Auch auf der Probe war er ganz der alte:

Die Verse strömten wie ein Wasserfall;

Im Volksgetümmel seine Stimme schallte

Wie Donnerton im rauschenden Regenschwall;

Und wie zum Kreuze er die Fäuste ballte,

Und, wie er rief: »Zurück in deinen Stall,

Aus dem du kamst, verzerrter Gott der Sklaven!«

Da war's als wenn das Kreuz Blitzschläge trafen.

Der Herr Direktor schloß ihn an den Busen:

»Du hast dich wieder, o Gelasime!

Mein teurer Freund! Ich schwör's bei allen Musen:

So schlechthin göttlich sah ich keinen je.

Es ist sonst gar nicht meine Art, zu schmusen,

Doch hier erklär' ich's: gleich der Aloe

Blüht deine Kunst jetzt, deine geniale.

Wir spiel'n das Stück gewiß an hundert Male.«

Bestürmt von Händedrücken, und von Phrasen

Gesalbt, geölt mit allen Parfümrien

Der Schmeichelei (den werten Mimennasen

Das lieblichste Odeur), umsurrt, umschrien,

Umtanzt beinah von Huldigungsekstasen,

Vermochte unser Held sich kaum zurückzuziehn

Zur Garderobe, wo er sich die Schminke

Vom Antlitz wusch. -- Da drückt es auf die Klinke.

Der leise Laut erschreckte ihn. Betroffen

Sah er sich um. Doch niemand war zu sehn.

Indes stand angelweit die Türe offen,

Und draußen hörte einen Schritt er gehn.

Er sprang zur Schwelle, auf der Zunge schroffen

Verwünschungsruf. Da blieb das Herz ihm stehn:

Drei Spannen weit vor ihm im Korridore

Stand regungslos das Mädchen mit dem Flore.

Welch Angesicht! Die stygische Proserpine,

Rückwärts den Blick gewandt zum Vaterhaus,

Erschütterte nicht so durch Blick und Miene,

Sah nicht so schmerzensvoll anmutig aus.

»Wer bist du?« rief Gelasimus. »Ich diene

Dir namenlos,« sprach sie, und, einen Strauß

Aus Wüstendisteln vor ihm niederlegend,

Verschwand sie, leis im Gehn den Flor bewegend.

Der Mime bückte tief sich zu den grauen

Staubvioletten Blüten. Kniend nahm

Er das Geschenk, wie keines je von Frauen,

So viel sie schon ihm schenkten, zu ihm kam.

Und es erfüllte ihn mit Lust ein Grauen,

Mit Wollust eine wundersame Scham.

Er schämte sich der Freude am Applause,

Nahm Strauß und Buch und ging bewegt nach Hause.

Ich laß es hingestellt sein, ob die Worte

Des großen Patriarchen Joachim

Es waren, die mit Geisteskraft die Pforte

Zum Evangeljum öffneten vor ihm.

Genug: zu des Direktors Grimm und Torte

Schrieb tags drauf einen Brief ihm Gelasim,

Mit dem die Rolle ihm zurück er sandte:

»Derlei zu spielen bin ich außerstande.«

Empörung; Wüten; Rechtsanwalt; Gerichte;

Replik; Duplik; Baalbeks »Diarium«

Hatte nicht Raum mehr für die Weltgeschichte,

Denn schnuppe war durchaus dem Publikum,

Was sonst geschah. Es wünschte bloß Berichte

Zur großen ~Lis contra Gelasimum~.

Das Urteil kam: Der Mime ist verhalten,

Zu spielen -- eventuell mit Brachialgewalten.

Der große Tag erschien. Von zwölf Gendarmen

Ward Gelasim zum Schauplatz eskordiert.

Man schminkte (welche Prozedur!) den Armen

Gewaltsam, und pervim ward dito er frisiert,

In sein Kostüm gesteckt und ohn' Erbarmen

Hieß es: »~Avanti!~ Und: Stichwort pariert!«

Er dachte sich: Das alles läßt sich zwingen;

Wer aber zwingt die Nachtigall, zu singen?

