geworden; aber dass das Missverhaeltnis zwischen arm und reich sich

wenigstens gleichgeblieben war, dafuer sprechen deutliche Spuren. Die

fortschreitende Verarmung der Menge offenbart sich nur zu grell in dem

Zudrang zu den Getreidespenden und zur Anwerbung unter das Heer;

die entsprechende Steigerung des Reichtums bezeugt ausdruecklich ein

Schriftsteller dieser Generation, indem er, von den Verhaeltnissen der

marianischen Zeit sprechend, ein Vermoegen von 2 Mill. Sesterzen (152

000 Taler) "nach damaligen Verhaeltnissen Reichtum" nennt; und ebendahin

fuehren die Angaben, die wir ueber das Vermoegen einzelner Individuen

finden. Der schwerreiche Lucius Domitius Ahenobarbus verhiess

zwanzigtausend Soldaten jedem vier Jugera Land aus eigenem Besitz;

das Vermoegen des Pompeius belief sich auf 70 Mill. Sesterzen (5300000

Taler), das des Schauspielers Aesopus auf 20 (1520000 Taler); Marcus

Crassus, der reichste der Reichen, besass am Anfang seiner Laufbahn 7

(530000 Taler), am Ausgang derselben nach Verspendung ungeheurer Summen

an das Volk 170 Millionen Sesterzen (13 Mill. Taler). Die Folgen solcher

Armut und solchen Reichtums waren nach beiden Seiten eine aeusserlich

verschiedene, aber wesentlich gleichartige oekonomische und sittliche

Zerruettung. Wenn der gemeine Mann einzig durch die Unterstuetzung aus

Staatsmitteln vor dem Verhungern gerettet ward, so war es die notwendige

Folge dieses Bettlerelends, die freilich wechselwirkend auch wieder

als Ursache auftrat, dass er der Bettlerfaulheit und dem bettlerhaften

Wohlleben sich ergab. Statt zu arbeiten, gaffte der roemische Plebejer

lieber im Theater; die Schenken und Bordelle hatten solchen Zuspruch,

dass die Demagogen ihre Rechnung dabei fanden, vorwiegend die Besitzer

derartiger Etablissements in ihr Interesse zu ziehen. Die Fechterspiele,

die Offenbarung wie die Nahrung der aergsten Demoralisation in der

alten Welt, waren zu solcher Bluete gelangt, dass mit dem Verkauf der

Programme derselben ein eintraegliches Geschaeft gemacht ward, und

nahmen in dieser Zeit die entsetzliche Neuerung auf, dass ueber Leben

und Tod des Besiegten nicht das Duellgesetz oder die Willkuer des

Siegers, sondern die Laune des zuschauenden Publikums entschied und

nach dessen Wink der Sieger den daniederliegenden Besiegten entweder

verschonte oder durchbohrte. Das Handwerk des Fechters war so im

Preise gestiegen oder auch die Freiheit so im Preise gesunken, dass die

Unerschrockenheit und der Wetteifer, die auf den Schlachtfeldern dieser

Zeit vermisst wurden, in den Heeren der Arena allgemein waren und, wo

das Duellgesetz es mit sich brachte, jeder Gladiator lautlos und ohne zu

zucken sich durchbohren liess, ja dass freie Maenner nicht selten sich

den Unternehmern fuer Kost und Lohn als Fechtknechte verkauften. Auch

die Plebejer des fuenften Jahrhunderts hatten gedarbt und gehungert,

aber ihre Freiheit hatten sie nicht verkauft; und noch weniger wuerden

die Rechtweiser jener Zeit sich dazu hergegeben haben, den ebenso

sitten- wie rechtswidrigen Kontrakt eines solchen Fechtknechts, "sich

unweigerlich fesseln, peitschen, brennen oder toeten zu lassen, wenn

die Gesetze der Anstalt dies mit sich bringen wuerden", auf unfeinen

juristischen Schleichwegen als statthaft und klagbar hinzustellen. In

der vornehmen Welt kam nun dergleichen nicht vor; aber im Grunde war sie

kaum anders, am wenigsten besser. Im Nichtstun nahm es der Aristokrat

dreist mit dem Proletarier auf; wenn dieser auf dem Pflaster lungerte,

dehnte jener sich bis in den hellen Tag hinein in den Feldern. Die

Verschwendung regierte hier ebenso mass- wie geschmacklos. Sie warf sich

auf die Politik wie auf das Theater, natuerlich zu beider Verderben: man

kaufte das Konsulamt um unglaublichen Preis - im Sommer 700 (54) ward

allein die erste Stimmabteilung mit 10 Mill. Sesterzen (760000 Talern)

