Vom Staat erhielt er fuer jeden Spieltag 1000 Denare (300 Taler) und
ausserdem die Besoldung fuer seine Truppe. In spaeteren Jahren wies
er fuer sich das Honorar zurueck.
-------------------------------------------------------- In der
rezitativen Poesie scheint es an metrischen Chroniken nach dem Muster
der Ennianischen nicht gefehlt zu haben; aber sie duerften ausreichend
kritisiert sein durch jenes artige Maedchengeluebde, von dem Catullus
singt: der heiligen Venus, wenn sie den geliebten Mann von seiner
boesen politischen Poesie ihr wieder zurueck in die Arme fuehre, das
schlechteste der schlechten Heldengedichte zum Brandopfer darzubringen.
In der Tat ist auf dem ganzen Gebiet der rezitativen Dichtung in dieser
Epoche die aeltere nationalroemische Tendenz nur durch ein einziges
namhaftes Werk vertreten, das aber auch zu den bedeutendsten
dichterischen Erzeugnissen der roemischen Literatur ueberhaupt gehoert.
Es ist das Lehrgedicht des Titus Lucretius Carus (655-699 99-55) 'Vom
Wesen der Dinge', dessen Verfasser, den besten Kreisen der roemischen
Gesellschaft angehoerig, vom oeffentlichen Leben aber, sei es durch
Kraenklichkeit, sei es durch Abneigung ferngehalten, kurz vor dem
Ausbruch des Buergerkrieges im besten Mannesalter starb. Als Dichter
knuepft er energisch an Ennius an und damit an die klassische
griechische Literatur. Unwillig wendet er sich weg von dem "hohlen
Hellenismus" seiner Zeit und bekennt sich mit ganzer Seele und vollem
Herzen als den Schueler der "strengen Griechen", wie denn selbst des
Thukydides heiliger Ernst in einem der bekanntesten Abschnitte dieser
roemischen Dichtung keinen unwuerdigen Widerhall gefunden hat. Wie
Ennius bei Epicharmos und Euhemeros seine Weisheit schoepft, so entlehnt
Lucretius die Form seiner Darstellung dem Empedokles, "dem herrlichsten
Schatz des gabenreichen sizilischen Eilands", und liest dem Stoffe nach
"die goldenen Worte alle zusammen aus den Rollen des Epikuros", "welcher
die anderen Weisen ueberstrahlt, wie die Sonne die Sterne verdunkelt".
Wie Ennius verschmaeht auch Lucretius die der Poesie von dem
Alexandrinismus aufgelastete mythologische Gelehrsamkeit und fordert
nichts von seinem Leser als die Kenntnis der allgemein gelaeufigen Sagen
^8. Dem modernen Purismus zum Trotz, der die Fremdwoerter aus der
Poesie auswies, setzt Lucretius, wie es Ennius getan, statt matten
und undeutlichen Lateins lieber das bezeichnende griechische Wort. Die
altroemische Alliteration, das Nichtineinandergreifen der Vers- und
Satzeinschnitte und ueberhaupt die aeltere Rede- und Dichtweise begegnen
noch haeufig in Lucretius' Rhythmen, und obwohl er den Vers melodischer
behandelt als Ennius, so waelzen sich doch seine Hexameter nicht wie
die der modernen Dichterschule zierlich huepfend gleich dem rieselnden
Bache, sondern mit gewaltiger Langsamkeit gleich dem Strome fluessigen
Goldes. Auch philosophisch und praktisch lehnt Lucretius durchaus an
Ennius sich an, den einzigen einheimischen Dichter, den sein Gedicht
feiert; das Glaubensbekenntnis des Saengers von Rudiae: Himmelsgoetter
freilich gibt es, sagt' ich sonst und sag' ich noch, Doch sie kuemmern
keinesweges, mein' ich, sich um der Menschen Los bezeichnet vollstaendig
auch Lucretius' religioesen Standpunkt und nicht mit Unrecht nennt
er deshalb selbst sein Lied gleichsam die Fortsetzung dessen, Das uns
Ennius sang, der des unverwelklichen Lorbeers Kranz zuerst mitbracht'
aus des Helikon lieblichem Haine, Dass Italiens Voelkern er strahl' in
glaenzender Glorie. ---------------------------------------------------
^8 Einzelne scheinbare Ausnahmen, wie das Weihrauchland Panchaea,
sind daraus zu erklaeren, dass dies aus dem Reiseroman des Euhemeros
vielleicht schon in die Ennianische Poesie, auf jeden Fall in die
Gedichte des Lucius Manlius (Plin. nat. 10, 2, 4) uebergegangen und
daher dem Publikum, fuer das Lucretius schrieb, wohlbekannt war.
