dem Vater mit Gift. Der Wahlplatz ist zur Boerse geworden, der
Kriminalprozess zur Goldgrube fuer die Geschworenen. Keinem Gesetze wird
noch gehorcht, ausser dem einen, dass nichts fuer nichts gegeben wird.
Alle Tugenden sind geschwunden; dafuer begruessen den Erwachten als neue
Insassen die Gotteslaesterung, die Wortlosigkeit, die Geilheit. "O wehe
dir, Marcus, ueber solchen Schlaf und solches Erwachen!" Die Skizze
gleicht der catilinarischen Zeit, kurz nach welcher (um 697 57) sie
der alte Mann geschrieben haben muss, und es lag eine Wahrheit in der
bitteren Schlusswendung, wo der Marcus, gehoerig ausgescholten wegen
seiner unzeitgemaessen Anklagen und antiquarischen Reminiszenzen, mit
parodischer Anwendung einer uralten roemischen Sitte, als unnuetzer
Greis auf die Bruecke geschleppt und in den Tiber gestuerzt wird. Es
war allerdings fuer solche Maenner in Rom kein Platz mehr.
---------------------------------------------- Zu einer kritischen
Geschichtschreibung in der Art, wie die Nationalgeschichte von den
Attikern in ihrer klassischen Zeit, wie die Weltgeschichte von Polybios
geschrieben ward, ist man in Rom eigentlich niemals gelangt. Selbst
auf dem dafuer am meisten geeigneten Boden, in der Darstellung der
gleichzeitigen und der juengst vergangenen Ereignisse, blieb es im
ganzen bei mehr oder minder unzulaenglichen Versuchen; in der Epoche
namentlich von Sulla bis auf Caesar wurden die nicht sehr bedeutenden
Leistungen, welche die vorhergehende auf diesem Gebiet aufzuweisen
hatte, die Arbeiten Antipaters und Asellios, kaum auch nur erreicht.
Das einzige diesem Gebiete angehoerende namhafte Werk, das in der
gegenwaertigen Epoche entstand, ist des Lucius Cornelius Sisenna
(Praetor 676 78) Geschichte des Bundesgenossen- und Buergerkrieges.
Von ihr bezeugen die, welche sie lasen, dass sie an Lebendigkeit und
Lesbarkeit die alten trockenen Chroniken weit uebertraf, dafuer aber in
einem durchaus unreinen und selbst in das Kindische verfallenden Stil
geschrieben war; wie denn auch die wenigen uebrigen Bruchstuecke
eine kleinliche Detailmalerei des Graesslichen ^17 und eine Menge
neugebildeter oder der Umgangssprache entnommener Woerter aufzeigen.
Wenn noch hinzugefuegt wird, dass das Muster des Verfassers und
sozusagen der einzige ihm gelaeufige griechische Historiker Kleitarchos
war, der Verfasser einer zwischen Geschichte und Fiktion schwankenden
Biographie Alexanders des Grossen in der Art des Halbromans, der den
Namen des Curtius traegt, so wird man nicht anstehen, in Sisennas
vielgeruehmtem Geschichtswerk nicht ein Erzeugnis echter historischer
Kritik und Kunst zu erkennen, sondern den ersten roemischen Versuch
in der bei den Griechen so beliebten Zwittergattung von Geschichte und
Roman, welche das tatsaechliche Grundwerk durch erfundene Ausfuehrung
lebendig und interessant machen moechte und es dadurch schal und unwahr
macht; und es wird nicht ferner Verwunderung erregen demselben
Sisenna auch als Uebersetzer griechischer Moderomane zu begegnen.
