Piso auf einmal 18 Mill. Sesterzen (1370000 Taler), an Pompeius fuer die

Unterhaltung und Besoldung der spanischen Armee gar jaehrlich 24 Mill.

Sesterzen (1826000 Taler) und aehnliche Summen an Caesar fuer die

gallischen Legionen gezahlt wurden. So betraechtlich aber auch diese

Ansprueche waren, die an die roemische Staatskasse gemacht wurden, so

haette dennoch dieselbe ihnen zu genuegen vermocht, wenn nicht ihre

einst so musterhafte Verwaltung von der allgemeinen Schlaffheit und

Unehrlichkeit dieser Zeit mitergriffen worden waere; oft stockten

die Zahlungen des Aerars bloss deshalb, weil man dessen ausstehende

Forderungen einzumahnen versaeumte. Die vorgesetzten Beamten, zwei von

den Quaestoren, junge, jaehrlich gewechselte Menschen, verhielten im

besten Fall sich passiv; unter dem frueherhin seiner Ehrenhaftigkeit

wegen mit Recht hoch angesehenen Schreiber- und sonstigen Bueropersonal

waren jetzt, namentlich seit diese Posten kaeuflich geworden waren, die

aergsten Missbraeuche im Schwange. Sowie indes die Faeden des roemischen

Staatsfinanzwesens nicht mehr wie bisher im Senat, sondern in Caesars

Kabinett zusammenliefen, kam von selbst neues Leben, strengere Ordnung

und festerer Zusammenhang in alle Raeder und Triebfedern dieser grossen

Maschine. Die beiden von Gaius Gracchus herruehrenden und Krebsschaeden

gleich das roemische Finanzwesen zerfressenden Institutionen: die

Verpachtung der direkten Abgaben und die Getreideverteilungen, wurden

teils abgeschafft, teils umgestaltet. Caesar wollte nicht wie sein

Vorlaeufer die Nobilitaet durch die Bankieraristokratie und den

hauptstaedtischen Poebel in Schach halten, sondern sie beseitigen und

das Gemeinwesen von saemtlichen Parasiten hohen und niederen Ranges

befreien; und darum ging er in diesen beiden wichtigen Fragen nicht mit

Gaius Gracchus, sondern mit dem Oligarchen Sulla. Das Verpachtungssystem

blieb fuer die indirekten Abgaben bestehen, bei denen es uralt war

und, bei der auch von Caesar unverbruechlich festgehaltenen Maxime der

roemischen Finanzverwaltung, die Abgabenerhebung um jeden Preis einfach

und uebersichtlich zu erhalten, schlechterdings nicht entbehrt werden

konnte. Die direkten Abgaben aber wurden fortan durchgaengig entweder,

wie die afrikanischen und sardinischen Korn- und Oellieferungen,

behandelt als unmittelbar an den Staat abzufuehrende Naturalleistungen,

oder, wie die kleinasiatischen Gefaelle, in feste Geldabgaben verwandelt

und die Einziehung der Einzelbetraege den Steuerdistrikten selbst

ueberlassen. Die Kornverteilungen in der Hauptstadt waren bisher als

nutzbares Recht der herrschenden und, weil sie herrschte, von den

Untertanen zu speisenden Gemeinde angesehen worden. Dieser ehrlose

Grundsatz ward von Caesar beseitigt; aber es konnte nicht uebersehen

werden, dass eine Menge gaenzlich unvermoegender Buerger lediglich durch

diese Speisungen vor dem Verhungern geschuetzt worden war. In diesem

Sinne hielt Caesar dieselben fest. Hatte nach der Sempronischen, von

