im Dezember, und es war ein nebliges Wetter ohne Mondschein), kam
den steilsten Steg zur Stadt heran, den sonst nur die Ziegenhirten
nahmen, ein riesiges schwarzes Pferd, auf dem ein hagerer Mann saß,
gehüllt in einen schwarzen Mantel, auf dem schwarzbärtigen Kopfe einen
breitkrempigen Kegelhut. Man hätte, wäre nicht der Bart gewesen (und
das andere, das nur Gespenstern eigen ist), meinen können, es sei
Samalio. Doch war es sicherlich ein Gespenst, denn aus dem Mantel,
daher, dorther, und von seinen Schultern leuchteten gelbe Lichter, und
grüne Lichter liefen neben dem Pferde. Der Wachtturm des Hauses, das
wie alle Häuser der adeligen Geschlechter mehr eine Burg als ein Palast
war, stand auf der Stadtmauer, und auf seinem Umgang befand sich, wie
auf den eigentlichen Mauertürmen, die ganze Nacht hindurch ein Wächter.
Nur er konnte die Erscheinung verfolgen, sobald sie der Mauer nahe
gekommen war. Denn die übrigen Fenster des Palastes, der von der Mauer
etwas abstand, gewährten keinen Blick dorthin. Auch hätten wohl weder
Männer noch Frauen den Fürwitz gewagt, das Gespenst nahe zu betrachten,
da es schon entsetzlich genug anzusehen war, wie sich, sobald Pferd
und Mann in das Schattenbereich der Mauer gekommen waren, die gelben
Lichter aus dem Mantel und von den Schultern des Mannes in die Lüfte
erhoben und das Haus zu umschwirren begannen, während die grünen
Lichter in weiten Bogen den Raum vor dem Turm umkreisten. Aus dem
Wächter war nichts herauszubringen als das eine: Der Mann im schwarzen
Mantel schritt durch das geschlossene Turmtor, ohne daß sich dessen
Angeln drehten. Als er aber das erste Mal gekommen sei, habe er ihm
folgendes gesagt: Mein Anblick tötet dich. Ich schone dich, solange du
allein wachst. Erblicke ich dich mit Kameraden, so bist du wie sie des
Todes. Daher sich niemand herbeidrängte, dem Wächter Gesellschaft zu
leisten. Auch hütete sich im Hause ein jeder wohl, die Augen aufzutun,
solange »der Schwarze« darin war. Der Wachthund, ein riesiges Tier, war
am Morgen nach dem ersten Erscheinen mit durchbissener Kehle gefunden
worden. Das Gespenst blieb stets nur ganz kurze Zeit im Palast. Seine
Anwesenheit machte sich lediglich durch ein sonderbar tappendes
Geräusch von vielen Schritten, wie von Kindern, die ein Mann begleitet,
merkbar. Kaum, daß dieses Geräusch vorüber war, konnten die Mutigeren
von ihren Fenstern aus Pferd, Reiter und Lichter im Walde verschwinden
sehen: in der Richtung zum Waldschlosse Samalios.