bezahlt - und verdarb durch den tollen Dekorationsluxus dem

Gebildeten alle Freude am Buehnenspiel. Die Mietpreise scheinen in Rom

durchschnittlich vierfach hoeher als in den Landstaedten sich gestellt

zu haben; ein Haus daselbst ward einmal fuer 15 Mill. Sesterzen (1150000

Taler) verkauft. Das Haus des Marcus Lepidus (Konsul 676 78), als Sulla

starb, das schoenste in Rom, war ein Menschenalter spaeter noch nicht

der hundertste in der Rangfolge der roemischen Palaeste. Des mit den

Landhaeusern getriebenen Schwindels ward bereits gedacht; wir finden,

dass fuer ein solches, das hauptsaechlich seines Fischteiches wegen

geschaetzt war, 4 Mill. Sesterzen (300000 Taler) bezahlt wurden; und der

ganz vornehme Mann bedurfte jetzt schon wenigstens zweier Landhaeuser,

eines in den Sabiner- oder Albaner Bergen bei der Hauptstadt und eines

zweiten in der Naehe der kampanischen Baeder, dazu noch womoeglich

eines Gartens unmittelbar vor den Toren Roms. Noch unsinniger als diese

Villen- waren die Grabpalaeste, von denen einzelne noch bis auf den

heutigen Tag es bezeugen, welches himmelhohen Quaderhaufens der reiche

Roemer bedurfte, um standesmaessig gestorben zu sein. Die Pferde- und

Hundeliebhaber fehlten auch nicht; fuer ein Luxuspferd waren 24000

Sesterzen (1830 Taler) ein nicht ungewoehnlicher Preis. Man raffinierte

auf Moebel von feinem Holz - ein Tisch von afrikanischem Zypressenholz

ward mit 1 Mill. Sesterzen (67000 Taler) bezahlt; auf Gewaender von

Purpurstoffen oder durchsichtiger Gaze und daneben auch auf die zierlich

vor dem Spiegel zurechtgelegten Falten - der Redner Hortensius soll

einen Kollegen wegen Injurien belangt haben, weil er ihm im Gedraenge

den Rock zerknittert; auf Edelsteine und Perlen, die zuerst in dieser

Zeit an die Stelle des alten, unendlich schoeneren und kunstvolleren

Goldschmucks traten: es war schon vollkommenes Barbarentum, wenn bei

Pompeius' Triumph ueber Mithradates das Bild des Siegers ganz von

Perlen gearbeitet erschien und wenn man im Speisesaal die Sofas und

die Etageren mit Silber beschlagen, ja das Kuechengeschirr von Silber

fertigen liess. Gleicher Art ist es, wenn die Sammler dieser Zeit aus

den alten Silberbechern die kunstvollen Medaillons herausbrachen um sie

in goldene Gefaesse wiedereinzusetzen. Auch der Reiseluxus ward nicht

vermisst. "Wenn der Statthalter reiste", erzaehlt Cicero von einem der

sizilischen, "was natuerlich im Winter nicht geschah, sondern erst

mit Fruehlingsanfang, nicht dem des Kalenders, sondern dem Anfang der

Rosenzeit, so liess er, wie es bei den Koenigen von Bithynien Brauch

war, sich auf einer Achttraegersaenfte befoerdern, sitzend auf Kissen

von maltesischer Gaze und mit Rosenblaettern gestopft, einen Kranz auf

dem Kopf, einen zweiten um den Hals geschlungen, ein feines, leinenes,

kleingetuepfeltes, mit Rosen angefuelltes Riechsaeckchen an die Nase

haltend; und so liess er bis vor sein Schlafzimmer sich tragen." Aber

keine Gattung des Luxus bluehte so wie die roheste von allen, der Luxus

der Tafel. Die ganze Villeneinrichtung und das ganze Villenleben lief

