aber so aufbetten wie Annemargret hatte sie nicht gekonnt. Viel Wert
hatten die drei rauhen Junggesellen ja auch nicht darauf gelegt, daß
der Strohsack immer aufgeschüttelt, das Kissen frisch überzogen,
das Leintuch glattgebreitet wurde -- wenn nur immer der Schlaftrunk
handbereit stand. Aber nun war es doch angenehm, sich auch in diesen
Dingen wohlbesorgt zu fühlen. Die kleine Unbequemlichkeit, daß man
auch selber, schandenhalber, sich etwas ordentlicher zu führen hatte
und nicht, nach längeren Schlaftrünken oder so, mit den Stiefeln ins
Bett steigen durfte, ließ sich mitnehmen. Man ließ sich überhaupt ganz
gerne ein bißchen glatt lecken, da es ja nicht bis auf die ritterliche
Seele und den rauhen Kern des deutschen Mannes ging, wenn man es sich
gefallen ließ, daß die Lederwämse Nähte in den Wolfsturmschen Farben,
blaurot, kriegten, die Stiefel auch an Wochentagen geputzt, die
geknickten Helmfedern durch neue ersetzt und überhaupt allerlei Dinge
getrieben wurden, die eigentlich gegen die Tradition der Wolfsturms
waren. Annemargret hatte sogar ein Heer von alten Weibern aufgeboten
und die Dielen scheuern, die Vertäfelung putzen und die Küche weißen
lassen -- lauter Dinge, die seit dem Tod der ehedem gebietenden
Frau Mutter nicht geschehen waren und den Brüdern als krämerhafte
Albernheiten gegolten hatten. Es war sogar Geld dafür ausgegeben
worden, und Welf hatte sich bei Erwerbung dieses Geldes einen kleinen
Leibesschaden zugezogen, da er die schwere Kassette dem renitenten
früheren Inhaber eigenhändig entrissen hatte.
Doch das wurde alles gerne ertragen, da man sich unter dem neuen Regime
wirklich behaglich fühlte.
Ja, die drei Brüder brachten noch weitere Opfer für das kleine, aber
unentbehrliche Mädchen.
Da Annemargret die Tochter des Bürgermeisters von St. Ursula war,
eines gewichtigen Mannes unter den Bauern, und da dieser Mann und
Bürgermeister die Hartnäckigkeit besaß, Herausgabe der Tochter zu
fordern, andernfalls er mit Klagen bei irgendeinem Herzoge drohte,
der sich Landesfürst nannte, und da überdies Annemargret selber recht
schön bat, man möge alles in Frieden ordnen, so ließen sich die drei
Brüder, die eigentlich prinzipiell gegen jede friedliche Ordnung einen
angeborenen Widerwillen hatten und es schlechterdings würdelos fanden,
sich mit jemandem zu »vertragen«, herbei, dem in St. Ursula hausenden
Volke für ewige Zeiten Freiheit von jeder Brandschatzung durch das
Wolfssturmsche Haus schriftlich mit beigesiegeltem Wolfsrachen zu
versprechen, zu verheißen und zuzusagen.
Welf und Ralph hatten sich gegen dieses Ansinnen als echte Wölfe
von Wolfsturm lange und mannhaft gewehrt, aber Rolf war schließlich
damit durchgedrungen, daß er nicht weniger als zwanzig Möglichkeiten
nachwies, den Vertrag beiseitezuschieben; schlimmsten Falles dadurch,
daß man sich mit den Vettern auf Zinkenberg, Festenburg, Geyerstein,
Rabenhorst verbände und das Nest unten überhaupt beseitige -- womit
denn der Kontrakt auch beseitigt wäre, da eben der eine Kontrahent
nicht mehr existierte.
Schließlich wirkte aber doch am gründlichsten das Mädchen selber.
Den Welf brauchte sie nur im Nacken zu krauen, so ward er milde wie
Mandelöl.
Beim Ralph genügte schon ein kleiner Patscher auf die Backen.
Und den Rolf hatte sie überhaupt schon und ohne jede besondere
Hantierung.
Das ging nun also alles vorzüglich, und auf Wolfsturm herrschte ein
vorzüglicher Humor. Ralph blies sogar die Klappentrompete, und Welf,
der weniger musikalisch war, rührte zuweilen vor lauter Wohlgefühl die
große Kesselpauke, die in der Waffenkammer stand. Rolf aber -- sang.
