Tun und Leiden. Er tat dies teils literarisch, indem er zum Beispiel

die erste Koalition, das "dreikoepfige Ungeheuer" in Flugschriften

bekaempfte, teils im ernsteren Kriege, wo wir ihn im Heere des Pompeius

als Kommandanten des Jenseitigen Spaniens fanden. Als die Sache

der Republik verloren war, ward Varro von seinem Ueberwinder zum

Bibliothekar der neu zu schaffenden Bibliothek in der Hauptstadt

bestimmt. Die Wirren der folgenden Zeit rissen den alten Mann noch

einmal in ihren Strudel hinein, und erst siebzehn Jahre nach Caesars

Tode, im neunundachtzigsten seines wohlausgefuellten Lebens rief der Tod

ihn ab. Die aesthetischen Schriften, die ihm einen Namen gemacht haben,

waren kuerzere Aufsaetze, teils einfach prosaische ernsteren Inhalts,

teils launige Schilderungen, deren prosaisches Grundwerk

vielfach eingelegte Poesien durchwirken. Jenes sind die

'Philosophisch-historischen Abhandlungen' (logistorici), dies die

Menippischen Satiren. Beide schliessen nicht an lateinische Vorbilder

sich an, namentlich die Varronische Satura keineswegs an die Lucilische;

wie denn ueberhaupt die roemische Satura nicht eigentlich eine

feste Kunstgattung, sondern nur negativ das bezeichnet, dass "das

mannigfaltige Gedicht" zu keiner der anerkannten Kunstgattungen gezaehlt

sein will und darum denn auch die Saturapoesie bei jedem begabten Poeten

wieder einen andern und eigenartigen Charakter annimmt. Es war vielmehr

die voralexandrinische griechische Philosophie, in der Varro die Muster

fuer seine strengeren wie fuer seine leichteren aesthetischen Arbeiten

fand: fuer die ernsteren Abhandlungen in den Dialogen des Herakleides

von Herakleia am Schwarzen Meer (+ um 450 300), fuer die Satiren in den

Schriften des Menippos von Gadara in Syrien (blueht um 475 280). Die

Wahl war bezeichnend. Herakleides, als Schriftsteller angeregt durch

Platons philosophische Gespraeche, hatte ueber deren glaenzende Form

den wissenschaftlichen Inhalt gaenzlich aus den Augen verloren und die

poetisch- fabulistische Einkleidung zur Hauptsache gemacht; er war

ein angenehmer und vielgelesener Autor, aber nichts weniger als

ein Philosoph. Menippos war es ebensowenig, sondern der echteste

literarische Vertreter derjenigen Philosophie, deren Weisheit darin

besteht, die Philosophie zu leugnen und die Philosophen zu verhoehnen,

der Hundeweisheit des Diogenes; ein lustiger Meister ernsthafter

Weisheit, bewies er in Exempeln und Schnurren, dass ausser dem

rechtschaffenen Leben alles auf Erden und im Himmel eitel sei, nichts

aber eitler als der Hader der sogenannten Weisen. Dies waren die rechten

Muster fuer Varro, einen Mann voll altroemischen Unwillens ueber die

erbaermliche Zeit und voll altroemischer Laune, dabei durchaus nicht

ohne plastisches Talent, aber fuer alles, was nicht wie Bild und

Tatsache aussah, sondern wie Begriff oder gar wie System, vollstaendig

vernagelt und vielleicht den unphilosophischsten unter den

unphilosophischen Roemern ^12. Allein Varro war kein unfreier Schueler.

