Einiges sei in wörtlicher Übertragung hergestellt. So, was der Toskaner

über Samalios Kunst und Wesen im allgemeinen sagt: »Es ist ein

sonderbares Ding um die Kunst dieses ungebärdigen Menschen. Sie ist

voller Lästerung des Lebens, das in ihr nicht von Gott zu sein scheint,

sondern vom Teufel. Malt er den Wald (wie er insonders gerne und nicht

ohne Geschick tut), so ist es, als ob die Bäume ein jeder dämonisch

besessen wären; kein Pflanzenwesen, sondern ein Tier, und alle zusammen

sind wie eine Versammlung von Gespenstern, daß man sich fürchtet, in

das Dunkel hineinzusehen, das wie aus ihnen innerst herauskommt: aber

nicht schwarz, sondern bräunlich. Er hat, genau wie sie um sein Kastell

im Felsgebirg stehen, Pinien gemalt, als welche doch freundliche

Bäume sind, von edler Liniatur und eigentlich wohltätig, da sie von

oben Schatten geben, aber, des fehlenden Unterästichts halber, der

Luft den Weg nicht sperren. Bei ihm aber sind sie Ungetüme, die mit

borstigen Schädeln widereinander rennen. Nicht so, als ob er ihnen

Gesichter malte. Das wäre am Ende lustig. Sondern es sind Schädel

von Riesen, die noch niemand sah, von Riesenwesen aus Baumart und

doch tierisch. Sie sind bös und alle untereinander feind. Es ist, als

ob sie sich gegeneinander stemmten mit diesen wilden Köpfen, daß

sie so, ihre Kräfte vereinigend, mächtig würden, ihre Stämme aus

dem Erdreich zu reißen. -- Nicht anders macht er es mit Tieren und

Menschen. Gott schuf sie, wie wir alle sie sehen. Dieser Ungestalte

bildet sie ungestalt. Seine Pferde sind langhaarig wie Ziegen, und man

möchte zugleich glauben, daß sie auch von Ebern stammten. Nie malt

er sie anders als rot und schwarz gefleckt. Doch eine Schimmelstute

hat er gemalt, das schamloseste, das je erdacht worden ist: ein Pferd

mit Menschenhaut, ganz ohne Haar, bis auf eine Stelle, die er zum

Mittelpunkte des Bildes gemacht hat. Das Tier, das Menschentier, biegt

den Hals in einer schmerzhaft-unmöglichen Linie um und wendet so dem

erschreckten Betrachter seinen Kopf zu, der zwar der Kopf eines Pferdes

ist, aber so mit den Zügen eines Weibes vergattet, daß man die Augen

niederschlagen muß. Denn es lacht auf eine schändliche, buhlerische und

doch höchst klägliche Art. Es hat entzündete blaue Augen. Dafür hat er

ein Weib gemalt mit dem Fell einer blau und schwarz gestreiften Katze.

Dieses Weib reitet auf einem Manne, der das Zottelhaar eines weißen

Schäferhundes hat und vorstehende Raffzähne gleich dieser Hundeart. Es

reitet verkehrt auf ihm, sich mit beiden Händen an die buschige Rute

ankrallend. Und der Hund-Mann hebt den Kopf nach Art eines heulenden

Rüden, der die Matz wittert.

Fragte ich ihn, was alles dies bedeute.

Antwortete er: »Nicht weniger und nicht mehr als das, was eure Welt

ist: meine.«

Sagte ich ihm: »Das heißt Gott höhnen.«

Antwortete er: »Niemand höhnt Gott mehr, als Gott sich selber

verhöhnte, wie er den Menschen nach seinem Ebenbilde erschuf. Schaut

mich an und sprecht: Sieht so Gott aus?«

Schwieg ich aus höflicher Rücksicht.

