Eben hatte die Rücksprache mit Theodor Knoop stattgefunden. Es war die
Abrede getroffen, daß die Herren am nächsten Morgen nach Hamburg reisen
sollten. Im legten Augenblick hatte sich Herr Knoop bereit gefunden,
seinem Bruder außer den Ueberfahrtskosten die Summe von zweitausend
Mark, also einen größeren Betrag, als er ursprünglich beabsichtigt, zu
bewilligen. Er war dem geschmeidigen Wesen Theodors, seinen
Versicherungen und Schwüren, daß er nie wieder etwas von sich hören
lassen, daß er nie aus Chile zurückkehren werde, erlegen.
Bevor sie sich zum Fortgehen anschickten, ersuchte aber Klamm noch Herrn
Knoop um eine Unterredung.
Zu diesem Zweck traten sie in Klamms Arbeitszimmer, und hier begann
letzterer:
„Ich muß Ihnen eine Eröffnung machen, Herr Knoop. Ich muß Sie dennoch
bitten, daß Sie mich von meiner Zusage entbinden, mit Ihrem Herrn Bruder
nach Hamburg zu reisen, überhaupt mit ihm in Berührung zu treten.
„Es hat sich mir nämlich als unzweifelhaft ergeben, daß Ihr Herr Bruder
zu einer Gruppe von Personen gehört, die vor Jahren meine Mutter durch
falsche Vorspiegelungen um ihr ganzes Vermögen gebracht haben. Wir haben
den Gaunern, die sich falsche Namen beigelegt hatten, bisher nicht auf
die Spur kommen können. Nun ist einer entdeckt.
„Meine Mutter hat ihn mir so oft beschrieben, daß ich schon gestern
gleich stutzig wurde, als ich ihn sah. Eine Unterredung, die ich heute
morgen mit ihr hatte, und der eben stattgehabte abermalige Vergleich
erhärten die Gewißheit seiner Identität.
„Wenn ich Ihnen nicht den Eklat ersparen möchte, würde ich sogleich
seine Verhaftung veranlagen. Ich sehe davon ab, aber Sie werden
begreifen, daß ich mit ihm nicht in Berührung treten will! Es thut mir
außerordentlich leid, aber ich kann nicht anders handeln!“
„Hm — hm,“ stieß Herr Knoop enttäuscht und höchst unangenehm berührt,
heraus. „Das ist ja sehr fatal!
„Sollten Sie sich aber nicht doch irren! Sollte wirklich mein Bruder Sie
geschädigt haben? Sie stehen doch bisher nur unter einer Vermutung. Und
ich bitte, noch etwas sagen zu dürfen: Sie erklärten mir doch bei
unserer ersten Konferenz damals, daß Ihre Frau Mutter vermögend sei. Wie
habe ich es zu verstehen, daß nun mein Bruder sie um ihr ganzes Vermögen
gebracht haben soll?“
Klamm fühlte sich stark betroffen. Das war abermals eine Folge seiner
damaligen Äußerungen.
Was sollte er darauf entgegnen? Da ihm aber zum Besinnen keine Zeit
gegeben war, sagte er rasch und ohne äußere Verlegenheit:
„Sie scheinen zu glauben, daß ich nur nach einem Vorwande suche, mich
meiner Zusage zu entziehen, Herr Knoop. Ich versichere Sie, daß ich mich
in der Person Ihres Herrn Bruders nicht irre. Schon fiel es mir gestern
abend auf, wie er gleich bei der Nennung meines Namens zusammenzuckte.
Was ferner den Widerspruch zwischen meinen damaligen und heutigen
Erklärungen anbetrifft, so hängen sie mit jenem Umstande zusammen, über
den ich nicht sprechen kann, und um dessen willen Sie wünschen, daß ich
Ihr Geschäft wieder verlasse. Ich vermag mich auch jetzt nicht zu
erklären.“
„Mir aber werden Sie es nachfühlen, Herr von Klamm, daß mich alle diese
Dinge äußerst stutzig machen müssen.
„Wenn auch alles günstig für Sie liegt, ich habe — ich wiederhole es —
das Vertrauen verloren, und da Sie abermals verweigern, Erklärungen zu
geben, so meine ich allerdings, daß eine Trennung zwischen uns nicht
mehr zu umgehen ist.“
„Und was soll mit Ihrem Herrn Bruder geschehen?“ wandte Klamm, nachdem
er eine resignierende Miene angenommen hatte, ein.
„Ja — ja — das weiß ich nicht,“ ging's zaudernd aus des Mannes Munde.
„Ich — ich kann's Ihnen ja nicht verdenken, wenn Sie wirklich einen
Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wollen! Ich befinde mich in einer
sehr bösen Lage. Immerhin ist's doch mein Bruder; immerhin handelt es
sich doch um die Ehre und das Ansehen meines Hauses. — Seine völlige
Entfernung aus Deutschland wäre also die glücklichste Lösung.“ —
Klamm bewegte den Kopf mit einem bitteren Ausdruck. Dann sagte er:
„Nun, da es sich um Ihre Angelegenheit handelt, Herr Knoop, wünschen
Sie, daß Nachsicht geübt wird. Es liegt ein Gaunerstreich vor, der
einer Familie das Vermögen kostete, der mich gezwungen hat, aus meinen
Lebensbahnen herauszutreten, ja, ich kann es sagen, der ein indirekter
Grund ist, daß ich Ihnen etwas Unzutreffendes sagte, — daß ich an ein
Mädchen gebunden sei!