Cato wiedererneuerten Ordnung jeder in Rom angesessene roemische Buerger

rechtlich Anspruch gehabt auf unentgeltliches Brotkorn, so wurde diese

Empfaengerliste, welche zuletzt bis auf 320000 Nummern gestiegen

war, durch Ausscheidung aller wohlhabenden oder anderweit versorgten

Individuen auf 150000 herabgebracht und diese Zahl als Maximalzahl

der Freikornstellen ein fuer allemal fixiert, zugleich eine jaehrliche

Revision der Liste angeordnet, um die durch Austritt oder Tod

leergewordenen Plaetze mit den beduerftigsten unter den Bewerbern

wieder zu besetzen. Indem also das politische Privilegium in eine

Armenversorgung umgewandelt ward, trat ein in sittlicher wie in

geschichtlicher Hinsicht bemerkenswerter Satz zum erstenmal in lebendige

Wirksamkeit. Nur langsam und von Stufe zu Stufe ringt die buergerliche

Gesellschaft sich durch zu der Solidaritaet der Interessen; im frueheren

Altertum schuetzte der Staat die Seinigen wohl vor dem Landesfeind und

dem Moerder, aber er war nicht verpflichtet, durch Verabreichung der

notwendigen Subsistenzmittel den gaenzlich hilflosen Mitbuerger vor dem

schlimmeren Feinde des Mangels zu bewahren. Die attische Zivilisation

ist es gewesen, die in der Solonischen und nachsolonischen Gesetzgebung

zuerst den Grundsatz entwickelt hat, dass es Pflicht der Gemeinde ist,

fuer ihre Invaliden, ja fuer ihre Armen ueberhaupt zu sorgen; und

zuerst Caesar hat, was in der beschraenkten Enge des attischen Lebens

Gemeindesache geblieben war, zu einer organischen Staatsinstitution

entwickelt und eine Einrichtung, die fuer den Staat eine Last und eine

Schmach war, umgeschaffen in die erste jener heute so unzaehlbaren wie

segensreichen Anstalten, in denen das unendliche menschliche

Erbarmen mit dem unendlichen menschlichen Elend ringt. Ausser diesen

prinzipiellen Reformen fand eine durchgaengige Revision des Einnahme-

und Ausgabewesens statt. Die ordentlichen Einnahmen wurden ueberall

reguliert und fixiert. Nicht wenigen Gemeinden, ja ganzen Landschaften

ward, sei es mittelbar durch Verleihung des roemischen oder latinischen

Buergerrechts, sei es unmittelbar durch Privilegium, die Steuerfreiheit

bewilligt; so erhielten sie zum Beispiel alle sizilischen ^18 Gemeinden

auf jenem, die Stadt Ilion auf diesem Wege. Noch groesser war die

Zahl derjenigen, deren Steuerquantum herabgesetzt ward; wie denn den

Gemeinden im Jenseitigen Spanien schon nach Caesars Statthalterschaft

auf dessen Betrieb eine Steuerherabsetzung vom Senat bewilligt worden

war, und jetzt der am meisten gedrueckten Provinz Asia nicht bloss die

Hebung ihrer direkten Steuern erleichtert, sondern auch der dritte Teil

derselben ganz erlassen ward. Die neu hinzukommenden Abgaben, wie die

der in Illyrien unterworfenen und vor allem der gallischen Gemeinden,

welche letztere zusammen 40 Mill. Sesterzen (3 Mill. Taler) jaehrlich

entrichteten, waren durchgaengig niedrig gegriffen. Freilich ward

dagegen auch einzelnen Staedten, wie Klein-Leptis in Afrika, Sulci auf

Sardinien und mehreren spanischen Gemeinden, zur Strafe ihres