Man stieß ihn auf die Bühne. Solch ein Toben

Ward nie vernommen, wie es da erscholl.

Die Riesenmenge hatte sich erhoben

Und schrie ihm Willkomm. Von Verehrung schwoll

Ein ganzes Meer ins Herz ihm. Gottes Proben

Sind fürchterlich: Der arme Mime, toll

Fast vom Applaus, doch innerlich in Banden

Des Unbegreiflichen, hat furchtbar ausgestanden.

Die Lippen bebten. Wie, um eine Wunde

Zu pressen, lag auf der bewegten Brust

Das Händepaar. Es irrten in der Runde

Die Blicke ratlos, keines Ziels bewußt.

Schon schwieg der Willkomm. Aus dem stummen Munde

Der Menge drohte mitleidlos: Du mußt!

Und dabei brodelten in seinem armen Kopfe

Der Rolle Worte wie in einem Nudeltopfe.

Wohl hätte er sie jetzt entlassen _wollen_:

Er _konnte_ nicht. Die Zunge war ihm schwer.

Schon hob im Publikum sich Murmeln, Grollen,

Gewittrisch wälzte sich ein Wolkenetwas her.

Noch ein Moment, und alle Donner rollen,

Denn von Verehrung weiß das Volk nichts mehr,

Wenn der Verehrte trotzt. Gleich wird es blitzen!

Den Herrn Direktor sah man deutlich schwitzen.

Da -- welche Wandlung! Wie von innren Sonnen

Erleuchtet, öffnet Gelasim den Mund:

Er spricht. In seinen Worten rinnen Wonnen:

Der Feldherr tut die Seligkeiten kund

Von Christi Lehre. Balsamüberronnen

Fühlt sich das Publikum, bis auf den Grund

Entzückt, erschüttert, völlig hingerissen

Von dieser Sprache süßen Dämmernissen.

Was war geschehn? Was öffnete die Tore

Der Rede unsrem Mimen? Weiter nichts,

Als daß er auf der mittleren Empore

Das stille Leuchten sah des Angesichts

Von jenem Mädchen mit dem grauen Flore.

Doch darin war die Fülle allen Lichts

Für seiner Seele bange Dunkelheiten:

Geh deinen Weg! Die Gnade wird dich leiten!

Und so geschah's. Er spielte nicht: er lebte

Was in der Rolle des Bekehrten stand.

Als ob der Heiland in ihm selber webte

Der Dichterworte leuchtendes Gewand,

Umfloß es ihn wie Licht, das ihn umschwebte

Und hob und trug: In der Verheißung Land.

Doch als die Rolle abwich von den Pfaden

Des Kreuzes, kam die Fülle erst der Gnaden.

Es war nicht einer, der die ~scène à faire~

Des Stücks nicht aus der Zeitung schon gewußt:

Die große Szene zu der Götter Ehre,

In der der dumpfe Katakombenwust

Vertrieben ward von Jovis heiligem Speere.

Man freute sich darauf mit um so größerer Lust,

Als man bereits die allzu süße, matte

Kreuzlimonade etwas über hatte.

Es waren ja Heiden: Heiden im Theater!

O armer Gelasim, wie wird es dir ergehn!

Die Gnade leuchtet dir. Jedoch an einem Krater.

Sie mache blind dich, nicht hinabzusehn! --

Getrost! Ein Herz war bei ihm, das zum Vater

Der Liebe betete, ihm beizustehn.

Wie stärkender Tau fiel in das glutverdorrte

Herz himmelher ihm jedes ihrer Worte.

Ein klarer Held, aufrecht, mit starken Schritten,

Betrat Gelasimus den Schauplatz. Groß

Schritt er zum schwarzen Kreuze, das inmitten

Von unterirdischen Gräbern stand. Getos

Heidnischen Volks bestürmte ihn mit Bitten,

Zurückzukehren in der Götter Schoß. --

Dies war der Auftakt. -- Stille nun. -- Dann wollte

Die Rolle, daß dem Kreuz er fluchen sollte.