--------------------------------------------------- Noch einmal, zum
letztenmal noch erklingt in Lucretius' Gedicht der ganze Dichterstolz
und der ganze Dichterernst des sechsten Jahrhunderts, in welchem, in
den Bildern von dem furchtbaren Poener und dem herrlichen Scipiaden, die
Anschauung des Dichters heimischer ist als in seiner eigenen gesunkenen
Zeit ^9. Auch ihm klingt der eigene "aus dem reichen Gemuet anmutig
quillende" Gesang den gemeinen Liedern gegenueber "wie gegen das
Geschrei der Kraniche das kurze Lied des Schwanes"; auch ihm schwillt
das Herz, den selbsterfundenen Melodien lauschend, von hoher Ehren
Hoffnung - ebenwie Ennius den Menschen, denen er "das Feuerlied
kredenzet aus der tiefen Brust", verbietet, an seinem, des
unsterblichen Saengers Grabe zu trauern.
----------------------------------------------- ^9 Naiv erscheint
dies in den kriegerischen Schilderungen, in denen die heerverderbenden
Seestuerme, die die eigenen Leute zertretenden Elefantenscharen, also
Bilder aus den Punischen Kriegen, erscheinen, als gehoerten sie
der unmittelbaren Gegenwart an. Vgl. 2, 41; 5, 1226, 1303, 1339.
----------------------------------------------- Es ist ein seltsames
Verhaengnis, dass dieses ungemeine, an urspruenglicher poetischer
Begabung den meisten, wo nicht allen seinen Vorgaengern weit ueberlegene
Talent in eine Zeit gefallen war, in der es selber sich fremd und
verwaist fuehlte und infolgedessen in der wunderlichsten Weise sich
im Stoffe vergriffen hat. Epikuros' System, welches das All in einen
grossen Atomenwirbel verwandelt und die Entstehung und das Ende der Welt
sowie alle Probleme der Natur und des Lebens in rein mechanischer
Weise abzuwickeln unternimmt, war wohl etwas weniger albern als die
Mythenhistorisierung, wie Euhemeros und nach ihm Ennius sie versucht
hatten; aber ein geistreiches und frisches System war es nicht, und
die Aufgabe nun gar, diese mechanische Weltanschauung poetisch zu
entwickeln, war von der Art, dass wohl nie ein Dichter an einen
undankbareren Stoff Leben und Kunst verschwendet hat. Der philosophische
Leser tadelt an dem Lucretischen Lehrgedicht die Weglassung der
feineren Pointen des Systems, die Oberflaechlichkeit namentlich in der
Darstellung der Kontroversen, die mangelhafte Gliederung, die haeufigen
Wiederholungen mit ebensogutem Recht, wie der poetische an der
rhythmisierten Mathematik sich aergert, die einen grossen Teil des
Gedichtes geradezu unlesbar macht. Trotz dieser unglaublichen Maengel,
denen jedes mittelmaessige Talent unvermeidlich haette erliegen muessen,
durfte dieser Dichter mit Recht sich ruehmen, aus der poetischen Wildnis
einen neuen Kranz davongetragen zu haben, wie die Musen noch keinen
verliehen hatten; und es sind auch keineswegs bloss die gelegentlichen
Gleichnisse und sonstigen eingelegten Schilderungen maechtiger
Naturerscheinungen und maechtigerer Leidenschaften, die dem Dichter
diesen Kranz erwarben. Die Genialitaet der Lebensanschauung wie der
