mit einem Tone der Überraschung, dem man es anhören konnte, daß die
Überraschung gespielt war. Der Herr mit den hellbraunen Augen verstand
sich auf Tonnuancen aus Frauenmunde und wußte auch die richtigen
Folgerungen daraus zu ziehen und sich den Folgerungen entsprechend
mit Delikatesse zu benehmen. Aber hier hätte es der Erfahrung und
Sicherheit eines Meisters in der Kunst der Anknüpfung mit Damen nicht
einmal bedurft, denn angesichts ganz großer Gegenstände der Kunst
oder Natur ist es selbst für Anfänger leicht, den Faden zu einem
Gespräch anzuspinnen und fest zu drehen. Was so hoch über der gemeinen
Konvenienz steht, wie die Sixtinische Madonna, verleiht mit der Macht
von Souveränen auch das Recht, sich in seiner Gegenwart zeitweilig über
konventionelle Schranken wegzusetzen.
So waren Weltdame und Weltmann bald in einem angenehm bewegten
Gespräch, das bei Raffael begonnen hatte, über die Kunst im allgemeinen
anmutig weggeschaukelt war und sich schließlich behaglich über Fragen
des gesellschaftlichen Lebens in Dresden ausbreitete.
Der Umstand, daß auch der Herr als Fremder in Dresden weilte, ergab
eine willkommene Erleichterung der gegenseitigen Aussprache. Eine
Reisebekanntschaft, sogleich als Reisebekanntschaft determiniert, wird
von Leuten von Welt, die sonst zumeist gezwungen sind, sich in festen
Zirkeln zu bewegen, immer als eine angenehme Bescherung des Zufalls
gerne begrüßt. Man lernt sich schnell kennen, kommt einander, wenn
Sympathie im Spiele ist, sehr schnell nahe, bleibt aber doch immer
Passagier, und es genügt, eines Tages zu sagen: Morgen mit dem Frühzuge
reise ich weg. Nicht einmal das Stammbuchblatt früherer Zeiten ist
auszufüllen:
Fällt Dein Blick auf diese Seite,
Wenn Du jene umgewandt,
Denk an mich mit Gunst und sage:
Diesen hab ich auch gekannt.
Fürst Wladimir Golkow, russischer Kavallerie-General außer Dienst,
Kommandeur des Sankt-Georgsordens für besondere Bravour im Krimkriege,
besaß viel Neigung zu derlei Bekanntschaften, zumal wenn es sich um
schöne Partnerinnen handelte, und er lebte recht eigentlich solcher
Reisebekanntschaften wegen immer auf Reisen. Doch war Dresden, das zu
jener Zeit von Russen überhaupt bevorzugt wurde, der Ort, zu dem er
von Zeit zu Zeit immer wieder zurückkehrte. Daher er hier eine feste
Wohnung unterhielt, eine kleine Villa in einem großen Garten der
Neustadt.
Heute knattert auch durch dieses damals noch ganz ländlich stille
Viertel der elektrische Trambahnwagen; die großen Gärten sind
parzelliert, und in jedem der neuen kleinen Gärten steht, die
dumm-moderne Front zur Straße gewendet, ein kleiner Steinkäfig mit
Stuckornamenten, in dem ein Dresdner Partikulier wohnt, dem es gerade
recht ist, daß er seinem Nachbar in die Fenster gucken und riechen
kann, was der Herr Rechnungsrat nebenan heute zu Mittage hat. Damals
aber war das eine vornehme Gegend. Wenige, aber große, mit alten Bäumen
bestandene Gärten, und tief im Grün des Gartens, von der Straße kaum
sichtbar, ein altes Herrenhaus mit französischem Doppeldach, ohne
viel Schmuck, und ganz gewiß ohne angeklebten Schmuck, aber von guten
architektonischen Verhältnissen, behaglich geschmackvoll.
