alten, nur etwas müderen Tone mit diesen Worten an mich: »Seht Ihr, wie
schön sie ist, Messer Giacomo?«
Antwortete ich: »Nein, Herr. Gott verhüte, daß ich meine Blicke zu
diesem Greuel wende. Die Hexe ist nackt.«
Sprach er, nicht zornig, aber gestrenge: »Laßt dieses Torenwort und
sprecht mit Achtung von meiner Tochter. Nackt ist sie, aber so schön,
daß nichts Schamloses an ihrer Nacktheit ist. Auch ist sie tot, und nur
im Lebendigen ist Sünde und der Schatten der Sünde: Scham oder Unscham.
Ich sehe sie an wie ein Werk des Meißels, den der Tod geführt hat, und
ich denke zurück an meine jungen Tage, da ich mich nächtens mit einer
Fackel in den Keller schlich, wo in einer Ecke die Madonna der Heiden
stand, zu der meine Ahnen einst gebetet haben: Frau Venus. Doch diese
hier ist schöner. Ich denke mir: Sie wurde so schön, weil meine Jugend
unter jenem Venusstern stand. Die Göttin, deren Bild ich mit eigener
Hand zerschlug, als der Geist des Gesetzes von mir Besitz ergriffen
hatte, hat sich gerächt, indem sie aus meinem Blute ihr schöneres Bild
gestaltete. Glaubt nur, Messer Giacomo, die Götter der Heiden sind
nicht tot. Sie leben in unserem Blute, und aus unserem Blute leben sie
immer aufs neue auf in sichtbarlicher Nachgestalt. Der Schatten des
Kreuzes ist doch nur ein Schatten, der sich nach der alten Sonne drehen
muß. Ihr blickt noch immer nicht hin?«
»Da sei Gott vor!« antwortete ich bestimmt.
Er aber sprach: »Ihr tut mir leid. Dieser Anblick, vor dem auch ich
mich gefürchtet habe vor wenigen Minuten noch, und es ist seitdem
doch eine Fülle von Zeit verstrichen, reicher als mein ganzes armes
Leben in heiliger Finsternis -- dieser Anblick ist kein Schrecken:
ist klare, ruhige, wohl feierliche, aber nicht gestrenge Offenbarung.
Mein schönes Kind liegt auf dem Ruhebette, wie es von Venus erschaffen
ward. Der rechte Arm ruht unter dem Haupte, die linke Hand im Haar des
Bruders, meines häßlichen Kindes, das, vor dem schönen niederkniend,
den selbstgerufenen Tod erwartet hat. Er trägt einen Mantel aus dunkel
veilchenblauem Sammet und auf dem Haupte einen Dornenkranz. Ihr wendet
Euch ab und seid empört. Mir selber tat der Anblick weh, denn es
dünkte mich unwürdig, gleich einem Schauspieler in den Tod zu gehen,
Großes nachäffend. Doch weiß ich es besser, seitdem mich das Bild,
vor dem sie gestorben sind, belehrt hat, daß er nicht als Mime starb,
sondern als Maler. Auf diesem Bilde sind die Farben noch feucht an
dem Kopfe mit der Dornenkrone, und es ist, als ob die Blutstropfen
lebendig herunterrönnen aus dem krausen Haar über die gelben Wangen.
