»Wie es in der Bibel steht. Denn die Juden sind wirklich die

Auserwählten ihres Gottes, den sie bei uns importiert haben. Es war ihr

erster großer Importartikel und ist ihr bestes Geschäft geblieben bis

auf den heutigen Tag. Wir haben ihn teuer bezahlt.«

»Sie sprechen nicht sehr respektvoll vom lieben Gott.«

»Der Gott der Juden heißt Jehova.«

Madame Sara war ärgerlich. Was sollte das alles? Wußte er nicht, daß

ihr Name jüdisch war? Sah er nicht, daß er eine Jüdin vor sich hatte?

Sie sprach: »Es ist nicht gescheit, daß Sie Ihre Richterin über Tod und

Leben beleidigen, Herr von ...«

»Bitte: Sturmius!« -- »Wenn ich nun eine _fromme_ Jüdin wäre ...?« --

»Sie sind überhaupt keine Jüdin.« -- »Doch, und ich bin stolz darauf.«

-- »Sie sind ebensowenig eine Jüdin, wie Christus ein Jude war.« --

»Was war Christus denn?« -- »Christus.« -- »Das verstehe ich nicht.«

»Christus war die Liebe, war nichts als Liebe, war ganz und gar Liebe.

Daher war er weder Jude noch sonst etwas, und darum gehört er allen,

nicht bloß uns Christen, sondern auch den Juden und Heiden. Und so ist

es mit jedem Menschen, der etwas ganz Seltenes ist. So ist mein Freund

Richard Wagner ganz Genie, und darum ist er kein Deutscher, sondern

Richard Wagner, darum gehört er nicht bloß uns, die wir seine Jünger

sind, sondern auch den Juden und Heiden der Musik.«

»Und ich?«

»Madame! Dinge, die ich nur auf fünfzeiligem Papier oder nur aus

dem Flügel ausdrücken kann, erdreiste ich mich nicht, in Worte zu

fassen. -- Haben Sie die Gnade und erlauben Sie mir, weiterzuleben,

weiterzumusizieren, -- und ich will Ihnen Gelegenheit geben, zu hören,

was Sie sind.«

»Sie sind ein wunderlicher Heiliger.«

»Weder heilig noch wunderlich. Nur Musikant und ein Stück Poet. Doch

bin ich leider nicht groß genug, um nicht nebenbei ein deutscher

Querkopf und als solcher zum Beispiel ein hitziger Judenfresser zu

sein.«

»Das ist amüsant.« -- »Für mich sehr.« -- »Also ist es Ihnen nicht

ernst damit?« -- »Ich brauche meinen Ernst für meine Kunst. Juden

fresse ich zur Erholung.« -- »Haben Sie Mendelssohn schon gefressen?«

-- »Der ist mir zu musikalisch.« -- »Und Meyerbeer?« -- »Den habe ich

gefressen.«

Und Meister Sturmius lachte über den Doppelsinn seiner Antwort selber

so herzlich auf, daß sein Gelächter ansteckend wirkte und auch Madame

Sara schallend lachen mußte.

»Aber Sie stehen ja noch immer, Sturmius,« nahm, durch das gemeinsame

Gelächter in eine übermütige Laune geraten, Madame Sara das Wort,

»setzen Sie sich, Meister!«

»Nicht ›Meister‹,« erwiderte der, indem er sich setzte. »Es gibt nur

einen Meister, und der sitzt jetzt in der Schweiz über Partituren

zu Werken, die die Pforten der Ewigkeit aufreißen werden. Ich bin

nur Sturmius der Jünger: Ihr Sturmius, Madame, wie seiner, denn die

Schönheit ist der Nachfolge so würdig, wie das Genie. -- Gestatten Sie

mir, daß ich Ihnen die Schleppe trage, als Ihr musikalischer Page.«

»Das würde wohl unschicklich sein bei der Krinolinenmode,« meinte

Madame Sara, und Sturmius schüttelte sich aufs neue vor Lachen, und

wiederum mußte Madame Sara einfallen, und es dauerte eine ganze Weile,

bis sie sich beruhigt hatte, um sagen zu können: »Mein Gott, was für

Kinder wir sind, wir schreien miteinander vor Lachen, als kennten wir

uns von Jugend auf. Das ganze Hotel werden wir skandalisieren.«

»Wenn es auf mich ankäme,« antwortete Sturmius, »ich hätte nichts

dagegen, wenn es die ganze Stadt wäre.«

Da dachte Madame Sara zum zweitenmal an ihren Tataren und sagte: »Das

wollen wir bleiben lassen, Sturmius. Ich bin mehr für Ausschluß der

Öffentlichkeit bei Privatvergnügen.«

Und sie lachte wieder, -- aber schon etwas leiser.

