anzutreffen war und, wenn auch handwerksmaessig, die musische Bildung
derselben sich fortgepflanzt hatte; wogegen das fernere und mehr als
Sitz der strengen Wissenschaften gefeierte Alexandreia weit seltener
das Reiseziel der bildungslustigen jungen Leute war. Aehnlich wie der
griechische steigert sich auch der lateinische Unterricht. Zum Teil
geschah dies schon durch die blosse Rueckwirkung des griechischen, dem
er ja seine Methode und seine Anregungen wesentlich entlehnte. Ferner
trugen die politischen Verhaeltnisse, der durch das demokratische
Treiben in immer weitere Kreise getragene Zudrang zu der Rednerbuehne
auf dem Markte, zur Verbreitung und Steigerung der Redeuebungen nicht
wenig bei; "wo man hinblickt", sagt Cicero, "ist alles von Rhetoren
voll". Es kam hinzu, dass die Schriften des sechsten Jahrhunderts, je
weiter sie in die Vergangenheit zuruecktraten, desto entschiedener als
klassische Texte der goldenen Zeit der lateinischen Literatur zu
gelten anfingen und damit dem wesentlich auf sie sich konzentrierenden
Unterricht ein groesseres Schwergewicht gaben. Endlich gab die von
vielen Seiten her einreissende und einwandernde Barbarei und die
beginnende Latinisierung ausgedehnter keltischer und spanischer
Landschaften der lateinischen Sprachlehre und dem lateinischen
Unterricht von selbst eine hoehere Bedeutung, als er sie hatte
haben koennen, solange nur Latium lateinisch sprach: der Lehrer der
lateinischen Literatur hatte in Comum und Narbo von Haus aus eine andere
Stellung als in Praeneste und Ardea. Im ganzen genommen war die Bildung
mehr im Sinken als im Steigen. Der Ruin der italischen Landstaedte, das
massenhafte Eindringen fremder Elemente, die politische, oekonomische
und sittliche Verwilderung der Nation, vor allem die zerruettenden
Buergerkriege verdarben auch in der Sprache mehr, als alle Schulmeister
der Welt wieder gutmachen konnten. Die engere Beruehrung mit der
hellenischen Bildung der Gegenwart, der bestimmtere Einfluss
der geschwaetzigeren athenischen Weisheit und der rhodischen und
kleinasiatischen Rhetorik fuehrten vorwiegend eben die schaedlichsten
Elemente des Hellenismus der roemischen Jugend zu. Die propagandistische
Mission, die Latium unter den Kelten, Iberern und Libyern uebernahm,
wie stolz die Aufgabe auch war, musste doch fuer die lateinische Sprache
aehnliche Folgen haben, wie die Hellenisierung des Ostens sie fuer die
hellenische gehabt hatte. Wenn das roemische Publikum dieser Zeit die
wohlgefuegte und rhythmisch kadenzierte Periode des Redners beklatschte
und dem Schauspieler ein sprachlicher oder metrischer Verstoss teuer
zu stehen kam, so zeigt dies wohl, dass die schulmaessig reflektierte
Einsicht in die Muttersprache in immer weiteren Kreisen Gemeingut ward:
aber daneben klagen urteilsfaehige Zeitgenossen, dass die hellenische
Bildung in Italien um 690 (64) weit tiefer gestanden als ein
Menschenalter zuvor; dass man das reine gute Latein nur selten mehr, am
ersten noch aus dem Munde aelterer gebildeter Frauen zu hoeren bekomme;
dass die Ueberlieferung echter Bildung, der alte, gute lateinische
Mutterwitz, die Lucilische Feinheit, der gebildete Leserkreis der
scipionischen Zeit allmaehlich ausgingen. Dass Wort und Begriff der
"Urbanitaet", das heisst der feinen nationalen Gesittung, in dieser
Zeit aufkamen, beweist nicht, dass sie herrschte, sondern dass sie
im Verschwinden war und dass man in der Sprache und dem Wesen der
latinisierten Barbaren oder barbarisierten Lateiner die Abwesenheit
dieser Urbanitaet schneidend empfand. Wo noch der urbane
