er viele mit Geprassel eingerannt; eine ernstliche Sache ist nie, weder
im guten noch im boesen, durch ihn entschieden worden und vor allem
die Hinrichtung der Catilinarier hat er weit mehr geschehen lassen als
selber bewirkt. In literarischer Hinsicht ist es bereits hervorgehoben
worden, dass er der Schoepfer der modernen lateinischen Prosa war; auf
seiner Stilistik ruht seine Bedeutung, und allein als Stilist auch
zeigt er ein sicheres Selbstgefuehl. Als Schriftsteller dagegen steht
er vollkommen ebenso tief wie als Staatsmann. Er hat in den
mannigfaltigsten Aufgaben sich versucht, in unendlichen Hexametern
Marius' Gross- und seine eigenen Kleintaten besungen, mit seinen Reden
den Demosthenes, mit seinen philosophischen Gespraechen den Platon
aus dem Felde geschlagen und nur die Zeit hat ihm gefehlt, um auch den
Thukydides zu ueberwinden. Er war in der Tat so durchaus Pfuscher,
dass es ziemlich einerlei war, welchen Acker er pfluegte. Eine
Journalistennatur im schlechtesten Sinne des Wortes, an Worten, wie er
selber sagt, ueberreich, an Gedanken ueber alle Begriffe arm, gab es
kein Fach, worin er nicht mit Hilfe weniger Buecher rasch einen lesbaren
Aufsatz uebersetzend oder kompilierend hergestellt haette. Am treuesten
gibt seine Korrespondenz sein Bild wieder. Man pflegt sie interessant
und geistreich zu nennen: sie ist es auch, solange sie das
hauptstaedtische oder Villenleben der vornehmen Welt widerspiegelt;
aber wo der Schreiber auf sich selbst angewiesen ist, wie im Exil, in
Kilikien und nach der Pharsalischen Schlacht, ist sie matt und leer, wie
nur je die Seele eines aus seinen Kreisen verschlagenen Feuilletonisten.
Dass ein solcher Staatsmann und ein solcher Literat auch als
Mensch nicht anders sein konnte als von schwach ueberfirnisster
Oberflaechlichkeit und Herzlosigkeit, ist kaum noch noetig zu sagen.
Sollen wir den Redner noch schildern? Der grosse Schriftsteller ist doch
auch ein grosser Mensch; und vor allem dem grossen Redner stroemt die
Ueberzeugung und die Leidenschaft klarer und brausender aus den Tiefen
der Brust hervor als den duerftigen vielen, die nur zaehlen und nicht
sind. Cicero hatte keine Ueberzeugung und keine Leidenschaft; er
war nichts als Advokat und kein guter Advokat. Er verstand es, seine
Sacherzaehlung anekdotenhaft pikant vorzutragen, wenn nicht das Gefuehl,
doch die Sentimentalitaet seiner Zuhoerer zu erregen und durch Witze
oder Witzeleien meist persoenlicher Art das trockene Geschaeft der
Rechtspflege zu erheitern; seine besseren Reden, wenngleich auch sie
die freie Anmut und den sicheren Treff der vorzueglichsten Kompositionen
dieser Art, zum Beispiel der Memoiren von Beaumarchais, bei weitem nicht
erreichen, sind doch eine leichte und angenehme Lektuere. Werden aber
schon die eben bezeichneten Vorzuege dem ernsten Richter als Vorzuege
sehr zweifelhaften Wertes erscheinen, so muss der absolute Mangel
politischen Sinnes in den staatsrechtlichen, juristischer Deduktion
in den Gerichtsreden, der pflichtvergessene, die Sache stets ueber dem
Anwalt aus den Augen verlierende Egoismus, die graessliche Gedankenoede
jeden Leser der Ciceronischen Reden von Herz und Verstand empoeren. Wenn
hier etwas wunderbar ist, so sind es wahrlich nicht die Reden, sondern
die Bewunderung, die dieselben fanden. Mit Cicero wird jeder Unbefangene
bald im reinen sein; der Ciceronianismus ist ein Problem, das in der Tat
nicht eigentlich aufgeloest, sondern nur aufgehoben werden kann in dem
groesseren Geheimnis der Menschennatur: der Sprache und der Wirkung der
Sprache auf das Gemuet. Indem die edle lateinische Sprache, eben bevor
sie als Volksidiom unterging, von jenem gewandten Stilisten noch
einmal gleichsam zusammengefasst und in seinen weitlaeufigen Schriften
niedergelegt ward, ging auf das unwuerdige Gefaess etwas ueber von der
Gewalt, die die Sprache ausuebt, und von der Pietaet, die sie erweckt.
