Da kam ein Bauer

-- Hastunichgesehn! --

Und riß dem armen Vieh

Die Federn aus, daß

-- Herrgottnocheinmal! --

Es wie am Spieße schrie.

Die Fabel lehrt uns,

-- Leider ist es wahr! --

Das Leben ist nicht fein.

Der Dreck macht fett, doch

-- Leider ist es wahr! --

Schlachtet man drum das Schwein.

Doch Schönheit leidet

-- Leider ist es wahr! --

Viel mehr als Todespein.

Sie wird lebendig

-- Leider ist es wahr! --

Gerupft, weil sie zu rein.

Wegweiser.

Folg dir in dich!

Und wenn du auch erschrickst

Vor den Gestalten, die du dort erblickst:

Folg dir in dich!

Hast du nur dich

Und hältst du dich recht fest,

So bist du stark, ob alles dich verläßt:

Hast du nur dich!

Gott sei Dank!

Viele Feinde hab' ich,

Gott sei Dank!

Manche Maulschell' gab ich,

Gott sei Dank!

Manchen Puff bekam ich,

Gott sei Dank!

Manchen Graben nahm ich,

Gott sei Dank!

Selten nur mal fiel ich,

Gott sei Dank!

Will ich treffen, ziel' ich,

Gott sei Dank!

Schönes, o, das seh' ich,

Gott sei Dank!

Stinkt es wo, da geh' ich,

Gott sei Dank!

Wie ich lebe, leb' ich,

Gott sei Dank!

Will ich nehmen, geb' ich,

Gott sei Dank!

Irrtum den beklag' ich,

Gott sei Dank!

Meine Fehler trag' ich,

Gott sei Dank!

Größe respektier' ich,

Gott sei Dank!

Dünkel ignorier' ich,

Gott sei Dank!

Witzigen Tadel leid' ich,

Gott sei Dank!

Plumpes Lob vermeid' ich,

Gott sei Dank!

Was mich fördert, lern' ich,

Gott sei Dank!

Leeres Stroh entfern' ich,

Gott sei Dank!

Wer mich kränkt, den kränk' ich,

Gott sei Dank!

Wer mir schenkt, dem schenk' ich,

Gott sei Dank!

Schwächliches bereu' ich,

Gott sei Dank!

Starkem halte Treu' ich,

Gott sei Dank!

Meine Frau verehr' ich,

Gott sei Dank!

Von ihrer Liebe zehr' ich,

Gott sei Dank!

Meine Gaben pfleg' ich,

Gott sei Dank!

Auch die Triebe heg' ich,

Gott sei Dank!

Viele Lüste büßt' ich,

Gott sei Dank!

Laster die versüßt' ich,

Gott sei Dank!

Meine Kunst, die kann ich,

Gott sei Dank!

Halbem Glück entrann ich,

Gott sei Dank!

Dumpfes Sehnen haß ich,

Gott sei Dank!

Den Moment erfaß ich,

Gott sei Dank!

Fiel ich mal: bald stand ich,

Gott sei Dank!

Stets mich wieder fand ich,

Gott sei Dank!

Manchen Unsinn trieb ich,

Gott sei Dank!

Manchen Lufthieb hieb ich,

Gott sei Dank!

Meinen Sinnen trau' ich,

Gott sei Dank!

Auf meinen Glauben bau' ich,

Gott sei Dank!

Meinem Freund gehör' ich,

Gott sei Dank!

Auf die Freundschaft schwör' ich,

Gott sei Dank!

Meine Feinde haß ich,

Gott sei Dank!

Falsche Freunde laß ich,

Gott sei Dank!

Echte Hoheit krön' ich,

Gott sei Dank!

Gerngroßtum verhöhn' ich,

Gott sei Dank!

Ruhe, Klarheit such' ich,

Gott sei Dank!

Aller Trübe fluch' ich,

Gott sei Dank!

Viele Verse mach' ich,

Gott sei Dank!

