wird freilich nicht sehr einverstanden sein, Arthur,“
erklärte Herr Knoop. „Sie legte schon auf den Kommerzienrat keinen Wert.
Und deine Schwester ist erst recht nicht dafür, daß wir das Geschäft
aufgeben! Freilich, auf sie kommt nichts an. Aber deine Mutter hat ein
Wort mitzureden.“
„Na, was will Mutter denn mehr, als eine so gesicherte Zukunft, Vater!?
„Ihr werdet euch die schon mehrfach von euch gewünschte Villa kaufen,
eine angenehme und noch erweiterte Geselligkeit pflegen, im Sommer — da
du nicht mehr gebunden bist — ins Bad reisen und so euch in eurem Alter
eines ungewöhnlich behaglichen Lebens erfreuen. —
„Grete besitzt wirklich etwas mehr als kleinbürgerliche Anschauungen.
Sie gleicht trotz ihrer Jugend alten Leuten, die sich in eine neue,
andere Zeit nicht hineinversetzen können.
„Ihr fortwährender Oppositionsdrang ist recht störend und wenig
geschmackvoll!“
„Na, sie leidet sonst nicht daran, Arthur! Sie besitzt nur einen stark
ausgeprägten Sinn für alles Natürliche. Es ist ein vortreffliches
Mädchen. — Schade — schade“ — unterbrach er sich — „daß sich Klamm
gebunden hatte. Der wäre ein Mann für sie gewesen. Es mag sein, wie es
will — hervorragende Eigenschaften hatte er trotz alledem.“
„Vielleicht, Vater! Aber die Sache war ja aussichtslos, da Klamm Ileisa
den Hof machte. Er hat sich für Grete ja gar nicht interessiert —“
„Allerdings! Es scheint so! Sicher aber wäre es anders geworden, wenn
wir das fremde junge Mädchen nicht ins Haus genommen hätten. Es war ein
Fehler —“
„Wie du so sprichst, Vater! Ich denke, Grete hatte doch einen großen
Gewinn von dem Verkehr mit ihr! Und die Dinge mit Klamm sind doch nun
abgethan! Er kümmert uns doch nur noch als Reflektant. Und dahin wollen
wir wirken. Ich werde Theodor morgen früh gleich mitteilen, daß du
einverstanden bist.“
„Nein, nein! Warte doch noch erst, mein Sohn! Erst muß ich mit deiner
Mutter nochmal sprechen. Wir wollen nichts überhasten. Besser fahren wir
beim Verkauf, wenn die Zählkarten-Angelegenheit durchgeht. Das
entscheidet sich ja — wie anzunehmen — in acht Tagen —
„Und dann —“
In diesem Augenblick erschien mit vorsichtigem Schritt Adolf mit der
wichtigen Miene und den stählernen Ringen in den Ohren. Er bestellte,
daß ein Herr Herrn Knoop senior sogleich dringend zu sprechen wünsche.
„Warte hier — ich komme zurück“ — entschied der alte Herr, erhob sich
rasch und elastisch und verließ, von Adolf gefolgt, das Zimmer.
Eine Zeitlang blieb Arthur noch nachdenklich sitzen.
Dann erhob er sich — von einem starken Verlangen nach Ileisa, von der er
wußte, daß sie im Wohnzimmer sein werde, erfaßt — und trat, auf dem
dicken Teppich unhörbar einherschreitend, in das erwähnte Gemach.
Und da bot sich ihm dann ein Anblick, der ihn berückte:
Ileisa war, während sie mit einer Lektüre beschäftigt, eingeschlafen.
Das Buch, in dem sie gelesen hatte, war ihr aus der Hand geglitten. Es
ruhte auf ihrem Schoß. Während des Schlummers hatte sie ihre
ursprüngliche Stellung verändert. Der Körper war in eine schräge Lage
geraten, das Gewand hatte sich verschoben, und ein kleiner Fuß und ein
Knöchel, über dem ein wahrhaft vollendetes Ebenmaß der Linien sichtbar
wurde, bot sich Arthurs Augen. Aber er überflog auch mit feinen Augen
die klassischen Formen ihres üppigen Körpers; er sah, wie sich die Büste
in sanfter Regelmäßigkeit hob und senkte, und ihn entzückte der während
dieser Bewußtlosigkeit in ihrem Angesicht noch stärker hervortretende,
ihr gleichsam angeborene Ausdruck stolzer Gemessenheit.