Messer Giacomo, der nicht im Palast wohnte, sondern ein kleineres Haus
in der Mitte der Stadt angewiesen erhalten hatte, berichtet alles
dies vom Hörensagen nach Erzählungen der Dienerschaft. Da er es für
angebracht hielt, einen reitenden Boten nach Rom zu senden, um die
Herrschaft von dem unheimlichen Wesen zu unterrichten, aber nicht ohne
die Meinung der Tochter des Hauses handeln wollte, der er überdies
Schutz und Beistand bei so schreckhaften Umständen anzutragen sich
verpflichtet glaubte (denn alle oberen Hausbediensteten waren mit auf
der Reise), so begab er sich zu Maria Bianca:
»Ich fand das edle Fräulein,« so schreibt er, »gegen alle Erwartung
heitern Sinnes, obgleich sehr blaß und trotz des Lächelns in den
schönen Augen, gleichsam wie eine Kranke, welche die Tröster trösten
will. Sie scherzte über das Gerede des Gesindes und sprach: Ich habe
wahrlich keine Furcht vor dem Gespenste: so wenig, daß ich meine
Kammerfrau, die früher bei mir schlief, aus meinem Schlafzimmer getan
habe. Das alles sind nur Torheiten, und es ist nicht wert, darüber zu
sprechen, geschweige denn einen Boten aufs Pferd zu setzen. -- Auf
so bestimmte Meinung des gnädigen Fräuleins hin unterließ ich die
Botschaft.«
Nach seinem letzten, schreckhaften Besuche bei Samalio indessen
überkam ihn doch aufs neue Angst, zumal von Bauern aus der Umgebung
des Waldschlosses schon früher aufgetauchte Gerüchte bestätigt worden
waren, es ginge auch dort Absonderliches vor: mit seltsam singenden
Stimmen und einer sonst nie wahrgenommenen bunten Helligkeit hinter
den Fenstern. Und er ging nochmals zu Maria Bianca. Er schreibt
(mit zitternden Händen, wie er vorausschickt): »Was habe ich sehen
müssen! Schlimmeres als eine Kranke. Ihre Augen leuchteten wie im
Fieber und sie entsetzten mich, da ich sah, daß sie jetzt denen des
Ungeheuers gleichen. Sie ist ganz verändert und dennoch so schön wie
je. Aber anders. Gott verzeihe mir den Frevel, daß ich so denke und
es hinschreibe: Ihre Schönheit ist schamlos worden. Wie das? Wie darf
ich so Unmögliches denken? Jedoch: ich sah es. Mit diesen Augen sah
ich den gleißenden Wurm in ihren Augen. Und wenn alle Heiligen um
mich her stünden, und alle ihre Martern mich bedrohten, und alle ihre
Seligkeiten mich zurückschreckten vor jedem unbedachten Wort, -- ich
muß es sagen (und schrecke doch zusammen, wie ich es nun schreibe),
sie hat den verruchten Stolz der großen Huren im Blick. So brennen
die Lippen keiner Keuschen. Keine reine Jungfrau liegt so im Gestühl.
Selbst in ihrer Stimme ist nicht Unschuld mehr. Es ist eine bebende,
wollustnachzitternde Reife in ihr, die wie eine schamlose Offenbarung
des Geheimsten ist. Da ist Sättigung und Begierde, aber etwas Drohendes
und doch Verzweifeltes ist dabei. Ich suche vergeblich, es in Worte zu
fassen. Die toskanische Sprache, reich genug wie wir wissen, Himmel und
Hölle zu malen, scheint unvermögend, diesen Triumph voller Qual, dieses
Beben aus erfülltem Stolz auszunennen. -- O, ich konnte wohl alle meine
Fragen und Berichte, derentwegen ich gekommen war, für mich behalten,
denn ich wußte auf einmal alles: Nicht törichtes Geschwätz der
Gesindestuben ist dieser Spuk, der sich hier begibt und dort erzeugt
wird: ist Wahrheit, furchtbare, schändliche, höllische Wahrheit. Das
Ungeheuer drüben, unvermögend, diesen Engel blutschänderisch selbst zu
gewinnen, hat sich mit der Hölle verbündet, ihr den Inkubus zu senden,
und dem ganzen Teufel gelang, was dem halben mißlingen mußte. Der Engel
ist gefallen: eine Teufelshure richtet sich auf im verfluchten Stolze
der Wollust. In diesem Hause wohnt die geile Pest der Hölle, gesandt
von jenem Scheusal, das durch den Anblick einer reinen Schönheit zum
Wahnsinn und vom Wahnsinn zum Frevel aller Frevel getrieben wurde:
zur Zauberei. -- Wie groß ist doch die Macht des Bösen! Als sie
mich anlächelte und mit einem seltsam vollen Tone von scheinbarer
Sorglosigkeit sagte: »Nicht doch, Messer Giacomo, bei meinem Bruder
sind so wenig höllische Geister wie hier, und es tut wahrlich nicht
not, die Eltern zu erschrecken,« da war ich einen Augenblick selber im
Netze des Teufels und gedachte wiederum, die Botschaft sein zu lassen.
