»Nach der Ovation zu urteilen, die ihm Fortunas Cousine, die

eifersüchtige Venus, bringt, gewiß. Du kannst dich darauf verlassen,

daß er diesen Tag nicht als Einsiedler beschließen wird,« sagte ich.

»Diese Unanständigkeiten interessieren mich gar nicht,« sagte sie.

»Ich finde es gar nicht unanständig, sechzigtausend Franken zu

gewinnen, und bin jeden Augenblick zu der gleichen Unanständigkeit

bereit,« sagte ich.

»Ich auch,« sagte sie, und ging in den Nebensaal zu dem anderen grünen

Tische.

Sie hatte es sehr bald heraus, daß es dort in Einsatz, Gewinn und

Verlust erheblich anders kleckte, als bei unserer zahmen Roulette.

»Ich glaube,« sagte sie, »wir versuchen es einmal hier.«

»Aber,« sagte ich, »ich denke, du hast kein Glück mehr?«

»Dort!« sagte sie; »hier ist es etwas anderes. Wie du siehst, muß man

hier mindestens zwanzig Lire setzen.«

Ich sah ein, daß das in der Tat etwas ganz anderes war, und erhob

keinen eheherrlichen Einspruch. Nur machte ich zur Bedingung, daß auch

ich in Théodores Spuren wandeln durfte.

»Doppelt genäht hält besser, weißt du ...«

»Ja, wenn du nur eine Ahnung vom Nähen hättest.«

»Ich? Bitte: Im ~Trente et quarante~ habe ich vor zehn Jahren einmal

zweihundert Franken gewonnen.«

»Und sie wieder verloren, weil du nicht zur rechten Zeit aufhörtest.«

»Aber heute habe ich zwei große Beispiele vor mir: dich und Théodore.«

»Wenn du mir versprichst, aufzuhören, sobald du fünftausend, -- nein:

viertausend, -- nein: wenn du dreitausend Franken gewonnen hast ...«

»Selbstredend.«

Sie ließ mich einen Griff in den Pompadour tun, und ich begab mich mit

einer Faust voller Goldstücke zur anderen Seite des Tisches.

Ich war wirklich vom Glück begünstigt: eben, als ich erschien, stand

eine dicke Dame auf und fluchte etwas Polnisches.

Hast du verloren, mein Täubchen, dacht' ich mir, so ist die

Wahrscheinlichkeit um so größer, daß ich auf diesem Platz gewinnen

werde.

Ach, -- ich bin immer ein schlechter Mathematiker gewesen: auch diese

Wahrscheinlichkeitsrechnung stimmte nicht.

Andere Leute gewinnen wenigstens anfangs und verlieren das Gewonnene

nur infolge ihrer Willensschwäche, weil sie nicht aufzuhören wissen und

blind und blöde die Schwelle überschreiten, die aus dem Gewinnen ins

Verlieren führt: ich aber verlor von Anfang an, unaufhörlich, immerzu,

ohne Unterlaß und Unterbrechung.

Da ich von Mal zu Mal die Einsätze verdoppelte, ging es sehr schnell;

ich darf wohl sagen: rapid. Die Sache hatte nicht den mindesten

psychologischen Witz. Es war eine ganz blödsinnige Wiederholung von

Niederträchtigkeiten.

Angeekelt von einem Schicksal, das keine Nuancen kennt, schob ich den

Stuhl zurück, aufzustehen. Es blieb mir auch nichts anderes übrig, denn

nicht der Schatten eines Napoleondors war mehr in meinem Besitze.

Ich hörte im zermarterten Geiste bereits die Reprimanden von Madame

und trug Bedenken, mich der großen Gewinnerin zu nähern, als ich,

aufstehend und mich umwendend, sie mir gegenübersah.

Ich senkte den Blick.

Als ich ihn erhob, sah ich, daß der ihrige noch nicht den Mut

aufgebracht hatte, sich zu erheben.

Ich wußte genug.

»Hast du noch Geld zur Trambahn?« fragte ich.