Lachte er (was nun bei ihm Lachen heißt: ein Zucken um die Mundwinkel)

und sprach: »Oder, wenn _ihr_ ins Glas seht: seht ihr _Gott_

gespiegelt?«

Entgegnete ich (mit gerechtem Fuge streng): »Nicht also ist jenes

Wort der Schrift gemeint. Gott ist das vollkommen Schöne: wir nur

unvollkommene Abbilder, verzerrt obendrein durch die Erbsünde und den

Fluch darauf.«

Lachte er nochmals (und ganz abscheulich), also sprechend: »So wäre

Gott ein Stümper oder hätte getan, was ich tue.«

Ging im Gemach herum und rieb sich die Hände, daß es knackte, wie

Holzscheite. Blieb plötzlich stehen und sah mich mit verkniffenen Augen

an. Und schrie: »Der Fluch! Die Sünde! Was heißen diese Worte? Daß er

Fratzen braucht, sich zu vergnügen: Euer schöner Gott! Denn (und das

sprach er leise, gar ernsthaft) als Stümper ist er nicht zu denken.«

Warf sich ins Gestühl und starrte ins Deckengebälk, dorthin, wo der

greuliche Leuchter hängt, den er in der Grabhöhle der Heiden gefunden

hat: ist als eine große Sonnenblume gebildet, aber jedes Blatt hat die

Form der weiblichen Scham, daß jede Kerze, darein gesteckt, zum Phallus

wird.

Saß lange schweigend, bis er sprach: »Nein, kein Stümper. Sondern

wahrlich Gott: wahrlich Künstler. Und wir bloß Affen seiner Kunst. Aber

(und dies rief er wieder laut, hell, wütig, indem er aufsprang): Alles

dürfen wir, was er darf: alles. Und sind ihm um so ähnlicher, je mehr

wir die göttliche Freude an der Fratze haben: diese Freude des großen

Zorns, aus dem allein die Lust des Schaffens kommt. Denn die Liebe ist

das Ekelhafte, ist das Sichbegnügen mit dem, was da: was langweilig,

immer das gleiche, verflucht und noch einmal und in alle Ewigkeit

verflucht das gleiche ist. Vulva und Phallus. Das ist für die Herde:

im Schweinekoben und im Fürstenbette dasselbe. Aber einigen ist es

gegeben, sich wie Gott selber zu vergnügen, weil sich Gott in ihnen am

meisten vergnügt, da sie die vollkommensten Fratzen seiner selbst sind.

Das sind die Künstler. Sie wissen, daß Gott die Welt nicht aus Liebe

erschaffen hat, sondern aus Not ... Gott! Was ist Gott? Was ... wäre

Gott? Gott wäre die Einsamkeit.«

Trat ganz nahe an mich heran, und seine Augen waren fürchterlich, als

er sprach: »Vernehmet, Mann aus Toskana, und bewahrt es wohl, denn es

ist die Wahrheit: Gott war tot, als er die Welt schuf. Als er lebte,

war nichts um ihn: Er war das All, die unbewegte Leere, das vollkommene

Nichts, das ist: das einzig mögliche vollkommene. Doch wäre er nicht

Gott: nicht Geist gewesen, wenn ihm diese Ewigkeit, diese scheußlich

vollkommene Ewigkeit genügt hätte. Es kam die Not des Wollens über ihn,

und er beschloß, zu sterben, daß aus seinem Tode die Welt, aus seiner

Einsamkeit die Vielheit des Lebens würde: nicht anders, als wie aus

einem Leichnam Würmer werden.«

Ich entsetzte mich über diesen Unflat schändlicher Einbildung, schlug

dreimal das Kreuz und erhob mich, zu gehen. Er aber legte seine beiden

harten Hände auf meine Schultern, daß mir nicht anders war, als wenn

Satanas mich verderben wollte, und drückte mich ins Gestühl.

Und sprach: »Höret nur weiter! Es ist nicht gut, die Wahrheit halbet

zu vernehmen. Auch ist nicht gottlos, was ich Euch sage. Denn seht: ob

Gott auch tot ist: die Welt ist dennoch göttlich, da sie von ihm ist.

Zwar sind die Kreaturen nur Würmer, die von seinem Tode leben, aber es

ist doch göttliche Nahrung, die sie erhält.«

Ich raffte mich auf und verwies ihm sein Gerede, indem ich ihn einen

heidnischen Sophisten hieß.