Er aber kniete nieder. Und er legte

Auf Christi Fuß die Stirne: ganz entrückt,

Indes die Lippen im Gebet er regte.

Dann hob das Haupt er, lächelte verzückt,

Stand ruhig auf, schritt ruhig vor, bewegte

Nicht eine Miene, bis er tief gebückt,

Das Kreuz des Schwertgriffs küßte, lippenbebend,

Die ganze Seele in den Kuß hingebend.

Das Publikum, durch diese Pantomime

Vor Staunen fast um den Verstand gebracht,

Schwieg noch. Nur einer rief: »O Gelasime,[9]

Was hast du mir aus meinem Stück gemacht!«

Der Dichter war's. Doch nun, ~ottave rime~,

Zieht euch zurück, denn das Gewitter kracht.

Bis hierher ging es mit den steifen Stanzen,

Jetzt aber müssen freie Rhythmen tanzen.

[9] Man muß es dem Dichter zugute halten, daß er falsch betont.

Er stammte nicht aus Rom, sondern aus Jerusalem.

Wie wenn vorm ersten Stoß des nahenden Sturms die Blätter

Von Pappelbäumen zu zittern beginnen und rascheln,

Lief durch die Massen

Die steinernen Gassen

Der Sitze entlang, von den Senatoren-

Subsellien bis zu den höchsten Emporen,

Ein Surren und Summen,

Ein Schurren und Brummen,

Ein flirrendes Flüstern,

Ein Schnauben aus Nüstern,

Ein heißes Hauchen,

Ein pfeifendes Pfauchen,

Ein Schnarren und Schnarchen,

Ein Knarren und Knarchen,

Ein Stimmengewirre, Geschwirre, Geklirre:

Von allerhand widrigen Tönen kurzum

Ein höllisches Pandämonium.

So stimmen im Orchester disharmonisch

Die Instrumente Bläser, Streicher, Schläger,

Des Mannes harrend, der als Luftdurchsäger

Mit seinem Taktstock kommt, auf daß symphonisch

Das Ganze werde. Doch, man weiß es ja:

Zuweilen zeigt sich reichlich kakophonisch

Frau Musika.

Als Hofkapellmeister Seiner Majestät

Des Publikums in diesem Fall fungierte

Ein hagerer Priester, der den Vorsitz zierte

In Baalbeks Sittlichkeitssozietät,

Die nicht Moral allein in ihrem Wappen führte,

Sondern auch Schutz der Religiosität.

»Silentium!« krähte der Dürre schrill.

Und gleich war's still.

Sodann hub an

Der magere Mann:

»Verruchter Bube, was ficht dich an,

Unsere heiligsten Güter zu verhöhnen?

Bestellt zum Dienste der Kamönen,

Hast das Theater du entweiht

Zum Schauplatz scheußlichster Verkommenheit.

Du hast's gewagt, dich zu bekennen

Zu einer Lehre, die so niedrig ist,

Daß, grauser Aberwitz, nicht auszunennen,

Sie einen Juden namens Christ

Als Gott verehrt, den römische Justiz

Verurteilt hat zum Malefiz-

Kreuzgalgen, und verehrst, was jeden Braven

Mit Schauder packt: das Marterholz der Sklaven.

Beim Zeus! Die Frechheit kann nicht weitergehn!

Im Niedrigen das Göttliche zu sehn,

Die ewigen, großen

Götter vom Thron

Herabzustoßen

Und, Blasphemie, als Gottes Sohn

An ihre Stelle einen Schwerverbrecher,

Bestraft nach heiligem römischen Recht,

Zu setzen: Was bisher auch frecher

Anarchischer Pöbelwahn sich erfrecht:

Dies ist der Gipfel! Seit die Welt besteht,

Ward so der heiligen Wahrheit Majestät

Nicht ins Gesicht gespien!

(Hier machte eine Pause,

Begierig nach Applause,

Der orthodoxe Mann.

Der setzte prompt und pünktlich ein

Mit Bravorufen, Toben, Schrein.

Doch als das Publikum genug geschrien,

Fing er aufs neue an:)

»Du liegst noch immer auf den Knien?