»Wir können sogar noch Abendbrot essen,« sagte sie, »und ein paar

Ansichtspostkarten wegschicken.«

»Es gibt welche mit Schmähungen auf Albert I., Honoré Charles, Fürsten

von Monaco,« sagte ich.

»Die nehmen wir,« sagte sie.

Die Liaisons der schönen Sara.[2]

[2] Anfangskapitel des »Prinzen Kuckuck«, unter diesem Titel als

Erzählung für sich zuerst in der »Neuen Rundschau« erschienen.

F. D.

Es war um die Zeit der unumschränkten Herrschaft der Kaiserin Eugenie

über die Modemagazine der alten und der neuen Welt, als Madame

Sara Asher, die junge Witwe des alten Mister Leon Asher (Felle und

Pelzwarenkonfektion, Neuyork) zum ersten Male seit ihrer Kindheit ihre

kleinen Füße wieder auf europäischen Boden setzte.

Europa war damals kleine, auf hohen Stöckeln balancierende Füße

gewöhnt, und auch die hohen bis zur Mitte der Waden reichenden

Juchtenstiefelchen mit goldenen Schnürenquasten, die Madame Sara

trug und geschickt in ihrer ganzen Pracht zu zeigen keineswegs

ermangelte, waren keine Sensation für den alten Erdteil, der damals

auf üppige Eleganz gestimmt war und noch nicht den kategorischen

Imperativ der bismarckschen Kürassierstiefel erfahren hatte. Selbst

Madame Ashers lilafarbenes Krinolinkleid, diese prachtvolle Glocke

mit dem prachtvolleren Schwengelpaar der beiden in weißseidenen

Strümpfen steckenden Beine war nicht imstande, besonderen Eindruck

auf einen Kontinent zu machen, der mit jedem neuerscheinenden Pariser

Modejournale neue Glockenwunder erlebte und neben einer Kaiserin der

Mode ein paar hundert Modeköniginnen besaß, deren jede den raffinierten

Sinn dieser Verheimlichung der weiblichen Beine wohl begriffen hatte.

Trotzdem drehte sich schon auf dem Jungfernstieg zu Hamburg mancher

elegante Kommerz interessiert nach der schönen Jüdin um, und wer sich

des damals noch seltenen Vorzugs rühmen durfte, mit einem Monokel

begabt zu sein (dessen rand- und bandlose Vollkommenheit freilich noch

nicht erreicht war), ließ hinter dessen Fensterglase Blicke blitzen,

die rückhaltlose Anerkennung sowohl wie den Wunsch verrieten, dieser

nach jeder Richtung hin wohlgebauten Dame einmal an einem Orte zu

begegnen, wo sich Beziehungen leicht und mühelos anknüpfen lassen.

Noch größer aber war ihr Erfolg in Leipzig, wohin sie sich auf mehrere

Wochen begeben mußte, weil mit der Verwandtschaft des seligen Leon noch

einige Erbschaftsangelegenheiten zu ordnen waren. Der Brühl, wo diese

Verwandtschaft in einer zwar nicht wohlriechenden, dafür aber um so

lukrativeren Sphäre von »Rauchwaren« hauste, geriet in beträchtliche

Aufregung, und es gab wahrhaftig mehr als einen unbeweibten

Rauchwarenhändler, der stürmisch bereit war, der schönen und reichen

Sara nicht bloß seine kostbarsten Eisbärenfelle, sondern auch sein

liebefühlendes Herz nebst allen Geschäftsbüchern zu Füßen zu legen.

Indessen, Madame Sara hatte offenbar wenig Sinn für die

hingebungsvollen Gefühle verwandter und befreundeter Firmen. Sie

war keineswegs in der Absicht nach Leipzig gereist, weiterhin auf

ehelicher Grundlage in Pelz und Pelzkonfektion zu machen. Sie hatte an

ihrem einen Rauch- und Pelzwarenhändler schon völlig genug gehabt und

war im Grunde froh, daß ihre Ehefirma durch den Tod gelöscht worden

war. Denn der alte dürre Leon, diese zweibeinige Rechenmaschine, der

man sie in sehr jungen Jahren beigegeben hatte, war ganz und gar nicht

ihr Geschmack gewesen. Für seine löblichen Qualitäten als Kaufmann

und Familienvater hatte sie kein Organ besessen, aber ein um so

schärferes Auge für das, was ihm als Menschen im allgemeinen und als

Mann im besonderen an den Eigenschaften fehlte, für die es ihr an Organ

keineswegs gebrach.