Nicht trennen konnte er sich von ihrem Anblick, und je stärker es ihn
überkam, daß er eigentlich eine Unzartheit begehe, so von ihr unbemerkt,
ihre Schönheit auf sich wirken zu lassen, desto mehr verstärkte sich
sein Verlangen, in ihrer Nähe zu bleiben.
Ja, noch mehr! Von einer mächtigen Leidenschaft erfaßt, kniete er vor
ihr nieder und war eben im Begriff, einen Kuß auf ihre Hand zu drücken,
als sie jählings erwachte, sah, was vorging und in höchster Verwirrung
emporschnellte.
„Wie — Sie — Herr Knoop?“ stieß sie, während das Rot der Scham in ihr
Angesicht schoß, erschrocken heraus.
„Ja, ich!“ betonte der Mann, „ich, der Ihnen schon lange sagen wollte,
daß ich Ihnen gut bin, der ich Sie schon lange bitten wollte, mir Gehör
zu schenken!
„Es sei Ihnen gestanden, Fräulein Ileisa — ich liebe Sie, und würde
glücklich sein, wenn ich gleiche Empfindungen bei Ihnen voraussetzen
dürfte.“
Nach diesen Worten beugte er sich zu dem zunächst fassungslosen jungen
Mädchen herab, küßte erst stürmisch ihre Hände und nahm sie, als sie
keinen Widerstand leistete, vielmehr in einem Gemisch von andauernder
Verwirrung und aufflammender Hingebung den Oberkörper unwillkürlich zu
ihm neigte, in seine Arme. Nun küßte er auch ihre Lippen, zwang sie,
sich zu erheben, und drängte sich ganz zu ihr.
Und sie zu ihm! Von einem heftigen Liebesrausch erfaßt, verharrten sie
so eine Weile, ganz sich hingegeben, bis plötzlich nebenan ein Geräusch
hörbar wurde, und beide auseinanderflogen.
Aber, als er dann etwas Furchtsames in ihrem Angesicht sich regen sah
und den Grund richtig deutete, fand er noch Zeit, ihr hastig
zuzuflüstern:
„O nein, nein — fürchte nichts, mein teures Mädchen. Ich meine es
ehrlich. Noch heute erkläre ich meine Verlobung mit dir meinen Eltern!
Du bist mein — und ich bin dein für immer!“
Noch sah er, welch glückseliger Ausdruck in ihrem Angesicht erschien,
wie sich die Büste befreit hob. Dann entschlüpfte sie, er aber schritt
seinem zurückkehrenden Vater mit äußerlich gleichmütiger Miene entgegen.
—
* * * * *
Nach diesem Zwischenfall trat bei den Verlobten dasselbe ein, was der
erste Liebesrausch zunächst nachwirkend stets zur Folge hat.
Eine starke Erregung durchströmte ihre Körper und Seelen, und die
Sehnsucht, jede Trennung zu verkürzen, trat in ihr Recht.
Daneben begannen sich, da beider Verstand nicht schlief, die
Ueberlegungen zu regen. Im Gegensatz zu den meisten Brautpaaren, die
alles, was den Gegenstand ihrer Neigung betrifft, verherrlichen, die das
rechte Augenlicht für Helle und Schatten verlieren, übersannen diese
beiden Menschen nüchtern die Folgen, die Vorteile und Nachteile des
zwischen ihnen geschlossenen Bündnisses.
Arthur sagte sich, daß die Standes-Erhöhungspläne, die sein Vater und er
verfolgten, eine Förderung erfuhren, wenn er in den Zeitungen
veröffentlichen konnte, daß er sich mit der Freiin Ileisa von Oderkranz
verlobt habe!