Die Anregung und im allgemeinen die Form entlehnte er von Herakleides

und Mennippos; aber er war eine zu individuelle und zu entschieden

roemische Natur, um nicht seine Nachschoepfungen wesentlich selbstaendig

und national zu halten. Fuer seine ernsten Abhandlungen, in denen ein

moralischer Satz oder sonst ein Gegenstand von allgemeinem Interesse

behandelt ward, verschmaehte er in der Fabulierung an die Milesischen

Maerchen zu streifen, wie Herakleides es getan, und so gar kinderhafte

Geschichten wie die vom Abaris und von dem nach siebentaegigem Tode

wieder zum Leben erwachenden Maedchen dem Leser aufzutischen. Nur selten

entnahm er die Einkleidung den edleren Mythen der Griechen, wie in

dem Aufsatz 'Orestes oder vom Wahnsinn'; regelmaessig gab ihm einen

wuerdigeren Rahmen fuer seine Stoffe die Geschichte, namentlich die

gleichzeitige vaterlaendische, wodurch diese Aufsaetze zugleich, wie sie

auch heissen, 'Lobschriften' wurden auf geachtete Roemer, vor allem

auf die Koryphaeen der Verfassungspartei. So war die Abhandlung 'Vom

Frieden' zugleich eine Denkschrift auf Metellus Pius, den letzten in der

glaenzenden Reihe der gluecklichen Feldherrn des Senats; die 'Von der

Goetterverehrung' zugleich bestimmt, das Andenken an den hochgeachteten

Optimaten und Pontifex Gaius Curio zu bewahren; der Aufsatz 'Ueber das

Schicksal' knuepfte an Marius an, der 'Ueber die Geschichtschreibung'

an den ersten Historiker dieser Epoche, Sisenna, der 'Ueber die Anfaenge

der roemischen Schaubuehne' an den fuerstlichen Spielgeber Scaurus, der

'Ueber die Zahlen' an den feingebildeten roemischen Bankier Atticus.

Die beiden philosophisch-historischen Aufsaetze 'Laelius oder von der

Freundschaft, 'Cato oder vom Alter', welche Cicero, wahrscheinlich nach

dem Muster der Varronischen, schrieb, moegen von Varros halb lehrhafter,

halb erzaehlender Behandlung dieser Stoffe ungefaehr eine Vorstellung

geben. ------------------------------------------------------ ^11 "Mir

als Knaben", sagt er irgendwo, "genuegte ein einziger Flausrock und ein

einziges Unterkleid, Schuhe ohne Struempfe, ein Pferd ohne Sattel; ein

warmes Bad hatte ich nicht taeglich, ein Flussbad selten." Wegen

seiner persoenlichen Tapferkeit erhielt er im Piratenkrieg, wo er eine

Flottenabteilung fuehrte, den Schiffskranz. ^12 Etwas Kindischeres gibt

es kaum als Varros Schema der saemtlichen Philosophien, das erstlich

alle nicht die Beglueckung des Menschen als letztes Ziel aufstellenden

Systeme kurzweg fuer nicht vorhanden erklaert und dann die Zahl

der unter dieser Voraussetzung denkbaren Philosophien auf

zweihundertachtundachtzig berechnet. Der tuechtige Mann war leider zu

sehr Gelehrter um einzugestehen, dass er Philosoph weder sein koenne

noch sein moege, und hat deshalb als solcher zeit seines Lebens zwischen

Stoa, Pythagoreismus und Diogenismus einen nicht schoenen Eiertanz

aufgefuehrt. ------------------------------------------------------

Ebenso originell in Form und Inhalt ward von Varro die Menippische

Satire behandelt; die dreiste Mischung von Prosa und Versen ist dem

griechischen Original fremd und der ganze geistige Inhalt von roemischer

Eigentuemlichkeit, man moechte sagen von sabinischem

Erdgeschmack durchdrungen. Auch diese Satiren behandeln, wie die

philosophisch-historischen Aufsaetze, irgendein moralisches oder sonst

fuer das groessere Publikum geeignetes Thema, wie dies schon einzelne

Titel zeigen: 'Hercules' Saeulen oder vom Ruhm'; 'Der Topf findet den

Deckel oder von den Pflichten des Ehemanns'; 'Der Nachttopf hat

sein Mass oder vom Zechen'; 'Papperlapapp oder von der Lobrede'.