Poesie des Lucretius ruht auf seinem Unglauben, welcher mit der vollen
Siegeskraft der Wahrheit und darum mit der vollen Lebendigkeit der
Dichtung dem herrschenden Heuchel- oder Aberglauben gegenuebertrat und
treten durfte. Als danieder er sah das Dasein liegen der Menschheit
Jammervoll auf der Erd', erdrueckt von der lastenden Gottfurcht, Die vom
Himmelsgewoelb ihr Antlitz offenbarend, Schauerlich anzusehen, hinab
auf die Sterblichen drohte, Wagt' es ein griechischer Mann zuerst das
sterbliche Auge Ihr entgegenzuheben, zuerst ihr entgegenzutreten; Und
die mutige Macht des Gedankens siegte; gewaltig Trat hinaus er ueber
die flammenden Schranken des Weltalls Und der verstaendige Geist
durchschritt das unendliche Ganze. Also eiferte der Dichter, die Goetter
zu stuerzen, wie Brutus die Koenige gestuerzt, und "die Natur von ihren
strengen Herren zu erloesen". Aber nicht gegen Jovis altersschwachen
Thron wurden diese Flammenworte geschleudert; ebenwie Ennius kaempft
Lucretius praktisch vor allen Dingen gegen den wuesten Fremd- und
Aberglauben der Menge, den Kult der Grossen Mutter zum Beispiel und
die kindische Blitzweisheit der Etrusker. Das Grauen und der Widerwille
gegen die entsetzliche Welt ueberhaupt, in der und fuer die der Dichter
schrieb, haben dies Gedicht eingegeben. Es wurde verfasst in jener
hoffnungslosen Zeit, wo das Regiment der Oligarchie gestuerzt und das
Caesars noch nicht aufgerichtet war, in den schwuelen Jahren, waehrend
deren der Ausbruch des Buergerkrieges in langer peinlicher Spannung
erwartet ward. Wenn man dem ungleichartigen und unruhigen Vortrag es
anzufuehlen meint, dass der Dichter taeglich erwartete, den wuesten
Laerm der Revolution ueber sich und sein Werk hereinbrechen zu sehen,
so wird man auch bei seiner Anschauung der Menschen und der Dinge nicht
vergessen duerfen, unter welchen Menschen und in Aussicht auf welche
Dinge sie ihm entstand. War es doch in Hellas in der Epoche vor
Alexander ein gangbares und von allen Besten tief empfundenes Wort, dass
nicht geboren zu sein das Beste von allem, das naechstdem Beste aber sei
zu sterben. Unter allen in der verwandten caesarischen Zeit einem zarten
und poetisch organisierten Gemuet moeglichen Weltanschauungen war diese
die edelste und die veredelndste, dass es eine Wohltat fuer den Menschen
ist, erloest zu werden von dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele
und damit von der boesen die Menschen, gleichwie die Kinder die Angst
im dunkeln Gemach, tueckisch beschleichenden Furcht vor dem Tode und vor
den Goettern; dass, wie der Schlaf der Nacht erquicklicher ist als die
Plage des Tages, so auch der Tod, das ewige Ausruhen von allem Hoffen
und Fuerchten, besser ist als das Leben, wie denn auch die Goetter des
Dichters selber nichts sind noch haben als die ewige selige Ruhe; dass
die Hoellenstrafen nicht nach dem Leben den Menschen peinigen, sondern
waehrend desselben in den wilden und rastlosen Leidenschaften des
klopfenden Herzens; dass die Aufgabe des Menschen ist, seine Seele zum