Schimpft man drüber, lach' ich,

Gott sei Dank!

Unser Schloß.

Ich träumte mich in einen tiefen Wald ...

Ich wanderte dem Lied der Vögel nach;

Auf schmalen Wegen über Wurzeln weg

Schritt ich und strauchelte doch nie: es war

Im Gehn ein Schweben. -- Eine Stimme sang

Ganz leise in mir: Siehe, heute noch

Bist du zu Hause ... Immer grüner ward

Es rings um mich, und alles fiel von mir,

Das mich bebürdet. Und der Welt Geräusch

Verhallte hinter mir. Die Vögel selbst

Verstummten. Nur das leise Wipfelwehn

Umrauschte mich: dies süße Schlummerlied

Der großen Stille, das die Träume ruft,

Die samtenen Nachtfalter: braun und schwarz

Mit goldenen Fühlern, die wie Palmen sind

Aus seidenen Rispen, und mit blinden Augen,

Die mehr erblicken, als jemals der Tag

In seiner harten Grelle zeigt ... Da stand

Ein kleines Schloß an einem Teich vor mir.

Drei große schwarze Schwäne glitten sanft

Auf seinem Spiegel, drauf der Abendschein

Gelb lag gleich einem welken Rosenblatt.

Das Schloß war ganz aus amethystnem Quarz,

Violenblau, goldäderig, gebaut;

Die Türen bronzen, grünlich-schwarz: als Schild

Das Bild der Sonne drauf: _Ihr_ Bild, die mich

(Ich fühlt' es nun) in diesen Zauber rief.

--: Wo bist du? sagt' ich leise vor mich hin.

--: Lädst du mich ein in unser Glück, das wir,

In unsrer Herzen Gleichklang wortelos

Uns ganz verstehend, Tag für Tag

Aufrecht im Glauben suchen: niemals ganz

Verzagend, ob auch manches Mal

Im Düster irrend: -- hast du mir erbaut

Dies Schloß aus hellem Gold und Veilchenblau?

-- Da taten sich die Bronzeflügel auf,

Den Sonnenschild zerteilend, und sie stand:

Minerva mit dem Speere, im Geviert

Des hohen Eingangs, aber lächelnd wie

Die Liebesgöttin und die Mutter Gottes da:

Und ihre Blicke überstrahlten mich

Wie aller Menschenliebe Inbegriff.

Die Reise ohne Fahrplan.

In diese rätselhafte Welt

Sind wir alle als Rätsel gestellt;

Bilden Scharaden.

Wer sucht den Sinn, wer findet Verstand

In diesem wimmelnden Allerhand?

Wer kann uns erraten?

Wir selber? Kaum. Wir tauschen nichts als Zeichen,

Andeutungen geheimnisvoller Art;

Ziehn uns Signale auf und stellen Weichen,

Daß keiner stören mag des andern Fahrt,

Die ach auf sträflich unsoliden Speichen

Uns an ein Loch führt, keinem noch erspart:

An den bekannten Tunneleingang, der,

Wenn wir es könnten, längst vermauert wär'.

Vielleicht studiert ein Gott das wirre Wesen,

Wie ein Professor dies und das studiert:

Bakterien, unters Mikroskop gelesen;

Zahlenkolumnen, mächtig aufmarschiert;

Vokabeln eines Dichters; welche Spesen

Im Haushalt der Natur die Kraft summiert.

Wer weiß, was einen Gott dran interessiert, --

Bis er, gelangweilt, mit dem Sturmesbesen

Das rätselhafte Zeug beiseite wischt:

Daß Laus wie Elefant zugleich verschwinden,

Die ganze Weltgeschichte Kehricht ist,

Napoleon nicht und Goethe mehr zu finden

Im großen schwarzen Weltentintengischt,

Durch das die Zeit sich ruhig weiterfrißt.

