Abweichung von der bisherigen Ordnung, die dem Freigelassenen jedes
staedtische Ehrenamt verschloss, Caesar ihnen in seinen Kolonien die
Tuere des Rathauses eroeffnete, geschah ohne Zweifel, um die besser
gestellten von ihnen fuer die Auswanderung zu gewinnen. Diese
Auswanderung muss aber auch mehr gewesen sein als eine bloss
voruebergehende Veranstaltung; Caesar, ueberzeugt wie jeder andere
verstaendige Mann, dass die einzige wahrhafte Hilfe gegen das Elend des
Proletariats in einem wohlregulierten Kolonisierungssystem besteht, und
durch die Beschaffenheit des Reiches in den Stand gesetzt, dasselbe in
fast ungemessener Ausdehnung zu verwirklichen, wird die Absicht
gehabt haben, hiermit dauernd fortzufahren und dem stets wieder sich
erzeugenden Uebel einen bleibenden Abzug zu eroeffnen. Massregeln
wurden ferner ergriffen, um den argen Preisschwankungen der wichtigsten
Nahrungsmittel auf den hauptstaedtischen Maerkten Grenzen zu setzen. Die
neu geordneten und liberal verwalteten Staatsfinanzen lieferten
hierzu die Mittel und zwei neu ernannte Beamte, die Getreideaedilen,
uebernahmen die spezielle Beaufsichtigung der Lieferanten und des
Marktes der Hauptstadt. Dem Klubwesen wurde wirksamer, als es durch
Prohibitivgesetze moeglich war, gesteuert durch die veraenderte
Verfassung, indem mit der Republik und den republikanischen Wahlen
und Gerichten die Bestechung und Vergewaltigung der Wahl- und
Richterkollegien, ueberhaupt die politischen Saturnalien der Kanaille
von selbst ein Ende hatten. Ausserdem wurden die durch das Clodische
Gesetz ins Leben getretenen Verbindungen aufgeloest und das ganze
Assoziationswesen unter die Oberaufsicht der Regierungsbehoerden
gestellt. Mit Ausnahme der althergebrachten Zuenfte und
Vergesellschaftungen, der religioesen Vereinigungen der Juden und
anderer besonders ausgenommener Kategorien, wofuer die einfache Anzeige
an den Senat genuegt zu haben scheint, wurde die Erlaubnis, eine
bleibende Gesellschaft mit festen Versammlungsfristen und stehenden
Einschuessen zu konstituieren, an eine vom Senat und regelmaessig
wohl erst nach eingeholter Willensmeinung des Monarchen zu erteilende
Konzession geknuepft. Dazu kam eine strengere Kriminalrechtspflege
und eine energische Polizei. Die Gesetze, namentlich hinsichtlich
des Verbrechens der Vergewaltigung, wurden verschaerft und die
unvernuenftige Bestimmung des republikanischen Rechts, dass der
ueberwiesene Verbrecher befugt sei, durch Selbstverbannung einem Teil
der verwirkten Strafe sich zu entziehen, wie billig beseitigt. Das
detaillierte Regulativ, das Caesar ueber die hauptstaedtische Polizei
erliess, ist grossenteils noch erhalten und es kann, wer da will, sich
ueberzeugen, dass der Imperator es nicht verschmaehte, die Hausbesitzer
zur Instandsetzung der Strassen und zur Pflasterung der Trottoirs in
ihrer ganzen Breite mit behauenen Steinen anzuhalten und geeignete
Bestimmungen ueber das Tragen der Saenften und das Fahren der Wagen zu
erlassen, die bei der Beschaffenheit der Strassen nur zur Abend- und
Nachtzeit in der Hauptstadt frei zirkulieren durften. Die Oberaufsicht
ueber die Lokalpolizei blieb wie bisher hauptsaechlich den vier Aedilen,
