Leben ueberwiegende Termin des 1. Januar auch als Kalenderepoche fuer
den Jahreswechsel angenommen ward. Beide Aenderungen traten mit dem 1.
Januar 709 der Stadt, 45 vor Chr., ins Leben und mit ihnen der Gebrauch
des von seinem Urheber benannten Julianischen Kalenders, der lange nach
dem Untergang der Monarchie Caesars in der gebildeten Welt massgebend
geblieben und in der Hauptsache es noch ist. Zur Erlaeuterung ward in
einem ausfuehrlichen Edikt ein den aegyptischen Himmelsbeobachtungen
entnommener und, freilich nicht geschickt, auf Italien uebertragener
Sternkalender hinzugefuegt, welcher den Auf- und Untergang der namhaften
Gestirne nach Kalendertagen bestimmte ^39. Auch auf diesem Gebiet
also setzten die roemische und die griechische Welt sich ins gleiche.
---------------------------------------------------------- ^39 Die
Identitaet dieses vielleicht von Marcus Flavius redigierten Edikts
(Macr. Sat. I, 14, 2) und der angeblichen Schrift Caesars von den
Gestirnen beweist der Scherz Ciceros (Plut. Caes. 59), dass jetzt die
Leier nach Verordnung aufgehe. Uebrigens wusste man schon vor Caesar,
dass das Sonnenjahr von 365 Tagen sechs Stunden, das dem aegyptischen
Kalender zugrunde lag und das er seinem Kalender zugrunde legte, etwas
zu lang angesetzt sei. Die genaueste Berechnung des tropischen Jahres,
die die alte Welt kannte, die des Hipparchos, setzte dasselbe auf 365
Tage 5 Stunden 52' 12"; die wahre Laenge ist 365 Tage 5 Stunden 48' 48".
---------------------------------------------------------- Dies waren
die Grundlagen der Mittelmeermonarchie Caesars. Zum zweitenmal war in
Rom die soziale Frage zu einer Krise gelangt, wo die Gegensaetze, so wie
sie aufgestellt waren, unaufloeslich, so wie sie ausgesprochen waren,
unversoehnlich nicht bloss schienen, sondern waren. Damals war Rom
dadurch gerettet worden, dass Italien in Rom und Rom in Italien
aufging und in der neuen erweiterten und verwandelten Heimat jene alten
Gegensaetze nicht ausgeglichen wurden, sondern wegfielen. Wieder ward
jetzt Rom dadurch gerettet, dass die Landschaften des Mittelmeeres
in ihm aufgingen oder zum Aufgehen vorbereitet wurden; der Krieg der
italischen Armen und Reichen, der in dem alten Italien nur mit der
Vernichtung der Nation endigen konnte, hatte in dem Italien dreier
Weltteile kein Schlachtfeld und keinen Sinn mehr. Die latinischen
Kolonien schlossen die Kluft, die im fuenften Jahrhundert die roemische
Gemeinde zu verschlingen drohte; den tieferen Riss des siebenten
Jahrhunderts fuellten Gaius Gracchus' und Caesars transalpinische und
ueberseeische Kolonisationen. Fuer das einzige Rom hat die Geschichte
nicht bloss Wunder getan, sondern auch seine Wunder wiederholt und
zweimal die im Staate selbst unheilbare innere Krise dadurch geheilt,
dass sie den Staat verjuengte. Wohl ist viel Verwesung in dieser
Verjuengung; wie die Einigung Italiens auf den Truemmern der
samnitischen und etruskischen Nation sich vollzog, so erbaute auch die
Mittelmeermonarchie sich auf den Ruinen unzaehliger, einst lebendiger
und tuechtiger Staaten und Staemme; aber es ist eine Verwesung, der
frische und zum Teil noch heute gruenende Saaten entkeimten. Was
zugrunde ging um des neuen Gebaeudes willen, waren nur die laengst