ruhigen Gleichmass zu stimmen, den Purpur nicht hoeher zu schaetzen als
das warme Hauskleid, lieber unter den Gehorchenden zu verharren, als in
das Getuemmel der Bewerber um das Herrenamt sich zu draengen, lieber
am Bach im Grase zu liegen, als unter dem goldenen Plafond des
Reichen dessen zahllose Schuesseln leeren zu helfen. Diese
philosophisch-praktische Tendenz ist der eigentliche ideelle Kern
des Lucretischen Lehrgedichts und durch alle oede physikalischer
Demonstrationen nur verschuettet, nicht erdrueckt. Wesentlich auf ihr
beruht dessen relative Weisheit und Wahrheit. Der Mann, der mit einer
Ehrfurcht vor seinen grossen Vorgaengern, mit einem gewaltsamen Eifer,
wie sie dies Jahrhundert sonst nicht kennt, solche Lehre gepredigt und
sie mit musischem Zauber verklaert hat, darf zugleich ein guter Buerger
und ein grosser Dichter genannt werden. Das Lehrgedicht vom Wesen der
Dinge, wie vieles auch daran den Tadel herausfordert, ist eines der
glaenzendsten Gestirne in den sternenarmen Raeumen der roemischen
Literatur geblieben, und billig waehlte der groesste deutsche
Sprachenmeister die Wiederlesbarmachung des Lucretischen Gedichts zu
seiner letzten und meisterlichsten Arbeit. Lucretius, obwohl seine
poetische Kraft wie seine Kunst schon von den gebildeten Zeitgenossen
bewundert ward, blieb doch, Spaetling wie er war, ein Meister ohne
Schueler. In der hellenischen Modedichtung dagegen fehlte es an
Schuelern wenigstens nicht, die den alexandrinischen Meistern
nachzueifern sich muehten. Mit richtigem Takt hatten die begabteren
unter den alexandrinischen Poeten die groesseren Arbeiten und die
reinen Dichtgattungen, das Drama, das Epos, die Lyrik, vermieden; ihre
erfreulichsten Leistungen waren ihnen, aehnlich wie den neulateinischen
Dichtern, in "kurzatmigen" Aufgaben gelungen und vorzugsweise in
solchen, die auf den Grenzgebieten der Kunstgattungen, namentlich
dem weiten, zwischen Erzaehlung und Lied in der Mitte liegenden sich
bewegten. Lehrgedichte wurden vielfach geschrieben. Sehr beliebt waren
ferner kleine heroisch-erotische Epen, vornehmlich aber eine diesem
Altweibersommer der griechischen Poesie eigentuemliche und fuer ihre
philologische Hippokrene charakteristische, gelehrte Liebeselegie,
wobei der Dichter die Schilderung der eigenen, vorwiegend sinnlichen
Empfindungen mit epischen Fetzen aus dem griechischen Sagenkreis mehr
oder minder willkuerlich durchflocht. Festlieder wurden fleissig und
kuenstlich gezimmert; ueberhaupt waltete bei dem Mangel an freiwilliger
poetischer Erfindung das Gelegenheitsgedicht vor und namentlich das
Epigramm, worin die Alexandriner Vortreffliches geleistet haben. Die
Duerftigkeit der Stoffe und die sprachliche und rhythmische Unfrische,
die jeder nicht volkstuemlichen Literatur unvermeidlich anhaftet, suchte
man moeglichst zu verstecken unter verzwickten Themen, geschraubten
Wendungen, seltenen Woertern und kuenstlicher Versbehandlung, ueberhaupt
dem ganzen Apparat philologisch- antiquarischer Gelehrsamkeit und