Er schüttelte den Kopf: »Was mich von Eurer Art Christen unterscheidet

ist nur, daß ich von Gott einen zu göttlichen Begriff habe, um

vermeinen zu können, daß diese langweilige Welt des ewig Gleichen sein

Leben umfassen oder ausdrücken könnte. Ich denke von Gott so hoch, daß

mir sein Totes noch göttlich genug deucht für unsereins, ja als das

einzig Göttliche, das wir vertragen können. Gott und Welt: Einsamkeit

und Leben verträgt sich unmöglich. Und seht doch: Ist das nicht

christlich gedacht, daß er für uns starb? Und was sage ich mit den

Würmern anders als dies: daß er uns die Erbsünde vermacht hat?«

»Ihr spottet,« rief ich laut, »und spottet Euch um die ewige Seligkeit!«

»Damit ist es freilich nichts,« sagte er ernsthaft, »denn Gott hat sie

selber aufgegeben: auch er vermochte es nicht, sie zu ertragen. Das war

ja seine Not, die ihn zu sterben, als Gott zu sterben und im Gewürme

weiterzuleben zwang. Die große Not der Langenweile war es. Jetzt ist er

ihrer ledig. Der tote Gott vergnügt sich in der Vielheit von Fratzen,

in denen er lebt: und wenn es auch gewiß ein zorniges Vergnügen ist,

so ist es ebendarum göttlich. -- Hier, bei mir (er wies um sich), hier

in mir (er schlug sich auf die Brust) ist ihm am wohlsten. Denn meine

Welt ist nach seinem Rezept gemacht, und ich sterbe gleich ihm einen

Tod der zornigsten Not.«

Indem er dieses sagte, war mir, als ob in seinen Augen etwas glömme:

ich weiß nicht, war es Wahnsinn oder Begeisterung.

Die Madonna sei ihm gnädig! Er spricht nie von ihr, und, ob er sich mit

seinem Malgeräte auch an allem vergreift, was uns heilig, ihm aber nur

ein Anlaß zu schändlicher Fratzerei ist: sie malt er nie.«

* * * * *

Das Kastell, in dem Samalio die meisten seiner Tage und Nächte

verbrachte, lag abseits der Stadt auf gewachsenem Fels, in den

Terrassen eingehauen waren. Aber bis nahe dorthin, wo der Stein sich

nackt emporhob aus dem Erdreich, stand starker Wald: Steineichen,

Pinien; auch Zypressen und Kastanien. Es waren mächtige, herrische

Bäume, die es nicht duldeten, daß Kleines neben ihnen aufkam. Nur der

Blitz durfte die Riesen fällen oder das Alter. Dann wuchs aus ihrer

Fäulnis das Neue. Es gab allerlei wildes Getier dort: vornehmlich

Wildkatzen und Luchse, am allermeisten aber Geier und Eulen. Nachts,

so berichtet der Toskaner, war es lauter um das Schloß, als bei Tage.

Denn, so sagt er: »Da es dunkelte, wachten die Räuber auf, denen

tagsüber selbst der finstere Wald zu helle war, und riefen einander

oder kreischten auf beim Mord: der Luchs, heulend wie ein Wolf, der

rote Wildkilling, tückisch jaulend; aber am fürchterlichsten die große

Ohreule mit ihrem tiefen u-hu, das wie Klage tut, aber Blutgier ist.«

Doch behagte gerade dieses Nachtkonzert der Unholde dem Mißgestalteten,

der von sich behauptete, gleich Luchsen, Katzen, Eulen nachts besser zu

sehen als bei Tage, weshalb er sich erst bei Tagesgrauen zur Ruhe begab

und bis zum hohen Mittag schlief.