Er hat sich die Dornen ins Haupt gestoßen, dieses Blut fließen zu
sehen, aber mehr noch zur Aufgeißelung der Kraft, die auch äußerlich
fühlen wollte, was sie innerlich ergriffen hatte. -- Ihr wißt, daß
es mir immer zuwider war, ihn die Kunst des Malens wie etwas treiben
zu sehen, das mehr ist als vornehmer Zeitvertreib. Daß ich es Euch
gestehe: Ich verachtete ihn darum, und er war mir seiner Kunst wegen
noch abscheulicher als wegen seiner Häßlichkeit und düsteren Art. Nun
lehrt mich dieser Morgen, mit dem eine helle Nacht für mich anbricht,
auch dies: daß Kunst, mit diesem Stolze heroischer Hingabe ausgeübt, zu
den größten Menschendingen gehört, zu denen, die über alle Tiefen und
Nebel hinwegtragen, wie dieser zentaurische Christus die nackte Madonna
hinwegträgt vom Felsen des Todes über qualmige Städte zur Festung
Einsamkeit. -- Ich will, hört mich wohl: Ich will in diesem Hause meine
Tage beschließen und auf diesem Lager sterben vor diesem Bild, das dann
wie alles andere von der Hand meines Sohnes mit meinem Leichnam zu
den Leibern meiner Kinder eingegraben werden soll in den Fels dieses
Berges. Immer und immer will ich es sehen, wie ihre linke Hand in
das blutige Haar des Christus-Zentauren greift, dessen blutrünstiges
Antlitz sich ihr in schmerzlichster: seligster Liebe zuwendet. Ihre
holden, gütigen, mutigen, aller Liebe vollen Augen sollen auch mir
hinüberleuchten zu jener Ruhe, die Gott selber bewacht.«
Kaum daß der Graf geendet hatte, drang Gemurmel und Schrittgestampf vom
Gange her in den Saal, und die Stimme eines Knechtes bat um Einlaß.
Der alte Herr erhob sich ruhig, löste seinen Pelzmantel von den
Schultern und legte ihn über die Toten. Dann zog er den Vorhang vor das
Bild und rief mit seiner alten Stimme des Befehlensgewohnten gebietend:
»Tretet still herein!«
Sogleich verstummte Gemurmel und Gestampf. Die Knechte traten gebückt
ins Gemach, vor sich her den Wächter schiebend, der gefesselt war und
vor dem Grafen in die Knie sank.
»Geht,« befahl der Herr den übrigen, und dem Knienden: »Steh auf und
sprich!«
Der erhob sich und murmelte: »Ich wollte fliehen, Herr, weil ich
mitschuldig war an dem Schrecklichen, und will nun alles eingestehen.«
Der Graf legte ihm eine Hand auf die Schulter und ergriff mit der
anderen die gefesselten Hände des Wächters. Und sprach: »Ich weiß. Doch
niemand außer dir und mir soll wissen, denn dieser (und er wies auf
mich) sieht nicht mit sehenden Augen und wird auch die anderen heilsam
blind machen. Du aber sollst zu keinem Menschen mehr reden, sondern mit
mir eingeschlossen bleiben in diesem Hause. Die Leichen meiner Kinder
im Felsen zu begraben, soll deine erste Arbeit sein; deine letzte: mit
meinem Leichnam dasselbe zu tun. Dann sollst du dieses Schloß besitzen
mit allem, was darin ist.«
Der Wächter, diesen Spruch so wenig begreifend wie ich, der ich aber
längst die Besessenheit des Grafen erkannt hatte, beugte sich stumm
über die Hand seines Gebieters und küßte sie.
Mir blieb nichts mehr zu tun übrig, als um Urlaub zu bitten für immer
und zu fragen, welche Botschaft ich der Gräfin bringen solle.
Die Antwort war: »Sag meiner Gattin, daß sie mir willkommen ist, wenn
sie sich stark genug fühlt, mit mir bei den Dämonen zu hausen. Niemand
weiß ja über diese so gut Bescheid, wie Ihr. Wie ich sie kenne, wird
sie es vorziehen, sich in den Schutz der anderen Madonna zu begeben.
Und sagt ihr, wenn sie Euch dies kundgibt, von mir, daß sie recht
daran tut und daß es mich beruhigen wird, sie in dem besten Schutze zu
wissen, darin sich ein Mutterherz ausruhen kann. Ich weiß, sie wird für
mich beten. Sagt Ihr auch das. Und fügt von mir noch dies hinzu: daß
ich ihr ehrerbietig und mit dem ganzen Reste von Liebe dafür danke, den
ich für Lebendiges noch fühlen kann.« Obwohl ich dank der Klarheit, die
sich immer mehr in mir ausbreitete, sehr wohl begriff, daß das Gütige
und Wahre in diesen Worten keineswegs ein Zeichen etwa aufdämmernder
Vernunft, sondern nichts als spöttische Verstellung des Teufels war,
der diesen Geist völlig verwirrt hatte, mußte ich mich doch, mehr
unbewußt als mit Fleiße, gleichfalls auf die Hand des Unglückseligen
beugen. Meine Lippen fühlten, daß sie ganz kalt war.