Man besass einen grossen lateinischen Prosaiker; denn Caesar war, wie
Napoleon, nur beilaeufig Schriftsteller. War es zu verwundern, dass man
in Ermangelung eines solchen wenigstens den Genius der Sprache ehrte
in dem grossen Stilisten? und dass, wie Cicero selbst, so auch Ciceros
Leser sich gewoehnten zu fragen, nicht was, sondern wie er geschrieben?
Gewohnheit und Schulmeisterei vollendeten dann, was die Macht
der Sprache begonnen hatte. Ciceros Zeitgenossen uebrigens waren
begreiflicherweise in dieser seltsamen Abgoetterei weit weniger befangen
als viele der Spaeteren. Die Ciceronische Manier beherrschte wohl ein
Menschenalter hindurch die roemische Advokatenwelt, so gut wie die
noch weit schlechtere des Hortensius es getan; allein die bedeutendsten
Maenner, zum Beispiel Caesar, hielten doch stets derselben sich
fern, und unter der juengeren Generation regte bei allen frischen
und lebendigen Talenten sich die entschiedenste Opposition gegen jene
zwitterhafte und schwaechliche Redekunst. Man vermisste in Ciceros
Sprache Knappheit und Strenge, in den Spaessen das Leben, in der
Anordnung Klarheit und Gliederung, vor allen Dingen aber in der ganzen
Beredsamkeit das Feuer, das den Redner macht. Statt der rhodischen
Eklektiker fing man an, auf die echten Attiker, namentlich auf
Lysias und Demosthenes zurueckzugehen und suchte eine kraeftigere
und maennlichere Beredsamkeit in Rom einzubuergern. Dieser Richtung
gehoerten an der feierliche, aber steife Marcus Iunius Brutus (669-712
85-42), die beiden politischen Parteigaenger Marcus Caelius Rufus
(672-706 82-48) und Gaius Scribonius Curio (+ 705 49), beide als Redner
voll Geist und Leben, der auch als Dichter bekannte Calvus (672-706
82-48), die literarische Koryphaee dieses juengeren Rednerkreises,
und der ernste und gewissenhafte Gaius Asinius Pollio (678-757 76-4 n.
Chr.). Unleugbar war in dieser juengeren Redeliteratur mehr
Geschmack und mehr Geist als in der Hortensischen und Ciceronischen
zusammengenommen; indes vermoegen wir nicht zu ermessen, wie weit unter
den Stuermen der Revolution, die diesen ganzen reichbegabten Kreis mit
einziger Ausnahme des Pollio rasch wegrafften, die besseren Keime noch
zur Entwicklung gelangten. Die Zeit war ihnen allzu kurz gemessen. Die
neue Monarchie begann damit, der Redefreiheit den Krieg zu machen und
unterdrueckte die politische Rede bald ganz. Seitdem ward wohl noch die
untergeordnete Gattung des reinen Advokatenplaedoyers in der Literatur
festgehalten; aber die hoehere Redekunst und Redeliteratur, die durchaus
ruht auf dem politischen Treiben, ging mit diesem selbst notwendig
und fuer immer zu Grabe. Endlich entwickelt sich in der
aesthetischen Literatur dieser Zeit die kuenstlerische Behandlung
fachwissenschaftlicher Stoffe in der Form des stilisierten Dialogs, wie
sie bei den Griechen sehr verbreitet und vereinzelt auch bereits frueher
bei den Roemern vorgekommen war. Namentlich Cicero versuchte sich
vielfach in der Darstellung rhetorischer und philosophischer Stoffe in
dieser Form und in der Verschmelzung des Lehrbuchs mit dem Lesebuche.