Ein solches Haus in solchem Garten hatte sich »der Russe«, wie er in
der Gegend kurz genannt wurde, erworben und ganz nach seinem Sinne mit
Möbeln aus der Zeit des ersten Kaiserreichs ausgestattet, die damals
bloß als altmodisch, aber noch nicht für »antik« galten. Sie sagten ihm
in ihrer strengen und etwas steifen Pracht viel mehr zu, als die mit
Rokoko-Verzierungen recht oberflächlich spielenden Möbel des zweiten
Kaiserreichs, die ihm den Eindruck von Unsolidität und Weichlichkeit
machten. Er aber liebte die gerade Linie, sparsamen, zurückhaltenden
Schmuck aus echtem Material und eine gewisse Massigkeit. Das grazilere
»Damen-Empire«, die feinbeinigen Tischchen und wie aus Gitterwerk
zierlich konstruierten Sofachen fand man bei ihm nicht, wohl aber
gewaltige, wenn auch durch die Kunst der Verhältnisse nicht plump
erscheinenden Tische und wahrhaft überlebensgroße Prachtkanapees.
Die östliche Herkunft und den früheren Beruf des Besitzers verrieten
kostbare persische Teppiche, turkestanische Vorhangstoffe und wertvolle
Waffen der verschiedensten Art: Säbel, Degen, Pistolen, Gewehre, die,
weit zahlreicher als Bilder, an den Wänden hingen. Doch fehlte es auch
an Bildern nicht völlig, und diese ließen gleichfalls gewisse Schlüsse
auf die Neigungen ihres Besitzers zu. Da waren bunte, edelsteinbeladene
russische Heiligenbilder, byzantinische Madonnen neben tibetanischen
Malereien auf Seide, die schauderhafte Götzen, überladen mit Attributen
der Grausamkeit und Wollust, darstellten, aber es gebrach auch nicht
an allerhand nackten Damen antikmythologischer und ganz und gar
moderner Herkunft. Diese letzteren aber waren nicht so sehr durch
klassische Schönheit wie durch Fülle ausgezeichnet. Auch plastische
Kunstwerke waren vorhanden, doch gewahrte man weniger echte Bronzen,
als Erzeugnisse des berühmten russischen Phosphor-Eisenwerkes bei
Jekaterinburg, die nichts so gerne darstellen, wie reitende Kosaken.
Auch von diesen Dingen war bereits in Gegenwart der Sixtinischen
Madonna die Rede, und es war nicht bloß höfliche Vorheuchelung, wenn
Madame Sara erklärte, daß alles Russische sie besonders interessiere.
»Rußland, verzeihen Sie, Fürst, hat für uns Amerikaner den Reiz
kostbarer Barbarei. Gilt uns Europa als die alte, schon etwas
lahmgewordene Kultur, so Rußland als der große Rachen, der diese Kultur
einmal verschlingen und, wenn er imstande ist, sie zu verdauen, aus
ihr ein neues Gebilde von halb asiatischem Charakter erstehen lassen
wird.«
»Ich verstehe, Madame. Wir Russen sind für Sie die Europäer ~à la
tartare~. Ein bißchen Politur über dicker Roheit. Nun ja, gottlob,
es ist etwas Wahres daran. Unsere Kraft liegt in Asien, im Urgebiet
des Menschen, das schon mehr Kulturen sterben sah, als je in Europa
entstanden sind. Dort ist viel verfault und daher, dank der Düngung
durch Jahrtausende der beste Humus für eine neue, für unsere Kultur.
-- Was Sie in Amerika verflucht schnell und, entschuldigen Sie, etwas
oberflächlich gemacht haben, machen wir verflucht langsam, daher
aber um so gründlicher. Sie haben auf ein neues Land den äußerst
schnell alt gewordenen europäischen Liberalismus gepfropft, aber
dieses Wunderkind wird wie alle Wunderkinder früher sterben, als es
Nachkommen hervorbringen konnte. Wir aber gehen auf das echte Urwesen
des Menschen zurück, das sich, wenn Sie wollen, barbarisch geworden,
im Osten erhalten hat und zu alt ist, als daß es die Kinderei des
Liberalismus hätte mitmachen können. Panslavismus heißt Asiatismus,
heißt Mystizismus. Revanche für Marathon und Salamis ist das letzte
Ziel der russischen Politik.«
»Oh! Oh! Sie springen weit und überspringen viel, Fürst!«
»Das kommt, weil wir Russen an große Ausdehnungen gewöhnt sind.«
»Wie wir Amerikaner.«
»Aber Sie springen an der Longe Europas in der Manege des Liberalismus.