Ich ritt mit den Knechten im schnellsten Galopp zur Stadt. Der Nebel
hatte sich gehoben. Als ich mich, wir mochten etwa zwei Bogenschüsse
weit geritten sein, umwandte, sah ich das Schloß im hellsten
Sonnenlichte über dem schwarzen Walde gleichsam höhnisch leuchten.
Morgen geleite ich die Gräfin nach Rom ins Kloster. Dort will ich auf
bessere Zeiten warten, daß ich nach Toskana zurückkehren kann.
Zum Danke für meine Rettung aus der grausamen Gefahr, gleich meinem
edlen alten Herrn in die Verstrickung des Teufels zu fallen, habe ich
heute gelobt, nie wieder einen Pinsel zur Hand nehmen. Die Kunst ist
die schlimmste Schlinge des Bösen.«
Annemargret und die drei Junggesellen.
Nebst einem Vorwort von den Raubrittern und dem Segen der Aufklärung.
Eine äußerst dunkle Zeit das Mittelalter!
Eine äußerst unmoralische Gesellschaft die Raubritter!
Es ist ja wahr: unsere Gardekavallerieoffiziere stammen meistens von
ihnen ab. Aber auch sie müssen heutzutage so viele Examina machen,
daß wir mit Genugtuung konstatieren können: die Wurzelbürste der
allgemeinen Bildung hat sie bürgerlich moralisiert, und kein ehrsamer
Zivilist braucht sich mehr vor ihnen zu fürchten. Ja: sie selber weinen
nun viel Druckerschwärze über die schlechten Sitten ihrer Vorfahren
und sind gar sehr betrübt darüber, daß in ihren Familien solche Sachen
passiert sind.
Was für Sachen! Ah: was für Sachen! Man möchte wirklich manchmal daran
zweifeln, daß unsere heutigen lieben glatten Herren von, auf und zu die
richtigen Nachkommen dieser unmoralischen Rauhbeine sind, die solche
Sachen gemacht haben.
Denn, um das gelindeste Wort zu brauchen: _saftige_ Kumpane sind sie
gewesen, diese Herren von Eisenbeiß auf Eisensteiß, und rund um sie
herum war nicht der Exerzierplatz, nicht das Bureau, sondern der dicke,
dunkle Wald.
Der gehörte ihnen; den hatten sie lieb. Aber die Städte und die Städter
konnten sie nicht leiden.
Was da in engen Gassen herumkroch, war ihnen ein übel tugendhaft
Gesindel: einzeln feig, in Masse frech; geschäftig und geschwätzig;
krummbucklig und scheelsüchtig; krittlich und profitlich; in allen
Dingen nach der Elle gerichtet und abgemessen; eingepackt in
Sippschaften und Zünfte; klettentreu zusammengefilzt und miteinander
verbacken in Schmutz und Schweiß und schmieriger Biederkeit.
Sie dagegen, die edlen Herren vom spitzen Sporn und Stegreif, die
Junker Schlagdrauf, Greifzu, Haltfest, fühlten sich als Einzelne,
Eigene, Freie, und es schien ihnen ihr gutes Recht zu sein, die Säcke
der Krämer in ihre Kammern zu leeren, obwohl es die Obrigkeit nicht
guthieß.
Denn die Obrigkeit konnten sie auch nicht leiden, außer wenn sie selber
Obrigkeit waren.
Man ersieht aus alledem, wie ungebildet die Raubritter gewesen sind.