Dies klang sehr gut, das machte Eindruck. Und wenn er sie zudem als
seine Braut in die Gesellschaft einführte, wenn sie erst die Kleider und
den Schmuck trug, die er ihr schenken wollte, wenn ihre große Schönheit
noch dadurch gehoben wurde, dann geschah seiner Eitelkeit und seinem
Drang, Beachtung und Aufsehen zu erregen, vollste Sättigung. —
Und endlich: Ileisa hatte während ihres Aufenthaltes im Knoopschen Hause
bewiesen, wie sehr sie sich zu fügen wußte. So erhielt er eine Frau, die
immer des Spruches eingedenk sein werde, daß sich die Frau dem Manne
unterzuordnen habe.
Und da sie schließlich sonst auch alle Eigenschaften besaß, die eine
Frau zieren, da sie sittlich, gebildet, tüchtig, sich zu beschränken,
zu entsagen im Stande war, so mußte er sich darein finden, daß sie
nichts besaß.
Daß ihn das doch stark störte, daß das seine Neigung, ihr seine Hand zu
reichen, abschwächte, verhehlte er sich in ruhigeren Augenblicken nicht.
Auch die Welt werde fragen, ob sie etwas habe? — Nein! Sie war die
Nichte einer sich kümmerlich durchschlagenden adligen Jungfer; sie hatte
eine Stellung als Gesellschafterin im Knoopschen Hause inne gehabt!
Aber nun hatten die Umstände einmal eine Entscheidung herbeigeführt,
eine, die seiner Schwester und seiner Mutter völlig sympathisch war, die
auch, allerdings nach einigem Zögern, Herr Knoop guthieß. —
Nicht ohne Zagen dachte auch Ileisa in den Stunden nüchterner
Betrachtung über ihre Zukunft.
Sie glaubte nicht an die sittliche Kraft der Männer, weil sie ein
solches Gegen-Beispiel im Vaterhause gehabt, und sie glaubte an
Rücksichten der Männer in der Ehe ebenfalls nicht, weil sie zu häufig
das Gegenteil beobachtet und allzuviel darüber gelesen hatte, wie wenig
sich deren Beteuerungen mit den späteren Wirklichkeiten deckten. —
Eine volle Befriedigung erfüllte dagegen Fräulein von Oderkranz, ihre
Tante. Sie begegnete den Bedenken und Gewissensregungen, die Ileisa
erhob, mit denselben besänftigenden Aeußerungen, wie damals, als von
dieser Möglichkeit die Rede gewesen.
Inzwischen hatten die Pläne, die Herr Knoop, Vater und Sohn, verfolgten,
in der That noch zu starken Auseinandersetzungen mit den beiden Frauen
geführt. Herr Knoop hatte nicht mit Unrecht gegen Arthur hervorgehoben,
daß er sich mit ihnen, namentlich mit seiner Frau zu verständigen habe.
Frau Knoop hatte gesagt:
„Wir empfangen doch keinerlei Wert und Ansehen durch unser Kleid,
sondern lediglich durch die Tadellosigkeit unserer Handlungen.
„Legten deine Vorfahren den Adel ab, so wußten sie sicher, was sie
thaten. Sie entäußerten sich gewisser Pflichten und Nötigungen, die sie
hemmten und schädigten. Hat es denn irgend einen Vorteil, ein ‚Herr von‘
zu sein, wenn man seine Befriedigung statt in Eitelkeiten, in der
Ausbildung des Gemüts und des Sinnes für die idealen Dinge dieser Welt,
sowie in der Pflege des Verkehrs mit den Besseren und Gleichgearteten
sucht?
„Für Arthur ist's eine Thorheit, ihn in seinem Ehrgeiz zu verstärken,
ja, ich fürchte, es kann sein Verderben werden!“
Und Margarete ging noch weiter.
Sie drang in ihren Vater und in ihren Bruder, von der Erstrebung dieser
Aeußerlichkeiten überhaupt abzusehen. Sie hatte ein Bild in Ileisa vor
sich! Was war sie in der Gesellschaft mehr? Erfolg sicherte nur das
Geld. Und Geld besaß ihr Vater. Was wollte er sich möglicherweise dem
Gespött aussetzen?