welche, wenn nicht schon frueher, wenigstens jetzt angewiesen wurden,
jeder einen bestimmt abgegrenzten Polizeidistrikt innerhalb der
Hauptstadt zu ueberwachen. Endlich das hauptstaedtische Bauwesen und
die damit zusammenhaengende Fuersorge fuer die gemeinnuetzigen Anstalten
ueberhaupt nahm durch Caesar, der die Baulust des Roemers und des
Organisators in sich vereinigte, ploetzlich einen Aufschwung, der nicht
bloss die Misswirtschaft der letzten anarchischen Zeiten beschaemte,
sondern auch alles, was die roemische Aristokratie in ihrer besten
Zeit geleistet hatte, so weit hinter sich liess wie Caesars Genie das
redliche Bemuehen der Marcier und der Aemilier. Es war nicht bloss die
Ausdehnung der Bauten an sich und die Groesse der darauf verwandten
Summen, durch die Caesar seine Vorgaenger uebertraf, sondern der echt
staatsmaennische und gemeinnuetzige Sinn, der das, was Caesar fuer
die oeffentlichen Anstalten Roms tat, vor allen aehnlichen Leistungen
auszeichnet. Er baute nicht, wie seine Nachfolger, Tempel und sonstige
Prachtgebaeude, sondern er entlastete den Markt von Rom, auf dem sich
immer noch die Buergerversammlungen, die Hauptgerichtsstaetten, die
Boerse und der taegliche Geschaeftsverkehr wie der taegliche Muessiggang
zusammendraengten, wenigstens von den Versammlungen und den Gerichten,
indem er fuer jene eine neue Dingstaette, die Saepta Iulia auf dem
Marsfeld, fuer diese einen besonderen Gerichtsmarkt, das Forum Iulium
zwischen Kapitol und Palatin, anlegen liess. Verwandten Geistes ist die
von ihm herruehrende Einrichtung, dass den hauptstaedtischen Baedern
jaehrlich 3 Millionen Pfund Oel, groesstenteils aus Afrika, geliefert
und diese dadurch in den Stand gesetzt wurden, den Badenden das zum
Salben des Koerpers erforderliche Oel unentgeltlich zu verabfolgen
- eine nach der alten wesentlich auf Baden und Salben gegruendeten
Diaetetik hoechst zweckmaessige Massregel der Reinlichkeits- und
Gesundheitspolizei. Indes diese grossartigen Einrichtungen waren nur die
ersten Anfaenge einer vollstaendigen Umwandlung Roms. Bereits waren
die Entwuerfe gemacht zu einem neuen Rathaus, einem neuen prachtvollen
Basar, einem mit dem Pompeischen wetteifernden Theater, einer
oeffentlichen lateinischen und griechischen Bibliothek nach dem Muster
der kuerzlich zugrunde gegangenen von Alexandreia - die erste Anstalt
derart in Rom -, endlich zu einem Tempel des Mars, der an Reichtum und
Herrlichkeit alles bisher Dagewesene ueberboten haben wuerde. Genialer
noch war der Gedanke, einmal durch die Pomptinischen Suempfe einen Kanal
zu legen und deren Wasser nach Tarracina abzuleiten, sodann den unteren
Lauf des Tiberstroms zu aendern und ihn von dem heutigen Ponte Molle an,
statt zwischen dem Vaticanischen und dem Marsfelde hindurch, vielmehr um
das Vaticanische Feld und das Ianiculum herum nach Ostia zu fuehren,
wo die schlechte Reede einem vollgenuegenden Kunsthafen Platz machen
sollte. Durch diesen Riesenplan wurde einerseits der gefaehrlichste
Feind der Hauptstadt, die boese Luft der Nachbarschaft, gebannt,
andrerseits auf einen Schlag die aeusserst beschraenkte Baugelegenheit