Mochte er ein Charakter gewesen sein: _sie_ war vor allem ein

Temperament. Er war einer der aus dem Osten Europas gekommenen Juden

gewesen, von denen sie zu sagen pflegte, selbst ihr Schatten färbe noch

ab, und der Geist des Ghettos stöhne in ihren schönsten Reden (und

das und nichts anderes sei das Mauscheln), während sie die Tochter

eines sehr westlichen, nämlich spanischen Juden war (eines jüdischen

Granden, wie sie sagte) und einer Kreolin. Freilich war auch der Vater

dieser Kreolin bestimmt ein Jude gewesen, und das indianische Blut

in ihrer Herkunft mütterlicherseits begegnete in der Verwandtschaft

auf dem Brühl unverhohlenem Zweifel, aber es lag ihr auch ganz fern,

ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme zu leugnen. Sie war vielmehr

stolz darauf und sprach es bei jeder Gelegenheit recht hochmütig

aus, daß sie sich als Aristokratin fühle, eben weil sie Jüdin sei,

und noch dazu spanische Jüdin. Es war das, wie ihre Schönheit, ihr

Geist und ihr Temperament, ein Erbteil ihres Vaters, der zwei

Haupteigenschaften besessen hatte: Stolz und Phantasie. Aus einem

reichen Hause stammend, hatte er sich, von der Lust nach Unabhängigkeit

und Abenteuern getrieben, von seiner orthodoxen und streng in sich

abgeschlossenen Familie gelöst und war in die Welt hinausgezogen.

Lange hatte er in Italien gelebt, mit der inbrünstigen Andacht eines

Psalmoden die früheste, halb byzantinische Kunst verehrend und immer

den stolzen Plan hegend, der Verkündiger dieser Kunst zu sein. Dann

hatte ihn die deutsche Kunstgelehrsamkeit, wenn nicht abgekühlt, so

ernüchtert, und er war in das Getriebe der revolutionären Bewegung,

gleichzeitig aber in den Aufruhr der Liebe zu seiner »Kreolin«

geraten, die er als Tänzerin in Dresden kennen gelernt hatte. So kam

es, daß die »spanische Sara« (wie man sie nicht ohne Respekt auf

dem Brühl nannte) zu ihrem Leidwesen in Deutschland geboren worden

war. Indessen konnte sie keine Erinnerung daran haben, da ihr Vater

schon vor dem tollen Jahre Deutschland verlassen und mit Frankreich

vertauscht hatte. Aber auch dieses Land genügte seinem revolutionären

Sinne nicht, und er wanderte mit Weib und Kind nach Amerika aus, wo es

ihm indessen erst recht nicht gelang, zur Harmonie zu kommen. Immer

die größten Pläne, bald wissenschaftlicher, bald poetischer, bald

politischer Natur wälzend und sich aus einem Lager der Meinungen immer

wieder in ein anderes begebend, immer wieder abgestoßen durch das,

was er Philistertum nannte, und überall abstoßend durch seinen Stolz

und sein Weiterhinausbegehren, endete er als vollkommener Einsiedler

der Gedanken, als geborener ~précurseur~, wie er sich selbst nannte.

Seine Frau war ihm weggestorben, als Sara noch nicht zehn Jahre

alt war. Diese war nun sein einziger Umgang, und in ihrer Erziehung

ging er völlig auf. Er brachte ihr, einem höchst aufgeweckten Kinde,

früher, als ihr gut sein konnte, nicht nur seine reichen Kenntnisse

in Sprachen, Kunst und Literaturgeschichte, sondern auch seine ganze

Weltauffassung bei, die schließlich immer mehr Nihilismus geworden war.