Letzteres sagte sie ihm jetzt nicht. Ihre Pietät als Tochter hielt sie
davon ab, aber in einer Unterredung mit ihrem Bruder brachte sie ihre
Ansichten zum Ausdruck.
„Du solltest deinen Ehrgeiz darin suchen, es unserm Vater gleich zu
thun. Du solltest durch energische Ausübung deiner dir verliehenen
Fähigkeiten etwas Großes, Nützliches zu schaffen und zu fördern suchen!
Thatkräftige Männer der Industrie schlugen den Adel aus. Sie wollten,
daß man lediglich ihren Namen respektierte, nicht das „von“!
„Du bist Ileisa gar nicht wert! Sie ist viel zu gut für dich!
„Ein Mensch, der ohne Not auf solche Nichtigkeiten etwas giebt,
erniedrigt sich selbst; er zeigt, wie ungefestigt sein Charakter ist!“
Und Arthur hatte erwidert:
„Deine zimperliche Weisheit und Tugendhaftigkeit verpflanze, wie ich dir
schon früher riet, in ein Pastorenhaus. Du bist und bleibst ein
Gänschen, das die Federn eines Paradiesvogels verschmäht, weil es eben
nur zum Gänschen Veranlagung hat.“
„Ah — du solltest dich schämen,“ hatte Grete erwidert.
„Um das letzte Wort zu behalten, um einen Deckmantel für deinen Ehrgeiz
zu haben, scheust du dich nicht, deine eigene Schwester herabzusetzen —
„Frage nur Ileisa, wie sie über solche Dinge denkt! Ich sprach zufällig
noch gestern mit ihr über Eitelkeiten und die üblichen Heucheleien, die
gang und gäbe!“
Arthur hatte nichts mehr erwidert, nur die Achseln gezuckt und sich
entfernt.
Aber ein zweiter Stachel setzte sich ihm schon vor seiner Heirat mit
Ileisa ins Fleisch.
Sie war erstens eine, die nichts, gar nichts einbrachte, und sie legte
auf dasjenige an Aeußerlichkeiten keinen Wert, das ihm sehr, sehr viel,
ja, das Höchste war! —
* * * * *
Der Spätherbst war inzwischen gekommen; Frau Adelgunde von Klamm hatte
es durchgesetzt, daß ihr Mann sich damit einverstanden erklärt, den
Winter in Berlin zu verleben.
Als Aufenthalt hatten sie sich das Parkhotel am Potsdamerplatz
ausgesucht. In dieses zogen sie in den ersten Tagen des Oktober ein, und
nahmen drei Gemächer in der ersten Etage nach vorn in Besitz.
Dem Sträuben Klamms, der auf dem Lande hatte bleiben wollen, — der sich,
weil er seine Stadtpläne nicht verwirklichen konnte — auf die dortige
Thätigkeit mit allem Eifer geworfen, — hatte sie entgegengehalten, daß
man in seiner Mutter Nähe gelange, daß man der alten Dame die Freude
machen müsse.
Frau von Klamm war nach der schweren Krankheit noch immer leidend, aber
sie liebte trotzdem Geselligkeit, und sie war besonders glücklich, wenn
sie ihren Sohn womöglich täglich sehen und sprechen konnte. —
Theodor Knoop hatte durch einen seiner Helfershelfer, einen gewissen
Schmeidel, bei Herrn von Klamm vorgefragt, ob er das Knoopsche Geschäft
kaufen wolle. Klamm hatte erwidert, daß er nicht abgeneigt sei, wenn die
Offerte von der Familie Knoop selbst an ihn gelange.
Allerdings hatte Frau von Klamm wiederum stärksten Einspruch erhoben,
und nicht Schwäche, aber die Fessel, die Klamm angelegt war, weil seine
Frau das Geld besaß, hatten ihn bewogen, dem dann inzwischen wirklich
eingegangenen Antrag von der Firma Knoop vorläufig noch keine Folge zu
geben.
Sehr schwer war's ihm geworden, und starke Kämpfe waren damit verbunden
gewesen.
