Kompendium dem Koenig Attalos Philadelphos von Pergamon widmete, dem es

ewigen Ruhm Gebracht, dass seinen Namen dies Geschichtswerk traegt, sein

Handbuch dem Koenig Nikomedes III. (663? - 679 91 - 75) von Bithynien:

Dass, wie die Leute sagen, koenigliche Huld Von allen jetzigen Koenigen

nur du erzeigst, Dies zu erproben an mir selbst, entschloss ich mich,

Zu kommen und zu sehen, was ein Koenig sei. Bestaerkt in diesem durch

Apolls Orakelwort, Nah' ich mich billig deinem fast, auf deinen Wink,

Zu der Gelehrten insgemein gewordnen Herd.

------------------------------------------------- Die literarische

Tendenz dieser Zeit war keine einfache und konnte es nicht sein, da

die Zeit selbst zwischen der alten und der neuen Weise geteilt war.

Dieselben Richtungen, die auf dem politischen Gebiet sich bekaempften,

die national-italische der Konservativen, die hellenisch-italische oder,

wenn man will, kosmopolitische der neuen Monarchie, haben auch auf

dem literarischen ihre Schlachten geschlagen. Jene lehnt sich auf die

aeltere lateinische Literatur, die auf dem Theater, in der Schule und

in der gelehrten Forschung mehr und mehr den Charakter der Klassizitaet

annimmt. Mit minderem Geschmack und staerkerer Parteitendenz, als die

scipionische Epoche bewies, werden jetzt Ennius, Pacuvius und namentlich

Plautus in den Himmel erhoben. Die Blaetter der Sibylle steigen im

Preise, je weniger ihrer werden; die relative Nationalitaet und relative

Produktivitaet der Dichter des sechsten Jahrhunderts wurde nie lebhafter

empfunden als in dieser Epoche des ausgebildeten Epigonentums, die in

der Literatur ebenso entschieden wie in der Politik zu dem Jahrhundert

der Hannibalskaempfer hinaufsah als zu der goldenen, leider

unwiederbringlich dahingegangenen Zeit. Freilich war in dieser

Bewunderung der alten Klassiker ein guter Teil derselben Hohlheit und

Heuchelei, die dem konservativen Wesen dieser Zeit ueberhaupt eigen

sind, und die Zwischengaenger mangelten auch hier nicht. Cicero zum

Beispiel, obwohl in der Prosa einer der Hauptvertreter der modernen

Tendenz, verehrte dennoch die aeltere nationale Poesie ungefaehr

mit demselben anbruechigen Respekt, welchen er der aristokratischen

Verfassung und der Auguraldisziplin zollte; "der Patriotismus erfordert

es", heisst es bei ihm, "lieber eine notorisch elende Uebersetzung

des Sophokles zu lesen als das Original". Wenn also die moderne, der

demokratischen Monarchie verwandte literarische Richtung selbst unter

den rechtglaeubigen Enniusbewunderern stille Bekenner genug zaehlte,

so fehlte es auch schon nicht an dreisteren Urteilern, die mit der

einheimischen Literatur ebenso unsaeuberlich umgingen wie mit der

senatorischen Politik. Man nahm nicht bloss die strenge Kritik der

scipionischen Epoche wieder auf und liess den Terenz nur gelten, um

Ennius und mehr noch die Ennianisten zu verdammen, sondern die juengere

und verwegenere Welt ging weit darueber hinaus und wagte es schon,

wenn auch nur noch in ketzerischer Auflehnung gegen die literarische

Orthodoxie, den Plautus einen rohen Spassmacher, den Lucilius einen

schlechten Verseschmied zu heissen. Statt auf die einheimische lehnt

sich diese moderne Richtung vielmehr auf die neuere griechische

Literatur oder den sogenannten Alexandrinismus. Es kann nicht umgangen

werden, von diesem merkwuerdigen Wintergarten hellenischer Sprache und

Kunst hier wenigstens so viel zu sagen, als fuer das Verstaendnis der

roemischen Literatur dieser und der spaeteren Epochen erforderlich

ist. Die alexandrinische Literatur ruht auf dem Untergang des reinen

hellenischen Idioms, das seit der Zeit Alexanders des Grossen im Leben

ersetzt ward durch einen verkommenen, zunaechst aus der Beruehrung des

makedonischen Dialekts mit vielfachen griechischen und barbarischen

Staemmen hervorgegangenen Jargon; oder genauer gesagt, die

alexandrinische Literatur ist hervorgegangen aus dem Ruin der

hellenischen Nation ueberhaupt, die, um die alexandrinische

Weltmonarchie und das Reich des Hellenismus zu begruenden, in ihrer

volkstuemlichen Individualitaet untergehen musste und unterging.