in der Hauptstadt in der Art erweitert, dass das damit auf das linke
Tiberufer verlegte Vaticanische Feld an die Stelle des Marsfeldes treten
und das geraeumige Marsfeld fuer oeffentliche und Privatbauten verwendet
werden konnte, waehrend sie zugleich den so schmerzlich vermissten
sicheren Seehafen erhielt. Es schien, als wolle der Imperator Berge und
Fluesse versetzen und mit der Natur selber den Wettlauf wagen. Indessen
so sehr auch durch die neue Ordnung die Stadt Rom an Bequemlichkeit
und Herrlichkeit gewann, ihre politische Suprematie ging ihr, wie schon
gesagt ward, durch ebendieselbe unwiderbringlich verloren. Dass der
roemische Staat mit der Stadt Rom zusammenfalle, war zwar im Laufe der
Zeit immer unnatuerlicher und verkehrter geworden; aber der Satz war
doch so innig mit dem Wesen der roemischen Republik verwachsen, dass er
nicht vor dieser selbst zugrunde gehen konnte. Erst in dem neuen
Staate Caesars ward er, etwa mit Ausnahme einiger legaler Fiktionen,
vollstaendig beseitigt und das hauptstaedtische Gemeinwesen rechtlich
auf eine Linie mit allen uebrigen Munizipalitaeten gestellt; wie denn
Caesar, hier wie ueberall bemueht, nicht bloss die Sache zu ordnen,
sondern auch sie offiziell bei dem rechten Namen zu nennen, seine
italische Gemeindeordnung, ohne Zweifel absichtlich, zugleich fuer
die Hauptstadt und fuer die uebrigen Stadtgemeinden erliess. Man kann
hinzufuegen, dass Rom, eben weil es eines lebendigen Kommunalwesens als
Hauptstadt nicht faehig war, hinter den uebrigen Munizipalitaeten der
Kaiserzeit sogar wesentlich zurueckstand. Das republikanische Rom war
eine Raeuberhoehle, aber zugleich der Staat; das Rom der Monarchie,
obwohl es mit allen Herrlichkeiten dreier Weltteile sich zu schmuecken
und in Gold und Marmor zu schimmern begann, war doch nichts im Staate
als das Koenigsschloss in Verbindung mit dem Armenhaus, das heisst ein
notwendiges uebel. ------------------------------------------- ^20
Es ist nicht ohne Interesse, dass ein spaeterer, aber einsichtiger
politischer Schriftsteller, der Verfasser der unter Sallustius' Namen an
Caesar gerichteten Briefe, diesem den Rat erteilt, die hauptstaedtische
Getreideverteilung in die einzelnen Munizipien zu verlegen. Die
Kritik hat ihren guten Sinn; wie denn bei der grossartigen munizipalen
Waisenversorgung unter Traian offenbar aehnliche Gedanken gewaltet
haben. ------------------------------------------- Wenn es in der
Hauptstadt sich nur darum handelte, durch polizeiliche Ordnungen im
groessten Massstab handgreifliche Uebelstaende hinwegzuraeumen, so war
es dagegen eine bei weitem schwierigere Aufgabe, der tief zerruetteten
italischen Volkswirtschaft aufzuhelfen. Die Grundleiden waren die
bereits frueher ausfuehrlich hervorgehobenen, das Zusammenschwinden
der ackerbauenden und die unnatuerliche Vermehrung der kaufmaennischen
Bevoelkerung, woran ein unabsehbares Gefolge anderer Uebelstaende sich
anschloss. Wie es mit der italischen Bodenwirtschaft stand, wird
dem Leser unvergessen sein. Trotz der ernstlichsten Versuche, der
Vernichtung des kleinen Grundbesitzes zu steuern, war doch in dieser
Epoche kaum mehr in einer Landschaft des eigentlichen Italien, etwa mit