---------------------------------------------- ^17 "Die Unschuldigen",
hiess es in einer Rede, "zitternd an allen Gliedern, schleppst du heraus
und am hohen Uferrande des Flusses beim Morgengrauen (laessest du sie
schlachten)." Solche ohne Muehe einer Taschenbuchsnovelle einzufuegende
Phrasen begegnen mehrere. ----------------------------------------------
Dass es auf dem Gebiet der allgemeinen Stadt- und gar der Weltchronik
noch weit erbaermlicher aussah, lag in der Natur der Sache. Die
steigende Regsamkeit der antiquarischen Forschung liess erwarten,
dass aus Urkunden und sonstigen zuverlaessigen Quellen die gangbare
Erzaehlung rektifiziert werden wuerde; allein diese Hoffnung erfuellte
sich nicht. Je mehr und je tiefer man forschte, desto deutlicher trat
es hervor, was es hiess, eine kritische Geschichte Roms schreiben.
Schon die Schwierigkeiten, die der Forschung und Darstellung sich
entgegenstellten, waren unermesslich; aber die bedenklichsten
Hindernisse waren nicht die literarischer Art. Die konventionelle
Urgeschichte Roms, wie sie jetzt seit wenigstens zehn Menschenaltern
erzaehlt und geglaubt ward, war mit dem buergerlichen Leben der Nation
aufs innigste zusammengewachsen; und doch musste bei jeder eingehenden
und ehrlichen Forschung nicht bloss einzelnes hie und da modifiziert,
sondern das ganze Gebaeude so gut umgeworfen werden wie die fraenkische
Urgeschichte vom Koenig Pharamund und die britische vom Koenig Arthur.
Ein konservativ gesinnter Forscher, wie zum Beispiel Varro war, konnte
an dieses Werk nicht Hand legen wollen; und haette ein verwegener
Freigeist sich dazu gefunden, so wuerde gegen diesen schlimmsten aller
Revolutionaere, der der Verfassungspartei sogar ihre Vergangenheit
zu nehmen Anstalt machte, von allen guten Buergern das "Kreuzige"
erschollen sein. So fuehrte die philologische und antiquarische
Forschung von der Geschichtschreibung mehr ab als zu ihr hin. Varro
und die Einsichtigeren ueberhaupt gaben die Chronik als solche offenbar
verloren; hoechstens dass man, wie Titus Pomponius Atticus tat,
die Beamten- und Geschlechtsverzeichnisse in tabellarischer
Anspruchslosigkeit zusammenstellte - ein Werk uebrigens, durch das die
synchronistische griechisch-roemische Jahrzaehlung in der Weise, wie
sie den Spaeteren konventionell feststand, zum Abschluss gefuehrt
worden ist. Die Stadtchronikenfabrik stellte aber darum ihre Taetigkeit
natuerlich nicht ein, sondern fuhr fort zu der grossen, von der
Langenweile fuer die Langeweile geschriebenen Bibliothek ihre Beitraege
so gut in Prosa wie in Versen zu liefern, ohne dass die Buchmacher, zum
Teil bereits Freigelassene, um die eigentliche Forschung irgend sich
bekuemmert haetten. Was uns von diesen Schriften genannt wird - erhalten
ist keine derselben -, scheint nicht bloss durchaus untergeordneter
Art, sondern grossenteils sogar von unlauterer Faelschung durchdrungen
gewesen zu sein. Zwar die Chronik des Quintus Claudius Quadrigarius
(um 676? 78) war in einem altmodischen, aber guten Stil geschrieben
und befliss in der Darstellung der Fabelzeit sich wenigstens einer
loeblichen Kuerze. Aber wenn Gaius Licinius Macer (+ als gewesener
Praetor 688 66), des Dichters Calvus Vater und ein eifriger Demokrat,
mehr als irgendein anderer Chronist auf Urkundenforschung und Kritik
Anspruch machte, so sind seine "leinenen Buecher" und anderes ihm