Eine rasche Krankheit raffte ihn weg, kurz bevor sie das fünfzehnte

Jahr erreicht hatte. Da er ihr fast nichts hinterließ, mußte sie

es als ein großes Glück betrachten, daß der alte reiche Leon Asher

sich ihrer annahm. Das Wohlleben in seinem Hause gefiel ihr, und so

sagte sie nicht nein, als der Fünfzigjährige die Sechzehnjährige zur

Frau begehrte. Sie gebar ihm in drei Ehejahren zwei Söhne. Als er

starb, hatte sie das Gefühl: jetzt beginne ich zu leben. Kaum, daß

das Trauerjahr vorüber war, übergab sie ihre zwei Kinder, zu denen

sie auch nicht die geringste mütterliche Zuneigung empfand, einer

Schwester des Verstorbenen und unternahm die Reise nach Europa, zwar

unter dem Vorwande, nur Erbschaftsangelegenheiten betreiben zu wollen,

aber mit der bestimmten Absicht, in Europa zu bleiben und dort ihr

Leben in aller Freiheit einer reichen jungen Witwe zu genießen. Die

aufs Geistige gewandten revolutionären Lehren ihres Vaters hatten bei

ihr eine sehr deutliche Wendung aufs Sinnliche genommen, doch besaß

sie einen gewissen sehr günstigen Dämpfer in ihrer wohlfundierten

ästhetischen Bildung.

Aber der Brühl zu Leipzig konnte freilich keine Landschaft nach ihrem

Sinne sein. Sie nahm nur schnell ein kleines Verhältnis mit einem

hübschen, aber allzuwenig interessanten Korpsstudenten mit; dann

reiste sie nach Dresden. Der Galerie wegen, meinte sie, doch dachte sie

wohl auch an anderes.

Ihr Vater, kein Freund des deutschen Wesens, hatte ihr von Dresden

berichtet als der einzigen deutschen Stadt mit galanter Kultur. Er

hatte dies freilich nicht ganz in dem Sinne gemeint, in dem es sich

bei ihr festgesetzt hatte. Aber es war in diesem Falle gewesen, wie

auch sonst: sie hatte, indem sie eine allgemein gefaßte Meinung ihres

Vaters in ihre Auffassungssphäre übernahm, sie zwar allzu wörtlich

aus dem Allgemeinen einer männlichen Erfahrung in das Besondere ihrer

weiblichen Gefühls- und Anschauungswelt übersetzt, aber im wesentlichen

deckten sich Original und Übersetzung doch.

Der Vater Saras hatte Dresden mit den Augen des Kunstgelehrten und

Kunsthistorikers angesehen. Er war italienischen und französischen

Einflüssen in der Kunst und Kultur der sächsischen Residenzstadt

nachgegangen und dabei auch italienischem und französischem Blute

begegnet. Dies mußte ihn, den unter Romanen geborenen, wie etwas

Heimatliches berühren. Und seine Phantasie half nach. In jedem

schwarzen oder braunen Auge einer Dresdnerin erblickte er ein

lebendiges Denkmal längst verwehter Schäferstunden französischer

Soldaten und italienischer Künstler, wenn es auch vielleicht in

Wahrheit slawisches Braun und Schwarz war. Und dann kam hinzu, daß

er seine eigene Liebe in dieser Stadt erlebt hatte. Hier hatte das

Wochenbett seiner Frau, hier die Wiege Saras gestanden; und beide

Betten, das große und das kleine, hatte er mit alten Meißner Figürchen

umgeben, kleinen Kunstwerken, auf die das Wort einer galanten Kultur

wirklich zutraf. Alles dies lebte in Sara nach, unbewußt, halb bewußt,

ganz bewußt.

Als sie der hübsche, aber leider von Korpsinteressen völlig absorbierte

Kurt von Kantern, die stahlblaue Lausitzer-Mütze tief, wie es damals

Mode war, in die Stirn gezogen, einmal gefragt hatte: »Aber warum denn

gerade nach Dresden, Madame? Auf Ehre -- Dresden ist ein langstieliges

Kaffeedorf!« hatte sie geantwortet: »Für Korpsstudenten -- mag sein.

Korpsstudenten interessieren sich nicht für Meißner Porzellan.