Verhaltens waehrend des letzten Krieges die Steuer erhoeht. Die sehr

eintraeglichen, in den letzten Zeiten der Anarchie abgeschafften

italischen Hafenzoelle wurden um so mehr wiederhergestellt, als diese

Abgabe wesentlich die aus dem Osten eingehenden Luxuswaren traf. Zu

diesen neu- oder wiedereroeffneten ordentlichen Einnahmequellen kamen

die Summen hinzu, die ausserordentlicherweise, namentlich infolge des

Buergerkrieges, an den Sieger gelangten: die in Gallien gesammelte

Beute; der hauptstaedtische Kassenbestand; die aus den italischen

und spanischen Tempeln entnommenen Schaetze, die in Formen der

Zwangsanleihe, des Zwangsgeschenkes oder der Busse von den abhaengigen

Gemeinden und Dynasten erhobenen Summen und die in aehnlicher Weise

durch Rechtsspruch oder auch bloss durch Zusendung des Zahlungsbefehls

einzelnen reichen Roemern auferlegten Strafgelder; vor allen Dingen aber

der Erloes aus dem Vermoegen der geschlagenen Gegner. Wie ergiebig diese

Einnahmequellen waren, mag man daraus abnehmen, dass allein die Busse

der afrikanischen Grosshaendler, die in dem Gegensenat gesessen, sich

auf 100 Mill. Sesterzen (7« Mill. Taler) und der von den Kaeufern des

Vermoegens des Pompeius gezahlte Preis auf 70 Mill. Sesterzen (5300000

Taler) belief. Dieses Verfahren war notwendig, weil die Macht der

geschlagenen Nobilitaet zum guten Teil auf ihrem kolossalen Reichtum

ruhte und nur dadurch wirksam gebrochen werden konnte, dass ihr

die Tragung der Kriegskosten auferlegt ward. Die Gehaessigkeit der

Konfiskationen aber ward einigermassen dadurch gemildert, dass Caesar

ihren Ertrag allein dem Staate zugute kommen liess und, statt in Sullas

Weise seinen Guenstlingen jeden Unterschleif nachzusehen, selbst von

seinen treuesten Anhaengern, zum Beispiel von Marcus Antonius,

die Kaufgelder mit Strenge beitrieb.

------------------------------------------------------------------- ^18

Den Wegfall der sizilischen Zehnten bezeugt Varro in einer nach

Ciceros Tode publizierten Schrift (rust. 2 praef.), indem er als die

Kornprovinzen, aus denen Rom seine Subsistenz entnimmt, nur Afrika und

Sardinien, nicht mehr Sizilien nennt. Die Latinitaet, wie sie Sizilien

erhielt, muss also wohl die Immunitaet eingeschlossen haben

(vgl. Roemisches Staatsrecht, Bd. 3, S. 684).

------------------------------------------------------------------- In

den Ausgaben wurde zunaechst durch die ansehnliche Beschraenkung

der Getreidespenden eine Verminderung erzielt. Die beibehaltene

Kornverteilung an die hauptstaedtischen Armen sowie die verwandte, von

Caesar neu eingefuehrte Oellieferung fuer die hauptstaedtischen Baeder

ward wenigstens zum grossen Teil ein- fuer allemal fundiert auf die

Naturalabgaben von Sardinien und namentlich von Afrika und schied

dadurch aus dem Kassenwesen ganz oder groesstenteils aus. Andererseits

stiegen die regelmaessigen Ausgaben fuer das Militaerwesen, teils durch

die Vermehrung des stehenden Heeres, teils durch die Erhoehung der

bisherigen Loehnung des Legionaers, von jaehrlich 480 (36 Taler)