Haette Alexanders Weltreich Bestand gehabt, so wuerde an die Stelle

der ehemaligen nationalen und volkstuemlichen eine nur dem Namen nach

hellenische, wesentlich denationalisierte und gewissermassen von oben

herab ins Leben gerufene, aber allerdings die Welt beherrschende,

kosmopolitische Literatur getreten sein; indes wie der Staat Alexanders

mit seinem Tode aus den Fugen wich, gingen auch die Anfaenge der ihm

entsprechenden Literatur rasch zugrunde. Die griechische Nation aber

gehoerte darum nicht weniger mit allem, was sie gehabt, mit ihrer

Volkstuemlichkeit, ihrer Sprache, ihrer Kunst, der Vergangenheit an. Nur

in einem verhaeltnismaessig engen Kreis nicht von Gebildeten, die es

als solche nicht mehr gab, sondern von Gelehrten wurde die griechische

Literatur noch als tote gepflegt, ihr reicher Nachlass in wehmuetiger

Freude oder trockener Gruebelei inventarisiert und auch wohl das

lebendige Nachgefuehl oder die tote Gelehrsamkeit bis zu einer

Scheinproduktivitaet gesteigert. Diese posthume Produktivitaet ist der

sogenannte Alexandrinismus. Er ist wesentlich gleichartig derjenigen

Gelehrtenliteratur, welche, abstrahierend von den lebendigen romanischen

Nationalitaeten und ihren vulgaeren Idiomen, in einem philologisch

gelehrten, kosmopolitischen Kreise als kuenstliche Nachbluete des

untergegangenen Altertums waehrend des fuenfzehnten und sechzehnten

Jahrhunderts erwuchs; der Gegensatz zwischen dem klassischen und dem

Vulgaergriechisch der Diadochenzeit ist wohl minder schroff, aber nicht

eigentlich ein anderer als der zwischen dem Latein des Manutius und

dem Italienischen Macchiavellis. Italien hatte bisher sich gegen den

Alexandrinismus im wesentlichen ablehnend verhalten. Die relative

Bluetezeit desselben ist die Zeit kurz vor und nach dem Ersten

Punischen Krieg; dennoch schlossen Naevius, Ennius, Pacuvius und schloss

ueberhaupt die gesamte nationalroemische Schriftstellerei bis hinab auf

Varro und Lucretius in allen Zweigen poetischer Produktion, selbst das

Lehrgedicht nicht ausgenommen, nicht an ihre griechischen Zeitgenossen

oder juengsten Vorgaenger sich an, sondern ohne Ausnahme an Homer,

Euripides, Menandros und die anderen Meister der lebendigen und

volkstuemlichen griechischen Literatur. Die roemische Literatur ist

niemals frisch und national gewesen; aber solange es ein roemisches Volk

gab, griffen seine Schriftsteller instinktmaessig nach lebendigen und

volkstuemlichen Mustern und kopierten, wenn auch nicht immer aufs

beste noch die besten, doch wenigstens Originale. Die ersten roemischen

Nachahmer - denn die geringen Anfaenge aus der marianischen Zeit

koennen kaum mitgezaehlt werden - fand die nach Alexander entstandene

griechische Literatur unter den Zeitgenossen Ciceros und Caesars; und

nun griff der roemische Alexandrinismus mit reissender Schnelligkeit