Aber siehe, der Böse verrät sich schließlich doch: Denn es kamen noch
die Worte (gewiß aus widerwilligem Mund, denn ich sah, daß er bebte):
Das Schicksal ist weder aufzuhalten noch zu beschleunigen. Es erfüllt
sich, wenn es zeitig ist. -- Ich verbeugte mich, nahm Urlaub und ging.
-- Der Bote ist auf dem Wege. Wär' ich bei besseren Kräften, ritte
ich selbst. Denn es ist wahrlich besser, im Sattel zu sitzen und auf
unsicheren Straßen Tag und Nacht zu reiten, als hier zu sein, wo sich
so Schreckliches begibt und noch Entsetzlicheres vorbereitet.«
Folgt ein Gebet zu allen Heiligen und ein Spruch zur Abwehr der Dämonen.
Aus den weiteren Aufzeichnungen des Florentiners ergibt sich dies:
Die Eltern schickten den reitenden Boten sofort mit der Anzeige zurück,
daß sie sich unverweilt auf die Rückreise begeben würden. Diese
Botschaft, mündlich gefaßt, erging an die Tochter und kam zu später
Abendstunde an. Das Gesinde, sehr erfreut darüber, benachrichtigte
sogleich Messer Giacomo, der sich auf der Stelle in den Palast begab,
am Morgen des folgenden Tages gleich zur Stelle zu sein. Maria Bianca,
statt ihn vorzulassen, ließ ihm sagen, er habe sich übel um ihre
Eltern verdient gemacht. Wenn ihm sein Leben lieb sei, möge er sich
stille halten und seinen Fürwitz nicht weiter treiben. Er schloß sich
erschreckt in sein Zimmer ein. Kaum eine Stunde später begab sich das
Übliche. Nur, wie die Dienerschaft erklärte, heftiger, lauter als
sonst. Man hörte das Fräulein stöhnen und eine heisere Mannesstimme.
Türen fielen ins Schloß, ein gräßlicher tierischer Laut fauchte heulend
auf und ging in ein wütendes Wimmern über, das lange anhielt. Es schien
aus dem Schlafzimmer des Fräuleins zu kommen.
Der ›Inkubus!‹ dachte sich Giacomo und schlug, solange es erklang, das
Kreuz. Endlich ward es still, aber niemand wagte sich aus seinem Zimmer.
Am frühen Morgen schon kam die Herrschaft an. Die Nebel hatten sich
noch nicht gehoben. In den Korridoren des Palastes lag dämmeriger
Halbschein. Der Vater befahl eine Laterne und begab sich, wie er ging
und stand, im Reisepelze zum Zimmer Maria Biancas, denn er hatte der
ungewiß enthaltenen Botschaft entnommen, daß sie krank sei von dem
Spuke. Messer Giacomo, in dessen Ohren noch immer das gräßliche Wimmern
klang, führte die ganz erschöpfte und geängstigte alte Dame. Die
Dienerschaft drängte hinterdrein.
Ein paar Schritte vor der Tür machte der Graf halt und wandte sich an
Giacomo: »Ihr habt mir nicht alles gemeldet. Es steht schlimmer. Warum
kommt sie uns nicht entgegen?«
»O mein Gott,« seufzte die Gräfin und schritt am Grafen vorbei zur Tür.
»Nicht doch, nicht doch!« bat Messer Giacomo. »Nicht hinein!«
»Sagt alles,« befahl der Graf.
