Nach einem solchen Bade in der Höhe von 1500 Metern bei entsprechender

Wassertemperatur begab es sich nun einmal, daß der König, dem von der

genossenen Wasserkühle selber die Finger etwas klamm geworden waren,

seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu

Ende führte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder

nur von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwärme

durch allseitig luftdichten Verschluß der Kleider wieder in die Höhe zu

bringen. Als sich aber später die königliche Jagdgesellschaft auf einem

angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den

kleinen, aber durch seine Örtlichkeit fatal auffälligen Mangel wahr.

Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewöhnlichen Menschen,

wenn der eine nicht gerade die Frau des anderen ist, mit einer gewissen

Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache

auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche

Gefühl zu verletzen, um einen ~dolus eventualis~ auf dem besonders

heiklen Gebiete der Erbsünde sozusagen. Indessen, schließlich gibt

sich doch immer einer den gewissen Ruck, nimmt den betreffenden (in

den meisten Fällen ist es ein alter Professor oder Dichter) beiseite

und flüstert (wenn er das Wort »geradezu« im Wappen führt): »Sie, Ihr

Hosentürl ist offen,« oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen

orientierenden Blicke: »Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.« Ja,

es gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu

frivolen Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: »Sie,

verlier'n S' fei' nix!«

Kann man aber so etwas einem Fürsten, einem Könige sagen? Nein: Man

kann nicht! Der höfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus

keine Redewendung in der Phraseologie des Umganges mit Majestäten, die

es ermöglichte, derlei vor ein allerhöchstes Ohr zu bringen, als über

welchem bei feierlichen Anlässen nur durch ein paar Zentimeter getrennt

eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen

höfischer Eleganz und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister

Baron von Bemsl, der doch eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet

höfischer Linguistik ist, und von dem man hoffte, er werde die

schwierige Mission übernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als

königlicher Hausdiplomat ein neues leuchtendes Blatt einverleiben,

erklärte, dies überschreite seine Fähigkeiten: dieser Fall sei von

einer Heikligkeit, daß man seine Lösung nicht einer Menschenzunge,

sondern der Vorsehung selber überlassen müsse, die übrigens, so fügte

er mit anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, daß sie

über das königliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin

(er liebte dieses kuriale Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht

entgehen, und sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu

beheben, ohne daß sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen

brauche.

»Das ist alles sehr schön und sehr gut, und ich bin schon von Ressorts

wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,« bemerkte der

Kultusminister, dem es trotz eines kaum überstandenen Schüttelfrostes

jetzt sehr heiß zumute wurde, »aber sie müßte _äußerst_ schnell

eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, daß uns am Fuße dieses Berges

eine Deputation der ländlichen Bevölkerung erwartet, darunter vier

weißgekleidete Jungfrauen, von denen die jüngste ein Huldigungsgedicht

auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, daß die Jungfrau aus

dem Konzept kommt, wenn ihr Blick zufällig auf die derangierte Gegend

fällt, und diese infamen Bauernlackel werden dem höchsten Herrn

sämtlich, ich sage Ihnen: _sämtlich_ nicht ins _Gesicht_ sehen,

sondern -- ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: Die Situation ist von

einer märchenhaften Scheußlichkeit. Wir können uns, so gern wir sonst

dazu bereit sind, hier nicht auf höhere Mächte verlassen; wir müssen

_selber_ handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie sofort

versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tückischen Zufall bedrohte

Würde des Königstums zu retten! ~Hic Rhodus! Hic salta!~ Walten Sie

Ihres Amtes!«

Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewußt hatte,

in Anwesenheit des Königs Schweiß abzusondern, war nicht imstande, die

plebejische Feuchtigkeit zurückzudrängen, die ihm angesichts dieser

grauenerregenden Perspektive auf die Stirne trat. Er fühlte die

ganze furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation

aufbürdete. Er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung

wanken, den Staat konvulsivischen Zuckungen preisgegeben. Vor seinem

inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der

Rebellion. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemüt und schoß molkig

zusammen wie Milch, wenn's wittert, bei dem Gedanken, daß seine

Stellung auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel

gehörte in _sein_ Ressort, da kein Kammerdiener zugegen war.