Ausnahme der Apenninen- und Abruzzentaeler, die Bauernwirtschaft die
vorwiegende Wirtschaftsweise. Was die Gutswirtschaft anlangt, so ist
zwischen der frueher dargestellten Catonischen und derjenigen, die uns
Varro schildert, kein wesentlicher Unterschied wahrzunehmen, nur
dass die letztere im Guten wie im Schlimmen von dem gesteigerten
grossstaedtischen Leben in Rom die Spuren zeigt. "Sonst", sagt Varro,
"war die Scheune auf dem Gut groesser als das Herrenhaus; jetzt
pflegt es umgekehrt zu sein." In der tusculanischen und tiburtinischen
Feldmark, an den Gestaden von Tarracina und Baiae erhoben sich da, wo
die alten latinischen und italischen Bauernschaften gesaet und geerntet
hatten, jetzt in unfruchtbarem Glanz die Landhaeuser der roemischen
Grossen, von denen manches mit den dazu gehoerigen Gartenanlagen und
Wasserleitungen, den Suess- und Salzwasserreservoirs zur Aufbewahrung
und Zuechtung von Fluss- und Seefischen, den Schnecken- und
Siebenschlaeferzuechtungen, den Wildschonungen zur Hegung von Hasen,
Kaninchen, Hirschen, Rehen und Wildschweinen und den Vogelhaeusern,
in denen selbst Kraniche und Pfauen gehalten wurden, den Raum einer
maessigen Stadt bedeckte. Aber der grossstaedtische Luxus macht
auch manche fleissige Hand reich und ernaehrt mehr Arme als die
almosenspendende Menschenliebe. Jene Vogelhaeuser und Fischteiche der
vornehmen Herren waren natuerlich in der Regel eine sehr kostspielige
Liebhaberei. Allein extensiv und intensiv hatte diese Wirtschaft sich
so hoch entwickelt, dass zum Beispiel der Bestand eines Taubenhauses bis
auf 100000 Sesterzen (7600 Taler) geschaetzt ward; dass eine rationelle
Maestungswirtschaft entstanden war und der in den Vogelhaeusern
gewonnene Duenger landwirtschaftlich in Betracht kam; dass ein einziger
Vogelhaendler auf einmal 5000 Krammetsvoegel - denn auch diese wusste
man zu hegen - das Stueck zu 3 Denaren (21 Groschen), ein einziger
Fischteichbesitzer 2000 Muraenen zu liefern imstande war und aus den
von Lucius Lucullus hinterlassenen Fischen 40000 Sesterzen (3050 Taler)
geloest wurden. Begreiflicherweise konnte unter solchen Umstaenden,
wer diese Wirtschaft geschaeftlich und intelligent betrieb, mit
verhaeltnismaessig geringem Anlagekapital sehr hohen Gewinn erzielen.
Ein kleiner Bienenzuechter dieser Zeit verkaufte von seinem nicht
mehr als einen Morgen grossen, in der Naehe von Falerii gelegenen
Thymiangaertchen Jahr aus Jahr ein an Honig fuer mindestens 10000
Sesterzen (760 Taler). Der Wetteifer der Obstzuechter ging so weit, dass
in eleganten Landhaeusern die marmorgetaefelte Obstkammer nicht selten
zugleich als Tafelzimmer eingerichtet, auch wohl gekauftes Prachtobst
dort zur Schau als eigenes Gewaechs gestellt ward. In dieser Zeit
wurden auch zuerst die kleinasiatische Kirsche und andere auslaendische
Fruchtbaeume in den italischen Gaerten angepflanzt. Die Gemuesegaerten,
die Rosen- und Veilchenbeete in Latium und Kampanien warfen reichen
Ertrag ab und der "Naschmarkt" (forum cupedinis) neben der Heiligen
Strasse, wo Fruechte, Honig und Kraenze feilgeboten zu werden pflegten,