»Die braune Nacht,« so sagte er, »hat tiefere Farben, als der milchige

Tag. Sie schillert nicht, sie glüht. Ihr Braun ist eigentlich altes

Gold, gemischt mit dem Rot geronnenen Blutes. Auch ist ein tiefes

Veilchenblau dabei. Zuweilen haben alle Konturen tief purpurne,

zuweilen tief orangenfarbene Lichtabgrenzungen. Auch Schatten gibt es

noch in der dunkelsten Nacht: sie sind das Wunderbarste an Farbe; aber

auf der Palette gibt es dieses Braun der tiefsten: ganz schon geistigen

Tiefe nicht. Es ist, als ob die Nacht dieses Braun träumte.«

Er malte nur in diesen, nur von ihm gesehenen Nachtfarben, und so darf

man es dem Toskaner glauben, daß Samalios Bilder waren »wie aus einer

anderen Welt, die das Licht nicht von unserer Sonne hat: man mußte

glauben, sie hatten es aus den Augen dieses Nachtmenschen, der, obzwar

bei Tage (doch nur in der Dämmerung) malend, immer nur nächtige Bilder

schuf, als ob es keinen Tag gäbe. Indessen waren unter seinen Tafeln

solche, in denen eine unbeschreibliche dunkle Glut bebte, vergleichbar

dem Lichte, das in manche Edelsteine eingeschlossen zu sein scheint,

die noch im Finstern leuchten.«

Danach könnte man meinen, daß Messer Giacomo die Bilder Samalios in den

Farben schön gefunden habe. Doch weit gefehlt. Er nennt ihre Farben

bald »höllisch«, bald »grausam«, dann einmal »blutrünstig«, wieder

einmal »schändlich geil«, einmal sogar »himmelschreiend bäuerisch und

barbarisch, ohne jedes Gefühl für Feinheit und Würde«. Sie »tun dem

gebildeten Auge weh und rufen Angst und Schrecken hervor, anstatt daß

sie erheitern«.

Der Toskaner hatte von sich aus zweifellos recht, aber ebenso

zweifellos ist, daß Samalio nicht gemalt hat, um Messer Giacomo zu

erheitern. Es lag ihm nicht einmal daran, daß der Herr von Certaldo

alto sie ansah. Wir wissen es von diesem selbst, daß er stets ungeladen

das Kastell besuchte. »Ritt wieder einmal zur Zentaurenburg, um mir

die Grillen zu vertreiben. Wurde übel empfangen, sah aber doch Neues.

Wie immer: Greuel über Greuel. Die große Tafel aber will er noch immer

nicht zeigen.«

Von dieser wird noch zu handeln sein.

Vorerst möge aus des Toskaners Aufzeichnungen zusammengestellt werden,

was etwa weiter dazu dienen kann, uns einen Begriff vom Wesen und Leben

dieses wunderbaren Menschen zu vermitteln.

Aus diesen Notizen fügt sich das Bild eines Précurseurs des

Rinascimento, jedoch ohne die bewußte Tendenz zur Antike.

Alle geistigen Strömungen bereiten sich vor: versuchen sich

gewissermaßen in unzeitgemäßen einzelnen. Ehe sie zum Schicksale einer

Zeit: ehe sie Epoche werden, treten sie gewissermassen als Ferment in

den Schicksalen einzelner auf, die damit zur Einsamkeit verurteilt

sind und, meist ohne jede sichtliche positive Wirkung, eine Bestimmung

erfüllen, deren Sinn wir nicht begreifen.

Er hat dies selbst gefühlt. Eines Abends sagte er zu seinem Lehrer,

der ihm berichtet hatte, daß das Volk ihn für einen Zauberer hielte:

»Bin ich etwa keiner? Lebe ich nicht das Kommende voraus? Ist es nicht

Zauberei, daß ich bin, als wäre ich mein Urenkel?«

»Wie das?« fragte der Toskaner.

Und Samalio antwortet: »Jeder von Euch hat den Glauben des anderen;

jeder von Euch ist Nachbar: Stütze und gestützt; keiner von Euch ist

frei: eine Kraft für sich. Ihr seid alle durcheinander bestimmt und

findet das füglich. Selbst die gewalttätigen, die sich Herren heißen,

handeln mit Rücksicht auf andere, sei es auch nur, daß sie über andere

herrschen wollen. Für mich gibt es keine anderen. Ich kenne Euch nicht.