schliesslich hinaus auf das Dinieren; man hatte nicht bloss verschiedene

Tafelzimmer fuer Winter und Sommer, sondern auch in der Bildergalerie,

in der Obstkammer, im Vogelhaus wurde serviert oder auf einer im

Wildpark aufgeschlagenen Estrade, um welche dann, wenn der bestellte

"Orpheus" im Theaterkostuem erschien und Tusch blies, die dazu

abgerichteten Rehe und Wildschweine sich draengten. So ward fuer

Dekoration gesorgt, aber die Realitaet darueber durchaus nicht

vergessen. Nicht bloss der Koch war ein graduierter Gastronom, sondern

oft machte der Herr selbst den Lehrmeister seiner Koeche. Laengst war

der Braten durch Seefische und Austern in den Schatten gestellt; jetzt

waren die italischen Flussfische voellig von der guten Tafel verbannt

und galten die italischen Delikatessen und die italischen Weine fast

fuer gemein. Es wurden jetzt schon bei Volksfesten ausser dem italischen

Falerner drei Sorten auslaendischen Weines - Sizilianer, Lesbier,

Chier - verteilt, waehrend ein Menschenalter zuvor es auch bei grossen

Schmaeusen genuegt hatte, einmal griechischen Wein herumzugeben; in dem

Keller des Redners Hortensius fand sich ein Lager von 10000 Kruegen

(zu 33 Berliner Quart) fremden Weines. Es war kein Wunder, dass die

italischen Weinbauer anfingen, ueber die Konkurrenz der griechischen

Inselweine zu klagen. Kein Naturforscher kann eifriger die Laender

und Meere nach neuen Tieren und Pflanzen durchsuchen, als es von den

Esskuenstlern jener Zeit wegen neuer Kuechenelegantien geschah ^22. Wenn

dann der Gast, um den Folgen der ihm vorgesetzten Mannigfaltigkeiten zu

entgehen, nach der Mahlzeit ein Vomitiv nahm, so fiel dies niemand mehr

auf. Die Debauche aller Art ward so systematisch und so schwerfaellig,

dass sie ihre Professoren fand, die davon lebten, vornehmen Juenglingen

theoretisch und praktisch als Lastermeister zu dienen. Es wird nicht

noetig sein, bei diesem wuesten Gemaelde eintoenigster Mannigfaltigkeit

noch laenger zu verweilen; um so weniger, als ja auch auf diesem

Gebiet die Roemer nichts weniger als originell waren und sich darauf

beschraenkten, von dem hellenisch-orientalischen Luxus eine noch mass-

und noch geistlosere Kopie zu liefern. Natuerlich verschlingt Plutos

seine Kinder so gut wie Kronos; die Konkurrenz um alle jene meist

nichtigen Gegenstaende vornehmer Begehrlichkeit trieb die Preise so

in die Hoehe, dass den mit dem Strome Schwimmenden in kurzer Zeit das

kolossalste Vermoegen zerrann und auch diejenigen, die nur Ehren halber

das Notwendigste mitmachten, den ererbten und festgegruendeten Wohlstand

rasch sich unterhoehlen sahen. Die Bewerbung um das Konsulat zum

Beispiel war die gewoehnliche Landstrasse zum Ruin angesehener Haeuser;

und fast dasselbe gilt von den Spielen, den grossen Bauten und all jenen

andern, zwar lustigen, aber teuren Metiers. Der fuerstliche Reichtum

jener Zeit wird nur von der noch fuerstlicheren Verschuldung ueberboten:

Caesar schuldete um 692 (62) nach Abzug seiner Aktiva 25 Mill. Sesterzen

(1900000 Taler), Marcus Antonius als Vierundzwanzigjaehriger 6 Mill.