Korpsstudenten sind tapfere Ritter, aber keine Kavaliere im Sinne der

galanten Zeit. Sie müssen zu viel Bier trinken und zu oft pauken. Das

ist gewiß reizend -- für Korpsstudenten. Ich aber habe schon genug

von steilen Terzen und Hakenquarten. Ich möchte nicht gerne Anlaß

zur Eifersucht haben, und am wenigsten Anlaß zur Eifersucht auf die

Kneipe. Ich möchte mich in Jünglinge verlieben, die auf der ganzen Welt

nichts kennen und wollen als mich, oder in Männer, die sich in meiner

Gesellschaft von großen Dingen ausruhen.«

Davon begriff der hübsche Lausitzer-Senior nicht gar viel; die schöne

Sara aber hatte damit immerhin etwas von der Oberfläche ihrer Instinkte

verraten.

* * * * *

In Dresden logierte sie sich nahe dem Zwinger in einem höchst soliden

und von der besten Gesellschaft frequentierten Hotel ein, wo sie schon

bei der Ankunft nicht geringen Eindruck machte; einmal durch die

große Anzahl der von ihr mitgeführten sehr umfangreichen und schweren

Lederkoffer und dann durch ihre Jungfer, eine äußerst häßliche und, wie

es schien, taube Negerin, die von ihr Lala genannt wurde und ihrer

Herrin sklavisch anhänglich war.

Dieses Verhältnis führte sich in erster Linie darauf zurück, daß Lala

mit ihrer Herrin zusammen aufgewachsen war, am Äußeren der Erziehung

mit anteilnehmend, so daß sie gleich dieser Deutsch, Englisch,

Französisch und Italienisch verstand, aber vom Vater Saras doch immer

auf dem Stand einer durchaus willenlosen und sklavisch abhängigen

Dienerin niedergehalten. Sie hatte nie einen Pfennig Lohn erhalten und

nie daran gedacht, dergleichen als etwas ihr Zukommendes zu betrachten.

»Du bist Saras dunkle Schwester,« hatte ihr der Alte gesagt, »und

gehörst zu ihr, wie ihr Schatten. Und wie ihr Schatten sollst du sein:

stumm, taub -- für die anderen. Aber Sara wird keine Geheimnisse vor

ihrer dunklen Schwester haben, und Saras Schatten wird Saras Schicksal

teilen. Sara wird für ihn denken und Sara wird für ihn sorgen. So ist

es die Bestimmung und so das Glück der dunklen Schwester.« Der Alte

hatte wohl gewußt, warum er in Bildern zu der kleinen, verprügelt und

halb verhungert in sein Haus gekommenen Negerin gesprochen hatte. Ihre

wie aus einer Schicht braunen Öls stumpf leuchtenden schwarzen Augen

hatten ihm die unklar träumende Seele dieses Wesens offenbart, das

treu wie ein Hund und zu allem Guten und Bösen abzurichten war. Der

Alte sorgte dafür, daß nichts in ihr helle wurde, als das Gefühl für

die Erhabenheit Saras über ihr. Und dieses Gefühl wurde immer mehr zu

einer demütigen Anbetung, je reifer die Schönheit Saras wurde. Wie Sara

selbst, ohne Religion aufgewachsen, hatte sie, aus einem mystischen

Bedürfnisse ihres dunklen Wesens heraus, Sara zu einem Idol nach

der Art derer gemacht, die ihre schwarzen Vorfahren angebetet haben

mochten. Das war keine gute Göttin, kein lieber Gott, das war nur eben

das höhere Wesen, die Macht, die Lenkung. Und es war die Schönheit, die

Helle.

Lala wurde zur Dichterin, wenn sie ihre Gefühle für Sara aussprach.