„Aber diese Sache wollen Sie im Sande verlaufen lassen? Mich wollen Sie
um eines ungünstigen Scheines willen — wollen mich trotz Ihrer
anderweitigen Erfahrungen — abthun!“
„Sie haben doch selbst das Anerbieten gemacht, Herr von Klamm! Sie haben
erklärt, Sie wollten um meinetwillen den Eklat vermeiden.“
„Gewiß, ich wurde von meiner anständigen Gesinnung geleitet. Nachdem Sie
mich aber interpellierten, wie es geschehen ist, entzogen Sie mir eine
gleiche Rücksicht. Die Dinge dieser Welt müssen, sollen sie einen
Ausgleich finden, auf Gegenseitigkeit beruhen.“
„Sie haben recht und unrecht, Herr von Klamm! Aber jedenfalls hat — ich
wiederhole Gesagtes — das gute Einvernehmen zwischen uns durch die
Umstände einen Bruch erlitten.
„Ich schlage Ihnen vor: Trennen wir uns in Frieden! Verschärfen wir den
Riß nicht durch eine Fortsetzung solcher Gespräche. Ich mache Ihnen den
Vorschlag, daß Sie noch einige Zeit bleiben, um alles abzuwickeln, und
daß wir dann von einander scheiden. Es trifft sich, daß mein Sohn aus
dem Ausland zurückkehren will! So kann er an Ihre Stelle treten!“
„Ah —“ ging's langgedehnt über die Lippen Klamms, und er wollte
hinzufügen: „Nun ist mir alles verständlich!“
Aber er sprach nicht mehr. Nur noch eine Verneigung erfolgte, aus der
hervorging, daß er sich mit Herrn Knoops Vorschlägen einverstanden
erklärte. —
Er erfuhr auch nicht, in welcher Weise sich Herr Knoop mit seinem Bruder
auseinandergesetzt hatte. Er sah nur nach einer geraumen Weile Theodor
Knoop aus dem Hause treten und die Straße hinabschreiten.
* * * * *
Klamm und Ileisa, die sich an einer von ihnen schriftlich vereinbarten
Stelle in der Bellevuestraße getroffen hatten, wanderten durch den
Tiergarten und nahmen die Richtung nach Charlottenburg.
Anfänglich stockte das Gespräch. Ileisa legte eine starke Befangenheit,
aber auch eine auffallende Unpersönlichkeit in ihrem Wesen an den Tag.
Sie sah sich wiederholt scheu um, ob man sie auch beobachte, und betonte
zu Klamms Enttäuschung, daß sie nur ihr Wort nicht habe brechen wollen,
daß sie sich eigentlich anders entschlossen habe. Von jener versteckten
Hingabe, mit der sie ihm an jenem Abend das Herz heiß gemacht und in ihm
so berechtigte Hoffnungen erweckt hatte, trat nichts zu Tage. Sie war
offenbar durch die letzten Geschehnisse völlig beeinflußt. Sie nickte
nur mit ernst stummer Miene, als sie Klamm fragte, ob sie schon wisse,
daß er das Knoopsche Geschäft verlassen werde, und löste ihre Zunge erst
auf seine eindringlich zuredenden Worte.
Sie erklärte, daß sich Herr Knoop sehr scharf geäußert, daß er alles
ausführlich erörtert und auch die vollständige Beipflichtung der Damen
gefunden hätte.
Er habe gesagt, daß die Unwahrheiten, die Klamm gesprochen, deshalb so
unentschuldbar seien, weil zu deren Aeußerung keine Nötigung vorgelegen
habe. Es sei sicher doch etwas mit seiner Vergangenheit nicht in
Ordnung. Der anonyme Briefschreiber habe ein Recht gehabt, vor ihm zu
warnen. Sein ganzer Lebensgang sei sehr abenteuerlich gewesen, und nicht
mit vollendeter Verstellungskunst freimütig hervorgebrachte Worte,
sondern Thatsachen wären in solchen Fällen entscheidend. Theodor Knoop
habe Klamms Beschuldigungen mit Entrüstung zurückgewiesen. Aber noch
mehr! Er habe geäußert: nicht er habe Klamm zu fürchten, sondern Klamm
ihn! Er meine in ihm einen früheren bekannten, übel beleumdeten
Gelegenheitsmacher entdeckt zu haben, der schon wiederholt wegen sehr
bedenklicher Affären von sich reden gemacht habe.
Und nach diesen Mitteilungen geschah auch das, wovor Klamm schon
gefürchtet hatte, vor dem er zitterte:
Als er einen versteckteren Weg mit Ileisa beschritt und nun an das
letzte Gespräch auf dem Knoopschen Ball anknüpfte, als er weich und
eindringlich auf sie einsprach, lösten sich schwere, langsam
niedertropfende Thränen aus ihren Augen, die zwar auch ihm, aber
ebensosehr ihrer Enttäuschung zu gelten schienen.
Und als sie sich endlich zu fassen wußte, als sie auf sein Zureden die
Sprache wieder gewann, erklärte sie, daß sich in ihr trotz schwerster
Kämpfe ein Mißtrauen gegen ihn eingeschlichen habe, und daß sie es auch
nicht abzustreichen vermöge.