um sich. Zum Teil ging dies aus aeusserlichen Ursachen hervor. Die

gesteigerte Beruehrung mit den Griechen, namentlich die haeufigen

Reisen der Roemer in die hellenischen Landschaften und die Ansammlung

griechischer Literaten in Rom, verschafften natuerlich der griechischen

Tagesliteratur, den zu jener Zeit in Griechenland gangbaren epischen und

elegischen Poesien, Epigrammen und milesischen Maerchen, auch unter den

Italikern ein Publikum. Indem ferner die alexandrinische Poesie, wie

frueher dargestellt ward, in dem italischen Jugendunterricht sich

festsetzte, wirkte dies auf die lateinische Literatur um so mehr

zurueck, als diese von der hellenischen Schulbildung zu allen Zeiten

wesentlich abhaengig war und blieb. Es findet sich hier sogar eine

unmittelbare Anknuepfung der neuroemischen an die neugriechische

Literatur: der schon genannte Parthenios, einer der bekannteren

alexandrinischen Elegiker, eroeffnete, es scheint um 700 (54), eine

Literatur- und Poesieschule in Rom, und es sind noch die Exzerpte

vorhanden, in denen er Stoffe fuer lateinische erotisch-mythologische

Elegien nach dem bekannten alexandrinischen Rezept einem seiner

vornehmen Schueler an die Hand gab. Aber es waren keineswegs bloss diese

zufaelligen Veranlassungen, die den roemischen Alexandrinismus ins Leben

riefen; er war vielmehr ein vielleicht nicht erfreuliches, aber durchaus

unvermeidliches Erzeugnis der politischen und nationalen Entwicklung

Roms. Einerseits loeste, wie Hellas im Hellenismus, so jetzt Latium im

Romanismus sich auf; die nationale Entwicklung Italiens ueberwuchs und

zersprengte sich in ganz aehnlicher Weise in Caesars Mittelmeer - wie

die hellenische in Alexanders Ostreich. Wenn andererseits das neue

Reich darauf beruhte, dass die maechtigen Stroeme der griechischen

und lateinischen Nationalitaet, nachdem sie Jahrtausende hindurch in

parallelen Betten geflossen, nun endlich zusammenfielen, so musste

auch die italische Literatur nicht bloss wie bisher an der griechischen

ueberhaupt einen Halt suchen, sondern eben mit der griechischen

Literatur der Gegenwart, das heisst mit dem Alexandrinismus sich

ins Niveau setzen. Mit dem schulmaessigen Latein, der geschlossenen

Klassikerzahl, dem exklusiven Kreise der klassikerlesenden "Urbanen" war

die volkstuemliche lateinische Literatur tot und zu Ende; es

entstand dafuer eine durchaus epigonenhafte, kuenstlich grossgezogene

Reichsliteratur, die nicht auf einer bestimmten Volkstuemlichkeit ruhte,

sondern in zweien Sprachen das allgemeine Evangelium der Humanitaet

verkuendigte und geistig durchaus und bewusst von der hellenischen,

sprachlich teils von dieser, teils von der altroemischen Volksliteratur

abhing. Es war dies kein Fortschritt. Die Mittelmeermonarchie Caesars

war wohl eine grossartige und, was mehr ist, eine notwendige Schoepfung;