* * * * *

Der von Sara beliebte Modus wurde beibehalten. Selbst im Hotel wurde,

dank des virtuosen Aufpassens von Lala, die ~entente intime~ zwischen

erstem und zweitem Stock nicht bemerkt, die sich aus der ~entente

cordiale~ sehr bald entwickelte und den asiatischen Beziehungen Madame

Saras an Intensität nichts nachgab.

Die schöne Jüdin war sehr glücklich mit ihren beiden verliebten

Antisemiten, deren Rassenhaß sie auf so angenehme Weise ~ad absurdum~

führte, und die ihr dafür so viel Glut und Verehrung entgegenbrachten,

daß in der Tat für die ganze übrige Judenheit nur recht wenig Liebe

mehr übrig bleiben konnte. Der kleine Gott hatte wirklich gut für ihr

großes Herz gesorgt. Es waren nicht bloß zwei Männer, die sie umfingen,

-- es waren zwei Rassen, zwei Weltanschauungen, die ihr huldigten.

Und das ergab auch in ~puncto puncti~ zwei angenehm verschiedene

Gebarungen. Alles Mystische, Auto- und Theokratische lag dem Jünger

der Zukunftsmusik aus altem germanischen Adelsstamme gänzlich fern. Er

zündete keine Lampe in Rubingläsern an vor byzantinischen Madonnen,

um Dämmerstimmungen auf dem Grenzgebiete zwischen Religion und Erotik

zu Explosionen heftigster Liebesherrschsucht und wollüstigster

Liebesuntertänigkeit zu steigern. Den Tribut, den er der schönen Frau

mit allen Sinnen leidenschaftlich darbrachte, war völlig frei von

asiatischen Ingredienzien. Seine Leidenschaft war klarer, frischer,

heiterer. Er liebte nicht _zum_ ersten Male, aber er liebte wie

_beim_ ersten Male: jungenhaft mit der bald drolligen, bald rührenden

Überschwenglichkeit eines jungen Studenten, -- nur kam, wenn es ans

Sprechen ging, ein reicher erfahrener Geist hinzu und, wenn er seine

Entzückung musikalisch äußerte, eine meisterhafte Kunst.

Für eine Virtuosin der Liebe, als welche sich Madame Sara bald fühlen

durfte, war diese Nuance ein wunderbarer Genuß, der durch die äußere

Häßlichkeit nur noch erhöht wurde.

»Welches Glück,« sagte sie einmal zu ihm, als er in seinem

gelbseidenen, blau und grün geblümten Schlafrock vor ihr herumsprang

und aus allen Winkeln der Welt- und Naturgeschichte Epitheta zum Preise

ihrer Schönheit zusammensuchte, -- »welches Glück, mein Sturmius, daß

du kein schöner Tenor bist, sondern ein häßlicher, der häßlichste aller

Musikanten. Wie schrecklich, wenn du eine Adlernase hättest.«

»Schweig! Es ist nicht zum Ausdenken!« rief Sturmius und schüttelte die

Fäuste.

»Stell dir das groteske Elend vor, wenn du Locken hättest, Sturmius!«

»Absurditäten stelle ich mir nicht vor, Madonna! Es wäre aber mehr als

absurd, es wäre in der Tat verhängnisvoll. Denn, hätte ich Locken und

eine Adlernase, was wäre die Folge? Ich würde Lala lieben und nicht

dich, denn Künstler lieben immer den Gegensatz. Was deine Schönheit

liebt, o Perle von Juda, ist meine Scheusäligkeit. Ich bin ein

verhuzelter, verkrumpelter Germane, ein stark Shakespearescher Witz

des einäugigen Wotan, der übrigens auch kein Apollo ist. -- Darum

liebe ich dich, die strahlende, gliederherrliche Jüdin, Jehovas seliges

Meisterstück.«

»Denke dir: Wenn ich ein Kind von dir bekäme,« sagte nach einer

nachdenklichen Pause Madame Sara.