spielte eine wichtige Rolle im hauptstaedtischen Leben. Ueberhaupt stand
die Gutswirtschaft, Plantagenwirtschaft wie sie war, oekonomisch auf
einer schwer zu uebertreffenden Hoehe der Entwicklung. Das Tal von
Rieti, die Umgegend des Fuciner Sees, die Landschaften am Liris und
Volturnus, ja Mittelitalien ueberhaupt, waren landwirtschaftlich in dem
bluehendsten Zustand; selbst gewisse Industrien, die geeignet waren,
sich an den Betrieb des Guts mittels Sklaven anzuschliessen, wurden von
den intelligenten Landwirten mit aufgenommen und, wo die Verhaeltnisse
guenstig waren, Wirtshaeuser, Webereien und besonders Ziegeleien auf dem
Gute angelegt. Die italischen Produzenten, namentlich von Wein und Oel,
versorgten nicht bloss die italischen Maerkte, sondern machten auch
in beiden Artikeln ansehnliche ueberseeische Ausfuhrgeschaefte. Eine
schlichte fachwissenschaftliche Schrift dieser Zeit vergleicht
Italien einem grossen Fruchtgarten; und die Schilderungen, die ein
gleichzeitiger Dichter von seinem schoenen Heimatland entwirft, wo die
wohlbewaesserte Wiese, das ueppige Kornfeld, der lustige Rebenhuegel
von der dunklen Zeile der Oelbaeume umsaeumt wird, wo der Schmuck des
Landes, lachend in mannigfaltiger Anmut, die holdesten Gaerten in seinem
Schosse hegt und selber von nahrunggebenden Baeumen umkraenzt wird diese
Schilderungen, offenbar treue Gemaelde der dem Dichter taeglich vor
Augen stehenden Landschaft, versetzen uns in die bluehendsten Striche
von Toscana und Terra di lavoro. Die Weidewirtschaft freilich, die aus
den frueher entwickelten Ursachen besonders im Sueden und Suedosten
Italiens immer weiter vordrang, war in jeder Beziehung ein Rueckschritt;
allein auch sie nahm doch bis zu einem gewissen Grade teil an der
allgemeinen Steigerung des Betriebes, wie denn fuer die Verbesserung der
Rassen vieles geschah und zum Beispiel Zuchtesel mit 60000 (4600 Taler),
100000 (7570 Taler), ja 400000 Sesterzen (30000 Taler) bezahlt wurden.
Die gediegene italische Bodenwirtschaft erzielte in dieser Zeit, wo die
allgemeine Entwicklung der Intelligenz und die Fuelle der Kapitalien
sie befruchtete, bei weitem glaenzendere Resultate als jemals die alte
Bauernwirtschaft hatte geben koennen, und ging sogar schon hinaus ueber
die Grenzen Italiens, indem der italische Oekonom auch in den Provinzen
grosse Strecken viehzuechtend und selbst kornbauend exploitierte. Welche
Dimensionen aber neben dieser auf dem Ruin der kleinen Bauernschaft
unnatuerlich gedeihenden Gutswirtschaft die Geldwirtschaft angenommen,
wie die italische Kaufmannschaft mit den Juden um die Wette in alle
Provinzen und Klientelstaaten des Reiches sich ergossen hatte, alles
Kapital endlich in Rom zusammenfloss, dafuer wird es, nach dem frueher
darueber Gesagten, hier genuegen, auf die einzige Tatsache hinzuweisen,
dass auf dem hauptstaedtischen Geldmarkt der regelmaessige Zinsfuss in
dieser Zeit sechs vom Hundert, das Geld daselbst also um die Haelfte
billiger war als sonst durchschnittlich im Altertume. Infolge dieser
agrarisch wie merkantil auf Kapitalmassen und Spekulation begruendeten
Volkswirtschaft ergab sich das fuerchterlichste Missverhaeltnis in der