Zirkuskünste! Bei uns aber ist Freiheit und Größe! Nur bei uns!«
»Freiheit? Existiert das Wort im Russischen?«
»Nicht im Sinne der kümmerlichen ~Liberté~, aus der die ruchlos
idiotische ~Égalité~ hervorgegangen ist, aber im großen Ursinne der
Brüderlichkeit eines ganzen Volkes, das sich als Familie fühlt und mit
tiefem Instinkte den fürchterlichen Unsinn des Individualismus erkannt
hat, den wir den griechischen Windbeuteln und den einzigen entarteten
Orientalen verdanken: den Juden.«
Bei diesem Worte fühlte die kluge Sara, der dieses Gespräch ein seltsam
aus Ärger und Respekt gemischtes Vergnügen bereitet hatte, daß jetzt
der Moment gekommen war, wo es sich entscheiden mußte, ob sich mehr und
Besseres aus ihm entwickeln sollte, als Gespräche.
Und sie sagte mit einem Lächeln, das schlechterdings bezaubernd war in
seiner Mischung aus ein bißchen Demut mit viel Stolz: »Sehen Sie mir es
nicht an, daß ich Jüdin bin, Fürst?«
Auch der Kommandeur des Sankt-Georgsordens empfand sehr schnell die
Bedeutung dieses Momentes. Er, der in der Tat längst und keineswegs
mit Mißfallen die jüdische Herkunft seiner schönen Partnerin bemerkt
hatte, ergriff ihre linke Hand und zog sie an die Lippen, indem er
sprach: »Ich verstehe mich auf Frauenschönheit, Madame, und ich müßte
nicht tatarisches Blut in mir haben, wenn ich sie nicht zu schätzen
und -- abzuschätzen wüßte. Meine Liebe für den Orient ist nicht bloß
platonisch-politischer Natur. Mag ich auch die Juden für entartete
Orientalen mit dem denkbar schlechtesten Einfluß auf die menschliche
Kultur halten -- die Jüdinnen sind mir immer besonders verehrungswürdig
erschienen, und ich möchte mich ihrem Einflusse keineswegs entziehen,
-- zumal, wenn er über ein Lächeln verfügt, wie Sie.«
Madame Sara hörte den Unterton von paschahafter Überlegenheit aus
diesen Worten wohl heraus, aber er mißfiel ihr durchaus nicht. Im
Gegenteil: Sie ahnte aus ihm etwas, das sie innerlich höchst angenehm
aufschauern ließ.
Und sie wiederholte ihr Lächeln, indem sie die Demut darin zur Balance
mit dem Stolze steigerte. Und sagte: »Auch die Ironie in Ihren Worten
entzückt mich, Fürst, -- nicht bloß die Schmeichelei. Sie haben eine
mir sehr zusagende Manier der galanten Huldigung, und ich würde es
vielleicht auf einen Versuch ankommen lassen wollen, zu erfahren, ob
Sie jetzt bloß -- höflich gewesen sind.«
Der Versuch wurde gemacht, wurde wiederholt, und es war bald kein
Zweifel mehr daran erlaubt, daß Fürst Golkow eine mehr als platonische
Neigung für schöne Jüdinnen hatte.
Schon nach wenigen Wochen war Madame Sara im ~buen retiro~ des Fürsten
wie zu Hause, und sie lernte den Zusammenhang begreifen, der zwischen
den byzantinischen Madonnen, den tibetanischen Verzückungsgreueln und
den Kosaken aus russischem Weicheisen bestand. -- --
Wie ihr das neu war nach ihren Erfahrungen mit dem seligen Asher und
dem Intermezzo mit dem hübschen Leipziger Korpsburschen!
Sie lernte mit großem Interesse das erotische Gruseln kennen und
entbrannte in heftigster Leidenschaft zu ihrem Tataren, wie sie nun den
Fürsten gerne nannte. Indessen: den Kopf verlor sie dabei doch nicht.
Wie gerne sie auch ihrem erotischen Mystagogen auf den dämmerigen
Wegen in das mystische Paradies folgte, und wie gelehrig sie sich auch
aus angeborenem Talente benahm, -- sie verfiel ihm nicht so ganz, wie
es den Anschein hatte, und wie er es nach dem Anschein gerne glaubte.