Zu den eigentlichen Minnesängern, die nun in der Literaturgeschichte
stehen und von den höheren Töchtern auswendig gelernt werden müssen,
gehörte er ja nicht. Er dichtete und sang etwas kunstlos, aber Reime
auf et fand er immerhin eine erkleckliche Menge, obwohl es des
Peregrinus Syntax Reimlexikon damals noch nicht gab.
Oft, während die beiden Älteren draußen im wilden Walde den
Jagdspieß sausen ließen, saß er, gleich Herrn Walter von der
Vogelweide, auf einem Steine und deckte Bein mit Bein. Doch gehörte
das eine Beinpaar der Annemargret. Auch dichtete und sang er in
dieser Stellung keineswegs unablässig, trieb vielmehr andere zum
poetischen Hausgebrauch notwendige Dinge. Als da sind: Ausmessung
des Parallelismus der Glieder beim Strophenbau, Rhythmenabklopfung
auf rundlichen, rhythmisch wohlgebauten und daher als Maßeinheit
dienlichen Stellen, Gleichklangsstudien unter Zugrundelegung des
Geräusches, das zwei Lippen hervorbringen, die, soeben noch fest
aufeinandergepreßt, sich plötzlich voneinander lösen.
Die weniger dichterisch veranlagten Brüder bemerkten diese Übungen in
praktischer Poetik mit Unbehagen und ermangelten nicht, dem Benjamin
von Wolfsturm klarzumachen, daß sie ihm die Knochen im Leibe zerbrechen
würden, wenn er fürderhin zu Hause wilderte, während sie draußen mit
Wölfen und Bären Stelldicheins hatten.
Aber Rolf rümpfte nur die Nase dazu und zog die Lippen hoch, schlug
auch wohl aufs Schwert, daß es nur so klirrte, und meinte: der Busch,
in dem er jetzt jagte, dünkte ihm lieblicher als der wilde Wald, und
wenn ihm da einer ins Gehege käme, so wäre es wohl möglich, daß er
mit ihm verführe, wie mit einem frechen Bauern, den's nach Edelmanns
Hirschen lüstete.
Derlei Reden, hin und her geschleudert wie Jagdspieße, trübten den
Humor auf Wolfsturm zuweilen etwas, und wenn nicht Jungfer Annemargret
so unbändig klug gewesen wäre, wie sie wirklich war, so hätte der Humor
wohl bald ein Ende gehabt und es wäre nicht bei geredeten Jagdspießen
geblieben.
Aber, ei, wie war Margretlein klug! Hatte sie's mit Junker Rolf, wenn
die anderen draußen mit Bruder Petz tanzten, so hatte sie's doch auch
mit diesen, wenn die Gelegenheit gut war.
Der grimme Welf war sicher, sie nicht gar selten oben im Treppenwinkel
zu treffen, wenn er, Ausguck zu halten, zum Turme stieg. Und da schwand
sein Unmut schleunig, hatte er im Dunkel das runde, gefüge Ding im Arm,
das er noch lieber an sich preßte, als den Urhumpen der Wölfe von
Wolfsturm. Wie wundersüß ging's ihm ins Ohr, wie sie so an ihm hing und
flüsterte: »Lieb's Welfle du, was bist du stark!«
Ralph aber kriegte sein Teil wohl zugemessen unten im Weinkeller. Dort,
wo's so kühl und heimlich war, zwischen den großen, werten Tonnen,
saßen sie eng beieinander auf dem Tonnenschragen, rechts den braven
Malvasier und links den lieblichen Traminer, und hielten einander so
nahe und enge, daß es ihnen bei aller Kellerkühle gar freundlich warm
wurde. Ach, wie wunderhold's ihm im rundwölbigen Keller widerklang,
wenn sie lispelte: »Lieb's Ralphle lieb's, was bist du g'schmeidi!«
So glaubte sich denn im Grunde jeder Hahn im Margretenkorbe und lachte
heimlich die anderen aus, die nach demselben Bissen leckten, und keiner
wußte, daß _ein_ Korb drei Hähne beherbergen kann, wenn die Körblerin
es nur einzuteilen weiß.