Hätten sie Schulbildung genossen gehabt, so würden sie sich ohne
weiteres haben sagen müssen, daß das so auf die Dauer nicht fortgehen
konnte, und daß sie sich mit einem solchen Betragen für alle Zeit in
der Weltgeschichte ein miserables Renommee schaffen mußten. So ist es
auch gekommen. Die Tugend hat gesiegt; überall herrscht Ordnung und
Gesetz; jede Körperverletzung wird unnachsichtig bestraft; wer seinen
Mitbürger an seinem Eigentum schädigt, kommt, mit oder ohne Wappen,
hinter Schloß und Riegel: und die ganze gebildete Menschheit hat alle
Ursache, jene abscheulichen Zeiten höchst verächtlich zu finden, mit
sich aber sehr zufrieden zu sein.
Nur Degenerierte und Dichter (was auf eins hinausläuft) sind imstande,
an diesem Chorus der Freude nicht mit teilzunehmen. Sie allein vermögen
es auch, dem Raubrittertume noch einigen Geschmack abzugewinnen.
Es muß da irgendeine Verwandtschaft bestehen. Vielleicht war das
Raubrittertum eine Art angewandter Lyrik? Vielleicht ist Lyrik eine Art
verhindertes Raubrittertum? Wie es auch sei: dem tüchtigen Bürger sind
beide gleich unsympathisch, und dieser Umstand beweist allein schon,
daß sie irgendwie zusammengehören.
Da mir an meiner Reputation gelegen ist, und da ich nicht wünsche, daß
die Geheimrätin X. und der Schuhmachermeister Y. sich darauf einigen,
mich für einen verspäteten Raubritter zu halten, darf ich nicht
unterlassen, hier zu erklären, daß ich nicht zu jenen Raubritterpoeten
gehöre, daß ich, wie sehr auch der Anschein gegen mich sprechen mag, im
Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte bin, und daß ich mit der kleinen
Geschichte von Annemargret und den drei Junggesellen keineswegs das
abscheuliche Ziel verfolge, zum Mädchenraub aufzufordern.
Diese Geschichte ist vielmehr durchaus moralischer Natur und beweist
aufs klarste, daß das Mittelalter wirklich finster war.
Stellen Sie sich vor, sie spielte nicht damals, sondern heute. Würde
sie mit Mord und Totschlag endigen? O nein! Es gäbe ein niedliches
kleines viereckiges Verhältnis; nichts weiter: wie es sich für
anständige junge Leute aus guter Familie ziemt, schickt und paßt.
In Wahrheit hat sie sich auch so begeben, und Annemargret fährt heute
auf Gummirädern. Ich habe sie erst gestern Unter den Linden gesehn.
Seien wir stolz! Seien wir heiter! Es lebe die Aufklärung.
Und nun die Geschichte.
Es waren einmal drei junge Junggesellen, recht adelige Burschen:
nämlich Söhne eines alten Raubritters.
Der war aber tot und lag mit seiner Frau, der weiland Raubritterin, in
seinem Erbbegräbnisse tief im Walde. Sein Wappen, ein behelmter Wolf,
der eine dreigespaltene Zunge sehr rot und im zierlichsten heraldischen
Schnörkelschwunge aus dem raffzähnigen Rachen bleckte, lag in Stein
gehauen über ihm; und das war gut, denn damit war die Sicherheit
gegeben, daß der alte Raubritter den Landfrieden, den er dem Tode hatte
schwören müssen, auch wirklich hielt. Es wäre ihm schon zuzutrauen
gewesen, daß er auch noch als Gerippe auf Krämer ausgeritten wäre.
Seine drei Söhne: Welf, Ralph und Rolf, besorgten das ja auch, aber
doch nicht mit der ganzen väterlichen Leidenschaft. Sie taten es
nur berufshalber und wenn die Münze ausging, nicht aus Sport und
innerlichem Bedürfnis. Die Jagd war ihnen vergnüglicher, und sie
hetzten den Bären lieber als den Juden.
So lebten sie recht angenehm bewegt in ihrem alten Schlosse am Walde,
tranken sowohl roten als auch weißen Wein in beträchtlichen Mengen und
aßen vielen saftigen Braten dazu, den ihnen ihre alte Haushälterin,
die ehr- und tugendgeachtete Jungfrau Barbara, genannt das Reibeisen,
gar vorzüglich am Spieße zu braten verstand.