Sie exaltierte sich nicht aus Berechnung; das hatte ihr Temperament
nicht nötig. Sie spielte auch nicht aus Berechnung die Liebessklavin;
diese Rolle war ihr im gegebenen Momente Natur. Aber beides, die
Exaltation und die demütige Unterwerfung unter den Herrn der Liebe,
nahm sie nicht dauernd ein; -- sie blieb über der Sache, die für sie
nicht Liebe, sondern Sensation war, aber sie wußte sich klüglich den
Anschein zu geben, als sei sie nicht bloß in seinen Armen sein.
Auch beim Fürsten war es nicht Liebe im wahren mystischen Sinne des
Wortes, nicht die ganze innere Verknüpfung seines Wesens mit dem
ihren. Er entzückte sich an ihr zu Schwelgereien seiner wunderlich
verstiegenen und alle Abgründe aufsuchenden Erotik. Er genoß in ihr --
Asien und meinte in ihr -- das Judentum zu unterwerfen. Aber es ging
ihm wie manchen großen Herrn, die, gerade wenn sie am unumschränktesten
zu herrschen glauben, um ihr eigentliches Herrschertum betrogen werden.
Die schöne Jüdin wurde ihm zum Bedürfnis, und sie zwang ihm leise eine
Monogamie auf, die ganz und gar nicht in seinem Wesen lag.
Ein solcher Zustand aus wirklicher Liebe ist Glück. Beim Fürsten
war es eine Folge von Rauschzuständen, denen es am Intermezzo des
Katzenjammers nicht fehlte. Trotzdem dachten beide nicht daran, die so
intim gewordene Reisebekanntschaft durch eine Abreise zu lösen.
Madame Sara fühlte sich in Dresden durchaus und in jeder Richtung
wohl. Sie war durch den Fürsten, soweit er selbst gesellschaftliche
Beziehungen pflegte, in die Gesellschaft gekommen, -- nicht so sehr in
die der ansässigen Kreise, als in die der Fremden von Distinktion. Und,
wo sie erschien, machte sie Aufsehen, gefiel sie. Das tat ihr wohl und
machte ihr Vergnügen, zumal, da sie an Schönheit, Geist und Eleganz
keine Rivalin fand.
Es dauerte nicht lange, und sie war umworben. Ein Attaché der
französischen Gesandtschaft gefiel ihr, aber seine Gespräche waren
zu pariserisch glatt. Sie war tiefere Paradoxe gewöhnt als die, die
Monsieur le Comte de Brottignolles aus dem Figaro schöpfte, den sie
selber las. Auch ein junger sehr reicher Engländer, der immer vorgab,
sich zum Studium der deutschen Sprache in Dresden aufzuhalten, aber nie
ein deutsches Wort über seine wunderbar rasierten britischen Lippen
brachte, machte in seiner blonden Gesundheit einen gewissen Eindruck
auf sie. Er war nicht parfümiert und roch doch gut. Alles war gut
ausgearbeitet und doch strotzend an ihm. Kurz: ein Triumph der Hygiene.
Aber er war gar zu englisch, zu insular, und man konnte mit ihm
schlechterdings nur über Dinge reden, die augenscheinlich vernünftig
waren. Und, um Leitartikel miteinander auszutauschen, dazu, meinte
Madame Sara, unterhält sich eine junge Frau nicht mit einem jungen
Manne. Überdies hatte sie die Empfindung, daß er grausam tugendhaft sei
und sich darauf noch etwas einbilde.