Ein bißchen dumm waren die drei jungen Junggesellen schon, wie man
sieht. Aber was will man bei so ungenügenden Volksschulverhältnissen,
wie sie in den Raubritterzeiten herrschten, anders verlangen? Es war
halt das finstre Mittelalter.
Also: gut ging's im allgemeinen. Es kriegte jeder sein Annemargretisch
Teil, und, ein paar Verdachtswolken abgerechnet, die sich hier und da
über dem Haupte Rolfs gleich schwarzen Kutteln himmlischer Riesenkühe
zusammenzogen, trübte nichts die verliebte Selbstsicherheit jedes
einzelnen.
Ralph blies bereits schelmische Triller auf der Klappentrompete, Welf
verübte ganz virtuos leidenschaftliche Donnerwetter der Liebe auf
der Kesselpauke, und Rolf hatte ungefähr sämtliche Reime beisammen,
die die deutsche Sprache auf et hergibt. Es wurde fast idyllisch auf
Wolfsturm und sämtliche Bewohner dieses adeligen Sitzes, Christoph und
die gewaltigen Streitrosse nicht ausgenommen, setzten einigermaßen Fett
an.
Da kam das Schicksal in Ritterstiefeln und trat alles entzwei.
Es war ein schöner, klarer Herbsttag und die Weinlese eben vorüber.
Welf saß oben auf dem Geländer des Turmumgangs und guckte aus.
Plötzlich rief er in den Hof hinab, wo Margaret eben die drei Paar
Ritterstiefel im Brunnentrog spülte: »Ralph und Rolf: wo stecken die
Junker!?«
»Im Keller und klopfen die Tonnen ab, wieviel noch Wein drinnen.«
»Ha, das ist gut, bei meiner Seel'! Ruf sie herauf!«
Annemargret schickte ein gutes Blickchen empor, das mit
eisengepanzerter Kußfaust sehr ritterlich erwidert ward, beugte sich
zu einer allerliebsten Rundung zusammen, daß Welf beim Anblick der
kühn ausgebogenen Hinterfülle vor Entzücken stöhnte und rief mit süßer
Stimme ins dunkle Kellerloch: »Junkerchen, herauf! Der Welf hat was!«
Ralph und Rolf traten gebückt aus der niederen Kellertür und schrien
zum Turm: »Hallo, was ist?«
»Gewimmt[3] ist! Die Bauern fahren das Praschlett[4] zur Stadt.«
[3] Tirolisch für Weinlesen.
[4] Die Maische.
»Alle Teufel und Satansbrut!« rief Ralph -- »schon?«
»Ei freilich! Es ist die Zeit! Ihr ließt wohl alles den Krämern in die
Löcher fahren, säß ich nicht hier und guckte aus. Wie steht's in den
Tonnen?«
»Nieder!« antwortete Rolf. »Die Traminerin klingt hohl wie deine Pauke.«
»Und den Malvasier kann eine junge Katze auslecken,« fügte Ralph hinzu.
»So denn mit Eilen in Stiefel und Sattel und hurtig Ersatz geschafft!«
Welf schwang sich vom Gelände und polterte die Treppe herab.
»Her die Stiefel, Annemargret,
Her die Stiefel, eh es zu spät!«
sang anmutigen Eifers voll der nie um Reime verlegene Rolf.
»Sind alle noch naß!« gab die zurück.
»Was schiert mich das!?« reimte Rolf entgegen und fuhr in die
patschnassen Lederhöhlen.
Indessen brüllte Ralph nach den Pferden, rumorte Welf im Waffengelasse,
klirrte Christoph mit den Zaumketten, klapperten die Gäule aus dem
Stalle, lachte und kicherte Margret. Kurz: Wolfsturm machte mobil.
Wie die drei glücklich im Sattel saßen und den Schlußtrunk genommen
hatten, den Annemargret jedem erst annippen mußte, ehe sie ihn dem vom
Gaul Gebeugten in die Eisenpfote gab, wurde der Kriegsplan gemacht.
»Ich reit auf die Traminer!« erklärte Welf.
»Ich hol' den süßen von Margreid!« entschied sich Ralph.
»Ich will mich hinter Urschel nach Schilcher[5] umtun!« gab Rolf kund.
[5] Schillerwein, halb weiß, halb rot.
Aber Annemargret protestierte: »Nix hinter Urschl! Urschl hat's
schriftlich! Ihr seid mir die Nettern!«
»Ho, die Urschl-Margret, hohohoho!« lachten die drei.