Sesterzen (460000 Taler), vierzehn Jahre spaeter 40 (3 Mill. Taler),

Curio 60 (4« Mill. Taler), Milo 70 Mill. (5« Mill. Taler). Wie

durchgaengig jenes verschwenderische Leben und Treiben der vornehmen

roemischen Welt auf Kredit beruhte, davon zeugt die Tatsache, dass durch

die Anleihen der verschiedenen Konkurrenten um das Konsulat einmal in

Rom der Monatzins ploetzlich von vier auf acht vom Hundert aufschlug.

Die Insolvenz, statt rechtzeitig den Konkurs oder doch die Liquidation

herbeizufuehren und damit wenigstens wieder ein klares Verhaeltnis

herzustellen, ward in der Regel von dem Schuldner, solange es irgend

ging, verschleppt; statt seine Habe, namentlich seine Grundstuecke

zu verkaufen, fuhr er fort, zu borgen und den Scheinreichen weiter zu

spielen, bis denn der Krach nur um so aerger kam und Konkurse ausbrachen

wie zum Beispiel der des Milo, bei dem die Glaeubiger etwas ueber vier

vom Hundert der liquidierten Summen erhielten. Es gewann bei diesem

rasend schnellen Umschlagen vom Reichtum zum Bankrott und diesem

systematischen Schwindel natuerlich niemand als der kuehle Bankier,

der es verstand, Kredit zu geben und zu verweigern. So kamen denn die

Kreditverhaeltnisse fast auf demselben Punkte wieder an, wo sie in

den schlimmsten Zeiten der sozialen Krise des fuenften Jahrhunderts

gestanden hatten: die nominellen Grundeigentuemer waren gleichsam die

Bittbesitzer ihrer Glaeubiger, die Schuldner entweder ihren Glaeubigern

knechtisch untertan, so dass die geringeren von ihnen, gleich den

Freigelassenen, in dem Gefolge derselben erschienen, die vornehmeren

selbst im Senat nach dem Wink ihres Schuldherrn sprachen und stimmten,

oder auch im Begriff, dem Eigentum selbst den Krieg zu erklaeren und

ihre Glaeubiger entweder durch Drohungen zu terrorisieren oder gar

sich ihrer durch Komplott und Buergerkrieg zu entledigen. Auf diesen

Verhaeltnissen ruhte die Macht des Crassus; aus ihnen entsprangen die

Auflaeufe, deren Signal das "freie Folium" war, des Cinna und bestimmter

noch des Catilina, des Caelius, des Dolabella, vollkommen gleichartig

jenen Schlachten der Besitzenden und Nichtbesitzenden, die ein

Jahrhundert zuvor die hellenische Welt bewegten. Dass bei so

unterhoehlten oekonomischen Zustaenden jede finanzielle oder politische

Krise die entsetzlichste Verwirrung hervorrief, lag in der Natur

der Dinge: es bedarf kaum gesagt zu werden, dass die gewoehnlichen

Erscheinungen: das Verschwinden des Kapitals, die ploetzliche Entwertung

der Grundstuecke, zahllose Bankrotte und eine fast allgemeine Insolvenz,

ebenwie waehrend des Bundesgenoessischen und Mithradatischen, so

auch jetzt waehrend des Buergerkrieges sich einstellten.

--------------------------------------------------- ^22 Wir haben noch

(Macr. Sat. 3, 13) den Speisezettel derjenigen Mahlzeit, welche Lucius

Lentulus Niger vor 691 (63) bei Antritt seines Pontifikats gab und an

der die Pontifices - darunter Caesar -, die Vestalischen Jungfrauen und

einige andere Priester und nah verwandte Damen Anteil nahmen. Vor der

Mahlzeit kamen Meerigel; frische Austern soviel die Gaeste wollten;

Gienmuscheln; Lazarusklappen; Krammetsvoegel mit Spargeln; gemaestetes

Huhn; Auster- und Muschelpastete; schwarze und weisse Meereicheln;

noch einmal Lazarusklappen; Glykymarismuscheln; Nesselmuscheln;