„Du hast ja eine Thätigkeit, mein lieber, teurer Freund! eine
Thätigkeit, die dich befriedigt, die für dich paßt, deinem Stande
angemessen ist,“ hatte sie erörtert. „Weshalb immer wieder auf diese
Pläne zurückkommen! Thu's mir zu Liebe und gieb die Gedanken an!
„Bedenke auch! In welche Nesseln du dich setzest! Du wirst deines Lebens
nicht froh werden, wenn du in all das Gezänk verflochten wirst!
„Und nicht ungefährlich ist's bei der starken Konkurrenz, dafür ein
solches Kapital zu wagen! Weshalb darauf ausgehen, wo in anderer Weise
ohne Fährlichkeiten und Aerger dasselbe zu erreichen ist.“
Klamm hatte nur mit wenigen Worten erwidert.
„Du kannst es nicht vergehen, daß ich grade dafür Neigung besitze, weil
du eine Frau, ein Kind der Gesellschaft bist. Ich kann immer nur
wiederholen, daß mich grade eine solche Beschäftigung mehr anzieht, als
irgend eine andere! Frage den Musikfreund, weshalb er grade die
Tonkunst, den Künstler, warum er die Malerei liebt und in deren
Förderung sein volles Genüge findet!? Ist es nicht etwas Herrliches,
durch die Presse den Sinn für edle Dinge, Fortschritt, das Interesse für
Kunst und Wissenschaft zu heben, ein Kulturförderer in bester und auch
in wirksamster Weise zu sein?
„Ist es nicht überaus anziehend, auch die praktische Seite des
Schrifttums, das Buchdruckereigewerbe und seine Vervollkommnung zu
pflegen?“
„Hm — aber nun grade das Knoopsche Unternehmen! Ich würde zu stolz sein,
um mich diesen Personen wieder freiwillig zu nähern, dadurch all die
alten Dinge aufzurühren, Alfred!“
„In dieser einen Beziehung muß ich dir recht geben, Adelgunde! Ich habe
ja auch deshalb erwidert, daß ich die Offerte von der Familie erwarte.
„Aber noch mehr! Ich habe ja bisher noch gar nicht von mir hören lassen
—“
„Mag es auch so bleiben, liebster Alfred! Schreibe ab! Beschäftigen wir
uns mit anderen Dingen. Zunächst wollen wir einmal unsere Visiten
machen, deine und meine Bekannten aussuchen!“
So hatte das Gespräch sein Ende gefunden, und Klamm hatte auch jetzt,
bei seiner Anwesenheit in Berlin noch von einer Berührung mit Herrn
Knoop völlig Abstand genommen. —
Inzwischen aber hatte Theodor Knoop nicht geruht. Er war nach allen
Richtungen thätig gewesen, um das Geschäft vorteilhaft zu verkaufen und
den Nobilitierungsplänen weiteren Vorschub zu leisten. Zu dem
Verlobungsfest Arthurs mit Ileisa war er mit eingeladen worden, und
diese Gelegenheit weicherer Stimmungen hatte er benutzt, um von seinem
Bruder einen Provisionsschein zu erhalten. Würde das Geschäft, wie es
geplant war, für drei und eine halbe Million verkauft, erhielt er 25000
Mark Vermittlungsgebühr, und erfolgte die Standes-Erhöhung, würden ihm
weitere 20000 ausgezahlt.
Er solle aber darüber nicht reden, auch mit Arthur nicht! hatte ihm
Friedrich Knoop auf die Seele gebunden.
Als Klamm sich trotz des Angebots, das ihm durch Theodors Handlanger
gemacht worden war, nicht meldete, warf sich Theodor auf die anderweitig
vorgesehene Realisierung des Verkaufs des Geschäftes, hielt aber Klamms
Mitwirkung dabei doch im Auge.
Er erklärte der Bank, an die er herantrat, daß ein künftiger Leiter in
der Person des Herrn von Klamm nicht nur gewonnen sei, sondern daß sich
dieser auch mit einem sehr erheblichen Kapital beteiligen werde. Auch
Knoops würden Aktien statt Geld nehmen, und Herr Arthur Knoop werde als
Aufsichtsrat später thätig sein.