»Also reit ich anderswohin auf den Schilcher, daß uns Annemargretlein
nit sauer wird, die Urschlerin!« erklärte Rolf. »Bleibt sie uns dann
süß?«
»Süß allen dreien!« lachte das Mädchen und stemmte die Arme in die
Seiten, fest und keck wie eine flinke Bäuerin.
»Fallt's mir fei' mit ins Praschletschaff«[6], fügte sie hinzu, wie die
Junker abritten.
[6] Maischbottich.
Dann stand sie noch lange und blickte den nach drei Richtungen
auseinandersprengenden von der Mauer aus nach und ließ jedem ihr
Tüchlein zuwehen, wenn er sich umwandte und ihr mit der gepanzerten
Faust winkte.
Sind doch alle drei recht liebe Junker, dachte sie sich. Jeder hat was
besonders Liebes. Der Welf ist wie ein Bär so kräftig und grimmig. Huh,
wie er zupackt! Schier blaue Flecke gibt's und ist doch gar lieb. Der
Ralph ist nicht so ganz stark, aber hitzig. Küßt er, ist's wie ein Biß,
und der Atem geht einem aus vor lauter Schönsein. Aber der Rolf hat
was gar Zart's und Fein's und kann reden, daß man die Augen zumachen
muß, -- so lieblich schwatzt er. Wenn er so leise um die Hüften greift,
geht's kitzlich überallhin, als wenn jed's Blutströpfel im Leibe lachen
sollt'. Lacht auch jed's. -- So ist's mit allen dreien, wundergut in
Heimlichkeit. Möcht' keinen missen. Muß aber immer fein schlau und
achtsam sein. Hu, wenn der eine mich mit dem anderen säh. Das gäb böses
Getu.
So sinnierte sie aufs angenehmste vor sich hin. Dann ging sie aufbetten.
Wie sie mit den Junkerbetten fertig war, dachte sie sich: Will doch
heut die dreie mit dem Wein im Putz überraschen! Und ging in ihre
Kammer, den Sonntagsstaat anzulegen.
Schon damals, in den wilden Raubritterzeiten, zogen sich hübsche
Mädchen gerne aus und an, und, wenn die Spiegel auch gar klein und
trübe waren, sie sahen sich doch gern darin. Es war also das Anziehen
eine liebliche Beschäftigung für die Kleine, und als sie ihre Röcke von
sich hatte und im kurzärmeligen Leinenhemdchen dastand, da drehte sie
sich wohl viele Male vor dem Spiegel hin und her und betrachtete sich
selber mit viel Aufmerksamkeit, Ernst und Genugtuung.
Da, plötzlich ging die Kammertür auf, und Junker Rolf stand auf der
Schwelle.
Aber nicht lange. Denn kaum hatte er das Mädchen in dieser auch für
Junker besonders lieblichen Verfassung gesehen, da war er mit einem
Satze bei ihr und umfing sie mit den geharnischten Armen.
»Hu, bist du kalt!« rief sie erschrocken aus, die über der Kälte dieser
eisernen Umarmung ganz vergessen hatte, daß sie sich erst schämen mußte.
Aber auch ihm war das Eisen jetzt unbequem. Hastig entschiente er
sich, und krach, bumm, knirr flogen die Harnischteile von ihm, und er
stand im Lederwamse. Es ging viel schneller als sonst mit dem alten
Christoph.
Nun war es gar nicht mehr kalt, wie er sie umfing.
Eine Weile hatten die Lippen mehr zu tun, als zu reden.
Dann aber fragte Margret: »Ja, aber, daß ich das Pferd nicht auf der
Brücke gehört hab'! Und wo ist denn das Praschlet?«
»Draußen angebunden das Pferd! Praschlet mögen die anderen bringen!
Du bist mir lieber, als aller Wein! Du, mein rotweißer Schilcher und
süßer Malvasier! Lieb's Ding im Rock, viel lieber noch im Hemd! Du! Du!
Du! Oh, was du weiß und weich bist! Dräng dich, drück dich, leg dich
mir nah! O du mein Wein von Ursula! Du heiße, weiße, voll und rund!
Gib deinen Mund! Gib deinen Mund! Und wieder, wieder! Gretlein, mein
Mädlein!«
Sie aber sagte nichts und küßte bloß.