Steh auf, ich sage dir, steh auf!

Dem Trotzigen wird nicht verziehn,

Und die Gerechtigkeit nimmt reißend schnellen Lauf,

Stößt sie auf Störrischkeit:

Nur wenn zur rechten Zeit

Der Sünder in sich gehet,

Geschied's vielleicht,

Daß sie, erweicht,

Wenn er recht innig flehet,

Ihm gnädiglich verzeiht.«

(Dies sagte er in jenem Ton,

Der, salbenseimig, allen Pfaffen,

Als sei ihr Mund zum Salbennapf geschaffen,

Wie Schmalz entschwappt seit Olims Zeiten schon.)

Und es ward totenstill. Das Publikum

Zwang seine Gier zurück: aus _Spannung_ stumm,

Nicht aus Verzicht auf das geliebte Toben.

Die Bestie hatte schon das Prankenpaar erhoben,

Zum Sprung gefedert lag der Rücken krumm.

Die Tausende waren eins: _ein Vieh_ geworden.

Und dieses Vieh, geeint aus Wut,

War geil auf Blut

Und leckte

Die Lippen schon und bleckte

Die Zähne zum ersehnten Morden.

Doch dieses Ungetüm, wie wild es sah,

Und wie sein Atem keuchte:

Für unsern Knieer war es gar nicht da.

Er sah nur Licht und Leuchte:

_Ihr_ Herz: wie aus Rubinenglas

Ein Kelch es ihm bedeuchte,

Voll von dem Blute Golgathas.

Und horch, es hob ein Zwiegesang

Aus seinem Mund und ihrem sich,

Geschwisterlich,

Als wie aus einem Munde;

Der klang nicht klagend, klang nicht bang,

Klang selig, selig, selig, klang

Wie zehrende Liebeskunde:

»Mein Herzverlangen!

Mein Armumfangen!

Auf der Weide meiner Liebe holdseliges Lamm!

Ich atme dich aus, ich atme dich ein,

Du mein Morgenwind, Abendwind, Sonnenschein!

(Er) Süße Braut, (Sie) Süßer Bräutigam,

Von Jesus mir gegeben

Zum bittern Tod,

Vielsüßerm Leben!

Halleluja!

Der Hochzeit entgegen

Auf blutigen Wegen

Leidselig zu gehn,

Gib, gib deine Hände!

Wir werden ihn sehn:

An Weges Ende

Wird Jesus stehn!

Halleluja!

Wird Jesus stehn

Mit seinem Hochzeitssegen.

Jesus! Liebe!

Jesus! Liebe!

~Soli Christo gloria!~«

Kaum, daß der beiden Gloria verklungen,

Hat sich ein ungeheurer Unheilston

Dem Tausendmäulerungetüm entrungen:

Der schwoll vom Libanon zum Antilibanon.

Und: Die von Christus eben noch gesungen,

War'n auch bei ihm im Paradiese schon:

Das wilde Tier hat heulend sie erschlagen.

Genaures wußte niemand auszusagen.

Zerrissen lagen sie auf blutigem Steine:

Ein Haufen unkenntlichen Fleischs, zerfetzt;

_Zwei_ lebende Körper einst: als Leiche _eine_,

Wie auf dem Hackebrett brutal zermetzt.

Der Präsident vom Sittlichkeitsvereine

Beklagte es tief, daß das Gesetz verletzt

Durch Volkeseigenmächtigkeit geworden.

Er war prinzipiell für offizielles Morden.

Die Menge selber, wie sie sich gespalten

In Individuen: keine Bestie nun,

Nein, lauter Biederleute: ungehalten

War sie nicht minder ob so wüstem Tun.

Man rief entrüstet, daß die Gassen schallten:

»Wo blieb denn unser Polizeitribun?«

Dann lief mit roten Köpfen man nach Hause,

Und sehr bewegt verlief die Vesperjause.