»Dann lerne ich,« antwortete Sturmius, »auf meine alten Tage beten, daß

es ein Sohn sei und keine Tochter. Denn er wird trotz deiner Schönheit

ein häßliches Kind sein.«

Madame Sara dachte wieder eine Weile nach, dann sprach sie: »Auch ich

will, daß es ein Sohn sei. Es ist nicht gut, wenn zwei so verliebte

Gegensätze ein Mädchen in die Welt setzen.«

»Du redest so mütterlich, meine Halskette, -- hast du einen _Grund_, so

mütterlich zu reden?«

»Ich fürchte: Ja.«

»Du -- fürchtest?«

»Ja ich fürchte. Ich will kein Kind. Schon der Gedanke irritiert mich.

Ich käme mir degradiert vor. Eine Liebe, die -- Folgen ... das ist doch

-- gemein.«

»Ja gnädige Frau, es ist gemein.«

»Laß mich mit Schillerschen Doppelsinnigkeiten zufrieden, Sturmius; du

weißt, für Schiller habe ich kein Organ.«

»Ich weiß, er ist für dich der Dichter der deutschen Turnvereine

und Liedertafeln, und meine braune Venus von Jerusalem ahnt mit

gutem Instinkte, daß vor dem Erze seiner Jamben einmal das Reich der

Krinoline in den Staub sinken wird.«

»Wenn du von Bismarck reden willst, Sturmius, geh' ich.«

»So will ich von Bismarck spielen.«

Und Sturmius setzte sich an den Flügel und phantasierte über Beethovens

Eroica.

Die Gleichgültigkeit, mit der Sturmius die Andeutung Saras aufgenommen

hatte, beleidigte diese gar nicht. Sie fühlte dabei nur, daß der

Maestro sie ebensowenig »liebte«, wie sie ihn, das heißt, daß ihr

Verhältnis beiderseitig frei von aller Sentimentalität war -- dies Wort

ohne jede Abschätzigkeit gebraucht. Und das war ihr im höchsten Grade

sympathisch.

Sie empfand es ganz deutlich: der häßliche Komponist huldigte ihrer

Schönheit mit höchster Leidenschaft, ohne auch nur im geringsten im

Gemüte beteiligt zu sein. Und nicht anders stand es um ihre Neigung

zu ihm, nur daß sie seiner genialen Männlichkeit huldigte. Sein

künstlerisches Temperament und sein scharfer Geist flößten ihr tiefsten

Respekt ein, und sie empfand es als wollüstige Auszeichnung, daß er sie

einer in glühende Erotik verdichteten Verehrung für würdig erachtete,

die seiner Hingabe an die Kunst kaum etwas nachgab. Daß dieser Zustand

nicht andauern würde, wußte sie wohl, und auch das war ihr recht. Sie

hatte durch den gleichzeitigen Umgang mit den beiden Männern die feste

Überzeugung gewonnen, daß sie sich nur in der Abwechslung ganz wohl

fühlte.