Konversationston begegnet, wie in Varros Satiren und Ciceros Briefen, da
ist es ein Nachklang der alten in Reate und Arpinum noch nicht so wie
in Rom verschollenen Weise. So blieb die bisherige Jugendbildung ihrem
Wesen nach unveraendert, nur dass sie, nicht so sehr durch ihren eigenen
als durch den allgemeinen Verfall der Nation, weniger Gutes und mehr
Uebles stiftete als in der vorhergegangenen Epoche. Eine Revolution
auch auf diesem Gebiet leitete Caesar ein. Wenn der roemische Senat die
Bildung erst bekaempft und sodann hoechstens geduldet hatte, so musste
die Regierung des neuen italisch-hellenischen Reiches, dessen Wesen ja
die Humanitaet war, dieselbe notwendig in hellenischer Weise von
oben herab foerdern. Wenn Caesar saemtlichen Lehrern der freien
Wissenschaften und saemtlichen Aerzten der Hauptstadt das roemische
Buergerrecht verlieh, so darf darin wohl eine gewisse Einleitung
gefunden werden zu jenen Anstalten, in denen spaeterhin fuer die hoehere
zwiesprachige Bildung der Jugend des Reiches von Staats wegen gesorgt
ward und die der praegnanteste Ausdruck des neuen Staates der Humanitaet
sind; und wenn Caesar ferner die Gruendung einer oeffentlichen
griechischen und lateinischen Bibliothek in der Hauptstadt beschlossen
und bereits den gelehrtesten Roemer der Zeit, Marcus Varro, zum
Oberbibliothekar ernannt hatte, so liegt darin unverkennbar die Absicht,
mit der Weltmonarchie die Weltliteratur zu verknuepfen. Die sprachliche
Entwicklung dieser Zeit knuepfte an den Gegensatz an zwischen dem
klassischen Latein der gebildeten Gesellschaft und der Vulgaersprache
des gemeinen Lebens. Jenes selbst war ein Erzeugnis der spezifischen
italischen Bildung; schon in dem Scipionischen Kreise war das "reine
Latein" Stichwort gewesen und wurde die Muttersprache nicht mehr voellig
naiv gesprochen, sondern in bewusstem Unterschied von der Sprache des
grossen Haufens. Diese Epoche eroeffnet mit einer merkwuerdigen Reaktion
gegen den bisher in der hoeheren Umgangssprache und demnach auch in der
Literatur alleinherrschenden Klassizismus, einer Reaktion, die innerlich
und aeusserlich mit der gleichartigen Sprachreaktion in Griechenland eng
zusammenhing. Eben um diese Zeit begannen der Rhetor und Romanschreiber
Hegesias von Magnesia und die zahlreichen, an ihn sich anschliessenden
kleinasiatischen Rhetoren und Literaten sich aufzulehnen gegen den
orthodoxen Attizismus. Sie forderten das Buergerrecht fuer die Sprache
des Lebens, ohne Unterschied, ob das Wort und die Wendung in Attika
entstanden sei oder in Karien und Phrygien; sie selber sprachen und
schrieben nicht fuer den Geschmack der gelehrten Cliquen, sondern fuer
den des grossen Publikums. Gegen den Grundsatz liess sich nicht viel
einwenden; nur freilich konnte das Resultat nicht besser sein als das
damalige kleinasiatische Publikum war, das den Sinn fuer Strenge und
Reinheit der Produktion gaenzlich verloren hatte und nur nach dem
Zierlichen und Brillanten verlangte. Um von den aus dieser Richtung
entsprungenen Afterkunstgattungen, namentlich dem Roman und der
romanhaften Geschichte, hier zu schweigen, so war schon der Stil
dieser Asiaten begreiflicherweise zerhackt und ohne Kadenz und Periode,
verzwickt und weichlich, voll Flitter und Bombast, durchaus gemein und
manieriert; "wer Hegesias kennt", sagt Cicero, "der weiss, was albern
ist". Dennoch fand dieser neue Stil seinen Weg auch in die latinische
Welt. Als die hellenische Moderhetorik, nachdem sie am Ende der vorigen
Epoche in den latinischen Jugendunterricht sich eingedraengt hatte,
zu Anfang der gegenwaertigen den letzten Schritt tat und mit Quintus