Ueberdies hatte er auch gleich den sogenannten Emissionsplan vorgelegt.
Nicht dreieinhalb Millionen, sondern vier Millionen Aktien sollten
öffentlich von der Bank aufgelegt und dem Publikum zur Beteiligung
angeboten werden. Nach den bisherigen Einnahmen ergab sich dann immer
noch, wie er ihnen vorrechnete, eine jährliche Verzinsung von neun bis
zehn Prozent.
Wiederholte, sich ziemlich lang hinausziehende Besprechungen endeten mit
der Bereitwilligkeit der Bankdirektion, in eine Prüfung des Geschäfts
einzutreten. Sie sollte durch zwei der Bank kundige und vertrauenswerte
Persönlichkeiten vorgenommen werden. Sie hatten die Aufgabe, die
Gebäude, die Maschinen und das gesamte Inventar abzuschätzen und die
Bücher des Geschäftes einzusehen.
Ergab sich wirklich ein solcher Nutzen, sollte in ernsthafte
Verhandlungen eingetreten werden.
Unter solchen Umständen mußte aber Theodor nun doch an Klamm
herantreten. Daß sich Klamm mit Kapital und seiner Arbeitskraft
beteiligen werde, hatte die Bank, die Erkundigungen nach ihm eingezogen,
als Vorbedingung hingestellt. Gegen Arthur Knoop hatte sich wegen seiner
Jugend Bedenken erhoben; auch ergaben die Ermittelungen, daß er mehr
Sportsmann und Lebemann, denn ein eifriger Geschäftsmann sei. —
Bei einer Unterredung, die zwischen Arthur und Theodor stattgefunden,
hatte Arthur gedrängt, daß Klamm nunmehr baldigst bestimmte Erklärungen
gäbe.
Theodor hatte bisher mitgeteilt, daß Klamm ihm gesagt, daß er in irgend
einer Form der Sache näher treten wolle. Er hatte Arthur unter dem
Eindruck gelassen, daß er persönlich mit ihm verhandelt habe.
Um nun nicht der Lüge überführt zu werden, mußte er den Gang zu Klamm
schon wagen. Er wollte ihm erklären, daß er im besonderen Auftrag des
Herrn Knoop komme, und gab sich der Hoffnung hin, dadurch einer
unhöflichen Behandlung von seiten Klamms enthoben zu werden.
Ließ sich Klamm, wie er voraussetzte, auf Besprechungen ein, wollte er
alles vorbringen, was er den Bankdirektoren und Knoops als thatsächlich
bereits erzählt hatte. Theodor hatte auch, wie es schien, Glück. Herr
von Klamm ließ, als der Oberkellner bestellte, daß Herr Theodor Knoop im
Auftrage des Herrn Friedrich Knoop komme, und bäte, den Herrn Baron
sprechen zu dürfen, heraussagen, er werde sich unten im
Konversationszimmer einfinden.
„Was wünschen Sie?“ begann Herr von Klamm mit eisiger Miene und
Betonung, als er in den erwähnten Salon eintrat und sich Theodor erhob
und eine besonders höfliche Verbeugung machte.
Theodor brachte vor, was er zu sagen hatte. Er knüpfte daran an, daß
Herr von Klamm erklärt habe, daß er das Angebot von Knoops in
Ueberlegung ziehen wolle.
„Ja, aber ich muß dennoch ablehnen. — Sie wollen das, da Sie als
Beauftragter des Geschäftsinhabers erscheinen, Ihrem Herrn Bruder
mitteilen. — Sonst noch etwas?“ schloß Klamm und machte eine Bewegung
zum Gehen, die hinreichend bewies, daß er mit dem Besuch ferner zu
konferieren nicht wünsche.
Aber Theodor ließ sich nicht abschrecken. Er sagte nun das, was er
klüglich zuerst nicht in Vorschlag gebracht, das, was er der Bank aber
bereits mitgeteilt hatte.