Der Florentiner trat nahe an ihn heran und flüsterte: »Es ist unmöglich
zu sagen. Ich kann nur bitten, schlagt das Kreuz und laßt mich
vorangehen.«
Der Graf sah ihn groß an. »Ins Schlafzimmer meiner Tochter? Seid Ihr
von Sinnen?«
Messer Giacomo rang die Hände und flüsterte noch leiser: »Sie ...
schämt sich nicht mehr.«
Der Graf hob die rechte Faust -- und ließ sie schlaff sinken. Dann
winkte er der Dienerschaft zurückzubleiben und stöhnte: »Wenn Ihr die
Wahrheit gesagt habt, töte ich sie, habt Ihr gelogen, töte ich Euch.«
Er griff nach seinem Dolche und tat einen Schritt voran.
Die Gräfin hatte indessen ihr Ohr an die Türe gelegt und gebot mit der
Hand Schweigen. »Mir ist, ich höre sie röcheln.«
Sie klopfte leise an die Türe.
Ein sonderbares Knurren wurde vernehmbar.
»Der Inkubus,« schrie Messer Giacomo auf und wandte sich wie zur Flucht
um. Der Graf packte ihn beim Handgelenk und zwang ihn zur Tür. »Öffnet!
Und sei's mit Gewalt!« Giacomo drückte auf die Klinke. Die Türe tat
sich auf.
Das Zimmer war ganz dunkel. Nur am Fenster glomm etwas Leuchtendes,
wie wenn das Licht des Morgens aus zwei Löchern durch die vorgezogene
schwere Samtgardine bräche.
»Da ... da ... dort sitzt er!« stöhnte Giacomo und bekreuzte sich.
In diesem Augenblicke flogen die zwei hellen Punkte in einem großen
Bogen durch das Zimmer über die Köpfe der Eingetretenen hinweg --
hinaus. Gleich darauf erhob sich, während die drei, von Entsetzen
gepackt, am Türpfosten Halt suchten, im Korridor Geschrei und Gekreisch
der Dienerschaft, überschrillt von einem langgezogenen wütenden Geheul,
das dann in Fauchen überging und schließlich knurrend zu verröcheln
schien. Dann hörte man das Gesinde die Treppe hinabpoltern und die
Treppentüre zuschlagen.
Der Graf kam zuerst zu sich. Er ging zum Fenster und riß die Gardinen
auseinander. Das Zimmer war leer. Das Bett hinter den geschlossenen
Vorhängen unberührt.
»Wo ist sie?« stöhnte die Gräfin auf und sank vor dem Bett zusammen.
Der Graf sah Messer Giacomo fragend an.
Der flüsterte, mit dem Kopf zur Türe: »Das war sie ... die Hexe.«
»Licht!« schrie der Graf den Korridor hinaus.
Niemand kam.
»Sie fürchten sich. Wer fürchtete sich hier nicht?« murmelte der
Florentiner.
»Was könnte ich noch zu fürchten haben,« murmelte tonlos der Graf und
schritt zur Türe.
Links neben der Tür stand am Boden die Laterne. Er hob sie hoch. Ihre
Verrahmung und die ausgeschnittene Ornamentierung der Haube warfen
ein Rankennetz von Schatten an Decke und Wand. Da die Hand des Grafen
zitterte und die Laterne sich in der Handhabe drehte, war es ein
huschender Tanz von Schatten und Licht. Da fiel aus der größten Scheibe
ein gelber Schein auf etwas Geducktes, Schwarzes in einer Ecke.
Der Graf ging unsicheren Schrittes darauf los, machte das Zeichen des
Kreuzes und murmelte: »Bist du es?«
Das Wesen, nun wieder verschattet, duckte sich noch mehr zusammen und
knurrte tückisch.