Sollte er vielleicht doch? ... Sollte er nicht doch vielleicht mit dem

Anstand, den er hatte, diskret sich in den Hüften wiegend, an den König

herantreten und mit delikatem Augenniederschlag lispeln: »Majestät

haben allerhöchst geruht, zu vergessen, sich die ...«

Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das _geht_ ja doch

nicht! Niemals noch, solange es Zeremonienmeister gibt, haben

Zeremonienmeisterlippen derartiges zu einem König zu sagen sich erkühnt.

In seiner fassungslosen Verwirrung überfiel ihn die phantastische Idee,

zu den Mitteln der Mimik zu greifen und, sich dicht vor seiner Majestät

postierend, an sich selbst, gewissermaßen wie an einem Lehrphantom,

_scheinbar_ die Handlung vorzunehmen, die der König an seiner Kleidung

tatsächlich unterlassen hatte.

Aber das war ja grotesk, skurril, Wahnsinn! Ebenso hätte er direkt

hingehen und, an das respektive Kleidungsstück der allerhöchsten Person

Hand anlegend, den Mangel ~brevi manu~ reparieren können -- eine

Vorstellung, bei der er fast in Tränen der Verzweiflung ausgebrochen

wäre.

Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrücken, in welchem

Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemüt befand. Er war der

Auflösung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die

immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund

klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle

dieser unsäglich grausamen Prüfung für ihn war. Gewaltsam mußte er

seine Blicke von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu

lassen. --

Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen würde?

An die Staats- und Hoffunktionäre sich zu wenden, war ganz

aussichtslos; das fühlte er mit der Gewißheit des Erfahrenen. Aber

vielleicht einer dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch

sonst zu seinem Entsetzen oft genug gegen den höfischen Ton verstießen,

mußte doch einer zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder

einen Auftrag oder schließlich den persönlichen Adel versprach, das

unerhörte, kaum auszudenkende Wagstück unternahm.

Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hände, versprach

schließlich den gebührenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der

Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft

-- nichts half. Alle erklärten, lieber täglich eine Literflasche

Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen.

Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefühl, daß der jüngste

Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren dröhnten deutlich die Posaunen.

Da fiel sein Blick auf den Revierförster Meier, der hinter einem Baum

saß und mit Mißmut konstatierte, daß sein Enzianschnaps zu Ende war.

Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im

Ingenium des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des höfischen Parketts

trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem

er sich bemühte, durch leise Dialektfärbung seiner Sprechweise etwas

Volkstümliches zu verleihen, den ganzen Komplex der verhängnisvollen

Verlegenheit, hinzufügend, daß er, der biedere Mann aus dem Volke,

allein befähigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu

retten, indem er den König auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen

Punkt ...

»Das Hosentürl? Wenn's weiter nix is?!« meinte Meier.

»Aber Sie dürfen natürlich nicht so geradezu, lieber Meier,« flüsterte

der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen

Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bären ... »Sie müssen

durch die Blume gewissermaßen ... von hinten herum sozusagen ...

abstrakt ...« Er fand durchaus nicht die populären Akzente. Das lag zu

weit weg von seinem Ressort.

»Versteh' schon! Natürlich! Ich kenn' mich aus. Von der Schleichseitn

zuweripürschen muß ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentürl ins Haus

fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn muß man so was. So, in _der_

Art, daß der König meinen könnt', es wär' einem andern sein Hosentürl!

... Schwer is schon. Aber ich hab' schon andere Füchse gefangen.«

Nach diesen Worten überzeugte sich der Revierförster nochmals, daß

seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert in seinen

Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig

nachdenkt und zu allem entschlossen ist.

Der Zeremonienmeister sah ein, daß dieser Mann, wenn nicht vorher der

Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis

machen werde. Ihm ward zumute, als ob plötzlich der feste Boden unter

ihm zu wanken begänne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und

führte ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen,

das irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er

bemerkte, daß der Revierförster sich in Bewegung setzte, fühlte er alle

Schrecken der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen

Schleier, einen gelbgrauen Nebel sah und hörte er, was sich nun begab.