technischer Gewandtheit. Dies war das Evangelium, das den roemischen
Knaben dieser Zeit gepredigt ward, und sie kamen in hellen Haufen, um zu
hoeren und auszuueben: schon um 700 (54) waren Euphorions Liebesgedichte
und aehnliche alexandrinische Poesien die gewoehnliche Lektuere und
die gewoehnlichen Deklamationsstuecke der gebildeten Jugend ^10. Die
literarische Revolution war da; aber sie lieferte zunaechst mit
seltenen Ausnahmen nur fruehreife oder unreife Fruechte. Die Zahl der
"neumodischen Dichter" war Legion, aber die Poesie war rar und Apollo,
wie immer, wenn es so gedrang am Parnasse hergeht, genoetigt, sehr
kurzen Prozess zu machen. Die langen Gedichte taugten niemals etwas,
die kurzen selten. Auch in diesem literarischen Zeitalter war die
Tagespoesie zur Landplage geworden; es begegnete wohl, dass einem der
Freund zum Hohn als Festtagsgeschenk einen Stoss schofler Verse frisch
vom Buchhaendlerlager ins Haus schickte, deren Wert der zierliche
Einband und das glatte Papier schon auf drei Schritte verriet. Ein
eigentliches Publikum, in dem Sinne wie die volkstuemliche Literatur
ein Publikum hat, fehlte den roemischen Alexandrinern so gut wie den
hellenischen: es ist durchaus die Poesie der Clique oder vielmehr
der Cliquen, deren Glieder eng zusammenhalten, dem Eindringling uebel
mitspielen, unter sich die neuen Poesien vorlesen und kritisieren, auch
wohl in ganz alexandrinischer Weise die gelungenen Produktionen wieder
poetisch feiern und vielfach durch Cliquenlob einen falschen und
ephemeren Ruhm erschwindeln. Ein namhafter und selbst in dieser neuen
Richtung poetisch taetiger Lehrer der lateinischen Literatur,
Valerius Cato, scheint ueber den angesehensten dieser Zirkel eine Art
Schulpatronat ausgeuebt und ueber den relativen Wert der Poesien
in letzter Instanz entschieden zu haben. Ihren griechischen Mustern
gegenueber sind diese roemischen Poeten durchgaengig unfrei, zuweilen
schuelerhaft abhaengig; die meisten ihrer Produkte werden nichts gewesen
sein als die herben Fruechte einer im Lernen begriffenen und noch
keineswegs als reif entlassenen Schuldichtung. Indem man in der Sprache
und im Mass weit enger, als je die volkstuemliche lateinische Poesie es
getan, an die griechischen Vorbilder sich anschmiegte, ward allerdings
eine groessere sprachliche und metrische Korrektheit und Konsequenz
erreicht; aber es geschah auf Kosten der Biegsamkeit und Fuelle des
nationalen Idioms. Stofflich erhielten unter dem Einfluss teils der
weichlichen Muster, teils der sittenlosen Zeit die erotischen Themen ein
auffallendes, der Poesie wenig zutraegliches Uebergewicht; doch wurden
auch die beliebten metrischen Kompendien der Griechen schon vielfach
uebersetzt, so das astronomische des Aratos von Cicero und entweder am
Ende dieser oder wahrscheinlicher am Anfang der folgenden Periode das
geographische Lehrbuch des Eratosthenes von Publius Varro von der Aude
und die physikalisch-medizinischen des Nikandros von Aemilius Macer.