Hortensius (640-704 114- 50), dem gefeiertsten Sachwalter der
sullanischen Zeit, die roemische Rednerbuehne selbst betrat, da
schmiegte sie auch in dem lateinischen Idiom dem schlechten griechischen
Zeitgeschmack eng sich an; und das roemische Publikum, nicht mehr das
rein und streng gebildete der scipionischen Zeit, beklatschte natuerlich
eifrig den Neuerer, der es verstand, dem Vulgarismus den Schein
kunstgerechter Leistung zu geben. Es war dies von grosser Bedeutung. Wie
in Griechenland der Sprachstreit immer zunaechst in den Rhetorenschulden
gefuehrt ward, so war auch in Rom die gerichtliche Rede gewissermassen
mehr noch als die Literatur massgebend fuer den Stil, und es war deshalb
mit dem Sachwalterprinzipat gleichsam von Rechts wegen die Befugnis
verbunden, den Ton der modischen Sprech- und Schreibweise anzugeben.
Hortensius' asiatischer Vulgarismus verdraengte also den Klassizismus
von der roemischen Rednerbuehne und zum Teil auch aus der Literatur.
Aber bald schlug in Griechenland wie in Rom die Mode wieder um. Dort war
es die Rhodische Rhetorenschule, die ohne auf die ganze keusche Strenge
des attischen Stils zurueckzugehen, doch versuchte, zwischen ihm und
der modernen Weise einen Mittelweg einzuschlagen; wenn die rhodischen
Meister es mit der innerlichen Korrektheit des Denkens und Sprechens
nicht allzu genau nahmen, so drangen sie doch wenigstens auf sprachliche
und stilistische Reinheit, auf sorgfaeltige Auswahl der Woerter und
Wendungen und durchgefuehrte Kadenzierung der Saetze. In Italien war es
Marcus Tullius Cicero (648-711 106-43), der, nachdem er in seiner ersten
Jugend die Hortensische Manier mitgemacht hatte, durch das Hoeren der
rhodischen Meister und durch eigenen gereifteren Geschmack auf bessere
Wege zurueckgefuehrt ward und fortan sich strenger Reinheit der Sprache
und durchgaengiger Periodisierung und Kadenzierung der Rede befliss. Die
Sprachmuster, an die er hierbei sich anschloss, fand er vor allen Dingen
in denjenigen Kreisen der hoeheren roemischen Gesellschaft, welche von
dem Vulgarismus noch wenig oder gar nicht gelitten hatten; und wie schon
gesagt ward, es gab deren noch, obwohl sie anfingen zu schwinden. Die
aeltere lateinische und die gute griechische Literatur, so bedeutend
auch namentlich auf den Numerus der Rede die letztere eingewirkt hat,
standen daneben doch nur in zweiter Linie; es war diese Sprachreinigung
also keineswegs eine Reaktion der Buch- gegen die Umgangssprache,
sondern eine Reaktion der Sprache der wirklich Gebildeten gegen den
Jargon der falschen und halben Bildung. Caesar, auch auf dem Gebiet der
Sprache der groesste Meister seiner Zeit, sprach den Grundgedanken
des roemischen Klassizismus aus, indem er in Rede und Schrift jedes
fremdartige Wort so zu vermeiden gebot, wie der Schiffer die Klippe
meidet: man verwarf das poetische und das verschollene Wort der aelteren
Literatur ebenso, wie die baeurische oder der Sprache des gemeinen
Lebens entlehnte Wendung und namentlich die, wie die Briefe dieser Zeit
es beweisen, in sehr weitem Umfang in die Umgangssprache eingedrungenen
griechischen Woerter und Phrasen. Aber nichtsdestoweniger verhielt
dieser schulmaessige und kuenstliche Klassizismus der ciceronischen Zeit
sich zu dem scipionischen, wie zu der Unschuld die bekehrte Suende oder
wie zu dem mustergueltigen Franzoesisch Molieres und Boileaus das der
napoleonischen Klassizisten; wenn jener aus dem vollen Leben
geschoepft hatte, so fing dieser gleichsam die letzten Atemzuege eines
unwiderbringlich untergehenden Geschlechts noch eben rechtzeitig auf.