Klamm trafen diese Worte gradezu niederschmetternd. Die Welt um ihn
verdüsterte sich. Er sah sich als ein Opfer der Verhältnisse
niedergeworfen.
Es wirkte auch nicht, daß er nun Ileisa ein Geständnis über die Hergänge
ablegte.
Immer wieder las er in ihrem Angesicht: „Darf ich dir trauen? Bist du
nicht trotz deiner Worte doch der, als welchen dich der Briefschreiber
und Theodor geschildert haben?“
Namentlich schien auch Margarete auf sie gewirkt zu haben. Sie nahm an,
daß er sich nicht zu verteidigen vermöge, und sie sah, daß er für sie
für immer verloren war.
Klamm empfing sonst aber auch heute die günstigen Eindrücke, die er
während der wiederholten Begegnungen im Knoopschen Hause von Ileisa
erhalten hatte.
„Wir lebten,“ berichtete sie auf seine Bitte, ihm von ihrer Jugend und
Vergangenheit näheres zu erzählen, „in sehr reichlichen Verhältnissen
auf einem meinem Vater gehörigen Gute in Schlesien. Bei einem
gelegentlichen, längeren Aufenthalt in Berlin, machte er die
Bekanntschaft einer adeligen Abenteuerin, die ihn dermaßen zu umstricken
wußte, daß er sich in der Folge oft wochenlang dort aufhielt, und ihr
auch, nachdem meine Mutter inzwischen vor Gram über sein Verhalten
gestorben war, zuletzt fast sein ganzes Vermögen verschrieb. Nach
seinem, in meinem dreizehnten Lebensjahre erfolgten Tode strengte meine,
seit meinen Kinderjahren bei uns lebende, nunmehr Mutterstelle bei mir
vertretende Tante einen Prozeß gegen die Erbschleicherin an, der aber
nur den Ausgang hatte, daß der uns verbliebene Kapitalrest noch mehr
geschmälert wurde.
„Dazu traten erhebliche Verluste, die durch Kursrückgänge an Papieren
entstanden, sodaß meine Tante nur so viel übrig behielt, um mir eine
Erziehung geben und selbst unter den allerbescheidensten Ansprüchen
existieren zu können. Meine, durch solche Vorgänge beeinträchtigte
Jugend hat mich früh ernst gemacht. Während meines späteren Aufenthaltes
in einem Mädchen-Seminar kannte ich nur Arbeit, Einschränkungen und
Pflichterfüllung. Vergnügen, Abwechslungen gab es nicht. Aus dem einst
frohen, lebenslustigen Kinde wurde ein schwermütig bedrücktes Wesen, das
früh zu resignieren lernte, das sein ursprünglich starkes Temperament zu
zügeln gezwungen wurde.
„Ich habe zufolge solcher frühen Erlebnisse einen wahren Abscheu vor
allem Unsittlichen, vor allem Abweichenden und Extravaganten erhalten.
Ich habe erkannt, daß nur die Hingabe an die idealen Dinge dieser Welt
einen Menschen glücklich machen kann, daß nur weises Maß und
Beschränkungsfähigkeit die Möglichkeit eröffnen, den Konflikten mit dem
eigenen Ich und der Außenwelt erfolgreich zu begegnen.
„Meine Tante ist mir darin ein Vorbild. Wenn Sie einen Einblick in diese
gute, gerechte, selbstlose Natur empfingen, würden Sie sagen, daß es
doch noch Ausnahmemenschen giebt. Ihr will ich nachstreben; um ihr
meinen Dank an den Tag zu legen für alles, was sie für mich voll
Aufopferung gethan hat. Ich will alles vermeiden, was mich aus den
ruhigen Geleisen heraus in ein unstätes, mit Reue und Kämpfen
verbundenes Leben hineintreibt. Und sehen Sie! Das mag meine Haltung und
meine Entschlüsse auch Ihnen gegenüber rechtfertigen!“
Während sie noch so sprach, waren sie an die Ecke des Salzufers gelangt,
und grade wurde der nach dem Brandenburger Thor fahrende Pferdebahnwagen
sichtbar. Infolgedessen beschleunigte Ileisa ihren Schritt, äußerte
durch Miene und sonstiges Benehmen, daß sie die Gelegenheit zur Rückkehr
benutzen wolle und bot Klamm unter hastigen Worten die Hand.
„Verzeihen Sie, wenn ich mich von Ihnen verabschiede. Ich muß zurück;
schon ist's über die Zeit. Haben Sie Dank für Ihr Vertrauen; ich werde
es Ihnen nicht vergessen! Und möge es Ihnen gut gehen: ich wünsche es
von ganzem Herzen! Adieu — Adieu!“
Zu einer Einrede, zu einer neuen Abrede, zu einer Bitte vermochte Klamm
überhaupt nicht mehr zu gelangen. Sie that ihn ab für immer. Und so
rasch entglitt sie ihm unter einem nochmaligen fast unpersönlichen
Kopfneigen, daß er gar nicht zu der Ueberlegung gelangte, daß er den
Wagen ebenfalls besteigen und dadurch noch in ihrer Nähe bleiben konnte.
Langsam, mit zerstreuten Gedanken, nahm er den Weg in der Richtung des
Brandenburger Thors zurück.