Feigenschnepfen; Rehrippen; Schweinsrippen; Gefluegel in Mehl gebacken;

Feigenschnepfen; Purpurmuscheln, zwei Sorten. Die Mahlzeit selbst

bestand aus Schweinsbrust, Schweinskopf; Fischpastete; Schweinspastete;

Enten; Kriechenten gekocht; Hasen; gebratenem Gefluegel;

Kraftmehlbackwerk; pontischem Backwerk. Das sind die Kollegienschmaeuse,

von denen Varro (rust. 3, 2, 16) sagt, dass sie die Preise aller

Delikatessen in die Hoehe trieben. Derselbe zaehlt in einer seiner

Satiren als die namhaftesten auslaendischen Delikatessen folgende

auf: Pfauen von Samos; Haselhuehner aus Phrygien; Kraniche von Melos;

Zicklein von Ambrakia; Thunfische von Kalchedon; Muraenen aus der

Gaditanischen Meerenge; Edelfische (?) von Pessinus. Austern und

Muscheln von Tarent; Stoere (?) von Rhodos; Scarusfische (?) von

Kilikien; Nuesse von Thasos; Datteln aus Aegypten; spanische Eicheln.

--------------------------------------------------- Dass Sittlichkeit

und Familienleben unter solchen Verhaeltnissen in allen Schichten der

Gesellschaft zur Antiquitaet wurden, versteht sich von selbst. Es war

nicht mehr der aergste Schimpf und das schlimmste Verbrechen, arm zu

sein, sondern das einzige: um Geld verkaufte der Staatsmann den Staat,

der Buerger seine Freiheit; um Geld war die Offizierstelle wie die Kugel

des Geschworenen feil; um Geld gab die vornehme Dame so gut sich preis

wie die gemeine Dirne; Urkundenfaelschung und Meineide waren so

gemein geworden, dass bei einem Volkspoeten dieser Zeit der Eid "das

Schuldenpflaster" heisst. Man hatte vergessen, was Ehrlichkeit war; wer

eine Bestechung zurueckwies, galt nicht fuer einen rechtschaffenen Mann,

sondern fuer einen persoenlichen Feind. Die Kriminalstatistik aller

Zeiten und Laender wird schwerlich ein Seitenstueck bieten zu

einem Schaudergemaelde so mannigfaltiger, so entsetzlicher und so

widernatuerlicher Verbrechen, wie es der Prozess des Aulus Cluentius in

dem Schoss einer der angesehensten Familien einer italischen Ackerstadt

vor uns aufrollt. Wie aber im tiefen Grunde des Volkslebens der Schlamm

immer giftiger und immer bodenloser sich sammelte, so legte sich um so

viel glatter und gleissender ueber die Oberflaeche der Firnis feiner

Sitten und allgemeiner Freundschaft. Alle Welt besuchte sich einander,

so dass in den vornehmen Haeusern es schon noetig wird, die jeden Morgen

zum Lever sich einstellenden Personen in einer gewissen, von dem Herrn

oder gelegentlich auch dem Kammerdiener festgesetzten Reihenfolge

vorzulassen, auch nur den namhafteren einzeln Audienz zu geben,

die uebrigen aber teils in Gruppen, teils schliesslich in Masse

abzufertigen, mit welcher Scheidung Gaius Gracchus, auch hierin der

Pfadfinder der neuen Monarchie, vorangegangen sein soll. Eine

ebenso grosse Ausdehnung wie die Hoeflichkeitsbesuche hat auch der

Hoeflichkeitsbriefwechsel gewonnen; zwischen Personen, die weder ein

persoenliches Verhaeltnis noch Geschaefte miteinander haben, fliegen

dennoch die "freundschaftlichen" Briefe ueber Land und Meer, und

umgekehrt kommen eigentliche und foermliche Geschaeftsbriefe fast nur

da noch vor, wo das Schreiben an eine Korporation gerichtet ist. In

der gleichen Weise werden die Einladungen zur Tafel, die ueblichen

Neujahrsgeschenke, die haeuslichen Feste ihrem Wesen entfremdet und fast

in oeffentliche Festlichkeiten verwandelt; ja, der Tod selbst befreit

nicht von diesen Ruecksichten auf die unzaehligen "Naechsten", sondern,

um anstaendig gestorben zu sein, muss der Roemer jeden derselben

wenigstens mit einem Andenken bedacht haben. Ebenwie in gewissen

Kreisen unserer Boersenwelt war der eigentliche innige haeusliche und

hausfreundliche Zusammenhang dem damaligen Rom so vollstaendig abhanden

gekommen, dass mit den inhaltlos gewordenen Formen und Floskeln

desselben der gesamte Geschaefts- und Bekanntenverkehr sich staffieren

und dann allmaehlich an die Stelle der wirklichen jenes Gespenst der

"Freundschaft" treten konnte, welches unter den mancherlei ueber den

Aechtungen und Buergerkriegen dieser Zeit schwebenden Hoellengeistern

nicht den letzten Platz einnimmt. Ein ebenso charakteristischer Zug

in dem schimmernden Verfall dieser Zeit ist die Emanzipation der

Frauenwelt. oekonomisch hatten die Frauen laengst sich selbstaendig

gemacht; in der gegenwaertigen Epoche begegnen schon eigene

Frauenanwaelte, die einzelnstehenden reichen Damen bei ihrer

Vermoegensverwaltung und ihren Prozessen dienstbeflissen zur Hand

gehen, durch Geschaefts- und Rechtskenntnis ihnen imponieren und damit

reichlichere Trinkgelder und Erbschaftsquoten herausschlagen als

andere Pflastertreter der Boerse. Aber nicht bloss der oekonomischen

Vormundschaft des Vaters oder des Mannes fuehlten die Frauen sich

entbunden. Liebeshaendel aller Art waren bestaendig auf dem Tapet.