schon von der nivellierenden Zivilisation zum Untergang bezeichneten
sekundaeren Nationalitaeten. Caesar hat, wo er zerstoerend auftrat, nur
den ausgefaellten Spruch der geschichtlichen Entwicklung vollzogen,
die Keime der Kultur aber geschuetzt, wo und wie er sie fand, in seinem
eigenen Lande so gut wie bei der verschwisterten Nation der Hellenen. Er
hat das Roemertum gerettet und erneuert, aber auch das Griechentum hat
er nicht bloss geschont, sondern mit derselben sicheren Genialitaet,
womit er die Neugruendung Roms vollbrachte, auch der Regeneration
der Hellenen sich unterzogen und das unterbrochene Werk des grossen
Alexander wiederaufgenommen, dessen Bild, wohl mag man es glauben,
niemals aus Caesars Seele wich. Er hat diese beiden grossen Aufgaben
nicht bloss nebeneinander, sondern eine durch die andere geloest. Die
beiden grossen Wesenheiten des Menschentums, die allgemeine und die
individuelle Entwicklung oder Staat und Kultur, einst im Keime vereinigt
in jenen alten, fern von den Kuesten und Inseln des Mittelmeers in
urvaeterlicher Einfachheit ihre Herden weidenden Graecoitalikern, hatten
sich geschieden, als dieselben sich sonderten in Italiker und Hellenen,
und waren seitdem durch Jahrtausende geschieden geblieben. Jetzt erschuf
der Enkel des troischen Fuersten und der latinischen Koenigstochter aus
einem Staat ohne eigene Kultur und einer kosmopolitischen Zivilisation
ein neues Ganzes, in welchem auf dem Gipfel menschlichen Daseins, in der
reichen Fuelle des glueckseligen Alters Staat und Kultur wiederum sich
zusammenfanden und den einem solchen Inhalt angemessenen Umkreis wuerdig
erfuellten. Die Linien sind dargelegt, welche Caesar fuer dieses
Werk gezogen hat, nach denen er selbst arbeitete und nach denen die
Spaeteren, viele Jahrhunderte hindurch gebannt in die von diesem Manne
vorgezeichneten Bahnen, wo nicht mit dem Geiste und der Energie, doch
im ganzen nach den Intentionen des grossen Meisters weiter zu arbeiten
versuchten. Vollendet ist wenig, gar manches nur angelegt. Ob der Plan
vollstaendig ist, mag entscheiden, wer mit einem solchen Mann in die
Wette zu denken wagt; wir bemerken keine wesentlichen Luecken in dem,
was vorliegt, jeder einzelne Baustein genug, um einen Mann unsterblich
zu machen, und doch wieder alle zusammen ein harmonisches Ganzes. Fuenf
und ein halbes Jahr, nicht halb so lange wie Alexander, schaltete Caesar
als Koenig von Rom; zwischen sieben grossen Feldzuegen, die ihm nicht
mehr als zusammen fuenfzehn Monate ^40 in der Hauptstadt seines Reiches
zu verweilen erlaubten, ordnete er die Geschicke der Welt fuer die
Gegenwart und die Zukunft; von der Feststellung der Grenzlinie
zwischen Zivilisation und Barbarei an bis hinab zu der Beseitigung der
Regenpfuetzen auf den Gassen der Hauptstadt, und behielt dabei noch
Zeit und Heiterkeit genug, um den Preisstuecken im Theater aufmerksam zu
folgen und dem Sieger den Kranz mit improvisierten Versen zu erteilen.
Die Schnelligkeit und Sicherheit der Ausfuehrung des Planes beweist,
dass er lange durchdacht und in allen Teilen im einzelnen festgestellt
war; allein auch so bleibt sie nicht viel weniger wunderbar als der Plan
selbst. Die Grundzuege waren gegeben und damit der neue Staat fuer alle
Zukunft bestimmt; vollenden konnte den Bau nur die grenzenlose Zukunft.