Da: Treppengepolter. Da: Rasseln vor der Tür. Da: krach eine Faust
wider das Türgetäfel.
Rolf sprang auf und sprang zur Tür, -- g'rad vor die Brust Welfs, der
sie eben aufgerissen hatte.
Ein Heulen wie aus Wolfsrachen, ein Stoß mit der geschienten Faust vor
Rolfs Brust. Der taumelt zurück, bückt sich, sucht sein Schwert.
Aber schon wirft sich, mit beiden Fäusten sein Schwert nach unten
stoßend, Welf über ihn und rennt dem Gebückten den Stahl durch den
Rücken.
Starr saß Annemargret im Hemd auf dem Bett und hielt kindängstlich die
Finger an den Mund.
Jetzt ... kommt ... das Schwert ... zu mir ...
Welf zog das Schwert aus dem verröchelnden Leibe, warf es nieder und
stellte sich vor der Starrenden schnaufend auf.
»Dich ... drossl' ich ... so ...«
Er streckte die auseinandergekrallten Eisenfinger nach ihrem Hals.
Sie sank vom Bett und kniete vor ihm bettelnd nieder.
»Lieb's Welfle, stark's, sei gut ...!«
Und nimmt die beiden eisernen Hände und legt sie sich auf die
hochgehende Brust und lächelt.
»Du! ... Du! ...«
Er hebt sie hoch auf und wirft sie aufs Bett, und nimmt sie wieder hoch
und preßt sie wütend, klammernd an sich, und nimmt sie wie ein Kind auf
den Arm und trägt sie in der Kammer herum und schluchzt und brummt und
küßt sie und erdrosselt sie halb vor Grimm und Liebe.
»Heioh! Heioh! Der Süße von Margreid! Zehn Yrn[7] und gutgemessen!
Heioh Margret, für dich der Süße von Margreid!«
[7] Altes Tiroler Weinmaß.
Ralph hielt im Burghofe neben einem Parschletfuder, das zwei geknebelte
Knechte eben eingeführt hatten.
»Für dich der Süße von Margreid! Da, schau Margret!« schrie Welf und
trat mit dem Mädchen auf dem Arm ans Fenster.
»Was tust du da!« brüllte Ralph, bebend vor Zorn, als er das sah.
»_Meine_ Margret! _Meine_ Margret!« brüllte Welf. »Willst du sie auch
noch? So komm und hol sie.«
Mit einem Satze sprang Ralph vom Pferde und die Treppe hinauf.
Welf setzte Margret aufs Bett, hob sein Schwert auf und stürzte hinaus.
Draußen auf der Treppe rasselten sie aneinander. Brüllen. Fluchen.
Schnaufen. Gepolter. Ein Schrei.
Ralph rollte, erschlagen, die Treppe hinunter.
»Hahahaha! Hahahaha; Annemargret, jetzt sind wir allein! Geh in den
Keller und hol, was noch im Fasse ist! Ei, geh immer im Hemd! Sollst
mir fürder im Hemde gehn! Denn so hab ich dich doppelt lieb, du mollig
Ding!«
Annemargretlein -- lächelte und ging. Mit beiden Händen den Humpen
tragend kam sie wieder.
»Trink an, mein Schätzel!«
Sie nippte und bot ihm den Humpen. Er nahm einen langen Zug.
»Nun lös mir die Riemen und nimm mir die Schienen ab ... So, mein liebs
Ding ... Und küsse mich auch! ... So, mein liebs Ding! ... Und setz
dich mir auf den Schoß! ... So, mein liebs Ding! ... Ei, ist es nicht
besser zu zweit? ... Sag's, mein liebs Ding!«
»Ja ...«
* * * * *
Nun lagen Ralph und Rolf draußen im wilden Walde bei ihrem Vater, dem
alten Raubritter, im Erbbegräbnis, und die ehrsame Steinmetzzunft der
Nachbarschaft hatte Arbeit, ihnen das Wappen auf ihren Grabplatten
auszuhauen. Das Blut auf der Treppe und in Margrets Kammer war zwar
nicht so leicht abzuscheuern, aber man sah es bei der Dunkelheit, wie
sie in Raubritterburgen gewöhnlich herrschte, auch nicht eben sehr, und
überdies war Margret ausquartiert.