Eigentuemliche im hoechsten Grade verdaechtig und wird wahrscheinlich
eine sehr umfassende und zum Teil in die spaeteren Annalisten
uebergegangene Interpolation der gesamten Chronik zu demokratisch-
tendenzioesen Zwecken auf ihn zurueckgehen. Valerius Antias endlich
uebertraf in der Weitlaeufigkeit wie in der kindischen Fabulierung alle
seine Vorgaenger. Die Zahlenluege war hier systematisch bis auf die
gleichzeitige Geschichte herab durchgefuehrt und die Urgeschichte Roms
aus dem Platten abermals ins Platte gearbeitet; wie denn zum Beispiel
die Erzaehlung, in welcher Art der weise Numa nach Anweisung der Nymphe
Egeria die Goetter Faunus und Picus mit Weine fing, und die schoene,
von selbigem Numa hierauf mit Gott Jupiter gepflogene Unterhaltung allen
Verehrern der sogenannten Sagengeschichte Roms nicht dringend genug
empfohlen werden koennen, um womoeglich auch sie, versteht sich
ihrem Kerne nach, zu glauben. Es waere ein Wunder gewesen, wenn die
griechischen Novellenschreiber dieser Zeit solche fuer sie wie gemachte
Stoffe sich haetten entgehen lassen. In der Tat fehlte es auch nicht
an griechischen Literaten, welche die roemische Geschichte zu Romanen
verarbeiteten: eine solche Schrift waren zum Beispiel des schon unter
den in Rom lebenden griechischen Literaten erwaehnten Polyhistors
Alexandros fuenf Buecher 'Ueber Rom', ein widerwaertiges Gemisch
abgestandener historischer Ueberlieferung und trivialer, vorwiegend
erotischer Erfindung. Er vermutlich hat den Anfang dazu gemacht, das
halbe Jahrtausend, welches mangelte, um Troias Untergang und Roms
Entstehung in den durch die beiderseitigen Fabeln geforderten
chronologischen Zusammenhang zu bringen, auszufuellen mit einer jener
tatenlosen Koenigslisten, wie sie den aegyptischen und griechischen
Chronisten leider gelaeufig waren; denn allem Anschein nach ist er
es, der die Koenige Aventinus und Tiberinus und das albanische
Silviergeschlecht in die Welt gesetzt hat, welche dann im einzelnen
mit Namen, Regierungszeit und mehrerer Anschaulichkeit wegen auch einem
Konterfei auszustatten die Folgezeit nicht versaeumte. So dringt von
verschiedenen Seiten her der historische Roman der Griechen in die
roemische Historiographie ein; und es ist mehr als wahrscheinlich, dass
von dem, was man heute Tradition der roemischen Urzeit zu nennen gewohnt
ist, nicht der kleinste Teil aus Quellen herruehrt von dem Schlage der
'Amadis von Gallien' und der Fouqueschen Ritterromane - eine erbauliche
Betrachtung wenigstens fuer diejenigen, die Sinn haben fuer den
Humor der Geschichte und die Komik der noch in gewissen Zirkeln des
neunzehnten Jahrhunderts fuer Koenig Numa gehegten Pietaet zu wuerdigen
verstehen. Neu ein in die roemische Literatur tritt in dieser
Epoche neben der Landes- die Universal- oder, richtiger gesagt, die
zusammengefasste roemisch-hellenische Geschichte. Cornelius Nepos
aus Ticinum (ca. 650 - ca. 725 100-30) liefert zuerst eine allgemeine
Chronik (herausgegeben vor 700 54) und eine nach gewissen Kategorien
geordnete allgemeine Biographiensammlung politisch oder literarisch
ausgezeichneter roemischer und griechischer oder doch in die roemische
oder griechische Geschichte eingreifender Maenner. Diese Arbeiten
schliessen an die Universalgeschichten sich an, wie sie die Griechen