Ballettaenzerinnen (mimae) nahmen an Mannigfaltigkeit und Virtuositaet

ihrer Industrien mit den heutigen es vollkommen auf; ihre Primadonnen,

die Cytheris und wie sie weiter heissen, beschmutzen selbst die Blaetter

der Geschichte. Indes ihrem gleichsam konzessionierten Gewerbe tat sehr

wesentlichen Abbruch die freie Kunst der Damen der aristokratischen

Kreise. Liaisons in den ersten Haeusern waren so haeufig geworden,

dass nur ein ganz ausnehmendes Aergernis sie zum Gegenstand besonderen

Klatsches machen konnte; ein gerichtliches Einschreiten nun gar schien

beinahe laecherlich. Ein Skandal ohnegleichen, wie ihn Publius Clodius

693 (61) bei dem Weiberfest im Hause des Oberpontifex auffuehrte, obwohl

tausendmal aerger als die Vorfaelle, die noch fuenfzig Jahre zuvor

zu einer Reihe von Todesurteilen gefuehrt hatten, ging fast ohne

Untersuchung und ganz ohne Strafe hin. Die Badesaison - im April, wo

die Staatsgeschaefte ruhten und die vornehme Welt in Baiae und Puteoli

zusammenstroemte - zog ihren Hauptreiz mit aus den erlaubten und

unerlaubten Verhaeltnissen, die neben Musik und Gesang und eleganten

Fruehstuecken im Nachen oder am Ufer die Gondelfahrten belebten. Hier

herrschten die Damen unumschraenkt; indes begnuegten sie sich keineswegs

mit dieser ihnen von Rechts wegen zustehenden Domaene, sondern

sie machten auch Politik, erschienen in Parteizusammenkuenften und

beteiligten sich mit ihrem Geld und ihren Intrigen an dem wuesten

Koterietreiben der Zeit. Wer diese Staatsmaenninnen auf der Buehne

Scipios und Catos agieren sah und daneben den jungen Elegant, wie er

mit glattem Kinn, feiner Stimme und trippelndem Gang, mit Kopf- und

Busentuechern, Manschettenhemden und Frauensandalen das lockere Dirnchen

kopierte, dem mochte wohl grauen vor der unnatuerlichen Welt, in der

die Geschlechter die Rollen schienen wechseln zu wollen. Wie man in

den Kreisen dieser Aristokratie ueber Ehescheidung dachte, laesst das

Verfahren ihres besten und sittlichsten Mannes Marcus Cato erkennen,

der auf Bitten eines heiratslustigen Freundes von seiner Frau sich

zu scheiden, keinen Anstand nahm und ebensowenig daran, nach dem Tode

dieses Freundes dieselbe Frau zum zweitenmal zu heiraten. Ehe- und

Kinderlosigkeit griffen vornehmlich in den hoeheren Staenden immer

weiter um sich. Wenn unter diesen die Ehe laengst als eine Last galt,

die man hoechstens im oeffentlichen Interesse ueber sich nahm, so

begegnen wir jetzt schon auch bei Cato und Catos Gesinnungsgenossen der

Maxime, aus der ein Jahrhundert zuvor Polybios den Verfall von

Hellas ableitete: dass es Buergerpflicht sei, die grossen Vermoegen