auf jaehrlich 900 Sesterzen (68« Taler). Beides war in der Tat

unerlaesslich. Eine ernstliche Grenzverteidigung mangelte ganz und die

unerlaessliche Voraussetzung derselben war eine ansehnliche Vermehrung

der Armee. Die Verdoppelung des Soldes hat Caesar wohl benutzt, um

seine Soldaten fest an sich zu ketten, aber nicht aus diesem Grunde als

bleibende Neuerung eingefuehrt. Der bisherige Sold von 1 1/3 Sesterz (2

Groschen) den Tag war festgesetzt worden in uralten Zeiten, wo das Geld

einen ganz anderen Wert hatte als in dem damaligen Rom; nur deshalb

hatte er bis in eine Zeit hinein, wo der gemeine Tageloehner in

der Hauptstadt mit seiner Haende Arbeit taeglich durchschnittlich 3

Sesterzen (5 Groschen) verdiente, beibehalten werden koennen, weil in

diesen Zeiten der Soldat nicht des Soldes halber, sondern hauptsaechlich

wegen der groesstenteils unerlaubten Akzidentien des Militaerdienstes in

das Heer eintrat. Zu einer ernstlichen Reform des Militaerwesens und zur

Beseitigung des meist den Provinzialen aufgebuerdeten unregelmaessigen

Soldatenverdienstes war die erste Bedingung eine zeitgemaesse Erhoehung

der regulaeren Loehnung; und die Fixierung derselben auf 2« Sesterzen

(4 Groschen) darf als eine billige, die dem Aerar dadurch aufgebuerdete

grosse Last als eine notwendige und in ihren Folgen segensreiche

betrachtet werden. Von dem Belauf der ausserordentlichen Ausgaben, die

Caesar uebernehmen musste oder freiwillig uebernahm, ist es schwer, sich

eine Vorstellung zu machen. Die Kriege selbst frassen ungeheure Summen;

und vielleicht nicht geringere wurden erfordert, um die Zusicherungen

zu erfuellen, die Caesar waehrend des Buergerkrieges zu machen genoetigt

worden war. Es war ein schlimmes und fuer die Folgezeit leider nicht

verlorenes Beispiel, dass jeder gemeine Soldat fuer seine Teilnahme

am Buergerkrieg 20000 Sesterzen (1500 Taler), jeder Buerger der

hauptstaedtischen Menge fuer seine Nichtbeteiligung an demselben als

Zulage zum Brotkorn 300 Sesterzen (22 Taler) empfing; Caesar indes,

nachdem er einmal in dem Drange der Umstaende sein Wort verpfaendet,

war zu sehr Koenig, um davon abzudingen. Ausserdem genuegte Caesar

unzaehligen Anforderungen ehrenhafter Freigebigkeit und machte

namentlich fuer das Bauwesen, das waehrend der Finanznot der letzten

Zeit der Republik schmaehlich vernachlaessigt worden war, ungeheure

Summen fluessig - man berechnete den Kostenbetrag seiner teils waehrend

der gallischen Feldzuege, teils nachher in der Hauptstadt ausgefuehrten

Bauten auf 160 Mill. Sesterzen (12 Mill. Taler). Das Gesamtresultat der

finanziellen Verwaltung Caesars ist darin ausgesprochen, dass er durch

einsichtige und energische Reformen und durch die rechte Vereinigung von

Sparsamkeit und Liberalitaet allen billigen Anspruechen reichlich und

voellig genuegte und dennoch bereits im Maerz 710 (44) in der Kasse des

Staats 700, in seiner eigenen 100 Mill. Sesterzen (zusammen 61 Mill.

Taler) bar lagen - eine Summe, die den Kassenbestand der Republik in

ihrer bluehendsten Zeit um das Zehnfache ueberstieg. Aber die Aufgabe,

die alten Parteien aufzuloesen und das neue Gemeinwesen mit einer

angemessenen Verfassung, einer schlagfertigen Armee und geordneten

Finanzen auszustatten, so schwierig sie war, war nicht der schwierigste

Teil von Caesars Werk. Sollte in Wahrheit die italische Nation

wiedergeboren werden, so bedurfte es einer Reorganisation, die alle

Teile des grossen Reiches, Rom, Italien und die Provinzen, umwandelte.