Der Revierförster Meier ging gerade auf den König zu, sah ihn aus

seinen katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins

Zeiserlfarbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrün

gewesenen Hut ab und -- machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er

seinen Hut wieder auf und stand stramm.

Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte König

Leberecht, daß dieses durchaus reglementswidrige Gebaren seinen Grund

in etwas besonderem haben müsse, und fragte mit dem huldvollen Tone,

der das erste ist, was ein jeder richtige König sich anzueignen keine

Mühe und Übung scheut: »Na, Meier, was gibt's?«

(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen

Ruck, und er sah sich direkt ~vis-à-vis~ dem Rachen des Ungeheuers,

das ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein

überlebensgroßer Knödel kroch in seiner Speiseröhre mit einer

unangenehm schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch

den Atem. Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von

dem er schon lange träumte. Dann: Nacht und Vernichtung.)

Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen

Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt:« »Ich

möchte bloß die hohen Herrschaften was fragen.«

Alles war starr. Keiner begriff. Auch König Leberecht nicht. Aber sein

Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: »Fragen Sie nur zu,

Meier.«

Und Meier ließ seine Stimme fröhlich erschallen und sprach: »Wie wär's

denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentürln

zumachten?«

Eine Reflexbewegung seiner Hände belehrte den König über den Sinn

dieser rhetorischen Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte

dann so herzlich laut auf, daß seine Umgebung überzeugt sein konnte,

es sei durchaus im Sinne der Etikette gehandelt, wenn sie mitlachte.

Und da es zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes,

dröhnendes, herzerfreuendes Lachen.

Selbst die Spechte, die die hohen Stämme der Fichten bepochten, hielten

mit Hämmern inne und lachten mit.

Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz des

Vergnügens zu neuem Leben und fand sogleich, daß es unschicklich sei,

in der allerhöchsten Nähe zu wiehern, wie unerzogene Rösser. Wäre

ihm nicht gleichzeitig jener fatale Knödel gottlob zergangen und

verschwunden, so daß er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze

seiner Kontenanz fühlen konnte, hätte er noch einen schlimmeren

Vergleich gewählt.

König Leberecht aber sprach, indem er dem Revierförster eine Zigarre

anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, daß

sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll, in seinem Glaskasten

aufbewahrt): »Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, daß ich Sie

nicht in der Regierung verwenden kann. -- Ja, meine Herren,« und damit

wandte er sich zu den übrigen: »das Volk, das Volk! ... Es ist eine

schöne Sache um das Volk! ...«

Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen

versunken, den Berg hinab, an dessen Fuße ihn ein junges Mädchen in

weißen, gestärkten Kleidern mit den Worten begrüßte:

Wir jauchzen laut mit Herz und Mund

In dieser gnadenvollen Stund',

Wo uns das Glück geschieht,

Das seinen König Leberecht

Das biedre Landvolk, treu und echt,

In seiner Nähe sieht.

Es steht sein hochberühmter Thron

Seit mehr als tausend Jahren schon

In unserer Mitte fest.

Drum lieben wir ihn auch so sehr,

Wie wenn er unser Vater wär',

Der keinen je verläßt.

Er weiß, daß in der Landwirtschaft

Beruht des Staates stärkste Kraft,

Drum liebt ihn für und für

Der schwergeprüfte Bauersmann

Und hält als treuer Untertan

Ihm _offen jede Tür_.

Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestät eine

Ideenassoziation ein, die ein Lächeln des königlichen Mundes zur

Folge hatte, woraus alle anwesenden Gemeindevorstände aufs neue die

Überzeugung gewannen, daß der hohe Herr nach wie vor den Interessen des

Nährstandes seine besondere Huld zuwendete.

Der heilige Mime.

Gelasimus ein Mime war,

Wie alle anderen Mimen waren:

Des Ernstes und der Tugend völlig bar,

Jedoch in allen Lastern schauderhaft erfahren.

Nicht auf der Bühne nur: alltags sogar

Tät er mit Schminke, Lippenrot nicht sparen

Und kräuselte sein lichtgefärbtes Haar.

Kurz: allen Frommen war Gelasimi Gebaren

Ein Ärgernis, und jeglichem war klar,

Er werde als ein feister Höllenbraten

Dereinst dem Teufel in die Faust geraten.