Wie sehr sie sich dadurch von der ungeheuren Mehrzahl der Frauen

unterschied, war ihr keineswegs unklar, und sie hatte auch Verstand

genug, einzusehen, wie weit sie damit von der herrschenden Moral

abrückte. Mit Sturmius konnte sie darüber von der Leber wegreden, und

das erschien ihr als großer Vorzug des deutschen Künstlers vor dem

russischen General, dessen Qualitäten auf einem ganz entgegengesetzten

Gebiete lagen. Sie waren ihr nicht weniger gemäß, ja sie lagen

ihrem eigenen Wesen als Frau näher. Aber sie war doch nicht so

ganz Orientalin, wie der Verehrer Asiens glaubte, sie war viel

differenzierter, westlicher, als er ahnte, dem gegenüber sie sich

von vornherein viel weniger enthüllt hatte, als dem Deutschen. Er

kannte in ihr nur die Sulamitin, wie er sie sich ins alte Testament

hineinkonstruiert hatte, aber sie war, ihm unbewußt, gleichzeitig gar

sehr modern, im Sinne der Emanzipation des Fleisches durch das Gehirn,

wie sie Heinrich Heine gepredigt hatte, den Fürst Golkow nicht anders

zu nennen pflegte, als das »Genie der jüdischen Entartung.«

»Dieser Auswurf des Orients, dieser Teufel in Judengestalt, ist von

der Vorsehung dazu bestimmt gewesen, das ganze Talent seiner Rasse

zu keinem anderen Zwecke zu verkörpern als zu dem: Die Deutschen zu

demoralisieren und dadurch reif zum Untergange durch das Slaventum zu

machen. Goethe, auch ein gefallener Engel, ist ihm darin vorangegangen,

aber längst nicht mit so diabolischem Erfolg, denn Goethe war ein

ästhetischer Hellene. Heine, indessen, war Juden-Grieche. Goethe

konnte, bei allem Hellenentum, noch ein Gretchen fabulieren. Heine

hat dieses Gretchen vergiftet, indem er es emanzipierte. -- Und

dieses Volk, diese Deutschen, erst durch Rom verdorben, dann durch

Luther um jedes Gefühl der Religion gebracht, dann durch Kant bis

zur Gasflüssigkeit in reine Vernunft aufgelöst, dann durch Goethe

in griechische Formen vereist, durch Schiller aber wieder durch

heiße Phrasen aufgetaut, daß sie wie Brei auseinander flossen, und

schließlich von Heine mit allen Gärungsstoffen aus dem Sumpfe jüdischer

Entartung durchsetzt, -- dieses Volk von lauter Individuen will --

einig, will ein ganzes werden. Es hat niemals ein lächerlicheres

politisches Phänomen gegeben, und auch Herr von Bismarck wird beim

besten Willen nicht imstande sein, aus dieser Fata Morgana ein Gebilde

von Realität zu machen.«

Auf solchen Umwegen pflegte der Verehrer Asiens auf die heilige Allianz

zu kommen, die für ihn der letzte Gipfel europäischer, -- nämlich

asiatischer Politik war.

Zuweilen machte sich Madame Sara das Vergnügen, diese Gedankengänge,

die sie nur mäßig interessierten, vor Sturmius auszubreiten, der sich

darüber schief lachen wollte.

»O du güldne Posaune von Jericho,« rief er dann wohl aus, »o du lustig

schmetternde! Nie bist du reizender, als wenn dein schöner Mund so

greulichen Unsinn tönt!«

Dagegen nahm er ihre eigenen Ergüsse über ihre Ansichten von Liebe ohne

Sentimentalität ernst.

»Solche Ansichten stehen dir zu Gesicht, und bei schönen Frauen kommt

alles darauf an, wie es ihnen steht. Es wäre schlimm, wenn unsere

deutschen Hausmütter so dächten; es wäre entsetzlich. Aber diese Gefahr

ist nicht vorhanden. Fest steht und treu die Wacht am Ehebett. Du aber

darfst und sollst verruchte Maximen haben. Eine Schönheit wie die deine

würde gegen den Stil sündigen, wollte sie moralisch sein. Auch die

große Dame von Babylon hat ihre Existenzberechtigung, und wir Künstler

verdanken ihr unsere besten Informationen. Ach, es sind in eurem

herrlichen alten Buche wundervolle Stellen darüber! Heute darf man so

etwas nur in Musik sagen, -- und das wird jetzt in Triebschen von dem

größten aller Propheten besorgt.«

Und nun sollte Madame Sara ein Kind bekommen, von dem sie nicht wußte:

ist es von dem, dessen Seele in Asien wohnt, oder von dem, der das Heil

der Zukunft von Bismarck und Richard Wagner erwartet.

Im Brennpunkte der Leidenschaft zweier Gegenpole stehend und sich

jedem, dem einen wie dem anderen, mit gleicher Leidenschaft zuwendend,

hatte sie zuweilen das Gefühl eines Verhängnisses über sich, das ihr

manchmal grell, manchmal düster, kaum je einmal in einem ruhigen Lichte

erschien.

Doch kam das nicht häufig über sie.