Verteilung des Vermoegens. Die oft gebrauchte und oft gemissbrauchte
Rede von einem aus Millionaeren und Bettlern zusammengesetzten
Gemeinwesen trifft vielleicht nirgends so vollstaendig zu wie bei
dem Rom der letzten Zeit der Republik; und nirgends wohl auch ist der
Kernsatz des Sklavenstaats, dass der reiche Mann, der von der Taetigkeit
seiner Sklaven lebt, notwendig respektabel, der arme Mann, der von
seiner Haende Arbeit lebt, notwendig gemein ist, mit so grauenvoller
Sicherheit als der unwidersprechliche Grundgedanke des ganzen
oeffentlichen und privaten Verkehrs anerkannt worden ^21. Einen
wirklichen Mittelstand in unserm Sinne gibt es nicht, wie es denn in
keinem vollkommen entwickelten Sklavenstaat einen solchen geben kann;
was gleichsam als guter Mittelstand erscheint und gewissermassen auch es
ist, sind diejenigen reichen Geschaeftsmaenner und Grundbesitzer, die
so ungebildet oder auch so gebildet sind, um sich innerhalb der
Sphaere ihrer Taetigkeit zu bescheiden und vom oeffentlichen Leben
sich fernzuhalten. Unter den Geschaeftsmaennern, wo die zahlreichen
Freigelassenen und sonstigen emporgekommenen Leute in der Regel von dem
Schwindel erfasst wurden, den vornehmen Mann zu spielen, gab es solcher
Verstaendigen nicht allzuviel: ein Musterbild dieser Gattung ist der in
den Berichten aus dieser Zeit haeufig erwaehnte Titus Pomponius Atticus,
der teils mit der grossen Gutswirtschaft, welche er in Italien und
in Epirus betrieb, teils mit seinen durch ganz Italien, Griechenland,
Makedonien, Kleinasien sich verzweigenden Geldgeschaeften ein ungeheures
Vermoegen gewann, dabei aber durchaus der einfache Geschaeftsmann
blieb, sich nicht verleiten liess, um ein Amt zu werben oder auch nur
Staatsgeldgeschaefte zu machen, und, dem geizigen Knausern ebenso
fern wie dem wuesten und laestigen Luxus dieser Zeit - seine Tafel zum
Beispiel ward mit 100 Sesterzen (7« Talern) taeglich bestritten -,
sich genuegen liess an einer bequemen, die Anmut des Land- und des
Stadtlebens, die Freuden des Verkehrs mit der besten Gesellschaft Roms
und Griechenlands und jeden Genuss der Literatur und der Kunst sich
aneignenden Existenz. Zahlreicher und tuechtiger waren die italischen
Gutsbesitzer alten Schlages. Die gleichzeitige Literatur bewahrt in
der Schilderung des Sextus Roscius, der bei den Proskriptionen 673 (81)
mitermordet ward, das Bild eines solchen Landedelmanns (pater familias
rusticanus); sein Vermoegen, angeschlagen auf 6 Mill. Sesterzen (457000
Taler), ist wesentlich angelegt in seinen dreizehn Landguetern; die
Wirtschaft betreibt er selbst rationell und mit Leidenschaft; nach der
Hauptstadt kommt er selten oder nie, und wenn er dort erscheint, so
sticht er mit seinen ungehobelten Manieren nicht minder von dem feinen
Senator ab wie die zahllosen Scharen seiner rauben Ackerknechte von
dem zierlichen hauptstaedtischen Bedientenschwarm. Mehr als die
kosmopolitisch gebildeten Adelskreise und der ueberall und nirgends
heimische Kaufmannsstand bewahrten diese Gutsbesitzer und die wesentlich
durch dieselben gehaltenen "Ackerstaedte" (municipia rusticana) sowohl
die Zucht und Sitte der Vaeter als auch deren reine und edle Sprache.