Da ergriff den Greis eine wahnsinnige Wut. Er riß den Dolch aus der
Scheide und warf sich mit dem ganzen Gewichte seines Körpers vornüber
auf das Dunkle, den Dolch voran. Er fühlte einen heißen Hauch in
seinem Gesicht und heißes Blut über der Faust. Wild packte er mit
beiden Händen zu, und zwischen seinen eingekrallten Fingern verreckte
eine riesige Wildkatze. Er trug sie, die Hände weit vor sich gestreckt,
keuchend zum Zimmer und warf den noch zuckenden Leib auf das Bett Maria
Biancas. Dann kniete er nieder, schlug die blutigen Hände vors Gesicht
und betete -- für die Seele seiner Tochter.
Die Gräfin lag ohnmächtig vor dem Bett. Auf ihre Stirn tropfte das Blut
des Tieres.
Messer Giacomo schreibt: »Auch ich hatte schier die Besinnung verloren.
Das Herz saß mir im Halse. Ich fühlte sein Pulsen im Hirn. Vor meinen
Augen war ein roter Dampf. Ich weiß nicht: war das das Blut, das mir
so heftig zusetzte, oder höllische Vortäuschung. Durch das rote Dunkel
hindurch sah ich die Augen des Teufeltieres verlöschen: und es waren
genau die Augen Maria Biancas. Ihr letzter Blick, voller Wut, galt mir.
Ich wehrte dem Bösen mit dem Kreuze und kniete gleichfalls nieder, für
die arme Seele zu beten. Dann trugen wir, der Graf und ich, die edle
Dame in ihr Gemach, beide im Herzen dankbar, daß sie nicht zu sich kam.
Darauf erzählte ich dem unglücklichen Vater alles, was ich wußte. Wer
etwa Zweifel daran gehegt hätte, daß der aus altrömischem Heldenblute
stammte, der würde sich jeglichen Zweifels daran wohl begeben haben
angesichts der Größe und Festigkeit, mit der der Graf nach Anhörung
meines Berichtes nichts weiter sagte als: »So bleibt mir nur noch
übrig, auch ihn auszutilgen.«
Er ließ für sich, Giacomo und zehn Knechte satteln, setzte, für den
Fall, daß er im Kampfe mit dem Zauberer zu Tode kommen sollte, sein
Testament auf, sein ganzes Vermögen der Kirche vermachend, tauchte
Schwert und Dolch in geweihtes Wasser und ritt langsam mit seinen
Begleitern zum Walde. Rechts von ihm ritt Messer Giacomo, links der
Turmwächter. Dieser, sonst der Mutigste unter allen Dienern des Grafen,
wankte schier im Sattel und war entstellt von Angst und Grauen. Sein
Gebieter sprach ihm Mut zu, aber je näher sie dem Schlosse kamen, um so
unsteter wurde sein Blick, um so blasser sein Gesicht.
Wie sie des Schlosses ansichtig wurden, das im fahlen Lichte eines
sonnenlosen Tages dastand, wie aus glanzlosem Blei, graubläulich,
gleichsam tückisch, hieß der Graf alle von den Pferden steigen und
niederknien zu beten. Dann, als sie wieder im Sattel saßen, mußten
sie die Schwerter ziehen, sie steil gerade vor sich halten als
Kreuzeszeichen und die Hymne singen:
Wir ziehen aus, zu streiten
Für Jesu Christ,
Der unserm tapfern Reiten
Unsichtbar Führer ist,
Seine Fahne, schneeweiß,
Kyrieeleis,
Wird uns zum Sieg geleiten.
»Es war uns allen,« schreibt der Toskaner, »ausgenommen den alten
Herrn, wie ich anbetrachtlich des Funkelns in seinem Aug', glaube,
nicht gar mutig zu Sinne. Aber das Lied, wie es aus uns drang, umgab
uns gleichsam mit dem Atem tapferer Erzengel. Als wir vor dem Tore
hielten, sah ich, daß alle Knechte wacker rote Wangen hatten, bis auf
den Wächter.«
Da das Tor verschlossen war (wie auch alle Fenster, die Läden
vorhatten), schlug der Graf mit dem Knaufe seines Schwertes daran und
rief: Im Namen des Dreieinigen, öffne!