schon seit laengerer Zeit schrieben; und ebendiese griechischen
Weltchroniken begannen jetzt auch, wie zum Beispiel die im Jahre 698
(56) abgeschlossene des Kastor, Schwiegersohns des galatischen Koenigs
Deiotarus, die bisher von ihnen vernachlaessigte roemische Geschichte
in ihren Kreis zu ziehen. Diese Arbeiten haben allerdings, ebenwie
Polybios, versucht, an die Stelle der lokalen die Geschichte der
Mittelmeerwelt zu setzen; aber was bei Polybios aus grossartig klarer
Auffassung und tiefem geschichtlichen Sinn hervorging, ist in diesen
Chroniken vielmehr das Produkt des praktischen Beduerfnisses fuer den
Schul- und den Selbstunterricht. Der kuenstlerischen Geschichtschreibung
koennen diese Weltchroniken, Lehrbuecher fuer den Schulunterricht oder
Handbuecher zum Nachschlagen, und die ganze damit zusammenhaengende,
auch in lateinischer Sprache spaeterhin sehr weitschichtig gewordene
Literatur kaum zugezaehlt werden; und namentlich Nepos selbst war
ein reiner, weder durch Geist noch auch nur durch Planmaessigkeit
ausgezeichneter Kompilator. Merkwuerdig und in hohem Grade
charakteristisch ist die Historiographie dieser Zeit allerdings, aber
freilich so unerfreulich wie die Zeit selbst. Das Ineinandergreifen der
griechischen und der lateinischen Literatur tritt auf keinem Gebiet
so deutlich hervor wie auf dem der Geschichte; hier setzen die
beiderseitigen Literaturen in Stoff und Form am fruehesten sich ins
gleiche und die einheitliche Auffassung der hellenisch-italischen
Geschichte, mit der Polybios seiner Zeit vorangeeilt war, lernte jetzt
bereits der griechische wie der roemische Knabe in der Schule. Allein
wenn der Mittelmeerstaat einen Geschichtschreiber gefunden hatte, ehe
er seiner selbst sich bewusst worden war, so stand jetzt, wo dies
Bewusstsein sich eingestellt hatte, weder bei den Griechen noch bei den
Roemern ein Mann auf, der ihm den rechten Ausdruck zu leihen vermochte.
Eine roemische Geschichtschreibung, sagt Cicero, gibt es nicht; und
soweit wir urteilen koennen, ist dies nicht mehr als die einfache
Wahrheit. Die Forschung wendet von der Geschichtschreibung sich ab,
die Geschichtschreibung von der Forschung; die historische
Literatur schwankt zwischen dem Schulbuch und dem Roman. Alle reinen
Kunstgattungen, Epos, Drama, Lyrik, Historie, sind nichtig in dieser
nichtigen Welt; aber in keiner Gattung spiegelt doch der geistige
Verfall der ciceronischen Zeit in so grauenvoller Klarheit sich wieder
wie in ihrer Historiographie. Die kleine historische Literatur dieser
Zeit weist dagegen unter vielen geringfuegigen und verschollenen
Produktionen eine Schrift ersten Ranges auf: die Memoiren Caesars oder
vielmehr der militaerische Rapport des demokratischen Generals an das
Volk, von dem er seinen Auftrag erhalten hatte. Der vollendete und
allein von dem Verfasser selbst veroeffentlichte Abschnitt, der die
keltischen Feldzuege bis zum Jahre 702 (52) schildert, hat offenbar den
Zweck, das formell verfassungswidrige Beginnen Caesars, ohne Auftrag der
kompetenten Behoerde ein grosses Land zu erobern und zu diesem Ende sein
Heer bestaendig zu vermehren, so gut wie moeglich vor dem Publikum zu
rechtfertigen; es ward geschrieben und bekannt gemacht im Jahre 703
(51), als in Rom der Sturm gegen Caesar losbrach und er aufgefordert
ward, sein Heer zu entlassen und sich zur Verantwortung zu stellen ^18.