Es ist weder zu verwundern noch zu bedauern, dass von dieser zahllosen
Dichterschar uns nur wenige Namen aufbehalten worden sind; und auch
diese werden meistens nur genannt als Kuriositaeten oder als
gewesene Groessen: so der Redner Quintus Hortensius mit seinen
"fuenfhunderttausend Zeilen" langweiliger Schluepfrigkeit und der etwas
haeufiger erwaehnte Laevius, dessen 'Liebesscherze' nur durch ihre
verwickelten Masse und manierierten Wendungen ein gewisses Interesse auf
sich zogen. Nun gar das Kleinepos 'Smyrna' des Gaius Helvius Cinna (+
710? 44), so sehr es von der Clique angepriesen ward, traegt sowohl in
dem Stoff, der geschlechtlichen Liebe der Tochter zu dem eigenen Vater,
wie in der neunjaehrigen darauf verwandten Muehsal die schlimmsten
Kennzeichen der Zeit an sich. Eine originelle und erfreuliche Ausnahme
machen allein diejenigen Dichter dieser Schule, die es verstanden,
mit der Sauberkeit und der Formgewandtheit derselben den in dem
republikanischen und namentlich dem landstaedtischen Leben noch
vorhandenen volkstuemlichen Gehalt zu verbinden. Es galt dies, um von
Laberius und Varro hier zu schweigen, namentlich von den drei schon
oben erwaehnten Poeten der republikanischen Opposition Marcus Furius
Bibaculus (652-691 102-63), Gaius Licinius Calvus (672-706 82-48)
und Quintus Valerius Catullus (667 bis ca. 700 87-54).
---------------------------------------------------- ^10 "Freilich",
sagt Cicero (Tusc. 3, 19, 45) in Beziehung auf Ennius, "wird der
herrliche Dichter von unseren Euphorionrezitierern verachtet." "Ich bin
gluecklich angelangt", schreibt derselbe an Atticus (7, 2 z. A.), "da
uns von Epirus herueber der guenstige Nordwind wehte. Diesen Spondaicus
kannst du, wenn du Lust hast, einem von den Neumodischen als dein eigen
verkaufen" (ita belle nobis flavit ab Epiro lenissumus Onchesmites.
Hunc spodeiazonta si cui voles t/o/n neoter/o/n pro tuo vendito).
---------------------------------------------------- Von den beiden
ersten, deren Schriften untergegangen sind, koennen wir dies freilich
nur mutmassen; ueber die Gedichte des Catullus steht auch uns noch ein
Urteil zu. Auch er haengt in Stoff und Form ab von den Alexandrinern.
Wir finden in seiner Sammlung Uebersetzungen von Stuecken des
Kallimachos und nicht gerade von den recht guten, sondern von den
recht schwierigen. Auch unter den Originalen begegnen gedrechselte
Modepoesien, wie die ueberkuenstlichen Galliamben zum Lobe der
Phrygischen Mutter; und selbst das sonst so schoene Gedicht von der
Hochzeit der Thetis ist durch die echt alexandrinische Einschachtelung
der Ariadneklage in das Hauptgedicht kuenstlerisch verdorben. Aber neben
diesen Schulstuecken steht die melodische Klage der echten Elegie, steht
das Festgedicht im vollen Schmuck individueller und fast dramatischer
Durchfuehrung, steht vor allem die solideste Kleinmalerei gebildeter
Geselligkeit, die anmutigen sehr ungenierten Maedchenabenteuer,
davon das halbe Vergnuegen im Ausschwatzen und Poetisieren der
Liebesgeheimnisse besteht, das liebe Leben der Jugend bei vollen Bechern
und leeren Beuteln, die Reise- und die Dichterlust; die roemische und
oefter noch die veronesische Stadtanekdote und der launige Scherz in dem
vertrauten Zirkel der Freunde. Jedoch nicht bloss in die Saiten greift
des Dichters Apoll, sondern er fuehrt auch den Bogen: der gefluegelte
Pfeil des Spottes verschont weder den langweiligen Versemacher noch
den sprachverderbenden Provinzialen, aber keinen trifft er oefter und
schaerfer als die Gewaltigen, von denen der Freiheit des Volkes Gefahr
droht. Die kurzzeiligen und kurzweiligen, oft von anmutigen