aber sie war von oben herab ins Leben gerufen und darum nichts in ihr

zu finden von dem frischen Volksleben, von der uebersprudelnden

Nationalkraft, wie sie juengeren, beschraenkteren, natuerlicheren

Gemeinwesen eigen sind, wie noch der Staat Italien des sechsten

Jahrhunderts sie hatte aufzeigen koennen. Der Untergang der italischen

Volkstuemlichkeit, abgeschlossen in Caesars Schoepfung, brach der

Literatur das Herzblatt aus. Wer ein Gefuehl hat fuer die innige

Wahlverwandtschaft der Kunst und der Nationalitaet, der wird stets sich

von Cicero und Horaz ab zurueck zu Cato und Lucretius wenden; und

nur die, freilich auf diesem Gebiete verjaehrte, schulmeisterliche

Auffassung der Geschichte wie der Literatur hat es vermocht, die mit

der neuen Monarchie beginnende Kunstepoche vorzugsweise die goldene

zu heissen. Aber wenn der roemisch-hellenische Alexandrinismus der

caesarischen und augusteischen Zeit zurueckstehen muss hinter der,

wie immer unvollkommenen, aelteren nationalen Literatur, so ist er

andererseits dem Alexandrinismus der Diadochenzeit ebenso entschieden

ueberlegen wie Caesars Dauerbau der ephemeren Schoepfung Alexanders.

Es wird spaeter darzustellen sein, dass die augustische Literatur,

verglichen mit der verwandten der Diadochenzeit, weit minder eine

Philologen- und weit mehr eine Reichsliteratur gewesen ist als diese und

darum auch in den hoeheren Kreisen der Gesellschaft weit dauernder und

weit allgemeiner als jemals der griechische Alexandrinismus gewirkt

hat. Nirgends sah es truebseliger aus als in der Buehnenliteratur.

Trauerspiel wie Lustspiel waren in der roemischen Nationalliteratur

bereits vor der gegenwaertigen Epoche innerlich abgestorben. Neue

Stuecke wurden nicht mehr gespielt. Dass noch in der sullanischen Zeit

das Publikum dergleichen zu sehen erwartete, zeigen die dieser

Zeit angehoerigen Wiederauffuehrungen Plautinischer Komoedien mit

gewechselten Titeln und Personennamen, wobei die Direktion wohl

hinzufuegte, dass es besser sei, ein gutes altes, als ein schlechtes

neues Stueck zu sehen. Davon hatte man denn nicht weit zu der voelligen

Einraeumung der Buehne an die toten Poeten, die wir in der ciceronischen

Zeit finden und der der Alexandrinismus sich gar nicht widersetzte.

Seine Produktivitaet auf diesem Gebiete war schlimmer als keine. Eine

wirkliche Buehnendichtung hat die alexandrinische Literatur nie gekannt;