Somit wäre also alles gut gewesen, und es blieb eigentlich nur noch
die Fahrt zum Heiligen Grabe übrig, die Welf, um nicht unliebsames
Aufsehen zu erregen, doch wohl unternehmen mußte. Denn, wenn auch
die Polizei damals zu wünschen übrigließ, wenn es sich um ritterliche
Familienangelegenheiten handelte, so hatte der Beichtstuhl doch seine
Prinzipien, und _alles_ ließ sich am Ende nicht mit ein paar Messen
oder auch Stiftungen abmachen. Aber es hatte ja Zeit.
Indessen kam es böser.
Zuerst kam Welf bloß unter den Pantoffel.
Das war nicht angenehm, ließ sich aber doch ertragen, denn Welf
war sehr verliebt, und Annemargret ließ es an nichts fehlen, diese
Verliebtheit immer warm zu erhalten.
Aber eine Weile hin, und sie kriegte Launen.
Und das war schlimmer. Denn Unfriede in der Liebe geht auf die Nerven
-- sogar bei raubritterlichen Junkern, denen selbst ein paar eilige
Brudermorde noch lange keine Nervenzustände zuziehen. Das Schmollen
bald und bald Zanken, das Kammertürverriegeln und Beichtevorschützen
und dann wieder das Gebettel: »Geh, ein Ringlein ins Ohr, ein Kettlein
um'n Hals, ein seiden Fürtüchel, ein Paar rote Schuh! ...« Hol's der
Teufel und sein schwänzig Gesinde!
Indessen: man ritt halt öfter auf die Krämer; man wetterte mal und
brüllte sich aus; tat dann auch wieder recht fein und lieblich um den
Balg, und schließlich war der am guten Ende auch wieder fein, und es
schmeckte die Liebe um so süßer, wenn vorher der Zank recht sauer
geschmeckt hatte.
Aber eines Tages, just, als es anfing kalt zu werden und Welf die
Fenster mit Moos ausfütterte, kam Annemargret, ein Bündel in der Hand,
auf ihn zu und sagte ganz kurz: »Junker, i geh!«
»_Was_ tust du!! ...?«
»Aufkünden tu i. Heim mag i.«
»Wa ... as?? ...!«
»Ja, sell.[8] Is mir zu öd hierheroben jetzt.«
[8] Das.
»Wa ... as??? ...!«
»Früher, wo ihr dreie ward, is ja gangen. Hättst halt nit den Ralph
derschlagen und den Rolf. Die Langweil hab i.«
Dem Junker schwollen die Schläfenadern.
»Also, ich allein bin dir nicht genug. -- Du ... du ... ha!« --
»So is.«
»Also die andern fehlen dir!!?«
»Freili!«
Sie ließ die Schürzenbänder wirbeln und legte den Kopf auf die Seite.
Das war ihre Trotzpose.
Da ging dem Junker Welf der Ritterzorn durch, und er gab ihr eine
Ohrfeige, daß die Trotzpose auf die andere Seite verlegt wurde. Ein
Glück, daß er die Eisenhandschuhe nicht anhatte. Es langte auch so.
»Jetzt geh i erscht recht!« sagte sie, heulte gar nicht mal erst lange,
nahm ihr Bündel auf, drehte sich um, daß die Röcke flogen, und ging.
Welf war ganz starr. Dann überlegte er sich, ob es nicht das beste
wäre, sie auch totzuschlagen. Aber da er zum Überlegen immer sehr viel
Zeit brauchte, war sie schon zum Tore hinaus, als er damit fertig
war. Übrigens hatte er sich auch anders entschieden. Er war keines
heroischen Entschlusses fähig. Wie vor den Kopf geschlagen saß er da
und riß das Moos in Flocken. Dann sprang er plötzlich auf, stieß ein
Fenster ein und brüllte hinaus: »Luder! Luder!«
Einen eisernen Topf, der gerade neben ihm stand, schmiß er in
gewaltigem Bogen hinter ihr drein.
Sie aber stand jenseits der Zugbrücke und drehte ihm eine lange Nase.
»Bhütigod, grimms Welfle, verkühl di nit!«
Welf tat einen grausamen Fluch, reckte die Arme, haute aufs
Fensterbrett, brüllte, daß die Scheiben klirrten, riß sich am Bart und
rannte in die Waffenkammer. Rasend rührte er dort das Instrument seiner
Leidenschaft und paukte in Donnerwirbeln seinen Ingrimm aus.