Seine Hauptschriften sind die 'Vom Redner' (geschrieben 699 55),
wozu die Geschichte der roemischen Beredsamkeit (der Dialog 'Brutus',
geschrieben 708 46) und andere kleinere rhetorische Aufsaetze ergaenzend
hinzutreten, und die Schrift 'Vom Staat' (geschrieben 700 54), womit
die Schrift 'Von den Gesetzen' (geschrieben 702? 52) nach Platonischem
Muster in Verbindung gesetzt ist. Es sind keine grosse Kunstwerke, aber
unzweifelhaft diejenigen Arbeiten, in denen die Vorzuege des Verfassers
am meisten und seine Maengel am wenigsten hervortreten. Die rhetorischen
Schriften erreichen bei weitem nicht die lehrhafte Strenge und
begriffliche Schaerfe der dem Herennius gewidmeten Rhetorik, aber
enthalten dafuer einen Schatz von praktischer Sachwaltererfahrung
und Sachwalteranekdoten aller Art in leichter und geschmackvoller
Darstellung und loesen in der Tat das Problem einer amuesanten
Lehrschrift. Die Schrift vom Staat fuehrt in einem wunderlichen,
geschichtlich-philosophischen Zwittergebilde den Grundgedanken durch,
dass die bestehende Verfassung Roms wesentlich die von den
Philosophen gesuchte ideale Staatsordnung sei; eine freilich eben so
unphilosophische wie unhistorische, uebrigens auch nicht einmal dem
Verfasser eigentuemliche Idee, die aber begreiflicherweise populaer
ward und blieb. Das wissenschaftliche Grundwerk dieser rhetorischen und
politischen Schriften Ciceros gehoert natuerlich durchaus den Griechen
und auch vieles einzelne, zum Beispiel der grosse Schlusseffekt in der
Schrift vom Staate, der Traum des Scipio, ist geradezu ihnen abgeborgt;
doch kommt denselben insofern eine relative Originalitaet zu, als die
Bearbeitung durchaus roemische Lokalfarbe zeigt und das staatliche
Selbstgefuehl, zu dem der Roemer den Griechen gegenueber allerdings
berechtigt war, den Verfasser sogar mit einer gewissen Selbstaendigkeit
seinen griechischen Lehrmeistern entgegentreten liess. Auch die
Gespraechsform Ciceros ist zwar weder die echte Fragedialektik der
besten griechischen Kunstdialoge noch der echte Konversationston
Diderots oder Lessings; aber die grossen Gruppen der um Crassus und
Antonius sich versammelnden Advokaten und der aelteren und juengeren
Staatsmaenner des Scipionischen Zirkels geben doch einen lebendigen
und bedeutenden Rahmen, passende Anknuepfungen fuer geschichtliche
Beziehungen und Anekdoten und geschickte Ruhepunkte fuer die
wissenschaftliche Eroerterung. Der Stil ist ebenso durchgearbeitet und
gefeilt wie in den bestgeschriebenen Reden und insofern erfreulicher als
diese, als der Verfasser hier nicht oft einen vergeblichen Anlauf zum
Pathos nimmt. Wenn diese philosophisch gefaerbten rhetorischen und
politischen Schriften Ciceros nicht ohne Verdienst sind, so fiel dagegen
der Kompilator vollstaendig durch, als er in der unfreiwilligen Musse
seiner letzten Lebensjahre (709, 710 45, 44) sich an die eigentliche
Philosophie machte und mit ebenso grosser Verdriesslichkeit wie
Eilfertigkeit in ein paar Monaten eine philosophische Bibliothek
zusammenschrieb. Das Rezept war sehr einfach. In roher Nachahmung der
populaeren aristotelischen Schriften, in welchen die dialogische Form
hauptsaechlich zur Entwicklung und Kritisierung der verschiedenen
aelteren Systeme benutzt war, naehte Cicero die das gleiche Problem