Wie er nun war, er breitete rasch sich aus. Mit dem Sachwalterprinzipat
ging auch die Sprach- und Geschmacksdiktatur von Hortensius auf Cicero
ueber, und die mannigfaltige und weitlaeufige Schriftstellerei
des letzteren gab diesem Klassizismus, was ihm noch gefehlt hatte,
ausgedehnte prosaische Texte. So wurde Cicero der Schoepfer der modernen
klassischen lateinischen Prosa und knuepfte der roemische Klassizismus
durchaus und ueberall an Cicero als Stilisten an; dem Stilisten Cicero,
nicht dem Schriftsteller, geschweige denn dem Staatsmanne, galten die
ueberschwenglichen und doch nicht ganz phrasenhaften Lobsprueche, mit
denen die begabtesten Vertreter des Klassizismus, namentlich Caesar
und Catullus, ihn ueberhaeufen. Bald ging man weiter. Was Cicero in
der Prosa, das fuehrte in der Poesie gegen das Ende der Epoche die
neuroemische an die griechische Modepoesie sich anlehnende Dichterschule
durch, deren bedeutendstes Talent Catullus war. Auch hier verdraengte
die hoehere Umgangssprache die bisher auf diesem Gebiet noch vielfach
waltenden archaistischen Reminiszenzen und fuegte wie die lateinische
Prosa sich dem attischen Numerus, so die lateinische Poesie sich
allmaehlich den strengen oder vielmehr peinlichen metrischen Gesetzen
der Alexandriner; so zum Beispiel wird von Catullus an es nicht
mehr verstattet, mit einem einsilbigen oder einem nicht besonders
schwerwichtigen zweisilbigen Wort zugleich einen Vers zu beginnen und
einen im vorigen begonnenen Satz zu schliessen. Endlich trat denn die
Wissenschaft hinzu, fixierte das Sprachgesetz und entwickelte die Regel,
die nicht mehr aus der Empirie bestimmt ward, sondern den Anspruch
machte, die Empirie zu bestimmen. Die Deklinationsendungen, die bisher
noch zum Teil geschwankt hatten, sollten jetzt ein fuer allemal fixiert
werden, wie zum Beispiel von den bisher nebeneinander gangbaren Genetiv-
und Dativformen der sogenannten vierten Deklination (senatuis
und senatus, senatui und senatu) Caesar ausschliesslich die
zusammengezogenen (us und u) gelten liess. In der Orthographie
wurde mancherlei geaendert, um die Schrift mit der Sprache wieder
vollstaendiger ins gleiche zu setzen - so ward das inlautende u in
Woertern wie maxumus nach Caesars Vorgang durch i ersetzt und von den
beiden ueberfluessig gewordenen Buchstaben k und q die Beseitigung
des ersten durchgesetzt, die des zweiten wenigstens vorgeschlagen. Die
Sprache war, wenn noch nicht erstarrt, doch im Erstarren begriffen,
von der Regel zwar noch nicht gedankenlos beherrscht, aber doch bereits
ihrer sich bewusst geworden. Dass fuer diese Taetigkeit auf dem Gebiete