Versuchen wir auch hier sowohl die alten Zustaende als auch die Anfaenge

einer neuen und leidlicheren Zeit zu schildern. Aus Rom war der gute

Stamm latinischer Nation laengst voellig verschwunden. Es liegt in

den Verhaeltnissen, dass die Hauptstadt ihr munizipales und selbst

ihr nationales Gepraege schneller verschleift als jedes untergeordnete

Gemeinwesen. Hier scheiden die hoeheren Klassen rasch aus dem

staedtischen Gemeinleben aus, um mehr in dem ganzen Staate als in

einer einzelnen Stadt ihre Heimat zu finden; hier konzentriert

sich unvermeidlich die auslaendische Ansiedlung, die fluktuierende

Bevoelkerung von Vergnuegens- und Geschaeftsreisenden, die Masse

des muessigen, faulen, verbrecherischen, oekonomisch und moralisch

bankrotten und eben darum kosmopolitischen Gesindels. Auf Rom fand

dies alles in hervorragender Weise Anwendung. Der wohlhabende Roemer

betrachtete sein Stadthaus haeufig nur als ein Absteigequartier. Indem

aus der staedtischen Munizipalitaet die Reichsaemter hervorgingen, das

staedtische Vogtding die Versammlung der Reichsbuerger ward, kleinere,

sich selber regierende Bezirks- oder sonstige Gemeinschaften innerhalb

der Hauptstadt nicht geduldet wurden, hoerte jedes eigentliche

Kommunalleben fuer Rom auf. Aus dem ganzen Umfange des weitumfassenden

Reiches stroemte man nach Rom, um zu spekulieren, zu debauchieren, zu

intrigieren, zum Verbrecher sich auszubilden oder auch daselbst vor

dem Auge des Gesetzes sich zu verbergen. Diese Uebel gingen aus dem

hauptstaedtischen Wesen gewissermassen mit Notwendigkeit hervor; andere,

mehr zufaellige und vielleicht noch ernstere gesellten sich dazu. Es hat

vielleicht nie eine Grossstadt gegeben, die so durchaus nahrungslos

war wie Rom; teils die Einfuhr, teils die haeusliche Fabrikation durch

Sklaven machten hier jede freie Industrie von vornherein unmoeglich.

Die nachteiligen Folgen des Grunduebels der Staatenbildung im Altertum

ueberhaupt, des Sklavensystems, traten in der Hauptstadt schaerfer als

irgendwo sonst hervor. Nirgends haeuften solche Sklavenmassen sich an

wie in den hauptstaedtischen Palaesten der grossen Familien oder

der reichen Emporkoemmlinge. Nirgends mischten sich so wie in der

hauptstaedtischen Sklavenschaft die Nationen dreier Weltteile, Syrer,

Phryger und andere Halbhellenen mit Libyern und Mohren, Geten und Iberer

mit den immer zahlreicher einstroemenden Kelten und Deutschen. Die

von der Unfreiheit unzertrennliche Demoralisation und der scheussliche

Widerspruch des formellen und des sittlichen Rechts kamen weit greller

zum Vorschein bei dem halb oder ganz gebildeten, gleichsam vornehmen

Stadtsklaven als bei dem Ackerknecht, der das Feld gleich dem

gefesselten Stier in Ketten bestellte. Schlimmer noch als die

Sklavenmassen waren die der rechtlich oder auch bloss tatsaechlich

freigegebenen Leute, ein Gemisch bettelhaften Gesindels und

schwerreicher Parvenus, nicht mehr Sklaven und doch nicht voellig

Buerger, oekonomisch und selbst rechtlich von ihrem Herrn abhaengig und

doch mit den Anspruechen freier Maenner; und eben die Freigelassenen

zogen sich vor allem nach der Hauptstadt, wo es Verdienst mancherlei

Art gab und der Kleinhandel wie das kleine Handwerk fast ganz in ihren

Haenden waren. Ihr Einfluss auf die Wahlen wird ausdruecklich bezeugt;