Refrains belebten Masse sind von vollendeter Kunst und doch ohne die
widerwaertige Glaette der Fabrik. Umeinander fuehren diese Gedichte
in das Nil- und in das Potal; aber in dem letzteren ist der Dichter
unvergleichlich besser zu Hause. Seine Dichtungen ruhen wohl auf der
alexandrinischen Kunst, aber doch auch auf dem buergerlichen, ja dem
landstaedtischen Selbstgefuehl, auf dem Gegensatz von Verona zu Rom, auf
dem Gegensatz des schlichten Munizipalen gegen die hochgeborenen, ihren
geringen Freunden gewoehnlich uebel mitspielenden Herren vom Senat, wie
er in Catulls Heimat, dem bluehenden und verhaeltnismaessig frischen
Cisalpinischen Gallien, lebendiger noch als irgendwo anders empfunden
werden mochte. In die schoensten seiner Lieder spielen die suessen
Bilder vom Gardasee hinein und schwerlich haette in dieser Zeit ein
Hauptstaedter ein Gedicht zu schreiben vermocht wie das tief empfundene
auf des Bruders Tod oder das brave, echt buergerliche Festlied zu der
Hochzeit des Manlius und der Arunculeia. Catullus, obwohl abhaengig
von den alexandrinischen Meistern und mitten in der Mode- und
Cliquendichtung jener Zeit stehend, war doch nicht bloss ein guter
Schueler unter vielen maessigen und schlechten, sondern seinen Meistern
selbst um so viel ueberlegen, als der Buerger einer freien italischen
Gemeinde mehr war als der kosmopolitische hellenische Literat. Eminente
schoepferische Kraft und hohe poetische Intentionen darf man freilich
bei ihm nicht suchen; er ist ein reichbegabter und anmutiger, aber kein
grosser Poet, und seine Gedichte sind, wie er selbst sie nennt, nichts
als "Scherze und Torheiten". Aber wenn nicht bloss die Zeitgenossen
von diesen fluechtigen Liedchen elektrisiert wurden, sondern auch
die Kunstkritiker der augustischen Zeit ihn neben Lucretius als
den bedeutendsten Dichter dieser Epoche bezeichnen, so hatten die
Zeitgenossen wie die Spaeteren vollkommen recht. Die lateinische Nation
hat keinen zweiten Dichter hervorgebracht, in dem der kuenstlerische
Gehalt und die kuenstlerische Form in so gleichmaessiger Vollendung
wiedererscheinen wie bei Catullus; und in diesem Sinne ist Catullus'
Gedichtsammlung allerdings das Vollkommenste, was die lateinische Poesie
ueberhaupt aufzuweisen vermag. Es beginnt endlich in dieser Epoche
die Dichtung in prosaischer Form. Das bisher unwandelbar festgehaltene
Gesetz der echten, naiven wie bewussten, Kunst, dass der poetische Stoff
und die metrische Fassung sich einander bedingen, weicht der Vermischung
und Truebung aller Kunstgattungen und Kunstformen, welche zu den
bezeichnendsten Zuegen dieser Zeit gehoert. Zwar von Romanen ist noch
weiter nichts anzufuehren, als dass der beruehmteste Geschichtschreiber
dieser Epoche, Sisenna, sich nicht fuer zu gut hielt, die viel gelesenen
Milesischen Erzaehlungen des Aristeides, schluepfrige Modenovellen der
plattesten Sorte, ins Lateinische zu uebersetzen. Eine originellere und
erfreulichere Erscheinung auf diesem zweifelhaften poetisch-prosaischen
Grenzgebiet sind die aesthetischen Schriften Varros, der nicht bloss
der bedeutendste Vertreter der lateinischen philologisch-historischen
Forschung, sondern auch in der schoenen Literatur einer der
fruchtbarsten und interessantesten Schriftsteller ist. Einem in der
sabinischen Landschaft heimischen, dem roemischen Senat seit zweihundert
Jahren angehoerigen Plebejergeschlechte entsprossen, streng in
altertuemlicher Zucht und Ehrbarkeit erzogen ^11 und bereits am Anfang
dieser Epoche ein reifer Mann, gehoerte Marcus Terentius Varro von
Reate (638-727 116-27) politisch, wie sich von selbst versteht, der
Verfassungspartei an und beteiligte sich ehrlich und energisch an ihrem