Klar war ihr das eine: das Kind durfte ihr nicht unbequem werden, und

von ihrer Mutterschaft durfte niemand erfahren, schon wegen der Gesetze

ihres Staates nicht, das für eine Witwe, welche außerehelich gebiert,

sehr fatale vermögensrechtliche Folgen festsetzte.

In Lalas Tagebuch stand, als der Dresdner Aufenthalt zu sieben Monaten

gediehen war, dieses: »Sprach die helle Schwester: Laß uns das Kind in

einen Binsenkorb tun, wie Mose, und den Wellen eines Flusses übergeben.

Und Geld dazu und von den Vätern Geschenke. Hat es Glück, so wird die

Tochter Pharaos es finden und zu Ehren aufziehen. Wir aber wollen es

nur von weitem verfolgen und ihm beistehen, wenn es nottut.«

So alttestamentlich ging es indessen nicht zu.

Als die Zeit herangekommen war, daß es für Sara nötig schien, sich

zurückzuziehen, nahm sie freundlich und gelassen von ihren beiden

Dresdner Freunden Abschied.

Rührendes ereignete sich dabei nicht.

»Da du nicht wünschst, daß ich für unser Kind sorge, so darf ich dich

nur bitten, ihm ein kleines Andenken stiften zu dürfen,« sagte Fürst

Golkow, -- »diese Bronze eines mit vorgelegter Lanze dahinstürmenden

Kosaken. Es möge ein Symbol für sein Leben sein -- zumal wenn es ein

Junge ist.«

Maestro Sturmius aber bat sie, dem Kinde zum Andenken an seinen

»ausgezeichneten aber leider mehr musikalischen als moralischen Papa«

seinen schönsten seidenen Schlafrock mit auf den Lebensweg zu geben.

»Denn,« so fügte er hinzu, »es gibt in jedem Menschenleben Augenblicke,

wo ein seidener Schlafrock einem härenen Gewande vorzuziehen ist.

Denn Seide kühlt und Seide wärmt,

Und hat sich jemand abgehärmt,

Dieweil das Leben Härten hat:

Das seidne Lotterkleid ist glatt.«

Sollte man finden, daß diese Erzählung eigentlich keinen rechten Schluß

hat, so würde man mir damit nicht zu nahe treten, denn ich habe diese

Empfindung selber gehabt. So sehr, daß ich einen ganzen Roman dazu als

Schluß geschrieben habe: den Roman des Sohnes der schönen Sara, der

zwar einen seidenen Schlafrock und einen reitenden Kosaken, aber keinen

genau bestimmbaren Vater hatte, und der »Prinz Kuckuck« genannt wurde,

weil er zeitlebens in fremden Nestern hauste.

Samalio Pardulus.

Johannes Pauli, der ein Jude war, ehe er ein Barfüßermönch wurde,

erzählt in seinem Buche »Schimpf und Ernst« die sonderbar düstre

Geschichte eines Malers, der ein Monstrum war: halb Mensch, halb Roß,

hausend im wilden Walde, aber mit hoher Kunst gar wunderbar begabt.

Doch, wie seine Farben auch leuchteten, und wie meisterlich immer seine

Zeichnung ging: was er gestaltete, hatte die scheusälige Grimasse

seines Urhebers. Nicht einmal den Heiland vermochte er anders als

mißgestalt zu schaffen, dermaßen, daß man ihn eher für einen Teufel

als den Sohn Gottes habe ansehen müssen. Daher denn Christus selber

ergrimmte und dem malenden Ungetüm erschien, ihm seine Schönheit zu

zeigen und ihm ins Gemüt zu reden.

Daß er dabei gesprochen hat, wie es der Barfüßer berichtet: nämlich

nicht anders als wie ein junger Herr, der, von seiner Schönheit

eingenommen, die Leistungen seines Photographen nicht vorteilhaft genug

findet, ist schwer zu glauben. Eher hat noch die Antwort des schlimmen

Malers glaubliche Haltung: daß er nichts als Vergeltung übe an dem,

der zuerst ihn als Scheusal geschaffen habe. »Wahrlich, wäre ich es

mächtig, dir Härteres anzutun, als böse Bilder -- ich tät's mit Lust.«

Da ergrimmte der Herr, nach des Mönchs Bericht, in großem Zorne und

stieß mit seinen Händen das Malgerüst um, auf dem Samalio Pardulus

stand, daß es ihn unter sich erschlug, und sprach: ~Talem perpetrat

verdictam, qui per ipsam perdit vitam.~

* * * * *

Hat dieser Johannes seinen Jesus recht gekannt? Hat er um den Maler

Bescheid gewußt? Nein: er wußte weder von Gott noch von der Kunst.