nur das Afterdrama, das zunaechst zum Lesen, nicht zur Auffuehrung

geschrieben ward, konnte durch sie in Italien eingebuergert werden, und

bald fingen denn diese dramatischen Jamben auch an, in Rom ebenso wie in

Alexandreia zu grassieren und namentlich das Trauerspielschreiben unter

den stehenden Entwicklungskrankheiten zu figurieren. Welcher Art diese

Produktionen waren, kann man ungefaehr danach bemessen, dass Quintus

Cicero, um die Langeweile des gallischen Winterquartiers homoeopathisch

zu vertreiben, in sechzehn Tagen vier Trauerspiele verfertigte. Einzig

in dem "Lebensbild" oder dem Mimus verwuchs der letzte noch

gruenende Trieb der nationalen Literatur, die Atellanenposse, mit

den ethologischen Auslaeufern des griechischen Lustspiels, die der

Alexandrinismus mit groesserer poetischer Kraft und besserem Erfolg als

jeden anderen Zweig der Poesie kultivierte. Der Mimus ging hervor aus

den seit langem ueblichen Charaktertaenzen zur Floete, die teils bei

anderen Gelegenheiten, namentlich zur Unterhaltung der Gaeste waehrend

der Tafel, teils besonders im Parterre des Theaters waehrend der

Zwischenakte aufgefuehrt wurden. Es war nicht schwer, aus diesen

Taenzen, bei denen die Rede wohl laengst gelegentlich zur Hilfe genommen

ward, durch Einfuehrung einer geordneteren Fabel und eines regelrechten

Dialogs kleine Komoedien zu machen, die jedoch von dem frueheren

Lustspiel und selbst von der Posse sich doch dadurch noch wesentlich

unterschieden, dass der Tanz und die von solchem Tanz unzertrennliche

Laszivitaet hier fortfuhren, eine Hauptrolle zu spielen, und dass der

Mimus, als nicht eigentlich auf den Brettern, sondern im Parterre zu

Hause, jede szenische Idealisierung wie die Gesichtsmasken und die

Theaterschuhe, beiseite warf und, was besonders wichtig war, die

Frauenrollen auch von Frauen darstellen liess. Dieser neue Mimus, der

zuerst um 672 (82) auf die hauptstaedtische Buehne gekommen zu sein

scheint, verschlang bald die nationale Harlekinade, mit der er ja in den

wesentlichsten Beziehungen zusammenfiel, und ward als das gewoehnliche

Zwischen- und namentlich Nachspiel neben den sonstigen Schauspielen

verwendet ^4. Die Fabel war natuerlich noch gleichgueltiger, lockerer

und toller als in der Harlekinade; wenn es nur bunt herging, so fragte

das Publikum nicht, warum es lachte, und rechtete nicht mit dem

Poeten, der, statt den Knoten zu loesen, ihn zerhieb. Die Sujets waren

vorwiegend verliebter Art, meistens von der frechsten Sorte; gegen den

Ehemann zum Beispiel nahmen Poet und Publikum ohne Ausnahme Partei und

die poetische Gerechtigkeit bestand in der Verhoehnung der guten Sitte.

Der kuenstlerische Reiz beruhte ganz wie bei der Atellane auf der

Sittenmalerei des gemeinen und gemeinsten Lebens, wobei die laendlichen

Bilder vor denen des hauptstaedtischen Lebens und Treibens zuruecktreten

und der suesse Poebel von Rom, ganz wie in den gleichartigen

griechischen Stuecken der von Alexandreia, aufgefordert wird, sein

eigenes Konterfei zu beklatschen. Viele Stoffe sind dem Handwerkerleben

entnommen: es erscheinen der auch hier unvermeidliche 'Walker', dann

'Der Seiler', 'Der Faerber, 'Der Salzmann', 'Die Weberinnen', 'Der

Hundejunge'; andere Stuecke geben Charakterfiguren: 'Der Vergessliche',

'Das Grossmaul', 'Der Mann von 100000 Sesterzen' ^5; oder Bilder

des Auslandes: 'Die Etruskerin', 'Die Gallier', 'Der Kretenser',

'Alexandreia'; oder Schilderungen von Volksfesten: 'Die Compitalien',

'Die Saturnalien', 'Anna Perenna', 'Die warmen Baeder'; oder

travestierte Mythologie: 'Die Fahrt in die Unterwelt', 'Der Arverner

See'. Treffende Schlagwoerter und kurze, leicht behalt- und anwendbare

Gemeinsprueche sind willkommen; aber auch jeder Unsinn hat von selber

das Buergerrecht: in dieser verkehrten Welt wird Bacchus um Wasser, die

Quellnymphe um Wein angegangen. Sogar von den auf dem roemischen Theater

sonst so streng untersagten politischen Anspielungen finden in diesen

Mimen sich einzelne Beispiele ^6. Was die metrische Form anlangt, so

gaben sich diese Poeten, wie sie selber sagen, "nur maessige Muehe mit

dem Versemass"; die Sprache stroemte selbst in den zur Veroeffentlichung

redigierten Stuecken ueber von Vulgaerausdruecken und gemeinen

Wortbildungen. Es ist, wie man sieht, der Mimus wesentlich nichts als

die bisherige Posse; nur dass die Charaktermasken und die stehende

Szenerie von Atella sowie das baeuerliche Gepraege wegfaellt und dafuer

das hauptstaedtische Leben in seiner grenzenlosen Freiheit und Frechheit

auf die Bretter kommt. Die meisten Stuecke dieser Art waren ohne Zweifel

fluechtigster Natur und machten nicht Anspruch auf einen Platz in

der Literatur; die Mimen aber des Laberius, voll drastischer

Charakterzeichnung und sprachlich und metrisch in ihrer Art

meisterlich behandelt, haben in derselben sich behauptet und auch der

Geschichtschreiber muss es bedauern, dass es uns nicht mehr vergoennt

ist, das Drama der republikanischen Agonie in Rom mit seinem

grossen attischen Gegenbild zu vergleichen.