Ich kenne nur mich. Ich bin so weit von Euch entfernt, wie von den

Menschen, die den Turm von Babel bauten. Ich habe einmal davon gehört

(als ich ein Kind war), daß es Menschen gibt außer mir, aber ich habe

einsehen gelernt, daß das ein Irrtum ist. Dieses Märchen ist nur wahr

für die, die keine Wirklichkeit in sich haben. Wer sich begriffen hat,

weiß, daß er allein ist.«

»Als ich dies hörte,« fügt hier der Toskaner bei, »war mir einen

Augenblick wahrlich zumute, als sei dieser Wahnsinn Wahrheit. Daran

waren die (Gott verzeih' mir die Sünde) verfluchten Augen des Scheusals

schuld, deren Blicke mich wie glitzernde Fäden umspannen. Ganz

sicherlich: er ist mit dem Bösen im Bunde. -- Aber ich machte mich frei

und rief: Wie? Denkt doch an Euren Vater, an Eure Mutter!«

Darauf hat Samalio erwidert: »Vater und Mutter sind nicht außer mir,

sondern in mir, und nicht nur sie, sondern alle, von denen sie gekommen

sind. Und nicht nur die, sondern alle Menschen, die je waren. Dies

eben ist es, Mann: wer wirklich Einer ist, ist Alle, -- und braucht

darum Keinen.«

Trotzdem berichtet Messer Giacomo, daß Samalio »von einer entsetzlichen

Liebe« geplagt worden sei.

»Alle wissen es,« schreibt er, »und alle verabscheuen ihn darum noch

mehr als um seiner Scheußlichkeit willen: daß er in unziemlicher Liebe

entbrannt ist gegen seine leibliche Schwester Bianca Maria, die so

schön, wie er häßlich ist. Sie wäre wert, daß man nach ihrem Antlitz

die Madonna malte, denn auf ihm ist alle Holdseligkeit und Schöne

vereinigt. Zweierlei nimmt mich wunder: daß diese beiden Geschwister

sind, und daß er, das Ungetüm, es wagt, seine Blicke zu ihr zu erheben,

deren Schönheit ihn, meine ich, doch eher mit Haß und Neid erfüllen

müßte. Gepriesen sei Gott, daß das engelhafte Mädchen ihn verabscheut.

Man sagt (und ich erachte es nicht für unmöglich, obwohl es nur ein

Gerede ohne sichern Anhalt ist), daß er sie nachts in ihrer Kammer

überfallen habe: doch ohne seinen nichtswürdigen Zweck zu erreichen,

denn sie habe ihm mit dem großen Kruzifix, das über ihrem Bette hängt,

einen Streich quer über die Stirne versetzt, wovon er (was ich selber

wohl gesehen habe) eine tiefe Wunde davontrug. Und folgenden Tages

(was wiederum zutrifft) sei er aus der Stadt gewichen, und seither

rührt sein dauernder Aufenthalt draußen im Walde. Sie aber ist seitdem

verzagt und seltsam schüchtern, derart, daß sie aller Männer Antlitz

flieht; und hat sich ohne Widerrede auf Geheiß ihres Vaters einem

Edelherrn aus der Nachbarschaft verlobt, dessen Antrag sie vorher

zurückgewiesen.«

Es findet sich (begreiflicherweise; denn darüber hat Samalio sicherlich

nie gesprochen) in dem Tagebuche des Toskaners keine Äußerung des

Malers über seine Schwester. Doch ergeben sich bei genauerem Zusehen

Zusammenhänge, die dem Berichterstatter offenbar nicht zum Bewußtsein

gekommen sind.