Doch kann's auch sein: Es kennt die Hieroglyphen

Der Irgendwer, der diese Rätsel schrieb,

Die nebenbei auch uns ins Leben riefen.

Wer weiß, vielleicht sind wir ihm wirklich lieb,

Und, was uns weh tut, jeder Schicksalshieb,

Will uns, prost Mahlzeit, will uns bloß vertiefen.

Es kann ja sein. Was kann nicht sein auf Erden?

Wir können in der Tat noch alle Engel werden.

Weiß Gott: Gott weiß es! Unser ist allein

Die Pflicht, ihm ein gefüger Stoff zu sein,

Auf daß uns selbst die wunderliche Erde

Kein Nadelkissen oder Kantenstein,

Sondern ein Garten voller Früchte werde.

Und geht es dann ins Tunnelloch hinein,

Soll wenigstens die Lebewohlgebärde

Den weiter Rätselnden kein schlechter Anblick sein.

Ende.

Reife Früchte vom Bierbaum.

Inhalt.

Seite

Einleitung 3

Skizze zum Porträt eines guten Bekannten von mir 19

Yankeedoodle-Fahrt 27

Die Liaisons der schönen Sara 52

Samalio Pardulus 90

Annemargret und die drei Junggesellen 131

Der mutige Revierförster 157

Der heilige Mime 169

Gedichte:

Flußfahrt im Frühling 191

Der stille alte Goethe 192

Des Helden Not 192

Erde, liebe Erde 193

Südtiroler Herbst 193

Erzählung 194

Der Verliebte 195

Seele! 196

Grabschrift für meinen Vater 196

Lyrikerasten 196

Schwein und Pfau (Eine fatale Fabel) 197

Wegweiser 199

Gott sei Dank! 199

Unser Schloß 203

Die Reise ohne Fahrplan 204

Von Otto Julius Bierbaum erschienen folgende Werke:

Lyrik:

Erlebte Gedichte. Gustav Schuhr Verlag, Berlin, 1892. Jetzt im

Inselverlag Leipzig.

Nehmt, Frouwe, diesen Kranz. Gustav Schuhr, Berlin, 1894. Jetzt

Inselverlag.

Irrgarten der Liebe (34. Tausend). Inselverlag, 1901.

Dann als »Neubestellter Irrgarten der Liebe«. (Neu angeordnet

und vermehrt). Ders. Verlag, 1906. (35. bis 40. Tausend.)

Das seidene Buch. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 1903.

Maultrommel und Flöte. Georg Müller, München 1907.

Erzählendes:

Studentenbeichten. Novellen. Schuster u. Loeffler, Berlin, 1.

Reihe 1891, 2. Reihe 1897. (1. Reihe 8. Aufl., 2. Reihe 6.

Aufl.)

Die Schlangendame. Novelle. Derselbe Verlag, 1893. (6. Aufl.)

Die Freiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen

Herrn Pankrazius Graunzer. Ders. Verlag, 1895. (6. Aufl.)

Stilpe. Roman aus der Froschperspektive. Derselbe Verlag, 1897.

(8. Aufl.)

Das schöne Mädchen von Pao. Chinesischer Roman. Derselbe

Verlag, 1899. (3. Aufl.) (Große Künstlerausgabe mit

Illustrationen von B. Lyers, 1909, im Verlage von Georg

Müller.)

Kaktus. Künstlergeschichten. (3. Aufl.) Derselbe Verlag, 1899.

Annemargret und die drei Junggesellen. Novellen. Inselverlag,

Leipzig, 1902. (Vergriffen; zum Teil übernommen in die

»Sonderbaren Geschichten«.)

Die Haare der heiligen Fringilla und andere Geschichten. Albert

Langen, München, 1903. (Verschiedentlich neu aufgelegt.)

Das höllische Automobil. Novellen. Wiener Verlag, Wien,

1904. (Vergriffen; zum Teil übernommen in die »Sonderbaren

Geschichten«.)