---------------------------------------------------- ^4 Dass der Mimus

zu seiner Zeit an die Stelle der Atellane getreten sei, bezeugt Cicero

(ad fam. 9 16); damit stimmt ueberein, dass die Mimen und Miminnen

zuerst um die sullanische Zeit hervortreten (Rhet. Her. 1, 14, 24; 2,

13, 19; Atta com. 1 Ribbeck.; Plin. nat. 7, 48, 158; Plut. Sull. z. 36).

Uebrigens wird die Bezeichnung mimus zuweilen ungenau von dem Komoeden

ueberhaupt gebraucht. So war der bei der Apollonischen Festfeier 542/43

212/211 auftretende mimus (Festus v. salva res est; vgl. Cic. De orat.

2, 59, 242) offenbar nichts als ein Schauspieler der palliata, denn fuer

wirkliche Mimen im spaetem Sinn ist in dieser Zeit in der roemischen

Theaterentwicklung kein Raum. Zu dem Mimus der klassischen griechischen

Zeit, prosaischen Dialogen, in denen Genrebilder, namentlich laendliche,

dargestellt wurden, hat der roemische Mimus keine naehere Beziehung.

^5 Mit dem Besitz dieser Summe, wodurch man in die erste Stimmklasse

eintritt und die Erbschaft dem Voconischen Gesetz unterworfen wird,

ist die Grenze ueberschritten, welche die geringen (tenuiores) von den

anstaendigen Leuten scheidet. Darum fleht auch der arme Klient Catulls

(23, 26) die Goetter an, ihm zu diesem Vermoegen zu verhelfen. ^6 In

Laberius' 'Fahrt in die Unterwelt' tritt allerlei Volk auf, das Wunder

und Zeichen gesehen hat; dem einen ist ein Ehemann mit zwei Frauen

erschienen, worauf der Nachbar meint, das sei ja noch aerger als das

kuerzlich von einem Wahrsager erblickte Traumgesicht von sechs Aedilen.

Naemlich Caesar wollte - nach dem Klatsch der Zeit - die Vielweiberei

in Rom einfuehren (Suet. Caes. 82) und ernannte in der Tat statt vier

Aedilen deren sechs. Man sieht auch hieraus, dass Laberius

Narrenrecht zu ueben und Caesar Narrenfreiheit zu gestatten verstand.