Der Fürst, dem es nicht entgehen konnte, daß seine Sulamitin auch
anderen gefiel, beobachtete mit großem Vergnügen das Vergebliche aller
Versuche der anderen, ihr nahe zu kommen, und legte das wohlgefällig
als Beweis seiner festen Alleinherrschaft aus. Irgendwie erstaunlich
fand er es nicht, denn es gehörte zu seiner Überzeugung von den
Vorzügen der östlichen Menschen, daß dort die Männer zwar polygam, die
Weiber aber monogam veranlagt seien. »Sogar die Jüdinnen,« hatte er
einmal zu Sara gesagt, »die überhaupt noch echte Orientalinnen sind,
weshalb sie sich in ihren schönen Exemplaren auch überall gleichen,
während der amerikanische Jude ganz wie ein Amerikaner aussieht, der
französische Jude ganz wie ein Franzose.« Auch gegenüber solchen Reden
hatte Sara das unterwürfige Lächeln der Favoritin, aber in ihrem Innern
sah es dabei gar nicht unterwürfig aus, und im Tagebuche Lalas gab es
eine Stelle, die lautete so: »Sprach die helle Schwester: Je gescheiter
ein Mann ist, um so leichter kann ihn eine Frau betrügen.«
* * * * *
Eines Morgens wurde Madame Sara, die erst sehr spät von einem Besuche
bei ihrem Tataren nach Hause gekommen war und unerquicklich geträumt
hatte, durch rasendes Klavierspielen und eine fürchterliche Art von
Gesang geweckt. Beides wurde offenbar direkt über ihr verübt. Sie
schellte Lala herbei und rief ihr entgegen: »Was ist denn das! Wer
wohnt denn über uns?«
»Oh!« antwortete Lala mit großem Ernste, »du wirst ihn lieben. Er ist
so häßlich wie ich, aber du wirst ihn lieben. Er ist anders. Er ist gut
und verrückt. Er hat zu mir gesagt: ›Ei du Scheusälchen‹!«
Madame Sara, eben noch recht ärgerlich, mußte lachen, und sie sagte:
»Mir scheint, Lala: du liebst ihn. Dann muß ich zurücktreten.«
Aber Lala verstand solche Scherze nicht. Sie sagte: »Oh, es ist wahr.
Er ist ganz für dich. Er ist ganz anders und ganz für dich, und er wird
dich lieben.«
»Dann soll er vor allem mit diesem schrecklichen Klavierpauken aufhören
und mit dem noch schrecklicheren Gesingse!«
»Lala geht zu ihm.«
Und Lala ging hinauf, und augenblicklich wurde es ruhig.
Nach einer Weile kam die dunkle Schwester mit einem Billett zurück, auf
dem folgende Worte standen:
»Wenn Orpheus sang, schwieg selbst das Federvieh,
Doch Orpheus selber, lehrt Mythologie,
Orpheus schwieg nie.
Aber Orpheus hat auch nicht das Glück gehabt, Madame Sara Asher Neuyork
(siehe Fremdenbuch) zu sehen, wie der ganz ergebenst endesunterfertigte
Musikante und Poet, der zwar nicht leben kann, wenn er nicht den Flügel
bearbeitet und seine unsterblichen Melodien den Morgenwinden mitteilen
darf, aber lieber aufs Leben zu verzichten gewillt ist, als daß er
der schönsten aller Damen ärgerlich sein möchte. -- Es liegt also bei
Madame, zu entscheiden, ob ich leben oder sterben soll. -- Ich werde
mir erlauben, selbst um die Entscheidung anzufragen, wenn Madame die
Gnade haben will, mir dafür eine Stunde zu bestimmen.
Der ich bin der schönsten Dame alleruntertänigster Diener und Knecht
~Sturmius de Musis~.«
»Du scheinst recht zu haben, Lala, er ist entschieden verrückt,« sagte
Sara, als sie unter Lächeln das Billett gelesen hatte. »Aber er ist ein
amüsanter Narr. Du kannst ihm also sagen, daß ich um ein Uhr für ihn
zu sprechen bin.«
Punkt ein Uhr überbrachte Lala ihrer Herrin eine Visitenkarte, die
den wirklichen Namen des ~Maestro Sturmius de Musis~ aufwies, einen
alten deutschen Adelsnamen, der eben an allen Plakattafeln der Stadt
über einer Konzertanzeige zu lesen war. »Ich lasse bitten!« sagte sehr
freundlich Madame Sara, musterte schnell noch einmal ihre raffiniert
halb auf Empfang, halb auf Negligé gestimmte Toilette und ließ sich,
gelb auf rosa, in einen üppig gepolsterten Armstuhl sinken.
Kaum, daß sie noch einen Wurf alter Brabanter Spitzen über türkischen
Pantöffelchen zur Geltung hatte kommen lassen können, stand der
Flügelgewaltige auch schon in der Türe.