Die plastische Einkleidung, die auch hier nicht fehlen durfte, ist

natuerlich der vaterlaendischen Geschichte nur selten entlehnt, wie

in der Satire 'Serranus oder von den Wahlen'. Dagegen spielt die

Diogenische Hundewelt wie billig eine grosse Rolle: es begegnen der Hund

Gelehrter, der Hund Rhetor, der Ritter-Hund, der Wassertrinker-Hund,

der Hundekatechismus und dergleichen mehr. Ferner wird die Mythologie zu

komischen Zwecken in Kontribution gesetzt: wir finden einen 'Befreiten

Prometheus', einen 'Strohernen Aias', einen 'Herkules Sokratiker', einen

'Anderthalb Odysseus', der nicht bloss zehn, sondern fuenfzehn Jahre in

Irrfahrten sich umhergetrieben hat. Der dramatisch-novellistische Rahmen

schimmert in einzelnen Stuecken, zum Beispiel im 'Befreiten Prometheus',

in dem 'Mann von sechzig Jahren', im 'Fruehauf' noch aus den

Truemmern hervor; es scheint, dass Varro die Fabel haeufig, vielleicht

regelmaessig als eigenes Erlebnis erzaehlte, wie zum Beispiel im

'Fruehauf' die handelnden Personen zum Varro hingehen und ihm Vortrag

halten, "da er als Buechermacher ihnen bekannt war". Ueber den

poetischen Wert dieser Einkleidung ist uns ein sicheres Urteil nicht

mehr gestattet; einzeln begegnen noch in unseren Truemmern allerliebste

Schilderungen voll Witz und Lebendigkeit - so eroeffnet im 'Befreiten

Prometheus' der Heros nach Loesung seiner Fesseln eine Menschenfabrik,

in welcher Goldschuh, der Reiche, sich ein Maedchen bestellt von Milch

und feinstem Wachs, wie es die milesischen Bienen aus mannigfachen

Blueten sammeln, ein Maedchen ohne Knochen und Sehnen, ohne Haut und

Haar, rein und fein, schlank, glatt, zart, allerliebst. Der Lebensatem

dieser Dichtung ist die Polemik - nicht so sehr die politische der

Partei, wie Lucilius und Catullus sie uebten, sondern die allgemeine

sittliche des strengen Alten gegen die zuegellose und verkehrte Jugend,

des in seinen Klassikern lebenden Gelehrten gegen die lockere und

schofle oder doch ihrer Tendenz nach verwerfliche moderne Poesie ^13,

des guten Buergers von altem Schlag gegen das neue Rom, in dem der

Markt, mit Varro zu reden, ein Schweinestall ist und Numa, wenn er auf

seine Stadt den Blick wendet, keine Spur seiner weisen Satzungen mehr

gewahrt. Varro tat in dem Verfassungskampf, was ihm Buergerpflicht

schien; aber sein Herz war bei diesem Parteitreiben nicht - "warum",

klagt er einmal, "riefet ihr mich aus meinem reinen Leben in den

Rathausschmutz?" Er gehoerte der guten alten Zeit an, wo die Rede nach

Zwiebeln und Knoblauch duftete, aber das Herz gesund war. Nur eine

einzelne Seite dieser altvaeterischen Opposition gegen den Geist der

neuen Zeit ist die Polemik gegen die Erbfeinde des echten Roemertums,

die griechischen Weltweisen; aber es lag sowohl im Wesen der

Hundephilosophie als in Varros Naturell, dass die menippische Geissel

ganz besonders den Philosophen um die Ohren schwirrte und sie denn auch

in angemessene Angst versetzte - nicht ohne Herzklopfen uebersandten

die philosophischen Skribenten der Zeit dem "scharfen Mann" ihre neu

erschienenen Traktate. Das Philosophieren ist wahrlich keine Kunst. Mit

dem zehnten Teil der Muehe, womit der Herr den Sklaven zum Kunstbaecker

erzieht, bildet er selbst sich zum Philosophen; freilich, wenn dann

der Baecker und der Philosoph beide unter den Hammer kommen, geht der

Kuchenkuenstler hundertmal teurer weg als der Weltweise. Sonderbare

Leute, diese Philosophen! Der eine befiehlt, die Leichen in Honig

beizusetzen - ein Glueck, dass man ihm nicht den Willen tut, wo bliebe

sonst der Honigwein? Der andere meint, dass die Menschen wie die Kresse

aus der Erde gewachsen sind. Der dritte hat einen Weltbohrer

erfunden, durch den die Erde einst untergehen wird.