der lateinischen Grammatik die griechische nicht bloss im allgemeinen
den Geist und die Methode hergab, sondern die lateinische Sprache auch
wohl geradezu nach jener rektifiziert ward, beweist zum Beispiel die
Behandlung des schliessenden s, das bis gegen den Ausgang dieser Epoche
nach Gefallen bald als Konsonant, bald nicht als solcher gegolten hatte,
von den neumodischen Poeten aber durchgaengig wie im Griechischen als
konsonantischer Auslaut behandelt ward. Diese Sprachregulierung ist die
eigentliche Domaene des roemischen Klassizismus; in der verschiedensten
Weise und ebendarum nur um so bedeutsamer wird bei den Koryphaeen
desselben, bei Cicero, Caesar, sogar in den Gedichten Catulls, die Regel
eingeschaerft und der Verstoss dagegen abgetrumpft; wogegen die
aeltere Generation sich ueber die auf dem sprachlichen Gebiet ebenso
ruecksichtslos wie auf dem politischen durchgreifende Revolution
mit begreiflicher Empfindlichkeit aeussert ^2. Indem aber der neue
Klassizismus, das heisst das regulierte und mit dem mustergueltigen
Griechisch soweit moeglich ins gleiche gesetzte mustergueltige Latein,
hervorgehend aus der bewussten Reaktion gegen den in die hoehere
Gesellschaft und selbst in die Literatur eingedrungenen Vulgarismus,
sich literarisch fixierte und schematisch formulierte, raeumte dieser
doch keineswegs das Feld. Wir finden ihn nicht bloss naiv in den Werken
untergeordneter, nur zufaellig unter die Schriftsteller verschlagener
Individuen, wie in dem Bericht ueber Caesars zweiten spanischen Krieg,
sondern wir werden ihm auch in der eigentlichen Literatur, im Mimus,
im Halbroman, in den aesthetischen Schriften Varros mehr oder weniger
ausgepraegt begegnen; und charakteristisch ist es, dass er eben in den
am meisten volkstuemlichen Gebieten der Literatur sich behauptet und
dass wahrhaft konservative Maenner, wie Varro, ihn in Schutz nehmen. Der
Klassizismus ruht auf dem Tode der italischen Sprache wie die Monarchie
auf dem Untergang der italischen Nation; es war vollkommen konsequent,
dass die Maenner, in denen die Republik noch lebendig war, auch der
lebenden Sprache fortfuhren, ihr Recht zu geben und ihrer relativen
Lebendigkeit und Volkstuemlichkeit zuliebe ihre aesthetischen Maengel
ertrugen. So gehen denn die sprachlichen Meinungen und Richtungen dieser
Epoche ueberall hin auseinander: neben der altfraenkischen Poesie des
Lucretius erscheint die durchaus moderne des Catullus, neben Ciceros
kadenzierter Periode Varros absichtlich jede Gliederung verschmaehender
Satz. Auch hierin spiegelt sich die Zerrissenheit der Zeit.