Zäpfel Kerns Abenteuer. Kinderbuch. Georg Müller, München,

1906. Jetzt bei Schaffstein & Co., Köln. (Neue Aufl. 1910.)

Prinz Kuckuck. Zeitroman in 3 Bdn. Georg Müller, München,

1906/07. 12. Aufl.

Sonderbare Geschichten. 3 Bde. Derselbe Verlag, 1908.

Dramatisches:

Lobetanz. Bühnenspiel für Musik (komp. von L. Thuille).

Genossenschaft »Pan«, Berlin, dann Schuster & Loeffler,

Berlin, 1895, jetzt Georg Müller, München.

Gugeline. Bühnenspiel für Musik (komp. von L. Thuille).

Inselverlag, Leipzig, 1899.

Pan im Busch. Tanzspiel (komp. v. Felix Mottl). Inselverlag,

1899.

Stella und Antonie. Schauspiel. Albert Langen München, 1903.

Die vernarrte Prinzeß (komp. von O. von Chelius). Derselbe

Verlag, 1904.

Zwei Stilpekomödien. (Das Cénacle der Maulesel und die

Schlangendame.) Georg Müller, München, 1905.

Zwei Münchener Faschingsspiele (Fastnachts-Festspiele.) Albert

Langen, München, 1905.

Der Bräutigam wider Willen. (Komödie nach Dostojewski.) Wiener

Verlag, Wien, 1906.

Der Musenkrieg. Studentenkomödie für Musik. Karl Curtius,

Berlin, 1907.

Kritisches:

Die zweite Münchener Jahresausstellung Arnold Böcklin. ~Dr.~ E.

Albert & Co., München, 1890/91, vergriffen.

Detlev von Liliencron. Wilh. Friedrich, Leipzig, 1892,

vergriffen.

Fritz von Uhde. ~Dr.~ E. Albert & Co., München, 1893,

vergriffen.

Franz Stuck (Prachtwerk). Derselbe Verlag, 1893, vergriffen.

Aus beiden Lagern. Über das erste Ausstellungsjahr in München.

Karl Schüler, München, 1893, vergriffen.

Franz Stuck. In der Monographienreihe von Velhagen & Klasing,

Bielefeld, 1899. (Neue Auflage 1909.)

Hans Thoma. In der »Kunst« von Marquardt & Co., Berlin, 1903.

(3. Aufl. 1909.)

Fritz v. Uhde. In der »Kunst unserer Zeit«. Hanfstängl,

München, 1905, als Buch gänzlich umgearbeitet bei Georg

Müller, 1908.

Liliencron. Ein Essaybuch. Verlag von Georg Müller, München.

Verschiedenes:

Der bunte Vogel von 1897. Kalenderbuch, Gedichte und allerhand

Prosa. Schuster & Loeffler, Berlin, 1896, jetzt Georg Müller,

München.

Der bunte Vogel von 1899. Derselbe Verlag, 1898, jetzt Georg

Müller, München.

Eine empfindsame Reise im Automobil. Reiseberichte. Marquardt &

Co., Berlin, 1903.

Dasselbe, erweitert unter dem Titel »Mit der Kraft«. Derselbe

Verlag, 1906.

Die Yankeedoodle-Fahrt und andere Reisegeschichten. Georg

Müller, München, 1910.

Demnächst erscheint:

Fortuna. Ein Abenteuer in 5 Akten (mit Königsbrun-Schaup).

Verlag von Georg Müller, München.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die

Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 21: achaische → archaische

Mozart, {archaische} Skulpturen

S. 101: Mißgestalten → Mißgestalteten

dieses Nachtkonzert der Unholde dem {Mißgestalteten}

S. 185: sehrende → zehrende

Wie {zehrende} Liebeskunde

End of Project Gutenberg's Reife Früchte vom Bierbaum, by Otto Julius Bierbaum

Reife Früchte vom Bierbaum · 第 12 / 12 段