* * * * *
Herr Knoop war in keineswegs guter Stimmung. Wenn er ehrlich mit sich zu
Rate ging, mußte er einräumen, daß er Herrn von Klamm trotz alledem
nicht hätte gehen lassen, wenn nicht das unerwartet frühe Zurückkehren
seines Sohnes auf seine Entschließung mitgewirkt, ja, daß dieser Umstand
den Ausschlag gegeben habe.
Auch wurden ihm seine Aussichten, den Kommerzienrattitel zu erhalten,
sehr geschmälert. Er hatte mit Klamm darüber gesprochen und dieser hatte
ihm — mit solchen Dingen vertraut — seine Beihilfe zugesagt.
Er kannte Peinlichkeiten, mit denen er, ohne Gefahr mißverstanden oder
abgewiesen zu werden, sprechen, und bei denen er die Sache bereden und
Interesse dafür erwecken konnte.
Endlich aber hatten die Vorfälle auch sehr störend auf die Pläne
eingewirkt, die ihn in den Angelegenheiten seines Bruders geleitet
hatten. Da ihm niemand zur Verfügung gewesen war, der Theodor begleiten
konnte, war die Unterredung vorläufig ergebnislos verlaufen.
Er hatte ihm einstweilen auf seine Bitten einige hundert Mark gegeben
und ihm erklärt, er solle wegen des weiteren noch von ihm beschieden
werden. So war die Ausführung in der Schwebe geblieben, und Theodor so
bald wie möglich zu beseitigen, war doch mehr als je erforderlich.
Im Geschäft befand sich niemand, mit dem Herr Knoop jemals über seinen
Bruder gesprochen hatte. Er war in allen privaten Angelegenheiten sehr
verschwiegen. Er neigte gegen Theodor immer wieder zur Nachsicht, weil
der Familiensinn sehr stark in ihm ausgeprägt war. Theodor Knoop besaß
zudem eine ungewöhnliche Verstellungskunst. Er wußte durch das
freimütige Eingeständnis seiner Fehler zu versöhnen, und war sich der
Wirkung bewußt.
Im übrigen war noch allerlei, was der Erledigung harrte, und daß Klamm
seinen Verstand und sein Nachdenken zu gebrauchen und seinen Vorteil zu
nutzen wußte, trat zur Erhärtung der nun einmal eingerissenen
Entfremdung noch vor dessen Fortgange zu Tage. —
Er ließ sich durch Adolf am folgenden Vormittag bei Herrn Knoop melden
und begann nach gegenseitiger künstlich unbefangener Begrüßung:
„Ich erachte es als zweckmäßig für beide Teile, daß unsere Trennung
sobald wie möglich stattfindet, Herr Knoop. Bevor sie jedoch nach unsern
übereinstimmenden Wünschen in freundschaftlicher Weise erfolgt, möchte
ich Ihnen etwas vortragen, das Sie sicher als berechtigt anerkennen
werden.“
„Zuerst darf ich wohl voraussetzen, daß Sie Ihrer Kundschaft und
Bekanntschaft meinen Austritt mit einem Zeugnis zur Kenntnis bringen,
wie es gerecht ist. Ich habe Ihrem Geschäft die erwarteten Vorteile
zugeführt, ich war von morgens bis abends in Ihrem Interesse thätig.
„Ich darf das Verlangen stellen, daß die Motive, die Sie zur Kündigung
leiteten, unbedingt zwischen uns bleiben. Wenn Sie sie auch als
berechtigte erachten und ich, weil der Schein gegen mich spricht, ihren
Entschluß vergehe, so versteckt sich doch thatsächlich hinter ihnen
nichts, was den geringsten Tadel gegen mich erwecken könnte. Sie mögen
bedenken, daß es so ist, wenn ich Sie auch nicht zu überzeugen
vermochte.
„Und ferner: Ich darf von Ihrer bisherigen Kulanz erwarten, daß Sie mir
mein volles Gehalt auszahlen!“
„Ich weiß nicht, ob ich mir in einem Viertel- oder Halbjahr schon
wieder einen Erwerb werde verschaffen können.“
„Dann noch etwas, Herr Knoop:
„Ich werde Ihnen vielleicht, ja sicher, Konkurrenz machen. Ich spreche
das gleich offen aus, damit Sie mich nicht später einer unkorrekten
Handlungsweise zeihen!“
Und Knoop erwiderte:
„Gegen Ihren sofortigen Austritt habe ich nichts einzuwenden, Herr von
Klamm. Auch bin ich bereit, Ihnen ein ganzes Vierteljahrhonorar und die
Hälfte einer weiteren Quartalrate bei meiner Kasse anzuweisen. Mehr
bedaure ich nicht bewilligen zu können. Es hätte in Ihrer Hand gelegen,
in meinem Geschäft zu bleiben, wenn Sie meiner Bitte um offene
Darlegungen Ihrer Handlungsweise entsprochen haben würden. Da Sie es
verweigerten, waren Sie — nicht ich — schuld an unserer Trennung. Ueber
die inneren Vorgänge, die Ihren Austritt veranlaßten, werde ich nicht
sprechen. Das gewünschte Zeugnis werde ich Ihnen ausstellen.“
„Konkurrenz muß sich jeder gefallen lassen. Ich hätte lieber gesehen,
Sie hätten auf solche Pläne verzichtet — natürlich — ich bedaure sogar,
daß ich Sie nicht in dem Vertrage zwischen uns, dazu verpflichtet habe —
aber ich vermag nichts einzuwenden.“
Die Gegenrede war sehr kühl gehalten. Sichtlich kostete es Knoop Mühe,
auch nur so zu sprechen.