Insofern durfte Caesar sich sagen, dass sein Ziel erreicht sei, und
das wohl mochten die Worte bedeuten, die man zuweilen aus seinem
Munde vernahm, dass er genug gelebt habe. Aber eben weil der Bau ein
unendlicher war, fuegte der Meister, solange er lebte, rastlos Stein auf
Stein, mit immer gleicher Geschmeidigkeit und immer gleicher Spannkraft
taetig an seinem Werk, ohne je zu ueberstuerzen oder zu verschieben,
eben als gebe es fuer ihn nur ein Heute und kein Morgen. So wirkte
und schaffte er wie nie ein Sterblicher vor und nach ihm, und als ein
Wirkender und Schaffender lebt er noch nach Jahrtausenden im Gedaechtnis
der Nationen, der erste und doch auch der einzige Imperator Caesar.
------------------------------------------------------- ^40 Caesar
verweilte in Rom im April und Dezember 705 (49), beide Male auf wenige
Tage; vom September bis Dezember 707 (47); etwa vier Herbstmonate des
fuenfzehnmonatlichen Jahres 708 (46) und vom Oktober 709 (45) bis zum
Maerz 710 (44). -------------------------------------------------------
12. Kapitel Religion, Bildung, Literatur und Kunst In der
religioes-philosophischen Entwicklung tritt in dieser Epoche kein neues
Moment hervor. Die roemisch-hellenische Staatsreligion und die damit
untrennbar verbundene stoische Staatsphilosophie waren fuer jede
Regierung, Oligarchie, Demokratie oder Monarchie, nicht bloss ein
bequemes Instrument, sondern deshalb geradezu unentbehrlich, weil
es ebenso unmoeglich war, den Staat ganz ohne religioese Elemente zu
konstruieren als irgendeine neue zur Ersetzung der alten geeignete
Staatsreligion aufzufinden. So fuhr denn zwar der revolutionaere Besen
gelegentlich sehr unsanft in die Spinnweben der auguralen Vogelweisheit
hinein; aber die morsche, in allen Fugen krachende Maschine ueberdauerte
dennoch das Erdbeben, das die Republik selber verschlang, und rettete
ihre Geistlosigkeit und ihre Hoffart ungeschmaelert hinueber in die neue
Monarchie. Es versteht sich, dass sie zunahm an Ungnade bei allen denen,
die ein freies Urteil sich bewahrten. Zwar gegen die Staatsreligion
verhielt die oeffentliche Meinung sich wesentlich gleichgueltig; sie war
allerseits als eine Institution politischer Konvenienz anerkannt und es
bekuemmerte sich niemand sonderlich um sie, mit Ausnahme der politischen
und antiquarischen Gelehrten. Aber gegen ihre philosophische Schwester
entwickelte sich in dem unbefangenen Publikum jene Feindseligkeit, die
die leere und doch auch perfide Phrasenheuchelei auf die Laenge nie
verfehlt zu erwecken. Dass der Stoa selbst von ihrer eigenen Nichtigkeit
eine Ahnung aufzugehen begann, beweist ihr Versuch, auf dem Wege
des Synkretismus sich wieder einigen Geist kuenstlich einzufloessen:
Antiochos von Askalon (blueht 675 79), der mit dem stoischen System
das platonisch-aristotelische zu einer organischen Einheit
zusammengeklittert zu haben behauptete, brachte es in der Tat dahin,
dass seine missgeschaffene Doktrin die Modephilosophie der Konservativen
seiner Zeit und von den vornehmen Dilettanten und Literaten Roms
gewissenhaft studiert ward. Wer irgend in geistiger Frische sich regte,
opponierte der Stoa oder ignorierte sie. Es war hauptsaechlich
der Widerwille gegen die grossmauligen und langweiligen roemischen
Pharisaeer, daneben freilich auch der zunehmende Hang, sich aus dem