Aber eines Tages, gerade, als sie einen Rehrücken am Spieße hatte und
emsig drehte, sagte sie plötzlich ohne ersichtliche Ursache: Mein
Jesus, Barmherzigkeit! fiel hin und war tot. Der Rehrücken verbrannte,
der Brandgeruch, erst ganz angenehm, dann schon mehr unlieblich, stieg
bis ins Turmgemach, wo Welf, Ralph und Rolf sich eben die Würfelknochen
unter erklecklichen Flüchen ins Gesicht schmissen, und lockte die
Brüder zur Küche.
Da wurden sie sehr traurig, als sie das Reibeisen tot auf dem
Steinboden liegen sahen, schlugen hastige Kreuze und fluchten
mörderlich.
»Wer soll uns nun kochen und braten!« rief Welf.
»Sie konnte es so schön knusperich!« klagte Ralph.
»Und dennoch blieb er innen saftig!« bemerkte Rolf.
»Du mußt jetzt den Spieß drehen!« entschieden Welf und Ralph, die
beiden ältesten, indem sie sich zu Rolf, dem jüngsten, wandten.
»Ich werde euch den Spieß in den Bauch rennen!« bemerkte dieser
gelassen.
Darauf prügelten sie sich eine Weile mit Hingebung.
Aber damit war die Dienstbotenfrage nicht erledigt.
Da kam Welf'n ein guter Gedanke: »Laßt uns eine Köchin aufheben!«
»Ha!« riefen die anderen und umarmten ihn, »_das_ ist eine _Idee_!«
»Legen wir uns an den Kreuzweg am Unkenteich, wenn die Dorfdirnen zur
heiligen Urschel paternostern gehen!« schrie Welf, der entschieden der
Taktiker unter den dreien war.
»Ha!« riefen die anderen, »das ist _wieder_ eine Idee!«
»Machen wir aber schnell, denn ich bin hungrig!« brüllte Welf mit
ritterlichem Ungestüm.
»Los!« brüllten die anderen.
Und sie stiegen in die Rüstkammer, schnallten sich die Harnische um,
ergriffen die gewaltigen Schlachtschwerter, vergaßen auch nicht die
dicken Streitkolben, setzten sich die Helme mit den Wolfsrachen aufs
lockige Haupt und schwangen sich auf die ebenso mutigen wie dicken
Rosse.
Hei, wie wieherten die, als es im Donnersaus über die Zugbrücke ging
und dann am Walde entlang zum Unkenteiche!
Der alte Christoph, der einzige Knecht, der den dreien nicht
davongelaufen war (weil er Rheumatismus hatte und nicht laufen konnte)
und der nun alle männlichen Ämter bekleidete, die es auf einer
rechtschaffenen Ritterburg gibt, zog die Zugbrücke wieder hoch und
knurrte in seinen grauen Bart: Wenn sich wenigstens einer von den
dreien den Hals brechen wollte!
Dann ging er hin und wunderte sich, daß das alte Reibeisen tot war.
Unterdessen lagen die drei Junker hinter den Kreuzwegbuchen am
Unkenteiche und ließen die Weiblichkeit des Dorfes Sankt Ursula Revue
passieren, die in die Kapelle zum Rosenkranz ging.
Es waren aber meistens alte Weiblein, die da mit dem Rosenkranz
vorbeihumpelten, und die drei hatten auf dem Hinritt beschlossen, keine
Alte zu fangen. Denn, wie Rolf sehr richtig bemerkt hatte: Eine Alte
stirbt bald, und dann haben wir gleich wieder Wechsel. Und sich ewig an
neue Köchinnen gewöhnen müssen, ist lästig.
Eine Junge also! Den Spieß drehen und Betten machen kann schließlich
jede, und die richtige Reibeisentradition wollen wir ihr schon
beibringen.
Aber, wie nun auch Junge vorüberkamen, setzten sie doch ihren Gäulen
nicht sogleich die Zinken ein und fuhren drauflos, sondern es gab über
jede ein kritisches Gewispere und mancherlei Aussetzungen hinter den
Buchen;
Zu dick!