Indessen senkte sich violenfarben

Die Dämmrung nieder auf die Stadt von Stein;

Dann kam die Nacht mit ihren Sternengarben

Und lud zur Ruhe und zur Wollust ein;

Die bunten Lupanarlaternen warben

Wie jede Nacht zur Liebe und zum Wein,

Und mancher starke Geist, in Liebeshitze,

Verübte auf die toten Christenschweine Witze.

So ist das Leben. Bis im Grab wir liegen,

Beschreiten eine Erde wir aus Dreck.

Nur die Gedanken und Gefühle fliegen.

Hermann Conradi proklamierte keck:

»Nur wer das Leben überstinkt, wird siegen!«

Doch, frag' ich: hat dies Siegen einen Zweck?

Ist, recht besehn, die blutige Martyrkrone,

Gleichviel um was, am Ende doch nicht ohne?

Wie wird das Leben heute überstunken!

So siegreich, daß uns Übelkeit erfaßt.

Gestank, du siegst! Die Welt ist jauchetrunken.

Ihr Gott heißt Bauch, ihr Gottesdienst heißt Mast.

Geheimnisvoll bedienen uns die Funken

Der Ätherkraft. Jedoch es scheint verpaßt

Der Anschluß an die höchste Hochspannleitung.

Sogar Begeisterung stinkt: stinkt nach der Zeitung.

Genug davon! Mich als Savonarola

Hier aufzuspielen, liegt mir völlig fern.

Ich hasse ihn. Auch zieh' ich Emil Zola

Dem großen Frenssen doch noch vor. Die Herrn,

Die zum Erbrechen auf der Pianola

Choräle treten, schlecht und subaltern,

Beleidigen mein Geruchsorgan nicht minder,

Als jene Bauchlakain im Glanzzylinder.

Sie preisen Christum hunderttausendzeilig;

Ihr Tintenfinger weist auf ihn verzückt;

Und, weil sie quabblig weich wie Laich und langeweilig,

Hat sie der deutsche Ernst mit Ruhmsalat geschmückt.

Erschien ihr Herr und Heiland heute: eilig

Erklärte dies Geschlecht ihn für verrückt.

Er aber nähme an den weißen Bäffchen

Unsänftlich diese Wonnewinseläffchen.

Er war die Liebe. Ja. Doch nicht die laue,

Die spülichtduldsam in den Pfaffentrog

Jedweden Quark befördert; nicht die schlaue,

Die bald als Zepter schlug, bald sich wie Binse bog:

Die zornige Liebe war er, Schwert und Klaue

Der Waffenlosen; kurz: kein Theolog.

Doch, weil er wirklich himmelgroß gewesen,

Läßt sich aus seiner Lehre alles lesen.

Auch unser liebes Christentum. Wer immer

Sich Christ nennt, tut's mit Recht. Es ruht auf ihm,

Wie könnt' es anders sein, ein kleiner Schimmer

Aus Jesu Herzen. Völlig legitim

Ist dieser Titel. Wird er Herzensstimmer

Zu Rausch und Aufschwung, wie bei Gelasim,

So ist er mehr: Ist Geist von Christi Geiste,

Und sei auch Wahn dabei das allermeiste.

Wahn!? Was ist Wahn! Was so im Menschen zündet,

Daß er zur Flamme wird, die sich verzehrt;

Zum Glutstrom, der aus seliger Freiheit mündet

Ins All, ins Nichts; von keiner Angst beschwert,

Durch Tat das Wort: Wo ist dein Stachel, Tod? verkündet --

Ist mehr als alle faule Wahrheit wert.

Schwer ist das Sterben. Wer's als Meister leistet:

Den Tod zur Kunst macht, der ist gottdurchgeistet.

So ward ein Mime heilig, weil am Ende

Von vieler Eitelkeit und Narretei

Sein Leben er wie eine Opferspende

An Gott gab. Ganz egal, ob der der rechte sei,

Ob ein Idol gewesen. Seine Hände

Wusch Herr Pilatus, dem das Volksgeschrei

Wie aufgewirbelter Schmutz vorkam, und fragte,

Worauf kein Gott: jedoch die Zeit bald Antwort sagte.