Die Geschichte von Samalio Pardulus nach den Quellen und nach dem

Geiste ist so:

Ja: Er war ein wildhäßlicher Mensch: über die Maßen lang und dürr, dazu

schiefschulterig und lahm; und hatte einen lächerlich spitzen Kopf

voll krausborstiger schwarzer Haare, die bis tief in die faltige Stirn

hineingewachsen waren; aber keinen Bart um die schmalen, gleichsam

verwelkten Lippen, und auch die gelben, schlotterigen Wangen waren ganz

bloß, wie bei einem Kinde. Dafür lagen wie zwei dicke Raupen, die sich

ineinander verbissen haben, dichte, stachelige Brauen über den kugelig

hervorstehenden braungrünen Augen, und seine knochigen, langen Hände

waren dicht behaart. Auch aus den viel zu großen und abstehenden, dabei

pergamentfarbenen Ohren wuchsen Haarbüschel heraus, und nicht minder

aus den abscheulich weiten Öffnungen der Nase, die im übrigen übermäßig

lang und an der Spitze schnabelartig überhangend war. Ein Roßmensch

war er aber nun doch nicht und lebte auch nicht eigentlich im Walde,

sondern in einer der Burg an Burg, Turm an Turm wie aus Zyklopenquadern

zusammengehäuften Städte des Albanergebirgs: zu jener Zeit, da es

niemals Frieden gab, sondern immer der Krieg den Rachen offen hatte,

sei es, daß unter den Geschlechtern Streit war, oder zwischen diesen

und den Bürgerlichen.

Indessen lebte man darum keineswegs traurig, sondern, ob auch in steter

Unsicherheit, mutig, ja lustig dahin, immer darauf gefaßt, dem Leben

schnell Lebewohl sagen zu müssen, aber entschlossen, bis zum Ende des

großen Abenteuers frisch und derb zuzulangen nach allem, was Gott oder

Teufel auftafelte. Zwischen Laster und Tugend, Tod und Wollust, Kampf

und Schmaus aber gingen in Kapuzen und Sutanen Mönche und Priester

dunkel umher und hatten für alles ihre lauten und leisen Worte, und in

den Kirchen knieten Freund und Feind nebeneinander, mit den Nüstern

schwülen süßen Weihrauch atmend, mit den Ohren Geheimnisse vernehmend

aus herrischen, aber wie auf Wolken göttlicher Verheißung schwebenden

Tönen, und mit den Augen umfangend die königlich strenge, jedoch auch

mütterliche, jedoch auch bräutliche Schönheit der goldumloderten

Madonna.

Samalio Pardulus, seinem eigentlichen Namen nach der Sproß des ältesten

und mächtigsten Geschlechtes der Stadt, das sich auf altrömischen

Ursprung zurückführte, war weder bei den Rittern noch bei den

Geistlichen, weder bei den Kämpfen noch bei den Schmäusen: war auch in

der Kirche nicht zu sehen. Er nahm nicht teil am Leben seiner Tage, war

im Gefühle tot für alles, was jenen Menschen Glück oder Unglück hieß.

Und hatte auch nicht Freude an sich selbst.

Kannte nur _eine_ Lust: allein zu sein und um sich herum eine neue Welt

zu bilden aus Gestalten seiner Einbildung, der eine starke Kraft zu

Gebote stand, sich in Bildern darzustellen.