Wie Sara zum Führen eines Tagebuches angehalten worden war, so auch

sie, aber sie schrieb nur Dinge hinein, die Sara betrafen, und jede

Seite begann mit der Überschrift: »Heute sprach die helle Schwester

dies.« Dann folgte etwa: »Hole das grüne Kleid, Lala. Tat es die dunkle

Schwester. Sprach später die helle Schwester: Ich liebe noch immer den

jungen Mann. Bring ihm den Brief. Tat es die dunkle Schwester. Und der

junge Mann lächelte, denn die helle Schwester liebt ihn. Und kam zur

Nacht nicht heim. Sanft sei ihr Glück wie der Mond, und heiß wie die

Sonne. Die dunkle Schwester kennt die Liebe nicht, aber sie hat alles

mit von der hellen Schwester. Und es ist gut für sie. Alles ist gut, so

dunkel und gut.«

In diesem seltsamen Tagebuche bediente sich Lala derselben

Geheimschrift, die sie mit Sara von Saras Vater erlernt hatte. Doch

hatte sie sich noch einige Sigel dazu erfunden. So für die Worte:

»Heute sprach die helle Schwester« einen Kreis, durch den ein Pfeil

wagrecht ging und für die Worte: »Tat es die dunkle Schwester« einen

Halbmond, durch den ein Pfeil senkrecht ging.

Ihre Taubheit war Verstellung zu dem Zwecke, die Äußerungen fremder

Leute über ihre Herrin vernehmen zu können, ohne daß diese sich

dessen versahen. So hatte sie schon während der Ehe Saras der hellen

Schwester wertvolle Spionendienste unter der Verwandtschaft des

ahnungslosen Mister Leon Asher geleistet. Sara selbst pflegte ihre

Dienerin auch ihren nächsten Bekannten und Vertrauten gegenüber als

harmlose Idiotin hinzustellen, was um so weniger auf Mißtrauen stieß,

als die primitiven Umgangsformen zwischen Herrin und Dienerin, wie das

gegenseitig angewandte Du, ohnehin den Eindruck machten, als seien sie

auf kindliche Zurückgebliebenheit des Verstandes der seltsamen braunen

»Jungfer« zurückzuführen.

* * * * *

Nachdem Madame Sara in den besten Geschäften der Pragerstraße nach

den besten Pariser Modellen ihre zwar ohnehin reiche, aber doch noch

nicht ganz auf der Höhe des europäischen Geschmackes befindliche

Garderobe ergänzt hatte und es nun an türkischen Schals, spanischen

Mantillen, kleinen koketten Federhütchen, knisternden Reifröcken

und durchbrochenen Halbhandschuhen mit den elegantesten Dresdener

Madams mehr als aufnehmen konnte, fand sie es für angezeigt, ihre

Antrittsvisite bei der berühmtesten, ob auch ganz altmodisch

gekleideten Dresdnerin zu machen, deren erlauchte italienische Herkunft

zweifellos ist: bei der Sixtinischen Madonna.

Gleich den meisten anderen Fremden durchschritt auch sie (doch war es

mehr ein Durchwogen) alle übrigen Säle der Galerie, ohne den an ihren

Wänden prangenden Kostbarkeiten mehr als einen vorüberstreifenden Blick

zu gönnen, mit dem Ausdruck der von Sehnsucht beflügelten Wisserin der

höchsten Gnade, bis sie zu dem gebenedeiten Raume gelangte, wo die

himmlischen Augen der Mutter und des Kindes leuchten, vor denen Papst

und Heilige knien.

Die schöne Jüdin, froh, dort niemand zu treffen, ließ sich mit einem

knisternden Aufbauschen ihres dunkelgrün seidenen Reifrockes in

einem Fauteuil dem Bilde gegenüber nieder, erhob ihren schönen, mit

vollgerundeten, schwermütig schwankenden Schmachtlocken frisierten Kopf

zu dem Gemälde und führte das goldene Lorgnon an die dunklen und durch

unterlegtes Beinschwarz noch mehr gehobenen Augen.

Ein wunderlicher Gegensatz, wie von Gavarni mit verruchter

Raffiniertheit erfunden, diese beiden Frauenbilder einander

~vis-à-vis~: das lebendige, als ob es ein zwar amüsantes, aber freches

Gespenst des Lebens wäre, und das aus der Kunst geborene, das fast

noch mehr wie Leben strahlte: als Lebensleuchten selber aus tiefster,

innigster Einfalt.