Er sah, oberflächlich angesehen, recht unscheinbar aus. Klein und
mager, wie er war, verschwand er fast in dem überlangen, schwarzen,
noch etwas biedermeierisch geschnittenen Bratenrocke, den er zu
breit karierten hellen Nankinghosen trug. Ein nicht recht eleganter
Umlegekragen gestattete einem hellroten seidenen Schlips, weiter
hervorzuzipfeln, als es die Mode erlaubte, und ließ einen keineswegs
schönen, allzulangen und sehr sehnigen Hals frei, der zu allem Überfluß
noch von einem überlebensgroßen Adamsapfel belebt wurde. Dieser
fleißig auf- und niedersteigende Knollen hätte bei jedem anderen die
Aufmerksamkeit des Betrachters konkurrenzlos in Anspruch genommen. Bei
Madame Saras Besucher vergaß man ihn bald, wenn man einmal den Kopf
angesehen hatte. Vor allem: er war zu groß. Er paßte nicht zum Körper.
Er wirkte als Kopf an sich. Und dann: er war grausam häßlich, weil
er auch in sich keine anständigen Verhältnisse hatte. Ein Hohn auf
das Gesetz vom goldenen Schnitt. Die Stirn, über zwei dicken blonden
Raupen, den Augenbrauen, ansetzend, hörte scheinbar überhaupt nicht
auf. Dafür war die Nase zu kurz geraten, und sie erschien außerdem
noch kürzer, als sie schon war, weil sie sich in optischer Verkürzung
präsentierte, nämlich mehr nach aufwärts als nach abwärts tendierend.
Dafür war wieder der Raum zwischen Nase und Mund viel zu ausgedehnt.
Zwar war er mit einem hellblonden, in Spitzen gedrehten starken
Schnurrbart bestanden, aber es wäre für zwei solcher Schnurrbärte Platz
gewesen. Der Mund, obwohl zu breit und schmallippig, war geistreich.
Nur entblößte er leider wahre Nagetierzähne, breite, gelbliche Schaber.
Und dann war kein Kinn da, sondern nur ein Zwickelbart, ein gesteifter
pharaonischer Zwickelbart, der im Verein mit dem breiten Mund und der
gewaltigen Malmfläche sofort die Idee wachrief: Nußknacker. Die stark
hervortretenden oberen Backenknochen unterstützten die Idee wirksam,
während die ungeheuren Ohren die Gedanken mehr ins Gebiet der Zoologie
riefen. Zornig trompetende Elefanten, wenn sie die Ohren abstehen
lassen, erfreuen sich ähnlicher Seitenornamente. Sein Haupthaar litt
unter dem Größenwahn seiner Stirn. Man konnte eigentlich nur vom
Hinterhaupthaar reden. Doch ersetzte es an Länge, was ihm an Terrain
versagt war. Es fiel beträchtlich über den Rand des Rockkragens herab,
war aber säuberlich gerade geschnitten.
Ein solcher Kopf hätte wohl Entsetzen erregen müssen, wenn in ihm nicht
zwei Augen gewesen wären, so voll Geist, Güte, Glut und Leben, daß
man in ihrem Anblicke alles übrige vergaß und sofort die Empfindung
gewann: dieser Mann hat es nicht nötig, äußerlich schön zu sein; er hat
alle Schönheit innerlich, das heißt: er ist ein wunderbar guter und
wunderbar geistvoller Mensch, ein geniales Herz und ein genialer Kopf.
Seine Häßlichkeit, statt zu verstimmen oder gar Mitleid hervorzurufen,
machte heiter, steckte mit Heiterkeit an, von den Augen her, um die
herum ein lebhaftes und doch nicht zuckendes Muskelspiel fröhlicher
Laune war, witzig und dionysisch zugleich, kindlich und faunisch,
gemütlich und enthusiastisch.
Wenn er aber gar den Mund auftat und in seiner, Konsonanten und
Vokale wunderlich zusammenquetschenden Sprache zu reden begann, war
es, als ob alle guten Geister des Lebens mobil gemacht worden wären
gegen Langeweile, Dumpfheit und Verdrossenheit. Er brauchte gar
nichts Besonderes zu sagen: alles klang originell, denn ein jeder
fühlte unbedingt: dieser Mensch spricht sich unverstellt aus, jedes
Wort ist getragen von einem Impuls, keines schielt nach verborgenen
Absichten, und wäre es auch nur die Absicht, originell zu wirken.