behandelnden epikureischen, stoischen und synkretistischen Schriften,
wie sie ihm in die Hand kamen oder gegeben wurden, zu einem sogenannten
Dialog aneinander, ohne von sich mehr dazu zu tun als teils irgendeine,
aus der reichen Sammlung von Vorreden fuer kuenftige Werke, die er
liegen hatte, dem neuen Buche vorgeschobene Einleitung, teils eine
gewisse Popularisierung, indem er roemische Beispiele und Beziehungen
einflocht, auch wohl auf ungehoerige, aber dem Schreiber wie dem
Leser gelaeufigere Gegenstaende, in der Ethik zum Beispiel auf den
rednerischen Anstand, abschweifte, teils diejenige Verhunzung,
ohne welche ein weder zum philosophischen Denken noch auch nur zum
philosophischen Wissen gelangter, schnell und dreist arbeitender Literat
dialektische Gedankenreihen nicht reproduziert. Auf diesem Wege konnten
denn freilich sehr schnell eine Menge dicker Buecher entstehen - "es
sind Abschriften", schrieb der Verfasser selbst einem ueber seine
Fruchtbarkeit verwunderten Freunde; "sie machen mir wenig Muehe, denn
ich gebe nur die Worte dazu und die habe ich in Ueberfluss". Dagegen
war denn weiter nichts zu sagen; wer aber in solchen Schreibereien
klassische Produktionen sucht, dem kann man nur raten sich in
literarischen Dingen eines schoenen Stillschweigens zu befleissigen.
Unter den Wissenschaften herrschte reges Leben nur in einer einzigen:
es war dies die lateinische Philologie. Das von Stilo angelegte
Gebaeude sprachlicher und sachlicher Forschung innerhalb des latinischen
Volksbereichs wurde vor allem von seinem Schueler Varro in
der grossartigsten Weise ausgebaut. Es erschienen umfassende
Durcharbeitungen des gesamten Sprachschatzes, namentlich Figulus'
weitschichtige grammatische Kommentarien und Varros grosses Werk
'Von der lateinischen Sprache'; grammatische und sprachgeschichtliche
Monographien, wie Varros Schriften vom lateinischen Sprachgebrauch,
ueber die Synonymen, ueber das Alter der Buchstaben, ueber die
Entstehung der lateinischen Sprache; Scholien zu der aelteren
Literatur, besonders zum Plautus; literargeschichtliche Arbeiten,
Dichterbiographien, Untersuchungen ueber die aeltere Schaubuehne, ueber
die szenische Teilung der Plautinischen Komoedien und ueber die Echtheit
derselben. Die lateinische Realphilologie, welche die gesamte aeltere
Geschichte und das aus der praktischen Jurisprudenz ausfallende
Sakralrecht in ihren Kreis zog, wurde zusammengefasst in Varros
fundamentalen und fuer alle Zeiten fundamental gebliebenen 'Altertuemern
der menschlichen und der goettlichen Dinge' (bekanntgemacht zwischen
687 und 709 67 und 45). Die erste Haelfte 'Von den menschlichen
Dingen' schilderte die Urzeit Roms, die Stadt- und Landeinteilung,
die Wissenschaft von den Jahren, Monaten und Tagen, endlich die
oeffentlichen Handlungen daheim und im Kriege; in der zweiten Haelfte
'Von den goettlichen Dingen' wurde die Staatstheologie, das Wesen und
die Bedeutung der Sachverstaendigenkollegien, der heiligen Staetten,
der religioesen Feste, der Opfer- und Weihgeschenke, endlich der Goetter
selbst uebersichtlich entwickelt. Dazu kam ausser einer Anzahl von
Monographien - zum Beispiel ueber die Herkunft des roemischen Volkes,
ueber die aus Troia stammenden roemischen Geschlechter, ueber die