Statt der Antwort erfolgte ein harsches, gaumiges Röcheln. Dann
klirrten Schlüssel, die Türflügel kreischten in den Angeln, und aus
der Öffnung trat der alte Diener, sogleich in die Knie sinkend und
beide Arme ausbreitend. In seinem qualvoll aufgerissenen Munde sah man
die schwere Zunge wie im Krampfe zucken, während im Gaumen wieder die
entsetzlichen nach Ausdruck ringenden Laute röchelten. In den blinden
Augen lag leer, grau der Widerschein des dunstigen Himmels.
Der Florentiner berichtet: »Obgleich der Erbarmungswürdige weder mit
dem Munde noch mit den Augen zu sprechen vermochte, verstanden wir ihn
doch alle gleich und wußten, daß das Scheusal tot war.«
Der Graf winkte den Knechten, zurückzubleiben und gebot dem Stummen,
ihn und Giacomo zur Leiche zu führen. Der aber warf sich lang auf die
Erde bin, als ob er sich mit den Händen in sie einkrallen wollte.
»Da wußten wir,« schreibt Giacomo, »daß uns noch Schlimmeres
bevorstand, etwas, das selbst den entsetzte, den Blindheit davor
bewahrt hatte, es sehen zu müssen.«
»Ich möchte es Euch, Messer Giacomo,« sagte der Graf, »gerne ersparen,
mich zu begleiten. Aber, seht, mich wandelt jetzt Furcht an, da ich
mich doch nicht davor gefürchtet habe, den zu töten, der das Leben von
mir hatte. O mein Gott, warum begnadigst du mich nicht mit Blindheit!
Furchtbares zu tun, hat für den Edlen keinen Schrecken, wenn Not und
Pflicht gebietet. Aber es gibt Dinge von einem Antlitz, dessen Ahnung
schon auch den Tapfersten zur Flucht scheucht. Doch es muß geschehen.
Ich muß mit diesen Augen sehen, was mein Herz schon weiß. Messer
Giacomo, die Sünde braucht den Teufel nicht. Wenn Ihr Euch jetzt noch
vor höllischen Geistern fürchtet, so sage ich Euch: Ihr könnt ruhig mit
mir gehen. Wenn Ihr aber dem Grauen nicht gewachsen seid, das von der
verfluchten Natur ausgeht, aus der wir alle sind, so sage ich Euch:
Laßt es mich allein ertragen, der ich es muß, weil ich mit meinem Blute
daran schuldig bin.«
Der Florentiner, der diese Worte so berichtet, fügt hinzu: »Auch
jetzt, da ich dies mit Besonnenheit aufzeichne, verstehe ich es
nicht, geschweige denn, daß ich es verstand, als ich es vernahm. Der
Böse, dessen augenscheinliches Werk mein armer edler Herr von jenem
Augenblick an leugnete, hat ihn verwirrt. Gelobt sei Gott dafür, daß er
wenigstens meinen Geist vor Verdunklung schützte.«
Die beiden gingen durch dunkle Korridore, dunkle Treppen hinauf zu dem
großen Turmgemache, das Giacomo als Werkstatt des Malers kannte, und wo
er mit Recht vermutete, daß sie seine Leiche finden würden.