Und so blieb und wurde dann auch alles.
Schon am folgenden Vormittag machte Klamm den Damen seinen
Abschiedsbesuch, und die Damen ließen sich verleugnen.
Den Redaktionsmitgliedern, die ihm, wie er wußte, meist feindselig
gesinnt waren, sandte Klamm nur seine Karte. Von denen im Geschäft, die
ihm wohlwollten, die seinen Fortgang bedauerten, verabschiedete er sich
persönlich.
Als er am vierten Tage nach der erwähnten Unterredung bei Herrn Knoop
nach vorangegangenem Klopfen und „Herein“ eintrat, fand er Theodor Knoop
dort, und die Blicke der beiden Männer trafen sich, ohne daß sie einen
Gruß wechselten, mit einem Ausdruck von Feindseligkeit.
Klamm ging bei dieser letzten Verabschiedung mit dem Gefühl von dannen,
daß er fortan nicht nur in dem Bruder Theodor, den er bisher noch
geschont hatte, einen unerbittlichen Gegner haben werde, sondern, daß er
sich auch das Wohlwollen des Herrn Knoop vollständig verscherzt habe.
* * * * *
Den ersten Schritt, den Klamm nach seiner Entfernung aus dem Knoopschen
Geschäft unternahm, richtete er ins Polizeipräsidium. Er hatte sich
vorher erkundigt, an wen er sich wenden mußte, und fand auch bei dem
Abteilungschef eine sehr höfliche Aufnahme und ein bereitwilliges Ohr.
Nach eingehender Darlegung der Umstände empfing er die Zusage, daß ihm
vorläufig für die nächsten acht Tage ein Geheimpolizist zur Verfügung
gestellt werden sollte, der gegen Personen, welche sich bei Klamms
Ausgängen durch Verfolgung seiner Schritte verdächtig machen sollten,
vorzugehen haben würde.
Aber Klamm traf auch Maßnahmen, um sich über Theodor Knoops
Persönlichkeit eine Gewißheit zu verschaffen.
Da er bei der ersten Konferenz erfahren hatte, daß jener in einem Hotel
in der Jägerstraße wohne, fuhr er mit seiner Mutter am nächsten Morgen
dorthin, ließ die Droschke in angemessener Entfernung halten und zog bei
dem Portier Erkundigung ein, wann Herr Knoop auszugehen pflege.
Er empfing die Antwort, daß ein Herr Knoop dort überhaupt nicht wohne,
aber allerdings ein Herr, der zu der von Klamm gemachten Betreibung
passe, und sich Ulmer nenne.
Er sei noch auf seinem Zimmer; er wäre während der Zeit, in der er im
Hotel wohne, meist morgens zwischen neun und zehn fortgegangen.
Nach diesen Auskünften begab sich Klamm zu seiner Mutter zurück, um ihr
zunächst das Ergebnis dieser Unterredung mitzuteilen.
Ulmer hatte sich Knoop damals nicht genannt. Also in dieser Beziehung
gewährte die angestellte Ermittlung keinen Anhalt. Frau von Klamm
betätigte wiederholt, daß Knoop bei den damaligen Verkaufsverhandlungen
als Agent aufgetreten sei, daß er die Sache in die Wege geleitet, die
ungeheuren Vorteile gerühmt und den Wert der statt Geld zu zahlenden
Papiere in den Himmel gehoben habe.
Später waren zwei andere Herren, die sich Malch und Wendt genannt, in
Aktion getreten. Der große Preis hatte die arglose Dame verführt, sehr
rasch ohne mit ihrem damals im Ausland befindlichen Sohne in Verbindung
zu treten, abzuschließen. Sie hatte ihn durch den glücklichen Erfolg
überraschen wollen, ein Erfolg, der sich allerdings als ein äußerst
trauriger Irrtum insofern herausgestellt hatte, als sich die
Industriepapiere, die sie neben der kleinen Auszahlungssumme von den
Käufern in barem Gelde empfangen, als völlig unverkäuflich, also wertlos
herausgestellt hatten.
Reue, Scham und Schmerz hatten sie nach der Entdeckung abgehalten,
ihrem Alfred — nunmehr aus diesen andern Gründen, — Mitteilung zu
machen, bis er dann aus dem Ausland zurückgekehrt und nichts mehr zu
verschleiern gewesen war. Das Gut war seit dem damaligen Verkauf schon
wieder dreimal in andere Hände übergegangen. Die als Käufer um jene Zeit
genannten Personen waren, da sie sich falscher Namen bedient, nicht mehr
zu ermitteln gewesen, und nur ihr Aussehen hatte Frau von Klamm ihrem
Sohne immer wieder beschreiben, nur die Namen ihm mitteilen können.