Er bat Klamm, die Oberleitung zu übernehmen, erzählte, daß ein
Kapitalisten-Konsortium die Sache kaufen, in eine Aktiengesellschaft
verwandeln und grade ihn als Geschäftsleiter erwählen möchte. Man hoffe,
daß sich Klamm auch mit einem Kapitalbetrag des ihm ja sehr bekannten
Geschäftes beteiligen werde. Er fügte hinzu, daß sich Knoops ganz
zurückziehen wollten.
Höchstens sei der junge Herr Knoop bereit, sich mit in den Aufsichtsrat
einzureihen. Klamm überlegte rasch. Bei solcher Sachlage würde Adelgunde
vielleicht keine Einwendungen erheben. Einen geringen Teil ihres
Kapitals würde sie dann nur riskieren, und sicher würde er ihren
Widerstand beseitigen, wenn er lediglich die Stellung des Vorsitzenden
des Aufsichtsrates übernähme.
Thatsächlich würde er aber dann schon die Mittel und Wege finden, die
Zügel ganz in seine Hände zu bekommen.
Das klang dann ganz anders! Das stimmte dann mit dem überein, wozu sich
auch sonst adlige Personen verstanden. Klamm konnte alle seine Wünsche
erfüllen, wenn die Dinge sich so vollzogen.
Er erwiderte in diesem Sinne knapp und kurz und schloß:
„Ich wünsche aber mit der Bank selbst zu verhandeln! Welche ist es? —
Sie werden von dort über meine Entschließungen verständigt werden —“
Hierauf nickte er und machte abermals eine Bewegung, sich zu entfernen.
In Theodor schwoll's auf! Das ging ja alles herrlich! Aber eben nun
mußte das Eisen noch gleich ganz geschmiedet werden. Er wollte Alfred
überreden, ihm eine feste, prinzipielle Zusage zu erteilen.
Als er jedoch zu diesem Zwecke nochmals anheben wollte, richtete sich
Klamm mit äußerst brüsker Miene empor und sagte:
„Ich muß es ablehnen, mit Ihnen auch über das Allernotwendigste noch
ferner zu sprechen. Es geschah überhaupt nur, weil Sie im Auftrage Ihres
Herrn Bruders zu kommen erklärten. Wäre das nicht, hätte ich Sie gar
nicht empfangen, und ich rate Ihnen dringend, nicht noch einmal den
Versuch zu machen, sich mir zu nähern.
„Bedingung für meinen Eintritt ist überhaupt, daß ich nichts — gar
nichts mit Ihnen in Zukunft zu thun habe. Solches werde ich auch allen
Beteiligten mitteilen. — Adieu!“
Theodor Knoop schoß das Blut in den Kopf, eine rasende Wut ergriff ihn.
Statt zu gehen, statt alles hinzunehmen, statt ein erklärend
besänftigendes Wort zu sprechen, um sich so den Abgang zu erleichtern
sagte er:
„Wohlan, mein Herr! Nach Ihrem Belieben! Ich darf mir aber wohl die
Frage erlauben, was Sie berechtigt, mich in solcher Weise zu beleidigen?
„Sollten es die alten Märchen sein, daß ich Ihre Frau Mutter bei
Gutskäufen geschädigt habe, so erkläre ich das für eine Lüge. Ich kann
Ihnen nur dringend raten, daß Sie Ihre Verleumdungen nicht fortsetzen!
Also nicht Sie haben ein Recht, eine solche Sprache zu führen, sondern
ich könnte Sie wegen Ihrer Nachreden, die sich auf völlig vage
Vermutungen stützen, zur Rechenschaft ziehen. Ich habe Ihre Frau Mutter
nie mit Augen gesehen!“
Theodor hatte seine Rede kaum beendet, als schon ein, mit einer
befehlenden, jeden Widerstand aufhebenden Handbewegung begleitetes:
„Hinaus! Augenblicklich hinaus!“ in einem so drohend lauten Ton
erfolgte, daß es hell durch die unteren Räume des Hotels ertönte, und
Anlaß gab, daß sich mehrere nebenan befindliche, beim zweiten Frühstück
sitzende Gäste erhoben und herbeieilten, aber auch der Portier
unmittelbar darauf mit besorgter Miene den Kopf durch die Thüröffnung
steckte.