-------------------------------------------------------- ^13 "Willst du

etwa", schreibt er einmal, "die Redefiguren und Verse des Quintussklaven

Clodius abgurgeln und ausrufen: O Geschick! o Schicksalsgeschick!"

Anderswo: "Da der Quintussklave Clodius eine solche Anzahl von Komoedien

ohne irgendeine Muse gemacht hat, sollte ich da nicht einmal ein

einziges Buechlein mit Ennius zu reden 'fabrizieren' koennen?" Dieser

sonst nicht bekannte Clodius muss wohl ein schlechter Nachahmer des

Terenz gewesen sein, da zumal jene ihm spoettisch heimgegebenen Worte:

"O Geschick! o Schicksalsgeschick!" in einem Terenzischen Lustspiel

sich wiederfinden. Die folgende Selbstvorstellung eines Poeten in Varros

'Esel beim Lautenspiel': Schueler mich heisst man Pacuvs; er dann war

des Ennius Schueler, Dieser der Musen; ich selbst nenne Pompilius mich

koennte fueglich die Einleitung des Lucretius parodieren, dem Varro

schon als abgesagter Feind des epikurischen Systems nicht

geneigt gewesen sein kann und den er nie anfuehrt.

-------------------------------------------------------- Gewiss, niemals

hat ein Kranker etwas je getraeumt So toll, was nicht gelehrt schon

haette ein Philosoph. Es ist spasshaft anzusehen, wie so ein Langbart-

der etymologisierende Stoiker ist gemeint - ein jedes Wort bedaechtig

auf der Goldwaage waegt; aber nichts geht doch ueber den echten

Philosophenzank - ein stoischer Faustkampf uebertrifft weit jede

Athletenbalgerei. In der Satire 'Die Marcusstadt oder vom Regimente', wo

Marcus sich ein Wolkenkuckucksheim nach seinem Herzen schuf, erging es,

ebenwie in dem attischen, dem Bauern gut, dem Philosophen aber uebel;