---------------------------------------------------- Mit der Nichtigkeit

der Buehnenliteratur Hand in Hand geht die Steigerung des Buehnenspiels

und der Buehnenpracht. Dramatische Vorstellungen erhielten ihren

regelmaessigen Platz im oeffentlichen Leben nicht bloss der Hauptstadt,

sondern auch der Landstaedte; auch jene bekam nun endlich durch Pompeius

ein stehendes Theater (699 55) und die kampanische Sitte, waehrend des

in alter Zeit stets unter freiem Himmel stattfindenden Schauspiels zum

Schutze der Spieler und der Zuschauer Segeldecken ueber das Theater zu

spannen, fand ebenfalls jetzt Eingang in Rom (676 78). Wie derzeit

in Griechenland nicht die mehr als blassen Siebengestirne der

alexandrinischen Dramatiker, sondern das klassische Schauspiel, vor

allem die Euripideische Tragoedie in reichster Entfaltung szenischer

Mittel die Buehne behauptete, so wurden auch in Rom zu Ciceros Zeit

vorzugsweise die Trauerspiele des Ennius, Pacuvius und Accius, die

Lustspiele des Plautus gegeben. Wenn der letztere in der vorigen Periode

durch den geschmackvolleren, aber an komischer Kraft freilich geringeren

Terenz verdraengt worden war, so wirkten jetzt Roscius und Varro, das

heisst das Theater und die Philologie zusammen, um ihm eine aehnliche

Wiederaufstehung zu bereiten, wie sie Shakespeare durch Garrick und

Johnson widerfuhr; und auch Plautus hatte dabei von der gesunkenen

Empfaenglichkeit und der unruhigen Hast des durch die kurzen und

lotterigen Possen verwoehnten Publikums zu leiden, so dass die Direktion

die Laenge der Plautinischen Komoedien zu entschuldigen, ja vielleicht

auch zu streichen und zu aendern sich genoetigt sah. Je beschraenkter

das Repertoire war, desto mehr richtete sich sowohl die Taetigkeit des

dirigierenden und exekutierenden Personals, als auch das Interesse des

Publikums auf die szenische Darstellung der Stuecke. Kaum gab es in Rom

ein eintraeglicheres Gewerbe als das des Schauspielers und der Taenzerin

ersten Ranges. Das fuerstliche Vermoegen des tragischen Schauspielers

Aesopus ward bereits erwaehnt; sein noch hoeher gefeierter Zeitgenosse

Roscius schlug seine Jahreseinnahme auf 600000 Sesterzen (46000 Taler)

an ^7 und die Taenzerin Dionysia die ihrige auf 200000 Sesterzen

(15000 Taler). Daneben wandte man ungeheure Summen auf Dekorationen und

Kostueme: gelegentlich schritten Zuege von sechshundert aufgeschirrten

Maultieren ueber die Buehne und das troische Theaterheer ward dazu

benutzt, um dem Publikum eine Musterkarte der von Pompeius in Asien

besiegten Nationen vorzufuehren. Die den Vortrag der eingelegten

Gesangstuecke begleitende Musik erlangte gleichfalls groessere und

selbstaendigere Bedeutung; wie der Wind die Wellen, sagt Varro, so

lenkt der kundige Floetenspieler die Gemueter der Zuhoerer mit jeder

Abwandlung der Melodie. Sie gewoehnte sich, das Tempo rascher zu

nehmen und noetigte dadurch den Schauspieler zu lebhafterer Aktion.

Die musikalische und Buehnenkennerschaft entwickelte sich; der Habitue

erkannte jedes Tonstueck an der ersten Note und wusste die Texte

auswendig; jeder musikalische oder Rezitationsfehler ward streng von

dem Publikum geruegt. Lebhaft erinnert das roemische Buehnenwesen der

ciceronischen Zeit an das heutige franzoesische Theater. Wie den losen

Tableaus der Tagesstuecke der roemische Mimus entspricht, fuer den wie

fuer jene nichts zu gut und nichts zu schlecht war, so findet auch in

beiden sich dasselbe traditionell klassische Trauerspiel und Lustspiel,

die zu bewundern oder mindestens zu beklatschen der gebildete Mann von

Rechts wegen verpflichtet ist. Der Menge wird Genuege getan, indem sie

in der Posse sich selber wiederfindet, in dem Schauspiel den dekorativen

Pomp anstaunt und den allgemeinen Eindruck einer idealen Welt empfaengt;

der hoeher Gebildete kuemmert im Theater sich nicht um das Stueck,

sondern einzig um die kuenstlerische Darstellung. Endlich die roemische

Schauspielkunst selbst pendelte in ihren verschiedenen Sphaeren,

aehnlich wie die franzoesische, zwischen der Chaumiere und dem Salon.

Es war nichts Ungewoehnliches, dass die roemischen Taenzerinnen bei dem

Finale das Obergewand abwarfen und dem Publikum einen Tanz im Hemde zum

besten gaben; andererseits aber galt auch dem roemischen Talma als

das hoechste Gesetz seiner Kunst nicht die Naturwahrheit, sondern das

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 63 / 68 段