und dass sie auch bei den Strassenkrawallen voran waren, zeigt schon das

gewoehnliche Signal, wodurch diese von den Demagogen gleichsam angesagt

wurden, die Schliessung der Buden und Verkaufslokale. Zu allem dem kam,

dass die Regierung nicht bloss nichts tat, um dieser Korrumpierung der

hauptstaedtischen Bevoelkerung entgegenzuwirken, sondern sogar ihrer

egoistischen Politik zuliebe ihr Vorschub leistete. Die verstaendige

Gesetzvorschrift, welche dem wegen Kapitalverbrechens verurteilten

Individuum den Aufenthalt in der Hauptstadt untersagte, ward von

der schlaffen Polizei nicht zur Ausfuehrung gebracht. Die dringend

nahegelegte polizeiliche Ueberwachung der Assoziation des Gesindels

ward anfangs vernachlaessigt, spaeterhin als freiheitswidrige

Volksbeschraenkung sogar fuer strafbar erklaert. Die Volksfeste hatte

man so anwachsen lassen, dass die sieben ordentlichen allein, die

roemischen, die plebejischen, die der Goettermutter, der Ceres,

des Apoll, der Flora und der Victoria, zusammen zweiundsechzig Tage

waehrten, wozu dann noch die Fechterspiele und unzaehlige andere

ausserordentliche Lustbarkeiten kamen. Die bei einem solchen, durchaus

von der Hand in den Mund lebenden Proletariat unumgaengliche Fuersorge

fuer niedrige Getreidepreise ward mit dem gewissenlosesten Leichtsinn

gehandhabt, und die Preisschwankungen des Brotkorns waren fabelhafter

und unberechenbarer Art ^19. Endlich, die Getreideverteilungen luden das

gesamte nahrungslose und arbeitsscheue Buergerproletariat offiziell ein,

seinen Sitz in der Hauptstadt aufzuschlagen. Es war eine arge Saat und

die Ernte entsprach ihr. Das Klub- und Bandenwesen auf dem politischen

Gebiet, auf dem religioesen der Isisdienst und der gleichartige fromme

Schwindel hatten hier ihre Wurzeln. Man war bestaendig im Angesicht

einer Teuerung und nicht selten in voller Hungersnot. Nirgends war man

seines Lebens weniger sicher als in der Hauptstadt: der gewerbsmaessig

betriebene Banditenmord war das einzige derselben eigene Handwerk;

es war die Einleitung zur Ermordung, dass das Schlachtopfer nach

Rom gelockt ward; niemand wagte sich ohne bewaffnetes Gefolge in die

Umgegend der Hauptstadt. Auch die aeussere Beschaffenheit derselben

entsprach dieser inneren Zerruettung und schien eine lebendige Satire

auf das aristokratische Regiment. Fuer die Regulierung des Tiberstromes

ward nichts getan; kaum dass man die einzige Bruecke, mit der man immer

noch sich behalf, wenigstens bis zur Tiberinsel von Stein auffuehren

liess. Fuer die Planierung der Siebenhuegelstadt war ebensowenig etwas

geschehen, ausser wo etwa die Schutthaufen ausgeglichen hatten. Die

Strassen gingen eng und winkelig Huegel auf und ab und waren

elend gehalten, die Trottoirs schmal und schlecht gepflastert.

Die gewoehnlichen Haeuser waren von Ziegeln ebenso liederlich wie

schwindelnd hoch gebaut, meistens von spekulierenden Baumeistern fuer

Rechnung der kleinen Besitzer, wobei jene steinreich, diese zu Bettlern

wurden. Wie einzelne Inseln in diesem Meer von elenden Gebaeuden

erschienen die glaenzenden Palaeste der Reichen, die den kleinen

Haeusern ebenso den Raum verengten wie ihre Besitzer den kleinen Leuten

ihr Buergerrecht im Staat und neben deren Marmorsaeulen und

griechischen Statuen die verfallenden Tempel mit ihren grossenteils noch

holzgeschnitzten Goetterbildern eine traurige Figur machten. Von einer

Strassen-, einer Ufer-, Feuer- und Baupolizei war kaum die Rede; wenn

die Regierung um die alljaehrlich eintretenden Ueberschwemmungen,

Feuersbruenste und Haeusereinstuerze ueberhaupt sich bekuemmerte, so

geschah es, um von den Staatstheologen Bericht und Bedenken ueber den

wahren Sinn solcher Zeichen und Wunder zu begehren. Man versuche sich

ein London zu denken mit der Sklavenbevoelkerung von New Orleans, mit

der Polizei von Konstantinopel, mit der Industrielosigkeit des heutigen

Rom und bewegt von einer Politik nach dem Muster der Pariser von 1848,

und man wird eine ungefaehre Vorstellung von der republikanischen

Herrlichkeit gewinnen, deren Untergang Cicero und seine Genossen

in ihren Schmollbriefen betrauern.