der Schnell-durch-ein-Glied-Beweis (Celer-di?-enos-l/e/mmatos-logos),

Antipatros, des Stoikers Sohn, schlaegt darin seinem Gegner, offenbar

dem philosophischen Zweiglied (Dilemma), mit der Feldhacke den Schaedel

ein. Mit dieser sittlich polemischen Tendenz und diesem Talent, einen

kaustischen und pittoresken Ausdruck fuer sie zu finden, das, wie die

dialogische Einkleidung der im achtzigsten Jahre geschriebenen Buecher

vom Landbau beweist, bis in das hoechste Alter ihn nicht verliess,

vereinigte sich auf das gluecklichste Varros unvergleichliche Kunde der

nationalen Sitte und Sprache, die in den philologischen Schriften seines

Greisenalters kollektaneenartig, hier aber in ihrer ganzen unmittelbaren

Fuelle und Frische sich entfaltet. Varro war im besten und vollsten

Sinne des Wortes ein Lokalgelehrter, der seine Nation in ihrer

ehemaligen Eigentuemlichkeit und Abgeschlossenheit wie in ihrer modernen

Verschliffenheit und Zerstreuung aus vieljaehriger eigener Anschauung

kannte und seine unmittelbare Kenntnis der Landessitte und Landessprache

durch die umfassendste Durchforschung der geschichtlichen und

literarischen Archive ergaenzt und vertieft hatte. Was insofern an

verstandesmaessiger Auffassung und Gelehrsamkeit in unserem Sinn ihm

abging, das gewann die Anschauung und die in ihm lebendige Poesie. Er

haschte weder nach antiquarischen Notizen noch nach seltenen veralteten

oder poetischen Woertern ^14; aber er selbst war ein alter und

altfraenkischer Mann und beinah ein Bauer, die Klassiker seiner Nation

ihm liebe, langgewohnte Genossen; wie konnte es fehlen, dass von der

Sitte der Vaeter, die er ueber alles liebte und vor allen kannte,

gar vielerlei in seinen Schriften erzaehlt ward, und dass seine

Rede ueberfloss von sprichwoertlichen griechischen und lateinischen

Wendungen, von guten alten, in der sabinischen Umgangssprache bewahrten

Woertern, von Ennianischen, Lucilischen, vor allem Plautinischen

Reminiszenzen? Den Prosastil dieser aesthetischen Schriften aus Varros

frueherer Zeit darf man sich nicht vorstellen nach dem seines im

hohen Alter geschriebenen und wahrscheinlich im unfertigen Zustand

veroeffentlichten sprachwissenschaftlichen Werkes, wo allerdings die

Satzglieder am Faden der Relative aufgereiht werden wie die Drosseln an

der Schnur; dass aber Varro grundsaetzlich die strenge Stilisierung und

die attische Periodisierung verwarf, wurde frueher schon bemerkt, und

seine aesthetischen Aufsaetze waren zwar ohne den gemeinen Schwulst und

die falschen Flitter des Vulgarismus, aber in mehr lebendig gefuegten

als wohl gegliederten Saetzen unklassisch und selbst schluderig

geschrieben. Die eingelegten Poesien dagegen bewiesen nicht bloss, dass

ihr Urheber die mannigfaltigsten Masse meisterlich wie nur einer der

Modepoeten zu bilden verstand, sondern auch, dass er ein Recht hatte,

denen sich zuzuzaehlen, welchen ein Gott es vergoennt hat, "die Sorgen

aus dem Herzen zu bannen durch das Lied und die heilige Dichtkunst"

^15. Schule machte die Varronische Skizze so wenig wie das Lucretische

Lehrgedicht; zu den allgemeineren Ursachen kam hier noch hinzu das

durchaus individuelle Gepraege derselben, welches unzertrennlich war von

dem hoeheren Alter, der Bauernhaftigkeit und selbst von der eigenartigen

Gelehrsamkeit ihres Verfassers. Aber die Anmut und Laune vor allem der

menippischen Satiren, welche an Zahl wie an Bedeutung Varros ernsteren

Arbeiten weit ueberlegen gewesen zu sein scheinen, fesselte die

Zeitgenossen sowohl wie diejenigen Spaeteren, die fuer Originalitaet und

Volkstuemlichkeit Sinn hatten; und auch wir noch, denen es nicht mehr

vergoennt ist, sie zu lesen, moegen aus den erhaltenen Bruchstuecken

einigermassen es nachempfinden, dass der Schreiber "es verstand, zu

lachen und mit Mass zu scherzen". Und schon als der letzte Hauch des

scheidenden guten Geistes der alten Buergerzeit, als der juengste

gruene Spross, den die volkstuemliche lateinische Poesie getrieben hat,

verdienten es Varros Satiren, dass der Dichter in seinem poetischen

Testament diese seine menippischen Kinder jedem empfahl, Dem da Romas

liegt und Latiums Bluehen am Herzen, und sie behaupten denn auch einen

ehrenvollen Platz in der Literatur wie in der Geschichte des italischen

Volkes ^16. ---------------------------------------------- ^14 Er selbst

sagt einmal treffend, dass er veraltete Woerter nicht besonders liebe,

aber oefter brauche, poetische Woerter sehr liebe, aber nicht brauche.

^15 Die folgende Schilderung ist dem 'Marcussklaven' entnommen: Auf

einmal, um die Zeit der Mitternacht etwa, Als uns mit Feuerflammen

weit und breit gestickt Der luftige Raum den Himmelssternenreigen wies,

Umschleierte des Himmels goldenes Gewoelb Mit kuehlem Regenflor der

raschen Wolken Zug, Hinab das Wasser schuettend auf die Sterblichen, Und

schossen, los sich reissend von dem eisigen Pol, Die Wind', heran, des

Grossen Baeren tolle Brut, Fortfuehrend mit sich Ziegel, Zweig' und

Wetterwust. Doch wir, gestuerzt, schiffbruechig, gleich der Stoerche

Schwarm, Die an zweizackigen Blitzes Glut die Fluegel sich Versengt, wir

fielen traurig jaeh zur Erd' hinab. In der 'Menschenstadt' heisst es:

Nicht wird frei dir die Brust durch Gold und Fuelle der Schaetze; Nicht

dem Sterblichen nimmt von der Seele der persische Goldberg Sorg' und

Furcht, und auch der Saal nicht Crassus des Reichen. Aber auch leichtere

Weise gelang dem Dichter. In 'Der Topf hat sein Mass' stand folgender

zierliche Lobspruch auf den Wein: Es bleibt der Wein fuer jedermann der

beste Trank. Er ist das Mittel, das den Kranken macht gesund; Er ist der

suesse Keimeplatz der Froehlichkeit, Er ist der Kitt, der Freundeskreis

zusammenhaelt. Und in dem 'Weltbohrer' schliesst der heimkehrende

Wandersmann also seinen Zuruf an die Schiffer: Lasst schiessen die

Zuegel dem leisesten Hauch, Bis dass uns des frischeren Windes Geleit

Rueckfuehrt in die liebliche Heimat! ^16 Die Skizzen Varros haben eine

so ungemeine historische und selbst poetische Bedeutsamkeit und sind

doch infolge der truemmerhaften Gestalt, in der uns die Kunde davon

zugekommen ist, so wenigen bekannt und so verdriesslich kennenzulernen,

dass es wohl erlaubt sein wird, einige derselben hier mit der wenigen

zur Lesbarkeit unumgaenglichen Restauration zu resuemieren. Die Satire

'Fruehauf' schildert die laendliche Haushaltung. "Fruehauf ruft mit der

Sonne zum Aufstehen und fuehrt selbst die Leute auf den Arbeitsplatz.