---------------------------------------- ^2 So sagt Varro (rust. 1, 2):
ab aeditimo, ut dicere didicimus a patribus nostris; ut corrigimur ab
recentibus urbanis, ab aedituo. ----------------------------------------
In der Literatur dieser Periode faellt zunaechst, im Vergleich mit der
frueheren, die aeussere Steigerung des literarischen Treibens in Rom
auf. Die literarische Taetigkeit der Griechen gedieh laengst nicht mehr
in der freien Luft der buergerlichen Unabhaengigkeit, sondern nur noch
in den wissenschaftlichen Anstalten der groesseren Staedte und besonders
der Hoefe. Angewiesen auf Gunst und Schutz der Grossen und durch das
Erloeschen der Dynastien von Pergamon (621 133), Kyrene (658 96),
Bithynien (679 75) und Syrien (690 64), durch den sinkenden Glanz der
Hofhaltung der Lagiden aus den bisherigen Musensitzen verdraengt ^3,
ueberdies seit Alexanders des Grossen Tod notwendig kosmopolitisch und
unter den Aegyptern und Syrern wenigstens ebenso fremd wie unter den
Lateinern, fingen die hellenischen Literaten mehr und mehr an, ihre
Blicke nach Rom zu wenden. Neben dem Koch, dem Buhlknaben und dem
Spassmacher spielten unter dem Schwarm griechischer Bedienten, mit denen
der vornehme Roemer dieser Zeit sich umgab, auch der Philosoph, der Poet
und der Memoirenschreiber hervorragende Rollen. Schon begegnen in diesen
Stellungen namhafte Literaten; wie zum Beispiel der Epikureer Philodemos
als Hauptphilosoph bei Lucius Piso, Konsul 696 (58), angestellt war
und nebenbei mit seinen artigen Epigrammen auf den grobdraehtigen
Epikureismus seines Patrons die Eingeweihten erbaute. Von allen Seiten
zogen immer zahlreicher die angesehensten Vertreter der griechischen
Kunst und Wissenschaft sich nach Rom, wo der literarische Verdienst
jetzt reichlicher floss als irgendwo sonst; so werden als in Rom
ansaessig genannt der Arzt Asklepiades, den Koenig Mithradates
vergeblich von dort weg in seinen Dienst zu ziehen versuchte, der
Gelehrte fuer alles, Alexandros von Milet, genannt der Polyhistor; der
Poet Parthenios aus Nikaea in Bithymen; der als Reisender, Lehrer und
Schriftsteller gleich gefeierte Poseidonios von Apameia in Syrien, der
hochbejahrt im Jahre 703 (51) von Rhodos nach Rom uebersiedelte, und
andere mehr. Ein Haus wie das des Lucius Lucullus war, fast wie
das alexandrinische Museion, ein Sitz hellenischer Bildung und ein
Sammelplatz hellenischer Literaten; roemische Mittel und hellenische
Kennerschaft hatten in diesen Hallen des Reichtums und der Wissenschaft
einen unvergleichlichen Schatz von Bildwerken und Gemaelden aelterer und
gleichzeitiger Meister sowie eine ebenso sorgfaeltig ausgewaehlte wie
prachtvoll ausgestattete Bibliothek vereinigt und jeder Gebildete und
namentlich jeder Grieche war hier willkommen - oft sah man den Hausherrn
selbst mit einem seiner gelehrten Gaeste in philologischem oder
philosophischem Gespraech den schoenen Saeulengang auf- und
niederwandeln. Freilich trugen diese Griechen mit ihren
reichen Bildungsschaetzen auch zugleich ihre Verkehrtheit und
Bedientenhaftigkeit nach Italien; wie sich denn zum Beispiel einer
dieser gelehrten Landlaeufer, der Verfasser der 'Schmeichelredekunst',
Aristodemos von Nysa, um 700 (54) seinen Herren durch den Nachweis
empfahl, dass Horneros ein geborener Roemer gewesen sei. In demselben
Masse wie das Treiben der griechischen Literaten in Rom stieg auch bei
den Roemern selbst die literarische Taetigkeit und das literarische
Interesse. Selbst die griechische Schriftstellerei, die der strengere
Geschmack des scipionischen Zeitalters gaenzlich beseitigt hatte,
tauchte jetzt wieder auf. Die griechische Sprache war nun einmal