_Wahr ist, was wirkt._ Der große Baal war Wahrheit;

Der große Zeus desgleichen; Jahve auch;

Und Christus, kommend aus der großen Klarheit,

Das jene tot, hat mit der Liebe Hauch,

Der problematischen, in Offenbarheit

Ins Nichts vertrieben ihrer Opfer Rauch.

_Wahr ist der Geist, der wirkend souveräne._

Dogma ist Aas. Wer liebt das? Die Hyäne.

Gelasimus, den heiligen Mimen, haben

Die Christen Baalbeks noch in gleicher Nacht

In Mariamna feierlich begraben.

Auch jene haben sie dorthin gebracht,

Die ihn erfüllte mit des Glaubens Gaben.

Doch ihres Namens wurde nicht gedacht.

Vergessen ist sie: eine Namenlose.

Denn Gelasim besaß die größere Pose.

So schließt denn leider diese Novellette

Moralisch zwar, doch etwas angeeckt:

Selbst in Legenden geht's wie beim Ballette

Nicht nach Verdienst bloß zu, nein, nach Effekt:

Wer vorne tanzt, der nur wird vom Parkette

Beopernguckt und mit Applaus bedeckt.

Ob Heiligen-, ob braune Kassenscheine:

Die Hintergrundtalente kriegen keine.

Gleichviel: Jungfrauen mit der Gloriole

Gibt's ohnehin schon eine große Schar,

Indes ein Mime mit der Tänzersohle

Als Heiliger ein großes Novum war:

Die Kirche brauchte ihn zum Seelenwohle

Der Mimenschaft, die, wäre sie heiligenbar,

Am Ende in Verlegenheiten käme,

Wen sie beim Herrgott sich zum Fürsprech nähme.

Zwar sagt man, daß sie nicht sehr häufig beten,

Die untenher das Licht der Rampe trifft,

Daß sie, gottloser fast noch als Poeten,

Voll sind von aller Skeptizismen Gift.

Das ist Verleumdung: Fehlen die Moneten,

Ist man viel frömmer als im Damenstift,

Im Reich der Schminke. Und sie fehlen häufig:

Drum ist den Mimen Beten sehr geläufig.

Wenn sich der Monat neigt zum kahlen Ende,

Hat Gelasim unendlich viel zu tun,

Am Anfang weniger. Dann läßt die Hände

Gemütlich er im heiligen Schoße ruhn

Und überdenkt die eigene Legende:

Es ist, wie's war, war ehedem, wie nun:

Der Mensch hat's mit dem Beten nicht sehr eilig --

Ich wurde selbst auch Ultimo erst heilig.

Gedichte.

Flußfahrt im Frühling

Welch ein Ziehen! Welch ein Gleiten!

Zwischen Schilf und alten Weiden,

Die sich beugen, die sich neigen,

Fahren wir -- wohin? ... wohin?

Laßt das Fragen! Laßt uns schweigen!

Welle mag den Weg uns zeigen,

Führerin und Trägerin.

Wie im Leben hingetrieben,

Schwankend, schwebend, fortgezogen,

Wollen wir des Flusses Bogen

Träumend folgen und ihn lieben,

Der uns so ins Weite trägt.

-- Wird es helle sein am Ziele?

Dunkel? -- Wehe dem, der frägt!

Fragen gibt es allzuviele,

Antwort eine nur. -- Es regt

Hohl sich unter unserm Kiele.

Laßt um unsere heißen Hände

Diese kühlen Fluten streichen.

Nixenseelchen, nehmt's als Zeichen

Unserer stillen Liebe an!

-- Ach, wen eure Liebe fände:

Tiefstes wüßte wohl der Mann ...

Doch er schwiege bis ans Ende.

Aber wir ... nein! --: Laßt uns sagen,

Was durch unsre Seele geht!

Wind und Wasser sollen's tragen,

Daß es durch den Frühling weht:

Frisches, fröhliches Behagen,

Lust am Nachten und am Tagen

Leben, das in Blüten steht.

Der stille alte Goethe.

Auf meinem grünen Kachelofen in meinem grünen Schlafkabinette,

Schräg gegenüber meinem gelben Messingbette,

Steht Christian Rauchs kleine Goethestatuette.