Zu dürr!
Läuft über die große Zeh!
Zu braun!
Zu blaß!
Hat scheelen Blick!
Hat keine Brust!
Watschelt!
Zu lang!
Zu kurz!
Krummbein!
Schiefmaul!
Knollnase!
Satthals!
Pinkel im Gesicht!
Leberfleckig!
Warzenacker!
Und so, streng kritisch, immerfort, daß man hätte meinen sollen, es
handele sich hier gar nicht darum, eine Köchin zu rauben, sondern eine
künftige Burgherrin für Wolfsturm.
Da kam aber eine, in einem kurzen, roten Rock mit schwarzem Mieder, aus
dem, um einen vollen, weißen Arm, die weißen Hemdärmel sauber blitzten:
und die gefiel allen dreien offenbar ganz über die Maßen wohl. Sie
hatte ein frisches, rundes Gesicht, mit ein Paar allerliebsten,
lachenden Augen darin, die schwarz und funkelnd waren wie reife
Brombeeren. Schwarz und glänzend war auch das volle Haar, das in einem
dichten Kranze doppelt ums Hinterhaupt ging. Dazu wohlbeschlagen im
Mieder, kräftig im Gehwerk, kurz: nett ganz und gar und etwa achtzehn
Jahre alt.
»Die!« stieß Welf hastig hervor.
»Ha!« stieß Ralph nach.
»Los!« kommandierte Rolf.
Und, heissa, heidi, klapp, klapp, klapp! brachen die Gäule aus dem
Unterholz und sperrten den Weg.
»Jesusmariaundjos...!« schrie die Kleine auf und guckte erstaunt die
Geharnischten an.
»Halt!« donnerten die drei Junker.
»I steh ja schon!« antwortete das Mädchen und zog trotzig die Lippen
hoch. »Was soll i denn noch?!«
Viel Furcht hatte der Balg nicht.
»Aufs Pferd zu mir!« schrien die grimmigen Brüder.
»Auf alle drei Pferd?« antwortete das Mädchen und lächelte dazu.
»Auf _mein_ Pferd!« brüllte jeder einzelne und preschte vor.
Das Mädchen ließ den Rosenkranz fallen und flüchtete hinter einen Baum.
So, einstweilen sicher, drehte sie den drei Gaulgebietern himmlisch
vergnügt eine Nase.
»Kommst vor!?« drohte Welf.
»Kommst her!?« drohte Ralph.
»Wart Balg!« rief Rolf, sprang vom Pferde, packte das Ding, hob's in
den Sattel, sprang nach und sauste davon, gerade wie die beiden anderen
abgesprungen waren.
Die kletterten, unsäglich fluchend, wieder aufs Schlachtroß und
galoppierten, Pferdenase an Pferdenase, hinter dem Flüchtigen drein,
der in einer Weise lachte, daß sich die ältesten Eichen nicht
erinnerten, je ein solches Lachen gehört zu haben.
An der Zugbrücke, die der alte Christoph natürlich wieder nicht
rechtzeitig hochgezogen hatte, trafen sich die drei.
Das mindeste, was Welf und Ralph vorhatten, war, den schnöden Rolf
ans Brückentor zu nageln. Die Schwerter hatten sie schon heraus und
fluchen taten sie auch, wie es der Situation angemessen war. Aber Rolf
war nicht geneigt, sich annageln zu lassen. Er zog gleichfalls blank,
warf den Gaul herum und legte aus. Dazu brüllte er gewaltig, und, da
die beiden anderen nicht weniger brüllten, so gab es einen richtigen
Raubritterspektakel.
Das paßte der Kleinen aber gar nicht. Sie hielt sich beide Ohren zu
und schrie in das Getöse: »Ob ihr gleich stille seid?! Wenn ihr euch
erstechen wollt, so laßt mich wenigstens vorher in die Burg!«
Da sanken den dreien die Schwerter.
Richtig! Darauf kam's ja am Ende bloß an: daß die Kleine in die Burg
kam.
Schlump! fuhren die Klingen in die Scheiden, und Hahaha! und Hohoho!
lachten die Reisigen, daß den Rossen ganz übel im Bauch wurde von der
Erschütterung.