Der Verfasser dieser Rechtfertigungsschrift schreibt, wie er auch
selber sagt, durchaus als Offizier und vermeidet es sorgfaeltig,
die militaerische Berichterstattung auf die bedenklichen Gebiete der
politischen Organisation und Administration zu erstrecken. Seine in der
Form eines Militaerberichts entworfene Gelegenheits- und Parteischrift
ist selber ein Stueck Geschichte wie die Bulletins Napoleons, aber ein
Geschichtswerk im rechten Sinne des Wortes ist sie nicht und soll sie
nicht sein; die Objektivitaet der Darstellung ist nicht die historische,
sondern die des Beamten. Allein in dieser bescheidenen Gattung ist
die Arbeit meisterlich und vollendet wie keine andere in der gesamten
roemischen Literatur. Die Darstellung ist immer knapp und nie
karg, immer schlicht und nie nachlaessig, immer von durchsichtiger
Lebendigkeit und nie gespannt oder manieriert. Die Sprache ist
vollkommen rein von Archaismen wie von Vulgarismen, der Typus der
modernen Urbanitaet. Den Buechern vom Buergerkrieg meint man es
anzufuehlen, dass der Verfasser den Krieg hatte vermeiden wollen und
nicht vermeiden koennen, vielleicht auch, dass in Caesars Seele wie in
jeder anderen die Zeit der Hoffnung eine reinere und frischere war als
die der Erfuellung; aber ueber die Schrift vom Gallischen Krieg ist eine
helle Heiterkeit, eine einfache Anmut ausgegossen, welche nicht
minder einzig in der Literatur dastehen wie Caesar in der Geschichte.
------------------------------------------------ ^18 Dass die Schrift
ueber den Gallischen Krieg auf einmal publiziert worden ist, hat man
laengst vermutet; den bestimmten Beweis dafuer liefert die Erwaehnung
der Gleichstellung der Boier und der Haeduer schon im ersten Buch
(c. 28), waehrend doch die Boier noch im siebenten (c. 10) als
zinspflichtige Untertanen der Haeduer vorkommen und offenbar erst
wegen ihres Verhaltens und desjenigen der Haeduer in dem Kriege gegen
Vercingetorix gleiches Recht mit ihren bisherigen Herren erhielten.
Andererseits wird, wer die Geschichte der Zeit aufmerksam verfolgt, in
der Aeusserung ueber die Milonische Krise (7, 6) den Beweis finden, dass
die Schrift vor dem Ausbruch des Buergerkrieges publiziert ward;
nicht weil Pompeius hier gelobt wird, sondern weil Caesar daselbst die
Ausnahmegesetze vom Jahr 702 (52) billigt. Dies konnte und musste er
tun, solange er ein friedliches Abkommen mit Pompeius herbeizufuehren
suchte, nicht aber nach dem Bruch, wo er die aufgrund jener fuer ihn
verletzenden Gesetze erfolgten Verurteilungen umstiess. Darum ist die
Veroeffentlichung dieser Schrift mit vollem Recht in das Jahr 703 (51)
gesetzt worden. Die Tendenz der Schrift erkennt man am deutlichsten in
der bestaendigen, oft, am entschiedensten wohl bei der aquitanischen
Expedition, nicht gluecklichen Motivierung jedes einzelnen Kriegsakts
als einer nach Lage der Dinge unvermeidlichen Defensivmassregel. Dass
die Gegner Caesars Angriffe auf die Kelten und Deutschen vor allem
als unprovoziert tadelten, ist bekannt (Suet. Caes. 24).