Distrikte - als ein groesserer und selbstaendigerer Nachtrag die Schrift
'Vom Leben des roemischen Volkes'; ein merkwuerdiger Versuch einer
roemischen Sittengeschichte, die ein Bild des haeuslichen finanziellen
und Kulturzustandes in der Koenigs-, der ersten republikanischen, der
hannibalischen und der juengsten Zeit entwarf. Diese Arbeiten Varros
ruhen auf einer so vielseitigen und in ihrer Art so grossartigen
empirischen Kenntnis der roemischen Welt und ihres hellenischen
Grenzgebiets, wie sie nie weder vor- noch nachher ein anderer Roemer
besessen hat und zu der die lebendige Anschauung der Dinge und das
Studium der Literatur gleichmaessig beigetragen haben; das Lob der
Zeitgenossen war wohlverdient, dass Varro seine in ihrer eigenen Welt
fremden Landsleute in der Heimat orientiert und die Roemer kennen
gelehrt habe, wer und wo sie seien. Kritik aber und System wird man
vergebens suchen. Die griechische Kunde scheint aus ziemlich trueben
Quellen geflossen und es finden sich Spuren, dass auch in der roemischen
der Schreiber von dem Einfluss des historischen Romans seiner Zeit nicht
frei war. Der Stoff ist wohl in ein bequemes und symmetrisches Fachwerk
eingereiht, aber methodisch weder gegliedert noch behandelt und bei
allem Bestreben, Ueberlieferung und eigene Beobachtung harmonisch zu
verarbeiten, sind doch Varros wissenschaftliche Arbeiten weder von einem
gewissen Koehlerglauben gegenueber der Tradition noch von unpraktischer
Scholastik freizusprechen ^19. Die Anlehnung an die griechische
Philologie besteht mehr im Nachahmen der Maengel als der Vorzuege
derselben, wie denn vor allem das Etymologisieren auf blossen Anklang
hin sowohl bei Varro selbst wie bei den sonstigen Sprachgelehrten dieser
Zeit sich in die reine Scharade und oft geradezu ins Alberne verlaeuft
^20. In ihrer empirischen Sicherheit und Fuelle wie auch in ihrer
empirischen Unzulaenglichkeit und Unmethode erinnert die Varronische
lebhaft an die englische Nationalphilologie und findet auch ebenwie
diese ihren Mittelpunkt in dem Studium der aelteren Schaubuehne. Dass
die monarchische Literatur im Gegensatz gegen diese sprachliche Empirie
die Sprachregel entwickelte, ward bereits bemerkt. Es ist in hohem Grade
bedeutsam, dass an der Spitze der modernen Grammatiker kein geringerer
Mann steht als Caesar selbst, der in seiner Schrift ueber die Analogie
(bekanntgemacht zwischen 696 und 704 68 und 50) es zuerst unternahm
die freie Sprache unter die Gewalt des Gesetzes zu zwingen.
-------------------------------------------------------- ^19 Ein
merkwuerdiges Exempel ist in der Schrift von der Landwirtschaft die
allgemeine Auseinandersetzung ueber das Vieh (2, 1), mit den neunmal
neun Unterabteilungen der Viehzuchtlehre, mit der "unglaublichen" aber
"wahren" Tatsache, dass die Stuten bei Olisipo (Lissabon) vom
Winde befruchtet werden, ueberhaupt mit ihrem sonderbaren Gemenge
philosophischer, historischer und landwirtschaftlicher Notizen. ^20 So
leitet Varro facere her von facies, weil wer etwas macht, der Sache ein
Ansehn gibt, volpes, den Fuchs, nach Stilo von volare pedibus als den
Fliegefuss; Gaius Trebatius, ein philosophischer Jurist dieser Zeit,
sacellum von sacra cella; Figulus frater von fere alter und so weiter.