praktischen Leben in schlaffe Apathie oder nichtige Ironie zu fluechten,
dem waehrend dieser Epoche das System Epikurs seine Ausbreitung in
weiteren Kreisen und die Diogenische Hundephilosophie ihre Einbuergerung
in Rom verdankte. Wie matt und gedankenarm auch jenes sein mochte,
eine Philosophie, die nicht in der Veraenderung der hergebrachten
Bezeichnungen den Weg zur Freiheit suchte, sondern mit den vorhandenen
sich begnuegte und durchaus nur die sinnliche Wahrnehmung als wahr
gelten liess, war immer noch besser als das terminologische Geklapper
und die hohlen Begriffe der stoischen Weisheit; und die Hundephilosophie
gar war von allen damaligen philosophischen Systemen insofern bei weitem
das vorzueglichste, als ihr System sich darauf beschraenkte, gar
kein System zu haben, sondern alle Systeme und alle Systematiker zu
verhoehnen. Auf beiden Gebieten wurde gegen die Stoa mit Eifer und
Glueck Krieg gefuehrt; fuer ernste Maenner predigte der Epikureer
Lucretius mit dem vollen Akzent der innigen Ueberzeugung und des
heiligen Eifers gegen den stoischen Goetter- und Vorsehungsglauben und
die stoische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele; fuer das grosse
lachbereite Publikum traf der Kyniker Varro mit den fluechtigen Pfeilen
seiner vielgelesenen Satiren noch schaerfer zum Ziel. Wenn also die
tuechtigsten Maenner der aelteren Generation die Stoa befehdeten, so
stand dagegen die juengere, wie zum Beispiel Catullus, zu ihr in gar
keinem innerlichen Verhaeltnis mehr und kritisierte sie noch bei
weitem schaerfer durch vollstaendiges Ignorieren. Indes wenn hier ein
glaubenloser Glaube aus politischer Konvenienz aufrecht erhalten
ward, so brachte man dies anderswo reichlich wieder ein. Unglaube und
Aberglaube, verschiedene Farbenbrechungen desselben geschichtlichen
Phaenomens, gingen auch in der damaligen roemischen Welt Hand in Hand
und es fehlte nicht an Individuen, welche sie beide in sich vereinigten,
mit Epikuros die Goetter leugneten und doch vor jeder Kapelle beteten
und opferten. Natuerlich galten nur noch die aus dem Orient gekommenen
Goetter, und wie die Menschen fortfuhren, aus den griechischen
Landschaften nach Italien zu stroemen, so wanderten auch die Goetter
des Ostens in immer steigender Zahl nach dem Westen hinueber. Was der
phrygische Kult damals in Rom bedeutete, beweist sowohl die Polemik
bei den aelteren Maennern, wie bei Varro und Lucretius, als auch die
poetische Verherrlichung desselben bei dem modernen Catullus, die mit
der charakteristischen Bitte schliesst, dass die Goettin geneigen moege,
nur andere, nicht den Dichter selbst verrueckt zu machen. Neu trat hinzu
der persische Goetterdienst, der zuerst durch Vermittlung der von Osten
und von Westen her auf dem Mittelmeere sich begegnenden Piraten zu den
Okzidentalen gelangt sein soll und als dessen aelteste Kultstaette im
Westen der Berg Olympos in Lykien bezeichnet wird. Dafuer, dass man
bei der Aufnahme der orientalischen Kulte im Okzident das, was sie von
hoeheren spekulativen und sittlichen Elementen enthielten, durchgaengig
fallen liess, ist es ein merkwuerdiger Beleg, dass der hoechste Gott der
reinen Lehre Zarathustras, Ahuramazda, im Westen so gut wie unbekannt
blieb und hier die Verehrung sich vorzugsweise wieder demjenigen Gott