Jedoch, was tat das dem Gelasimo?

Er war ein Heide, und als Heide so

Von Grund verstockt, daß es ihm doppelt freute,

Ein Lasterknecht und Wollüstling zu sein,

Weil er dadurch des Anstoßes ein Stein

War auf dem Wege aller frommen Leute.

Auch waren die in jener bösen Zeit

(Als Diokletian, der Schändliche, regierte)

In so verachtet schwacher Minderheit,

Daß ihr Gemurmel niemanden genierte.

Zeus saß als Sonnengott im Tempel breit

Zu Baalbek, den noch nicht das Kreuzbild zierte:

Zu Baalbek in der alten Götzenstadt,

Da dies Mirakel sich begeben hat.

Heut ist der Ort ein jämmerlicher Flecken,

Wo niedre Beduinenhütten sich

Im Schatten riesigen Mauerwerks verstecken,

Aus dem sich, schön und ungeheuerlich,

Gewaltige Säulen quadermächtig recken:

Des Tempels Reste, der versank, verblich.

Doch damals stand er noch und um ihn her

Die große Stadt des großen Jupiter.

Man ging auf Straßen, die gepflastert waren,

(Wo mag das Pflaster hingekommen sein?)

Vorbei an Goldschmiedläden, an Basaren,

Hotels, Bordells (und mancher trat auch ein).

Man schob sich, drängte sich mit Legionaren

Aus Rom und Syrien; Griechen, frech und fein,

Flanierten zwischen Juden und Phönikern

Und andern Volksgenossen: _noch_ antikern.

Man amüsierte sich: beim Zeus! Und wie!

Man tanzte; schlug den Ball; man jeute; sah

Entzückt vom sichern Sitze Mensch und Vieh

In wilden Kämpfen sich verbluten; ja,

Man hatte den Genuß, am Kreuze die

Gepfählt zu sehn, die »~Christo gloria~«

Voreilig sangen, statt Jovi dem Vater.

Und außerdem gab's mehr denn zehn Theater.

Davon im feinsten war Gelasimus

(Als erster Held versteht sich) engagiert.

Auch war er Regisseur (Präpositus),

In allen Bombenwirkungen versiert.

Bei jeder Premiere hat am Schluß

Man ihn hervorgerufen: applaudiert,

Bis er erschien und sich mit edler Neigung

Rechts, links verbeugte als zur Dankbezeigung.

Kein Wunder: wenn man solche Beine hat,

Wie Gelasim, und Augen so voll Feuer,

Daß jede Dame in der großen Stadt,

Als wär' ihr Herz ein Strohsack, eine Scheuer

Voll dürren Heu's, in Flammen stand, schachmatt

Vor Liebe zu dem süßen Ungeheuer.

Alltäglich brachte ihm der Stadtpostbote

Dreihundert Briefe, meistens rosarote.

Die kleinen Mädchen in der süßen Zeit

Der ersten Schwellung gruben um die Wette

In Wachs den Namen, trugen unterm Kleid

Auf bloßer Brust ihn; seine Statuette

Aus Alabaster lag, gebenedeit

Durch manchen Kuß, in manchem Backfischbette,

Indes die mehr schon vorgeschrittenen Damen

Anstatt des Bilds den Mimen selber nahmen.

Und auch die Rezensenten wagten's, ihm

Nicht zu kredenzen ihren Wermutbecher.

Der blutige Schmul selbst hieß ihn Seraphim

(Er, dem sonst alle Mimen schäbige Schächer).

So kam's wie's mußte: unser Gelasim

Wurde von Tag zu Tage eitler, frecher.

Man durfte wirklich bald schon denen glauben,

Die zweifelten an seines Hirnes Schrauben.

Er sprach nur noch per »Wir«, er ließ sich nur

Noch von Äthiopiern in Sänften tragen,

Und, wenn er wirklich einmal Wagen fuhr,

So war's vierspännig und im Muschelwagen;

Die Frau des Gouverneurs sogar beim Jour

Ließ er vergeblich warten und ihr sagen:

Er habe heute Besseres zu tun,

Doch morgen werd' er dazusein geruhn.