Der Verdacht, der in Klamm aufgestiegen war, hatte sich zur Gewißheit
verstärkt, weil Theodor, wie erwähnt, ein äußerst unsicheres Wesen bei
der Nennung des Namens Klamm an den Tag gelegt hatte. —
Das Ergebnis dieser an diesem Morgen angestellten Untersuchung verlief
völlig nach Voraussetzung. Es gelang Klamm und seiner Mutter, Theodor
Knoop, als er aus dem Hotel trat, genügend in Augenschein zu nehmen, und
Frau von Klamm vermochte mit unbedingter Sicherheit festzustellen, daß
er mit jenem Agenten identisch sei.
Nun konnte Klamm Friedrich Knoops Anstandsgefühl anrufen, wenigstens
einen Teil der Veruntreuungen, die sein Bruder an seiner Mutter und an
ihm verübt, zurückzuerstatten.
Bei näherer Ueberlegung hatte er sich gesagt, daß es ein übertriebenes
Zartgefühl sei, nicht wenigstens den Versuch zu machen, das Ehrgefühl
des Bruders anzusprechen.
Im übrigen war Klamms Sinn schwer verdüstert. Ileisas Verhalten hatte —
abgesehen von der ungeheuren Enttäuschung — einen gewaltigen Aufruhr in
ihm hervorgerufen. Immer wieder hefteten sich die Folgen der Verleumdung
an seine Fersen!
Der Austritt aus dem Knoopschen Geschäft würde ihm — wie anderweitige
Erfahrung in solchen Fällen lehrte, — überall zu seinen Ungunsten
ausgelegt werden, und endlich stand er wiederum vor einer leeren
Luftschicht und sollte sich aus dem Nichts Neues herausholen.
Das Selbstvertrauen, das er seiner Mutter und Knoop gegenüber an den Tag
gelegt, war in Wirklichkeit stark beeinträchtigt, und erst allmählich
entwickelte sich aus dem Unmut, dem Schmerz, der Verbitterung und
Enttäuschung, der Entschluß, seinerseits jeden Gedanken an das spröde
Mädchen völlig von sich abzuthun und in Zukunft nur seinen Zielen und
Erfolgen zu leben!
Zunächst nahm er sich vor, gleich am nächsten Tage nach Dresden zu
reisen, bei der Frau, die er einst geliebt, einen Eingang zu
ermöglichen und sie auszuforschen. Es hatte sich seiner ein solches
Gefühl trotziger Auflehnung bemächtigt, daß er die Ermittlungen der
Berliner Polizei nicht abwarten wollte. Vielleicht vermochte er die
Maßnahmen der Behörde zu unterstützen, vielleicht ohne sie zum Ziele zu
gelangen. Jedenfalls wollte er aus dem bisherigen Zustande des Abwartens
heraus! — — —
* * * * *
Am Tage der Ankunft Klamms in Dresden saß in einer reizvoll
zurückgelegenen Villa in der Neustadt vormittags eine Dame der vornehmen
Gesellschaft in ihrem Kabinett.
In einen seidenen Morgenrock gehüllt, umgeben von Pariser Möbeln und
kostbaren Kunstgegenständen, lehnte sie sich in einen weichgepolsterten,
mit Damast bezogenen Stuhl zurück, putzte an den Nägeln ihrer weißen,
zierlichen Hände und horchte auf den Bericht eines vor ihr gehenden
Mannes.
Er war nach Art jener die herrschenden Moden beobachtenden
Persönlichkeiten gekleidet, die zwar ein Auge dafür besitzen, was den
Leuten der bevorzugten Gesellschaftsklassen gefällt, die aber bei der
Wahl der Stoffe und des Schnittes wegen ihres eigenen Mangels an gutem
Geschmack für sich selbst allezeit fehlgreifen. Auch besaß er die grobe
Gesichtsfarbe und jenen gewissen unsicheren Ausdruck in den Zügen, der
dem gewöhnlichen Mann schon Mißtrauen einflößt, die Erfahrenen aber
abhält, sich mit ihnen, sofern sie sie nicht für ihre Zwecke durchaus
brauchen, überhaupt einzulassen.
„Ich bin hergekommen, um mir fernere Verhaltungsmaßregeln zu erbitten,
meine Allergnädigste!“ hub er an. „Es war das von Ihnen befohlen, sobald
in Herrn von Klamms Lebenslage eine Aenderung eintreten würde.
„Ich habe zu melden, daß er das Knoopsche Geschäft schon wieder
verlassen hat.
„Auch ist allerlei Auffallendes in diesen Tagen geschehen. Er hat mit
seiner Mutter zusammen einen Fremden, der in einem Hotel in der
Jägerstraße wohnt, versteckt beobachtet. Dieser Fremde ist, wie ich
weiß, weil ich ihn persönlich kenne, der Bruder seines bisherigen Chefs.
Was aber die gnädige Frau besonders interessieren wird, ist die
Nachricht, daß er offenbar mit der Gesellschafterin im Knoopschen Hause
ein Verhältnis angeknüpft hat.
„Ich bin ihm gefolgt, während er mit ihr ein Rendezvous im Tiergarten
hatte, und schließe aus diesem Umstand wohl nicht mit Unrecht, daß seine
Entlassung damit im Zusammenhange steht.“
„Ah — ah! Das sind ja interessante Neuigkeiten, Herr Numick. — Ich muß
Näheres, Ausführlicheres hören,“ fiel Frau von Krätz mit lebhaftem
Ausblick ein, nötigte ihren Agenten nunmehr zum Sitzen und ließ sich von
ihm erzählen. Und er gab zum Besten, was Wirklichkeit war und was er, um
den Wert seiner Dienste zu erhöhen und sich dadurch einen größeren
Anspruch auf Belohnung zu sichern, ohne Skrupel aus seiner Phantasie
hinzufügte.