zuwandte, der in der alten persischen Volksreligion den ersten Platz
eingenommen hatte und durch Zarathustra an den zweiten gerueckt worden
war, dem Sonnengott Mithra. Rascher noch als die lichteren und milderen
persischen Himmelsgestalten traf der langweilig geheimnisvolle Schwarm
der aegyptischen Goetterkarikaturen in Rom ein, die Naturmutter Isis
mit ihrem ganzen Gefolge, dem ewig sterbenden und ewig wiederauflebenden
Osiris, dem finsteren Sarapis, dem schweigsam ernsten Harpokrates,
dem hundskoepfigen Anubis. In dem Jahre, wo Clodius die Klubs und
Konventikel freigab (696 58), und ohne Zweifel eben infolge dieser
Emanzipation des Poebels, machte jener Schwarm sogar Anstalt, in die
alte Burg des roemischen Jupiter auf dem Kapitol seinen Einzug zu
halten, und kaum gelang es, von hier ihn noch abzuwehren und die
unvermeidlichen Tempel wenigstens in die Vorstaedte Roms zu bannen. Kein
Kult war in den unteren Schichten der hauptstaedtischen Bevoelkerung
gleich populaer: als der Senat die innerhalb der Ringmauer angelegten
Isistempel einzureissen befahl, wagte kein Arbeiter, die erste Hand
daran zu legen, und der Konsul Lucius Paullus musste selber den ersten
Axtschlag tun (704 50); man konnte darauf wetten, dass je lockerer
ein Dirnchen war, es desto frommer die Isis verehrte. Dass Loswerfen,
Traumdeuten und dergleichen freie Kuenste ihren Mann ernaehrten,
versteht sich von selbst. Das Horoskopstellen ward schon
wissenschaftlich betrieben: Lucius Tarutius aus Firmum, ein angesehener
und in seiner Art gelehrter, mit Varro und Cicero befreundeter Mann,
stellte ganz ernsthaft den Koenigen Romulus und Numa und der Stadt Rom
selbst die Nativitaet und erhaertete zur Erbauung der beiderseitigen
Glaeubigen mittels seiner chaldaeischen und aegyptischen Weisheit die
Berichte der roemischen Chronik. Aber bei weitem die merkwuerdigste
Erscheinung auf diesem Gebiet ist der erste Versuch, das rohe Glauben
mit dem spekulativen Denken zu verquicken, das erste Hervortreten
derjenigen Tendenzen, die wir als neuplatonische zu bezeichnen gewohnt
sind, in der roemischen Welt. Ihr aeltester Apostel daselbst war Publius
Nigidius Figulus, ein vornehmer Roemer von der strengsten Fraktion der
Aristokratie, der 696 (58) die Praetur bekleidete und im Jahre 709 (45)
als politischer Verbannter ausserhalb Italiens starb. Mit staunenswerter
Vielgelehrtheit und noch staunenswerterer Glaubensstaerke schuf er aus
den disparatesten Elementen einen philosophisch-religioesen Bau, dessen
wunderlichen Grundriss er mehr wohl noch in muendlichen Verkuendigungen
entwickelte als in seinen theologischen und naturwissenschaftlichen
Schriften. In der Philosophie griff er, Erloesung suchend von den
Totengerippen der umgehenden Systeme und Abstraktionen, zurueck auf den
verschuetteten Born der vorsokratischen Philosophie, deren alten Weisen
der Gedanke selber noch mit sinnlicher Lebendigkeit erschienen war.
Die naturwissenschaftliche Forschung, die, zweckmaessig behandelt, dem
mystischen Schwindel und der frommen Taschenspielerei auch jetzt noch
so vortreffliche Handhaben darbietet und im Altertum, bei der
mangelhafteren Einsicht in die physikalischen Gesetze, sie noch bequemer
darbot, spielte begreiflicherweise auch hier eine ansehnliche Rolle.