Von der grünen Tapete bekommt sie einen grünen Schein.

Sie ist bloß aus Gips, und Frau Lisette

Findet, daß sie kein Verhältnis zum Ofen hätte:

Sie sei zu klein.

Aber, seh ich sie an, fällt mir allerhand ein,

Was ich (nicht im Schlafzimmer) zu tun noch hätte:

Der stille alte Goethe mahnt, tätig zu sein.

Des Helden Not.

Feinde ringsum!

Hör, wie sie toben!

Unten und oben

Fall'n sie dich an.

Recke dich, Mann!

Steh nicht so stumm!

Ach, laß sie rasen,

Trommeln und blasen!

Dieses Gedräue

Bringt mich nicht um:

Aber die Reue,

Die macht mich stumm.

Erde, liebe Erde ...

Wie eine Blüte im Mai

Blättert sich auf der Tag,

Zeigt seine nackende Schönheit der Sonne.

Sehen, o zaubrisches Glück! Gottselige Wonne,

Dies Atmen! Der Herzensschlag!

Schmerzen und Lüste herbei!

Ich will euch ans Herz nehmen, ans Herz drücken;

Dornen und Dolche sollen mich entzücken:

Alles was ist, ist schön und recht.

Erde, liebe Erde, ich bin dein Knecht.

Südtiroler Herbst.

Gelbleuchtend steht (wie Kapuzinerkresse)

Der Latemar. Ein buntes Pantherfell

Liegt rot-gelb-braun der Mendel um die Flanken.

Die Rebenbogen sind von Trauben leer.

Aus Riesenbottichen trieft rote Maische,

Von feisten Rindern langsam heimgeführt

Zum kühlen Keller auf staubweißen Straßen,

Vorbei an Kruzifixen wunderlich geschmückt:

Dort wo die Nägel durch die Heilandshände

Kalt in das schwarze Marterholz sich bohren,

Hängt, rechts und links dem vorgesenkten Haupte,

Prall, Beer' an Beere innig so gedrängt,

Als sei es _eine_ ungeheure Frucht:

Je eine schwere Traube. Durch die Krone

Von Dornen windet sich, Korallen gleich,

Aus Vogelbeeren eine rote Kette,

Und dunkelgelbe Kolben Türkenkorns

Umrahmen samengolden diesen Gott

Des liebehingegebenen Schmerzenglücks.

Es ist, als wär' es ein verstellter Pan.

Erzählung.

Ein Mädchen besaß ich, fein wie ein Figürchen

Auf Rokokotischen galanter Marquisen;

Es war wohl auch wirklich verwandt mit diesen:

Halb war es ein Nobelchen, halb ein Hürchen.

Ich fand sie entzückend mit ihrem Geschwänzel,

Getrippel, Geäugel, Gelächel, Geplapper.

Ich war so ein junger mutwilliger Tapper,

Mein Gehen war auch noch Gehüpf und Getänzel.

Auch war ich ein Träumer und Wolkenbeschauer;

Ich sah um die Dinge noch goldene Ränder.

Der Mond war mein Krongut; in meinem Kalender

Hatte der Frühling zwölf Monate Dauer.

So waren wir also ein passendes Pärchen.

Sie tanzte, ich dichtete, Gott blies die Flöte

Und freute sich selber der purpurnen Röte

Des Himmels, in dem wir das munterste Märchen

Und aller Romane verliebtesten lebten:

Von Träumen getragen, von Liedern belogen,

In goldener Nußschale schwimmend auf Wogen

Und Wolken, die rosig ins Nichts verschwebten.

... Ins Nichts verschwebten; verrannen; vergingen;

Zerflossen, zerrissen -- ins Nichts, in die Leere ...

Uns aber erfaßte die irdische Schwere

Und zerrte uns nieder mit würgenden Schlingen.

Da half uns kein Gott. Es verstummte die Flöte

Des Märchenpapas und Idyllenrhapsoden.