Lassen wir ihn berichten: »Ich schritt voraus und hob den ledernen
Vorhang auseinander, daß der Graf eintreten konnte. Er ging aber
nicht mit mir ins Zimmer, sondern hielt sich rechts und links mit der
Hand am Türvorhang fest. Ich hörte, wie sein Atem ging, und war froh,
dies Leben zu hören, denn es kam nun das schwerste Grauen von allem
über mich, so, daß ich nicht mit Schritten zu gehen wagte, sondern,
keinen Fuß hebend, mich gleichsam füßlings über den Teppich vorwärts
tastete. Da stieß ich mit den Knien gegen etwas Weiches an und bog mich
behutsam darüber, die suchenden Hände vorstreckend. Nie vordem habe
ich gewußt, daß das furchtbarste Grauen, das der Mensch empfinden kann,
in den Fingerspitzen wohnt. Alle Qual der Furcht, des Entsetzens, das
sich gleichsam zurücksträubt und doch wie eine willenlose Last langsam,
fürchterlich langsam und dennoch unabwendbar, vorwärts wuchtet, saß
knäuelhaft, wie geduckt zusammengerollt unter meinen Fingernägeln,
die mir (doch war das sicherlich Blendwerk) zu leuchten schienen.
Dies alles währte kaum die Dauer eines Atemzuges und war dem Gefühle
nach eine Ewigkeit -- bis der Augenblick kam, da die Qual gleichsam
in die Wut umschlug, sich selber ein Ende machen zu wollen, und sei
es durch noch Schlimmeres. Ich warf mich vornüber und flog mit einem
grauenhaften Schrei zurück. Meine Hände hatten zwei nackte, schauerlich
kalte Frauenbrüste gefühlt, mein warmer Mund einen kalten berührt.
Ich taumelte bis zum Vorhang zurück und keuchte: »Die Hexe! Dort!«
Der Graf drängte mich beiseite und murmelte: »Ich wußte es.« Dann,
ein paar Schritte vorwärts tuend, lauter: »Ich bitte Euch, laßt Licht
herein. Ich fühle die beiden, und es verlangt mich nun sie zu sehen.«
Er schien ganz ruhig. Ich hörte seinen Atem nicht mehr. Ein Knarren
verriet mir, daß er auf einen Stuhl getroffen war, in den er sich
niedergelassen hatte.
Ich tastete mich die Wand entlang zum Fenster, um ja nicht beim
Durchschreiten des Zimmers nochmals in Berührung mit einem der beiden
verfluchten Leiber zu kommen. Denn noch immer rann ein schaudervolles,
eisiges Entsetzen durch meine Adern. So voller Grausen war ich und
gleichsam angstbeflissen, daß, als des Grafen Hand an der Seite der
Stuhlwange herabglitt, ich beim Hören des leisen, schürfenden Tones
zusammenknickte, für einen Augenblick nicht anders vermeinend, als es
sei ein Seufzer aus toten Lippen.
Endlich war ich beim Fenster angelangt und fühlte die Quaste der
Vorhangschnur in meiner Hand. Ich brauchte meine ganze Kraft zu der
geringen Arbeit, die Gardine sich teilen zu lassen: so völlig erschöpft
war ich. Um aber das Fenster und den einen Laden zu öffnen, bedurfte
ich der Hilfe des Gebets. Ich rief laut die Madonna an, mir beizustehen.
Da hörte ich einen greulichen Fluch. War da mein alter, edler, frommer
Herr, der über die Reinste der Reinen das schmutzigste Wort spie?
Wollte Gott, ich dürfte noch glauben, daß er der Satan selber war, wie
ich es damals glaubte. --
Ich riß Fenster und Läden auf, indem ich, ohne mich umzuwenden, schrie:
»Fleuch hinaus, Geist der Finsternis! Weiche, weiche, weiche von uns,
Fürst der Hölle!« Und legte meine Stirn aufs Fensterbrett, nochmals
zu beten. Der feuchte, kalte Wind aus dem Walde strich mir übers Haar
und weckte mich gleichsam aus dem wohltätigen Schlummer der Andacht,
die mich aber doch so weit gestärkt hatte, daß ich spürte, es sei
geraten, mich diesem Luftstrome nicht länger auszusetzen. Ich wandte
mich um, vermied es aber wohl, dorthin zu blicken, wo ich die beiden
Leichen vermutete. Doch sah ich den Grafen. Er saß in dem flammrot
seidenen hochlehnigen Stuhle des Malers, den ich wohl kannte mit seinen
goldeingewirkten Zeichen einer fremden heidnischen Schrift. Steif
angelehnt saß er, ganz regungslos; auch die Arme und Hände, gerade
hingelegt auf die Armlehnen, rührten sich nicht im mindesten. Man hätte
meinen können, er sei tot.