Natürlich wählte er die Stücke aus,

In denen er dem Publikum sich zeigte,

Und strich und änderte: es war ein Graus,

Daß mancher Autor jähen Tods verbleichte.

Dann schrieb er selbst ein Drama. Das hieß »~Laus

Imperatori~«. Das Gehirn erweichte

Jedwedem, der es sah. Ihm ist der Orden

Für Kunst und Wissenschaft dafür geworden.

Doch, wie's nun beim Theater ging (und geht):

Manch Stück gefällt zwar, weil der Herr Verfasser

Beim Publikum in großer Liebe steht;

Jedoch gefällt es -- durch. Wie Wind und Wasser

Ist Gunst des Publikums: verfließt, verweht,

Wenn's darauf ankommt. Fragte an der Kass' er:

»Wie ist das Haus heut?« ward zur Antwort ihm:

»~Laus~ zieht nicht -- leer!« Das kränkte Gelasim.

~Laus~ zieht nicht! dachte düster er bei sich:

Das Edelste, das ich zu geben habe,

Gilt ihnen nichts. Was zieht denn eigentlich?

Lock' ich vielleicht mit meiner Mimengabe?

Ach nein, ich fühl's: sie woll'n ganz einfach mich:

Ich bin nichts weiter, als ihr Freudenknabe.

Im Grunde werd' ich schauderhaft verkannt.

O Volk, o Welt, wie seid ihr degoutant!

Gelasimus, beleidigt im Genie,

Verfiel in ungewohnte böse Laune.

Erst war sie grau, dann schwarz: Melancholie

Saß faltig über jeder Augenbraune.

Schon floh der Mime zur Philosophie,

Und bald erhob sich ringsum das Geraune:

Gelasimus der Schöne hat den Spleen:

Er abonniert das Weisheitsmagazin.

Man lächelte, und hinter den Kulissen

(Wenn ich so sagen darf, da, wie bekannt,

Es keine gab) ward mancher Witz gerissen;

Denn Mimen waren immer medisant,

Perfid, gemein und kalauerbeflissen:

Schon wurde Heraklit der Dunkle er genannt.

Bald wird er, dachten froh die Konkurrenten,

In einem Nervensanatorium enden.

Der Herr Direktor machte _keine_ Witze.

Ihm war's zu ernst dazu. Das leere Haus

Erzeugte im Gemüt ihm Siedehitze,

Und all sein Zorn galt dem Autor der »~Laus~«.

»Du hast den Orden, ich die leeren Sitze.

Das paßt mir nicht!« so rief er wütend aus.

»Beschränke dich auf deine schönen Waden

Und laß das Dichten! Denn es bringt mir Schaden.«

So lernte Gelasim die Wahrheit kosten,

Daß jeder hohe Sessel wacklig ist,

Und daß auch goldne Lorbeerblätter rosten,

Bewirft sie Mißerfolg mit feuchtem Mist.

Am liebsten hätt' er den verlornen Posten

Sogleich verlassen ohne Kündigungsfrist,

Hätt' ihn nicht Schuldenlast gefesselt ehern

Wohl an ein Schock von grimmen Manichäern.

Und er ging in sich und begann zu grübeln:

Was hab' ich nun von meiner Eitelkeit?

Verworfen bin ich, machtlos allen Übeln,

Gebundnem Opfertiere gleich, geweiht;

Das Unglück übergießt mich wie aus Kübeln.

Wo ist der Gott, der gnädig mich befreit?

Erleuchtung! Kann mich Frömmigkeit noch retten,

So frequentier' ich gern die heiligen Stätten.

Er tat's. Fort von den Philosophen ging er

Stracks zu den Priestern: und mit offner Hand,

Als Tempelspender und als Opferbringer;

Bei allen Göttern ward er Supplikant.

Kaum hatte Raum der riesige Opferzwinger

Für all das Vieh, von Gelasim gesandt.

Die Priester lächelten: Kein Menschenmagen

Kann eines Mimen Frömmigkeit ertragen.

Jedoch gewährten sie ihm alle Gnaden

Der Götter, die er flehentlich erbat.

Er durfte sich im Venustempel baden;

Des Zeus Orakel gab ihm dunklen Rat;

Er aß, zuviel beinah, geweihte Fladen;

Trug Amulette im Sakralformat.