„Lassen Sie dieses Subjekt niemals wieder vor! Hören Sie, Portier! Er
soll mir nicht mehr gemeldet werden!“ befahl Klamm in einem kurz
befehlenden, sehr scharfen Ton. Während sich Theodor, zitternd und
zähneknirschend vor Wut, entfernte, schritt er auf dem entgegengesetzten
Weg zum Außenflur, um sich wieder in sein Zimmer zu begeben.
* * * * *
Nach diesem Vorfall richteten sich zunächst Theodor Knoops Gedanken auf
die Ueberlegung, wie er sich — gleichviel ob ihm Vorteile dadurch
entgehen würden — an Klamm rächen könne. Je mehr er zugeben mußte,
daß Klamms Haltung völlig gerechtfertigt gewesen, desto höher
loderte der Ingrimm in ihm auf, desto mehr verschärften sich die
Vergeltungsgedanken.
Aber schon am selben Tage dachte er anders! Was scherte ihn das
Wohlwollen oder die Abneigung des Herrn von Klamm! Wenn er nur das
Geschäft machte, nur Geld verdiente! Und nur in dem einen Punkte mußte
er noch handeln! Er mußte für alle Fälle den Bankdirektoren eine
Erklärung geben, weshalb Klamm so sehr gegen ihn eingenommen sei.
Daß Klamm sich gegen Knoops äußern wollte, machte nichts aus. Das waren
für jene ja allbekannte, von ihm längst widerlegte Sachen.
Zuletzt rieb sich Theodor Knoop sogar die Hände.
Wie nun? Wenn Klamm ihn — als jener Betrugshandlungen verdächtig — beim
Staatsanwalt denunziert haben würde! Dem war er doch entgangen!
Also den Kopf hoch und leichten Sinnes! Die Unterredung war so
vortrefflich wie möglich verlaufen!
Noch an demselben Abend suchte er Arthur im Kontor auf, teilte ihm mit,
daß er ihm Gutes zu melden habe, und schlug ihm vor, den grade in Berlin
anwesenden Cirkus Renz zu besuchen.
Da Ileisa und Margarete einer Einladung zu Wiedenfuhrts folgen wollten,
Arthur also die Stunden nicht, wie sonst, mit seiner Braut verleben
konnte, nahm er seines Onkels Vorschlag an und traf die Abrede, daß sie
sich im Restaurationsraum vorm Cirkuseingang treffen wollten.
Bevor sich Arthur aber dahin begab, traf zufällig grade die Nachricht
ein, daß der Firma der Zählkarten-Auftrag zuerteilt worden war, ein
Umstand, der Arthur Anlaß gab, sich so gleich zu seinem, hinten im
Wohnhaus befindlichen Vater zu begeben.
Der Bote, der ihm die Nachricht schon vor der offiziellen Mitteilung
gebracht und dafür ein vorher versprochenes Trinkgeld erhalten, hatte
noch zu erzählen gewußt, daß sich die Offerte der Hohensteinschen
Buchdruckerei in allem stets ein weniges unter dem Knoopschen Angebot
gehalten habe, daß aber trotzdem der Zuschlag deshalb für die Knoopsche
Offizin ausgefallen sei, weil man größeres Vertrauen in ihre
Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit setze. Namentlich habe sich auch
Herr Wiedenfuhrt für Knoops ausgesprochen.
Das alles regte die beiden Herren sehr an, hob ihre Stimmung ausnehmend,
gab aber auch zu der Befremdung und Frage Anlaß, wie es komme, daß die
Hohensteinsche Buchdruckerei grade die Sätze von Knoops unterboten habe.
Es machte fast den Eindruck, als ob sie von der Offerte der Firma Knoop
Kenntnis gehabt.
Arthur erinnerte sich seines Gespräches mit Theodor und dem Oberfaktor,
und äußerte, daß der letztere sich unmöglich eines Vertrauensbruches
schuldig gemacht haben könne.
„Für den trete ich ein!“ betonte er, und Herr Friedrich Knoop Stimmte
ihm bei.