zusammenzuhalten und darum nicht zu viel Kinder zu zeugen. Wo waren die

Zeiten, als die Benennung "Kinderzeuger" (proletarius) fuer den Roemer

ein Ehrenname gewesen war! Infolge dieser sozialen Zustaende schwand der

latinische Stamm in Italien in erschreckender Weise zusammen und

legte sich ueber die schoenen Landschaften teils die parasitische

Einwanderung, teils die reine Oede. Ein ansehnlicher Teil der

Bevoelkerung Italiens stroemte in das Ausland. Schon die Summe von

Kapazitaeten und Arbeitskraeften, welche die Lieferung von italischen

Beamten und italischen Besatzungen fuer das gesamte Mittelmeergebiet in

Anspruch nahm, ueberstieg die Kraefte der Halbinsel, zumal da die also

in die Fremde gesandten Elemente zum grossen Teil der Nation fuer immer

verloren gingen. Denn je mehr die roemische Gemeinde zu einem viele

Nationen umfassenden Reiche erwuchs, desto mehr entwoehnte sich die

regierende Aristokratie, Italien als ihre ausschliessliche Heimat zu

betrachten; von der zum Dienst ausgehobenen oder angeworbenen Mannschaft

aber ging ein ansehnlicher Teil in den vielen Kriegen, namentlich in dem

blutigen Buergerkriege zugrunde, und ein anderer ward durch die lange,

zuweilen auf ein Menschenalter sich erstreckende Dienstzeit der Heimat

voellig entfremdet. In gleicher Weise wie der oeffentliche Dienst

hielt die Spekulation einen Teil der Grundbesitzer- und fast die ganze

Kaufmannschaft wenn nicht auf zeitlebens, doch auf lange Zeit

ausser Landes fest und entwoehnte namentlich die letztere in dem

demoralisierenden Handelsreiseleben ueberhaupt der buergerlichen

Existenz im Mutterlande und der vielfach bedingten innerhalb der

Familie. Als Ersatz dafuer erhielt Italien teils das Sklaven- und

Freigelassenenproletariat, teils die aus Kleinasien, Syrien und

Aegypten einstroemenden Handwerker und Haendler, die vornehmlich in der

Hauptstadt und mehr noch in den Hafenstaedten Ostia, Puteoli, Brundisium

wucherten. Aber in dem groessten und wichtigsten Teil Italiens trat

nicht einmal ein solcher Ersatz der reinen Elemente durch unreine ein,

sondern schwand die Bevoelkerung sichtlich hin. Vor allem galt dies von

den Weidelandschaften, wie denn das gelobte Land der Viehzucht, Apulien,

von Gleichzeitigen der menschenleerste Teil Italiens genannt wird, und

von der Umgegend Roms, wo die Campagna unter der steten Wechselwirkung

des zurueckgehenden Ackerbaues und der zunehmenden boesen Luft

jaehrlich mehr veroedete. Labici, Gabii, Bovillae, einst freundliche

Landstaedtchen, waren so verfallen, dass es schwer hielt, Vertreter

derselben fuer die Zeremonie des Latinerfestes aufzutreiben. Tusculum,

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 56 / 68 段