Wir fielen auf dornigen, steinigen Boden,

Und zwischen uns saß eine zankende Kröte:

Die kahle Enttäuschung. Es lehrte ihr Zanken

Unlieblich uns beide einander erkennen.

Es war wie ein Aneinanderverbrennen

Bis tief auf den grundallerletzten Gedanken.

An jenes Schmarotzen im Märchengelände. --

Wir haben die Hand uns zum Abschied gegeben

Wie Fremde. Nie sah ich sie wieder im Leben.

Und kännte sie nicht, auch wenn ich sie fände.

Der Verliebte.

Was mir Busch und Bäume sagen

Und die Blumen bunt und licht,

Ach, ich muß es in mir tragen,

Weitersagen darf ich's nicht.

Denn ich müßte tief verzagen,

Fänd' es gute Stätte nicht,

Was mir Busch und Bäume sagen

Und die Blumen bunt und licht.

Seele!

Singe, solange du Atem hast!

Singe, solange du Seele bist!

Einst, es naht sich der Würger schon,

Ringst du ein letztes Mal nach Luft,

Und deine Seele gehört

Dir nicht mehr. Wer weiß

Wem.

Grabschrift für meinen Vater.

Ein Herz, das viel gelitten,

Ein Mund, der gern gelacht,

Ein Kämpfer, der gestritten

Mit böser Übermacht,

Ein Mann mit regen Händen,

Ein guter, treuer Mann:

Wohl Dem, der wie Er enden

Mit reiner Seele kann.

Lyrikerasten.

Sahst du, o Freund, die holden Knaben,

Die an der Kranzler-Ecke stehn,

Aus Seide rote Schlipse haben

Und lächelnd auf und nieder gehn?

Sie spitzen die gefärbten Lippen

Und äugeln sonderbar lasziv,

Und, kommst du ihnen nah, so tippen

Sie dich wohl an und legen schief

Das Köpfchen mit gebrannten Haaren,

Und ihre Blicke himmeln dich

Sehnsüchtig an. Kurz, ihr Gebaren

Ist immerhin absonderlich.

_Abscheulich_, meinst du? Laß das Zanken!

Es ist nicht schön; ich geb' es zu;

Wir wollen unserm Schöpfer danken,

Daß wir nicht so sind, ich und du;

Doch nicht uns besser dünken, meinen,

Es müßten alle sein wie wir.

Hat nun die Liebe mehr als _einen_

Ausweg -- jenun: so gönn' ihn ihr.

Selbst das muß man mit Gleichmut tragen,

Daß derlei Knaben (es ist bös)

Auf ihre Art die Leier schlagen,

So scheußlich süß, so sirupös,

Und daß es Mode wird, zu schminken

Die Lippen selbst der Poesie.

Auch diese Mode wird versinken,

Absurditäten dauern nie.

Das Zeug schmeckt bald auch denen fade,

Die jetzt dran schlecken: Zuckerkant,

Lakritzensaft und Limonade

Wird auf die Dauer degoutant.

Schwein und Pfau (Eine fatale Fabel).

Es war einmal ein

-- Hastunichgesehn! --

Es war einmal ein Schwein.

Das war gewöhnlich

-- Hastunichgesehn! --

Gewöhnlich nicht sehr rein.

Im gleichen Hofe

-- Herrgottnocheinmal! --

Da schlug sein Rad ein Pfau;

Der war so schön wie

-- Herrgottnocheinmal! --

Nicht einmal seine Frau.

Das Schwein das grunzte

-- Hastunichgesehn! --

Und wälzte sich im Dreck.

Der Pfau der kreischte

-- Herrgottnocheinmal! --

Und sah beleidigt weg.

Da kam ein Fleischer

-- Hastunichgesehn! --

Und schlachtete das Schwein.

Das kommt davon, sprach

-- Herrgottnocheinmal! --

Der Pfau, wenn man nicht rein.

Mir kann so etwas

-- Herrgottnocheinmal! --

Mein Lebtag nicht geschehn,

Weil ich so rein und

-- Herrgottnocheinmal! --

So schön bin anzusehn.

Reife Früchte vom Bierbaum · 第 11 / 12 段