Das Handwerk hatte er von einem Manne aus Florenz gelernt, der, aus

der Heimat um Parteifeindschaft willen vertrieben, der Geheimschreiber

seines Vaters geworden war: ein schweigsamer Mensch, dessen Augen

voller Klage und Heimsucht waren. Was dieser mit Pinsel und Farbe

vermochte, hatte er auch bald vermocht. Aber er wollte mehr. Denn

jener, der das Malen nur erlernt hatte, um sich, da er noch reich und

ein großer Herr gewesen war, müßige Stunden zu vertreiben, malte nur,

was die Meister seiner Vaterstadt schon einmal gemalt hatten, und er

gedachte gar nicht, es ihnen gleich zu tun, oder gar mehr als sie.

Indem er malte, dachte er an Florenz und schuf sich ein blasses Abbild

des Schönen, daraus er vertrieben worden war. Samalio Pardulus aber

(wir wissen nicht, welche Bewandtnis es mit diesem Namen hat) hatte

keine Kunst fremder Meister gesehen (denn die schlechten Bilder in

den Kirchen und Häusern seiner Stadt waren nicht meisterlich), und so

gedachte er an nichts Fremdes: nur an das, was in ihm selber war und

das er innerlich sah als etwas ganz ihm Eigenes, nicht zugespiegelt

aus fremder Kunst, am wenigsten der seines Lehrers. Seine innerlichen

Gesichte aus sich herauszustellen, die schwankenden fest, die

verwehenden dauerhaft zu machen, war sein Begehren.

»Daß ich Genossen hätte, male ich,« sagte er einmal zu seinem Lehrer,

»ich male, daß ich nicht ganz allein sei. Könnte ich nicht malen, so

würde ich mit Huren Kinder machen: aber mit den schamlosesten und

wüstesten. Ja mit Tieren, wenn es die Natur zuließe. Nur, daß ein

anderes Volk um mich herum wäre als dieses, das mir greulich fremd

ist.«

Messer Giacomo, der weder solche Worte vernommen, noch Bilder

gesehen hatte, wie die seines wüsten Schülers, und dem es eine Art

schreckhaften Ergötzens war, in der Langenweile seiner Verbannung

sich mit dem »~mostro~« zu beschäftigen, schrieb in seinem (übrigens

langweiligen, weil gar zu eintönigen) ~diario~, das man später im

Archive des Schlosses Certaldo alto aufgefunden hat, als das alte

Gemäuer in den Besitz des Staates überging, getreulich alles auf, was

er »~nella selva~«: im Walde draußen beim »~centauro~«, wie er seinen

Schüler nannte, sah und hörte. Es scheint, daß er später in seine

Heimat zurückgekehrt ist und in jenem Schlosse zwischen Florenz und

Siena seine Tage beschlossen hat. Unter den über dem Schloßportale

heute noch sichtbaren Wappen der verschiedenen Geschlechter, die

einander im Besitze von Certaldo alto folgten, befindet sich auch das

seine. Weiter wissen wir nichts von ihm. Wenn aus dem übrigen seines

Tagebuches nicht hervorginge, daß er ein grundnüchterner Mann gewesen

ist, der sich nicht mit Phantasiebeschäftigungen abgab, sondern, seine

kleine Pinselliebhaberei abgerechnet, ganz in den realen Interessen

aufging, die ihn zum tätigen Parteimann machten, so könnte man

glauben, er habe sich diesen Samalio Pardulus erfunden, gewissermaßen,

um sich auch als Poeten zu versuchen. Aber die Art, wie er den

Äußerungen des seltsamen Menschen (gemalten wie gesprochenen) immer

den Kommentar eines unerschütterlich mittelmäßigen Besserwissertums

und biederer Philistrosität anhängt, läßt diesen Verdacht nicht

aufkommen. Wir dürfen, wie wunderlich auch das meiste erscheinen mag,

was er berichtet, mit Sicherheit annehmen, daß der Herr von Certaldo

alto den »Zentauren« wirklich und leibhaftig gekannt, jene wilden

Bilder gesessen und alle die Worte vernommen hat, die er, stets mit

Äußerungen des Entsetzens, mitteilte.

Wir folgen seinen Aufzeichnungen in allem wesentlich getreu und nehmen

nur da das Recht in Anspruch, aus seinen tadelnden Kommentaren das Bild

des »Scheusals« in einem Sinne zu ergänzen, der mit Messer Giacomos

Meinungen nichts gemein hat.

Reife Früchte vom Bierbaum · 第 5 / 12 段