Wie er nicht mehr konnte, sank er auf die Rüstbank nieder und fühlte
sich leichter.
Und siehe: es ward ihm weich zu Sinne, und in seinem Gemüt war eine
welke Empfänglichkeit für christliche Gedanken.
»Christoph!« rief er, und in seiner Stimme klang seltsame Milde.
»Ja, Herr!« antwortete der.
»Haben wir noch einen Pilgermantel mit Muscheln?«
»Ja, aber recht schäbig sieht er aus, sind die Motten drin, und ein
paar Muscheln gehen ab.«
»Macht nichts! Bürste ihn aus und nähe die Muscheln fest. Ich walle
nach Jerusalem!«
»Wo ... hin!?«
»Frage nicht -- bürste!«
Christoph sperrte den Mund auf und wunderte sich. Dann bürstete er den
Pilgermantel derer von Wolfsturm und freute sich, daß er nun auf eine
Weile keine Stiefeln mehr zu putzen haben würde.
Erst drei Paar, dann ein Paar, dann kein Paar!
So steht Gott seinen treuen Knechten bei und verhilft ihnen zu einem
ruhigen Alter.
Der mutige Revierförster.
König Leberecht, der schon in vorgerückten Jahren befindliche, aber
immer noch recht rüstige Beherrscher eines angenehm im Gebiete der
mittleren Zone gelegenen Landes, liebte es, die Büchse im Arm, auf hohe
Berge zu steigen und dort all das Wild zu erlegen, das man mit viel
Mühe und Kunst in die unmittelbare Nähe seines Feuerrohres brachte.
Auf diesen Jagdzügen begleitete ihn, der gerne Menschen um sich hatte,
weil er wohl wußte, daß es für Fürsten nicht gut ist, allein zu sein,
nicht nur eine Schar bevorzugter Männer des Hof- und Staatsdienstes,
sondern auch eine wohlausgewählte Mustergarnitur solcher Leute, die
sich durch sachgemäße Überdeckung größerer Leinwandflächen mit Farbe
oder durch andere Hantierungen von gewissermaßen künstlerischem
Charakter in der Leute Mund gebracht und überdies durch die Annahme
des Titels von Professoren bewiesen hatten, daß sie, obwohl keiner
ernsthaften Beschäftigung obliegend, doch Sinn für das bürgerlich
Reputierliche besaßen.
Es war, und dessen war sich ein jeder in des Königs Jagdgefolge wohl
bewußt, eine große Ehre, mit Seiner Majestät durch die Felder und die
Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der
Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint,
dem Menschen einen Begriff davon zu geben, wie großartig die Welt ist.
Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen
und Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien
den älteren Ministern, vortragenden Räten, Kammerherren und
Kunstprofessoren als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelübung.
Denn, abgesehen davon, daß der königliche Bergsteiger schon an und für
sich in seiner Eigenschaft als Fürst jenen elastischen und lebhaften
Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem
in Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war König Leberecht
auch noch besonders auf diesen Sport trainiert, da er Zeit seines
Lebens die meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschäfte
ließen, hauptsächlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden
wie vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wäre, wenn ihm die
Schicksalsgöttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des
Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt hätten, zweifellos ein
ebenso vortrefflicher Bergführer geworden, wie er nun in Wirklichkeit
ein scharmanter König geworden war.
Aber die böse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des
Untertanen den trainierten Beinen des Souveräns in gleichem Schritt und
Tritt zu folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung
jener ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten
Bäder, die die höchst badelustige Majestät auf luftigster Höhe im
schneekühlen Gewässer munterer Gebirgsbäche zu nehmen liebte, und von
denen sich keiner ihrer Begleiter ausschließen konnte, da sich der
Wasserscheue sonst dem Verdachte ausgesetzt hätte, daß er nicht unter
allen Umständen gesonnen sei, seinem höchsten Herrn überallhin zu
folgen.
Wie viele ministerielle, geheimrätliche, kammerherrliche,
kunstprofessorale Schnupfen die Erfüllung dieser harten
Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darüber besteht
keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, daß ihrer viele und
die meisten davon hartnäckiger Natur waren. Denn nicht jeder verträgt
zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalität ist willig, aber das Fleisch
ist schwach.