„Was Sie ferner thun sollen?“ bemerkte dann am Schluß seines Berichtes
die Dame.
„Sie sollen mir melden, was Herr von Klamm Neues beginnt oder einleitet,
welchen Verkehr er fürder pflegt, besonders aber, ob sich Ihr Verdacht
bestätigt, daß er mit dem Fräulein eine ernstliche Beziehung angeknüpft
hat.“
Der Ehrenmann verbeugte sich ehrerbietigst. Dann sagte er:
„Und sollen die Briefe wieder abgesandt werden, in denen vor ihm gewarnt
wird? Sollen sie denselben Inhalt haben?“
„Nein,“ entgegnete die Dame in einem raschen Ton und ließ einen
versöhnlichen Ausdruck in ihren Zügen erscheinen.
„Das will ich überhaupt nicht mehr fortsetzen! Ich bedaure eigentlich
sogar, daß es geschehen ist. — Ich bin Ihnen da gefolgt, aber es ist im
Grunde nicht mein Geschmack, es ist auch trotz der vorsichtig
gehaltenen Fassung sicherlich bei einer Entdeckung keineswegs ohne
Gefahr.
„Daß ich diesem Manne eine Strafe für seine Treulosigkeit gegen mich
gewünscht habe, ist menschlich, — begreiflich. Er hat mehr als unrecht
gegen mich gehandelt. Aber enfin — Was hat mein Vorgehen genützt? Er hat
doch seine Zwecke erreicht. Er ist eben einer, dem niemand widersteht. —
Nein, nein, das nicht, das will ich unter keinen Umständen fortsetzen!
Ich will nur ferner wissen, was er thut und treibt. Hören Sie, Herr
Numick?“
Nachdem sie ihn für seine Dienste belohnt, ihm noch etwas hinzugefügt,
auf dessen Anwartschaft er in ausführlicher Rede hingewiesen hatte,
verließ sie ihn. —
* * * * *
Am Abend eines der nächstfolgenden Tage gab Frau von Krätz ein Fest,
einen Maskenball. Alles, was Dresden an bevorzugten Persönlichkeiten
besaß, alles, was zur Gesellschaft gehörte, war geladen. Seit einer
halben Stunde wogte schon eine buntgekleidete Menschenmenge in den
weitläufigen, strahlend erleuchteten Räumen der Villa auf und ab,
schwatzte, lachte und trieb jenen lustigen Schabernack, der zu der
ausgelassenen Fröhlichkeit einer Karnevalsstimmung gehört. Wundervolle
und auch sehr eigenartige, das Auge fesselnde Kostüme waren von den
Gästen gewählt.
Da fehlte von bekannten Masken weder ein Pierrot, noch eine Colombine,
weder der Tanzbär, noch der Briefträger, weder das Baby, noch die
Königin der Nacht.
Aber man sah auch eine besponnene Eau de Cologne-Flasche, die
fortwährend ihren duftenden Inhalt spendete, und einen indischen
Fürsten, dessen Seidengewand mit Edelsteinen bedeckt war, aus denen
fortwährend elektrische Funken sprühten.
Ein Gast trug ein Gewand, das ein Gesicht darstellte, dessen Züge einen
unerbittlich kalten Ausdruck besaßen. Auf seinem Rücken war ein Schild
befestigt, auf dem geschrieben stand: „Ich bin die öffentliche Meinung.“
Auch erregte eine schlanke Dame Aufsehen, die in weiße Seide gekleidet
war und nur ein einziges, großes dunkles Auge, statt deren zwei, und
zwar mitten auf der Stirn hatte.
Sie erklärte, daß sie der letzte Nachkomme des Riesen Polyphem sei, mit
dem einst Ulysses ein Tänzchen habe bestehen müssen.
Und so fort. Immer war etwas Neues zu sehen. Die Geladenen hatten es an
Anstrengungen ihrer Phantasie und an kräftigen Griffen in ihre
Geldbörsen nicht fehlen lassen.
Die Wirtin, Frau von Krätz, hatte beim Empfang der Gäste keine Maske
vorgesteckt, es hing ihr jedoch eine, sichtbar und erkennbar, am Gürtel.
Nicht aber mit dieser bedeckte sie — zur besseren Täuschung der sie
Ansprechenden — später ihr Angesicht, sondern mit einer anderen, zarten.
Auch das Gewand hatte sie rasch in ihrem Ankleidegemach abgestreift und
war in ein für diesen Abend nach ihren Ideen angefertigtes Kostüm
geschlüpft.
Sie stellte eine Undine dar. Grünes Schilf hing in ihrem Haar. Ihren
Leib umspannte ein silberner Gürtel. Silberne Schuhe bedeckten ihre
Füße, die Augen in der für die Blicke freien, weißseidenen Maske
blickten träumerisch, und mit einem, wie von Mondesglanz durchleuchteten
Schilfwedel berührte sie die sich ihr Nahenden und bat sie, sie einmal
in ihrem Geisterreich am Undinensee zu besuchen.
„Und wo ist der?“ fragte eine dunkelschwarze Gestalt mit verhülltem
Haupt und fast verhülltem Angesicht.