Dies Treiben, das nicht etwa vereinzelt, sondern als Hauptelement
der philologischen Literatur dieser Zeit erscheint hat die groesste
Aehnlichkeit mit der Weise, wie man bis vor kurzem Sprachvergleichung
trieb, ehe die Einsicht in den Sprachenorganismus hier den
Empirikern das Handwerk legte.
-------------------------------------------------------- Neben dieser
ungemeinen Regsamkeit auf dem Gebiet der Philologie faellt die geringe
Taetigkeit in den uebrigen Wissenschaften auf. Was von Belang in der
Philosophie erschien, wie Lucretius' Darstellung des epikureischen
Systems in dem poetischen Kinderkleide der vorsokratischen Philosophie
und die besseren Schriften Ciceros, tat seine Wirkung und fand sein
Publikum nicht durch, sondern trotz des philosophischen Inhalts
einzig durch die aesthetische Form; die zahlreichen Uebersetzungen
epikureischer Schriften und die pythagoreischen Arbeiten, wie Varros
grosses Werk ueber die Elemente der Zahlen und das noch
ausfuehrlichere des Figulus von den Goettern, hatten ohne Zweifel weder
wissenschaftlichen noch formellen Wert. Auch in den Fachwissenschaften
ist es schwach bestellt. Varros dialogisch geschriebene Buecher vom
Landbau sind freilich methodischer als die seiner Vorgaenger Cato und
Saserna, auf die denn auch mancher tadelnde Seitenblick faellt, dafuer
aber im ganzen mehr aus der Schreibstube hervorgegangen als, wie jene
aelteren Werke, aus der lebendigen Erfahrung. Von desselben sowie des
Servius Sulpicius Rufus (Konsul 703 51) juristischen Arbeiten ist
kaum etwas weiter zu sagen, als dass sie zu dem dialektischen und
philologischen Aufputz der roemischen Jurisprudenz beigetragen haben.
Weiter aber ist hier nichts zu nennen als etwa noch des Gaius Matius
drei Buecher ueber Kochen, Einsalzen und Einmachen, unseres Wissens
das aelteste roemische Kochbuch und als das Werk eines vornehmen Mannes
allerdings eine bemerkenswerte Erscheinung. Dass Mathematik und Physik
durch die gesteigerten hellenistischen und utilitarischen Tendenzen der
Monarchie gefoerdert wurden, zeigt sich wohl in der steigenden Bedeutung
derselben im Jugendunterricht und in einzelnen praktischen Anwendungen,
wohin, ausser der Reform des Kalenders, etwa noch gezaehlt werden
koennen das Aufkommen der Wandkarten in dieser Zeit; die verbesserte
Technik des Schiffsbaus und der musikalischen Instrumente; Anlagen
und Bauten wie das von Varro angegebene Vogelhaus, die von Caesars
Ingenieuren ausgefuehrte Pfahlbruecke ueber den Rhein, sogar zwei
halbkreisfoermige, zum Zusammenschieben eingerichtete, zuerst
gesondert als zwei Theater, dann zusammen als Amphitheater benutzte
Brettergerueste. Auslaendische Naturmerkwuerdigkeiten bei den
Volksfesten oeffentlich zur Schau zu stellen war nicht ungewoehnlich;
und die Schilderungen merkwuerdiger Tiere, die Caesar in seine
Feldzugsberichte eingelegt hat, beweisen, dass ein Aristoteles, wenn er
aufgetreten waere, seinen Fuersten wiederum gefunden haben wuerde.