------------------------------------------------ Verwandter Art sind die
Briefwechsel von Staatsmaennern und Literaten dieser Zeit, die in der
folgenden Epoche mit Sorgfalt gesammelt und veroeffentlicht wurden: so
die Korrespondenz von Caesar selbst, von Cicero, Calvus und andern. Den
eigentlich literarischen Leistungen koennen sie noch weniger beigezaehlt
werden; aber fuer die geschichtliche wie fuer jede andere Forschung
war diese Korrespondenzliteratur ein reiches Archiv und das treueste
Spiegelbild einer Epoche, in der so viel wuerdiger Gehalt vergangener
Zeiten und so viel Geist, Geschicklichkeit und Talent im kleinen Treiben
sich verfluechtigte und verzettelte. Eine Journalistik in dem heutigen
Sinn hat bei den Roemern niemals sich gebildet; die literarische Polemik
blieb angewiesen auf die Broschuerenliteratur und daneben allenfalls
auf die zu jener Zeit allgemein verbreitete Sitte die fuer das Publikum
bestimmten Notizen an oeffentlichen Orten mit dem Pinsel oder dem
Griffel anzuschreiben. Dagegen wurden untergeordnete Individuen
dazu verwandt, fuer die abwesenden Vornehmen die Tagesvorfaelle
und Stadtneuigkeiten aufzuzeichnen; auch fuer die sofortige
Veroeffentlichung eines Auszugs aus den Senatsverhandlungen traf
Caesar schon in seinem ersten Konsulat geeignete Massregeln. Aus den
Privatjournalen jener roemischen Penny-a-liners und diesen offiziellen
laufenden Berichten entstand eine Art von hauptstaedtischem
Intelligenzblatt (acta diurna), in dem das Resuemee der vor dem Volke
und im Senat verhandelten Geschaefte, ferner Geburten, Todesfaelle
und dergleichen mehr verzeichnet wurden. Dasselbe wurde eine nicht
unwichtige geschichtliche Quelle, blieb aber ohne eigentliche politische
wie ohne literarische Bedeutung. Zu der historischen Nebenliteratur
gehoert von Rechts wegen auch die Redeschriftstellerei. Die Rede,
aufgezeichnet oder nicht, ist ihrer Natur nach ephemer und gehoert der
Literatur nicht an; indes kann sie, wie der Bericht und der Brief, und
sie noch leichter als diese, durch die Praegnanz des Moments und die
Macht des Geistes, denen sie entspringt, eintreten unter die bleibenden
Schaetze der nationalen Literatur. So spielten denn auch in Rom
die Aufzeichnungen der vor der Buergerschaft oder den Geschworenen
gehaltenen Reden politischen Inhalts nicht bloss seit langem eine grosse
Rolle in dem oeffentlichen Leben, sondern es wurden auch die Reden
namentlich des Gaius Gracchus mit Recht gezaehlt zu den klassischen
roemischen Schriften. In dieser Epoche aber tritt hier nach allen Seiten
hin eine seltsame Verwandlung ein. Die politische Redeschriftstellerei
ist im Sinken wie die Staatsrede selbst. Die politische Rede fand,
in Rom wie ueberhaupt in den alten Politien, ihren Hoehepunkt in den
Verhandlungen vor der Buergerschaft: hier fesselten den Redner nicht,
wie im Senat, kollegialische Ruecksichten und laestige Formen, nicht,
wie in den Gerichtsreden, die der Politik an sich fremden Interessen der
Anklage und Verteidigung; hier allein schwoll ihm das Herz hoch vor der
ganzen, an seinen Lippen hangenden grossen und maechtigen roemischen
Volksgemeinde. Allein damit war es nun vorbei. Nicht als haette es
an Rednern gemangelt oder an der Veroeffentlichung der vor der
Buergerschaft gehaltenen Reden; vielmehr ward die politische
Schriftstellerei jetzt erst recht weitlaeufig und es fing an, zu den
stehenden Tafelbeschwerden zu gehoeren, dass der Wirt die Gaeste durch
Vorlesung seiner neuesten Reden inkommodierte. Auch Publius Clodius
liess seine Volksreden als Broschueren ausgehen, ebenwie Gaius Gracchus;