Anderseits mochte manches anfangs närrisch klingen, aber bald merkte
man, daß es nur närrisch geklungen hatte, weil es gar tief natürlich
gewesen war, kindliche Weisheit, die sich nicht gut in konventionellen
Schablonen ausdrücken kann, und die sich ganz naiv primitiver Mittel
bedient. Dabei war Meister Sturmius alles andere eher als ein rohes
Naturprodukt. Er war nicht nur sehr gebildet, äußerst belesen, ja im
Umkreise seiner künstlerischen Interessen beinahe gelehrt; er hatte
auch als Erbgabe seines alten Geschlechtes einen sehr sicheren Fond
überkommener Kultur. Wenn er sich zuweilen recht ungeniert betrug,
die Mode nach seinem Geschmacke modelte, die Konvention nach seinem
Sinne bog, so war es kein wüstes Durchbrechen von Schranken, sondern
immer ein elegantes Drüberwegsetzen mit dem leisesten Takte für das Wo,
Wie, Wann und Wieweit. Nur in seiner Kunst war er ein rücksichtsloser
Draufgänger, und er pflegte das so zu entschuldigen: Alles, was
in meiner Familie früher Ritterliches, Räuberisches, Mörderisches
passiert ist mit Schild und Schwert und Spieß, üb' ich aufs neue aus im
Kampfe für die Kunst gegen die Philister. Alle meine raubritterlichen
Vorfahren haben nicht so viel Eisen zerhauen, wie ich Flügel, und ich
will doch sehen, ob ich nicht mehr Kunstphilister zur Strecke bringe,
als sie Krämer. Sturmius, mein erlauchter Ahne, hat seinen Bruder
Arbogast mit einem alten Streitkolben erschlagen, weil er nicht Martin
Luthern anhangen wollte; -- so würde auch ich meinen Bruder umbringen,
wenn er nicht an Richard Wagner und die Musik der Zukunft glaubte. Es
ist ein großes Glück für meinen Bruder, daß ich keinen habe.
Madame Sara, die keinen schlechten Blick für Menschen hatte, erkannte
schon an der Art des Eintretens, daß ihr Gast trotz seines allzu
subjektiven Bratenrockes ein Mann von Welt war, denn er kam ohne jede
Spur von Befangenheit auf sie zu und küßte ihr die Hand wie einer, der
gewöhnt ist, mit Schönheiten des Salons umzugehen. Dabei überstrahlte
sie sein Blick ebenso verehrungsvoll wie munter, und sie fand, daß
dieser Musikus, ästhetisch genommen, zwar ein Scheusal sei, aber ein
höchst interessantes, ja -- reizendes Scheusal. Naiv treulos, wie sie
war, dachte sie sofort vergleichend an ihren Tataren, und diesmal
schien es ihr, als sei der »andere«, das heißt der neuauftauchende,
vielleicht ... nun: weiter dachte sie nicht. Und sie sprach: »Sie haben
wirklich meine Entscheidung über Leben und Tod, Herr von ...«
Aber Meister Sturmius fiel ihr ins Wort, ehe sie seinen Namen hatte
aussprechen können: »Haben Sie die Gnade, mich nicht bei meinem in
die Register des Staates eingetragenen Namen zu nennen, Madame! Auf
die Gefahr hin, daß Sie mich sogleich ersuchen werden, Ihr Zimmer zu
verlassen, bitte ich Sie, mich mit dem Vornamen anzureden, den in den
Zeiten, da meine Familie noch katholisch war, die Erstgeborenen unseres
Hauses trugen, und den ich mir selbst für den Verkehr mit Göttinnen
beigelegt habe: Sturmius!«
Madame Sara lachte belustigt auf: »Sturmius? Steht der Name wirklich
im Kalender? Ist er nicht von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann erfunden
worden?«
»Es hat so viel Sturmiusse meines Namens gegeben, daß wir sie numeriert
haben, Madame. Der letzte war der vierzehnte und trug den Namen
Judenschreck, nicht, weil er das Volk Gottes haßte, sondern weil er
sehr kreditbedürftig war.«
»Das Volk Gottes? Wie meinen Sie das?«