Die Jungen machen selbst sich ihr Bett, das die Arbeit ihnen weich

macht, und stellen sich selber Wasserkrug und Lampe dazu. Der Trank ist

der klare frische Quell, die Kost Brot und als Zubrot Zwiebeln. In Haus

und Feld gedeiht alles. Das Haus ist kein Kunstbau; aber der Architekt

koennte Symmetrie daran lernen. Fuer den Acker wird gesorgt, dass er

nicht unordentlich und wuest in Unsauberkeit und Vernachlaessigung

verkomme; dafuer wehrt die dankbare Ceres den Schaden von der Frucht,

dass die Schober hochgeschichtet das Herz des Landmannes erfreuen. Hier

gilt noch das Gastrecht; willkommen ist, wer nur Muttermilch gesogen

hat. Brotkammer und Weinfass und der Wurstvorrat am Hausbalken,

Schluessel und Schloss sind dem Wandersmann dienstwillig, und hoch

tuermen vor ihm die Speisen sich auf; zufrieden sitzt der gesaettigte

Gast, nicht vor- noch rueckwaerts schauend, nickend am Herde in der

Kueche. Zum Lager wird der waermste doppelwollige Schafpelz fuer ihn

ausgebreitet. Hier gehorcht man noch als guter Buerger dem gerechten

Gesetz, das weder aus Missgunst Unschuldigen zu nahe tritt, noch

aus Gunst Schuldigen verzeiht. Hier redet man nicht Boeses wider den

Naechsten. Hier rekelt man nicht mit den Fuessen auf dem heiligen Herd,

sondern ehrt die Goetter mit Andacht und mit Opfern, wirft dem Hausgeist

sein Stueckchen Fleisch in das bestimmte Schuesselchen und geleitet,

wenn der Hausherr stirbt, die Bahre mit demselben Gebet, mit welchem die

des Vaters und des Grossvaters hinweggetragen wurde." In einer anderen

Satire tritt ein "Lehrer der Alten auf, dessen die gesunkene Zeit

dringender zu beduerfen scheint als des Jugendlehrers, und setzt

auseinander, "wie einst alles in Rom keusch und fromm war und jetzt

alles so ganz anders ist". "Truegt mich mein Auge oder sehe ich Sklaven

in Waffen gegen ihre Herren? - Einst ward, wer zur Aushebung sich nicht

stellte, von Staats wegen als Sklave in die Fremde verkauft; jetzt

heisst [der Aristokratie, 2, 225; 3, 358; 4, 103 u. 330] der Zensor, der

Feigheit und alles hingehen laesst, ein grosser Buerger und erntet Lob,

dass er nicht darauf aus ist, sich durch Kraenkung der Mitbuerger einen

Namen zu machen. - Einst liess der roemische Bauer sich alle Woche

einmal den Bart scheren; jetzt kann der Ackersklave es nicht fein genug

haben. - Einst sah man auf den Guetern einen Kornspeicher, der zehn

Ernten fasste, geraeumige Keller fuer die Weinfaesser und entsprechende

Keltern; jetzt haelt der Herr sich Pfauenherden und laesst seine Tueren

mit afrikanischem Zypressenholz einlegen. - Einst drehte die Hausfrau

mit der Hand die Spindel und hielt dabei den Topf auf dem Herd im Auge,

damit der Brei nicht verbrenne; jetzt" - heisst es in einer andern

Satire -"bettelt die Tochter den Vater um ein Pfund Edelsteine, das

Weib den Mann um einen Scheffel Perlen an. - Einst war der Mann in der

Brautnacht stumm und bloede; jetzt gibt die Frau sich dem ersten besten

Kutscher preis. - Einst war der Kindersegen der Stolz des Weibes, jetzt,

wenn der Mann sich Kinder wuenscht, antwortet sie: Weisst du nicht,

was Ennius sagt?: Lieber will ich ja das Leben dreimal wagen in der

Schlacht, Als ein einzig Mal gebaeren. - Einst war die Frau vollkommen

zufrieden, wenn der Mann ein- oder zweimal im Jahre sie in dem

ungepolsterten Wagen ueber Land fuhr"; jetzt - konnte er hinzusetzen

(vgl. Cic. Mil. 21, 55) - schmollt die Frau, wenn der Mann ohne sie auf

sein Landgut geht, und folgt der reisenden Dame das elegante griechische

Bedientengesindel und die Kapelle nach auf die Villa." In einer Schrift

der ernsteren Gattung 'Catus oder die Kinderzucht' belehrt Varro

den Freund, der ihn deswegen um Rat gefragt, nicht bloss ueber die

Gottheiten, denen nach altem Brauch fuer der Kinder Wohl zu opfern war,

sondern, hinweisend auf die verstaendigere Kindererziehung der Perser

und auf seine eigene streng verlebte Jugend, warnt er vor ueberfuettern

und ueberschlafen, vor suessem Brot und feiner Kost - die jungen Hunde,

meint der Alte, werden jetzt verstaendiger genaehrt als die Kinder -,

ebenso vor dem Besiebnen und Besegnen, das in Krankheitsfaellen so oft

die Stelle des aerztlichen Rates vertrat. Er raet, die Maedchen zum

Sticken anzuhalten, damit sie spaeter die Stickereien und Webereien

richtig zu beurteilen verstaenden, und sie nicht zu frueh das

Kinderkleid ablegen zu lassen; er warnt davor, die Knaben in die

Fechterspiele zu fuehren, in denen frueh das Herz verhaertet und die

Grausamkeit gelernt wird. In dem 'Mann von sechzig Jahren' erscheint

Varro als ein roemischer Epimenides, der, als zehnjaehriger Knabe

eingeschlafen, nach einem halben Jahrhundert wiedererwacht. Er

staunt darueber, statt seines glattgeschorenen Knabenkopfes ein altes

Glatzhaupt wiederzufinden, mit haesslicher Schnauze und wuesten Borsten

gleich dem Igel; mehr noch aber staunt er ueber das verwandelte Rom.

Die lucrinischen Austern, sonst eine Hochzeitschuessel, sind jetzt ein

Alltagsgericht; dafuer ruestet denn auch der bankrotte Schlemmer im

stillen die Brandfackel. Wenn sonst der Vater dem Knaben vergab, so ist

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 65 / 68 段