Seine Theologie beruhte wesentlich auf dem wunderlichen Gebraeu, in dem
den geistesverwandten Griechen orphische und andere uralte oder
sehr neue einheimische Weisheit mit persischen, chaldaeischen und
aegyptischen Geheimlehren zusammengeflossen war und in welches Figulus
noch die Quasiresultate der tuskischen Forschung in das Nichts und
die einheimische Vogelfluglehre zu weiterer harmonischer Konfusion
einarbeitete. Dem ganzen System gab die politisch-religioes-nationale
Weihe der Name des Pythagoras, des ultrakonservativen Staatsmannes,
dessen oberster Grundsatz war, "die Ordnung zu foerdern und der
Unordnung zu wehren", des Wundermannes und Geisterbeschwoerers, des in
Italien heimischen, selbst in Roms Sagengeschichte verflochtenen und auf
dem roemischen Markte im Standbilde zu schauenden uralten Weisen.
Wie Geburt und Tod miteinander verwandt sind, so, schien es, sollte
Pythagoras nicht bloss an der Wiege der Republik stehen als des weisen
Numa Freund und der klugen Mutter Egeria Kollege, sondern auch als der
letzte Hort der heiligen Vogelweisheit an ihrem Grabe. Das neue System
war aber nicht bloss wunderhaft, es wirkte auch Wunder: Nigidius
verkuendigte dem Vater des nachmaligen Kaisers Augustus an dem Tage
selbst, wo dieser geboren ward, die kuenftige Groesse des Sohnes; ja die
Propheten bannten den Glaeubigen Geister und, was mehr sagen will, sie
wiesen ihnen die Plaetze nach, wo ihre verlorenen Muenzen lagen.
Die neu-alte Weisheit, wie sie nun eben war, machte doch auf die
Zeitgenossen einen tiefen Eindruck; die vornehmsten, gelehrtesten,
tuechtigsten Maenner der verschiedensten Parteien, der Konsul des
Jahres 705 (49), Appius Claudius, der gelehrte Marcus Varro, der tapfere
Offizier Publius Vatinius, machten das Geisterzitieren mit, und es
scheint sogar, dass gegen das Treiben dieser Gesellschaften polizeilich
eingeschritten werden musste. Diese letzten Versuche, die roemische
Theologie zu retten, machen, aehnlich wie Catos verwandte Bestrebungen
auf dem politischen Gebiet, zugleich einen komischen und einen
wehmuetigen Eindruck; man darf ueber das Evangelium wie ueber die
Apostel laecheln, aber immer ist es eine ernsthafte Sache, wenn auch
die tuechtigen Maenner anfangen, sich dem Absurden zu ergeben. Die
Jugendbildung bewegte sich, wie sich von selbst versteht, in dem in der
vorigen Epoche vorgezeichneten Kreise zwiesprachiger Humanitaet, und
mehr und mehr ging die allgemeine Bildung auch der roemischen Welt
ein auf die von den Griechen dafuer festgestellten Formeln. Selbst
die koerperlichen Uebungen schritten von dem Ballspiel, dem Laufen
und Fechten fort zu den kunstmaessiger entwickelten griechischen
Turnkaempfen; wenn es auch fuer diese noch keine oeffentlichen Anstalten
gab, pflegte doch in den vornehmen Landhaeusern schon neben den
Badezimmern die Palaestra nicht zu fehlen. In welcher Art der Kreis
der allgemeinen Bildung sich in der roemischen Welt im Laufe eines
Jahrhunderts umgewandelt hatte, zeigt die Vergleichung der Catonischen
'Encyklopaedie' mit der gleichartigen Schrift Varros 'Von den
Schulwissenschaften'. Als Bestandteile der nichtfachwissenschaftlichen
Bildung erscheinen bei Cato die Redekunst, die Ackerbau-, Rechts-,
Kriegs- und Arzneikunde, bei Varro - nach wahrscheinlicher Vermutung
- Grammatik, Logik oder Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik,
Astronomie, Musik, Medizin und Architektur. Es sind also im Verlaufe