Der Gutsbesitzerstand gilt als der Kern der Nation; der Spekulant, der
sein Vermoegen gemacht hat und unter die Notabeln des Landes einzutreten
wuenscht, kauft sich an und sucht wenn nicht selbst Squire zu werden,
doch wenigstens einen Sohn dazu zu erziehen. Den Spuren dieser
Gutsbesitzerschaft begegnen wir, wo in der Politik eine volkstuemliche
Regung sich zeigt und wo die Literatur einen gruenen Spross treibt: aus
ihr sog die patriotische Opposition gegen die neue Monarchie ihre
beste Kraft; ihr gehoeren Varro, Lucretius, Catullus an; und vielleicht
nirgends tritt die relative Frische dieser Gutsbesitzerexistenz
charakteristischer hervor als in der anmutigen arpinatischen Einleitung
zu dem zweiten Buche der Schrift Ciceros von den Gesetzen, einer gruenen
Oase in der fuerchterlichen Oede dieses ebenso leeren wie voluminoesen
Skribenten. -------------------------------------------------------
^21 Charakteristisch ist die folgende Auseinandersetzung in Ciceros
'Pflichtenlehre' (off. 1, 42): "Darueber, welche Geschaefte und
Erwerbszweige als anstaendig gelten koennen und welche als gemein,
herrschen im allgemeinen folgende Vorstellungen. Bescholten sind
zunaechst die Erwerbszweige, wobei man den Hass des Publikums sich
zuzieht, wie der der Zolleinnehmer, der der Geldverleiher. Unanstaendig
und gemein ist auch das Geschaeft der Lohnarbeiter, denen ihre
koerperliche, nicht ihre Geistesarbeit bezahlt wird; denn fuer diesen
selben Lohn verkaufen sie gleichsam sich in die Sklaverei. Gemeine Leute
sind auch die von dem Kaufmann zu sofortigem Verschleiss einkaufenden
Troedler; denn sie kommen nicht fort, wenn sie nicht ueber alle Massen
luegen, und nichts ist minder ehrenhaft als der Schwindel. Auch die
Handwerker treiben saemtlich gemeine Geschaefte; denn man kann
nicht Gentleman sein in der Werkstatt. Am wenigsten ehrbar sind die
Handwerker, die der Schlemmerei an die Hand gehen, zum Beispiel:
'Wurstmacher, Salzfischhaendler, Koch, Gefluegelverkaeufer, Fischer'
mit Terenz (Eun. 2, 2, 26) zu reden; dazu noch etwa die
Parfuemerienhaendler, die Tanzmeister und die ganze Sippschaft der
Spielbuden. Diejenigen Erwerbszweige aber, welche entweder eine hoehere
Bildung voraussetzen oder einen nicht geringen Ertrag abwerfen, wie die
Heilkunst, die Baukunst, der Unterricht in anstaendigen Gegenstaenden,
sind anstaendig fuer diejenigen, deren Stande sie angemessen sind. Der
Handel aber, wenn er Kleinhandel ist, ist gemein; der grosse Kaufmann
freilich, der aus den verschiedensten Laendern eine Menge von Waren
einfuehrt und sie an eine Menge von Leuten ohne Schwindel absetzt,
ist nicht gerade sehr zu schelten; ja wenn er, des Gewinstes satt oder
vielmehr mit dem Gewinste zufrieden, wie oft zuvor vom Meere in den
Hafen, so schliesslich aus dem Hafen selbst zu Grundbesitz gelangt, so
darf man wohl mit gutem Recht ihn loben. Aber unter allen Erwerbszweigen
ist keiner besser, keiner ergiebiger, keiner erfreulicher, keiner dem
freien Manne anstaendiger als der Grundbesitz." Also der anstaendige
Mann muss streng genommen Gutsbesitzer sein; das Kaufmannsgewerbe
passiert ihm nur, insofern es Mittel zu diesem letzten Zweck ist,
die Wissenschaft als Profession nur den Griechen und den nicht den
herrschenden Staenden angehoerigen Roemern, welche damit sich in den
vornehmen Kreisen allenfalls fuer ihre Person eine gewisse
Duldung erkaufen duerfen. Es ist die vollkommen ausgebildete
Plantagenbesitzeraristokratie, mit einer starken Schattierung von
kaufmaennischer Spekulation und einer leisen Nuance von allgemeiner
Bildung. ------------------------------------------------------- Aber
die gebildete Kaufmannschaft und der tuechtige Gutsbesitzerstand wird
weit ueberwuchert von den beiden tonangebenden Klassen der Gesellschaft:
dem Bettelvolk und der eigentlichen vornehmen Welt. Wir haben keine
statistischen Ziffern, um das relative Mass der Armut und des Reichtums
fuer diese Epoche scharf zu bezeichnen; doch darf hier wohl wieder an
die Aeusserung erinnert werden, die etwa fuenfzig Jahre frueher
ein roemischer Staatsmann tat: dass die Zahl der Familien von
festgegruendetem Reichtum innerhalb der roemischen Buergerschaft
nicht auf 2000 sich belaufe. Die Buergerschaft war seitdem eine andere