aber es ist nicht dasselbe, wenn zwei Maenner dasselbe tun. Die
bedeutenderen Fuehrer selbst der Opposition, vor allem Caesar selbst,
sprachen zu der Buergerschaft nicht oft und veroeffentlichten nicht
mehr die vor ihr gehaltenen Reden; ja sie suchten zum Teil fuer ihre
politischen Flugschriften sich eine andere Form als die hergebrachte der
Contionen, in welcher Hinsicht namentlich die Lob- und Tadelschriften
auf Cato bemerkenswert sind. Es ist das wohl erklaerlich. Gaius Gracchus
hatte zur Buergerschaft gesprochen; jetzt sprach man zu dem Poebel;
und wie das Publikum, so die Rede. Kein Wunder, wenn der reputierliche
politische Schriftsteller auch die Einkleidung vermied, als habe er
seine Worte an die auf dem Markte der Hauptstadt versammelten Haufen
gerichtet. Wenn also die Redeschriftstellerei in ihrer bisherigen
literarischen und politischen Geltung in derselben Weise verfaellt,
wie alle naturgemaess aus dem nationalen Leben entwickelten Zweige
der Literatur, so beginnt zugleich eine seltsame nichtpolitische
Plaedoyerliteratur. Bisher hatte man nichts davon gewusst, dass der
Advokatenvortrag als solcher, ausser fuer die Richter und die Parteien,
auch noch fuer Mit- und Nachwelt zur literarischen Erbauung bestimmt
sei; kein Sachwalter hatte seine Plaedoyers aufgezeichnet und
veroeffentlicht, wofern dieselben nicht etwa zugleich politische Reden
waren und insofern sich dazu eigneten, als Parteischriften verbreitet zu
werden, und auch dies war nicht gerade haeufig geschehen. Noch Quintus
Hortensius (640-704 114-50), in den ersten Jahren dieser Periode der
gefeiertste roemische Advokat, veroeffentlichte nur wenige und wie es
scheint nur die ganz oder halb politischen Reden. Erst sein Nachfolger
in dem Prinzipat der roemischen Sachwalter, Marcus Tullius Cicero
(648-711 106-43), war von Haus aus ebensosehr Schriftsteller wie
Gerichtsredner; er publizierte seine Plaedoyers regelmaessig und auch
dann, wenn sie nicht oder nur entfernt mit der Politik zusammenhingen.
Dies ist nicht Fortschritt, sondern Unnatur und Verfall. Auch in
Athen ist das Auftreten der nichtpolitischen Advokatenreden unter den
Gattungen der Literatur ein Zeichen der Krankheit; und zwiefach ist es
dies in Rom, das diese Missbildung nicht wie Athen aus dem ueberspannten
rhetorischen Treiben mit einer gewissen Notwendigkeit erzeugt, sondern
willkuerlich und im Widerspruch mit den besseren Traditionen der Nation
dem Ausland abgeborgt hat. Dennoch kam diese neue Gattung rasch
in Aufnahme, teils weil sie mit der aelteren politischen
Redeschriftstellerei vielfach sich beruehrte und zusammenfloss, teils
weil das unpoetische, rechthaberische, rhetorisierende Naturell der
Roemer fuer den neuen Samen einen guenstigen Boden darbot, wie ja denn
noch heute die Advokatenrede und selbst eine Art von Prozessliteratur
in Italien etwas bedeutet. Also erwarb die von der Politik emanzipierte
Redeschriftstellerei das Buergerrecht in der roemischen Literatenwelt
durch Cicero. Wir haben dieses vielseitigen Mannes schon mehrfach
gedenken muessen. Als Staatsmann ohne Einsicht, Ansicht und Absicht,
hat er nacheinander als Demokrat, als Aristokrat und als Werkzeug der
Monarchen figuriert und ist nie mehr gewesen als ein kurzsichtiger
Egoist. Wo er zu handeln schien, waren die Fragen, auf die es ankam,
regelmaessig eben abgetan: so trat er im Prozess des Verres gegen die
Senatsgerichte auf, als sie bereits beseitigt waren; so schwieg er bei
der Verhandlung ueber das Gabinische und verfocht das Manilische Gesetz;
so polterte er gegen Catilina, als dessen Abgang bereits feststand, und