des siebenten Jahrhunderts Kriegs-, Rechts- und Ackerbaukunde aus
allgemeinen zu Fachwissenschaften geworden. Dagegen tritt bei Varro die
hellenische Jugendbildung bereits in ihrer ganzen Vollstaendigkeit
auf: neben dem grammatisch-rhetorisch-philosophischen Kursus, der
schon frueher in Italien eingefuehrt war, findet jetzt auch der
laenger spezifisch hellenisch gebliebene
geometrisch-arithmetisch-astronomisch-musikalische ^1 sich ein. Dass
namentlich die Astronomie, die in der Nomenklatur der Gestirne dem
gedankenlosen gelehrten Dilettantismus der Zeit, in ihren Beziehungen
zur Astrologie dem herrschenden religioesen Schwindel entgegenkam, in
Italien von der Jugend regelmaessig und eifrig studiert ward, laesst
sich auch anderweitig belegen: Aratos' astronomische Lehrgedichte fanden
unter allen Werken der alexandrinischen Literatur am fruehesten Eingang
in den roemischen Jugendunterricht. Zu diesem hellenischen Kursus
trat dann noch die aus dem aelteren roemischen Jugendunterricht
stehengebliebene Medizin und endlich die dem damaligen statt des Ackers
Haeuser und Villen bauenden vornehmen Roemer unentbehrliche Architektur.
--------------------------------------------- ^1 Es sind dies,
wie bekannt, die sogenannten sieben freien Kuenste, die mit dieser
Unterscheidung der frueher in Italien eingebuergerten drei und der
nachtraeglich rezipierten vier Disziplinen sich durch das
ganze Mittelalter behauptet haben.
--------------------------------------------- Im Vergleich mit der
vorigen Epoche nimmt die griechische wie die lateinische Bildung an
Umfang und an Schulstrenge ebenso zu wie ab an Reinheit und an Feinheit.
Der steigende Drang nach griechischem Wissen gab dem Unterricht von
selbst einen gelehrten Charakter. Horneros oder Euripides zu exponieren
war am Ende keine Kunst; Lehrer und Schueler fanden besser ihre Rechnung
bei den alexandrinischen Poesien, welche ueberdies auch ihrem Geiste
nach der damaligen roemischen Welt weit naeher standen als die echte
griechische Nationalpoesie und die, wenn sie nicht ganz so ehrwuerdig
wie die Ilias waren, doch bereits ein hinreichend achtbares Alter
besassen, um Schulmeistern als Klassiker zu gelten. Euphorions
Liebesgedichte, Kalkmachos' 'Ursachen' und seine 'Ibis', Lykophrons
komisch dunkle 'Alexandra' enthielten in reicher Fuelle seltene Vokabeln
(glossae), die zum Exzerpieren und Interpretieren sich eigneten, muehsam
verschlungene und muehsam aufzuloesende Saetze, weitlaeufige Exkurse
voll Zusammengeheimnissung verlegener Mythen, ueberhaupt Vorrat zu
beschwerlicher Gelehrsamkeit aller Art. Der Unterricht bedurfte immer
schwierigerer Uebungsstuecke; jene Produkte, grossenteils Musterarbeiten
von Schulmeistern, eigneten sich vortrefflich zu Lehrstuecken fuer
Musterschueler. So nahmen die alexandrinischen Poesien in dem italischen
Schulunterricht, namentlich als Probeaufgaben, bleibenden Platz und
foerderten allerdings das Wissen, aber auf Kosten des Geschmacks und
der Gescheitheit. Derselbe ungesunde Bildungshunger draengte ferner die
roemische Jugend, den Hellenismus so viel wie moeglich an der Quelle zu
schoepfen. Die Kurse bei den griechischen Meistern in Rom genuegten
nur noch fuer den ersten Anlauf; wer irgend wollte mitsprechen koennen,
hoerte griechische Philosophie in Athen, griechische Rhetorik in Rhodos
und machte eine literarische und Kunstreise durch Kleinasien, wo noch