Nur die Augen lebten. Lebten gierig.
Und es waren die Augen des Scheusals.
Mir war, als starrten diese selben Augen überall her: kalt glühend
durch das kalt graue Morgenlicht. Sie glotzten kugelig von den Buckeln
der kupfernen Wandleuchter, blinzelten verkniffen aus allen Facetten
der Gläser und Flaschen auf dem Kredenzbord, schossen blitzende Blicke
von den Spitzen der Degen, Dolche, Hellebarden an der Wand, lauerten
tückisch in allen Falten der Vorhänge.
Ich sah wohl, daß der Böse sich nicht hatte bannen lassen durch meine
Gebete, und bald mußte ich es auch hören.
Denn er sprach aus dem Grafen wie folgt: »Ihr mußtet sterben, um mich
fühlen zu lassen, wie verwandt ich euch bin. Mit meinem Blute habt ihr:
mein Blut hat in euch gesündigt. Wie dürfte ich verdammen, da ich, ob
auch mit Grauen, verstehe? Der Tod ist ein mächtiger Lehrer. Ich habe
die Hölle verlernt vor seinem Grauen. Sie ist nicht hinter dem Tode,
ist vor ihm: in diesem Leben, das kraft heiliger Gesetze verbietet,
wozu der unheilige Geist treibt, der in unseren Adern glüht. Ich habe
ihn stets gebändigt. Und durfte wohl stolz darauf sein: denn mein
ganzes Leben hat sich dem Gesetze geopfert. Aber siehe, mein Blut hat
sich gerächt: mein Opfer war unnütz und ein frommer Frevel. Ich durfte
rein bleiben, weil diese da alle meine Unreine in sich nahmen. Wo ist
da Gott? Wo ist da Teufel? Ich sehe, daß ihr sehr elend und von aller
Heiligkeit ausgeschlossen wart: Verworfene vor allen Menschen; und
doch überkommt mich der Glaube, daß euer Leben völliger war als das
meine, und euer Tod freier und stolzer als der der Frommen, doch noch
im letzten Augenblicke um Vorteil handeln. Ihr seid in einer großen
Gewißheit dahingegangen nach großen Sünden; ich aber, der Fromme,
bleibe voller Zweifel hier und fürchte, daß ich weder selig noch
unselig sterben kann.«
Selbst die Stimme, in der dies sprach, war nicht des Grafen Stimme. Sie
hatte einen vollen, zuversichtlichen, tapferen Ton gehabt. Was hier
klang, war wie der Ton einer gesprungenen Glocke. Es war, als schwebte
er nicht durch die Luft, sondern er glitte von den Lippen, rönne über
Kinn und Brust, tropfte den Stuhl hinab zum Teppich, kröche über diesen
weg zu den beiden.
Mir aber gruben sich die Worte, wie matt sie auch klangen, mit einer
magischen Gewalt ein, so daß ich sie zu jeder Stunde wiederholen
könnte, wie ich sie jetzt gleichsam unter dem Diktate des Satans
niedergeschrieben habe. (Ich wage es, die Wahrheit zu sagen, in diesem
Augenblick nicht, hinter mich zu blicken, denn ich weiß: in dem Bilde
des heidnischen Ahnherrn dieser nun erloschenen Familie, das ich selber
nach einer alten Tafel im Palaste hier auf die Wand übertragen habe,
stehen jene beiden Augen. Ich weiß es, denn ich fühle ihren Blick als
einen dumpfen Druck am Nacken.)