Madame Sara empfand selbst so etwas und zog ein Spiegelchen aus ihrem

perlengestickten Ridikül, sich darin zu betrachten.

Warum schminken wir uns eigentlich so absurd, dachte sie für sich.

Warum diese Masse Rot auf so viel Creme-Weiß. -- Nun ja, wir sind keine

Göttinnen ... Und doch ... es wird einem wunderlich zumute.

Und sie sah wieder die Madonna an.

Und dachte weiter: -- Wer hat mehr Ursache, stolz zu sein, als wir

Jüdinnen? -- Die schönste Römerin war dem größten Künstler Italiens

gerade gut genug, eine Jüdin darzustellen ... -- Religion?

Sie lächelte.

Wer hier die Liebe nicht sieht, hat keine Augen. -- Freilich: der

Papst, die Heiligen, die Engel ... ~Enfin!~ Künstler können sich was

herausnehmen ... Künstler! Ah! ... Zweierlei gibt's: Künstler und

Helden -- oder, ohne Romantik gesprochen, Soldaten -- d. h. Offiziere.

In diesem Augenblicke wurden ihre Gedanken durch das bestimmte Gefühl

unterbrochen, daß hinter ihr ein Mann stehen müsse. Eine kleine Wendung

ihres Kopfes, ein Blick nach hinten, ~colla coda dell' occhio~,

genügte, ihr zu zeigen, daß ihr Gefühl sich nicht getäuscht hatte.

Eine Weile später würde sie ihn auch mit der Nase haben wahrnehmen

können, denn der Herr, der jetzt schräg hinter Madame stand und

keinen Blick von ihr wandte, wie wenn er nicht der Sixtinerin wegen

gekommen wäre, sondern wegen der Amerikanerin, dieser Herr, ein

straff aufrechter Vierziger mit blonden Koteletten in der Mode der

Zeit, einem rosigen Teint, sehr hellbraunen Augen und einem Anzuge,

dessen sich der Empereur in Paris nicht hätte zu schämen brauchen,

liebte offenbar die starken Gerüche. Damals war unter den vornehmen

Mitgliedern der Herrenwelt ein Parfüm bevorzugt, das heute zu den

Lehrlingen im Kellnergewerbe herabgesunken ist: Jockey-Klub. Doch

war dieses Odeur damals noch nicht so degeneriert wie heute, wo es

aus den zusammengegossenen Neigen anderer Extrakte hergestellt zu

werden scheint. Es war vielmehr in der Blüte seiner Kraft und duftete

restlos die große Seele dessen aus, der seine Erfindung inspiriert

hatte: des Prinzen von Wales, dem bei seiner Inspiration nichts

Geringeres vorgeschwebt hatte, als eine Erhebung des Stallgeruchs zum

Odeur, -- Rennpferd-Stallgeruchs, versteht sich. Frisches Heu und

Juchtenleder als Dominante. Ein wirkliches ~Odeur de chevalier~, viel

sagend und viel versprechend für geistreiche Nasen von Damen mit

Temperamentsphantasie.

Der schönen Sara, die allzulange Ledergerüche hatte erdulden müssen,

die nicht raffiniert und nicht nobilisiert waren, fehlte es an

dieser Phantasie keineswegs, und so kam es, daß ihre Geruchsnerven

in der bestimmten Ahnung vibrierten, der Herr hinter ihr könne eine

Bedeutung für sie haben. Und so ließ sie mit scheinbarer Nachlässigkeit

ihr winziges Spitzentaschentuch fallen, dessen Parfüm etwa als

Komplementär-Geruch zu jenem ~Odeur de chevalier~ hätte bezeichnet

werden dürfen. Sofort machte der Herr mit den Koteletten ein paar

schnelle federnde Schritte nach vorn, bückte sich zu dem winzigen

weißen Häufchen aus Seide, Spitzen und Duft nieder, ergriff das zarte

Gewebe und überreichte es Madame mit einer Verbeugung, die zugleich

ritterlich und galant, die beste Welt verriet.

Reife Früchte vom Bierbaum · 第 3 / 12 段