--------------------------------------------------- ^19 In dem

Produktionsland Sizilien ward der roemische Scheffel innerhalb weniger

Jahre zu 2 und zu 20 Sesterzen verkauft; man rechne danach, wie die

Preisschwankungen in Rom sich stellen mussten, das von

ueberseeischem Korn lebte und der Sitz der Spekulanten war.

--------------------------------------------------- Caesar trauerte

nicht, aber er suchte zu helfen, soweit zu helfen war. Rom blieb

natuerlich, was es war, eine Weltstadt. Der Versuch ihm wiederum

einen spezifisch italischen Charakter zu geben, waere nicht bloss

unausfuehrbar gewesen, sondern haette auch in Caesars Plan nicht

gepasst. Aehnlich wie Alexander fuer sein

griechisch-orientalisches Reich eine angemessene Hauptstadt in dem

hellenisch-juedisch-aegyptischen und vor allem kosmopolitischen

Alexandreia fand, so sollte auch die im Mittelpunkt des Orients und

Okzidents gelegene Hauptstadt des neuen roemisch-hellenischen Weltreichs

nicht eine italische Gemeinde sein, sondern die denationalisierte

Kapitale vieler Nationen. Darum duldete es Caesar, dass neben dem Vater

Jovis die neu angesiedelten aegyptischen Goetter verehrt wurden, und

gestattete sogar den Juden die freie Uebung ihres seltsam fremdartigen

Rituals auch in der Hauptstadt des Reiches. Wie widerlich bunt immer die

parasitische, namentlich hellenisch-orientalische Bevoelkerung in Rom

sich mischte, er trat ihrer Ausbreitung nirgends in den Weg; es

ist bezeichnend, dass er bei seinen hauptstaedtischen Volksfesten

Schauspiele nicht bloss in lateinischer und griechischer, sondern auch

in anderen Zungen, vermutlich in phoenikischer, hebraeischer, syrischer,

spanischer auffuehren liess. Aber wenn Caesar den Grundcharakter der

Hauptstadt so, wie er ihn fand, mit vollem Bewusstsein akzeptierte, so

wirkte er doch energisch hin auf die Besserung der daselbst obwaltenden

klaeglichen und schimpflichen Zustaende. Leider waren eben die

Grunduebel am wenigsten austilgbar. Die Sklaverei mit ihrem Gefolge von

Landplagen konnte Caesar nicht abstellen; es muss dahingestellt bleiben,

ob er mit der Zeit versucht haben wuerde, die Sklavenbevoelkerung in

der Hauptstadt wenigstens zu beschraenken, wie er dies auf einem

anderen Gebiete unternahm. Ebensowenig vermochte Caesar eine freie

hauptstaedtische Industrie aus dem Boden zu zaubern; doch halfen die

ungeheuren Bauten der Nahrungslosigkeit daselbst einigermassen ab

und eroeffneten dem Proletariat eine Quelle schmalen, aber ehrlichen

Erwerbes. Dagegen wirkte Caesar energisch darauf hin, die Masse des

freien Proletariats zu vermindern. Der stehende Zufluss von solchen, die

die Getreidespenden nach Rom fuehrten, ward durch Verwandlung derselben

in eine auf eine feste Kopfzahl beschraenkte Armenversorgung wenn

nicht ganz verstopfte ^20, doch sehr wesentlich beschraenkt. Unter

dem vorhandenen Proletariat raeumten einerseits die Gerichte auf, die

angewiesen wurden, mit unnachsichtlicher Strenge gegen das Gesindel

einzuschreiten, andererseits die umfassende ueberseeische Kolonisation;

von den 80000 Kolonisten, die Caesar in den wenigen Jahren seiner

Regierung ueber das Meer fuehrte, wird ein sehr grosser Teil den unteren

Schichten der hauptstaedtischen Bevoelkerung entnommen sein, wie

Römische Geschichte — Buch 5 · 第 54 / 68 段