„Wo? Wenn du fragst, bist du nicht berufen, in meinem Reiche zu
erscheinen. Das muß dir dein Herz, dein Verlangen, deine Sehnsucht
selbst beantworten!“
„Ich hatte dieses Verlangen, diese Sehnsucht! Aber ich ward betrogen!
Das Reich der Schönheit fand ich, der klugen Kunst, aber nicht das Reich
der Wahrheit. Als ich es einst betrat — fand ich keine engelhafte
Undine, vielmehr eine launenhafte, von Eindrücken abhängige, in der
Liebe Unbeständige, ja, der echten Treue Entbehrende und des Besitzes
Unwerte —“
„So wähltest du den unrechten Pfad, einen, der nicht zu mir führt. Dann
wärest du bei einer meiner Schwestern, deren ich viele besitze, die aber
nicht zu den reinen Geistern gehören! — Komm zu mir und du wirst
erfahren, was eine echte Undine für Schätze zu bieten hat.“ —
Sie nickte und war verschwunden. Er aber folgte ihr durch das Gewühl der
Masken, und nachdem er sich in einer versteckten Ecke rasch und
geschickt ein Brustschild vorgesteckt hatte, auf dem sich ein Totenkopf
und die Worte: „Mitglied der heiligen Inquisition“ befanden, wußte er
ihr abermals am Eingang des in der Villa befindlichen Wintergartens zu
begegnen. Und nachdem er sie angehalten, sagte er:
„Höre, Undine! Ich bin erschienen, um dich zur Rechenschaft zu ziehen!
Du verfolgst durch anonyme, herabsetzende und verdächtigende Briefe
einen Ehrenmann, schädigst ihn an seinem Ansehen, seiner Ehre und
seinem Fortkommen. Du begehst gemeine, einer edlen Seele unwürdige,
verbrecherische Handlungen!
„Herunter mit der Maske der Sanftmut, Tugend und Weiblichkeit! Erkläre,
daß du bereust, daß du dein unerhörtes, strafwürdiges Treiben einstellen
willst!
„Geschieht es nicht, so ist es mein Wille, hier jetzt laut zu erklären,
was du gethan, wer mich hergesandt hat, was meines Amtes ist. Ich werde
die Maske abstreifen und dich im Namen des Gesetzes verhaften!
„Nun wähle rasch! Bekennst du, so wirst du mir morgen eine schriftliche
Erklärung abzugeben haben, eine, von deren Inhalt dann nichts in die
Oeffentlichkeit dringen soll; auch die Strafe wird dir erlassen werden,
dir und deinem Helfershelfer — der, nachdem er lange beobachtet und
inzwischen überführt wurde, — bereits ein Geständnis abgelegt hat!“
Alles war in raschem Fluß gesprochen und in einem Tone der
Entschiedenheit, der Frau von Krätz nicht darüber in Zweifel ließ, daß
es sich nicht um einen zufällig auf sie passenden Scherz, sondern um
etwas sehr Ernstes, um das wirklich handelte, was ihr schuldbewußtes
Inneres belastete.
Völlig entmutigt und geschlagen aber wurde sie, als der Mann, der in
der unheimlichen Maske vor ihr stand, die letzten Worte geredet hatte.
Wenn Numick gestanden hatte, half kein Leugnen!
Sie sprach deshalb — rasch entschlossen, jedoch in kluger Berechnung:
„Ob Maskenscherz oder Ernst — ich vermag nicht zu beurteilen, was dich
reden läßt, Mitglied der heiligen Vehme!
„Jedenfalls erwarte ich dich morgen mittag zu einer Besprechung in
meiner Wohnung. Für jetzt achte das Gastrecht und lasse uns in Frieden
ziehen!“
Nach dieser Antwort streckte sie ihm — äußerlich auch jetzt noch mit
leichter Unbefangenheit und unter anmutiger Geberde, — die Hand hin und
wollte von ihm zurücktreten.
Er aber hielt sie und sprach mit nunmehr unverstellter Stimme:
„Zu Ihnen redete Freiherr, Alfred von Klamm! Er will — eingedenk
früherer Beziehungen — Ihrem Wunsch stattgeben. Er wird morgen mittag
bei Ihnen erscheinen und die Angelegenheit weiter besprechen!“
„Ah — Klamm — also wirklich — Sie!?“ stieß die Frau in höchstem
Erschrecken heraus. Ihre Stimme bebte, auch ihre Gestalt. Sie mußte sich
an den Thürpfosten lehnen, um nicht einer Schwäche zu unterliegen. Er
aber wußte sie unauffällig zu stützen und flüsterte:
„Ich verlasse jetzt die Villa, damit Sie sich ohne Zwang Ihren Gästen
ferner zu widmen vermögen. Im übrigen: Es bleibt bei unserer Abrede! Sie
wollen es mir nochmals bestätigen!“
„Ja, auf morgen!“ drang in einem gefügigen Ton an sein Ohr, während er
sich nun rasch zurückzog. Grade wälzte sich auch wieder ein Schwarm von
Masken heran, der den Wintergarten betreten wollte, aber auch Diener
erschienen, die Champagner und andere Getränke darboten. Und sie schob
die Maske beiseite, griff nach einem Glase und stürzte den Inhalt
hinunter.