Wir finden folgendes: »Fragte ich den Zentauren, warum er nicht die

Madonna malte.«

Antwort: »Weil es unmöglich ist.«

Wiederfrage: »Haben es doch schon Tausende getan?«

Antwort: »Weil sie sie nie gesehen haben.«

Ich: »So hättet am Ende Ihr sie gesehen?«

Er: »Wohl.«

Tat ich erstaunt und fragte: »Ei: im Traume?«

Antwortete er: »Es ist kein Unterschied zwischen dem, was ihr in Traum

und Wirklichkeit spaltet.«

Sagte ich: »Nun: man träumt im Schlafe und sieht wach.«

Betrachtete er mich erstaunt: »Und der Unterschied?«

Ich konnte es ihm nicht erklären, oder, wie ich besser sage: er stellte

sich an, als begriffe er nicht, was doch auf der Hand liegt (wie es

denn immer seine Art ist, Selbstverständliches unverständlich zu

nennen). Also blieb mir verhohlen, wie das mit der Madonna gemeint.«

Ein andermal: »Fand ihn vor einem gar schändlichen Bilde. War der

Christ am Kreuze zwischen den beiden Schächern. Es graute mir, als

ich sah, daß er sich selbst als den Gekreuzigten gemalt hat, aber, so

dies möglich, noch scheusäliger, als er wahrlich ist. Und war über und

über voll Blutrunst. Hing ihm aus der Wunde vom Spieße des Lanzknechts

geronnenes Blut traubendick und von der Schulterwunde wie rote

Maiskolben. Saß im Brusthaar wie Grind. Hatte sich im Schamtuch ekel

gesackt. War wie der geschundene Marsyas.«

»Dies ist nicht Jesus,« schrie ich auf, »dies ist der Teufel Oberster,

den Ihr vor dem Spiegel gemalt!«

Denn ich war sehr zornig. Er aber schien keineswegs beleidigt, sondern

lächelte und sprach: »Wisset Ihr nicht, da Ihr ja doch auch mit Farb

und Pinsel hantiert: daß jeglicher nichts malen kann, als sich selbst?

Wenn ich spreche, so bin _ich_ der Ton; wenn ich sehe, ist's _mein_

Gesicht; mal ich, so kommt nichts auf die Tafel als immer _ich_. Da

ich nur ich sein kann, was könnte anderes von mir kommen als ich? --

Christus! Wer ist das? Immer der, der ihn fühlt, von ihm redet, ihn

malt. Was schüttelt Ihr Euch und tut entsetzt? Kennt Ihr die Schrift

nicht? Wisset Ihr nicht, daß er sich allen gegeben hat? Nun: so auch

mir. Und dieser da (er wies zur Tafel) ist wahrlich der meine, so ganz

und gar, daß wir beide ein und derselbe sind.«

Daß ich es gestehe: ich bebte vor großem Zorn, und ich rief: »Von

Sinnen seid Ihr, und ich müßte Euch vors geistliche Gericht bringen,

wüßte ich nicht, daß Wahnsinn aus Euch phantasiert.« Er fuhr sich durch

sein stachelig Haar und murmelte etwas, wovon ich nichts verstand als:

Noch nicht, noch nicht!

Dann sagte er, ganz ruhig: »Mensch! Mensch! Weißt du nicht, daß alles

Große Wahnsinn ist? Als die Liebe Wahnsinn wurde, schlug man sie ans

Kreuz. Holla! Seitdem ist sie tot. Nun ist Raum für den Zorn ...

Doch das versteht Ihr nicht. Sonst würdet Ihr's aus meinem Bilde

lesen, darauf es deutlicher steht als auf allen anderen Tafeln des

~crucifixus~. Doch steht es auf allen: selbst den ganz lästerlichen:

die da lächeln.«

Mit einem Male schien es, als wollte er mir zu Leibe. Er schritt auf

mich zu, die kleinen Augen so verkniffen, daß die Blicke aus einem

Schlitze schossen, stieß mir die Faust auf die Brust und schrie: »Tolle

Hunde haben mehr Gefühl für das Opfer auf Golgatha als Ihr, die Ihr

aus einem Löwen ein Lamm gemacht habt. Es tut Euch wohl, sein blutiges

Vließ zu krauen. Es tut Euch wohl, Wasser aus den Augen zu lassen über

den, der Blut aus seinem Leibe ließ für Euch. Es tut Euch wohl, aus dem

Größten eine Puppe gemacht zu haben, damit Ihr spielen könnt!«

Ich wollte gehen. Aber er hielt mich fest. Und schleppte mich zu dem

großen verhangenen Bilde. Dort ließ er mich los und stieß mich in einen

Stuhl.

Und sprach: »Hast du vernommen, daß nachts Geister kommen, mich zu

besuchen?«

Ich hatte es vernommen und antwortete so, fügte aber hinzu, daß ich es

nicht glaubte.

»Es ist!« rief er.

Ich schlug das Kreuz.

»Laßt den Gestus!« sagte er ruhig. »Der Geist, der zu mir kommt, ist

nicht höllisch. Christus selber ist hier jede Nacht und mit ihm die

Madonna.«

Gott verzeihe es mir und alle seine Heiligen, daß ich dem Scheusal

nicht in seine Lästerfratze spie, sondern bloß, aber unerschrocken,

sagte: Das lügt Ihr!

Da sah er mich groß an und ergriff den Zipfel des Vorhanges und sprach:

»Knie nieder!«

Ich glaubte nicht anders, als er wollte mich heißen, den Teufel anbeten

und weigerte mich des.