Die Kleine aber sprang vom Pferde, schüttelte die zerknillten Röcke,
rieb sich ein bißchen in der Gegend, die den Sattel gefühlt hatte, und
rief: »Also gut, ihr unverschämten Junker, jetzt geh' ich in eure Burg.
Da mag's nett aussehen! Na, ich bin bloß gespannt, was ich da drinnen
soll, in dem alten Wolfszwinger.«
»Braten, Jungfer, hahaha!«
»Betten machen, hohoho!«
»Strümpfe stopfen! Wämser flicken!«
»Weiter nichts? Das kann ich gut und noch viel mehr.«
Mit diesen Worten schritt die kecke, kleine Bestie über die Zugbrücke,
als hätte sie zeitlebens keine andere Schwelle gekannt, zupfte den
alten Christoph, der völlig Glasaugen gekriegt hatte vor blödem
Staunen, am Bart, ging, während die zwölf Hufe über die Brücke
donnerten, geradeswegs zum inneren Burghofe, guckte sich gelassen um
und rief: »Ja so! Wieviel Lohn krieg ich denn?«
»Einen Dukaten für den Braten!« lachte Welf.
»Zwölf Batzen fürs Schüsselauskratzen!« lachte Ralph.
»Zehn Groschen für die süße Goschen!« lachte Rolf.
Mit der zufriedenen Heiterkeit, die sich nach wohlgetanen Werken bei
allen Menschen von frisch zugreifender Sinnesart einzustellen pflegt,
sprangen die drei jungen Junggesellen von ihren Pferden, griffen,
hübsch einer nach dem andern, dem Mädchen unters Kinn und fragten:
»Jetzt aber: wie heißt die Jungfer!«
»Annemargret, wie sie geht und steht, die die Betten macht und den
Bratspieß dreht.«
»Ich weiß noch einen Reim drauf!« erklärte Rolf.
»Na?«
»Die mit dem Junker ins Be...«
Aber da hatte er auch schon einen derartigen Klapps auf dem Munde, daß
er einstweilen das Reimen sein ließ.
Klappse, die der eine kriegt, stimmen die andern heiter. Das war auch
schon in den alten Raubritterzeiten so. Und deshalb ist es kein Wunder,
daß Welf und Ralph sich jenes Mal vor Lachen so weit bogen, als ihre
Harnische zuließen, während sich Rolf unterm Schnurrbarte rieb und
etwas unwirsch bemerkte: »Racker verdammter!«
Indessen war Annemargret aber schon in der Küche verschwunden, und aus
allerlei Geräuschen konnten die drei Brüder entnehmen, daß das resolute
kleine Mädchen bereits dabei war, die so jäh unterbrochene Tätigkeit
der seligen Barbara aufzunehmen.
* * * * *
Die drei Junker auf, zu und von Wolfsturm waren im allgemeinen selten
einer Meinung, aber darin stimmten sie bald völlig überein, daß es im
Grunde eine Gnade des Himmels gewesen sei, das ehr- und tugendgeachtete
Reibeisen zu sich und in die Schar seiner Seligen aufzunehmen. Denn
Annemargret war der verblichenen Barbara wirklich in jeder Hinsicht
überlegen. Vielleicht _machte_ sie den Braten nicht gerade besser als
die am Bratspieß selig Entschlafene, aber, daß er besser _schmeckte_,
daran war kein Zweifel erlaubt. Selbst ein Bärenschinken bekommt
ein Ansehen von Fröhlichkeit, wenn die Zinnplatte, auf der er in
Burgundersauce zwischen gerösteten Kastanien dampft, von zwei netten,
kleinen Händen auf den Tisch gesetzt wird. Und dann schon das Geträller
von der Küche her, während der Bratenwender den Grundton schnurrt. Man
sieht dem Kommenden mit größerer Heiterkeit entgegen, und selbst ein
versalzenes Mus hat von vornherein mildernde Umstände in sich, wenn es
von so gerne gesehenen Fingern versalzen worden ist.