Was aber von literarischen Leistungen auf diesem Gebiet erwaehnt wird,
haengt wesentlich an den Neupythagoreismus sich an; so des Figulus
Zusammenstellung griechischer und barbarischer, d. h. aegyptischer
Himmelsbeobachtungen und desselben Schriften von den Tieren, den Winden,
den Geschlechtsteilen. Nachdem ueberhaupt die griechische Naturforschung
von dem Aristotelischen Streben, im einzelnen das Gesetz zu finden, mehr
und mehr zu der empirischen und meistens unkritischen Beobachtung des
Aeusserlichen und Auffallenden in der Natur abgeirrt war, konnte die
Naturwissenschaft, indem sie als mystische Naturphilosophie auftrat,
statt aufzuklaeren und anzuregen, nur noch mehr verdummen und laehmen;
und solchem Treiben gegenueber liess man es besser noch bei der
Plattheit bewenden, welche Cicero als sokratische Weisheit vortraegt,
dass die Naturforschung entweder nach Dingen sucht, die niemand wissen
koenne, oder nach solchen, die niemand zu wissen brauche. Werfen wir
schliesslich noch einen Blick auf die Kunst, so zeigen auch hier sich
dieselben unerfreulichen Erscheinungen, die das ganze geistige Leben
dieser Periode erfuellen. Das Staatsbauwesen stockte in der Geldklemme
der letzten Zeit der Republik so gut wie ganz. Von dem Bauluxus
der Vornehmen Roms war bereits die Rede; die Architekten lernten
infolgedessen den Marmor verschwenden - die farbigen Sorten wie der
gelbe numidische (Giallo antico) und andere kamen in dieser Zeit in
Aufnahme und auch die lunensischen (carrarischen) Marmorbrueche wurden
jetzt zuerst benutzt - und fingen an, die Fussboeden der Zimmer mit
Mosaik auszulegen, die Waende mit Marmorplatten zu taefeln oder auch
den Stuck marmorartig zu bemalen - die ersten Anfaenge der
spaeteren Zimmerwandmalerei. Die Kunst aber gewann nicht bei dieser
verschwenderischen Pracht. In den bildenden Kuensten waren Kennerschaft
und Sammelei in weiterem Zunehmen. Es war eine blosse Affektation
catonischer Simplizitaet, wenn ein Advokat vor den Geschworenen von den
Kunstwerken "eines gewissen Praxiteles" sprach; alles reiste und schaute
und das Handwerk der Kunstciceronen oder, wie sie damals hiessen, der
Exegeten, war keines von den schlechtesten. Auf alte Kunstwerke wurde
foermlich Jagd gemacht - weniger freilich noch auf Statuen und Gemaelde,
als nach der rohen Art roemischer Prachtwirtschaft auf kunstvolles
Geraet und Zimmer- und Tafeldekoration aller Art. Schon zu jener Zeit
wuehlte man die alten griechischen Graeber von Capua und Korinth um
wegen der Erz- und Tongefaesse, die den Toten waren mit ins Grab gegeben
worden. Fuer eine kleine Nippfigur von Bronze wurden 40000 (3000 Taler),
fuer ein paar kostbare Teppiche 200000 Sesterzen (15000 Taler) bezahlt;
eine gutgearbeitete kupferne Kochmaschine kam hoeher zu stehen als ein
Landgut. Wie billig ward bei dieser barbarischen Kunstjagd der reiche
Liebhaber von seinen Zutraegern haeufig geprellt: aber der oekonomische
Ruin namentlich des an Kunstwerken ueberreichen Kleinasiens brachte auch
manches wirklich alte und seltene Prachtstueck und Kunststueck auf den
Markt und von Athen, Syrakus, Kyzikos, Pergamon, Chios, Samos und wie
die alten Kunststaetten weiter hiessen, wanderte alles, was feil war und
gar manches, was es nicht war, in die Palaeste und Villen der roemischen
Grossen. Welche Kunstschaetze zum Beispiel das Haus des Lucullus barg,
der freilich wohl nicht mit Unrecht beschuldigt wurde, sein artistisches
Interesse auf Kosten seiner Feldherrnpflichten befriedigt zu haben,