»Knie!« knurrte er und griff nach dem Dolche.

»Die Sünde kommt auf Euch,« stöhnte ich und ließ mich auf die Knie

nieder, Gottes Hilfe herbeirufend durch fleißiges Kreuzschlagen.

Als ich die Ringe des Vorhanges kreischen hörte, senkte ich den

Kopf und schloß die Augen feste, ja nichts zu sehen. Und war des

Bestimmtesten entschlossen, nicht freiwillig Kopf und Blick zu erheben.

Mir ist, als hätte ich lange so auf den Knien gelegen, die Augen also

feste zugedrückt, daß vor den geschlossenen goldene Sterne und Scheiben

tanzten. Auch rann mir Schweiß von der Stirne über die Lider, und es

war, als wollte er mir die aufbeizen, da er in die Augen drang mit

seiner Schärfe.

Dies weiß ich jetzt. Da ich aber voller Ängste lag, glaubte ich, es

fräße höllisches Feuer an ihnen. Und ich wimmerte sehr.

Erst als ich seine Schritte von mir gehen hörte, wurde mir etwas

mutiger. Ich hob den Kopf, jedoch nach rückwärts gewandt, dorthin,

wo der Schreckliche nun in einem Stuhle saß und über mich weg zu dem

Bilde blickte: die rechte Hand über die Augen schirmend, wie Maler ihre

Tafeln aus der Ferne anzusehen pflegen.

Und er murmelte, als sei ich gar nicht da:

»Es will nicht glühen, wie in der Nacht. Die Purpurspitzen ihrer Brüste

sind noch tot. Das Fleisch ist viel zu hell. Im Haar zu wenig Brand

noch. Als meine Hand darüber fuhr, hat es geknistert. Das dort ist

Werg, nicht Leben. Sonst ... ist ... sie ... schön.«

Er atmete schwer und laut und ließ die Hand sinken. Und merkte nun

mich, stand auf und schritt schnell her, griff über mich weg und riß

den Vorhang wieder vor das Bild.

»Steh auf!« herrschte er mich an. »Danke deinem Gotte, daß er dich

davor bewahrt hat, das zu sehen, was meine schamlose Raserei dir

enthüllt hat. Denn wisse: auf dieser Tafel ist die Madonna in Wahrheit,

vom nackten Leben leibhaft, geisthaft hergerissen mit der Brunst meines

Auges. Würdest du sie gesehen haben, hätten dich diese meine Hände

erwürgt. Und nun geh und schrei es auf den Gassen aus, daß Samalio

Pardulus die Madonna nackt gemalt hat, reitend auf einem Zentauren mit

den Zügen ihres Sohnes, der ihr Bruder ist. Und daß er mit ihr wegsetzt

vom steinigen Felsen Golgatha über einen Abgrund voller Blut, aus dem

die Spitzen von Domen ragen zu einem Schlosse von veilchenfarbenem

Amethystquarz, bewacht von den Tieren der Apokalypse, und daß dieses

Schloß der Sarg Gottes ist, in dem Samalius wohnt und wacht, daß keine

Würmer zu ihm kommen.«

Man darf es dem Florentiner glauben, daß er nach diesen »Worten das

Weite gesucht hat, wie einer, dem der Böse auf den Fersen ist.«

Trotzdem hat er nicht den Angeber gespielt und seine Erlebnisse

niemandem vertraut, als den Blättern seines Buches.

Aber auch ohne seine Mithilfe wurde es ruchbar, daß nächtlicherweile

Unheimliches sich begab auf dem Schlosse im Walde.

Da Samalio nachts niemand bei sich hatte als einen alten halbblinden

und ganz stummen Diener, so konnten die Gerüchte nicht aus dem Schlosse

kommen. Sie entstanden in der Stadt selbst, im Hause der Eltern des

Malers.

Seit diese wegen der bevorstehenden Hochzeit der Tochter zu mächtigen

Verwandten des Bräutigams nach Rom gereist waren, ging es im

Palazzo Nacht für Nacht um. Unnötig, all das zu erzählen, was die

erschrockene Dienerschaft allnächtlich gesehen und gehört haben wollte.

Übereinstimmend wurde dies berichtet:

Reife Früchte vom Bierbaum · 第 6 / 12 段