Weltsprache, und eine griechische Schrift fand ein ganz anderes Publikum
als eine lateinische; darum liessen, wie die Koenige von Armenien
und Mauretanien, so auch roemische Vornehme, wie zum Beispiel Lucius
Lucullus, Marcus Cicero, Titus Atticus, Quintus Scaevola (Volkstribun
700 54), gelegentlich griechische Prosa und sogar griechische Verse
ausgehen. Indes dergleichen griechische Schriftstellerei geborener
Roemer blieb Nebensache und beinahe Spielerei; die literarischen wie
die politischen Parteien Italiens trafen doch alle zusammen in dem
Festhalten an der italischen, nur mehr oder minder vom Hellenismus
durchdrungenen Nationalitaet. Auch konnte man in dem Gebiet lateinischer
Schriftstellerei wenigstens ueber Mangel an Ruehrigkeit sich nicht
beklagen. Es regnete in Rom Buecher und Flugschriften aller Art und vor
allen Dingen Poesien. Die Dichter wimmelten daselbst wie nur in
Tarsos oder Alexandreia; poetische Publikationen waren zur stehenden
Jugendsuende regerer Naturen geworden, und auch damals pries
man denjenigen gluecklich, dessen Jugendgedichte die mitleidige
Vergessenheit der Kritik entzog. Wer das Handwerk einmal verstand,
schrieb ohne Muehe auf einen Ansatz seine fuenfhundert Hexameter, an
denen kein Schulmeister etwas zu tadeln, freilich auch kein Leser etwas
zu loben fand. Auch die Frauenwelt beteiligte sich lebhaft an diesem
literarischen Treiben; die Damen beschraenkten sich nicht darauf, Tanz
und Musik zu machen, sondern beherrschten durch Geist und Witz die
Konversation und sprachen vortrefflich ueber griechische und lateinische
Literatur; und wenn die Poesie auf die Maedchenherzen Sturm lief, so
kapitulierte die belagerte Festung nicht selten gleichfalls in artigen
Versen. Die Rhythmen wurden immer mehr das elegante Spielzeug
der grossen Kinder beiderlei Geschlechts; poetische Billets,
gemeinschaftliche poetische Uebungen und Wettdichtungen unter guten
Freunden waren etwas Gewoehnliches, und gegen das Ende dieser Epoche
wurden auch bereits in der Hauptstadt Anstalten eroeffnet, in denen
unfluegge lateinische Poeten das Versemachen fuer Geld erlernen konnten.
Infolge des starken Buecherkonsums wurde die Technik des fabrikmaessigen
Abschreibens wesentlich vervollkommnet und die Publikation
verhaeltnismaessig rasch und wohlfeil bewirkt; der Buchhandel ward ein
angesehenes und eintraegliches Gewerbe und der Laden des Buchhaendlers
ein gewoehnlicher Versammlungsort gebildeter Maenner. Das Lesen war zur
Mode, ja zur Manie geworden; bei Tafel ward, wo nicht bereits roherer
Zeitvertreib sich eingedraengt hatte, regelmaessig vorgelesen, und
wer eine Reise vorhatte, vergass nicht leicht, eine Reisebibliothek
einzupacken. Den Oberoffizier sah man im Lagerzelt den schluepfrigen
griechischen Roman, den Staatsmann im Senat den philosophischem Traktat
in der Hand. Es stand denn auch im roemischen Staate, wie es in jedem
Staate gestanden hat und stehen wird, wo die Buerger lesen "von der
Tuerschwell an bis zum Privet". Der parthische Wesir hatte nicht
unrecht, wenn er den Buergern von Seleukeia die im Lager des Crassus
gefundenen Romane wies und sie fragte, ob sie die Leser solcher
Buecher noch fuer furchtbare Gegner hielten.
------------------------------------------------- ^3 Merkwuerdig ist
fuer diese Verhaeltnisse die Dedikation der auf den Namen des Skymnos
gehenden poetischen Erdbeschreibung. Nachdem der Dichter seine Absicht
erklaert hat, in dem beliebten menandrischen Mass einen fuer Schueler
fasslichen und leicht auswendig zu lernenden Abriss der Geographie zu
bearbeiten, widmet er, wie Apollodoros sein aehnliches historisches