Half alles nichts. Es blieb die alte Leier:

In seinem Herzen brauten Nebelschleier.

Da, eines Tags, nach endlos langer Probe

Zu einem neuen Stücke, kam zu ihm,

Bescheiden wartend vor der Garderobe,

Ein junges Mädchen, flüsternd: »Gelasim!

Lies dieses Buch, zu Jesu Christi Lobe

Verfaßt vom Patriarchen Joachim!«

Der Mime dachte: Sonderbares Mädchen!

Bringt keinen Liebesbrief -- bringt ein Traktätchen!

Da war sie auch schon weg. Im Korridore

Sah Gelasim nur einen Schleier wehn

Aus dunkelgrauem, schwarzgesäumtem Flore.

Er blieb betroffen eine Weile stehn.

»Die ist doch sicher nicht aus unserem Chore ...

So einen Flor hat man hier nie gesehn,«

Sprach er für sich; »mir wird nicht ganz geheuer

Bei diesem dunkelgrauen Abenteuer.«

Und warf das Buch hin zu den Schminkedosen,

Als klebe Zauber dran und dunkler Fluch

Von unheimlichen Mächten: namenlosen.

Und warf darüber noch ein schwarzes Tuch.

Und ging nach Haus mit fliehenden Schritten, großen,

Als flög, ein Schatten, hinter ihm das Buch.

Und war bedrückt, verwirrt: umhergerissen

Von Ahnungen, Mahnungen, wie in Finsternissen.

Er warf sich hin aufs üppige Ruhebette

(Von Baalbeks Bosheit wurde es genannt:

~Palaestra Gelasimusarum~); hätte

Im Schlafe gern das Buch, den Flor gebannt.

Doch heute war es eine Unruhstätte,

Um die herum ein Heer Dämonen stand,

Die bald das Buch und bald den Schleier schwangen

Und in der Fistel: »Lies! Lies! Lies doch!« sangen.

Der Mime sprang empor, und in die Tolle

Fuhr wild die Hand, vernichtend die Frisur.

»Ich will nicht!« schrie er auf in Grimm und Grolle,

»Ich lese keine Pöbelliteratur!

Kann ich nicht schlafen, lern' ich! Meine Rolle,

Erlöse mich von dieser Sekatur!

Der Geist der Katakomben sei vertrieben

Vom Geist des Zeus mit scharfen Jambenhieben!«

Und er versenkte sich mit heftigem Fleiße

Ins Studium. Er lebte, was er las:

Denn es begab sich wunderlicherweise,

Daß seine Rolle wie ein Spiegelglas

Den Trubel wiedergab, der ihn im Kreise

Jetzund herumtrieb. Jede Phrase saß,

Als hätt' er selbst sie aus sich hochgehoben,

Christum zu lästern, Jupitern zu loben.

Er hatte einen Feldherrn zu tragieren,

Dem's, wie nicht wenigen, ergangen war,

Daß ihn der Gattin zartes Persuadieren

Zum Christen machte. Doch nicht ganz und gar:

Denn, wie's im Drama kam zum Peripetieren,

Erhob er mächtig sich wie Jovis Aar

Und fand in höchst dramatischen Donnerwettern

Den Weg zurück zu seinen alten Göttern.

Das schmeckte! Und der Mime deklamierte

Sich alle Wirrung aus der bangen Brust;

Das Heer Dämonen, das ihn so torquierte,

Hat vor den Versen auf die Flucht gemußt.

Gelasimus der Heide triumphierte

Zum letztenmal und glaubte selbstbewußt,

Er selber habe wie sein Held gefunden

Den Weg zum Heil und endlichen Gesunden.

Am nächsten Morgen salbte er und schminkte

Sich ganz wie einst. Ein strahlender Apoll

Ging er zur Probe. Auf der Straße winkte

Er allen Mädchen, heitrer Laune voll,

In Blick, Bewegung, Haltung das distinkte

Erobererair, das jeder haben soll,

Der Frauen gefallen will und Massen lenken,

Daß sie im Zug nach seinem Willen schwenken.

Reife Früchte vom Bierbaum · 第 10 / 12 段